4. Lebendnierenspende in der Nierentransplantation

4.1. Evaluation von Lebendnierenspendern

4.1.1. Leitlinien zur Evaluation von Lebendnierenspendern

Laut §8 des Transplantationsgesetzes darf nur dann eine Organentnahme erfolgen, wenn der Donor „nach ärztlicher Beurteilung als Spender geeignet ist und voraussichtlich nicht über das Operationsrisiko hinaus gefährdet oder über die unmittelbaren Folgen der Entnahme hinaus gesundheitlich schwer beeinträchtigt wird“19.Die Spenderevaluation muss folglich auf höchstem Niveau erfolgen, um den gesunden Spender, der sich dem Risiko einer Nierenentnahme bei letztlich ungewissem Ausgang der NTX aussetzt, so wenig als möglich zu gefährden. Ausschlusskriterien müssen frühzeitig erkannt werden, um zeitaufwendige und kostenintensive Verfahren einzusparen. Weiterhin sollen die Untersuchungen suffiziente Informationen liefern, um eine Wahl der zu explantierenden Niere zu treffen, immer unter dem Vorsatz, dass die bessere Niere bei dem Spender verbleiben muss.


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Als Leitfaden für die Spenderevaluation dienen amerikanische 48 und europäische 3, 29, 61, 107 Richtlinien. Diese sollen sowohl eine Orientierung bezüglich der notwendigen Untersuchungen geben als auch einen Qualitätsstandard in der Spenderevaluation sichern. Die in den verschiedenen Leitlinien empfohlenen Untersuchungen unterscheiden sich in einigen Bereichen ebenso wie die Deutung der erhobenen Befunde. Während zum Beispiel die Familienanamnese einer autosomal-dominanten, polyzystischen Nierenerkrankung (ADPKD) in den europäischen Leitlinien ein Ausschlusskriterium für eine Lebendnierenspende darstellt 3, stratifizieren die amerikanischen Leitlinien das Risiko einer ADPKD altersentsprechend und in Abhängigkeit von den Ergebnissen bildmorphologischer Nierenuntersuchungen 48. Auch unterscheiden sich die Beurteilungen einer Mikrohämaturie, des Spendergewichts (Body Mass Index, BMI), des Spenderalters und der arteriellen Hypertonie 3, 29, 47, 48.

Wir haben die verschiedenen Leitlinien zur Nierenspenderevaluation im Licht eigener Erfahrungen und unter Berücksichtigung von Ergebnissen eigener Studien zusammengefasst und kritisch bewertet [E1].Dabei lag derSchwerpunkt auf der Vermittlung eines sinnvollen Evaluationsalgorithmus. Die Umsetzung der internationalen und nationalen Richtlinien an unserem Zentrum hat dazu geführt, kontroverse Themen zu erörtern und eigene Festlegungen zu treffen. Zum Beispiel gilt in unserem Zentrum ein hoher BMI ebenso wenig wie Thrombosen in der Vorgeschichte als Ausschlusskriterium per se. Weiterhin stellt unseres Erachtens ein gut eingestellter arterieller Hypertonus keine zwingende Kontraindikation zur Lebendnierenspende dar. Eine Mikrohämaturie muss u.E. intensiv abgeklärt werden, ggf. mittels Nierenbiopsie, bevor eine Akzeptanz als Nierenspender überhaupt in Erwägung gezogen werden kann.

Bezüglich der Spendernachsorge existieren in den Leitlinien ebenfalls unterschiedliche Ansätze 3, 61 . In Deutschland ist zwar gesetzlich festgelegt, dass sich der Spender „zur Teilnahme an einer ärztlich empfohlenen Nachbetreuung bereit erklärt“ (§ 8 des Transplantationsgesetzes). Unserer Meinung nach besteht aber auch ihm gegenüber eine ethische Verpflichtung zur optimalen, regelmäßigen, lebenslangen Nachsorge. Diese sollte neben dem somatisch-medizinischen Anteil auch das Angebot einer psychologischen Beratung beinhalten. In [Seite 21↓]Lebensqualitätsstudien von Nierenspendern, u.a. auch von den Spendern unseres eigenen Zentrums (s. Kapitel 4.4), hat sich hierfür deutlich ein Bedarf gezeigt.

Eigene Arbeiten

Artikel E 1: M. Giessing, B. Schönberger, L. Fritsche, K. Budde. Evaluation und Nachbetreuung von Lebendnierenspendern. Dtsch Med Wochenschr 2004; 129: 147-150

4.1.2. Präoperative Evaluation renaler Gefäße in der Lebendnierenspende

Da anatomische Varianten der renalen Gefäßversorgung in einem Viertel bis einem Drittel der Fälle auftreten 67, 72, 94, sind detaillierte Informationen über die arterielle und venöse renale Gefäßarchitekturein wichtiger Baustein für die Entscheidung, welche Niere beim Donor entnommen werden soll. Einerseits sollten bei der Nierenentnahme akzessorische Ober- oder Unterpolgefäße, die mehr als 5% der Niere versorgen, nicht geopfert werden. Andererseits können Blutungsrisiko und Thrombogenität mit zunehmender Anzahl durchzuführender Anastomosen steigen. Zudem können eine frühe arterielle Gefäßaufteilung bzw. ein später venöser Gefäßzusammenfluss bedingen, dass beim Unterbinden und Absetzen des Gefäßes akzidentell zwei Einzelgefäße entstehen 43, 56, 81.

Die intraarterielle digitale Subtrakionsangiographie (DSA) galt bisher als Standard zur Evaluation von Spendergefäßen. Sie wird in den amerikanischen und europäischen Leitlinien zur Spenderevaluierung empfohlen 3, 48, 107 und auch überwiegend praktiziert 29,61. Bei der DSA gelingt jedoch häufig keine suffiziente Aussage zur Anatomie der Spender-Nierenvenen. Zudem kann es aufgrund der bei der DSA notwendigen arteriellen Punktion zu Komplikationen wie Hämatombildung, Dissektion der Gefäßwand und arteriovenöser Fistelbildung kommen. Weiterhin erfordert die arterielle Punktion eine längere Nachbeobachtungs- und Ruhezeit, ggf. sogar eine Übernachtung im Krankenhaus. Bei der DSA wurden weiterhin z.T. lebensbedrohliche allergische Reaktionen auf das zudem nephrotoxische Kontrastmittel beschrieben 9, 68. Im Vergleich hierzu bietet die Untersuchung der [Seite 22↓]Spendernierengefäße mittels Angio-MRT vielfache Vorteile: keine arterielle sondern venöse Applikation des Kontrastmittels, keine Nephrotoxizität und Durchführbarkeit auf ambulanter Basis 2.

Da im Rahmen des LNTX-Programms an unserer Klinik eine hohe Anzahl an potentiellen Nierenspendern untersucht wird, initiierten wir in Zusammenarbeit mit dem Institut für Radiologie (CCM) eine prospektive, vergleichende Studie zur Bildgebung renaler Gefäße [E3]. Ziel unserer Untersuchung war der Vergleich der präoperativen Gefäßdarstellung von DSA vs. Angio-MRT mit dem intraoperativen Befund. Bisherige Studien zum Vergleich der bildgebenden Verfahren verfügten über nur kleine Patientenzahlen. Weiterhin erfolgten sie meist innerhalb eines gesonderten Studiendesigns in das bestimmte Untersucher fest eingebunden waren. Dies ist unserer Meinung nach im Klinikalltag nicht praktikabel und beinhaltet das Risiko einer Verzerrung der Ergebnisse. Deshalb erfolgte in unserer Studie die Begutachtung der Bildgebung im Routineprogramm der täglich anfallenden Befundungen durch verschiedene Radiologen.

Als Ergebnis unserer mit 52 Teilnehmern bisher größten Studie dieser Art fanden sich erwartungsgemäß in ca. einem Viertel der Fälle anatomische Varianten der renalen Gefäße. Die Hauptarterien der Niere und die Nierenarterien mit früher Aufzweigung konnten mittels DSA und Angio-MRT gleich gut nachgewiesen werden. Akzessorische arterielle Polgefäße wurden mit beiden Methoden ebenfalls überwiegend erfasst. Hier zeigte die DSA eine gering bessere Detektionsrate, die jedoch statistisch nicht signifikant war. Bei der Diagnostik der Venenanatomie war die MRT-Angiographie der DSA deutlich überlegen: während mittels DSA nur bei ca. 80% der Nierenspender eine korrekte Diagnose gelang, lag dieser Anteil mittels MRT-Angiographie bei 98%.

Als Konsequenz unserer Studie haben wir die DSA als Routineuntersuchung von potentiellen Lebendnierenspendern verlassen und empfehlen statt dessen den Einsatz der MRT-Angiographie. Aktuell wird eine Anschlussstudie durchgeführt, zum Vergleich Angio-MRT vs. Angio-CT. Mit ihr soll geklärt werden, ob sich die Detektionsrate vor allen Dingen akzessorischer Gefäße noch verbessern lässt.


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Eigene Arbeiten

Artikel E 3: Giessing M, Kroencke TJ, Taupitz M, Feldmann C, Deger S,Turk I, Budde K, Ebeling V, Schoenberger B, Loening SA. Gadolinium-enhanced three-dimensional magnetic resonance angiography versus conventional digital subtraction angiography: which modality is superior in evaluating living kidney donors ? Transplantation 2003; 76: 1000-1002

4.2. Einschätzung von Risikofaktoren in der Lebendnierentransplantation

Zur Einschätzung des Risikos einer Lebendnierenspende gehört auch die Einschätzung der Erfolgsaussichten der Transplantation in Relation zum OP-Risiko für den Donor. Hier interessiert u.a. die immunologische Spender-Empfänger-Konstellation und das Spenderalter. Letzteres ist wichtig, da mit zunehmendem Alter spezifische Veränderungen an den Nieren auftreten, die für eine Transplantation relevant sein können 11,12,59,84. Wir haben anhand retrospektiver Studien am Lebendspendekollektiv unserer Klinik diese Einflussfaktoren untersucht.

4.2.1. Einfluss genetischer Verwandtschaft

Diverse Studien, u.a. die Collaborative Transplant Study (CTS-Studie), welche weltweit multizentrisch erhobene Daten von Transplantatempfängern analysiert, haben gezeigt, dass bei Übereinstimmung der HLA-A, -B und –DR Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger Transplantatfunktion und –überleben günstig beeinflusst werden 12, 14, 77-79.Diesem Umstand wird auch bei der Allokation von Verstorbenennieren bei Eurotransplant Rechnung getragen 16.

Inwiefern die Gewebeübereinstimmung einen Einfluss auf das Ergebnis bei der Lebendspender-NTX hat, wurde initial kontrovers diskutiert. Terasaki et al. 104 publizierten 1995 Ergebnisse der LNTX genetisch nicht Verwandter (NV-LNTX), die unter dem Druck des zunehmenden Organmangels vermehrt durchgeführt worden waren. Die sehr guten Funktionsraten dieser Nieren mit nur geringer Übereinstimmung an Gewebemerkmalen führten dazu, dass verschiedene Autoren [Seite 24↓]die Zurückhaltung gegenüber der NV-LNTX aufgaben und die Relevanz der HLA-Übereinstimmungen generell kritisch hinterfragten 13, 99. Auch Gjertson et al. 34 berichteten über ein Transplantatüberleben nach NV-LNTX ähnlich dem nach Transplantation von Nieren genetisch Verwandter. In der Folge kam es zur deutlichen Zunahme der LNTX zwischen genetisch nicht verwandten Paaren. Die Analyse einer der größten NTX-Datenbanken (CTS-Studie) konnte jedoch 1997 zeigen, dass ein hoher Grad an Übereinstimmung von HLA-Merkmalen auch bei der Lebendspende-NTX das Transplantat-Überleben positiv beeinflusst 76. Die zuvor berichteten guten Ergebnisse der NV-LNTX wurden deren guten Organzustand und der kurzen kalten Ischämiezeit zugeschrieben 76, 103.

An der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM), wurden seit 1983 bisher über 150 Lebendspende-NTX (LNTX) durchgeführt (s. Abb. 3). Dabei waren 26% der Spender-Empfängerpaare genetisch nicht verwandt. In den ersten Jahren waren ausschließlich LNTX zwischen genetisch Verwandten erfolgt (V-LNTX). 1996 wurde erstmals eine Niere zwischen genetisch nicht Verwandten transplantiert (NV-LNTX). Mit Implementierung des Transplantationsgesetzes 1997 und der gesetzlichen Einbeziehung auch genetisch nicht verwandter lebender Organspender in den Kreis der Donoren, stieg deren Anteil. Während der Anteil der NV-LNTX an unserer Klinik bis 1997 bei ca. 7 % lag, nahm er während der sechs Jahre des Bestehens des Transplantationsgesetzes auf mehr als ein Drittel zu.

Mit dem Ziel die Relevanz der genetischen Verwandtschaft in einer single-center Studie zu evaluieren, führten wir eine retrospektive Analyse aller an unserer Klinik erfolgten LNTX durch [E6]. Dabei fanden wir, trotz signifikant vermehrten HLA-mismatches in der Nicht-Verwandten Gruppe im Vergleich zur V-LNTX-Gruppe (NV-LNTX: 4.97 vs. V-LNTX: 2.48), keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf die Anzahl an Rejektionen, das Patientenüberleben und die Transplantatfunktion. Als Konsequenz aus unserer Studie sehen wir die Praxis der Durchführung der NV-LNTX gestärkt. Potentielle Spender/Empfänger-Paare können mit den gewonnenen Informationen besser beraten werden. Unseres Erachtens stellt die NV-LNTX eine gute Möglichkeit dar, dem Organmangel und der daraus resultierenden morbiditätsassoziierten Wartezeit zu begegnen. Die in größeren Studien gefundene Relevanz der HLA-Konstellation und auch das bei uns gefundene gering reduzierte, [Seite 25↓]statistisch nicht signifikant unterschiedliche Transplantatüberleben bei der NV-LNTX muss aber in die Überlegungen zur Transplantabilität und in die Aufklärung des jeweiligen Lebendspendepaares einbezogen werden.

Eigene Arbeiten

Artikel E 6: Giessing M, Slowinski T, Deger S, Tuerk I, Schönberger B, Budde K, Loening SA. Living donor kidney transplantation – no impact of genetical relationship. Transplant Proc 2003; 35: 2860-2862

4.2.2. Einfluss des Spenderalters

Mit zunehmendem Alter kommt es zu multiplen Veränderungen in der Niere. Dazu gehören Reduktion der Nephronanzahl, der Glomeruli und der glomerulären Filtrationsrate sowie eine erhöhte Empfindlichkeit für nicht-immunologische und Immunsuppressiva-bedingte Schäden. Auch wird eine Zunahme von potentiell nierenschädigenden Einflüssen wie arterieller Hypertonie und arteriosklerotischen Veränderungen beschrieben 58, 84. Der persistierende Organmangel hat jedoch dazu geführt, zunehmend auch Nieren älterer Donoren zu transplantieren11, 19. Die Ergebnisse der Transplantation von Nieren älterer lebender Spender sind widersprüchlich. Während einige Studien42, 59 eine eingeschränkte Funktion nachwiesen,konnte dies in anderen Untersuchungen nicht gefunden werden 50, 52.Eine besondere Stellung nimmt die LNTX bei hoher Altersdifferenz, wie z.B. bei der Lebendnierenspende von Großeltern an Enkel, ein 57.

Wir führten eine retrospektive Analyse aller Lebendnierenspender der vergangenen 20 Jahre unserer Klinik durch mit dem Ziel, Erkenntnisse über Transplantatfunktion und Transplantatüberleben älterer Spendernieren in der Lebendspende-NTX zu erhalten und verglichen die Ergebnisse mit denen über 60-jähriger Empfänger von Nieren jüngerer Lebendspender unseres Zentrums [E7]. Dabei konnten wir zeigen, dass sich Transplantat- und Empfängerüberleben in beiden Gruppen nicht unterschieden. Ebenso waren die Empfänger der Studiengruppe in gleichem Maße [Seite 26↓]dialysefrei wie die der Kontrollgruppe, wobei sich in der Kontrollgruppe jedoch signifikant bessere Kreatininwerte fanden. Dies war zuvor auch in anderen Studien beschrieben worden 59. Da sich HLA-matching, Ischämiezeiten und Anzahl der Rejektionen in beiden Gruppen unserer Studie glichen, sehen wir die Ursachen für den Funktionsunterschied nicht als Folge immunologischer Schädigungen nach der NTX sondern als Folge altersbedingter Veränderungen der Spendernieren älterer Donoren schon vor der Transplantation.

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass auch Nieren älterer Lebendspender erfolgreich transplantiert werden können. Dies kann sehr wohl dazu beitragen, den Donor-Pool zu erweitern. Eine suffiziente Antwort auf die Situation bei der LNTX zwischen Großeltern und Enkeln konnte unsere Studie nicht geben. Diese Konstellation trat nur zweimal in der untersuchten Kohorte auf, die Ergebnisse waren zum Untersuchungszeitpunkt jedoch zufriedenstellend.

Eigene Arbeiten

Artikel E 7: Giessing M, Slowinski T, Deger S, Tuerk I, Schönberger B, Budde K, Loening SA. 20 year experience with elderly donors in living renal transplantation. Transplant Proc 2003; 35: 2855-2857


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4.3.  Die minimal invasive laparoskopische Donornephrektomie

4.3.1. Entwicklung der laparoskopischen Donornephrektomie

Clayman et al. 15 führten 1990 die erste laparoskopische Nephrektomie durch. Mit dem Ziel, möglicherweise bestehende Ängste von potentiellen Lebendnierenspendern zu reduzieren, nutzten Ratner et al. 1994 86, im Anschluss an eine erfolgreiche Tierversuchsreihe 31, diese minimal invasive Technik für die erste laparoskopische Entnahme einer menschlichen Niere zur LNTX.

Weniger Schmerzen, kürzere Aufenthaltszeiten im Krankenhaus, kürzerer Arbeitszeitausfall und letztlich ein besseres kosmetisches Resultat sind die mittlerweile allgemein anerkannten Vorteile laparoskopischer Donornephrektomien (LDN) 55, 66, 89, 109. Einige Autoren berichteten sogar, dass dank der LDN eine Zunahme an Spenden verzeichnet werden konnte: 30-47% der Spender an Zentren, welche die LDN praktizieren, gaben an nur deshalb einer Nierenentnahme zugestimmt zu haben, weil diese laparoskopisch durchgeführt wurde 54,88. Heute wird die LDN weltweit in mehr als 200 Zentren durchgeführt. Über 10.000 Spendernieren sind in den vergangenen 3 Jahren in den USA laparoskopisch entnommen worden. Das entspricht einem Anteil von mehr als 60% des Lebendspendeaufkommens [UNOS/OPTN, Daten vom 14. November 2003]. In Europa beschränkt sich die Zahl der Kliniken, welche die LDN praktizieren auf einige wenige 108. Eine Umfrage unter allen deutschen Nierentransplantationszentren im Jahre 2002 ergab, dass zum Untersuchungszeitpunkt nur 3 chirurgische Zentren und unsere Klinik die LDN durchführten, wobei die Anzahl der an unserer Klinik jährlich durchgeführten LDN die der übrigen deutschen LDN-Zentren bei weitem übertraf 112. Ein urologisches Zentrum hatte diese Technik wegen ungünstiger Ergebnisse wieder aufgegeben, eines der drei bei der Umfrage noch aktiven LDN-Zentren hat ebenfalls mittlerweile die laparoskopische Spendernierenentnahme wieder verlassen. Publikationen über die genauen Gründe für die Rückorientierung zur offenen Donornephrektomie existieren nicht. Die Untersuchung konstatierte eine insgesamt sehr kritische Einstellung gegenüber der laparoskopischen Donornephrektomie in Deutschland.

An der Klinik für Urologie der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM), erfolgte im Februar 1999 die erste laparoskopische Entnahme einer Lebendspenderniere. Seit [Seite 28↓]September 1999 werden hier die Donornieren ausschließlich laparoskopisch entnommen. In einer ersten Publikation berichteten wir über die ermutigenden Ergebnisse der ersten 15 Empfänger laparoskospisch entnommener Spendernieren. Transplantat- und Patientenüberleben lagen bei 100%. Kreatinin und Kreatinin-Clearance unterschieden sich initial zwar zu Gunsten der offen entnommenen Donornieren, nach 12 Monaten war dieser Unterschied jedoch nicht mehr nachweisbar [E11]. Weitere Publikationen zeigten die Ergebnisse der wachsenden Empfängergruppe laparoskopisch entnommener Nieren von lebenden Spendern, die durchweg denen nach offener Donornephrektomie entsprachen [E4, E9, E10]. Mit zunehmender Erfahrung auch in der intraoperativen Narkoseführung und im Volumenmanagement des Spenders waren keine Unterschiede bezüglich der Transplantatfunktion zwischen offen und laparoskopisch entnommenen Nieren mehr nachweisbar.

Die an unserer Klinik praktizierte transperitoneale Laparoskopietechnik und unsere Erfahrungen damit wurden ebenfalls veröffentlicht [E8]. In einer Übersichtsarbeit stellten wir weiterhin die technischen Einzelheiten bei den operativen Schritten der LDN dar und zeigten die aktuell bestehenden verschiedenen Möglichkeiten des operativen Vorgehens auf, sowie deren Besonderheiten für den Operateur und deren Bedeutung für die Transplantatniere [E12]. Technische Modifikationen der rechtsseitigen Donornephrektomie, die an unserer Klinik entwickelt wurden und die den Erhalt der gesamten Nierenvenenlänge ermöglichen, sowie die damit erhaltenen Ergebnisse wurden ebenfalls publiziert [K2, K4].

4.3.2. Operative Besonderheiten der LDN für den Spender

Bezüglich des Zugangsweges und des laparoskopischen Vorgehens haben sich seit der Erstbeschreibung der LDN diverse Techniken entwickelt. Überwiegend praktiziert wird - analog der Technik des Erstbeschreibers – der transperitoneale Zugangsweg. Dieser gewährt einen großen Arbeitsraum, der gerade auch den handassistierten Techniken entgegenkommt. Um eine großzügige Darmmobilisation zu umgehen und mögliche negative Einflüsse des Pneumoperitoneums auszuschließen, bevorzugen einige Operateure die retroperitoneale LDN. Die bisherigen Erfahrungen sind gering und beschränken sich auf Studien mit 3-10 Donoren, so dass abzuwarten bleibt, ob [Seite 29↓]sich die retroperitoneoskopische Lebendspendenephrektomie wird durchsetzen können 31, 32, 101.

Die 1998 erstmals von Wolf et al. 110 vorgestellte Handassistenz in der LDN wird heute von ca. einem Drittel der amerikanischen Zentren angewandt 63. Grundidee dieser Technik war es, dem Operateur das gewohnte taktile Gefühl zu gewähren und so eine bessere intraoperative Kontrolle zu ermöglichen. Unterschiedliche Modifikationen vereinfachen mittlerweile den handassistierten Zugang. Als Vorteil dieser Methode wird in einigen Studien eine bessere Kontrolle der intra- und postoperativen Blutungen beschrieben sowie eine Verkürzung der Operationszeit um ca. 45-60 Minuten im Vergleich zur „reinen“ Laparoskopie. Der potentielle Nachteil vermehrter Kosten aufgrund der notwendigen speziellen Zusatzausrüstung hat sich als nicht relevant erwiesen, da andere Utensilien, wie z.B. die Verres-Nadel, gespart werden können. Zudem wird die Donorniere über den Zugang für die Hand geborgen, somit entfallen Notwendigkeit und Kosten für einen Organbergebeutel. Ein möglicher Nachteil der Handassistenz ist jedoch, dass laut einer aktuellen, multizentrischen Studie im Vergleich zum „rein“ laparoskopischen Vorgehen vermehrt Ileusbeschwerden und Narbenhernien auftraten 63.

Bisher sind an unserer Klinik annähernd 100 laparoskopische Nierenentnahmen bei Lebendspendern durchgeführt worden. Das Vorgehen war dabei stets „rein“ laparoskopisch (nicht handassistiert) transperitoneal. Ursache hierfür ist, dass die gesamte laparoskopische Nierenchirurgie in unserer Klinik transperitoneal erfolgt und somit entsprechende Erfahrungen mit dieser Technik vorlagen. Bei retrospektiven Analysen der Spenderkohorte unserer Klinik fanden wir die o.g. Vorteile der LDN gegenüber der offenen Operation bestätigt: die postoperativen Aufenthaltszeiten im Krankenhaus waren im Vergleich zur offenen Nierenentnahme signifikant kürzer und die Schmerzen reduziert. Einige Donoren konnten die Klinik bereits nach 2-3 Tagen verlassen.

Die schwerwiegendste Komplikation der LDN war auch in unserer Erfahrung die stärkere intraoperative Blutung. Blutungen als Hauptkomplikation der LDN mit daraus resultierender Notwendigkeit der Konversion zur offenen Operation sind aus der Literatur bekannt 17, 66. Dabei scheint – wie generell in der Laparoskopie - die [Seite 30↓]Lernkurve des Operateurs eine entscheidende Bedeutung zu haben. Während die Konversionsrate in der Anfangszeit der LDN bei ca. 5 % lag, hat sich diese mit zunehmender Erfahrung auf 1-2% reduziert 44, 66. Die in einer großen amerikanischen Studie gegenüber der offenen Donornephrektomie vermehrt gefundenen Komplikationsraten der LDN sind auf diese notwendigerweise zu durchlaufende Lernkurve zurückzuführen: in dem Zeitraum, den diese Studie abdeckt, hatte sich die Anzahl der LDN praktisch verdoppelt. Somit fanden auch die Lernkurven neuer LDN-Zentren Eingang in die Studienergebnisse 27, 66 .

Komplikationen bei der LDN an unserer Klinik ereigneten sich ebenfalls zumeist in der Einführungsphase dieser Technik, unsere Studien zeigten jedoch keinen Unterschied in der Komplikationsrate im Vergleich zur offenen Donornephrektomie (ODN). Wiederholt musste aufgrund einer laparoskopisch nicht beherrschbaren Blutung zur offenen Operation konvertiert werden. Besonderer Risikofaktor war dabei die Fehlfunktion von Klammernahtinstrumenten, was auch von anderen Autoren 43 beschrieben worden ist. Kleinere Blutungen und intraoperative Milzläsionen konnten hingegen laparoskopisch gut beherrscht werden.

Zusammenfassend bestätigen unsere Erfahrungen mit der LDN, dass dies eine sichere Methode mit vielen Vorteilen für den Donor ist. Dabei ist die Expertise des Operateurs bezüglich laparoskopischer Operationen am Harntrakt für die Sicherheit des Spenders und die Qualität des Organs von zentraler Bedeutung und u.E. unabdingbare Voraussetzung für den Beginn eines LDN-Programms. Ob das Angebot der laparoskopischen Technik den Anteil der Spendewilligen erhöhen kann lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Viele unserer Donoren fragten im Vorfeld der Lebendspende gezielt nach der Möglichkeit einer laparoskopischen Nierenentnahme. Von 150 Lebendnierenspendern unserer Klinik gaben 38 an, dass sie sich allein aufgrund der Möglichkeit einer laparoskopischen Nierenentnahme an unserem Zentrum operieren ließen. Seitdem die LDN an unserer Klinik praktiziert wird, stellen die Lebendnierenspenden ca. ein Drittel aller durchgeführten NTX dar, dreimal mehr als vor Einführung der LDN und ca. 70-100% mehr als im nationalen Durchschnitt.


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4.3.3.  Besonderheiten der LDN für das gespendete Organ

Die Technik der laparoskopischen Nierenentnahme weist im Vergleich zur offenen Nierenentnahme einige Besonderheiten auf. Bei der LDN wird für die Dauer des Eingriffs mittels Kohlendioxid (CO2) ein Pneumoperitoneum bzw. Pneumoretroperitoneum mit einem Druck von ca. 15 mm Hg hergestellt. Einige Autoren sehen in den dadurch bedingten hämodynamischen Veränderungen der renalen Durchblutung mit in der Folge verminderter glomerulärer Filtrationsrate (GFR), verminderter Urinausfuhr und möglichen Änderungen der Immunogenität ein Risiko für die Spenderniere und führen die in einigen Studien beobachtete verzögerte Funktionsaufnahme des Transplantats („delayed graft function“ = DGF) auf das Pneumoperitoneum zurück 1, 38, 105. Kritiker der LDN verweisen zudem auf die mögliche Bedeutung der DGF als unabhängigen Risikofaktor für ein verringertes Transplantatüberleben 30. Andere Studien konnten jedoch zeigen, dass die veränderte Hämodynamik durch entsprechendes anästhesiologisches Volumenmanagement ausgeglichen werden kann und somit kein negativer Effekt durch die LDN hervorgerufen wird. In histologischen Untersuchungen fand sich ebenfalls kein Hinweis für einen negativen Einfluss des Pneumperitoneums auf das renale Gewebe 8, 40, 57.

Kritiker der LDN nennen zudem die verlängerte warme Ischämiezeit (WIZ) im Vergleich zur offenen Nierenentnahme als Risikofaktor für die Transplantatfunktion. Hierbei ist jedoch zu beachten, das früher, in Ermangelung einer alternativen Operationstechnik, die Dauer der WIZ bei der offenen Nierenentnahme oftmals auf eine Minute geschätzt wurde. Studien, welche die Dauer der WIZ bei der offenen Nierenentnahme angeben, berichteten hingegen über längere warme Ischämiezeiten als eine Minute 110. Hinzu kommt, dass zwar der Beginn der WIZ mit der Unterbindung der arteriellen renalen Blutzufuhr gleichgesetzt wird (bei mehreren Arterien mit der Unterbrechung des ersten arteriellen Asts), eine Definition für das Ende der WIZ jedoch fehlt. Für einige Autoren endet sie mit Lagerung der Niere auf dem Eis, für andere erst mit dem Efflux von klarer Organkonservierungslösung aus der renalen Vene 44, 100, Eigenliteratur E8-E12. Die Technik der Gefäßunterbindung (GIA-Klammernahtgerät, Clip) hat ebenso Einfluss auf die WIZ wie die Art der Organentnahme (handassistiert/Bergebeutel). Insgesamt konnte ein negativer [Seite 32↓]Einfluss der verlängerten WIZ bei der LDN bisher jedoch nicht nachgewiesen werden (s. Tabelle 1).

Die initial beobachtete erhöhte Rate an Harnleiterkomplikationen nach laparoskopischer Organentnahme führen Kritiker ebenfalls als Gegenargument zur LDN an 66. Auch in unserer Spendergruppe kam es bei der LDN in einem Fall zur Ureteraffektion. Diese heilte nach Ureterschienung ohne Notwendigkeit einer erneuten Operation und ohne Strikturbildung ab. Mittlerweile wurden verschiedene technische Modifikationen zur Harnleiterschonung publiziert, wie z.B. die Gewebedissektion mittels harmonischem Skalpell, Vermeidung monopolarer Koagulation oder die Mitnahme der begleitenden gonadalen Gefäße zusammen mit dem Ureter. Insgesamt hat sich aber gezeigt, dass die Erfahrung des Operateurs und seine Kenntnisse über die Vulnerabilität des Ureters von zentraler Bedeutung bei der Vermeidung von Harnleiterkomplikationen sind. Heute liegen die Raten ureteraler Komplikationen nach laparoskopischer Donornephrektomie in einem Bereich, welcher dem nach einer offenen Nierenspende-Operation entspricht 8, 21, 44, 73, 83, 90 (s. Tabelle 1).

Mit dem Ziel, die aktuellen Entwicklungen in der LDN aufzuzeigen, erstellten wir eine Übersichtsarbeit zu den verschiedenen operativ-technischen Möglichkeiten [E12]. Dabei zeigten wir die technischen Optionen in Bezug auf die jeweiligen operativen Schritte der LDN und erläuterten deren mögliche Bedeutung für den Donor, die Spenderniere und das operative Konzept. Auf die handassistierte LDN wurde ebenfalls eingegangen. Sie findet - wohl aufgrund der Kombination der neuen Technik der Laparoskopie mit der für den Operateur gewohnten taktilen Kontrolle – zunehmend Verbreitung. Der Nachteil der handassistierten LDN scheint aber die notwendige Längslaparatomie und deren Assoziation mit vermehrten postoperativen Darmmotilitätsstörungen bis hin zum Ileus zu sein, ebenso wie das vermehrte Auftreten von Bauchwandhernien. Verschiedene Techniken zur Gefäßunterbindung (Satinskyklemme, TA-Nahtgerät) ermöglichen heutzutage einen maximalen Längenerhalt auch der Nierenvene rechter Donornieren und wurden ebenfalls erörtert. Wichtig erscheint uns die warme Ischämiezeit dadurch auf ein Minimum zu verkürzen, dass erst nach Sicherung der Niere in einem Bergebeutel oder in der Hand des Operateurs die renale Gefäßversorgung unterbrochen wird [E12].


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Tabelle 1 : Laparoskopische Donornephrektomie - Vergleich der intra- und postoperativen Daten der Charité Berlin, Campus Mitte (CCM), mit anderen publizierten Studien (Krea = Kreatinin / TX, = Transplantat / d = Tage / * = Kreatinin nach 6 Monaten).

Charité Berlin Campus Mitte (CCM)

Jacobs 44

Rawlins 90

Brown 8

Nogueira 73

Anzahl

63

320

100

50

132

OP-Daten

     

WIZ (Sekunden)

148

148

138

168

158

OP-Zeit (Minuten)

203

214

233

234

?

Empfänger

     

Krea 1 Monat (mg/dl)

1.25

1.7

-

1.95

1.95

Krea 3 Monate (mg/dl)

1.30

1.6

-

-

1.69

Krea 12 Monate (mg/dl)

1.26

1.7

1.64 *

-

1.41

1- Jahres TX-Überleben

100%

95%

97%

92%

93%

Ureterkomplikationen

1 (1.6%)

22 (6%)

2 (2%)

1 (2%)

6 (4.5%)

Spender

     

Konversion

3 (5%)

5 (1.6%)

1 (1%)

1 (2%)

-

Revision

1 (2%)

6 (1.9%)

-

1 (2%)

6 (4.5%)

Krankenhausaufenthalt (d)

5.7

2.7

3.3

3.5

9.1

Die wachsende Zahl laparoskopisch entnommener Nieren ermöglichte es uns, Studien zu verschiedene Aspekten der LDN durchzuführen. Dabei zeigten unsere Untersuchungen keine erhöhte Anzahl an Rejektionen laparoskopisch entnommener Nieren, trotz einer auf das ca. 2,5-fache verlängerten warmen Ischämiezeit. Ebenfalls fanden wir die in der Literatur beschriebene verzögerte Funktionsaufnahme laparoskopisch entnommener Nieren nicht 105. Vielmehr unterschieden sich in unseren Untersuchungen Transplantatfunktion, gemessen am Kreatinin und der Kreatininclearance, sowie Transplantat- und Empfängerüberleben nach LDN nicht von den Ergebnissen offen entnommener Nieren. Diese Beobachtungen decken sich mit denen anderer Untersucher, die ebenfalls keinen negativen Einfluss der laparoskopischen Nierenentnahme bei der LNTX fanden 62,83,89,105,109.


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Zusammenfassend konnten unsere Untersuchungen zeigen, dass der Empfänger einer laparoskopisch entnommenen Niere ein gleichwertiges Organ erhält wie der nach einer offenen Donornephrektomie. Die individuelle Lernkurve des Operateurs ist für die Organqualität von zentraler Bedeutung. Unserer Meinung nach und nach Auffassung anderer Autoren 4, 69 ist es deshalb essentiell, vor Beginn eines LDN-Programms ausführliche Kenntnisse in laparoskopischen Nierenoperationen erworben zu haben. Nur mit dieser Erfahrung können auch die im Folgenden beschriebenen Besonderheiten bei der LDN, nämlich anatomische Varianten der renalen Gefäßversorgung und die laparoskopische Entnahme rechter Spendernieren, für Spender und Organ sicher durchgeführt werden.

Eigene Arbeiten

Artikel E 8: Giessing M, Deger S, Ebeling V, Roigas J, Turk I, Loening SA. Die laparoskopische transperitoneale Donornephrektomie. Technik und Ergebnisse. Urologe A 2003; 42: 218-224

Artikel E 9: Giessing M, Deger S, Schonberger B, Turk I, Loening SA. Laparoscopic living donor nephrectomy: from alternative to standard procedure. Transplant Proc 2003; 35: 2093-2095

Artikel E 10: Giessing M, Deger S, Turk I, Schonberger B, Budde K, Loening SA. Laparoscopic donor nephrectomy in Germany. Transplant Proc 2002; 34: 3099-3101

Artikel E 11: Giessing M, Turk I, Deger S, Schonberger S, Budde K, Loening SA. Laparoscopic kidney harvesting for living donor kidney transplantation--one year follow-up of the initial 15 patients. Transplant Proc 2001; 33: 3791-3792

Artikel E 12: Giessing M, Deger S, Turk I, Roigas J, Schonberger B, Loening SA. Laparoscopic live donor nephrectomy – particularities and advantages of the current different techniques, submitted


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4.3.4.  Anatomische Varianten der Nierengefäße in der LDN

Die Unterbindung und Durchtrennung der renalen Gefäße ist ein zentraler Punkt der LDN. Wichtig ist zum einen der sichere Gefäßverschluss, andererseits muss die maximale Gefäßlänge erhalten bleiben, um die Anastomosierung mit den Empfängergefäßen nicht zu kompromittieren. Die Gefäße der Spenderniere dürfen zudem durch die Manipulation nicht beschädigt werden, und die angewandte Technik sollte die warme Ischämiezeit so kurz wie möglich halten. Polgefäße können meist einzeln abgesetzt und mit der Nieren- oder Empfängerarterie anastomosiert werden. Das Wissen um das Vorliegen einer Hauptarterie mit früher Aufteilung ist bei der LDN wichtig: hier kann es, wenn mittels GIA-Klammernahtgerät (GIA-Stapler) ein kurzer gemeinsamer Gefäßstamm abgesetzt wird, akzidentell zur Entstehung von zwei Gefäßen kommen 43. Andererseits kann ein insuffizienter Verschluss dieses kaliberstarken Gefäßes zu Blutungskomplikationen und ggf. daraus resultierender Notwendigkeit zur Konversion führen.

Da die Anzahl an Lebendnierenspenden zunimmt, werden in Zukunft auch vermehrt Spendernieren mit anatomischen Gefäßvarianten und multipler Gefäßversorgung entnommen werden. Hier stellt sich die Frage, ob diese laparoskopisch mit der gleichen Sicherheit für Spender und Spenderniere entnommen werden können wie bei der offenen Donornephrektomie. Nur wenn dies gewährleistet ist, bleibt auch bei der Anwendung laparoskopischer Techniken der Grundsatz „die bessere Niere verbleibt beim Spender“ unverletzt.

Wir führten eine Studie zur laparoskopischen Entnahme von Nieren mit multipler Gefäßversorgung durch und evaluierten den Einfluss anatomischer Varianten der renalen Gefäßarchitektur auf die OP-Technik und auf das Transplantationsergebnis [E4]. Bis dahin existierten nur wenige Publikationen zu diesem Thema 53, 106. Unsere Studie zeigte, dass sich die Komplikationsrate, warme Ischämiezeit und OP-Zeit zwischen den einzeln und mehrfach gefäßversorgten Donornieren nicht unterschieden, auch wenn die Implantation von Nieren mit multiplen Gefäßen länger dauerte. Aufgrund akzidenteller Schaffung zweier Arterien bei früher arterieller Aufteilung sowie Schädigung der renalen arteriellen Intima durch den GIA-Stapler haben wir mittlerweile dessen Einsatz an der renalen Arterie verlassen und verwenden dort ausschließlicht Clips (Titanclips oder Hemo-Lok). Auf der Grundlage [Seite 36↓]unserer Studie bestehen unseres Erachtens keine technisch bedingten Kontraindikationen zur laparoskopischen Entnahme auch multipel gefäßversorgter Donornieren. Die Selektionskriterien der Spendernieren unterscheiden sich somit nicht von denen bei der offenen Donornephrektomie. Diese Auffassung wurde in späteren Studien von anderen Autoren geteilt 41, 74.

Eigene Arbeiten

Artikel E 4: Giessing M, Deger S, Ebeling V, Schonberger B, Roigas J, Kroencke TJ, Turk I. Multiple Nierengefäße bei der laparoskopischen Lebendnierenspende. Urologe A 2003; 42: 225-232

4.3.5. Besonderheiten bei der laparoskopischen Gewinnung rechter Spendernieren

Bei der laparoskopischen Entnahme rechter Nieren war es in der Anfangszeit wiederholt zu Komplikationen bis hin zu Organverlusten gekommen 62, 87. In der Folge wurden bei der LDN überwiegend linke Nieren entnommen, worin Kritiker die Wahrung der Grundregel „das bessere Organ verbleibt beim Spender“ gefährdet sahen. Eine mögliche Ursache der Komplikationen bei der rechtsseitigen LDN war, dass bei Einsatz eines GIA-Klammernahtgerätes zum Verschluss und zur Durchtrennung der Spendervene die ohnehin kurze rechte Nierenvene einen weiteren Längenverlust von 1.0-1.5 cm erlitt. Nach Implantation konnte dies zur Lumeneinengung durch Traktion und nachfolgend zur Thrombose führen. Auch in unserer Serie rechtsseitiger LDN musste zu Beginn der LDN bei einem Empfänger die operative Revision und Repositionierung des Transplantats erfolgen, um einen guten venösen Abfluss zu sichern [E4].

Technische Modifikationen mit dem Ziel auch bei der rechtsseitigen LDN eine Venenlänge wie bei der offenen Entnahme zu erhalten, führten entweder zu einem retroperitonealen Vorgehen mit Einsatz eines GIA-Staplers 33 oder zur partiell offenen Operation und Absetzen der Niere über einer Satinsky-Klemme 87. Wir entwickelten eine Technik, welche die offene Nierenentnahme kopiert aber den rein laparoskopischen Zugang beibehält. Über einer speziellen Satinsky-Klemme wird [Seite 37↓]dabei die Vena renalis direkt an der Vena cava ausgeklemmt und mit der Schere durchtrennt. Die Naht der Cavotomie erfolgt im Anschluss an die Nierenentnahme laparoskopisch mittels fortlaufender Nahttechnik [K2, K4].

Mit Hilfe dieser Technik können rechte Spendernieren laparoskopisch genauso sicher und mit der gleichen Qualität entnommen werden wie mit der offenen Donornephrektomie. Die Ergebnisse unserer ersten zwei Serien rechtsseitiger Donornephrektomien wurden publiziert. Hierbei fanden sich keine Komplikationen bei Donor oder Rezipient. Mit der von uns beschriebenen Technik blieb einerseits der rein laparoskopische Ansatz auch bei der rechtsseitigen LDN erhalten, andererseits wurde die Spenderniere mit der gleichen Venenlänge wie bei der offenen Donornephrektomie entnommen. Unseres Erachtens ist somit die Kritik an der LDN, rechte Spendernieren aus technischen Gründen seltener zu entnehmen, nicht weiter gerechtfertigt.

Zudem ist die von uns beschrieben Technik im Vergleich zum Einsatz des GIA-Staplers schon ab dem dritten mal finanziell günstiger, da die Satinsky-Klemme im Gegensatz zum GIA-Stapler wiederholt benutzt werden kann [E12, K2, K4]. In der Zwischenzeit wurde von einer Schweizer Arbeitsgruppe der Einsatz eines Endo-TA-Staplers bei der rechtsseitigen LDN propagiert. Auch mit dieser Technik wurde der Erhalt der rechten Nierenvene in voller Länge beschrieben 101.

Eigene Arbeiten

Artikel E 12: Giessing M, Deger S, Turk I, Roigas J, Schönberger B, Loening SA. Laparoscopic live donor nephrectomy – particularities and advantages of the current different techniques, submitted

Artikel K 2: Turk IA, Giessing M, Deger S, Davis JW, Fabrizio MD, Schonberger B, Jordan GH, Loening SA. Laparoscopic live donor right nephrectomy: a new technique with preservation of vascular length. Transplant Proc 2003; 35: 838-840

Artikel K 4: Turk IA, Deger S, Davis JW, Giesing M, Fabrizio MD, Schonberger B, Jordan GH, Loening SA. Laparoscopic live donor right nephrectomy: a new technique with preservation of vascular length. J Urology 2002; 167: 630-633


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4.4.  Lebensqualität nach Lebendnierenspende

Abgesehen von den vielfachen Vorteilen einer Lebendspende-Nierentransplantation (LNTX) für den Empfänger sind auch für den Donor positive Aspekte der Nierenspende beschrieben worden. So können okkulte medizinische Probleme und Erkrankungen in Zusammenhang mit den intensiven prä- und postoperativen Untersuchungen frühzeitig erkannt werden. Weiterhin zeigten Studien, dass der Spender im psychosozialen Bereich profitieren kann: eine Steigerung des Selbstbewusstseins, der Nähe zum Empfänger und letztlich der Lebensqualität (LQ) des Spenders sind beschrieben worden 24, 45, 96. Bis auf eine Ausnahme 24 wiesen diese Studien jedoch Mängel in der Durchführung auf. Der Einsatz nicht-validierter Fragebögen, eine geringe Rücklaufquote, kleine Kohortengrößen und unspezifische oder unpassende Referenzgruppen schränkten die Aussagefähigkeit der Ergebnisse dieser Untersuchungen ein. Aus diesem Grund führten wir eine Studie aller Lebendnierenspender unseres Zentrums mit standardisierten und validierten Fragebögen zur Lebensqualität durch und verglichen die Resultate alters- und geschlechtsspezifisch mit den nationalen Normen [E2].

Von den 120 Lebendnierenspendern unserer Klinik, die zwischen Januar 1983 und Dezember 2001 durchgeführt worden waren, nahmen 106 an der Studie teil. Unsere Erhebung konnte somit das Ziel einer hohen Rücklaufquote von ca. 90% erreichen. Die Lebendnierenspender berichteten über eine (teils signifikant) bessere LQ im Vergleich zur Normalbevölkerung. Insgesamt würden 93% der Spender einer Nierenspende erneut zustimmen oder andere dazu ermutigen. Komplikationen beim Empfänger oder Spender hatten einen negativen Einfluss auf die LQ des Donors, nicht jedoch auf eine erneute Spendebereitschaft. Einige Donoren beschrieben finanzielle (13%) und/oder berufliche Nachteile (3%).

Die LQ bei der Gruppe der 31 bis 40-jährigen in unserer Studie war schlechter als bei der Vergleichsbevölkerung. Zusätzliche Telefon-Interviews ergaben keine Hinweise für mögliche Ursachen, so dass das Spendealter als solches als Risikofaktor für eine verstärkte Belastung durch die Nierenspende angesehen werden muss. Die Altersgruppe der 31 bis 40-jährigen in unserer Studie war jedoch klein und die Unterschiede zur Kontrollgruppe nur in wenigen Bereichen der LQ signifikant, so [Seite 39↓]dass diese Schlussfolgerung nur sehr vorsichtig getroffen werden kann. Sie sollte an einem größeren Studienkollektiv überprüft werden. Ein Drittel der Lebendnierenspender berichtete über nach der Spende aufgetretene Zukunftsängste. Ebenso empfand ein Drittel der Donoren die psychologische Begleitung vor, während und nach der Nierenspende als nicht ausreichend.

Als Konsequenz unserer Studie werden die potentiellen Lebendnierenspender in unserem Zentrum jetzt noch intensiver über die möglichen Beeinträchtigungen ihrer Lebensqualität durch die Organspende informiert. Auch wird eine psychologische Begleitung prä- und postoperativ angeboten. Zudem wird die LQ-Studie der Lebendnierenspender an unserer Klinik fortgesetzt.

Da an unserer Klinik seit 1999 routinemäßig laparoskopische Entnahmen bei der Lebendnierenspende durchgeführt werden, untersuchten wir ebenfalls die LQ des Lebendnierenspenders in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Operationstechniken [E13]. Dabei fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen Laparoskopie und offener Donornephrektomie in Bezug auf die Lebensqualität. Auch zeigte sich die Spendebereitschaft, sofern die Spender noch einmal vor der Entscheidung ständen, unabhängig von der operativen Methode, die beim Spender angewandt worden war. Die meisten Donoren würden dennoch, wenn sie noch einmal vor einer Lebendnierenspende ständen, die Laparoskopie als operative Methode bevorzugen. Welche Bedeutung diese Aussage im Hinblick auf eine mögliche Steigerung der Spenderzahlen durch das Angebot einer laparoskopischen Operation hat, ist unklar, offensichtlich ist aber das Wissen um die Methode der laparoskopischen Donornephrektomie verbreitet.

Den Ergebnissen unserer Studie kann auch eine Verzerrung (bias) zu Grunde liegen. Wie eingangs beschrieben haben sich an unserer Klinik seit Durchführung der laparoskopischen Donornephrektomie die Spenderzahlen mehr als verdreifacht und mehr als ein Drittel der Donoren unserer Klinik hatten unser Zentrum aufgrund der laparoskopischen Organentnahme gewählt. Auch andere Autoren berichteten von einer deutlichen Zunahme der LNTX seit Einführung der LDN an ihrem Zentrum 54, 88. Inwiefern diese Zahlen einen reinen Zentrumseffekt darstellen ist schwer abzuschätzen. Ob die Methode der LDN vermehrt Donoren zur Lebendspende [Seite 40↓]gewinnen kann, muss in einer prospektiven Studie mit nicht operierten Donoren evaluiert werden. Aktuell planen wir eine internationale multizentrische, prospektive und Studie, welche u.a. die Lebensqualität der Spender in Abhängigkeit vom operativen Verfahren longitudinal (vor und nach der Organentnahme) über einen längeren Zeitraum hinweg untersuchen wird.

Eigene Arbeiten

Artikel E 2: Giessing M, Reuter S, Schönberger B, Deger S, Tuerk I, Hirte I, Budde K, Fritsche L, Morgera S, Neumayer HH, Loening SA. Quality of Life of living kidney donors in Germany – results of a survey with the validated SF-36 and GBB-24 questionnaires. Transplantation 2004, accepted

Artikel E 13: Giessing M, Reuter S, Schönberger B, Deger S, Tuerk I, Hirte I, Budde K, Fritsche L, Slowinski T, Dragun D, Neumayer HH, Loening SA. Laparoscopic vs. open donor nephrectomy in Germany – impact on donors´ health related quality of life and willingness to donate. submitted


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07.06.2005