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5  Anwendungsbeispiele

5.1 Bedeutung des HLA-matching bei old-for-old Allokation

5.1.1 Fragestellung

Ein typisches Einsatzgebiet für Beobachtungsstudien ist die Evaluation von Organisationsaspekten der Patientenversorgung, da es oft kaum möglich ist, Patienten randomisiert verschieden organisierten Behandlungsformen zuzuweisen. In der Nierentransplantation besteht eine zentrale Organisationsfrage darin, mit welchem Allokationsalgorithmus die Spenderorgane den Empfängern zugeteilt werden.
Angesichts der zunehmenden Zahl älterer Patienten und Zweifeln an der Eignung von Organen älterer Spender für junge Empfänger wurde mit Wirkung vom 1.1.1999 eine spezielle Allokation der Organe älterer Spender exklusiv an ältere Empfänger für die Eurotransplant-Länder beschlossen (Eurotransplant Senior Program, ESP, [25]). Auf der Basis physiologischer Überlegungen wurde entgegen dem für jüngere Patienten geltenden Allokationsalgorithmus [26] zugunsten kürzerer Ischämiezeiten auf die Berücksichtigung der HLA-Kompatibilität verzichtet, da bei älteren Empfängern ein niedrigeres Abstoßungsrisiko [27] und bei älteren Spendern eine erhöhte Ischämieanfälligkeit [28] erwartet wurde. Die Überprüfung dieser Hypothesen durch randomisierte Zuweisung von Patienten zu den verschiedenen Allokationsverfahren hätte jedoch unüberwindbare organisatorische, juristische und ethische Probleme aufgeworfen. Vom Eurotransplant Board wurde eine Evaluation dieses Programms beschlossen, die jedoch aufgrund mangelnder Ergebnis-Rückmeldung der beteiligten Zentren zunehmende Probleme aufwarf. Hier bot die Datenbank der Charité mit insgesamt 140 nierentransplantierten Senioren eine alternative Beurteilungs­möglichkeit. In der durchgeführten Analyse sollten insbesondere die Auswirkungen der HLA-unabhängigen Allokation auf den Behandlungserfolg betrachtet werden.

5.1.2 Methodik

Aus der anonymisiert gepoolten Datenbank der Transplantationsprogramme Virchow und Mitte der Charité wurden alle im ESP durchgeführten Transplantationen identifiziert und mit allen Empfängern, die mit über 60 Jahren eine nach dem HLA-abhängigen Algorithmus zugeteilte Niere erhielten, verglichen. Untersucht wurden Wahrscheinlichkeit und Zeitpunkt des Auftretens einer Transplantatabstoßung und deren Auswirkungen auf Transplantat­überleben und die Notwendigkeit einer Hospitalisierung.


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5.2  Testosteronspiegel unter Sirolimus-Therapie

5.2.1 Fragestellung

Die Untersuchung von Medikamenten-Nebenwirkungen nach der Marktzulassung der Präparate ist ebenfalls ein typisches Einsatzgebiet für datenbankgestützte Beobachtungsstudien [29]. Dies insbesondere für Nebenwirkungen, die entweder in den für die Zulassung durchgeführten Studien nicht untersucht wurden oder die so selten sind, dass die Patientenzahlen in den Zulassungsstudien zu ihrer Entdeckung zu gering sind.

Das neue Immunsuppressivum Sirolimus wurde 1999 für die Behandlung von Nierentransplantatempfängern zugelassen. In den bei den Zulassungsbehörden eingereichten Unterlagen sind die Ergebnisse zahlreicher Tierversuche zu den möglichen Nebenwirkungen von Sirolimus enthalten. In mehreren dieser Studien wurde eine Atrophie der Hoden bei männlichen Tieren beobachtet [30, 31], aber in den veröffentlichten klinischen Studien finden sich keine Angaben zur Hodenfunktion oder Testosteronspiegeln [32, 33, 34].

Angesichts der steigenden Zahl von Sirolimus-behandelten Patienten und vereinzelten Berichten von männlichen Patienten über Impotenz-Probleme wurden die in der Datenbank der Charité Campus Mitte gespeicherten Hormonprofile von Sirolimus-behandelten Patienten mit denen von Patienten unter anderen immunsuppressiven Regimen verglichen.

5.2.2 Methodik

Verglichen wurden die Spiegel von Testosteron, luteinisierendem Hormon, Follikel-stimulierendem Hormon und Prolactin unter Sirolimus-Therapie mit den jeweiligen Spiegeln unter Sirolimus-freier Therapie. Da die Auswahl des immunsuppressiven Regimes nicht per Zufall erfolgt, galt es eine Korrektur für zu erwartende relevante Unterschiede zwischen den Patientengruppen (Confounder) zu erzielen. Dazu wurde ein Fall-Kontroll-Design gewählt, bei dem jedem Fall (hier: Sirolimus-Behandlung) ein Kontroll-Patient (hier: Sirolimus-frei) mit möglichst ähnlicher Ausprägung der vorab als mögliche Confounder identifizierten Eigenschaften (Geschlecht, Alter, Transplantatfunktion) zugeordnet wurde. Der Erfolg der Zuordnung kann durch Vergleich der Confounder zwischen den Gruppen überprüft werden. Im Gegensatz zu einer randomisierten Verteilung lässt sich jedoch keine Gleichverteilung für nicht als mögliche Confounder erkannte Faktoren erzielen.


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5.3  Wertigkeit des C2-Monitoring der Cyclosporin-Therapie

5.3.1 Fragestellung

Werden neue diagnostische Verfahren propagiert sollten diese im Idealfall zunächst durch Ergebnisse randomisierter Studien belegt werden. Ist die Durchführung solcher Studien angesichts des vergleichsweise hohen Aufwandes oder aus anderen Gründen nicht möglich, bieten klinische Datenbanken die Möglichkeit einer prospektiven Überprüfung mit weit geringerem Aufwand.

Ein Beispiel für eine derartige Situation ist die Einführung des C2-Monitorings der Cyclosporin-Therapie: Die Prophylaxe der Transplantatabstoßung mit Cyclosporin erfordert eine Blutspiegel-Überwachung (Monitoring), da das individuelle Ausmaß der Resorption und Verteilung des Medikaments nicht vorhersagbar ist und über einen weiten Bereich streuen kann. Sowohl Unterdosierung als auch Überdosierung sind gefährlich (Abstoßung bzw. Toxizität und Überimmunsuppression). Das Monitoring-Verfahren mit der besten Vorhersagekraft für diese klinisch relevanten Ereignisse ist anerkanntermaßen die Bestimmung der Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve (AUC-Monitoring) [35]. Das AUC-Monitoring erfordert jedoch zahlreiche Blutspiegelbestimmungen über einen Zeitraum von 12 Stunden und ist damit im Alltag nicht praktikabel. Trotz bekannter schlechter Korrelation mit der AUC und klinischen Ereignissen wird daher das Monitoring in der Praxis über Talspiegelbestimmungen (C0) durchgeführt [36]. Ungefähr zeitgleich mit dem Markteintritt generischer Cyclosporin-Produkte begann die Novartis AG die Umstellung auf ein Spitzenspiegel-Monitoring (C2) zu propagieren. Da die C2-Werte besser als die C0-Werte mit der AUC korrelieren, wurde postuliert, dass das C2-Monitoring die Ergebnisse der Nierentransplantation verbessern würde [37]. Die Einführung des C2-Monitoring wurde propagiert, obwohl Experten darauf hinwiesen, dass keine überzeugenden Belege für den klinischen Nutzen vorlagen [38, 39]. Da keine Mittel für eine randomisierte Bewertung des Nutzens des C2-Monitorings zu beschaffen waren, wurde an der Charité eine auf das klinischen Datenbanksystem gestützte, prospektive Beobachtungsstudie durchgeführt, um zu untersuchen, welchen Nutzen das C2-Monitoring in der Langzeitversorgung Nierentransplantierter erbringt.

5.3.2 Methodik

Die Studie wurde in die routinemäßige Patientenversorgung integriert. Die gesamte Dokumentation erfolgte unabhängig von der Studie über die elektronische Patientenakte [Seite 16↓](Dosierungen, Blutspiegel, klinische Ereignisse), so dass der Zusatzaufwand auf die Aufklärung/Einwillung der Patienten und die C2-Spiegel-Bestimmung begrenzt war.

Über einen Zeitraum von 1 ½ Jahren wurde bei 127 Patienten zusätzlich zum C0-Spiegel der C2-Spiegel bestimmt. Die Dosierung erfolgte weiter anhand des C0-Spiegels. Bei der Auswertung der Ergebnisse wurde dann retrospektiv untersucht, welche C2-Spiegel mit unerwünschten Ereignissen einhergingen und wie gut die C2-Spiegel mit dem Risiko unerwünschter Ereignisse korrelierten.


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5.4  Mycophenolatbedarf in Abhängigkeit von der IMPDH-Aktivität

5.4.1 Hintergrund

Mycophenolat Mofetil (MMF) ist ein neueres Immunsuppressivum dessen Wirksamkeit für die Prophylaxe von Nierentransplantatabstoßungen in mehreren großen randomisierten Studien gut belegt ist [40]. MMF wirkt über die Hemmung der Inosin-Monophosphat-Dehydrogenase (IMPDH), einem Schlüsselenzym im Lymphozyten-Stoffwechsel [41]. In einer weiteren Zulassungsstudie wurde gezeigt, dass die Wirksamkeit und das Auftreten von Nebenwirkungen mit der Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve korrelieren. Bisher wurde jedoch noch keine praktikable Methode für ein pharmakokinetisches Monitoring gefunden [42]. Daher erhalten alle Patienten die gleiche Dosierung von 2 x 1 g /Tag. Bei dieser Dosierung sind jedoch relativ häufig Dosisreduktionen aufgrund von Nebenwirkungen erforderlich: In Beobachtungsstudien lag der Anteil der Patienten, bei denen Nebenwirkungen eine Dosisreduktion erforderlich machen, bei 40 – 70% [43, 44]. Diese Dosisreduktionen sind mit einem erhöhten Risiko akuter Transplantatabstoßungen assoziiert [44]. In einer vorausgegangenen Studie konnten wir zeigen, dass die IMPDH-Aktivität individuell sehr unterschiedlich ist [45], so dass auch vor diesem Hintergrund das Dosierungskonzept „one size fits all“ für MMF wenig sinnvoll erscheint. Mit der Möglichkeit die individuelle IMPDH-Aktivität zu messen, eröffnet sich möglicherweise ein Weg zur individuell angepassten MMF-Dosierung. Zur Überprüfung dieser Hypothese wurde zunächst im Rahmen der etablierten elektronischen Patientenakte eine Studie zur prognostischen Wertigkeit der vor Transplantation gemessenen IMPDH-Aktivität durchgeführt.

5.4.2 Methodik

Bei Patienten, die sich zur Teilnahme an der Studie bereit erklärten, wurde direkt vor der Nierentransplantation die IMPDH-Aktivität gemessen. Die Patienten erhielten alle 2 x 1 g MMF pro Tag als initiale Dosierung. Unabhängig von der gemessenen IMPDH-Aktivität wurde die Dosis – wie bisher üblich und empfohlen – beim Auftreten von Nebenwirkungen reduziert. Die Ärzte wurden nicht über die Ergebnisse der IMPDH-Messung informiert, um das Dosierungsverhalten nicht zu beeinflussen.

Alle Dosisänderungen, Transplantatabstoßungen, Nebenwirkungen und das Transplantatüberleben wurden in der klinischen Datenbank dokumentiert. Bei der Auswertung wurde der prädiktive Wert der IMPDH-Aktivität für Merkmale der [Seite 18↓]Überdosierung (Nebenwirkungen, Infektionen) und der Unterdosierung (Abstoßungsepisoden) berechnet.


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5.5  Bewertung von Kreatinin-Verläufen mittels Case-Based-Reasoning

5.5.1 Fragestellung

Neben den bisher dargestellten klassischen Beobachtungsstudiendesigns eröffnen klinische Datenbanken die Anwendung innovativer Verfahren der Informationsgewinnung. Diese Verfahren basieren auf der Prämisse, dass in den gesammelten Daten inhärentes Wissen des Gebietes (inherent domain knowledge) enthalten ist und das die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Daten nicht notwendigerweise linear sind [46]. Mit Algorithmen, die nicht auf lineare Zusammenhänge angewiesen sind, kann das inhärente Wissen maschinell aus den Daten extrahiert (erlernt) werden. Diese auch als „künstliche Intelligenz“ bezeichneten Lernverfahren werden grob in „eager learning“ und „lazy learning“ Verfahren eingeteilt. Zu den ersteren gehören neuronale Netze, Bayes Netze und Markov Modelle [47], zu letzteren das Fall-basierte Schließen (Case-based Reasoning, CBR) [48]. Bei Fall-basierten Schließen werden zur Lösung eines Problems die ähnlichsten Fälle der Vergangenheit aus der Datenbasis gesucht und die bekannten Ausgänge dieser Fälle zur Bewertung (Lösung) des Problemfalles verwendet. Die Bezeichnung „lazy learning“ rührt aus dem Umstand, dass für dieses Verfahren kein vorheriges Training des Algorithmus erforderlich ist. Es wird immer die jeweilige Fallbasis genutzt, womit das CBR besonders für kontinuierlich wachsende Datenbasen geeignet ist.

In der Nachsorge Nierentransplantierter werden die neu gemessenen Nierenfunktions­parameter auf dem Hintergrund des bisherigen Verlaufes individuell betrachtet. Aus dieser Betrachtung werden Entscheidungen über das notwendige weitere Vorgehen abgeleitet (z. B. Transplantatbiopsie, Durchführung einer Kontrolluntersuchung am nächsten Tag oder keine Aktivitäten bis zum nächsten Routinetermin). Die Anwendbarkeit des Fall-Basierten Schließens auf dieses Problem wurde anhand der Kreatinin-Verläufe in der Datenbank der Charité untersucht.

5.5.2 Methodik

Aus der Datenbank wurden die Kreatinin-Verläufe extrahiert. Dem letzten Messwert wurde jeweils die Information zugeordnet, ob ein kritisches Ereignis (akute Transplantatabstoßung) zu diesem Zeitpunkt vorlag oder nicht. Untersucht wurde die Präzision mit der der CBR-Algorithmus ein kritisches Ereignis aufgrund des Kreatinin-Verlaufes vorhersagt. Die [Seite 20↓]gefundene Präzision wurde mit der Präzision der Beurteilung der gleichen Verläufe durch in der Nierentransplantation tätige Ärzte verglichen.


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01.09.2004