Boemke, Willehad: Chronische und akute Regelvorgänge im Salz-Wasser-Haushalt - Rolle des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems - - Untersuchungen an wachen Hunden -

19

Kapitel 3. Die Nachtverschiebung der Natriumausscheidung: Ein Indikator für Störungen im Salz-Wasserhaushalt? (P8, P10, P11)

Um Verschiebungen im Ausscheidungsverlauf über die Zeit (Ausscheidungsmuster) analysieren zu können, ist ein reproduzierbarer Ausscheidungsverlauf unter Kontrollbedingungen nötig. Wie soeben beschrieben, ist diese Vorausssetzung bei der von uns verwendeten Methode während oraler Nahrungszufuhr gegeben [Boemke et al. 1995 (P8)]. Die Ausscheidungsraten für das Urinvolumen (UV), Natrium (UNaV) und Kalium (UKV) sind postprandial um die Mittagszeit am größten, fallen während des Nachmittags und Abends stetig ab und befinden sich während der Nacht auf sehr niedrigem Niveau (Abb. 4).

Abb. 4:

Zeitverlauf von Urinvolumen (H2O), Natrium- (Na) und Kaliumausscheidung (K) während eines Kontrolltages. Zufuhr: 91 ml H2O, 14,5 mmol Na, 3, 5 mmol K pro kg Körpergewicht und Tag. Mittelwert ± SEM, n = 12 [aus Boemke et al. 1995 (P8)].


20

Wir bezeichnen diese postprandialen Ausscheidungsverläufe als Impuls-Antwort-Kurven (Impuls: bolusförmige Natrium-, Kalium- und Wasseraufnahme, Antwort: der typische, eben beschriebene Ausscheidungsverlauf) (s.S. 16-17).

Bereits in frühen Untersuchungen stellten wir fest, dass die Infusion natriumretinierender Hormone wie Aldosteron (Reinhardt et al. 1990) und Angiotensin II (Reinhardt et al. 1987) das Ausscheidungsmuster von Natrium und Wasser bei unseren Versuchshunden in charakteristischer Weise verändert: ein größerer Anteil der täglichen Natrium- und Wasserausscheidung verschob sich unter diesen Bedingungen in die Abend- und Nachtstunden. Wir haben dieses Phänomen deshalb als „Nachtverschiebung“ („night shift“) bezeichnet. Die Nachtverschiebung blieb auch dann noch bestehen, als die 24-Stunden-Tagesbilanzen von Natrium und Wasser bereits wieder ausgeglichen waren, d.h. nachdem es zum „Escape“ gekommen war. Verminderung der Ausscheidungsmaxima und eine „Nachtverschiebung“ fanden wir auch bei kontinuierlich reduziertem renalen Perfusions-Druck (rRPP). Hierbei stieg das GK-Natrium und Wasser während des ersten rRPP-Tages transient an (positive Natriumbilanz) und blieb dann auf dem erhöhten Niveau konstant (ausgeglichene Natriumbilanz) [Corea et al. 1996 (P11); Reinhardt et al. 1996 (P10)] (Abb. 5). Wird unter rRPP gleichzeitig kontinuierlich der ACE-Hemmer Captopril infundiert (rRPP+Capto-Protokoll), so finden sich ähnliche Veränderungen, und das, obwohl die 24-h-Natriumbilanzen an allen rRPP+Capto-Tagen ausgeglichen waren [Reinhardt et al. 1996 (P10)] (Abb. 5).

Auch bei einer negativen Natriumtagesbilanz kann es zur Nachtverschiebung kommen, wie wir in einem Protokoll zeigen konnten, in dem wir Captopril über fünf Tage infundierten. Die Veränderungen des Ausscheidungsmusters stellten wir in Differenzkurven (Ausscheidung an Kontrolltagen minus der Ausscheidung während der Captopriltage in korrespondierenden Zeitintervallen) dar [siehe Boemke et al. 1995 (P8)]. Die quantitativen Änderungen beschrieben wir durch die Berechnung des Tag/Nacht-Verhältnisses (Ausscheidung während des Tages dividiert durch die Ausscheidung während der Nacht) [siehe Boemke et al. 1995 (P8)].

Die Nachtverschiebung der Ausscheidung konnte weder auf kurzfristige Änderungen des Blutdrucks (Abb. 6) noch der gemessenen Hormone [Boemke et al. (P8); Corea et al. 1996 (11)] noch auf Natrium-Bestandsänderungen, Änderungen des Natrium-Loads oder Änderungen der GFR zurückgeführt werden.


21

Abb. 5:

Natrium-Ausscheidung während vier Kontroll- (oben), rRPP- (Mitte) und rRPP+Capto- (unten) Tagen. Orale Natriumzufuhr 5,5 mmol Na_ kgKG-1 _ Tag-1; Fütterung zwischen 8:00 und 8:30 Uhr. Mittelwert ± SEM, n = 7 pro Gruppe [nach Reinhardt et al. 1996 (P10)]

Abb. 6:

Mittlerer arterieller Blutdruck (MAP) während vier Kontroll- (oben), rRPP- (Mitte) und rRPP+Capto- (unten) Tagen. Orale Natriumzufuhr 5,5 mmol Na_ kgKG-1 _ Tag-1; Fütterung zwischen 8:00 und 8:30 Uhr. Mittelwert ± SEM, n = 7 pro Gruppe [nach Reinhardt et al. 1996 (P10)].


22

Bezüglich der „Nachtverschiebung“ unter rRPP-Bedingungen konnten wir mit Lithium-Clearance-Studien wahrscheinlich machen, dass sie ein Prozess ist, der auf einer verminderten Natriumresorption im distalen Tubulus beruht [Corea et al. 1996 (P11)].

Wie bei unseren Hunden wurden auch beim Menschen Veränderungen des Ausscheidungsmusters im Sinne einer verstärkten Natrium- und Wasserauscheidung während der Abend- und Nachtstunden beschrieben, z.B. bei primärem Hyperaldosteronismus (Lennon et al. 1961), Morbus Cushing (Doe et al. 1960), arterieller Hypertonie (Dyer et al. 1987), kongestiven Herzkrankheiten (Baldwin et al. 1950) , älteren Menschen (Pathak & Joshi 1991) und nach Schädel-Hirn-Trauma (Payne & Wardener 1958).

Es deutet danach einiges darauf hin, dass sowohl bei Hunden als auch bei Menschen die „Nachtverschiebung“ ein Hinweis für die Anwesenheit von Störfaktoren ist, die in die „normale“ (ungestörte) Regulation des Salzwasserhaushalts und/oder der Nierenfunktion eingreifen. Die „Nachtverschiebung“ scheint dabei letztlich dem Einstellen einer ausgeglichenen 24-h-Natrium- und Wasserbilanz zu dienen.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Thu Oct 31 12:24:38 2002