G-Protein gekoppelte Rezeptoren (G protein-coupled receptors, GPCRs) stellen eine der größten Familien membranständiger Rezeptoren an Zelloberflächen des menschlichen Organismus dar (siehe http://www.gpcr.org/7tm). Durch den Empfang verschiedenster extrazellulärer Signale, wie zum Beispiel Hormone, Neurotransmitter, visuelle, gustatorische und olfaktorische Signale, und deren Übertragung in das Zellinnere, sind sie beteiligt an der Kontrolle physiologischer Vorgänge und unseres Verhaltens. Diese zentrale Bedeutung von GPCRs macht deutlich, dass sie in pathologische Prozesse und zahlreiche Krankheiten, wie kardiovaskulären und mental-psychischen Störungen, Degeneration der Netzhaut, Krebs und AIDS involviert sein können [1,2,3,4,5]. Zudem entsprechen über 3% der menschlichen Gene GPCR-Genen, weshalb GPCRs pharmakologisch von sehr großer Bedeutung sind und mehr als die Hälfte aller neu eingeführten Arzneistoffe gegen diese Rezeptoren gerichtet sind, um deren Wirkung zu stimulieren oder zu blockieren [6,7].
Die Bindung von spezifischen extrazellulären Liganden induziert in GPCRs eine Konformationsänderung, wodurch diese aktiviert werden (siehe z. B. Übersichtsartikel [8]*). Der so aktivierte Rezeptor (R*) kann dann auf der Innenseite der Zellmembran interagierende heterotrimere G-Proteine, bestehend aus einer Gα· GDP [Seite 2↓] Untereinheit und einem Dimer aus einer Gβ und einer Gγ Untereinheit, durch Nukleotidaustauschkatalyse aktivieren [9] [10]*. Nach erfolgtem GDP→ GTP Austausch, können Gα· GTP und das Gβγ Dimer ihrerseits als Transducer durch Protein-Protein-Interaktion das extrazelluläre Signal an intrazelluläre Effektorproteine weiterleiten (Abbildung 1, Hofmann & Ernst (2001), Ref. [8]*). Topologisch zeichnen sich GPCRs durch sieben Helices aus, die die Zellmembran durchspannen, weshalb sie auch Sieben-Transmembran-Rezeptoren (7TM-Rezeptoren) genannt werden. Die intrazellulären Peptidschleifen verbinden die Transmembranhelices und leiten das Signal für den Nukleotidaustausch zum G-Protein weiter [11,12,13] [14]*. Zusammen mit dem C-terminalen Bereich bilden sie die cytosolische Domäne.
Rhodopsin ist das Sehpigment in der Stäbchenzelle der Säugetierretina und dient dem Sehen bei Dämmerlicht ([15], siehe Abbildung 4, Hofmann & Ernst (2001), Ref. [8]*). Es ist der Archetyp der größten von drei GPCR-Familien, der Familie der Rhodopsin-ähnlichen GPCRs, die mehr als 90% aller GPCRs umfasst [16,17,18]. Durch zahlreiche Studien seit der Klonierung von Rhodopsin im Jahr 1983 [19] konnten viele für GPCRs grundlegende Prinzipien aufgeklärt werden. Dies war nicht zuletzt deshalb möglich, weil Rhodopsin etwa 90% der Membranproteine in Diskmembranen des Stäbchenaußensegments ausmacht, und Techniken zur Reinigung großer Mengen von funktionellem Protein entwickelt wurden. Über das G-Protein der Stäbchenzelle, das Transducin, Gt, wird Rhodopsin an den Effektor, eine cGMP spezische Phosphodiesterase, gekoppelt und kann so den Spiegel des second messenger cGMP senken. Dies führt zur Hyperpolaristaion der Plasmamembran durch Schließung cGMP-abhängiger Kationenkanäle und somit zur Umwandlung eines Lichtsignals in ein elektrisches Signal.
Als Sehpigment besteht Rhodopsin aus einem Apoprotein (Opsin) und einem Chromophor, der lichtempfindlichen prosthetischen Gruppe Retinal. Dieses Aldehyd-Derivat des Vitamin A ist im Grundzustand des Rhodopsins in der 11-cis -Konformation kovalent als inverser Agonist gebunden (Abbildung 1, Ernst & Bartl (2002), Ref. [20]*). Absorbiert Rhodopsin ein Photon, so isomerisiert das Retinal in die agonistische all-trans -Konformation und leitet damit die Aktivierungsreaktion des Rhodopsins ein, die nach Millisekunden zu einer aktiven Rezeptorkonformation [Seite 3↓] R* führt [20,21,22,23]*. Die Ausbildung von R* ist mit dem Durchlaufen verschiedener Photoprodukte mit charakteristischen spektralen Absorptionseigenschaften verbunden und erlaubt vielfältige spektroskopische Untersuchungen (Übersicht in [24,25,26,27] und [20,22]*). Auch sind aus EPR-, NMR- und Fluoreszenzdepolarisationsuntersuchungen Informationen über die Proteindynamik im dunkeladaptierten Grundzustand und lichtaktivierten Zustand bekannt [28,29,30,31]. Die Möglichkeit der Signaltriggerung durch Licht bei Rhodopsin hat gegenüber anderen GPCRs den Vorteil, dass Untersuchungen zum Aktivierungsmechanismus erleichtert werden.
Vor kurzem konnte auch die Kristallstruktur des inaktiven Rhodopsin Grundzustandes gelöst werden [32,33,34]. Sie stellt einen Durchbruch in der GPCR Forschung dar, weil sie die bislang einzige bekannte Struktur eines GPCR ist, und die Modellierung anderer GPCRs erlaubt [35]. Beim Rhodopsin wurden bereits zuvor wichtige Meilensteine der GPCR Forschung erreicht. Hierzu gehören die Bestimmung der Primärstruktur [19,36,37], der Einsatz des ersten synthetischen GPCR Gens [38], die Herstellung rekombinanter Zelllinien zur Expression großer Rezeptormengen [39], und die Detektion von Konformationsänderungen bei der Rhodopsinaktivierung [40]. Auch wurde mit Transducin, dem ans Rhodopsin koppelnden G-Protein, die erste Kristallstruktur eines G-Proteins gelöst [41,42].
Obwohl viel über dieses Rezeptor/G-Proteinsystem bekannt ist, sind entscheidende Fragen noch unbeantwortet: Wie wird Rhodopsin durch Isomerisierung des Retinals aktiviert? Wie katalysiert Rhodopsin den Nukleotidaustausch im Transducin? Abbildung 2 in Hofmann & Ernst (2001), Ref. [8]* zeigt identifizierte Interaktionsstellen an Rhodopsin und Transducin, jedoch ist weder eine räumliche noch temporale Zuordnung der zugehörigen Bindungsstellen bekannt. In den folgenden drei Abschnitten werden meine Beiträge im Rahmen meiner Habilitation zur Beantwortung dieser Fragen diskutiert.
[Seite 4↓] Übersichtsarbeiten zu Abschnitt 1 Einleitung:
Hofmann, K.P. & Ernst, O.P. (2001) Vom Licht zum Sehen - Biophysik der visuellen Signaltransduktion. Z. Med. Phys. 11, 217-225.
Ernst, O.P. & Bartl, F.J. (2002) Active States of Rhodopsin. Chembiochem 3, 968-974.
Okada, T., Ernst, O.P., Palczewski, K., & Hofmann, K.P. (2001) Activation of G-protein-coupled receptors: New insights from structural and biochemical studies of rhodopsin. Trends Biochem. Sci. 26 , 318-324. 6759163
Ernst, O.P., Hofmann, K.P., & Palczewski, K. (2003) Vertebrate rhodopsin. Invited review. In: Photoreceptors and Light Signalling, Batschauer, A., ed., Royal Society of Chemistry, Cambridge, UK.
Hofmann, K.P., Jäger, S., & Ernst, O.P. (1995) Structure and function of activated rhodopsin. Invited review. Isr. J. Chem. 35, 339-355.
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