[Seite 4↓]

1.  Einleitung

Die erste erfolgreiche Nierentransplantation (NTX) beim Menschen wurde am 23.12.1954 durch Joseph E. Murray am Peter Bent Brigham Hospital in Boston, USA, durchgeführt. Sie war gleichzeitig die erste erfolgreiche Lebendspende-Nierentransplantation (LNTX). Das zwischen eineiigen Zwillingen übertragene Organ ermöglichte dem Empfänger ein dialysefreies Überleben von 9 Jahren, bevor dieser an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb71. Es folgten die erste Allograft-Lebendnieren-Transplantation zwischen genetisch nicht identischen männlichen Zwillingen (1959) und die erste Allograft-Transplantation mit Organen eines verstorbenen Spenders (1961) 70.

Das zunehmende Verständnis immunologischer Mechanismen führte zu Weiterentwicklungen der medikamentösen Abstoßungsprophylaxe nach Organtransplantation. Neue Immunsuppressiva wie Azathioprin (1966)10, ATG (1968)98 und Cyclosporin (1979)5 verbesserten das Transplantat- und Patientenüberleben und führten zu einem weiteren Ausbau der Transplantationsmedizin. Zusätzlich wurden die operativen Verfahren für Organentnahme und -übertragung sowie die Organkonservierung und der Organtransport optimiert und standardisiert 37. Mittlerweile sorgen internationale und nationale Organisationen für eine optimale Strukturierung und Logistik im Bereich der Transplantationsmedizin. Heute, nur 50 Jahre nach der ersten erfolgreichen LNTX, stellt die Nierentransplantation als Standardverfahren sowohl bezüglich des Überlebens als auch der Lebensqualität des Empfängers die beste Therapie des terminalen Nierenversagens dar 26, 111.

In Deutschland wurde die erste allogene Nierentransplantation 1963 durch die Urologen Wilhelm Brosig und Reinhard Nagel in Berlin durchgeführt. Die Empfängerin verstarb jedoch 6 Tage nach der Transplantation an einer Blutungskomplikation. Der erste Langzeiterfolg stellte sich 1964 nach der Lebendnierenspende einer Mutter für ihre Tochter ein23. Weitere Nierentransplantationen in der BRD und der DDR (erste NTX 1966) folgten, mit Schwerpunkten in München, Heidelberg, Hannover, Berlin und Halle. Unterstützt durch die Erfahrungen aus experimentellen Arbeiten im Bereich der [Seite 5↓]Transplantationsimmunologie und Organkonservierung wurde die Nierentransplantation auch in Deutschland zur akzeptierten Heilmethode terminal niereninsuffizienter Patienten23,64. In den 40 Jahren seit der ersten Nierentransplantation in Deutschland sind hier über 45.000 Nieren transplantiert worden.

Im Dezember 1997 trat das erste deutsche Transplantationsgesetz in Kraft. Vorher galt für die BRD lediglich ein selbstauferlegter Transplantationskodex als rechtliche Grundlage (erweiterte Zustimmungslösung), während die Organentnahme und -transplantation in der DDR schon seit 1975 durch eine gesetzliche Verordnung (Widerspruchslösung) geregelt war. Mit Inkrafttreten des Gesetzes von 1997 wurde einerseits Rechtssicherheit im Bereich der Organtransplantation geschaffen, andererseits wurden auch die Zuständigkeiten innerhalb der Organtransplantation festgelegt 19. Organspende bei Verstorbenen, Organvermittlung und die eigentliche Transplantation werden demnach von unterschiedlichen Organisationen betreut. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) koordiniert die Vorbereitung und Durchführung der Organspenden verstorbener Donoren. Die Allokation der Spenderorgane erfolgt entsprechend ständig aktualisierten Vergaberichtlinien, welche ein optimales Ergebnis der Transplantation ermöglichen sollen, über Eurotransplant (ET), einem Verbund, dem Deutschland, Holland, Österreich, Belgien, Luxemburg und Slowenien angehören. Die Evaluierung von Organempfängern und Lebendspendern, die Betreuung der Patienten auf der Warteliste, sowie die eigentliche Transplantation und die unmittelbare postoperative Versorgung ist Aufgabe der einzelnen Transplantationszentren.

Die Zahlen der Nierentransplantation nach postmortaler Nierenspende in Deutschland lagen in der letzten Dekade konstant um 2000 pro Jahr und konnten trotz der medizinischen und organisatorischen Weiterentwicklung nicht gesteigert werden. Auch hier, wie in allen übrigen Ländern, besteht eine zunehmende Diskrepanz zwischen Nierenangeboten und Patienten auf der Warteliste für eine Nierentransplantation 19. Annähernd 10.000 Patienten warten aktuell in Deutschland auf eine Niere. Eine zunehmende Anzahl an Wartenden verstirbt während der Wartezeit, die sich ständig verlängert und aktuell bei 4-5 Jahren liegt. Bei der Einschätzung der Bedeutung der Wartezeit gilt es zu berücksichtigen, dass mit ihr die [Seite 6↓]dialysebedingte Morbidität und das Risiko für einen Transplantatverlust nach Nierentransplantation zunehmen 65. Eine Steigerung der Anzahl an Nierentransplantationen ist deshalb dringend notwendig.

Bei der Suche nach Möglichkeiten den Donor-Pool in Deutschland zu vergrößern, müssen die gesetzlichen Möglichkeiten berücksichtigt werden. Organentnahmen von Spendern, die einen Herzstillstand erlitten haben, sog. „non-heart-beating“-Donoren (NHBD), sind in Deutschland nicht zulässig, im Gegensatz zu England, Holland, Spanien, der Schweiz, den USA und Japan 7, 49 . Das Gleiche gilt für die Überkreuz-Lebendspende („cross-over“), bei der in einer Ringtausch-Transplantation Nieren, die aufgrund einer Blutgruppeninkompatibilität nicht hätten innerhalb einer jeweiligen Paarkonstellation transplantiert werden können, zwischen zwei Paaren über Kreuz gespendet/transplantiert werden. Zwar wurde in einem Grundsatzurteil durch das Bundessozialgericht in Kassel am 10. Dezember 2003 eine solche Überkreuz-Lebendspende auch für zwei Paare in Deutschland ermöglicht 18, zur Zeit bleibt diese Art der Lebendnierentransplantation jedoch auf Länder beschränkt, in denen Organspenden von Verstorbenen ethisch oder gesetzlich nicht akzeptiert sind 82.

Eine Möglichkeit, die Zahl der Transplantationen auch in Deutschland zu erhöhen, bietet die Akzeptanz von Organen Verstorbener mit sog. „erweiterten Spenderkriterien“ 60, 85, 91. Eurotransplant initiierte 1999 vor diesem Hintergrund ein Programm zur Vermittlung älterer Spendernieren an ältere Empfänger, das „ET Senior Programm (ESP)“. Ein weiteres Programm mit großem Potential ist die Lebendspende-Nierentransplantation (LNTX). Die Ergebnisse der LNTX sind exzellent, Transplantatüberleben und -funktion sind besser als das HLA-gematchter Verstorbenennieren. Eine entscheidende Rolle spielen dabei offensichtlich nicht-immunologische Parameter, wie die Übertragung eines sicher gesunden Organs, Operation und Transplantation zum optimalen Zeitpunkt und kurze Transportwege und -zeiten 11, 12, 34. Ein weiterer Vorteil der LNTX ist die Möglichkeit der Durchführung schon vor Eintreten einer terminalen Niereninsuffizienz, die dem Empfänger die Morbidität einer Dialysebehandlung erspart. Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist die Lebendnierenspende sinnvoll. Sie ist kostengünstiger als die Transplantation einer Verstorbenenniere oder die Fortsetzung der Dialysebehandlung 22.


[Seite 7↓]

In den USA übertrifft schon heute die Anzahl lebender Spender den der verstorbenen80. Auch in Europa steigt die Anzahl der LNTX 36. In Deutschland hat sich deren Anteil nach Einführung des Transplantationsgesetzes 1997 deutlich erhöht und liegt für das Jahr 2003 bei knapp 20% 19, 39. Dabei wird die Lebendorganspende in §8 des Transplantationsgesetzes geregelt. Die Lebendnierenspende muss freiwillig erfolgen und darf nur bei Spendern mit einem Mindestalter von 18 Jahren durchgeführt werden. Ein Organhandel muss durch eine Gutachterkommission ausgeschlossen werden. Der Empfängerkreis wird auf „Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Lebenspartner, Verlobte oder andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahe stehen“ festgelegt. Zudem darf die Entnahme von Organen bei einem Lebenden erst durchgeführt werden, „nachdem sich der Organspender und der Organempfänger zur Teilnahme an einer ärztlich empfohlenen Nachbetreuung bereit erklärt haben“ 19.

Für den Donor birgt die Lebendnierenspende trotz aller Sicherheit ein Mortalitätsrisiko von 0.02%. Schwere bzw. leichte intra- und postoperative Komplikationen werden – je nach Definition – in ca. 1% bzw. 10% beobachtet 39, 46, 63. Das Langzeitrisiko einer verminderten Nierenfunktion, einer klinisch relevanten Proteinurie oder der Entwicklung eines arteriellen Hypertonus ist bei Lebendnierenspendern im Vergleich zur Normalbevölkerung nicht erhöht 25,35 . Ebenso wenig scheint die Lebendnierenspende einen negativen Einfluss auf die Lebensqualität des Organspenders zu haben 24 .

Seit ihrer ersten Durchführung haben viele operativ-technische Entwicklungen in der Lebendnierenspende-Transplantation stattgefunden. Mit der vor wenigen Jahren erstmals praktizierten minimal invasiven, laparoskopischen Nierenentnahme ist die peri- und postoperative Belastung für den Spender in Bezug auf Schmerzen, Arbeitszeitausfall und Aufenthaltsdauer im Krankenhaus deutlich gesunken 109. Laut einer Umfrage von Finelli et al.27 führen mittlerweile ca. 80% der 31 größten Transplantationszentren der USA die Donornephrektomie laparoskopisch durch. Möglicherweise lassen sich durch diese weniger invasive neue Methode diejenigen Lebendspender zusätzlich mobilisieren, die aus Angst vor der Morbidität eines größeren Eingriffs vorerst von einer Nierenspende Abstand genommen hatten 54.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
07.06.2005