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2.  Fragestellung

Im Mittelpunkt meiner Forschungstätigkeit stehen die klinischen und operativ-technischen Aspekte der Nierentransplantation. Die Untersuchungen, die den Publikationen dieser Habilitationsschrift zu Grunde liegen, habe ich seit 1997 an der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Charité der Humboldt-Universität Berlin, Campus Charité Mitte (CCM), durchgeführt. Neben ärztlichen Mitarbeitern und Doktoranden der urologischen Klinik waren auch wissenschaftliche und technische Mitarbeiter anderer Disziplinen beteiligt, insbesondere der Kliniken für Nephrologie und Radiologie am CCM. Dies spiegelt die nicht nur notwendige sondern auch sinnvolle und fruchtbare Interdisziplinarität und Kooperation in der Nierentransplantation wider: Mitarbeiter in diesem Bereich verstehen sich zu Recht als Mitglieder einer nationalen und internationalen „Transplantationsgemeinschaft“.

In Berlin gab es nach der Wiedervereinigung eine besondere, historisch gewachsene Situation der Universitätsmedizin. 1995 fusionierten die beiden ehemals selbständigen Universitätsklinika Charité und Rudolf-Virchow-Klinikum zur "Medizinischen Fakultät der Charité“, mit den Standorten Campus Charité Mitte (CCM) und Campus Virchow-Klinikum (CVK). Für die Nierentransplantation an der Charité bedeutete dies die Bildung eines gemeinsamen Nierentransplantationszentrums. Dabei wurden die historisch gewachsenen NTX-Programme mit Evaluation, Wartelistenbetreuung, Operation und Nachbetreuung an den jeweiligen Standorten CCM und CVK separat fortgeführt. Beide Standorte haben seit der Fusion jedoch eine gemeinsame Administrationszentrale sowie eine gemeinsame regelmäßig stattfindende Transplantationskonferenz mit Vertretern beider Standorte. Seit Herbst 2003 ist unter dem Namen „Charité - Universitätsmedizin Berlin“ zusätzlich die Fusion mit der Benjamin Franklin Universitätsklinik erfolgt, so dass zum aktuellen Zeitpunkt unter dem Namen Charité Berlin, Campus Benjamin Franklin (CBF) ein drittes Nierentransplantationsprogramm an der Charité Berlin existiert. Zwischen den drei Standorten besteht im Rahmen der Organgewinnung schon seit längerem eine enge Kooperation (gemeinsames Explantationsteam für Abdominalorgane).


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Gegenstand der vorliegenden kumulativen Habilitation sind Publikationen, die sich mit den aktuellen Programmen zur Steigerung der Anzahl an Nierentransplantationen befassen. Auch mit anderen Teilbereichen der Nierentransplantation habe ich mich wissenschaftlich beschäftigt. Diese Publikationen sind jedoch nicht Bestandteil der kumulativen Habilitationsschrift. Alle Wissenschaftler, die einen substantiellen Beitrag zu dem jeweiligen Projekt geleistet haben, sind als Ko-Autoren in den jeweiligen Publikationen genannt.

Die Klinik für Urologie der Charité, Campus Charité Mitte (CCM), nimmt seit Beginn des "Eurotransplant Senior Programm (ESP)" im Jahre 1999 60, 97 daran teil (Abb. 1).

Abbildung 1: Laparoskopische Donornephrektomie - Vergleich der intra- und postoperativen Daten der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM), mit anderen publizierten Studien (Krea = Kreatinin / TX, = Transplantat / d = Tage / * = Kreatinin nach 6 Monaten).

Die eigenen Erfahrungen mit diesem Programm wurden unter verschiedenen Aspekten evaluiert und publiziert. Weiterhin führten wir unsere Erfahrungen und Ergebnisse mit dem ESP mit denen des zweiten Transplantationsprogramms an unserem Zentrum, dem des Charité Campus Virchow Klinikum (CVK), zusammen. Ziel war es, anhand eines größeren Studienkollektivs eine fundiertere Aussage über [Seite 10↓]dieses neue Gebiet der Nierentransplantation zu ermöglichen. Im Einzelnen standen dabei folgende Fragen im Vordergrund:

  1. Hat das „old-for-old“ Programm die Erwartungen erfüllt und rechtfertigen die Ergebnisse in Bezug auf Organfunktion, Transplantat- und Patientenüberleben eine Fortsetzung dieser besonderen Organallokation?
  2. Kann mit Hilfe der Transplantation von Nieren älterer Verstorbener in ältere Empfänger eine vermehrte Nutzung von Spendernieren erfolgreich durchgeführt werden?
  3. Bestehen Besonderheiten bezüglich der Evaluation und Nachsorge bei alten Empfängern?
  4. Sind operativ-technische Besonderheiten bei der Nierentransplantation in dieser Alterskonstellation zu erwarten?
  5. Sind die Verteilungskriterien innerhalb des ESP-Programms optimal oder kann die Allokation anhand der gewonnen Erkenntnisse verbessert werden?

Weitere Publikationen dieser Habilitationsschrift beschäftigten sich mit dem Themenkreis der Lebendnierenspende. An der Klinik für Urologie, Campus Charité Mitte (CCM), wurden seit 1983 über 150 Nierentransplantationen mit Nieren lebender Spender (LNTX) durchgeführt. Während die LNTX in Deutschland erst seit Bestehen des Transplantationsgesetzes Steigerungsraten erfuhr, lag der Anteil der LNTX an unserer Klinik (CCM) in den vergangenen 10 Jahren zumeist deutlich über dem nationalen Durchschnitt und stellte in den vergangenen 6 Jahren ca. 30 % der jährlich durchgeführten Nierentransplantationen dar (Abb. 2). Im Jahr 2002 führte das gemeinsame Nierentransplantationszentrum Charité Berlin, bestehend aus dem Campus Charité Mitte (CCM) und Campus Virchow Klinikum (CVK) die meisten LNTX deutschlandweit durch.


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Abbildung 2: Anteil der LNTX (%) an der Gesamtzahl der NTX an der Klinik für Urologie der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM) [durchgezogene Linie] sowie Anteil (%) der Lebendnierenspende-NTX an der Gesamtzahl der Nierentransplantationen in Deutschland [gestrichelte Linie].

Die präsentierten Publikationen aus dem Themenkreis der Lebendnierenspende beschäftigten sich vor allen Dingen mit folgenden Fragen:

  1. Wie soll der Lebendspender einer Niere optimal evaluiert und nachgesorgt werden, um maximale Sicherheit für den Spender und das Spenderorgan zu erreichen?
  2. Welche präoperative Bildgebung beim Spender gibt dem Operateur die beste Auskunft über die Anatomie der Nieren?
  3. Welchen Einfluss hat die genetische Verwandtschaft bei der LNTX auf das Ergebnis der Transplantation?
  4. Welchen Einfluss hat das Spenderalter auf das Ergebnis der Lebendnierenspende?
  5. Welche Folgen für die Lebensqualität des Spenders hat die Lebendnierenspende?

Die eingangs angesprochenen technischen Neuerungen im Bereich der LNTX haben an unserer Klinik frühzeitig stattgefunden. Basierend auf langjährigen Erfahrungen im [Seite 12↓]Bereich laparoskopischer urologischer Operationen wurde erstmals im Februar 1999 an der Klinik für Urologie der Charité, Campus Mitte (CCM), die laparoskopische Entnahme einer Spenderniere durchgeführt. Seit September 1999 werden die Nieren von Lebendnierenspendern ausschließlich mit dieser Operationsmethode entnommen (Abb. 3).

Abbildung 3: Anteil der LNTX (%) an der Gesamtzahl der NTX an der Klinik für Urologie der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM) [durchgezogene Linie] sowie Anteil (%) der Lebendnierenspende-NTX an der Gesamtzahl der Nierentransplantationen in Deutschland [gestrichelte Linie].

Bisher wurden annähernd 100 Nieren von Lebendspendern mittels laparoskopischer Donornephrektomie (LDN) entnommen. Während diese Art der Spendernierenentnahme in den USA weit verbreitet ist, wird sie aktuell in Deutschland - außer an unserer Klinik - lediglich an zwei chirurgisch geleiteten Transplantationszentren angewandt 112. Aufgrund der langjährigen Erfahrungen im Bereich der laparoskopischen Lebendnierenspende haben wir u.a. folgende Fragestellungen näher untersucht:

  1. Sind die Ergebnisse der laparoskopischen Donornephrektomie (LDN) in Bezug auf den Spender, den Empfänger und die Transplantatfunktion der offenen Donornephrektomie gleichwertig?
  2. Welche technischen Besonderheiten sind bei der laparoskopischen Spendernierenentnahme zu berücksichtigen?
  3. Gibt es anatomische Situationen, die eine laparoskopische Organentnahme im Gegensatz zur offenen nicht durchführbar erscheinen lassen?
  4. Hat die minimal invasive Entnahmetechnik einen Einfluss auf die Lebensqualität des Spenders?
  5. Hat die Entnahmetechnik (laparoskopisch vs. offen) Einfluss auf die Spendebereitschaft potentieller Donoren?

Alle Publikationen der vorliegenden Habilitationsschrift wurden in peer-reviewed Zeitschriften veröffentlicht. Die Ergebnisse der Untersuchungen waren zudem Gegenstand von Vorträgen auf nationalen und internationalen Kongressen. Aufgrund der Arbeiten im Bereich der laparoskopischen Lebendnierenspende wurde ich 2003 und 2004 von der Europäischen Urologischen Gesellschaft zu Übersichtsreferaten aus diesem Themenkreis eingeladen. Insgesamt sind 13 Artikel, die ich als Erstautor publiziert bzw. zur Veröffentlichung aktuell eingereicht habe [E1-E13] Hauptbestandteil dieser Habilitationsschrift. Weiterhin habe ich 4 von insgesamt 11 publizierten Artikeln, bei denen ich als Co-Autor verzeichnet bin [K1-4], ausgewählt. Die Artikel sind vollständig als Anhang angefügt.

In den folgenden einzelnen Kapiteln werden in einer kurzen Einleitung zuerst die jeweils relevanten Grundlagen erörtert. Die wesentlichen Ergebnisse der eigenen Publikationen zu diesem Thema werden daraufhin dargestellt, wobei auf eine detaillierte Darstellung der Methodik, Ergebnisse und Diskussion verzichtet wurde. Hier sei auf die entsprechenden Publikationen im Anhang verwiesen. Der Schwerpunkt liegt auf der Diskussion der Einzelergebnisse und den Schlussfolgerungen, die im Gesamtkontext anderer Publikationen eine wissenschaftliche Wertung finden.


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07.06.2005