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4  Methodik der Longitudinalstudie und Teilstudien zur Erstellung polysomnographischer Normwerte bei Kindern im ersten Lebensjahr

4.1 Methodischer Ablauf

4.1.1 Studiendesign der Cottbuser Untersuchung

Während eines Jahres wurde jedes dritte Kinder am Carl – Thiem – Klinikum Cottbus in eine Longitudinalstudie aufgenommen. Im Verlaufe des ersten Lebensjahres waren drei komplette Polysomnographien geplant, zwischenzeitlich erfolgte eine häusliche Heimmonitorüberwachung der Herz- und Atemtätigkeit der Säuglinge mit Hilfe eines Speichermonitors.

Parallel zur schlafmedizinischen Diagnostik wurden anamnestische Angaben durch einen modifizierten Risikofragebogen (nach Einspieler et al 1992) blind erfaßt und den polysomnographischen Ergebnissen nach Erreichen des 12. Lebensmonat des jeweiligen Probanden zugeordnet.

4.1.2 Zeitraum der Studie

Die Ausgabe der Fragebögen wurde mit dem Jahrgang 1997 begonnen und erfolgte seit dem 01.01.1997. Den letzten Fragebogen erhielten Eltern im Januar 1998 für ihr am
30. 12.1997 geborenes Kind.

4.1.3 Ausgabe der Fragebögen und Auswahl der Studienteilnehmer

Allen Wöchnerinnen wurde 1997 durch einen Kinderarzt zwischen dem 4. und 7. postpartalen Tag ein SID – Risikofragebogen ausgehändigt. Die Mütter wurden einfühlsam über relevante Risiken im Säuglingsalter informiert, der aktuelle Kenntnisstand über den Plötzlichen Säuglingstod und dessen mögliche Präventionsmaßnahmen in einem individuellen Gespräch vermittelt. Über Möglichkeiten und Ziele des hauseigenen Schlaflabores, nämlich schlafbezogene Störungen so früh wie möglich zu erkennen um somit evtl. dem Plötzlichen Säuglingstod entgegen zu wirken, erfolgte eine ausführliche Aufklärung. Es wurden Hinweise zum Heimmonitoring gegeben.

Jeder dritte Fragebogen unterschied sich optisch durch die Verwendung grünen Papiers. Die Eltern wurden gebeten, den ausgefüllten Fragebogen bis spätestens zur vierten Lebenswoche ihres Kindes an das Schlaflabor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Cottbus zurückzusenden. Absendern der grünen Fragebögen wurde durch ein persönliches Telefonat oder ein Anschreiben das Angebot einer Ganznachtuntersuchung für ihr Kind im Schlaflabor unterbreitet. Verlaufskontrollen während des ersten Lebensjahres wurden vorgeschlagen.


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Abbildung 18: Design des Cottbuser Fragebogens zur SID - Risikoerfassung aller Drittgeborenen Kinder des Jahrganges 1997, geboren am CTK Cottbus


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4.1.4 Zeitpunkte der durchgeführten Polysomnographien

Die in die Studie aufgenommenen Kinder sollten im Verlauf des ersten Lebensjahres longitudinal zu drei verschiedenen Zeitpunkten standardisiert polysomnographisch untersucht werden. Die Wahl der Zeitpunkte für die geplanten Polysomnographien orientierte sich an den epidemiologisch bekannten Mortalitätsgipfeln des Plötzlichen Säuglingstodes. Folgendes Stufenschema wurde erarbeitet und diente als Vorlage für die Terminvergabe:

Abbildung 19: Polysomnographische Stufendiagnostik bei Säuglingen

Erstuntersuchung: Zweituntersuchung: Abschlußuntersuchung:

nach der 2. Lebenswoche bis spätestens 6. Lebenswoche

10. bis maximal 14. Lebenswoche

zwischen 11. und 13. Lebensmonat


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4.1.5  Ausgabe der Heimmonitore und praktisches Vorgehen bei der
Langzeitbetreuung

Nach erfolgter erster Ganznachtuntersuchung wurde das Untersuchungsergebnis mit den Kindeseltern ausführlich ausgewertet. Das Angebot einer kostenfreien Heimmonitorüberwachung wurde mit einer möglichen Erhöhung der Sicherheit für den zu betreuenden Säugling begründet. Bei Annahme des Angebotes wurden die Eltern in der Bedienung des Monitors geschult. Die Ausgabe der Geräte erfolgte nach einem 1. Hilfe – Lehrprogramm.

Folgende Schwellwerteinstellungen und Aufzeichnungsmodi wurden bei allen eingesetzten Monitoren vorgenommen bzw. festgelegt: Obergrenze Herzfrequenz 220/min, Untergrenze Herzfrequenz 60/min, externer Apnoealarm nach 20 sec. fehlender Atmung, interne Apnoeaufzeichnung (d.h. ohne akustischen Alarm) nach 15 sec. fehlender Atmung, Bradykardie- und Tachykardieaufzeichnung.

Den Kindeseltern wurde die Möglichkeit laufend eingeräumt, sich bei Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der häuslichen Überwachung ihres Kindes an das Schlaflabor der Klinik zu wenden. Bei Bedarf, wie z.B. ausgelasteter Monitorspeicher, häufige, echte Alarme, Gerätedefekte o.ä., wurden kurzfristige Treffen vereinbart. Gespeicherte Daten konnten im Schlaflabor computerisiert ausgelesen und auf Diskette (3,5“, MS-DOS Betriebssystem) abgespeichert werden. Entsprechende Papierausdrucke der Ereignisprotokolle wurden archiviert.

Nach der Erstuntersuchung erhielten die Kindeseltern Kontrolltermine für Verlaufsuntersuchungen laut Stufenschema.

4.2 Methodik der polysomnographischen Untersuchungen

4.2.1 EEG – Ableitung in der PSG

Um eine Zuordnung des jeweiligen Untersuchungsabschnittes zu den Schlafstadien nach Emde, Anders und Parmelee vornehmen zu können, wurden den Empfehlungen der AG Pädiatrie der DGSM entsprechend, die EEG-Elektroden C3/A2 und C4/A1 geklebt. Unter Verwendung von Entfettungscreme wurden die betreffenden Hautpartien primär entfettet und getrocknet.

Abbildung 20: Schematische Darstellung der Plazierung der EEG-Elektroden im Rahmen der durchgeführten Studie


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4.2.2  EMG und EOG

Die Registrierung von Muskelpotentialen erfolgte über zwei EMG-Ableitungen, plaziert im linken und rechten Mandibularbereich. Paraorbital wurden im jeweils linken bzw. rechten Schläfenbereich, nach entsprechender Hautvorbereitung, die Elektrookulogrammableitungen geklebt (siehe auch: Methodischer Ablauf einer 1-Nacht-Polysomnographie).

4.2.3 EKG

Zur Aufzeichnung des EKG-Signals wurde der kardiorespiratorische Monitor SMART MONITOR 900S der Firma Healthdyne (USA) verwendet. Die Elektrodenanordnung nach vorheriger Hautentfettung ist Abbildung 20 zu entnehmen.

Abbildung 21: Anordnung der EKG-Elektroden in der Longitudinalstudie

4.2.4 Registrierung der Atmungsbewegungen

Bei der routinemäßigen Überwachung der Atmungsbewegungen von Kindern gilt im klinischen Bereich das Meßprinzip der Thoraximpedanz als etabliert. Für wissenschaftliche Untersuchungen jedoch wird die Induktionsplethysmographie als die sichere Methode bezeichnet. Vor der Entscheidung, welche Methode in der Longitudinaluntersuchung verwendet werden sollte, wurde eine Vergleichsstudie durchgeführt (Oehlschläger, Erler 1999).

Methodik der Vergleichsstudie Thoraximpedanz versus Induktionsplethysmographie

Zur Aufzeichnung der Atmungsbewegungen, die als Grundvoraussetzung bei der Registrierung von Atmungsstörungen anzusehen ist, wurden zwei Meßverfahren simultan angewendet: Thoraximpedanz (TI) und Induktionsplethysmographie (IPL). Für die Impedanzaufzeichnung wurde das o.g. Gerät der Fa. Healthdyne mit den bereits für das EKG vorhandenen Elektroden genutzt, die induktionsplethysmographische Bewegungsmessung während der Atmung erfolgte mit dem Respitrace® (USA). Auf dem Computerbildschirm der polysomnographischen Untersuchungseinheit wurden demzufolge 3 Kurven für Atmungsbewegungen aufgezeichnet: Kurve 1 – Atmungsbewegung als Signal der Thoraximpedanz, Kurve 2 – Atmungsbewegung des Brustkorbes als Signal des Brustgurtes der Induktionsplethysmographie, Kurve 3 - Atmungsbewegung des Brustkorbes als Signal des Bauchgurtes der Induktionsplethysmographie.


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In den vorliegenden Berechnungen wurden Polysomnogramme von Kindern mit differenzierten anamnestischen Voraussetzungen im ersten Lebensjahr zusammengefaßt. Untersuchungen erfolgten:

  1. an gesunden Säuglingen, die im Rahmen einer Präventionskampagne gegen den Plötzlichen Säuglingstod (SID) in die Klinik kamen,
  2. an ehemaligen Frühgeborenen mit medikamentös behandelter Bronchopulmonaler Dysplasie (BPD)
  3. an klinisch unauffälligen Kindern, bei denen jedoch im häuslichen Milieu Atmungsauffälligkeiten durch die Eltern beobachtet wurden waren (Z. n. ALTE).

Alle Kinder waren zum Zeitpunkt der Polysomnographie seit mindestens einer Woche infektfrei. Die den gesamten Nachtschlaf umfassenden Ableitungen wurden nach entsprechender Vorbereitung der Patienten, wie z.B. Baden, Stillen bzw. Füttern, in der Regel zwischen 20°° und 21°° gestartet.

Abbildung 22: Polysomnographiekonfiguration zur Vergleichsstudie: neben den Standardableitungen (EEG, EOG, EMG, EKG, SaO2, Kapnographie und Aktimeter) erfolgte die Aufzeichnung der Atmungsbewegungen simultan mit Hilfe der Induktionsplethysmographie und Thoraximpedanz

Die vorherige Plazierung der erforderlichen Ableitelektroden erfolgte durch speziell geschulte Fachkinderkrankenschwestern unter besonders pädiatrisch angepaßten Schlaflaborbedingungen. Gemessen wurden EEG-Potentiale (C3/A2 und C4/A1), linkes und rechtes EOG, submentales EMG, SaO2 mit Pulssignal, EKG, endexspiratorisches CO2 mittels Kapnographie, transkutaner pCO2 und Aktimetrie. Um eine direkte Gegenüberstellung der beiden zu vergleichenden Methoden zur Registrierung von Atmungsbewegungen ermöglichen zu können, wurde in die Ableitkonfiguration die simultane Aufzeichnung der Atmungsbewegung sowohl durch Impedanz wie auch gleichzeitig durch Induktionsplethysmographie (getrennt nach Brust- und Bauchbewegung) aufgenommen. Verwendet wurde das Polysomnographiesystem ALICE 3® Version 1.20 (Vertrieb in Deutschland durch Heinen & Löwenstein). Vergleiche dazu Abbildung 21.

Durch eine Auswertperson wurden alle Polysomnographien manuell validiert und die gewonnenen Rohdaten in 10-Minuten-Datenfenster untergliedert. Nach Auszählung sämtlicher [Seite 43↓]computermäßig und manuell registrierter Atmungsauffälligkeiten pro Datenfenster, erfolgte ein statistischer Häufigkeitsvergleich zwischen fehlerhaft bzw. richtig erkannten Apnoen durch Impedanzmessung und fehlerhaft bzw. richtig erkannten Apnoen durch Induktionsplethysmographie. Die Atmungsauffälligkeiten waren dazu vorher in die Gruppen

  1. echte, objektive Apnoe,
  2. falsch positive (fehlerhaft zuviel erkannte) und
  3. falsch negativ (objektiv nicht erkannte) Apnoeereignisse

differenziert worden.

Für die Beurteilung der Überlegenheit einer Methode wurden Kriterien benutzt, die sich aus mathematischer Sicht folgendermaßen systematisieren lassen. Es sollte die Frage beantwortet werden, deren Antwortmöglichkeiten nur „ja oder nein“ (ist Methode 1 besser als Methode 2) sind. Für die Grundgesamtheit trifft diese Antwort mit der Wahrscheinlichkeit p zu. Da p unbekannt ist, muß eine Schätzung durchgeführt werden. Dazu wird eine Stichprobe vom Umfang n (n = 52, Anzahl der Patienten) ausgewertet. Als Schätzung für p dient die relative Häufigkeit h.

Eine Punktschätzung für eine unbekannte Wahrscheinlichkeit läßt sich mit Hilfe der Momentenmethode rechtfertigen. In der Literatur (Sachs 1984) wird nachgewiesen, daß eine solche Punktschätzung folgende wichtige Eigenschaften besitzt: sie ist erwartungstreu (d.h. es treten keine systematischen Fehler auf) und konsistent (d.h. bei größer werdenden Stichproben treten in der Tendenz immer kleinere zufällige Fehler auf). Der empirisch aus der Stichprobe ermittelte Wert kann aufgrund fehlender Informationen aus den nicht zur Stichprobe gehörenden Elementen der Grundgesamtheit z.T. beträchtlich vom tatsächlichen Wert abweichen. Dabei ist für gewissenhaft erhobene Stichproben zu erwarten, daß geringe Abweichungen wahrscheinlicher sind als große Abweichungen. Diese können mittels Intervallschätzung durch die Angabe von Konfidenzintervallen (Vertrauensbereiche) untermauert werden.

4.2.5 Pulsoximetrie

Die technischen Grundlagen und Meßprinzipien sind im Kapitel 3.6. Obligate Untersuchungsparameter (3.6.7. Pulsoximetrie) detailliert beschrieben.

Zur eindeutigen Differenzierung zwischen Bewegungsartefakten und tatsächlichen Atmungsstörungen wurde in die für die Studie konzipierte Akquisition die Pulswelle mit aufgenommen.

4.2.6 Transkutane CO2-Messung

In der Meßanordnung der vorliegenden Studie wurde trotz vorhandener Kapnometrie auf die transkutane Bestimmung des Kohlendioxidpartialdruckes (pCO2) nicht verzichtet, da gerade die Sensibilität des Atmungsregulationssystems gegenüber CO2 - Schwankungen im Rahmen der SID – Problematik immer wieder diskutiert wird. Bei paralleler Anwendung von zwei CO2 – Bestimmungsmethoden erscheint ein Wertigkeitsvergleich sinnvoll.

Die technischen und praktischen Grundlagen der Methode wurden in Abschnitt 3.6. Obligate Untersuchungsparameter (3.6.8. Transkutane Messung des pO2 und pCO2) erläutert.


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4.2.7  Kapnometrie

Die Messung und Aufzeichnung der endexspiratorischen CO2 – Konzentration wird als Kapnometrie bzw. – graphie bezeichnet. Nur die Anwendung der Kapnographie gestattet die Ermittlung von Hypopnoen oder Hypoventilationsphasen im physiologischen Sinne: ein Anstieg des endexspiratorischen CO2 – Gehaltes um mehr als 50% über einen definierten Zeitraum.

Gehäufte Meßfehler oder Meßausfälle treten bei hohem Feuchtigkeitsgehalt in der Ausatemluft, z.B. Rhinitis des Probanden, auf. Die Verwendung eines Feuchtigkeitsresorptionsschlauches ist Bedingung.

Die technischen und praktischen Grundlagen der Methode wurden in Abschnitt 3.6. Obligate Untersuchungsparameter (3.6.5. Oronasaler Luftstrom) erläutert.

4.2.8 Aktimetrie

In der aktuellen Polysomnographiestudie wurde zur Bewegungsregistrierung eine speziell für die Überwachung von Säuglingen entwickelte „Bewegungsmatte“ in die Konfiguration der Akquisition adaptiert. Im Gegensatz zu handelsüblichen Bewegungsmeldern die in der Handfläche des Kindes plaziert werden können (siehe Abschnitt 3.6. Obligate Untersuchungsparameter, 3.6.9. Dokumentation von Körperlage und Bewegungen), gelingt mit der Matte eine deutlich genauere Bewegungsaufzeichnung. Bewegungsartefakte können leichter identifiziert und echte Apnoen besser erkannt werden. In einer Pilotstudie konnte die höhere Meßsicherheit und Signalgenauigkeit der Bewegungsmatte nachgewiesen werden.

4.2.9 Methodischer Ablauf einer 1 – Nacht – Polysomnographie

Die Aufnahme des zu untersuchenden Kindes erfolgte in der Regel mindestens 6 Stunden vor Beginn der Polysomnographie, in Anwesenheit der Kindesmutter. Um mögliche Störgrößen so klein wie möglich zu halten, wurden dem Säugling häuslichen Umständen angenäherte Bedingungen geboten. Die sonst üblichen Vorbereitungen zum Nachtschlaf, wie Baden, Stillen oder Füttern, Anziehen von Schlafbekleidung, Ausstattung des Bettes mit diversen „Schlafutensilien“, wurden auch unter den stationären Bedingungen des Schlaflabores durchgeführt. Auf speziellen Wunsch der Eltern wurde das Schlafen der Mutter im Ableitraum ermöglicht. Die Ausstattung des Untersuchungszimmers entsprach den Anforderungen der DGSM, vermittelte jedoch auch den Eindruck häuslichen.

Das Anbringen der Ableitelektroden, Atmungsgurte und der übrigen Untersuchungskabel (Aktimeter, Pulsoximetriesensor, transkutane Meßelektrode, Kapnographiebrille) wurde im Verlauf der Studie (2 Jahre) von nur vier speziell ausgebildeten Kinderkrankenschwestern durchgeführt. Im Folgenden werden die einzelnen Schritte der Verkabelung für eine komplette Polysomnographie, entsprechend dem Studiendesign, bebildert und kurz erläutert. Da die Qualität einer Säuglings-PSG maßgeblich von der Verkabelung abhängt, wird im Folgenden das in der Studie angewendete Vorgehen ausführlich bildhaft dargestellt.


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Abbildung 23: Anbringen des Pulsoximeters am Fuß des Kindes
Abbildung 24: Kleben der Elektroden für EKG-Ableitung und Thoraximpedanzmessung

Abbildung 25: Anlegen der Gurte für die Induktionsplethysmographie
Abbildung 26: Komplettierung der Induktionsplethysmographie

Abbildung 27: Die Elektrode zur transkutanen Messung des pCO2 wurde angelegt
Abbildung 28: Anbringen des Aktimeters in der linken Handfläche


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Abbildung 29: Vorbereitung für das Anbringen der Klebeelektroden für EEG, EOG und EMG (Entfetten der Haut)
Abbildung 30: Kleben des Kinn – EMG rechts

Abbildung 31: Kleben der rechten Elektrookulogrammelektrode
Abbildung 32: Anbringen der rechten EEG – Elektrode (aurikulär)

Abbildung 33: Anbringen der rechten C3 (EEG) – Elektrode
Abbildung 34: Ansicht des komplett verkabelten Säuglings mit Schutznetzhaube, zentral geklebter EEG - Referenzelektrode und bereits applizierter Kapnographiebrille (auch der obligatorische Nuckel hat noch Platz)


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4.3  Patienten und Methoden zur Untersuchung eines Einflusses von Anämie auf polysomnographische Herz- und Atmungsparameter im Säuglingsalter

Im pädiatrischen Schlaflabor wurden Säuglinge mit Atmungsstörungen komplett polysomnographisch untersucht. Klinisch auffällig waren rezidivierende, prolongierte Apnoen mit Desaturationen und Bradykardieattacken im konventionellen pulsoximetrischen Monitoring. Die Diagnostik im Schlaflabor erfolgte vor und nach Gabe von blutgruppengleichem, bestrahltem Erythrozytenkonzentrat. Grund der Bestrahlung der verwendeten Blutbestandteile war eine mögliche Risikominderung für das Eintreten einer graft-versus-host Reaktion bei besonders gefährdeten, kleinen Säuglingen. Die elterliche Einwilligung für die Untersuchungen lagen vor.

Bei den Kindern handelte es sich um 8 ehemals sehr unreife Frühgeborene (Schwangerschaftsalter zwischen 27 und 32 Wochen), von denen 4 in der frühen Neonatalperiode wegen eines idiopathischen Atemnotsyndromes (IRDS) beatmet werden mußten. 1 Kind war ein ehemaliges Frühgeborenes (35 Schwangerschaftswochen) mit unkompliziertem postnatalen Verlauf, 3 Säuglinge waren Neugeborene nach unauffälliger Schwangerschaft und ungestörter Adaptationsphase.

Bei allen 12 Säuglingen (Mediangewicht von 2594 g; minimal 1580g, maximal 3630 g; medianes Alter vor Transfusion 38 Tage; Minimum 20 Tage, Maximum 77 Tage) wurde eine paraklinisch relevante Anämie registriert: Hämoglobin (Median) = 6,1 mmol/l (Hb min. = 3,4 mmol/l, Hb max. = 6,7 mmol/l). Die Kinder waren zum Zeitpunkt der Untersuchung nicht beatmet.

Im Rahmen differenzialdiagnostischer Untersuchungen zur Klärung der Apnoeereignisse konnten folgende prädisponierende Faktoren für deren Entstehung ausgeschlossen werden:

Infektion

-

unauffällige klinische und paraklinische

Befunde,

metabolische Störungen

-

normale paraklinische Werte metabolischer

Parameter, incl. Aminosäurestoffwechsel,

Vitium cordis

-

altersentsprechende echokardiografische Befunde,

unauffällige EKG und Blutdrücke,

Hypoxie, Azidose

-

normale Blutgaswerte, rezidivierende, kurze

Desaturationen im stationären Monitoring.

Die Transfusion wurde bei allen Kindern mit einer konstanten Geschwindigkeit von 20 ml/h über Filter, maschinell verabreicht.

Sämtliche Schlafableitungen erfolgten über jeweils mindestens 4 Stunden (Startlatenz durchschnittlich 12 Stunden) unter identischen Laborbedingungen zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens und wurden erst nach selbständigem Erwachen der Kinder beendet. Die durch den gleichen Auswerter manuell validierten Polysomnographien (PSG) umfaßten jeweils vor und nach Transfusion folgende Vitalparameter

In Auswertung der Untersuchungen wurden folgende Ergebnisse der PSG vor und nach Transfusion gegenübergestellt und verglichen:

Der Schlafstadieneinteilung wurden die Definitionen nach Anders, Emde und Parmelee zugrunde gelegt, wobei offensichtlicher Intermediärschlaf regelmäßig dem Ruhigschlaf zuzuordnen war.

Die Schlafpolygraphien wurden mit dem System Alice 3™, Version 1.20 (Fa. Healthdyne Inc. U.S.A., Vertrieb Deutschland Fa. Heinen & Löwenstein). Die Datenerfassung sowie statistische Auswertung (Wilcoxon – Test) erfolgte mit Hilfe des Statistik – Programms SPSS® Base 8.0 (SPSS Inc., USA.).


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4.4  Methoden der Datenerfassung und statistischen Auswertung zur Longitudinalstudie

4.4.1 Datenerfassung

Nach der kompletten, manuellen Nachvalidierung der einzelnen Schlafpolygraphien erfolgte ein computerisierter Ergebnisausdruck der individuellen Schlafparameter (z.B. prozentualer Anteil quiet sleep, active sleep, RDI, Apnoeindex zentraler Apnoen usw.). Auf einem separaten Rechner wurde eine Excel-Datenbank zur Erfassung sämtlicher Probandenwerte entworfen. Die Datenbank besteht aus insgesamt 4 Arbeitsmappen:

  1. Arbeitsmappe Erstpolysomnographie
  2. Arbeitsmappe Zweitpolysomnographie
  3. Arbeitsmappe Drittpolysomnographie
  4. Arbeitsmappe Angaben des Risikofragebogens.

Nach Beendigung der Erstuntersuchungen wurden die in die Studie aufgenommenen Säuglinge nach ihren Familiennamen alphabetisch geordnet und erhielten eine laufende Nummer. Diese Nummer wurde jeweils in der Zweit- und Drittuntersuchung weiter verwendet und ermöglichte so, trotz Löschung der Namenslisten und erwartungsgemäß kleiner werdender Probandengruppen, die individuelle Datenzuordnung aller 3 Longitudinaluntersuchungen. Um im Weiteren eine statistische Verarbeitung der Excel-Dateien im SPSS-Format zu ermöglichen, wurden alle Parameter mit Variablen (Kleinbuchstaben) verschlüsselt.

Während für die konstanten Anamnesedaten wie Geburtsgewicht oder Schwangerschaftsdauer sowie für die ermittelten Polysomnographiedaten numerische Werte in die Datenbanken eingetragen wurden, erfolgte die Erfassung evtl. Risikofaktoren mit den Eingaben 1 (d.h. ja, bzw. vorhanden) oder 0 (d.h. nein, bzw. nicht vorhanden). Die statistischen Berechnungen und graphischen Ergebnisdarstellungen (z.B. Medianwerte, Boxplot-Darstellungen usw.) erfolgten mit dem Statistikprogramm SPSS® Base 8,0 (SPSS Inc., USA).


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Tabelle 6:Verwendete Abkürzungen für die Erfassung der Polysomnographiedaten und der anamnestischen Angaben im Risikofragebogen für die Excel- bzw. SPSS-Datenbanken

nr

patientennummer

gebdat

Geburtsdatum

psgam

Datum der Polysomnographie (PSG)

gebgew

Geburtsgewicht

psggew

Gewicht bei PSG

ssw

Schwangerschaftswoche

uzei

Gesamtuntersuchungszeit

qs

Quiet sleep in min

as

Active sleep in min

maas

Mittlerer Atemausfall im active sleep in s/min

maqs

Mittlerer Atemausfall im quiet sleep in s/min

zak

Zentrale Apnoe 3 – 5 s (kurz)

zam

Zentrale Apnoe 6 – 10 s (mittel lang)

zal

Zentrale Apnoe 11 – 14 s (lang)

zasl

Zentrale Apnoe ≥ 15 s (sehr lang)

zamax

Längste zentrale Apnoe (maximal)

oak

Obstruktive Apnoe 6 – 9 s (kurz)

oal

Obstruktive Apnoe ≥ 10 s (lang)

oamax

Längste obstruktive Apnoe (maximal)

gemak

gemischte Apnoe 6 – 9 s (kurz)

gemam

gemischte Apnoe ≥10 – 14 s (mittel lang)

gemal

gemischte Apnoe ≥ 15 s (lang)

gemax

längste gemischte Apnoe

hy

Hypopnoen

hymax

Längste Hypopnoe (maximal)

ai

Apnoeindex (= alle Apnoen pro Stunde Schlaf)

rdia

Respiratory disturbance index im active sleep

rdiq

Respiratory disturbance index im quiet sleep

pa

Periodische Atmung

mhfa

Mittlere Herzfrequenz im active sleep / min

mhfq

Mittlere Herzfrequenz in quiet sleep / min

msaa

Mittlere Sauerstoffsättigung im active sleep in %

msaq

Mittlere Sauerstoffsättigung im quiet sleep in %

des90a

Desaturationen unter 90% im active sleep

des90q

Desaturationen unter 90% im quiet sleep

micoa

Mittlere CO2-Konzentration im active sleep in Torr (Kapnographie)

micoq

Mittlere CO2-Konzentration im quiet sleep in Torr (Kapnographie)

co50a

CO2 über 50 Torr im active sleep in % (Kapnographie)

co50q

CO2 über 50 Torr im quiet sleep in % (Kapnographie)

mafa

Mittlere Atemfrequenz im active sleep

mafq

Mittlere Atemfrequenz im quiet sleep

mitcco2a

Mittlere CO2-Konzentration transkutan im active sleep

mitcco2q

Mittlere CO2-Konzentration transkutan im quiet sleep

bf

Befund (1 = pathologisch; 0 = normal)

th

Theophyllinbehandlung (1=ja, 0=nein)

fst

Familienstand Mutter (1= alleinstehend; 0=Partner oder verheiratet)

rpp

Rauchen präpartal (vor Entbindung);

st

Stillen (1 = nie gestillt; 0 = gestillt)

fg

Frühgeburt (<37 SSW) folg. Spalten gilt: 1 = ja; 0 = nein

kr

Familienkrankheiten

kl23

Bei Entbindung jünger als 23 Jahre?

frsw

Vor aktueller Schwangerschaft (SS) bereits schwanger?

2js

In letzten 2 Jahren schwanger?

bron

Anamnese mit Bronchitis belastet?

epi

Epileptiker in Familie?

sid

Fälle Plötzlichen Säuglingstodes (SID) in Familie?

erbr

Während SS häufig erbrochen?

rr

Während SS häufig niedriger Blutdruck (RR)?

wbew

Kind während SS wenig bewegt?

medik

Zur Geburtseinleitung Medikamente erhalten?

sec

Geburt durch Kaiserschnitt (Sectio)?

kopn

Komplikationen beim Kind nach der Geburt?

ikt

Neugeborenengelbsucht (Ikterus)?

vers

Kind verschluckt sich häufig?

raupn

Rauchen nach der Entbindung?

schwi

Kind schwitzt stark?

bau

Kind wird in Bauchlage zum Schlafen gelegt?

tief

Kind schläft oft so tief, daß es kaum erweckbar ist?

ruhe

Kind oft sehr ruhig?

blß

Kind oft sehr blaß?

blu

Kind wird oft bei Belastung blau (oder bei Trinken)?

geschr

Kind hat aus Schlaf schon öfter jäh aufgeschrien?

apno

Kind macht häufige Atempausen?

4.4.2 Statistische Auswertung (Verfahren)

Die Polysomnographiedaten der 3 Verlaufsuntersuchungen (U1, 2, 3) stellen die Grundlage für die Berechnung von möglichen Normbereichen im Säuglingsalter dar. In die statistische Auswertung wurden nur die Kinder aufgenommen, die tatsächlich an den 3 vorgeschriebenen Untersuchungsterminen komplett polysomnographiert wurden. Neben der Häufigkeitsverteilung der Einzelmeßdaten wurden Signifikanztests zwischen den Untersuchungen (Vergleich U1 mit U2 und U2 mit U3) durchgeführt.

Nach Abschluß der polysomnographischen Messungen und deren manueller Aufarbeitung erfolgte die Auswertung der Risikofragebogen. Probanden die im Fragebogen bis maximal 4 Risikofaktoren für das Auftreten eines SID aufwiesen und 3 Polysomnographien erhalten hatten, wurden einer sogenannten Nicht-Risikogruppe (Gruppe 1), Kinder mit 5 und mehr Risikofaktoren, die ebenfalls 3 PSG-Untersuchungen hatten, einer sogenannten Risikogruppe (Gruppe 2) zugeordnet. Die polysomnographischen Meßergebnisse dieser beiden Gruppen wurden gleichfalls einem statistischen Vergleich unterzogen (Sachs 1984, Kreuyszig 1988).

Folgende statistischen Berechnungen bzw. Verfahren wurden durchgeführt bzw. angewendet:

Von allen Polysomnographieparametern, so z.B. Apnoeindex, Anteil periodischer Atmung, mittlerer Atemausfall in active- bzw. quiet sleep usw., wurden die sog. Extremwerte und [Seite 52↓]Ausreißer (Erläuterung siehe Kap. 4.3.3., Boxplotdarstellung) erfaßt. Untersucht wurde dann die Verteilung der „Extremwertpatienten“ und „Ausreißerpatienten“ auf die Nicht-Risikogruppe (Gr.1) bzw. die Risikogruppe (Gr.2).

4.4.3 Darstellung der Ergebnisse

Die Darstellung der statistischen Berechnungen erfolgt in tabellarischer Form, für die graphische Darstellung der Einzelwertparameter im longitudinalen Verlauf wurden die box – plot Form oder Balkendiagramme gewählt. In einem Boxplot sind als Ausreißer (mit * gekennzeichnet) Fälle mit Werten definiert, die zwischen 1,5 und 3 Boxlängen vom oberen oder unteren Rand der Box entfernt sind. Die Boxlänge entspricht dem Interquartilbereich. Extremfälle (mit ° gekennzeichnet) sind Werte, die mehr als 3 Boxlängen von der oberen oder unteren Kante der Box entfernt sind. Die Erstellung der Graphiken und Diagramme wurde in den Statistikprogrammen Excel® und SPSS® Base 8,0 durchgeführt.

Abbildung 35: Inhalt und Form einer Boxplot - Darstellung von 3 Einzelparametern


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14.02.2004