Diefenbacher, Albert : Konsiliarpsychiatrie im Allgemeinkrankenhaus - Geschichte, Aufgaben und Perspektiven eines psychiatrischen Arbeitsbereichs

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Einleitung -
Warum eine gesonderte Beschäftigung mit Konsiliarpsychiatrie ?

Der Arbeitsbereich des Konsiliarpsychiaters umfaßt Patienten mit somatopsychischer Komorbidität, d.h. Patienten, die primär wegen körperlicher Beschwerden ärztlich behandelt werden, bei denen zusätzlich aber eine psychische Störung vorliegt, sowie Patienten mit körperlichen Beschwerden, für die keine somatische Begründung gefunden werden kann (z.B. somatoforme oder dissoziative Störungen), Patienten, die nach einem Suizidversuch auf einer somatischen Station liegen, Patienten mit artifiziellen Störungen und Patienten, bei denen psychische Faktoren oder Verhaltenseinflüsse in der Ausprägung der körperlichen Erkrankung eine wesentliche Rolle spielen. 30 - 50% aller in somatischen Abteilungen behandelten (nichtpsychiatrischen) Allgemeinkrankenhauspatienten leiden zusätzlich an einer psychischen Beeinträchtigung, deren Ausmaß die Stellung einer psychiatrischen Diagnose zuläßt (Arolt 1997). Psychische Komorbidität kann zu einer verstärkten Morbidität der körperlichen Grunderkrankung beitragen und mit erhöhter Mortalität, komplizierteren Krankheitsverläufen und verlängerten Krankenhausliegedauern einhergehen (Academy of Psychosomatic Medicine 1997). Vorsichtige Schätzungen besagen, daß etwas mehr als 10% aller nichtpsychiatrischen Allgemeinkrankenhauspatienten bereits während der somatischen Index-Behandlung fachspezifischer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung bedürfen (Wancata et al. 1998).

Obwohl die Zusammenarbeit von Ärzten unterschiedlicher Fachdisziplinen in der Versorgung des einzelnen Patienten mit Beratung über diagnostische oder therapeutische Maßnahmen, also das, was allgemein als Konsil bezeichnet wird, eine Selbstverständlichkeit im Bereich der klinischen Routine darstellt, ist sie eher selten zum Gegenstand eigenständiger Untersuchungen oder Berichte geworden (z.B. Welter et al. 1998, Hempel 1995, Freyschmidt 1994, Schliack 1992). Dies gilt insbesondere für die Konsiliarpsychiatrie. Anders als in den USA oder Großbritannien, wo es in diesem Bereich psychiatrischer Tätigkeit bereits eine lange Tradition gibt, hat die Beschäftigung mit konsiliarpsychiatrischen Themen innerhalb des Fachgebietes Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland erst seit Beginn der 90er Jahre zugenommen (Arolt 1997, Diefenbacher 1999, Saupe & Diefenbacher 1996b), wobei sich ähnliche Tendenzen auch in Österreich und der Schweiz zeigen (Wancata & Gössler 1999, Ernst 1998, S.81, Zumbrunnen 1992). Andererseits wird diese Entwicklung zum Teil mit Skepsis betrachtet. Wenn ärztliche Konsiliartätigkeit eine übliche klinische Routine ist, warum sollte dann überhaupt eine gesonderte Beschäftigung mit psychiatrischer Konsiliartätigkeit erfolgen? Ist nicht allein schon der Begriff „Konsiliarpsychiatrie“ etwas wichtigtuerisch gegenüber den anderen Fachgebieten, wird dort schließlich doch auch nicht von Konsiliarchirurgie gesprochen. Gleichfalls erhebt sich die Frage, ob der Begriff Konsiliarpsychiatrie nicht einen Affront gegenüber jedem Psychiater oder Nervenarzt darstellt, denn schließlich ist es das Privileg jedes Arztes, anderen Ärzten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. So wird auch innerhalb des psychiatrischen Fachgebiets gefragt, ob diese


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Akzentuierung nicht überdimensioniert sei, und es ist offen, wie intensiv die Beschäftigung mit konsiliarpsychiatrischen Themen innerhalb der Facharztweiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie sein soll.

Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag leisten zur Definition der Konsiliarpsychiatrie als Arbeitsbereich des Fachbereiches Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland. Gleichzeitig sollen internationale Entwicklungen innerhalb der Konsiliar-Liaisonpsychiatrie mit einem Schwerpunkt auf organisatorischen und konzeptuellen Aspekten dargestellt werden, um hiesigen Entwicklungen eine Orientierungshilfe zu geben.

Gliederung der Arbeit

Die Arbeit beginnt mit einem historischen Teil, in dem u.a. die Entwicklung der Konsiliarpsychiatrie in den USA vorgestellt wird, da sich hier seit mehr als fünf Jahrzehnten eine differenzierte Form konsiliarpsychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung entwickelt hat, an der sich exemplarisch Erfolge und Mißerfolge dieses Bereichs psychiatrischer Tätigkeit ablesen lassen. Anschließend werden Untersuchungen zur psychischen Komorbidität körperlich kranker Patienten als Grundlage der Konsiliarpsychiatrie dargestellt und Besonderheiten in der Durchführung psychiatrischer Interventionen im Allgemeinkrankenhaus diskutiert.

Im empirischen Teil wird versucht, durch die Längsschnittuntersuchung des konsiliarpsychiatrisch-psychotherapeutischen Dienstes am Mount Sinai Hospital in New York über einen 10-Jahres-Zeitraum einen im Zeitverlauf konstanten Kernbereich konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit zu identifizieren. Dies wird ergänzt durch den Vergleich der Tätigkeit von zwei psychiatrischen Konsiliardiensten in Berlin (Rudolf-Virchow-Klinikum) und New York (Mount Sinai Hospital), in dem Ähnlichkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden, die ebenfalls zur Beschreibung eines Kernbereichs konsiliarpsychiatrischer Tätigkeit beitragen sollen.<1>

Abschließend werden Enwicklungsperspektiven der Konsiliarpsychiatrie umrissen und der Versuch unternommen, eine Definition von Konsiliarpsychiatrie als Teilbereich innerhalb des psychiatrischen Fachgebiets zu geben.


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Teil 1


Fußnoten:

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Der Autor hat in der Division of Behavioral Medicine and Consultation Psychiatry des Mount Sinai Hospital in New York 1992/93 bei Professor J.J.Strain eine Fellowship absolviert (unterstützt durch den International Fellowship Award der Linda-Pollin-Foundation, Bethesda, Maryland und ein Ausbildungsstipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft [Az.: Di 537/1-1]).


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Fri Nov 1 14:20:08 2002