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1  Einleitung

„....Karl war für uns etwas ganz Besonderes und hat uns sehr glücklich gemacht. Bei seiner Geburt waren wir ganz allein im Auto auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus. „Hebamme“ war Hans, mein Mann. ...Der Babysitter war mit unseren drei Kindern daheim, während wir am Markt Weihnachtsgeschenke kauften und – nach einem Anruf daheim, ob alles in Ordnung sei – essen gingen.

Als wir heim kamen, erwarteten uns schon einige Leute und sagten, daß wir sofort ins Krankenhaus fahren sollten. „Karl hat nicht mehr geatmet. Wir haben den Notarzt geholt und die Rettung hat ihn weggebracht.“

Ich bin sofort ins Krankenhaus gefahren. Dort hat mir der Arzt erklärt, daß Karl schon tot ins Krankenhaus gekommen ist. Ich habe darauf Hans angerufen, und er ist mit den beiden Großen nachgekommen. Wir haben uns viel Zeit genommen, uns von unserem Baby zu verabschieden. Am 10. Dezember wollten wir seine Taufe feiern. Nun lag plötzlich sein Begräbnis vor uns.“.....

„Diese Zeilen schreibe ich vier Wochen nach dem Tod meines geliebten Sohnes Marvin an SID. Es ist für mich ein Teil meiner Trauerarbeit, diese meine Geschichte in die Welt hinauszuschreien. Ich denke mir, vielleicht kann ich es dann endlich begreifen. Es ist nämlich unbegreiflich für mich als Mutter, daß mein Baby, das vorher noch munter lächelte, das schmatzend von meiner Brust trank und dann friedlich einschlief, plötzlich tot in seiner Tragetasche lag. Da war kein Übergang zwischen Leben und Tod, da war keine einzige Stufe dazwischen, da standen Leben und Tod auf derselben Stufe...

Ich mußte irgend etwas falsch gemacht haben, so einfach kann doch mein geliebtes Baby nicht sterben, dachte ich. Man mußte mir die Milchpumpe besorgen, da ich mein Baby voll gestillt hatte, und ich leerte die Milch in den Abfluß – ich verstand die Welt nicht mehr.“.....

Mit vielen Beispielen schildern betroffene Eltern die tragische Situation erlebter plötzlicher Säuglingstodesfälle. Der unerwartete Tod eines bis dahin gesunden Kindes ist bis heute nicht nur für die Eltern dieser Kinder unbegreiflich, sondern stellt auch noch am Anfang des 21. Jahrhunderts die Mediziner vor unbeantwortete Fragen. Dabei steht eine noch immer anschwellende Literaturflut (seit 1975 ca. 400 Publikationen) im umgekehrten Verhältnis zum gesicherten Wissen über das mit „SID“ bezeichnete Phänomen: sudden infant death (plötzlicher Kindstod). Die Ergebnisse zahlreicher internationaler retro- und prospektiver Untersuchungen (Ahrens 1994, Albani et al 1989, Bajanowski 1998, Einspieler 1988 und 1992) haben einen Konsens in der Auffassung finden lassen, daß es sich beim sudden infant death um ein multifaktorielles Geschehen handeln muß (Bax et al 1995). Die Jahrhunderte alte Meinung, hinter den oftmals mysteriösen Todesfällen verberge sich eine bis dahin unbekannte und ungeklärte, einzige Ursache hat keinen Bestand mehr. Logisch leitet sich demzufolge die Tendenz ab, die auch in Deutschland häufigste Todesart im ersten Lebensjahr auf sehr unterschiedliche Art und Weise diagnostisch und präventiv anzugehen. Orientiert an der Tatsache, daß definitionsgemäß der Tod des Säuglings unerwartet im Schlaf, bzw. den Einschlafphasen eintritt, wird national und international die Erforschung des kindlichen Schlafes intensiviert. Ausgehend von Bemühungen durch Kinderärzte, die Mortalitätsrate am SID meßbar zu beeinflussen, beginnt sich ein neues diagnostisches Hilfsmittel, die sogenannte Polysomnographie, in der Pädiatrie zu etablieren. Bei dieser sehr aufwendigen, zeitintensiven und auch kostspieligen Untersuchungsmethode handelt es sich um eine simultane, computerisierte Langzeitaufzeichnung mehrerer Vitalparameter während des physiologischen Schlafes. (Bloch 1997, Clarenbach 1998, Duchna 1994, Erler 1998, Keenan 1992, Lund 1995)

Die in den letzten Jahren im Schlaflabor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Carl – Thiem – Klinikums Cottbus abgeleiteten Polysomnographien an Säuglingen, ca. 700 pro Jahr, belegen eindrucksvoll den gewachsenen Bedarf an aussagekräftiger Schlafdiagnostik. Mit wachsendem Wissen können einerseits Fragen nach dem Wertigkeitspotential der Untersuchungen immer besser beantwortet werden, andererseits treten ungelöste Probleme stärker in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses, so z.B.:

Nicht zuletzt ist es auch eine ökonomische Frage, sinnvolle und praktikable Empfehlungen in bezug auf notwendige Schlaflaboruntersuchungen bei Säuglingen zu erarbeiten, um somit konkrete Angaben zum Bedarf an schlafmedizinischen Untersuchungsplätzen für Kinder eines Landes überhaupt machen zu können.


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14.02.2004