David , Matthias: „Aspekte der gynäkologischen Betreuung und Versorgung von türkischen Migrantinnen in Deutschland“

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Kapitel 2. Vorbemerkungen

2.1 Zur Geschichte der Zuwanderung aus der Türkei seit 1960

Einwanderung im großen Maßstab begann in Europa in den 50er und 60er Jahren im Zuge der Arbeiterrekrutierungsprogramme. Ziel war die Unterstützung des Wiederaufbaus und der Wirtschaftsentwicklung nach dem II. Weltkrieg mit dringend benötigten Arbeitskräften. Die Anwerbung hielt bis in die Mitte der 70er Jahre an. Eine kontinuierliche Zuwanderung von Migranten blieb aber auch danach - hauptsächlich als Teil von Familienzusammenführungen - bestehen. Die sog. Gastarbeiter kamen zunächst aus Italien, Spanien, Portugal und Griechenland nach Deutschland. Archivunterlagen zeigen übrigens, daß die Initiative zu den Anwerbeabkommen zumeist von den ‚Entsendeländern’ ausging (Motte et al. 1999).

Am 30. Oktober 1961 wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei über die Anwerbung türkischer Arbeitskräfte eine Vereinbarung getroffen. Künftig sollten sich auch türkische Arbeitnehmer zentral über die Deutsche Verbindungsstelle in Istanbul vermitteln lassen oder individuell einen Arbeitsplatz suchen und eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis beantragen können. Für die Türkei war die Entsendung von Arbeitskräften zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Lande wichtig. Außerdem erhoffte man sich positive Auswirkungen auf die Devisenlage des Landes (Tufan 1998).

Am 30.9.1964 trat ein Neufassung der o. g. ersten deutsch-türkischen Vereinbarung in Kraft. Die Aufenthaltsbeschränkung auf zwei Jahre entfiel ersatzlos. Der Familiennachzug wurde nicht mehr de jure, sondern (nur noch) de facto - durch die großen Ermessensspielräume der deutschen Verwaltung im Einzelfall - verhindert bzw. sollte verhindert werden (Motte et al. 1999).

Es wanderten meist junge (zwischen 25 und 39 Jahre) und gesunde Arbeitskräfte aus. Immerhin ein Drittel waren Facharbeiter. Untersuchungen haben gezeigt, daß es sich in den Anfangsjahren meist um die ‚Verlängerung’ einer Binnenmigration handelte, d. h. die Migranten waren erst in der Türkei von einem ländlichen Gebiet in eine Großstadt gezogen, ehe sie dann nach Deutschland auswanderten. Erst ab 1970 wuchs der Anteil von Migranten, die direkt aus anatolischen Gebieten in die Bundesrepublik einwanderten. In Befragungen wurden zumeist ökonomische Gründe als Migrationsmotiv angegeben (Tufan 1998).


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Seit dem Oktober 1961 ist die Zahl der türkischstämmigen Migranten in Deutschland kontinuierlich angestiegen. 1960 waren 2.700 türkische Migranten in Deutschland registriert gewesen, Ende 1961 arbeiteten bereits 7.000 Türken in der Bundesrepublik, 1965 132.800 und 1971 lag die Zahl bereits deutlich über einer halben Million (Tab. 2.1.1) (Sen 1998). In den ersten elf Jahren nach dem Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommen wanderten 654.465 Türkinnen und Türken aus, davon 83% in die Bundesrepublik (Tufan 1998).

Tab. 2.1.1


Jahr

türkische Wohnbevölkerung
in der Bundesrepublik Deutschland

1960

2.700

1965

132.800

1970

469.200

1975

1.077.100

1980

1.462.400

1985

1.400.400

1990

1.694.649

1995

2.014.311

2000*

2.134.400

*Stand zum 31.12.1999

(Angaben nach: Sen u. Goldberg 1994, Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen 1999, Statistisches Bundesamt 2000)

Mit dem durch die Ölkrise bedingten Konjuktureinbruch im Herbst 1973 endete die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Mittelmeerraum. Bis dahin dominierte bei den deutschen Regierungsstellen die Vorstellung eines ausschließlich zeitlich begrenzten Arbeitsaufenthalts für die Migranten und Migrantinnen. Obwohl die Rückwanderungsquote relativ hoch war, wiesen bereits ab Mitte der 70er Jahre deutliche Zeichen auf einen klassischen Einwanderungsprozeß hin, d. h. auf ein längeres Verbleiben und Seßhaftwerden der türkischen Arbeitsmigranten im Aufnahmeland (Motte et al. 1999).

Schließlich hatten Ende 1998 765.000 der in Deutschland lebenden Türken mindestens eine befristete sowie 610.000 eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und nur


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500.000 eine Aufenthaltsberechtigung (23,7%). 1997 wurden 39.111 Türken (z. T. unter Hinnahme einer Mehrstaatigkeit) eingebürgert (Abb. 2.1.1).

Abb. 2.1.1

Die Aufenthaltsdauer der Angehörigen der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland steigt seit Anfang der 80er Jahre permanent an. Ende 1997 lebten ca. 62% der türkischen Migranten 10 Jahre oder länger in der Bundesrepublik, viele wurden hier geboren (Ausländerbeauftragte der Bundesregierung 1999). Die Einwanderer der ersten Generation, die ab Mitte der 70er Jahre Frauen bzw. ihre Familien nach Deutschland geholt haben, wurden zur Elterngeneration.

Man kann die Entwicklung der türkischen Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Deutschland in drei Phasen einteilen (Özcan 1995, Otman 1998):

Tab. 2.1.2

 

Zeitraum

‚politisch korrekter’ Begriff

Phase
Arbeitskräfteanwerbung und Migration

Anfang der 60er Jahre bis zum Anwerbestop im November 1973


Gastarbeiter

Phase
Familienzusammenführung


1974 bis Mitte der 80er Jahre

ausländischer Arbeitnehmer

Phase
endgültige Niederlassung


ab Ende der 80er Jahre


(Arbeits-) Migrant


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Im Laufe des Migrationsprozesses war in verschiedenen Bereichen ein großer Wandel innerhalb der türkischen Minderheit festzustellen.

Die große Mehrheit der ersten türkischen Migrantengeneration in Deutschland stammt ursprünglich aus ländlichen, nicht industrialisierten Gebieten der Türkei, in welchem islamisch-patriarchiale Gesellschaftsnormen und Werte vorherrschen. Sie kamen in den 60er Jahren nach Deutschland, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, ihre wirtschaftliche Situation positiv zu verändern und dadurch einen sozialen Aufstieg zu erreichen. In Deutschland mußten sie sich mit völlig neuen Gesellschaftsstrukturen und -normen auseinandersetzen.

Durch den langjährigen Aufenthalt in der Bundesrepublik konnten sie in der Regel ihre finanzielle Lage im Vergleich zur Situation im Herkunftsland erheblich verbessern. Es ergaben sich jedoch durch die lange Abwesenheit häufig neue Probleme: in ihrer Heimat gelten sie nicht mehr als ‚richtige’ Einheimische, in Deutschland wiederum sind sie - trotz langjähriger Aufenthaltsdauer - Ausländer geblieben. Die Kinder und Enkel der türkischen ‚Gastarbeiter’, die Migranten der sog. zweiten und dritten Generation, sind meist in Deutschland aufgewachsen, wurden aber teilweise nach den strengen, in der Türkei der 60er Jahre üblichen Normen erzogen. Die nach Deutschland ausgewanderten türkischstämmigen Familien halten häufig an den tradierten Vorstellungen fest, sowohl was die familiäre Situation als auch die allgemeine Lebensführung und die Verbundenheit zum Islam betrifft.

In vielen Familien gibt es besondere Vermischungen der Migrationsgenerationen, weil durch Heirat junge türkische Frauen (oder Männer) nachgezogen werden (sog. erweiterte zweite Generation), die in der Türkei aufgewachsen sind. Insbesondere in ländlichen Regionen, aber zum Teil auch in den türkischen Städten, werden auch heute noch Ehen auf Wunsch der Eltern vermittelt. Bei einer aktuellen Umfrage des Piar-Gallup-Instituts in der Türkei gaben 61% der befragten 1.600 über 18jährigen Türkinnen an, daß ihre Ehe vermittelt worden sei, 20%, daß sie mit ihrem Mann verwandt seien (Hürriyet, Europa-Ausgabe, 4.3.2000).

1996 waren von den insgesamt etwa 29.000 Eheschließungen türkischer Staatsangehöriger in der Deutschland schätzungsweise 60% mit einer Migration verbunden. Diese sog. ‚Ehegattennachzüge aus der Türkei zu ausländischen Personen in


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Deutschland’ umfaßten 17.626 Personen. Offenbar fördern die Größe der türkischen Bevölkerung in Deutschland, ihre räumliche Konzentration, ihre sozio-ökonomische Segregation sowie starke Traditionen die Eheschließung mit einem Partner innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe und führen zu dem überwiegend endogamen Heiratsverhalten der türkischen Bevölkerung in Deutschland (Straßburger 1999). Andere Autoren vermuten auch in dem Männerüberschuß in der zweiten Generation die Ursache für die verstärkte Neigung zur innerethnischen Heirat mit einer Partnerin aus der Türkei (Sachverständigenkommisssion 2000).

Im übrigen hatte es auch Mitte der 70er Jahre nach dem Anwerbestop bereits eine Phase des Frauennachzuges aus der Türkei gegeben.

Die meisten Pionierwanderer, die aus der Türkei nach Deutschland migrierten, waren Männer. Sie waren zumeist verheiratet und hatten Kinder, ließen aber ihre Familien in der Türkei zurück, was zu einer vorübergehenden Spaltung der Familie und zu einer Sondersituation für die in der Türkei verbleibende ‚Restfamilie’ führte.

Boos-Nünning (1998) kritisiert allerdings zu Recht, daß die (türkische) Arbeitskräftewanderung ausschließlich als Wanderung von Männern verstanden wird und bemängelt die häufig einseitig männlich-geschlechtsspezifische Sicht der Migrationsforschung. Frauen waren demnach nicht nur als Familienangehörige direkt von den Folgen der Migration betroffen, sondern entschlossen sich auch selbständig zur Wanderung. Zu Beginn der türkischen Migration war der Frauenanteil zwar gering. Während der Hauptphase der Anwerbung in den späten 60er Jahren reisten jedoch auch über ein Drittel aller Arbeitsmigrantinnen aus den Anwerbeländern ohne Ehemann in die Bundesrepublik ein. Zwischen 1960 und 1973 versechzehnfachte sich die Zahl der ausländischen Arbeitnehmerinnen in der Bundesrepublik von rund 43.000 auf 706.000, ihr Anteil an der Gesamtzahl der ausländischen Arbeitnehmer verdoppelte sich in diesem Zeitraum von 15% auf 30% (Mattes 1999). Den zwischen 1961 und 1976 angeworbenen 678.702 türkischen Männern standen 146.681 Frauen (18%) gegenüber (Sen u. Goldberg 1994).

Fast alle angeworbenen Türkinnen reisten allein in die Bundesrepublik ein und wohnten zunächst in betriebseigenen Sammelunterkünften. Diese sog. Pionierwanderinnen, die Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre ohne männliche Begleitung nach Deutschland kamen, hatten oft eine schulische und berufliche Ausbildung und waren bereits in der Türkei erwerbstätig gewesen.


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Diese Gruppe gerät jedoch neben der Mehrzahl der türkischen Migrantinnen meist in Vergessenheit, die nach 1974 im Rahmen des Familiennachzuges in die Bundesrepublik einreisten und das Bild von der türkischen Migrantin in Deutschland geprägt haben. Sie stammten zumeist aus ländlichen Lebenszusammenhängen, waren familienzentriert, hatten oft weder Schulabschluß noch Berufsausbildung und waren häufig Analphabetinnen. In der Bundesrepublik waren sie aufgrund der gesetzlich vorgesehen Wartefrist zunächst Hausfrauen und danach als ungelernte Arbeiterinnen tätig (Birsl et al. 1999).

Auch das ‚Konzept weiblicher Gastarbeit’, das mit der Anwerbung junger, mobiler und zeitlich flexibler Frauen ohne Familienbindungen (den o. g. Pioniermigrantinnen) verfolgt worden war, hatte Ende der 60er Jahre bereits keinen Bestand mehr, denn die Migrantinnen holten ihre Ehemänner bzw. Familien nach oder heirateten, bekamen Kinder, und damit war ihre Mobilität und Flexibilität entscheidend eingeschränkt (Mattes 1999).

In den 80er Jahren waren die Bereiche, in denen Migrantinnen der 1. Generation hauptsächlich beschäftigt waren (z. B. Elektroindustrie), überproportional von der wirtschaftlichen Strukturkrise betroffen, was zu einer großen Zahl von Entlassungen führte.

Ausländische Frauen stellten Mitte der 90er Jahre etwa 35% der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer. Nach einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung ist die Mehrzahl der Frauen mit Kindern der ersten Migrationsgeneration neben Familie und Hausarbeit berufstätig. Etwa 60% sind als un- oder angelernte Arbeiterinnen beschäftigt, türkische Frauen mit Kindern sogar zu 73% (Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen 1997).

Nach Seyfert (1995) kommt es bereits zu einer allmählichen Anpassung der Struktur der türkischen Erwerbstätigen an den Durchschnitt der ausländischen Beschäftigten, insbesondere auf Grund der deutlich besseren Schul- und Berufsausbildung der jungen Frauen der 2. Migratinnengeneration. In dem relativ kurzen untersuchten Zeitraum 1989-1993 ging die Dominanz der Arbeiterberufe zugunsten von mittleren und höheren Angestelltenpositionen etwas zurück. Im Vergleich zu deutschen Frauen, von denen mehr als die Hälfte mittlere und höhere Angestelltenberufe ausüben, ist dieser Anteil bei ausländischen Frauen jedoch immer noch sehr niedrig.


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2.2 Migration - theoretische Aspekte

Um die nachfolgend im Ergebnis- und Diskussionsteil der Arbeit dargestellten Überlegungen einordnen zu können, sind klare Definitionen von Begriffen wie Migration, Migrationsphasen, -ursachen usw. nötig. Die begriffliche Festlegung erfolgt auf der Basis verschiedener migrationstheoretischer und soziologischer Veröffentlichungen.

2.2.1 Definition Migration

Der Begriff der Migration stammt von dem lateinischen Wort migrare bzw. migratio (wandern, wegziehen, Wanderung) ab. Er hat sich in den letzten Jahren, beeinflußt durch das weltweit verwendete englische Wort ‚migration’, zumindest in der sozialwissenschaftlich geprägten Fach-, z. T. aber auch in der (‚politisch korrekten’) deutschen Alltagssprache eingebürgert.

Migration umfaßt eine räumliche Bewegung zur Veränderung des Lebensmittelpunktes im Sinne eines dauerhaften Wohnortwechsels von Individuen oder Gruppen über eine bedeutsame Entfernung. Wanderung über die Grenzen eines Nationalstaates hinweg ist dabei kennzeichnend für die internationale Migration in Abgrenzung zur Binnenmigration (Migrationsarten). Migration beinhaltet nicht nur Zu-, sondern auch Abwanderung (Lederer et al. 1999, Hahn 2000).

2.2.2 Dimensionen der Migration

Hahn (2000) unterscheidet vier Dimensionen, die einen Einfluß auf den Migrationsprozeß haben:


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2.2.3 Migrationsphasen

Hahn (2000) differenziert zum einen grob in zwei Migrationsphasen, nämlich die ‚äußere physische Migration’ und die danach beginnende wesentlich zeitintensivere und schwierigere ‚innere psychosoziale Migration’.

Andererseits kann man die Migration auch in eine Vorbereitungsphase und in die Phase der eigentlichen Zuwanderung unterteilen. Die Phasen des individuellen Entscheidungsprozesses in Vorbereitung einer Migration sind von Hahn (2000) in idealtypischer Weise so zusammengefaßt worden:

  1. Phase: subjektive Wahrnehmung belastender gesellschaftlicher Umstände durch die potentiellen Migranten.
  2. Phase: Prozeßhafte Motivbildung zur Migration, in der nach und nach die gedankliche Auseinandersetzung, die Migration für sich als realistische und sinnvolle Problemlösung zur Verbesserung der unbefriedigenden Lebenssituation zu betrachten, erfolgt.
  3. Phase: Einholen und Auswerten von Informationen, die die potentiellen Migranten für die Auswahlentscheidung ihres Zielortes benötigen.
  4. Phase: Innere und mentale Bereitschaft, alle Risiken, die mit der Migration verbunden sind, auf sich zu nehmen und den Schritt in die Fremde zu wagen.

2.2.4 Migrationsformen

Insbesondere im Zusammenhang mit der Arbeitsmigration kann man die Formen Pioniermigration, Familienzusammenführung (Nachzug von Ehegatten und minderjährigen Kindern der Pioniermigranten) und Kettenmigration unterscheiden. Eine neuere Form ist die Heiratsmigration.

Leyer (1991) beschreibt drei spezifische weibliche Formen der Migration, nämlich die nachfolgende Migration, die begleitende Migration und die autonome Migration, wobei die beiden ersten Formen bei den türkischen Migrantinnen überwiegen. D. h., die Frauen müssen selten die eigene Entscheidungen zur Migration vor sich selbst und anderen rechtfertigen, während die Männer mit fortschreitendem Alter ihre Entscheidung, in die Fremde zu gehen, und die damit verbundenen Ziele mit dem tatsächlichen Migrationserfolg vergleichen und eine Bilanz ihres Lebens ziehen müssen (Leyer 1991).

Haug und Pichler (1999) gehen auf den Einfluß von sozialen Netzwerken besonders von Verwandtschaftsbeziehungen auf den Migrationsprozeß ein. Die wichtigsten Effekte solcher sozialen Netzwerke lassen sich mit drei Hypothesen umschreiben:


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  1. die Ermutigungshypothese (bezieht sich auf soziale Netzwerke am Herkunftsort, in dem einzelne Familienmitglieder zunächst zur Arbeitsaufnahme ins Ausland geschickt werden, um die Daheimgebliebenen finanziell zu unterstützen)
  2. die Informationshypothese (Entscheidungen zur Migration werden durch gute Erfahrungen von Familienmitgliedern im Ausland gefördert)
  3. die Erleichterungshypothese (Auswahl des Zielortes nach bestehenden Familien- und Freundschaftsbindungen, da Verwandte und Bekannte die Migration und die Aufenthaltssituation auf vielfältige Weise erleichtern können) (Haug u. Pichler 1999)

Soziale Netzwerke am Zielort der Migration können sowohl die Kosten als auch die Risiken reduzieren sowie in ökonomischer und auch sozialer Hinsicht den Migrationsgewinn erhöhen. Migrationsnetzwerke können zur Entstehung der o. g. Migrationsketten führen, die dadurch charakterisiert sind, daß die Migranten untereinander vor der Migration enge persönliche Beziehungen hatten und diese das entscheidende Element für die Migration darstellen. Meist geht ein Kettenmigrationsprozeß von einem Pionierwanderer aus, der dann Ehepartner, Kinder, andere Verwandte usw. nachkommen läßt (Haug u. Pichler 1999).

Eine weitere Migrationsform ist die Heiratsmigration. Insbesondere in sehr vielen jungen türkischen Familien gehört ein Partner (zumeist der Mann) der zweiten Migrationsgeneration an und ist in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen. Durch die Heirat mit einer Frau aus dem Herkunftsland Türkei entsteht eine neue erste Generation von Migrantinnen.

2.2.5 Ursachen der Migration

Auf einige mögliche Ursachen wurde bereits im Abschnitt ‚Migrationsphasen’ eingegangen. Von den meisten Autoren favorisiert werden politisch-ökonomische Gründe für eine Auswanderungsentscheidung. Ökonomische Migrationstheorien gehen meist davon aus, daß das Hauptmotiv zur Migration in dem Wunsch besteht, die eigenen wirtschaftlichen Lebensbedingungen, die im Herkunftsland (subjektiv und/oder objektiv) schlecht sind, zu verbessern.

Migration, so Cropley und Lüthke (1994), ist aber offenbar immer selektiv, denn auch in den schlimmsten Zeiten bleiben die meisten Menschen in ihrer Heimat und wandern nicht aus.

Neben wirtschaftlichen Gründen muß es also noch andere Faktoren geben, die zu einer Auswanderungsentscheidung führen.


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Cropley und Lüthke (1994) erklären die Selektivität der Migration vor allem unter Berücksichtigung der Psyche der Einzelpersonen. Sie zitieren verschiedene Versuche, eine Migrantentypologie im Sinne eines ‚mobilitätsorientierten Menschen’ herauszuarbeiten.

Stellt man ein externes Kausalmodell für die Wanderung (Wanderungsursachen liegen außerhalb der Person) und ein internes Migrationsursachenmodell (Wanderungsmotive liegen (auch) innerhalb der Person) gegenüber, dann ist beim externen Modell die Migration Mittel zum Zweck, während sie beim internen Kausalmodell auch Selbstzweck sein kann.

Die Autoren stellen ein Modell der ‚auswanderungswilligen Persönlichkeit’ in Anlehnung an Balint (1972) vor und definieren den seßhaften und den auswanderungswilligen Typ, wobei beides Extreme einer Skala darstellen. Eine Querschnittsuntersuchung an 700 Deutschen zur Überprüfung dieser Hypothese erbrachte, daß die Entscheidung zur Auswanderung (hier z. B. nach Australien) eher vom Typ als von ökonomischen, demographischen oder ähnlichen Faktoren abhängt.

Auch psychosanalytisch orientierte Interpretationen des Migrationsvorganges gibt es. Sie interpretieren die Wanderung als Störung des Verhältnisses zwischen Individuum und natürlicher Umgebung, wobei der Weggang als symbolische Auflösung der Spannungen und Konflikte des eigenen Ich gedeutet, d. h. also Migration als ‚Flucht’ gesehen wird (Frigessi Castelnuovo u. Risso 1986).

2.2.6 Migrationsgeneration

In Anlehnung an das Generationen-Sequenzmodell nach Duncan (zit. in Hahn 2000) bzw. die Drei-Generationen-These nach Price (zit. in Frogner 1994) können drei Migrantengenerationen charakterisiert werden:


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Vermischungen der ersten und zweiten Generation entstehen durch die im Abschnitt 2.2.4 bereits erwähnt Heiratsmigration. Die sog. nachgezogenen Ehefrauen stellen eine neue 1. Generation dar. Die Verheiratung dieser meist um die 20 Jahre alten türkischen Frauen erfolgt häufig durch Vermittlung der Eltern. Bei der Einreise haben sie praktisch keine Kultur- und Sprachkenntnisse und sind völlig auf ihren Ehemann (2. Generation) oder die Schwiegereltern (‚alte’ 1. Generation) angewiesen. Aus dieser Abhängigkeit können sich verschiedene Probleme ergeben.

2.2.7 Akkomodation, Akkulturation, Assimilation,

Als Akkomodation wird das Erlernen von für das tägliche Leben in der Aufnahmegesellschaft grundlegenden Fertigkeiten, wozu insbesondere das Erlernen der Sprache, aber auch das Zurechtfinden in öffentlichen Verkehrsmitteln, am Arbeitsplatz, in den verschiedenen Institutionen und auch der Umgang mit Behörden usw. gehört, verstanden (Sachverständigenkommission 2000). Dieser Prozeß steht am Anfang der migrationsbedingten individuellen Veränderungen des Zuwanderers. Möglicherweise folgt im weiteren die Akkulturation.

Hahn (2000) gibt dafür folgende Begriffsbestimmung: Akkulturation ist ein Prozeß der Angleichung, der im kognitiven Bereich als Lernprozeß stattfindet, in dessen Verlauf Personen oder Gruppen von Personen kulturelle Orientierungsmuster, Eigenschaften und Verhaltensweisen in den institutionalisierten Teilbereichen der Aufnahmegesellschaften übernehmen.

Akkulturation ist demnach ein Prozeß, als dessen Ergebnis Integration, Segregation, Marginalisierung oder auch Assimilation im Sinne der o. g. Definition entstehen können.


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Baader (1984) definiert Assimilation als das Aufgehen der Angehörigen von Gastvölkern in der jeweiligen Bevölkerung unter bewußter Aufgabe ihrer (kulturellen, religiösen oder ethnischen) Eigenart bis hin zur Ununterscheidbarkeit von der übrigen Bevölkerung. Akkulturation ist demnach (auch) Assimilation im kulturellen Bereich.

2.2.8 Integration und Segregation

Nach Hansen (1995) sind Integration und Segregation keine Alternativen, sondern zwei Seiten einer Medaille, wobei oft ein bestimmtes Ausmaß von Segregation das Maximum an zugelassener Integration bestimmt.

Unter Segregation versteht man eine Ab- und Ausgrenzung bzw. Abschottung bestimmter Individuen oder gesellschaftlicher Gruppen. Segregation der Migrantenfamilien ist dann gegeben, wenn die jeweilige Herkunftskultur aufrechterhalten oder als Minderheitensubkultur betont und weiterentwickelt wird, ohne daß es zu einer Interaktion mit Mitgliedern der Aufnahmegesellschaft oder zu einem Austausch zwischen Minderheits- und Mehrheitskultur käme (Sachverständigenkommission 2000).

Integration wird definiert als Eingliederung von einzelnen in eine Gruppe, durch Anpassung an Wertvorstellungen und Verhaltensnormen, Zusammenführen verschiedener Gesellschaften zu einer größeren Einheit (Hansen 1995). Integration wird - fälschlicherweise - in der öffentlichen Diskussion inhaltlich häufig mit der Assimilation gleichgesetzt (Sachverständigenkommission 2000).

2.2.9 Kultur und Kulturschock

Kultur ist nach Pfeiffer (1994) ein Komplex überlieferter Erfahrungen, Vorstellungen und Werte sowie von gesellschaftlichen Ordnungen und Verhaltensregeln, mit dem die Menschen ihre Welt interpretieren und wonach sie ihr Handeln ausrichten.

Kultur ist auch die Art, wie die sozialen Beziehungen in einer Gruppe strukturiert und geformt sind und wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden (Clarke 1979 zit. in Hansen 1995).

Kultur fußt zwar auf den naturgegebenen Eigenschaften des Menschen und auf den natürlichen Bedingungen der ihn umgebenden Welt, gleichzeitig wächst er aber in sie hinein, erwirbt und erlebt sie (Pfeiffer 1994).

Medizin ist wie Sprache, Religion oder Sozialstruktur eine kulturelle Leistung, ein System symbolischer Bedeutungen und Vorstellungen, Praktiken und Techniken,


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eingebettet in eine Matrix aus Werten, Traditionen, Vorstellungen und Formen ökologischer Anpassung (Landy 1977, Kleinman 1980).

Der Begriff Kulturschock wurde 1958 vom amerikanischen Anthropologen Oberg eingeführt. Er ist durch folgende Merkmale, die eine hochgradige psychische Belastung des Migranten charakterisieren, gekennzeichnet: Angestrengtes Bemühen, die neuen Eindrücke zu verarbeiten; Angst vor der fremden Kultur; das Gefühl, isoliert und verlassen dem Unbekannten hilflos ausgeliefert zu sein; Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität und der eigenen Rollenvorstellungen; die Meinung, von den Einheimischen nicht akzeptiert zu werden (Maletzke 1996).

Der Kulturschock ist kein Dauerphänomen, sondern eine erste Phase der Auseinandersetzung der kulturellen Beeinflussung des Migranten durch die Aufnahmegesellschaft (‚horizontale Komponente’ der Anpassung). Es folgt eine zweite längere Periode des (inter)kulturellen Wandels, die auch als Akkulturation bezeichnet wird und ebenfalls psychisch belastend sein kann. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang die goal striving stress-Hypothese, die die als Ergebnis der Diskrepanz zwischen Erwartetem und Erreichtem entstehende Spannung und Enttäuschung charakterisiert und quasi die ‚vertikale’ Komponenete der Belastung benennt (Frigessi Castelnuovo u. Risso 1986).

2.2.10 Ethnie

„Mit Ethnie wird eine Wir-Gruppe bezeichnet, die tatsächliche oder fiktive Gemeinsamkeiten behauptet. Innerhalb der Wir-Gruppe wird Homogenität unterstellt und Konformität erwartet. Ethnische Gruppen sind familienübergreifende und familienerfassende Gruppen, die sich selbst eine kollektive Identität zusprechen. Dabei sind die Zuschreibungskriterien, die die Außengrenzen setzen, wandelbar.“ (Hansen 1995)

2.2.11 Ethnozentrismus

Im Zusammenhang mit den oben gemachten Aussagen zur Kultur nimmt Pfeiffer (1994) auch zum ‚Ethnozentrismus’ Stellung. Er schreibt: „... Da also der Einzelne von klein auf sich in der Atmosphäre seiner Kultur befindet, ... , ist sie für ihn das Selbstverständliche und Angemessene, wogegen ihm andere Erlebens- und Handlungsweisen zumindest fragwürdig, wenn nicht gar verwerflich oder krankhaft erscheinen ...“


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2.3 Migrationsforschung: Defizite und Probleme

2.3.1 Forschungsdefizite

Im Zusammenhang mit dem Thema ‚Migration und Gesundheit’ werden in Deutschland immer wieder Forschungsdefizite beklagt. So konstatiert Jordan (2000), daß es zwar viele Indikatoren dafür gibt, daß keine Chancengleichheit für Migranten beim Zugang zur gesundheitlichen Versorgung besteht, daß aber doch gravierende Wissenslücken über die Zusammenhänge zwischen Migration und Gesundheit sowie sozialer Schichtzugehörigkeit und Gesundheit existieren.

So lassen beispielsweise die im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes vom statistischen Bundesamt erhobenen Daten in der Regel keine Aussagen über spezifische Gesundheitsprobleme von Migranten oder ein spezifisches Inanspruchnahmeverhalten gegenüber Leistungen der gesundheitlichen Versorgung zu. Ziel müßte eine bessere Kenntnis der Datenlage und eine höhere Qualität der Daten sein, die kontinuierlich erhoben werden sollten (Jordan 2000).

Prüfer-Krämer und Krämer (2000) führen folgende Defizite in der gesundheitswissenschaftlichen und medizinischen Forschung hinsichtlich der gesundheitlichen Lage von Ausländern in Deutschland an: fehlende systematische populationsbezogene Untersuchungen zum Gesundheitszustand; Mangel an Studien, die biomedizinische mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen verbinden; fehlende Daten zu den Auswirkungen der Adaptation an den westlichen Lebensstil auf die Gesundheit von Migranten.

Collatz und Fischer (1998) sehen diese Probleme einer ‚transkulturellen Epidemiologie’ ebenfalls. So gäbe es zwar viele Forschungsarbeiten, die aber häufig kleine, klinisch oder ambulant selektionierte Stichproben untersuchen, so daß die Ergebnisse widersprüchlich und wenig repräsentativ sind. Nach ihrer Meinung sind aussagefähige Längsschnittstudien notwendig.

Auch die Qualitätssicherung von speziellen Versorgungsangeboten für Migranten muß vor allem auf wissenschaftlich gesicherten, empirischen, sozialepidemiologischen und evaluatorischen Ergebnissen beruhen, um Morbidität, Mortalität und Auswirkungen der Versorgungsangebote analysieren, erklären und verbessern zu können. Hieran mangelt es, so Collatz (1999), fast gänzlich.


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2.3.2 Methodische Probleme

Bei der Durchführung und Auswertung von Studien zur Versorgung von Migranten im deutschen Gesundheitswesen ergeben sich, wie bereits angedeutet wurde, verschiedene inhaltliche und methodische Probleme.

Die mit der Herkunft verknüpfte Ausgangssituation der Migranten ist durch die unterschiedliche Einreisemotivation, den Aufenthaltsstatus, die Dauer des Aufenthaltes, mitgebrachte Erfahrungen aus dem Herkunftsland u. a. sehr unterschiedlich. Weig (1998) differenziert in 1. sog. gruppenspezifische Unterschiede, 2. Differenzen innerhalb einer Migrantengruppe (Untergliederung nach soziodemographischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Herkunft - Stadt oder Land - , Bildungsgrad usw.) und 3. Auswirkungen von biographischen Variablen, die den Lebensweg und die Lebenserfahrungen widerspiegeln.

Bei vielen dieser Variablen setzen bereits unterschiedlichste Theorien (z. B. Life-Event-Forschung, Gender-Ansätze, Entwicklungspsychologie der Lebensspannen usw.) an, die durchaus verschiedene Zusammenhänge von Migration und Gesundheit aufzeigen können. Zu den drei o. g. kommt jedoch noch eine vierte Gliederungsstufe hinzu, nämlich individuelle Aspekte, wobei hier besonders Einstellungen und Verhaltensweisen einer Person im Vordergrund stehen. Das bedeutet, daß Krankheitsgeschichte, Sozialisationserfahrungen, Einstellungen und Bewältigungsformen eines Migranten erfaßt und interpretiert werden müßten (Weig 1998).

Maschewsky-Schneider und Fuchs (2000) haben auf ein weiteres mögliches Problem aufmerksam gemacht. Aus der Gender-Forschung sind geschlechtsspezifische Verzerrungseffekte bekannt (Eichler 1991). Diese Verzerrungseffekte könnten beispielhaft auf die migrationsspezifische Forschung übertragen:

  1. Ethnozentristische Perspektive (eine bestimmte Gruppe steht im Vordergrund, an der die andere Gruppe gemessen wird)
  2. Übergeneralisierung (Studienergebnisse, die für eine soziale oder ethnische Gruppe gewonnen wurden oder angebracht sind, werden ohne Hinterfragung auf andere soziale und ethnische Gruppen übertragen)
  3. Migrationsspezifische Insensitivität (mangelndes Bewußtsein in Forschung und Versorgung, daß die verschiedenen Ethnien oder sozialen Gruppen differenzierend betrachtet werden müssen)
  4. Doppelstandard in der Forschung (Forschung, Messung, Evaluierung oder gesundheitliche Versorgung verschiedener sozialer Gruppen oder Ethnien mit unterschiedlichen Methoden, Konzepten etc.)


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Der mögliche Einfluß dieser Effekte sollte bei der Planung, Durchführung und Auswertung von Studien beachtet werden.

Auf weitere Fehlereinflüsse in empirischen Untersuchungen weist Kohlmann (1998) hin. Dies können prinzipiell Fehler durch Nichtbeobachtung, Unter- oder Übererfassung, Antwortausfälle, falsche Stichprobenauswahl, Fehler bei der Beobachtung, bei den Erhebungsinstrumenten und der Studiendurchführung sein. Als Mindestanforderung an Untersuchungsdesigns und -methoden, ausgehend von einer Systematisierung möglicher Fehlereinflüsse in empirischen Studien, formuliert er: “Es sollte angegeben werden, wie und aus welchem Kollektiv die Untersuchungsstichprobe gezogen wird. Die Art der Stichprobenziehung muß gewährleisten, daß keine groben Fehler durch Unter- oder Übererfassung oder durch systematische Selektionsfehler auftreten. Aufgrund der Definition des Ausgangskollektivs muß es möglich sein, Stichprobenausfälle in ihrer Struktur zu beschreiben und mögliche Konsequenzen einzuschätzen. Die Bestimmung der erforderlichen Fallzahl muß auf der Basis methodischer Überlegungen erfolgen und darf nicht nur Gesichtspunkte der Praktikabilität berücksichtigen. Es sollen die durch Untersucher und Untersuchte bedingten Fehler nach Möglichkeit vermieden werden. Defekte der sozialen Erwünschtheit, Erinnerungseffekte und ähnliche Mechanismen können durch geeignete Maßnahmen (z. B. Standardisierung von Erhebungsverfahren, Ausfall des Studiendesigns, Verblindung, Schulung von Untersuchern) minimiert werden. Es sollen Erhebungsverfahren mit hinreichender Validität, Reliabilität und Änderungssensitivität eingesetzt werden. Sie sollen eine befriedigende Praktikabilität aufweisen und für Anwender und Untersuchte akzeptabel sein. Eine endgültige Entscheidung für ein bestimmtes Instrument sollte von den Ergebnissen einer Pilotstudie abhängig gemacht werden.“ (Kohlmann 1998)

Im Abschnitt ‚Methodik’ wird auf die Beachtung dieser Anforderungen im Zusammenhang mit unserer Studie eingegangen.

Auch kritische Überlegungen zur Art der Untersuchung sind notwendig. Wir haben uns vor allem aus praktischen Gründen für eine Fragebogenerhebung entschieden. Die Vorteile einer schriftlichen Befragung sind: Sie ist anonym durchführbar, weitgehend terminunabhängig, unmittelbar authentische Dokumente liefernd unter Ausschaltung des potentiellen Einflusses von Mittelspersonen (Interviewer) und ver


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gleichsweise billig. Für die Durchführung einer schriftlichen Befragung im Krankenhaus (sog. perstationäre Befragung) spricht vor allem, daß die Verteilung von Fragebögen an die Patienten leicht zu organisieren ist. Die Zahl der Nichtantworter kann verringert werden. Es bestehen kaum Erinnerungsschwierigkeiten zu den abgefragten Themen und Abläufen. Die Bewertung durch die befragten Patientinnen erfolgt in einer ähnlichen Situation, d. h., der Zeitpunkt der Ausfüllung ist einheitlich wie auch der Ort und sein Umfeld (Satzinger 1998).

Als Nachteile einer Fragebogenuntersuchung gibt Satzinger (1998) an: einen eventuellen Motivationsmangel der Befragten, Zwang zum eher oberflächlichen Abfragen weitgehend vorgegebener Antworten, mögliche Mißverständnisse bzw. Unverständnis der Fragen, Einschluß von Menschen, die entweder überhaupt nicht lesen und schreiben können oder aufgrund gesundheitlicher Beeinträchtigungen im Augenblick dazu nicht in der Lage sind oder die Sprache des Fragebogens nicht gut genug beherrschen. Gerade diese Gruppe mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit (z. B. wenig oder nicht deutschsprechende Migranten) sollte unbedingt erreicht werden.

Auf spezielle methodische Probleme in der Migrationsforschung weisen Collatz und Fischer (1998). Sie stellen fest, daß in transkulturellen vergleichenden Studien selbst der Vergleich scheinbar klarer und objektiver Variablen wie der Allgemein- oder Berufsbildung, von Diagnosen oder sogar des Alters ein erhebliches Validitätsproblem darstellen kann. Zum anderen sei zu beachten, daß der kulturelle Bezugsrahmen u. U. nicht gesichert ist, sondern daß vielfältige mischkulturelle Einflüsse im Verlauf des Migrationsprozesses vorliegen. Collatz und Fischer (1998) konstatieren zwar, daß qualitative und quantitative Forschungsansätze z. T. verschiedene Ergebnisse erbracht haben, empfehlen aber trotzdem generell, daß in Projekten beide Verfahren angewendet werden, um Grenzen beider Prinzipien auszugleichen.

Im Kapitel 4 ‚Untersuchungskollektiv und Methodik’ wird dargestellt, wie die eben aufgeführten verschiedenen methodischen Schwierigkeiten bei der Analyse der Versorgungssituation türkischer Migrantinnen von uns in der Studienplanung und -durchführung beachtet und gelöst wurden.


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Thu Aug 15 12:31:53 2002