6 PERSPEKTIVEN FÜR DIE WEITERE FORSCHUNG

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Da Kortisol und die synthetischen Glukokortikoide ihre Effekte prinzipiell über die gleichen Glukokortikoid-Rezeptoren entfalten, ist die Vermeidung von Nebenwirkungen einer Glukokortikoid-Therapie durch alleinige Strukturveränderungen am Molekül relativ erfolglos geblieben. Ein Durchbruch wurde mit der Einführung verschiedener topischer Formen von Glukokortikoiden erzielt, mit denen hohe lokale Konzentrationen am Wirkort erzielt werden, während systemische Nebenwirkungen durch die topische Applikation minimiert werden. Für die verschiedenen topischen Darreichungsformen von Glukokortikoiden ist das Potential für systemische Nebenwirkungen bisher allerdings nur unzureichend untersucht. Die vorgestellten Arbeiten leisten einen Beitrag zur Charakterisierung der Nebenwirkungen systemischer und topischer Darreichungsformen von Glukokortikoiden am Auge.

Zur umfassenderen Charakterisierung des Risikoprofils topischer Glukokortikoide sind jedoch weiterführende Untersuchungen notwendig:

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  1. Unsere Ergebnisse demonstrieren ein erhöhtes Risiko von okulärer Hypertension, Offenwinkelglaukom und Katarakt unter einer längerdauernden, hochdosierten inhalativen Glukokortikoid-Therapie. Das Risiko dieser Therapie sollte auch für weitere klinische Endpunkte untersucht werden. Zur Zeit konzentrieren sich die Studien auf Untersuchungen zur Wachstumshemmung bei Kindern und Osteoporose. Das Risiko könnte auch für arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus, Anstieg der Infektionsneigung etc. erhöht sein, was in pharmakoepidemiologischen Untersuchungen ermittelt werden sollte.
  2. Niedrige und mittlere Tagesdosen inhalativer Glukokortikoide sollten gesondert analysiert werden, um die Frage zu beantworten, ob es eine ‚sichere‘ Dosis bei der inhalativen Glukokortikoid-Therapie gibt. Dies ist von unmittelbarer praktischer Relevanz, da eine niedrig dosierte inhalative Glukokortikoid-Therapie in Kombination mit einem langwirkenden inhalativen ß2-Sympathomimetikum die gleiche Wirksamkeit bei Asthmatikern aufweist wie eine hochdosierte inhalative Glukokortikoid-Therapie.212 Unsere Ergebnisse machen es erforderlich, das Kataraktrisiko für niedrige und mittlere Tagesdosen inhalativer Glukokortikoide über längere Therapiezeiträume stratifiziert zu untersuchen.
  3. Das Risiko okulärer Nebenwirkungen und weiterer klinischer Endpunkte sollte für einzelne Wirkstoffe inhalativer Glukokortikoide gesondert untersucht werden. Weiterhin sollten die unterschiedlichen Inhalationssysteme in der Analyse des Risikos berücksichtigt werden. Es erscheint möglich, daß die Glukokortikoid-Inhalation mittels Trockenpulverinhalator aufgrund der höheren Wirkstoffdeposition in der Lunge vermehrt zu systemischen Nebenwirkungen führt.
  4. Für eine bessere pharmakokinetische Charakterisierung der einzelnen Wirkstoffe und orientierende Abschätzung des Nebenwirkungspotentials sind Untersuchungen zur absoluten Bioverfügbarkeit nach nasaler Applikation einzelner Glukokortikoide wünschenswert. Es sollte untersucht werden, ob Beclomethasondipropionat ähnlich wie in der Lunge auch in der nasalen Mukosa zum aktiveren Metaboliten Beclomethasonmonopropionat metabolisiert wird. Zwar läßt es unsere Untersuchung möglich erscheinen, daß das systemische Nebenwirkungspotential in den angewendeten Dosierungen für nasale Glukokortikoide geringer ist als für inhalative Glukokortikoide, doch sollte dies auch für das Kataraktrisiko nach nasaler Applikation bestätigt werden.
  5. Es ist weitere Grundlagenforschung erforderlich, um die pathophysiologischen Mechanismen der Glukokortikoid-induzierten okulären Hypertension und Katarakt aufzuklären. Obwohl gerade auf dem Gebiet der Glukokortikoid-induzierten okulären Hypertension in der Vergangenheit viele experimentelle Untersuchungen durchgeführt wurden, ist die Bedeutung der einzelnen diskutierten Erkrankungsmechanismen unklar. Zwar führte der Nachweis der durch Glukokortikoide induzierten Synthese des TIGR-Proteins in Trabekelzellkulturen letztlich zur Klonierung des sog. TIGR-Gens, doch ist die Bedeutung dieses Proteins für die Glukokortikoid-induzierte okuläre Hypertension unklar und auch der Zusammenhang zwischen Steroidglaukom und Mutationen des TIGR-Gens. Mutationen des TIGR-Gens wurden bisher nur bei bestimmten Formen des POWG gehäuft nachgewiesen wie z.B. beim juvenilen POWG. Auch ist die Frage weiterhin nicht geklärt, welche Beziehung zwischen der Vererbung der Glukokortikoid-induzierten okulären Hypertonie (‚High-Responder-Status) und der Vererbung des POWG besteht.


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25.10.2005