Diefenbacher, Albert : Konsiliarpsychiatrie im Allgemeinkrankenhaus - Geschichte, Aufgaben und Perspektiven eines psychiatrischen Arbeitsbereichs

Kapitel 5. Schlußbetrachtung -
Entwicklungsperspektiven der Konsiliarpsychiatrie

Zunächst werden die bisherigen Ausführungen unter der Perspektive der Definition eines Kernbereichs konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit zusammenfassend diskutiert. Anschließend werden kursorisch einige aktuelle Entwicklungen in der konsiliar-liaisonpsychiatrischen Aus- und Weiterbildung, sowie Kooperationsmöglichkeiten mit dem hausärztlichen Versorgungsbereich skizziert.

5.1 Der Kernbereich der Konsiliarpsychiatrie

Auf der Grundlage der eigenen Untersuchung und unter Berücksichtigung der vorliegenden konsiliarpsychiatrischen Literatur läßt sich ein Kernbereich konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit im Allgemeinkrankenhaus näherungsweise wie folgt umschreiben:

Dies stellt insbesondere in Bezug auf die angegebene relative Konsilrate eine konservative Definition des Bereichs psychiatrischer Konsiltätigkeit dar. Einzelne psychiatrische Fachgesellschaften (DGPPN 1997, RANZCP 1996) gehen von einer voraussichtlichen relativen Konsultationsrate von 3-5% aller stationären Patienten in Allgemeinkrankenhäusern aus. Dies entspricht den Berichten einiger - gut eingeführter - Konsildienste (z.B. Smith et al. 1994, Arolt et al. 1995a, Ehlert et al. 1999, Hengeveld et al. 1984) und fußt auf einem aufgrund epidemiologischer Studien geschätzten unmittelbaren Behandlungsbedarf von Patienten mit psychischer Komorbidität. Dieser wird z.T. noch für wesentlich höher erachtet (Arolt 1997, Wancata 1998). Da die relativen Konsilraten unterschiedlicher medizinischer Fachabteilungen allerdings stark differieren (vgl. Tab. 4.2.7), ist davon auszugehen, daß Allgemeinkrankenhäuser mit einem hohen Anteil an internistischen Betten üblicherweise mit einer höheren relativen Konsilrate zu rechnen haben (Median Innere vs. Chirugische Abteilungen 4,4% vs. 1,1%, Hengeveld et al. 1984, Arolt et al. 1995).

Lin et al. (1997) haben nun kürzlich daraufhin gewiesen, daß Überlegungen zur Bedarfsdeckung das Problem einer möglichen "Überversorgung" von Patientengruppen nicht genügend berücksichtigen. Sie halten angesichts der Verknappung von Ressourcen das umstandslose Aneinanderreihen immer neuer und zusätzlicher Bedarfsindikatoren, wie dies etwa in der amerikanischen Konsiliarpsychiatrie implizit in den Leitlinien der Academy of Psychosomatic Medicine (Bronheim et al. 1998) angeregt wird, für wenig hilfreich und fordern statt dessen die vermehrte Durchführung von Outcome-Studien, die u.a. die Frage beantworten sollen, inwieweit eingesetzte Ressourcen zu einer Verbesserung der behandelten Störungen


114

führen. Solche Untersuchungen stehen für konsiliarpsychiatrische Interventionen im stationären Bereich noch aus (Creed et al. 1993). Sie sollten insbesondere berücksichtigen, in welchem Maß eine psychiatrische Intervention die Erholung von einer körperlichen Erkrankung positiv beeinflußt (Kennedy & Frazer 1999). Angesichts der Persistenz psychischer Komorbidität bei körperlich kranken Allgemeinkrankenhauspatienten weit über die Entlassung hinaus, die mit einer erhöhten Beeinträchtigung dieser Patienten im Vergleich zu Kontrollgruppen und mit erhöhten Kosten (z.B. vermehrte stationäre Wiederaufnahmen) verbunden ist (Saravay et al. 1996), sollten solche Untersuchungen in der Konsiliarpsychiatrie in Angriff genommen werden. Dies umso mehr, als gerade die Persistenz einer komorbiden depressiven Symptomatik häufig ist (Koenig et al. 1997, Mayou et al. 1991a), also einer Erkrankung für die mittlerweile effiziente Behandlungen vorliegen (z.B. Gill & Hatcher 1999, Müller & Förstl 1999). Dabei ist angesichts kurzer Krankenhausverweildauern eine enge Kooperation mit dem ambulanten Versorgungssystem erforderlich (Simon et al. 1999, Ronalds et al. 1997).

Suchtmedizinische und gerontopsychiatrische Fragestellungen sind im psychiatrischen Konsildienst häufig, trotz ihres beträchtlichen Umfangs aber wenig untersucht. In den letzten Jahren ist hier ein zunehmendes Interesse zu beobachten (z.B. Frances 1994, Jordan & Fuller 1994, O'Connor 1996, John et al. 1996, Rumpf et al. 1998,1999, bzw. Anderson & Philpott 1991, Scott et al. 1988, Small & Fawzy 1988). In beiden Gebieten gewinnt dabei die Notfallambulanz, ein ebenfalls wenig untersuchter Bereich psychiatrischer Tätigkeit an der Schnittstelle von ambulanter und stationärer Versorgung (Bürgy & Häfner-Ranabauer 1998), an Bedeutung. So wurde kürzlich daraufhin gewiesen, daß eine einfache Intervention bei alkoholabhängigen Patienten in der Notaufnahme zu vermehrter Inanspruchnahme einer weitergehenden Suchtbehandlung führte und die Forderung erhoben, Maßnahmen zur Sekundärprävention von Alkoholmißbrauch und -abhängigkeit in Notfallambulanzen zu integrieren (Polte et al. 1999, Backmund et al. 1999). Für ältere Patienten, gerade wenn diese aufgrund organischer Psychosyndrome nur eingeschränkt anamnestische Angaben machen können, wurden aus der Erfahrung gerontopsychiatrischer Konsiltätigkeit Notfallpatenschaften bei Notaufnahmen vorgeschlagen (Wolff 1998a,b).

Für die konsiliarpsychiatrische Forschung sollen exemplarisch drei Aspekte zu den Bereichen Organisation, Diagnostik und Ökonomie kurz zusammengefaßt werden.

Allerdings, darauf haben Lyons & Larson (1989) oder auch Haag & Stuhr (1994) eindringlich hingewiesen, darf es nicht die primäre oder gar alleinige Aufgabe des Konsiliars sein, ökonomische Interessen durchzusetzen. Er trägt vielmehr im Spannungsfeld einer Wertematrix, die unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen hat, zum Gelingen der Behandlung eines Patienten bei (vgl. Abschnitt 3). Dies impliziert, daß, gerade im Angesicht von sehr kurzen LOS, der Konsiliarpsychiater auch für die Verlängerung einer stationären Behandlung votieren könnte: die Längsschnittuntersuchung der Tätigkeit des Konsiliardienstes am MSH weist mit einer Zunahme entsprechender Interventionen seit Mitte der 90er Jahre in diese Richtung (vgl. Abschnitt 4.1.3.5).

Creed et al. (1993) unterstreichen, daß es bei der konsiliarpsychiatrischen Tätigkeit um die Versorgung von Patienten geht, die überwiegend zum ersten Mal und damit zusätzlich zu den im psychiatrischen Versorgungssystem betreuten Patienten im Sinne "neuer Fälle" behandelt werden. Sie fordern daher - für das englische Gesundheitswesen - die explizite Berücksichtigung dieser Tätigkeit bei der Zuteilung von Ressourcen. In Deutschland wird die Personalbemessung stationärer psychiatrischer Behandlungseinrichtungen durch die Psychiatrie-Personalverordnung (Kunze & Kaltenbach 1994) geregelt. Hiernach ist der


117

Zeitbedarf für die Erbringung von psychiatrischen Konsileistungen für andere Abteilungen des eigenen Krankenhauses in der Personalbemessung für die psychiatrische Abtielung nicht enthalten, sondern wird durch Leistungsaufschriebe gesondert ermittelt und berechnet, um dann dem Budget der Psychiatrischen Abteilung hinzugerechnet zu werden (ebd., S.115). Dies würde erst einmal dazu führen, daß der Umfang der durchgeführten konsiliarpsychiatrischen Tätigkeit sichtbar wird und nicht im gesamten Arbeitsaufwand durch psychiatrische Krankenhäuser oder Abteilungen geleisteten Versorgung untergeht. Solange keine genaueren Kriterien für die Bedarfsmessung in der Konsiliarpsychiatrie vorliegen, kann, unter Berücksichtigung der jeweils gegebenen Rahmenbedingungen, eine Orientierung an den in Abschnitt 2.5 aufgeführten pragmatischen Vorschlägen der Liaisonpsychiatry Group des Royal College of Psychiatrists empfohlen werden.

5.2 Aktuelle Entwicklungen der Konsiliarpsychiatrie

5.2.1 Aus- und Weiterbildung in der Konsiliar-Liaisonpsychiatrie

Lipowski (1992) nennt in Anlehnung an die von der American Psychiatric Association geforderten Kriterien einer Zusatzqualifikation (added qualification) für psychiatrische Teilarbeitsbereiche folgende Kriterien, die die Konsiliar-Liaisonpsychiatrie als psychiatrisches Teilgebiet auszeichnen:

Konsiliar-Liaisonpsychiatrie dient den Interessen einer besonderen Gruppe von Patienten, nämlich jenen mit somatischer und körperlicher Komorbidität. Es handelt sich dabei um eine große Gruppe von Patienten.

Die klinische Praxis der Konsiliarpsychiatrie ist wissenschaftlich begründet, sie setzt umfassende Kenntnisse in der Diagnose und Behandlung von Problemen dieser Patientengruppe voraus. Es handelt sich um ein klinisches Fach, das sich beschäftigt mit

den Interaktionen von biologischen, psychologischen und sozialen Variablen, die gemeinsam Verlauf und Behandlung einer somatischen Erkrankung bestimmen,

den psychosozialen Reaktionen auf, dem Bewältigungsverhalten bei und psychiatrischen Komplikationen von körperlichen Erkrankungen, und schließlich

den Besonderheiten der psychischen und psychopharmakotherapeutischen Behandlung bei komorbid somatisch und psychisch kranken Patienten.

Konsiliar-Liaisonpsychiater verfügen über spezielle Expertise innerhalb dieses Bereichs mit Kenntnissen und Fertigkeiten, die über die allgemeine Psychiatrie hinausgehen.

Der Tätigkeitsbereich ist hinsichtlich der von den in diesem Gebiet tätigen Psychiatern zu fordernden Wissensgrundlagen und besonderen Fertigkeiten ausreichend klar umrissen, so daß deren Vermittlung im Rahmen einer curricularen Ausbildung erfolgen kann.

Konsiliar-Liaisonpsychiatrie kann ihren Nutzen für die Patientenversorgung, aber auch für die Kostenträger demonstrieren.


118

Konsiliar-Liaisonpsychiatrie ist in der Lage, klinisch relevante Forschung durchzuführen.

Lipowskis Ausführungen unterstreichen, daß es wünschenswert ist, psychiatrisch-psychotherapeutische Besonderheiten in der Behandlung von Patienten mit somatopsychischer Komorbidität im Allgemeinkrankenhaus vermehrt innerhalb der psychiatrischen Facharztausbildung zu berücksichtigen, um hierdurch den Nutzen der Integration psychiatrischer Abteilungen in die Allgemeinkrankenhäusern auch für die dort primär wegen somatischen Erkrankungen behandelten Patienten zu verbessern. Diese Forderung wird international erhoben (Cox 1996).<11> Konsiliarpsychiatrische Tätigkeit kann allein auf psychiatrischen Stationen nicht ausreichend erlernt werden (Creed et al. 1993) und sollte wegen ihrer Besonderheiten als fester Bestandteil in die Facharztausbildung integriert werden mit der Möglichkeit, praktische Erfahrungen unter Supervision zu erwerben (Smith et al. 1993a). Eine ausschließlich theoretische Unterweisung ist nicht ausreichend (Niklewski et al. 1999, Rothermund et al. 1997, Arolt 1994). Praktikabel erschiene etwa eine definierte Übernahme konsiliarpsychiatrischer Aufgaben im Rahmen einer Poliklinik oder Institutsambulanz (z.B. Kretz 1974). Gestufte Weiterbildungsmodelle, die in einem Basisteil verbindliches Wissen und grundlegende Fertigkeiten für jeden in der Facharztausbildung befindlichen Psychiater vermitteln (z.B. supportive [Kurzzeit-]Psychotherapie und Psychopharmakotherapie bei internistischen und chirurgischen Patienten), und in speziellen Zentren die Möglichkeit weiterer Qualifikation anbieten (z.B. psychotherapeutische und psychopharmakotherapeutische Techniken bei Transplantationspatienten und Brandverletzten) (Gitlin et al. 1996, Creed 1991). Letzteres findet in den USA im Rahmen von ein- oder zweijährigen Fellowships für eben graduierte Fachärzte für Psychiatrie statt, die sich im Bereich der Konsiliar-Liaisonpsychiatrie weiter spezialisieren wollen (Ford et al. 1994). Ein Vorschlag für ein solches Curriculum ist in Deutschland gerade vorgelegt worden (Niklewski et al. 1999). Curricula stellen einen Beitrag zur Qualitätssicherung in der Ausbildung dar (Templeton & Selarnick 1994). Das durch sie vermittelte Wissen kann sich zunehmend auf Leitlinien für den Tätigkeitsbereich der Konsiliar-Liaison-Psychiatrie stützen, die von verschiedenen Fachgesellschaften entwickelt wurden bzw. in Vorbereitung sind (Bronheim et al. 1998, RCPsych 1995, Gaebel 1998).

5.2.2 Schnittstellen der Konsiliarpsychiatrie

In den letzten Jahren hat die Beschäftigung mit dem Verhältnis von Psychiatrie und Allgemeinmedizin in der Behandlung von Patienten mit somatopsychischer Komorbidität im Hausarztbereich zugenommen (Swartz & Clark 1996, Wells 1994, Katon & Schulberg 1992, Pullen et al. 1994). Studien zur Vorkommenshäufigkeit und Diagnostik von psychischen Störungen in Allgemeinarztpraxen, die in Deutschland eine lange Tradition haben (Dilling 1978, 1984), sind angesichts der enormen Bedeutung dieses Bereichs für die Versorgung von


119

Menschen mit psychischen Störungen von großem Interesse (vgl. die Psychological Comorbidity in General Practice-Studie der WHO, Linden et al. 1996, Maier & Falkai 1999). Auch hier zeigt sich ein erhöhtes Morbiditäts- und auch Mortalitätsrisiko bei Patienten mit somatopsychischer Komorbidtät im Vergleich zu Patienten mit ausschließlich somatischen Erkrankungen (Kouzis et al. 1995, Fichter et al. 1995). Ebenso ist deutlich, daß ein wesentlicher Teil der Arztbesuche bei niedergelassenen Hausärzten oder Internisten auf psychische Erkrankungen zurückzuführen ist (de facto mental health system, Regier 1993).

Die internationale konsiliarpsychiatrische Interventionsforschung hat sich in den letzten Jahren zunehmend in den ambulanten Versorgungsbereich verlagert. Deren Ergebnisse sind im Vergleich zur konsiliarpsychiatrischen Interventionsforschung im stationären Bereich als vielversprechender eingestuft worden (Katon & Gonzalez 1994, Katon 1991, Swartz & Clark 1996, Fann & Tucker 1995). So hat sich bei Patienten mit z.B. Colon irritabile, chronischem Müdigkeitssyndrom, psychophysiologischer Insomnie oder chronischen Schmerzsyndromen die Intervention mit nichtmedikamentösen psychologischen (verhaltensmedizinischen) Therapieverfahren bewährt (Mayou & Sharpe 1997, Tölle 1999, Creed et al. 1992, Huse et al. 1999). Deutlich wurde dabei einerseits - gerade anhand der Analyse der nur geringgradig oder überhaupt nicht erfolgreichen Interventionen - , daß es erforderlich ist, die Durchführung einer psychosozialen Intervention strukturiert und in manualisierter Form vorzulegen, und zwar gerade wenn sie nicht von einem Facharzt, sondern vom Hausarzt des Patienten mit Erfolg durchgeführt werden soll. Gleichzeitig konnte gezeigt werden, daß die kontinuierliche Betreuung durch einen (somatischen) Arzt eine wesentliche Rolle für die Rückbildung psychischer Begleitsymptomatik spielt und daher eher auszubauen ist, wie dies z.B. für die ambulante Behandlung von Patienten mit funktionellen Abdominalbeschwerden beschrieben wurde (Blanchard & Turner 1996, Kathol et al. 1994, Deter & Wienbeck 1998). Hier kann der Konsiliarpsychiater als Vermittler zwischen somatischer und psychischer Medizin im Allgemeinkrankenhaus einen Beitrag zur Ausbildung künftiger Hausärzte leisten (Cox 1996). Cohen-Cole et al. (1993) konnten zeigen, daß eine einmonatige Rotation in einem psychiatrischen Konsildienst in Verbindung mit strukturierten Seminaren zu einer deutlichen Verbesserung der Kenntnisse über psychiatrische Komorbidität bei zukünftigen Hausärzten führte. Entsprechende Curricula wurden entwickelt (Halbreich 1994). Unstrukturierte Hospitationen von internistischen Assistenzärzten in konsiliar-liaisonpsychiatrischen Diensten waren demgegenüber weniger effektiv (Thompson et al. 1982). Diese Anstrengungen zielen darauf ab, die Versorgung von Patienten mit somatischer und psychischer Komorbidität durch hausärztlich tätige niedergelassene Ärzte in Kooperation mit psychiatrischen Fachärzten zu verbessern (vgl. Goldberg 1997, Linden et al. 1996, Paulsen 1996, Gonzales & Randel 1996).

Abschließend sei auf ein Problem hingewiesen, das in der vorliegenden Arbeit nicht behandelt wurde, sehr wohl aber zum Mißlingen der Arbeit des Psychiaters auf somatischen Stationen beitragen kann. Nicht selten erleben sich konsiliarisch tätige Psychiater als insuffizient und vermuten, nichts zur Unterstützung ihrer somatischen Kollegen beitragen zu können (Teitelbaum 1985-86). Die Begegnung mit der "somatischen Subkultur" wird als frustrierend


120

erlebt (Spiess 1996). Es besteht die Neigung, die Gründe für eine mangelnde Beachtung psychischer Störungen bei körperlich kranken Patienten im geringen Interesse bei den behandelnden Ärzten zu suchen. Mehrfach ist darauf hingewiesen worden, daß derartige personalisierende Schuldzuweisungen („mangelnde Kooperationsbereitschaft der Organmediziner“ o.ä.) wenig hilfreich für die Analyse des Gelingens oder Scheiterns der Implementation psychosozialer Dienste sind (Koch & Siegrist 1988, Arolt 1997). Übersehen wird dabei, daß, worauf Kornfeld (1996) eindringlich hingewiesen hat, die Tätigkeit von Konsiliarpsychiatern im klinischen Alltag durchaus dazu beiträgt, Veränderungen von Einstellungen, diagnostischer Treffsicherheit oder therapeutischen Gewohnheiten im Umgang mit psychisch kranken Patienten bei nicht-psychiatrischen Ärzten zu bewirken (Armstrong et al. 1997, Kramer et al. 1979). So läßt sich am Beispiel der Panikstörung im körpermedizinischen Setting (Katon 1991) zeigen, daß von 1980 bis 1990 die Überweisungsrate von Patienten mit Brustschmerzen, die bereits vom Kardiologen korrekt als Panikstörung diagnostiziert worden waren, von 5% auf 59% angestiegen war (Gerdes et al. 1995). Creed (1991, Creed et al. 1993) unterstreicht in diesem Zusammenhang wie wichtig es ist, daß die im Allgemeinkrankenhaus konsiliarpsychiatrisch arbeitenden Psychiater ihre üblichen Gepflogenheiten nicht beibehalten und sich stattdessen aktiv an die Arbeitsbedingungen auf den somatischen Stationen anpassen sollten: es sei die Verfügbarkeit und Offenheit des Psychiaters für die interdiziplinäre Kooperation und die von den somatischen Ärzten formulierten Problemstellungen, wodurch die Akzeptanz psychiatrischer Perspektiven mitbestimmt würde. Dies bedeutet, daß die Initiative für die Etablierung eines psychiatrischen Konsiliar-Liaisondienstes auf seiten des Psychiaters liegt, der über Fertigkeiten verfügen muß, die dem somatischen Setting angemessen sind, und sich bei der Klärung diffiziler somatopsychischer Differentialdiagnostik wohl fühlen sollte. Vor allem aber muß der Konsiliarpsychiater bereit sein, eine von den anfordernden Ärzten unter Umständen nur diffus wahrgenommene Problematik herauszuarbeiten und in eine beantwortbare Fragestellung umzufomulieren, wie es bereits vor beinahe vierzig Jahren von Meyer & Mendelson (1961) als zentral für die Initiation des konsiliarpsychiatrischen Prozesses vorgeschlagen worden ist. Der Psychiater muß verstehen lernen, daß der nichtpsychiatrische Arzt von ihm in der Regel einen konstruktiven Rat in der Bewältigung von den Behandlungsprozeß beeinträchtigenden Verhaltensauffälligkeiten will (Leonard et al. 1990). Er fordert das Konsil nicht an, weil er eine psychiatrische Erkrankung diagnostiziert hat, häufig hat er nur eine psychische Störung wahrgenommen, ohne dies näher spezifizieren zu können (Moses & Barzilay 1967, Modestin 1977). Konsilberichte in der Art „Kein Anhaltspunkt für eine Psychose. Wir empfehlen Bellergal", sind, wie Meyer (1994) etwas spitz bemerkt hat, hierbei wenig hilfreich und bestätigen das immer noch verbreitete Vorurteil, daß der Psychiater ja ohnehin nicht helfen könne, weswegen es sich, auch bei erkannter psychischer Komorbidität, einfach nicht lohne, ein psychiatrisches Konsil anzufordern (Steinberg et al. 1980, Schubert et al. 1978-79). Um einen Begriff von Argelander (1987) aufzugreifen, läßt sich die Forderung von Creed als die nach einer adaptiven Indikationsstellung durch den Konsiliarpsychiater begreifen. Daß laut einer Umfrage 60-70% der Nicht-Psychiatern Hilfestellung in der Bewältigung psychosozialer Probleme und mehr Kontakt mit Psychiatern wünschten ist für die weitere

121

Entwicklung der Konsiliar-Liaisonpsychiatrie vielversprechend, vorausgesetzt daß die Psychiater solche Forderungen bereitwilliger aufgreifen (Creed 1991, Deister et al. 1998, Thompson et al. 1990, Luber 1996, Maguire & Haddad 1996).

Dies entspricht der eigenen Erfahrung.


122

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Tätigkeit konsiliarpsychiatrischer Dienste am Allgemeinkrankenhaus. In einem historischen Abriß wird zunächst die Integration des psychiatrischen Fachgebiets in die Allgemeinkrankenhäuser als wesentliche Bedingung für die Entwicklung der Konsiliarpsychiatrie am Beispiel der USA dargestellt, gefolgt von europäischen Perspektiven und der Entwicklung in Deutschland, unter besonderer Berücksichtigung der Psychiatrie-Enquête. Anschließend werden Aspekte somatopsychischer Komorbidät als Grundlage der Konsiliarpsychiatrie und ihre Implikationen für Diagnostik und Therapie skizziert. Vorschläge zur Bestimmung des Bedarfs der konsiliarpsychiatrischen Versorgung werden diskutiert. Das Spektrum konsiliar-liaisonpsychiatrischer Versorgungsmöglichkeiten wird dargestellt, Interventionsmöglichkeiten mit ihren differentia specifica im Setting des Allgemeinkrankenhauses am Beispiel von supportiver Psychotherapie und Psychopharmakatherapie bei körperlich kranken Patienten werden verdeutlicht.

Im empirischen Teil wird auf Grundlage einer Längsschnittstudie über einen 10jährigen Beobachtungszeitraum eines amerikanischen, sowie einer Vergleichsstudie der Tätigkeit eines deutschen und eines amerikanischen Konsildienstes über einen einjährigen Beobachtungszeitraum versucht, einen Kernbereich konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit am Allgemeinkrankenhaus zu definieren. In der Längsschnittuntersuchung wurde ein zeitüberdauernder Bereich konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit identifiziert, der im Vergleich mit ähnlichen, allerdings weniger detaillierten Studien (Lipowski & Wolston 1981, Paddison et al. 1989) ebenfalls überwiegend Gemeinsamkeiten deutlich werden läßt. Auch die vergleichende Querschnittsuntersuchung zeigte, daß psychiatrische Konsiliartätigkeit über nationale Grenzen hinweg eine Reihe von Gemeinsamkeiten aufweist. Auch dies konnte im Vergleich mit anderen Studien bestätigt werden (vgl. Übersichten bei Hengeveld et al. 1984, Diefenbacher 1999, Huyse et al. 1997).

Anschließend werden Veränderungen im Gefolge der Tätigkeit eines neu beginnenden psychiatrischen Konsiliars über einen einjährigen Beobachtungszeitraum untersucht und im Hinblick auf die Implementation eines Konsildiensten auf für die konsiliarpsychiatrische Praxis bzw. Interventionsforschung wichtige Parameter wie z.B. Zusammenarbeit mit den Stationsteams und Beeinflussung von Krankenhausverweildauer und Zeitintervall zwischen stationärer Aufnahme und Konsilanforderung diskutiert.

Zusammenfassend wird ein Kernbereich konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit beschrieben, von dem erwartet wird, daß er für die nahe Zukunft konstant bleibt und somit als Orientierungshilfe für administrative und evaluative Zwecke dienen kann. Abschließend werden Perspektiven weiterer Forschung in der Konsiliarpsychiatrie diskutiert und auf Aspekte der Fort- und Weiterbildung im psychiatrischen Konsiliar-Liaisondienst in der psychiatrischen Facharztweiterbildung, sowie auf Schnittstellen für eine mögliche Zusammenarbeit mit dem hausärztlichen Bereich eingegangen.


Fußnoten:

<11>

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde hat kürzlich die Einführung einer Schwerpunktbezeichnung ‚Psychosomatik und Konsiliar-Liaisonpsychiatrie’ in der Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie als Option vorgeschlagen (Gastpar 1998, Saß 1999).


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.

DiML DTD Version 2.0
Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML - Version erstellt am:
Fri Nov 1 14:20:08 2002