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7  Zusammenfassung

Entsprechend der Aufgabenstellung vorliegender Arbeit, können folgende praktische Ergebnisse zusammengefaßt werden.

Aufgabenkomplex Longitudinalstudie – Referenzwerte für Polysomnographien im Säuglingsalter – Methodik polysomnographischer Diagnostik

  1. Nach dreimaliger kompletter Polysomnographie an zufällig ausgewählten, gesunden Säuglingen können im longitudinalen Verlauf des ersten Lebensjahres Referenzbereiche für Schlaflaborparameter in Altersabhängigkeit definiert werden. Während verschiedene Parameter mit zunehmendem Alter signifikante Veränderungen aufwiesen, wie z.B. die Inzidenz zentraler, obstruktiver und gemischter Apnoen, der mittlere Atemausfall oder der respiratory disturbance index, so zeigten andere Meßbereiche keine signifikanten Abhängigkeiten vom Alter (die mittlere Sauerstoffsättigung, die transkutan gemessene mittlere CO2 – Konzentration oder die Inzidenz langer Obstruktionen oder Hypopnoen).
  2. Für alle Einzelparameter polysomnographischer Untersuchungen an Säuglingen werden Referenzgraphiken angeboten. Um die Vielzahl abgeleiteter Daten beurteilen zu können, wurden durch farbige Darstellung der Bereiche zwischen 25. und 75. Perzentile einfach überschaubare Normbereichsgraphiken geschaffen.
  3. Bei einem simultanen Anwendungsvergleich zwischen Thoraximpedanz und Induktionsplethysmographie konnte gezeigt werden, daß die Signalsicherheit beider Methoden keine signifikanten Unterschiede aufweist. Fehlerhaftes Erkennen oder Übersehen von Atempausen wurde bei beiden Verfahren in identischen Größenordnungen, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten, registriert. Bei regelrechter Anwendung der Methoden können sie in ihrer Wertigkeit als nahezu gleichrangig gelten, bei simultaner Nutzung aber erhöht sich die Meßgenauigkeit.
  4. Die in der Longitudinalstudie parallel eingesetzten CO2 – Meßverfahren, nämlich transkutane pCO2 - Bestimmung und endexspiratorische CO2 – Kapnographie, wurden statistisch hinsichtlich Signalqualität und Meßwertparallelität verglichen. Die individuell gemessenen Ergebnisse beider Methoden ergaben einen nahezu parallelen Verlauf. Bei Beachtung der jeweiligen Referenzbereiche kann geschlußfolgert werden, daß beide Untersuchungsmethoden als gleichwertig bei der CO2 – Messung einzustufen sind. Die Reaktionszeiten auf Veränderungen des CO2-Gehaltes im Blut oder in der endexspiratorischen Luft unterscheiden sich jedoch deutlich. Während die Kapnographie auch geringfügige Veränderungen nahezu momentan anzeigt, erfolgt die transkutane Meßwertangabe um ca. 3-5 sec verzögert. Die Kapnographie ist die sensiblere aber auch die anfälligere Methode (z.B. sehr empfindlich gegen hohen Feuchtigkeitsgehalt in der Ausatemluft).
  5. Für die Bewegungsregistrierung des untersuchten Kindes, die für die Schlafstadienbewertung bedeutsam ist, hat sich an Stelle eines Aktimeters eine in das Polygraphiesystem integrierte Bewegungsmatte bewährt.
  6. In Kapitel 4 (Methodik der Longitudinalstudie) wird der methodische Ablauf einer Säuglingspolysomnographie beschrieben und bildhaft erläutert (4.2.9).


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Aufgabenkomplex Bedeutung der Polysomnographie bei der Prävention des Plötzlichen Säuglingstodes – Zusammenhang SID und auffällige PSG – Heimmonitoring

  1. Allen Eltern bzw. Müttern jedes dritten Neugeborenen wurde 1997 im Carl – Thiem – Klinikum Cottbus (größte Klinik im Land Brandenburg) das Angebot zur Teilnahme an einem longitudinalen Präventionsprogramm zur Vermeidung plötzlicher Säuglingstodesfälle gemacht. Dazu wurden 236 Fragebögen zur Erfassung von SID – Risiken ausgegeben, von denen 89 ausgewertet werden konnten.
  2. Zu einer ersten polysomnographischen Untersuchung erschienen 72 Kinder mit einem durchschnittlichen Alter von 41 Tagen. Im Alter von etwa 3 Monaten erhielten von den genannten Säuglingen 57 eine zweite Ganznachtpolysomnographie. Davon wurden zum Ende des ersten Lebensjahres 31 Kinder ein drittes Mal im Schlaflabor untersucht. Für den Einsatz der Polysomnographie im Rahmen von Präventionsprogrammen wurde ein Stufenschema entwickelt (Kap. 4.1.4, S. 41).
  3. Retrospektiv, d.h. nach Vollendung des ersten Lebensjahres und nach Durchführung von 3 kompletten Nachtschlafuntersuchungen und orientiert am epidemiologischen Verlauf des plötzlichen Säuglingstodes, wurden die Risikofragebögen analysiert. Der häufigste Risikofaktor war in der Studiengruppe das fehlende oder kurze Stillen (unter 6 Wochen) vor der Notwendigkeit einer medikamentösen Therapie zur Geburtseinleitung. Besonders häufig traten die Faktoren: Rauchen vor der Geburt, Frühgeburtlichkeit, Alter der Mutter jünger als 23 Jahre, während der Schwangerschaft häufig niedriger Blutdruck und häufiges Verschlucken des Kindes, auf. Die Tatsache, daß kein Kind in Bauchlage zum Schlafen gelegt wurde, spricht für die gute Aufklärung der Bevölkerung über das Phänomen SID.
  4. Das Rauchen der Mutter scheint mit zunehmendem Alter des Säuglings mit einer steigenden Inzidenz obstruktiver Apnoen im Schlaf zu korrelieren.
  5. Auf der Basis der erarbeiteten Referenzwerte ließen sich Probanden mit auffälligen polysomnographischen Befunden erfassen. In Auswertung der Fragebögen wurden die Studienkinder in „Nichtrisikokinder“ (0 – 4 Faktoren) und „Risikokinder“ (5 und mehr Risikofaktoren) unterteilt.
  6. Es gelang nicht, signifikante Zusammenhänge zwischen Säuglingen mit auffälligen Polysomnographien einerseits und dem Auftreten epidemiologisch gesicherter SID – Risikofaktoren (wie z.B. Bauchlage, Rauchen vor oder nach der Schwangerschaft u.a.) andererseits, nachzuweisen.
  7. Allen Eltern die mit ihren Kindern an der Longitudinalstudie teilnahmen (72) wurde die kostenlose Anwendung eines Heimmonitors mit Event-Speicheroption angeboten. Anfänglich entschieden sich fast 74% primär für die Nutzung eines Überwachungsgerätes. Bereits im Laufe von nur etwa 10 – 12 Wochen beendeten ca. 50% der Eltern das Monitoring ihrer Kinder. Zusammenfassend ist festzustellen, daß die Skepsis oder Ablehnung der Eltern gegenüber einer technisierten Überwachung größer ist als die Angst um ihr Kind.
  8. Die im Rahmen der Longitudinalstudie eingesetzten Heimmonitore mit Event-Recording führten zu keinem meßbaren Rückgang plötzlicher Säuglingstodesfälle. Im südbrandenburgischen Raum ist die Bereitschaft der Eltern einen Monitor zur häuslichen Schlafüberwachung des Säuglings zu nutzen nur mäßig ausgeprägt. Die Alarmhäufigkeit der eingesetzten Geräte war hoch und stellte den häufigsten Grund dar, die Überwachung zu beenden
  9. Die derzeit am Markt befindlichen Monitore mit Speicheroption (ohne Pulsoximetrie) ermöglichen aber auch eine bessere Artefakterkennung. Eine unvermeidbar hohe Fehlalarmquote macht die Geräte bedienerunfreundlich und führt somit letztlich zur Ablehnung. Dies gilt vor allem dann, wenn der Heimmonitor bei einem prinzipiell klinisch gesunden Kind, beispielsweise zur Prävention eines gefürchteten Säuglingstodes, eingesetzt werden soll.
  10. In der Gruppe der 236 durch Fragebögen im Jahr 1997 erfaßten Kinder, wurde kein Fall eines plötzlichen Säuglingstodes registriert. Auch 1997 blieb die SID-Inzidenz im Land Brandenburg, bei einer Geburtenrate von fast 12.000 Neugeborenen, unter der 1‰ Grenze.


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Aufgabenkomplex Zusammenhang Anämie und auffällige Polysomnographie

In einer Parallelstudie mit 9 anämischen Säuglingen konnte nachgewiesen werden, daß der bekannte pathophysiologische Zusammenhang zwischen Anämie und Atmungsregulationsstörung polysomnographisch verifizierbar ist. Wenn es gelingt, auch nur in Einzelfällen, anämiebedingte, ausgeprägte Störungen von Vitalparametern objektiv darzustellen, kann die Indikation für eine evtl. nötige Bluttransfusion besser begründet werden.


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14.02.2004