David , Matthias: „Aspekte der gynäkologischen Betreuung und Versorgung von türkischen Migrantinnen in Deutschland“

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Kapitel 4. Untersuchungskollektiv und Methodik

4.1 Untersuchungsort

Die nachfolgend dargestellten und diskutierten Daten wurden im Rahmen der Public Health-Studie zur ‚Analyse der Versorgungssituation gynäkologisch erkrankter türkischer und deutscher Patientinnen im Krankenhaus’ erhoben. Diese Untersuchung wurde vom Bundesmininsterium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) gefördert (Förderkennzeichen 01 EG 9523/2). Projektlaufzeit war von Mai 1996 bis Juni 1999, ein Abschlußbericht (Autoren: Dipl. Pol. Theda Borde, Dr. med. Matthias David, Prof. Dr. med. Heribert Kentenich) wurde bis zum Januar 2000 erstellt und dem Ministerium übergeben.

Das Virchow-Klinikum blieb als ehemals städtisches Rudolf-Virchow-Krankenhaus sowohl in der Zeit, als es Teil des Universitätsklinikums der Freien Universität war, als auch nachdem es 1995 ein Standort des Universitätsklinikums Charité, Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, wurde, eine wichtige Versorgungseinrichtung auch für die Bevölkerung der umliegenden Stadtbezirke Wedding, Reinickendorf und Tiergarten, wie z. B. die Wohnortverteilung der Patientinnen, die die gynäkologische Notfallambulanz des Klinikums aufgesucht haben, zeigt (Abb. 4.1).


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Es handelt sich somit um eine medizinische Einrichtung, die eine Kombination von Kliniken mit Spezial- bzw. Maximalversorgung mit einem ‚Stadtteilkrankenhaus’ darstellt. Entsprechend zusammengesetzt ist auch die Patientenklientel.

Die Studie wurde auf den beiden gynäkologischen Stationen der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Charité, Campus Virchow-Klinikum, in Berlin-Wedding durchgeführt. Die zwei gynäkologischen Stationen verfügen über insgesamt 72 Betten. Die Aufnahme eines Großteils der Patientinnen erfolgt auf Grund einer Einweisung durch niedergelassene Ärzte, die anderen Frauen werden über die Erste Hilfe der gynäkologischen Poliklinik bzw. die Notfallambulanz stationär aufgenommen. Das Behandlungsspektrum reicht über die Therapie verschiedener gutartiger und bösartiger Erkrankungen der weiblichen Genitalorgane und der Brust incl. Chemotherapie bis zur Behandlung von Schwangerschaftsstörungen wie Hyperemesis gravidarum oder Abortbestrebungen.

4.2 Migrantinnenanteil

Für die Stadt Berlin (3.387.901 Einwohner) ergab sich für das Jahr 1997, in dem die Erhebungsphase der Studie begonnen wurde, ein Ausländeranteil von 13% (440.247 Einwohner), 17,4% im Westteil und 5,6% im Ostteil der Stadt. Die Zuwanderer sind nicht nur auf das ehemalige Ost- und Westberlin unterschiedlich verteilt, sondern auch innerhalb des Westteils von Berlin (Tab. 4.1).

Tab. 4.1: Anteil der ausländischen und der türkischstämmigen Bevölkerung in vier ausgewählten Beziken zum 31.12.1997

 

Ausländeranteil

(in %)

Ausländeranteil

absolut

darunter türkischstämmige Zuwanderer

Anteil türkischer Migranten an der ausländischen Bevölkerung (in %)

Kreuzberg

34,4

51.584

28.358

55,0

Wedding

29,9

47.630

24.405

51,2

Tiergarten

27,3

24.750

8.484

34,3

Schöneberg

22,5

33.156

11.350

34,2

Die türkische Bevölkerungsgruppe machte zum 31.12.1997 im Bezirk Wedding, in dem sich das Virchow-Klinikum befindet, mehr als die Hälfte der nichtdeutschen Staatsangehörigen aus.


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Innerhalb der aufgeführten Migrantenpopulationen in den vier Bezirken beträgt der Frauenanteil jeweils zwischen 46 und 47%. Eine Aufschlüsselung der Altersverteilung deutscher und türkischer Frauen in Berlin zeigt, daß der Anteil der jüngeren Frauen im Alter zwischen 15 und 30 Jahren 23% bei den deutschen Berlinerinnen ausmacht, wogegen er bei den türkischen Berlinerinnen bei 42,1% liegt. Der Anteil älterer Frauen ist in der deutschen Bevölkerung entsprechend größer (Tab. 4.2).

Tab. 4.2: Deutsche und türkische Frauen nach Altersgruppen (15-75 J.) absolut und in Prozent der jeweiligen Altersgruppenpopulation (Stand 31.12.1997) in Berlin

Altersgruppe

Deutsche

%

Türkinnen

%

15-30

256.739

23

19.153

42,1

30-50

470.131

42,3

16.831

36,8

50-70

386.992

34,7

9.748*

21,1

 

 

 

 

 

Gesamt

1.113.862

100

45.732

100

*für die Altersgruppe 65-70 J. nur Schätzwert möglich

Im Jahre 1997 hatten insgesamt 34,1% der in Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Virchow-Klinikums behandelten Patientinnen eine ausländische Staatsangehörigkeit, wobei der Anteil in den einzelnen Abteilungen der Frauenklinik unterschiedlich war: in der Notfallambulanz 55%, auf der gynäkologisch-operativen Station mit geburtshilflichem Bettenanteil 27%, in der gynäkologisch-onkologischen Station der Klinik ca. 11% (Abb 4.2).

In der Klinik für Geburtsmedizin lag der Anteil ausländischer Patientinnen mit etwa 45% noch deutlich höher.

Es handelt sich bei den von der Krankenhausverwaltung bei der Klinikaufnahme statistisch als solche erfaßten ‚Ausländerinnen’ häufig auch um Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen oder vor mehr als 10 oder 20 Jahren eingewandert sind, aber die deutsche Staatsbürgerschaft noch nicht erworben haben.


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Abb. 4.2

Die im Klinikum geführte Patientinnenstatistik weist einen relativ hohen Anteil an Patientinnen mit unbekannter nicht-deutscher Staatsangehörigkeit auf. Nach Information des Aufnahmebüros (Patientengebundene Verwaltung) ist dies auf eine lückenhafte Ausfüllung der Aufnahmebögen durch die Patientinnen zurückzuführen.

Die größte Migrantengruppe in Berlin ist in Folge der Anwerbung, des Familiennachzug oder in geringem Maße auch als politisch Verfolgte aus der Türkei zugewandert. In der Klinik stellen sie die größte fremdsprachige Gruppe dar (Abb 4.3). Es ist davon auszugehen, daß die Patientinnen mit der Angabe ‚unbekannte Staatsangehörigkeit’ ebenfalls zumeist Migrantinnen sind, darunter wahrscheinlich ein großer Anteil türkischer Staatsbürgerinnen.


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Abb. 4.3

Weitere große Migrantinnengruppen stammen aus arabischen Ländern, aus dem ehemaligen Jugoslawien, Polen und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion (GUS-Staaten). Insgesamt sind Patientinnen aus 90 verschiedenen Nationen regisitriert.

4.3 Untersuchungskollektiv

Die Public Health-Studie zur Analyse der Versorgungssituation gynäkologisch erkrankter einheimischer und zugewanderter Patientinnen im Krankenhaus konzentrierte sich auf die türkischsprachige Migrantinnengruppe. Diese ist in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt aber auch in Berlin und damit korrespondierend ebenso in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Campus Virchow-Klinikum, zahlenmäßig unter den Zuwanderinnengruppen am stärksten vertreten. Bedingt durch den seit 30 Jahren ablaufenden Niederlassungsprozeß türkischstämmiger Migranten in Deutschland lassen sich innerhalb dieser Gruppe darüber hinaus Differenzierungen im Hinblick auf unterschiedliche Aufenthaltsdauer, Migrationsstatus, Kenntnisse der deutschen Sprache u. a. vornehmen, die Angaben zu Einflußfaktoren und Entwicklungen ermöglichen. Auch Kurdinnen aus der Türkei wurden in die Untersuchungsgruppe aufgenommen.

Als Vergleichsgruppe dienten die im gleichen Zeitraum stationär behandelten deutschen Patientinnen.

Einschlußkriterien für die Untersuchung waren: Stationäre Aufnahme auf einer der


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beiden gynäkologischen Stationen, Alter 15-75 Jahre, deutsche oder türkische Ethnizität, gynäkologische Erkrankungen bzw. Schwangerschaftsstörungen im I. Trimenon, Vorliegen der schriftlichen Einverständniserklärung.

4.4 Studiendesign

Die Querschnittsuntersuchung wurde als vergleichende Befragung türkischer und deutscher Patientinnen der gynäkologischen Stationen hauptsächlich mit quantitativen Erhebungsmethoden durchgeführt. Außerdem wurden in einer Analyse der Patientinnenakten die von den Ärzten dokumentierten objektiven Daten mit den subjektiven Angaben der Patientinnen über ihre Diagnose und die bei ihnen durchgeführten Behandlungsmaßnahmen verglichen. Die Tab. 4.3 zeigt das Studiendesign der Untersuchung und stellt die verschiedenen methodischen Zugänge im Überblick dar.

Tab. 4.3: Zusammenfassende Darstellung der Methodik der Datenerhebung

 

Patientinnenbefragung

Aktenanalyse

Methode:

quantitativ mit Fragebögen

quantitativ

Stichprobe:

Patientinnen der gynäkologischen Stationen

Einschlußkriterien:

Alter 15-75

stationäre Aufnahme

deutsche oder türkische Herkunft

Ausschlußkriterien:

zur Geburt

Schwangerschaftsstörungen jenseits des I.Trimenons

keine Bereitschaft zur Teilnahme

angestrebte Stichprobengröße:

600 Patientinnen

(jeweils 300 türkisch und 300 deutsche)

Patientinnenakten aller in die Studie einbezogenen Patientinnen

Studienort:

gynäkologische Stationen der

Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Charité,

Campus Virchow-Klinikum

gleiche Stationen

 

Befragungs-zeitpunkte:

T1: präoperativ (Aufnahmetag)

T2: postoperativ (Tag vor Entlassung bzw. Entlassungsstag selbst)

im Anschluß an die Patientinnenbefragung

Zeitraum:

3 / 97 - 11 / 98

5 / 1998 - 2 / 1999

Instrumente:

zweiteiliger Fragebogen,

deutsche und türkischsprachiger Version

Vergleich der Aktendaten mit Ergebnissen der Patientinnenbefragung


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Parallel zum quantitativen Studienteil erfolgte eine qualitative Datenerhebung und

-auswertung (leitfadenorientierte Interviews mit je 50 türkischen und deutschen Patientinnen; Interviews mit Ärzten, Pflegekräften und anderem Klinikpersonal). Dieser Teil der Studie soll hier nicht näher erläutert werden. Lediglich der für das methodische Vorgehen wichtige qualitative Pretest zur Validierung der Fragebögen wird in einem Kapitel behandelt.

Die Publikation der qualitativen Ergebnisse erfolgt durch Frau Dipl. Pol. Theda Borde im Rahmen ihrer Dissertation.

4.5 Fragebögen

Zur Entwicklung des für die prä-/post-Befragung konzipierten zweiteiligen Patientinnenfragebogen-Sets wurde auf die folgenden standardisierten und validierten Untersuchungsinstrumente zurückgegriffen, mit denen Daten zum soziodemographischen Hintergrund der Patientinnen, ihrem sozialen Umfeld und Integrationsgrad in die hiesige Gesellschaft, zur subjektiven Lebenszufriedenheit, psychischen Befindlichkeit, subjektiven Ursachentheorien zur aktuellen Erkrankung, Wissen über Vorsorge,

Anatomie und Funktionen der weiblichen Genitalorgane sowie zu Aspekten der Zufriedenheit der Patientinnen in der Klinik systematisch erfragt werden sollten:

Mit Hilfe der folgenden Fragebögen, die im Rahmen des Projekts auf der Grundlage der qualitativen Pilotstudie entwickelt wurden, konnten für das Forschungsprojekt relevante Daten zur Betreuung beim niedergelassenen Gynäkologen, zum Übergang von der ambulanten in die stationäre gynäkologischer Versorgung, zur Patientinnen-


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aufklärung und zur sprachlichen Verständigung zwischen Patientinnen und Klinikpersonal erhoben werden:

Die Fragebögen Soziodat, SCL-90-R und ‚Migration / Akkulturation’ lagen in einer kontrollierten Übersetzung von Frau Dr. Emine Yüksel aus Berlin und Frau Prof. Dr. Koptagel-Ilal aus Istanbul in türkischer Sprache vor. Alle anderen verwendeten Fragebögen wurden im Rahmen des Projekts vom Deutschen ins Türkische übersetzt. Die Bedeutungsäquivalenz der übersetzten Fragebögen wurde durch die Rückübersetzung der türkischen Fragebogenversion in die deutsche Sprache gewährleistet. (An der Übersetzung, Überarbeitung und Rückübersetzung der Fragebögen waren Frau Ümit Yüzen-Grabksi, Herr Yusuf Agace, Frau Dr. Lale Güngör und Frau Theda Borde beteiligt.)

Die türkischsprachige Fragebogenversion ist mit der deutschen inhaltlich und strukturell identisch. Allerdings wurde in der Fassung für deutsche Patientinnen in Teil 1 (Beantwortung am Aufnahmetag) auf die Fragebogenteile ‚Migration / Akkulturation’ sowie in Teil 2 (Beantwortung am Tag vor der Entlassung) auf den Fragebogenteil ‚Zur sprachlichen Verständigung in der Klinik’ verzichtet. Patientinnen des türkischen Kollektivs, die die deutschsprachige Fragebogenversion bevorzugten, erhielten die kompletten, um diese beiden Bögen ergänzten Fragebogen-Sets.

4.6 Pretest der Fragebögen

Anfang des Jahres 1997 wurden die Fragebögen in einer Testphase erprobt, wobei deren Akzeptanz bei den Patientinnen deutscher und türkischer Herkunft und die prinzipielle Durchführbarkeit der Studie geprüft werden sollten.

Schon in der Pretest-Phase mit jeweils 20 Patientinnen jedes Kollektivs wurde deutlich, daß die Fragebögen gut angenommen werden. Selbst die Länge des Fragebogenpakets (insgesamt 30 Seiten) erwies sich als praktikabel, denn durch ihren stationären Aufenthalt waren die Patientinnen nicht nur stark an den Fragestellungen der Studie interessiert, sondern verfügten auch über die nötige Zeit zur Bearbeitung des Fragebogens.


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Auch vom Schwierigkeitsgrad der Fragen her war der Fragebogen sowohl den deutschen als auch türkischen Patientinnen angemessen. Allerdings zeigte sich schon in dieser Pilotphase der Studie, daß lese- und schreibunkundige Patientinnen im türkischen Kollektiv Schwierigkeiten bei der Bearbeitung hatten, die nur durch Vorlesen bzw. Abfragen des gesamten Fragebogens durch eine zweite Person überwunden werden konnten.

Auf der Grundlage der Erfahrungen im Pretest wurden lediglich zwei Veränderungen zur Optimierung des Erhebungsinstruments vorgenommen:

Dies führte auch zur einer Verbesserung der Orientierungs- und Vergleichsmöglichkeit für zweisprachige Patientinnen, die sich nicht gleich für eine der beiden Sprachversionen entscheiden konnten.

4.7 Qualitative Pilotstudie

Mit Hilfe der qualitativen Pilotstudie sollten zunächst Kenntnisse über spezifische Problembereiche und Themen im Zusammenhang mit der Versorgungssituation bei den Migrantinnen sowie über eventuelle Besonderheiten bei der Erhebung der Daten erlangt werden. Ein weiteres Ziel war es, auf der Basis der Pilotstudie möglicherweise notwendige Modifikationen einiger der vorgesehenen Untersuchungsinstrumente im Hinblick auf migrantinnenspezifische Aspekte vorzunehmen.

Die Pilotstudie basierte auf fokussierten Interviews mit 10 türkischen und 10 deutschen Patientinnen der gynäkologischen Stationen, die nach dem Prinzip der größtmöglichen Varianz hinsichtlich der Erkrankungsart, des Lebensalters, des Bildungsstandes, des Sozial- und Migrationsstatus und der deutschen Sprachkenntnisse aus


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gewählt wurden. Für die qualitative Vorstudie wurde ein Interviewleitfaden mit offenen Fragen entwickelt, der folgende Themenschwerpunkte enthielt:

Die offenen Fragen ermöglichten den Patientinnen freie Äußerungen, die nicht durch vorgegebene Antwortkategorien eingeschränkt wurden. Dies war deshalb besonders wichtig, weil es darum ging, ggf. neue Kategorien, die die Perspektiven türkischer Migrantinnen repräsentieren, in Erfahrung zu bringen und für die quantitative Untersuchung zu verwenden.

Die Interviewphase der Pilotstudie erstreckte sich über den Zeitraum 1. Juli bis 30. September 1996. Die Kontaktaufnahme mit den Patientinnen sowie die Erhebung soziodemographischer, biographischer und migrationsbezogener Angaben erfolgte jeweils am Aufnahmetag auf den gynäkologischen Stationen der Klinik durch die wissenschaftliche Projektmitarbeiterin Frau Dipl. Pol. Borde, die auch die Interviews führte.

Die 60- bis 90minütigen Gespräche wurden in der Regel am Tag vor der Entlassung aus der Klinik im Krankenzimmer oder im Besucherraum ‚unter vier Augen’ - je nach Sprachkompetenz der Patientinnen in deutscher oder in türkischer Sprache - geführt und mit einem Tonband protokolliert. Alle 20 Interviews wurden transkribiert und anschließend inhaltsanalytisch nach der von Mayring (1983) beschriebenen Methode ausgewertet. Aus den Interviews ergaben sich die nachfolgend dargestellten Erkenntnisse für die quantitative Datenerhebung


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4.7.1 Modifizierung des Studiendesigns

Das ursprüngliche Studiensdesign, das nur den Aufnahmetag für die Befragung der Patientinnen vorsah, wurde dahingehend modifiziert, daß jede Patientin zu zwei Erhebungszeitpunkten (T1: Aufnahmetag und T2: Tag vor der Klinikentlassung) befragt wurde. Dies war notwendig, da die Patientinnenerwartungen und -wünsche sinnvollerweise vor der medizinischen Maßnahme und die Patientinnenzufriedenheit erst kurz vor der Entlassung der Patientinnen aus der Klinik erfragt werden konnten. Auch das Patientinnenwissen über die Diagnose und die Therapie wurden im Sinne eines prä/post-Vergleichs erfaßt.

4.7.2 Modifizierung der Fragebögen

Mit Ausnahme der standardisierten und validierten Erhebungsinstrumente ‚SCL-90-R’ und ‚Laientheoriefragebogen’ wurden alle anderen Untersuchungsinstrumente auf der Grundlage der Erkenntnisse der Pilotstudie einerseits um migrantinnenrelevante Aspekte erweitert und andererseits im Hinblick auf studienrelevante Sachverhalte gekürzt. Die Kürzungen wurden vorgenommen, um den Umfang des Fragebogens in einem für die Patientinnen bearbeitbaren Rahmen zu halten. Im einzelnen wurden folgenden Modifikationen vorgenommen:

4.7.3 Entwicklung neuer Fragebögen

Da für die Erfassung relevanter Daten zur Versorgung durch niedergelassene Gynäkologen, zum Übergang zwischen ambulanter und stationärer gynäkologischer Versorgung und zu Besonderheiten bei der sprachlichen Verständigung für Migrantinnen in der Klinik keine geeigneten Fragebögen vorlagen, wurden diese auf der Grundlage der Pilotstudie entwickelt. Das Patientinnenwissen über die Diagnose der aktuellen Gesundheitsstörung und die geplante bzw. durchgeführte medizinische Therapie wurde zu beiden Erhebungszeitpunkten (prä/post) anhand der von den Patientinnen frei formulierten Texte erfaßt.

4.8 Statistische Datenauswertung

Im Verlauf der Datenerhebung wurden alle ausgefüllten Fragebögen in Datenmasken des Statistikprogramms SPSS eingegeben und ausgewertet.

Auf der Grundlage soziodemographischer und migrationsbezogener Daten wurden 14 Unterkollektive bezüglich Ethnizität, Altersgruppen, Bildungsgrad, Ort der Schulbildung, Erwerbsstatus, Verbundenheit mit Religion, deutsche Sprachkenntnisse, Lese- und Schreibfähigkeit, Erkrankungsgruppe, Lebenszufriedenheit, Wissen über Körperfunktionen, Akkulturationsgrad und dem Migrationsstatus gebildet.

Bei der Auswertung des modifizierten Fragebogens zur ‚Migration / Akkulturation’ wurden 11 Variablen zur Bestimmung des Akkulturationsgrades bzw. des Grades der Integration und der Partizipationsmöglichkeiten in der ‚Mehrheitsgesellschaft’ herangezogen, die dann zu einer maximalen Punktzahl von 33 und einer minimalen Punktzahl von 11 führen konnten. Der Median von 20 Punkten wurde als Grenzwert für ‚mehr’ (> 20 Punkte) oder ‚weniger akkulturiert’ (< 20 Punkte) angenommen (vgl. hierzu Kapitel 5.5.1 Heterogenität der ‚Türkin in der Migration’).

Die frei formulierten Textstellen zum Verständnis bzw. zum Wissen über Diagnose und Therapie wurden in einem Doppelblind-Verfahren im Rahmen eines ‚ratings’


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gruppiert. Die Aussagen der Patientinnen wurden auf ihre Übereinstimmung mit den in der Patientenakte von den Ärzten dokumentierten objektiven Daten verglichen.

Die Faktorenanalyse des SCL-90-R folgte dem von Derogatis (1977) entwickelten Auswertungsschema, die Skalenauswertung des Laientheorie-Fragebogens LTFB wurde anhand des von Bischoff u. Zenz (1990) erarbeiteten Programms berechnet.

Unterschiede in den Merkmalsausprägungen wurden anhand des Variabilitätskoeffizienten nach Pearson (Chi²-Test) für lineare Assoziationen mit Hilfe des statistischen Programms auf Signifikanz geprüft. Bei Variablen mit Rangcharakter wurde der Mantel-Haenzel-Test verwendet, um den Zusammenhang linear-mit-linear zu überprüfen. Auf die verwendeten Testverfahren wird nochmals in jedem Kapitel separat eingegangen. Bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von p< 0,05 werden die Testergebnisse als statistisch signifikant unterschiedlich betrachtet.

4.9 Einverständniserklärung und Datenschutz, Ethikvotum

Bei der Aufklärung über den Zweck und die Ziele der Public Health-Studie wurde verdeutlicht, daß die bei der Untersuchung erhobenen persönlichen Daten unter Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen des Datenschutzes mittels EDV verarbeitet und nicht an Dritte weitergegeben werden. Alle in die Studie einbezogenen Patientinnen wurden auch darüber informiert, daß sie nicht zu einer Beteiligung an der Studie verpflichtet sind und daß weder eine Beteiligung noch eine Nichtbeteiligung einen Einfluß auf ihre Behandlung in der Klinik haben würde.

Von allen an der Studie beteiligten Patientinnen liegt eine schriftliche Einverständniserklärung sowie eine Erklärung zum Datenschutz vor.

Die Fragebögen und alle erhobenen Daten wurden anonymisiert.

Der Studienplan wurde vor Beginn der Untersuchung der Ethikkommission der Charité/Campus Virchow-Klinikum vorgelegt und von dieser genehmigt.

4.10 Definition des türkischen Patientinnenkollektivs

Das Kollektiv der türkischstämmigen Patientinnen ist in gewisser Weise heterogen zusammengesetzt. ‚Türkisch’ mußte näher definiert werden, denn die Staatsangehörigkeit als alleiniges Charakteristikum erwies sich aufgrund von Einbürgerungen als unbrauchbar, ebenso hätte das Kriterium ‚Herkunftsland Türkei’ bzw. Geburtsort Türkei in Deutschland geborene türkische Staatsangehörige ausgeschlossen.


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Da die Rekrutierung der Patientinnen zunächst über die Aufnahmekarte (in der Name, Geburtsdatum und Einweisungsdiagnosen vermerkt waren) erfolgte, wurde ein türkischer Vor- und Familienname Anlaß für die Kontaktaufnahme. Auf der Grundlage dieses persönlichen Kontaktes erfolgte die Zuordnung zum o. g. Kollektiv erst dann, wenn die Türkei als Herkunftsland oder als Herkunftsland der Eltern genannt wurde. Aus der Türkei stammende Kurdinnen u. a. ethnische Minderheiten wurden ebenfalls dem türkischen Patientinnenkollektiv zugeordnet.

4.11 Analphabetismus, Sprachkompetenz und -präferenz

Wie bereits dargelegt, wurden die Erhebungsinstrumente und der Befragungsmodus an spezifische Voraussetzungen der Patientinnen der türkischen Zielgruppe angepaßt, um Auswahlverzerrungen zu vermeiden und nach Möglichkeit alle stationären Patientinnen der beiden zu vergleichenden Kollektive, die die Einschlußkriterien erfüllten, in die Untersuchung einzubeziehen.

Schon während des Pretests zeichneten sich aufgrund der relativ hohen Rate an Semi- oder Analphabetinnen im türkischen Patientinnenkollektiv lese- und schreibtechnische Schwierigkeiten bei der schriftlichen Fragebogenbeantwortung ab. Um wirklich alle Patientinnen der türkischen Zielgruppe in ihrer Heterogenität in der Studie repräsentativ erfassen zu können, reichte also die alleinige Übersetzung der Fragebögen in die türkische Sprache nicht aus. Ein gewisser Teil der Fragebögen konnte nur mit einem entsprechenden zusätzlichen Erhebungsaufwand - durch das Vorlesen der Fragebögen mit Hilfe der Interviewerin oder anderer Dritter - ausgefüllt werden.

4.12 Erhebungszeitraum und Stichprobengröße

Es wurde ein Ein-Jahres-Zeitraum in Anschluß an die Pretest-Phase für die Gesamterfassung aller aufgenommenen Patientinnen festgelegt. Die angestrebte Stichprobengröße betrug aus statistischen und aus Gründen der Repräsentativität n=300 Patientinnen je Gruppe. Während diese Zahl für die deutsche Vergleichsgruppe nach einem Jahr (4 / 97 - 4 / 98) erreicht war (n = 320), mußte der Erhebungszeitraum für das türkischsprachige Kollektiv um ein halbes Jahr (bis 11 / 98) verlängert werden. Bedingt durch ihren geringeren prozentualen Anteil an den Patientinnen im Bereich der operativen Gynäkologie und die Konzentration auf die türkische Migrantinnengruppe in unserer Untersuchung konnte dann 1 ½ Jahre nach Beginn der Datenerhebung mit 262 befragten türkischen Patientinnen die angestrebte Gruppengröße von 300 Patientinnen nahezu erreicht werden.


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Thu Aug 15 12:31:53 2002