David , Matthias: „Aspekte der gynäkologischen Betreuung und Versorgung von türkischen Migrantinnen in Deutschland“

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Kapitel 6. Zusammenfassung

6.1 Vorbemerkungen

Deutschland ist de facto ein Einwanderungsland. Zum 31.12.1999 betrug der Ausländeranteil in der Bevölkerung 9%, d. h., im Bundesgebiet lebten knapp 7,36 Millionen Ausländer, die meisten in den Großstädten und industriellen Ballungsräumen. 27,9% aller Ausländer in Deutschland haben die türkische Staatsbürgerschaft (Statistisches Bundesamt 2000). In Berlin wohnen derzeit ca. 15% Migranten hauptsächlich in den westlichen Bezirken, darunter 128.705 Nichtdeutsche türkischer Herkunft (Statistisches Landesamt Berlin 2000).

Diese ‚multikulturelle Realität’ spiegelt sich auch in der Gesundheitsversorgung wider. Je nach Standort und Einzugsgebiet eines Krankenhauses oder einer Praxis ergibt sich ein unterschiedlich großer Migrantenanteil unter den Patientinnen und Patienten und macht eine Auseinandersetzung mit den Besonderheiten bei der Beratung und medizinischen Behandlung von Migranten notwendig.

Bei der medizinischen Versorgung von Migranten treten nicht selten Probleme bei der sprachlichen Verständigung (Erhebung der Anamnese, Mitteilung von Diagnose und Behandlungsmaßnahmen sowie Aufklärung vor Operationen) auf. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich aus einer anderen, kulturell-bedingten Einstellung zum Körper, zur Krankheit und zur Pflege (Umgang mit Schmerzen, Krankheitsdarstellung, Lokalisierung von Schmerzen, Darstellung von Beschwerden) und der Zugehörigkeit der meisten Migranten zur sozialen Unterschicht.

Defizite der Versorgungssituation von Migranten in Deutschland werden in der gesundheitswissenschaftlichen und medizinischen Forschung immer wieder konstatiert. Mit den vorliegenden Untersuchungsergebnissen sollen aktuelle, im klinischen Kontext erhobene Daten vorgelegt und damit ein Beitrag zum Schließen dieser Lücke geleistet werden.

6.2 Studiendesign

Die nachfolgend dargestellten und diskutierten Resultate wurden im Rahmen des Public Health-Projekts zur ‚Analyse der Versorgungssituation gynäkologisch erkrankter türkischer und deutscher Patientinnen im Krankenhaus’ gewonnen, welches auf den beiden gynäkologischen Stationen der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Charité, Campus Virchow-Klinikum durchge


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führt wurde. Die Untersuchung wurde vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) gefördert (Förderkennzeichen 01 EG 9523/2). Projektlaufzeit war von Mai 1996 bis Juni 1999.

Deutsche und türkischstämmige Patientinnen der gynäkologischen Stationen wurden am Aufnahmetag und kurz vor ihrer Klinikentlassung mit einem zweiteiligen Patientinnenfragebogen-Set befragt, wobei zum großen Teil auf bereits standardisierte und validierte Untersuchungsinstrumente zurückgegriffen werden konnte, mit denen u. a. Daten zum soziodemographischen Hintergrund der Patientinnen, ihrem sozialen Umfeld und Integrationsgrad in die hiesige Gesellschaft, zur subjektiven Lebenszufriedenheit, psychischen Befindlichkeit, subjektiven Ursachentheorien bezüglich ihrer aktuellen Erkrankung, ihrem Wissen über Vorsorge, Anatomie und Funktionen der weiblichen Genitalorgane sowie zu Aspekten der Zufriedenheit der Patientinnen in der Klinik und zur ambulanten gynäkologischen Versorgung systematisch erfragt wurden.

In einem prä-/post-Vergleich wurden Erwartungen an die Klinik und die Zufriedenheit mit der tatsächliche Versorgung im Krankenhaus verglichen.

Bei der Patientinnenbefragung wurde insgesamt ein Rücklauf von ca. 95% der ausgegebenen Fragebögen und damit eine Stichprobengröße von insgesamt 582 Patientinnen erreicht, es nahmen 320 deutsche und 262 türkischstämmige Patientinnen an der Untersuchung teil.

6.3 Ergebnisse

Der Vergleich der sozio-demographischen Daten zeigt deutliche Unterschiede zwischen den beiden Studienkollektiven. Als Altersmedian ergab sich für die türkische Gruppe 30 Jahre, für die deutschen Patientinnen 41 Jahre. Diese Altersstruktur der befragten Patientinnen spiegelt die tatsächliche Bevölkerungsstruktur mit einem höheren Anteil jüngerer und einem geringeren Anteil älterer Frauen unter den Migrantinnen im Vergleich zur einheimischen deutschen Bevölkerung recht gut wider.

Der Bildungsgrad, gemessen an der Art des Schulabschlusses, ist in der befragten Stichprobe der Migrantinnen insgesamt niedriger als bei den befragten deutschen Frauen. (Es wurden sowohl deutsche als auch türkische Bildungsabschlüsse berücksichtigt.) 10% der befragten türkischen Patientinnen waren in ihrem Herkunftsland Türkei nie zur Schule gegangen.


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Auch beim Erwerbsstatus zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den befragten einheimischen und den zugewanderten Patientinnen: 71% der Migrantinnen gegenüber 45% der Frauen in der deutschen Vergleichsgruppe waren nicht erwerbstätig, wobei im türkischen Kollektiv der Anteil der Hausfrauen relativ hoch war.

Die Wohnsituation unterscheidet sich ebenfalls: Die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen liegt bei den türkischen Patientinnen bei 3,4, bei den befragten deutschen Frauen bei 2,7 Personen (Mittelwert).

89% der befragten türkischen Patientinnen waren verheiratet, im deutschen Vergleichskollektiv waren es nur knapp 50%.

Die türkischen Patientinnen bewerteten ihre Wohnsituation, ihre Einkommenslage und ihre berufliche Situation ebenso wie ihre gesamte allgemeine Lebenssituation deutlich schlechter als die Frauen der deutschen Vergleichsgruppe. Zufriedener als die deutschen Patientinnen waren sie mit ihrer Gesundheit und vor allem mit ihrer familiären Situation.

Die Mehrheit der befragten Migrantinnen türkischer Herkunft läßt sich im Hinblick auf ihren Akkulturationsgrad im mittleren Spektrum einordnen. Die türkischen Frauen in der Migration bleiben also weder ‚türkisch’, noch passen sie sich der umgebenden deutschen Mehrheitsgesellschaft völlig an. Bei den türkischstämmigen Migrantinnen besteht ein Zusammenhang zwischen ihrem Migrationsstatus und dem Akkulturationsgrad: 74% der türkischen Patientinnen der zweiten Migrationsgeneration, 32% der Frauen der ersten Migrationsgeneration und ca. 11% der neu nachgezogenen Ehefrauen waren der Kategorie ‚eher akkulturiert’ zuzuordnen.

Etwa ein Drittel der befragten Türkinnen bewertete die eigenen deutschen Sprachkenntnisse mit gut und sehr gut, ein Drittel sprach nur wenig oder gar kein deutsch. Gute Sprachkenntnisse wiesen vor allem folgende Untergruppen im Untersuchungskollektiv auf: Alter < 30 Jahre, zweite Migrationsgeneration, Schulbildung in Deutschland, höherer Schulabschluß, mittlere und höhere Erwerbsgruppe, wobei diese verschiedenen Einflußfaktoren sich z. T. gegenseitig bedingen. Während der größte Teil der türkischen Patientinnen die türkischsprachige Version wählte, nutzten 39% der Migrantinnen den deutschsprachigen Fragebogen. Der Anteil der befragten türkischen Frauen, die die Fragen vermutlich auf Grund einer nur geringfügigen oder nicht vorhandenen Alphabetisierung nicht eigenständig beantworten konnten, betrug 32%.


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Mit Hilfe eines multiple-choice-Fragebogens wurde der Umfang vorhandener Kenntnisse deutscher und türkischer Frauen z. B. über spezifisch weibliche Körperfunktionen, Verhütung, Vorsorgeuntersuchungen und die Wechseljahre (sog. Basiswissen) in Erfahrung gebracht und verglichen. In der Gruppe der türkischen Migrantinnen gab es jeweils signifikant weniger Frauen mit guten bzw. mittleren Kenntnissen zu den abgefragten Themen. Patientinnen türkischer Herkunft wählten auch wesentlich häufiger als die deutschen Frauen die Antwortmöglichkeit ‚weiß ich nicht’. Der Anteil der Patientinnen mit geringen Kenntnissen über weibliche Körperfunktionen betrug in der türkischen Studiengruppe 62% gegenüber 15% bei den befragten deutschen Patientinnen. Auch Erkrankungsrisiken im Zusammenhang mit den Wechseljahren bzw. in der Menopause waren deutschen Frauen deutlich häufiger bekannt als den befragten türkischen Patientinnen.

Was die allgemeine Einschätzung der Lebensphase Klimakterium betrifft, so sahen die befragten deutschen Patientinnen deutlich häufiger das Älterwerden auch als eine Chance der Neuorientierung an. Für die türkischen Frauen spielte hingegen vor allem die nachlassende Leistungsfähigkeit in den Wechseljahre eine Rolle.

Für die Erfassung des Patientinnenwissens vor und nach ärztlicher Aufklärung wurden die Angaben der Patientinnen am Aufnahme- und Entlassungstag mit den ärztlich dokumentierten verglichen. Sowohl die Einweisungsdiagnose, also der Grund der Klinikaufnahme, als auch die geplante Behandlung waren den Migrantinnen zum Zeitpunkt der Einweisung seltener bekannt als den befragten deutschen Patientinnen.

Nach der Aufklärung in der Klinik wußten etwa zwei Drittel der Patientinnen türkischer Herkunft und über 83% der deutschen genau, welche therapeutischen Maßnahmen bei ihnen durchgeführt worden waren. Jedoch nur jede fünfte Patientin türkischer Herkunft konnte gar keine oder nur pauschale Angaben zur Behandlung machen, während nur 7% der deutschen Patientinnen die durchgeführten Therapiemaßnahmen nicht oder nur pauschal bezeichnen konnten. Vergleicht man den Informationsstand am Anfang und am Ende des stationären Aufenthalts, ist festzustellen, daß es in der türkischen Patientinnengruppe signifikant mehr Frauen gibt, die nach der Aufklärung und Information im Krankenhaus eher schlechter Bescheid wußten als bei der Klinikaufnahme.

Für die Erfassung der subjektiven Krankheitstheorie der Patientinnen wurde der Laientheoriefragebogen (LTFB) von Bischoff und Zenz (1990) benutzt. Bei einem


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Vergleich der Ergebnisse deutscher und türkischer Subgruppen zeigte sich, daß Patientinnen türkischer Herkunft deutlich häufiger Erklärungen im Sinne der Kategorie ‚naturalistisch außen’ (äußere Umstände wie Klima, Lärm u. ä.) für ihre Erkrankung vermuten, während die deutschen Frauen öfter Krankheitsursachen der Kategorie ‚naturalistisch innen’ (eigene ‚innere’ körperliche Verfassung, z. B. schwacher Kreislauf, geerbte Anfälligkeit) angaben. Magische Kräfte spielen in den Krankheitstheorien der türkischen Migrantinnen bei weitem nicht die oft in der Literatur postulierte Rolle. Bei den Kategorien ‚psychosozial - innen’, ‚- außen’ und ‚Gesundheitsverhalten’ waren keine deutlichen Unterschiede zwischen den Untersuchungskollektiven nachweisbar.

Die Subgruppe der wenig akkulturierten, wenig deutschsprechenden Migrantinnen hat offenbar nur eine vage eigene Ursachenvorstellung oder eine oder mehrere völlig vom Fragebogen abweichende Krankheitstheorien, denn in keiner der fünf vorgegebenen Skalen ließen sich hohe Punktwerte nachweisen.

Die subjektive Beeinträchtigung der befragten Patientinnen durch körperliche und psychische Symptome wurde mit dem psychometrischen Fragebogen SCL-90-R untersucht. Zusammenfassend kann man sagen, daß beim Vergleich zwischen Frauen deutscher und türkischer Herkunft in der Gruppe der türkischstämmigen Patientinnen in den Einzelskalen als auch global eine höhere psychische Symptombelastung registriert wurde. (Diese bewegte sich jedoch innerhalb der Grenzen der Standardabweichung einer deutschen Normierungsstichprobe.) Außerdem stellten wir fest, daß es bei den meisten Skalen keine Unterschiede zwischen den Kollektiven der ‚mehr’ oder ‚weniger’ akkulturierten Patientinnen gibt. Für den Parameter Migrationsstatus ließen sich für die Skalen ‚Depressivität’, ‚Ängstlichkeit’, ‚Aggressivität’, ‚phobische Angst’ und ‚Psychotizismus’ signifikante Unterschiede feststellen, wobei die relativ höchsten Werte die Frauen der zweiten türkischen Migrationsgeneration hatten, es folgten die Frauen der sog. ersten Migrationsgeneration, und die relativ niedrigsten Werte hatte die Gruppe der sog. nachgezogenen Ehefrauen türkischer Herkunft.

Zur Analyse der Inanspruchnahme der gynäkologischen Notfallambulanz durch nichtdeutsche Patientinnen wurde eine separate Untersuchung im Poliklinikbereich der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe bzw. der Notfallambulanz im Virchow-Klinikum durchgeführt. Zusammenfassend kann man sagen, daß Migrantinnen diese Erste-Hilfe-Einrichtungen überproportional häufig aufsuchen und zwar - wahr


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scheinlich aus familiären und/oder sozialen Gründen - häufiger am Wochenende und in den späten Abendstunden. Das in der Notfallambulanz erfaßte Beschwerdenspektrum und der diagnostizierte Anteil psychosomatischer Krankheitsbilder ist bei deutschen und ausländischen Frauen in etwa gleich. Bei ausländischen Patientinnen wird weniger schriftlich dokumentiert. Spärliche oder keine Dokumentation kann als Ausdruck für einen unterschiedlichen Umgang mit ausländischen Patienten gesehen werden und ungleiche Versorgungsbedingungen kennzeichnen. Die ungenügende bzw. geringere Anamneseerhebung bei Ausländerinnen führt aber offenbar nicht zu Qualitätseinbußen bei Diagnose bzw. Therapie. Migrantinnen erhielten bei Schwangerschaftsbeschwerden tendenziell häufiger Medikamente verordnet als deutsche Patientinnen.

Als Kriterien für die Auswahl eines niedergelassenen Frauenarztes für die ambulante Betreuung war für die türkischstämmigen Frauen wie für die deutschen Patientinnen die Nähe der Praxis zur eigenen Wohnung wichtig, an zweiter Stelle wird die Empfehlung durch andere Frauen genannt. Nur 17% der deutschen und 4% der befragten türkischen Patientinnen gaben an, einen Arzt als Behandler zu bevorzugen. Zirka jeweils 40% der Frauen in beiden Befragungskollektiven wurden schon seit längerem durch den gleichen Arzt / die gleiche Ärztin betreut. Die türkischstämmigen Patientinnen hatten jedoch signifikant häufiger zwei oder mehrmals innerhalb der vergangenen fünf Jahre den Gynäkologen gewechselt.

Ein sehr häufig genannter Grund für einen Praxiswechsel ist sowohl bei den befragten türkischen wie den deutschen Frauen die Unzufriedenheit mit der Behandlung und Betreuung durch den Frauenarzt. Für die von uns befragten deutschen Patientinnen rangierte der Aspekt ‚gute Kommunikation’ auf Rang 1 unter den Zufriedenheitskriterien. Für die Türkinnen waren vor allem eine gewissermaßen ‚interkulturelle Ausrichtung’ der Praxis und ‚fachliche Kompetenz’ des niedergelassenen Arztes wichtig.


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Thu Aug 15 12:31:53 2002