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1.  Einleitung, Ziel der Arbeit

Die Gesamtlänge des fetalen Gefäßsystems in der geburtsreifen menschlichen Plazenta wird mit 50 km angegeben, die Oberfläche der Zottenkapillaren beträgt 12,2 +/- 1,5 m2 (Scheuner 1971).

Die Entwicklung eines regelhaften vaskulären Systems in der fetomaternalen Einheit sowie dessen uneingeschränkte Funktion erlauben einen adäquaten Gasaustausch sowie den Transport von Nährstoffen zwischen Mutter und Fetus. Sie sind somit für eine regelhafte embryonale Entwicklung und das fetale Wachstum von entscheidender Bedeutung. Eine defiziente fetomaternale Vaskulatur ist häufig mit Frühaborten, Restriktion des fetalen Wachstums und hoher perinataler Mortalität und Morbidität assoziiert (Hitschhold et.al.1993 und 1996, Jackson et.al.1995, Krebs et.al. 1996, Meegdes et.al. 1988, Teasdale 1984). Epidemiologische Studien belegten darüber hinaus Zusammenhänge zwischen Gefäßanomalien der Plazenta und der maternalen Hypertonie, dem Gestationsdiabetes und kardiovaskulären Erkrankungen (Barker et.al. 1990).

Es ist zum heutigen Zeitpunkt unklar, ob numerische Gefäßveränderungen der Plazenta als einzig als reaktive Veränderungen auf hypoxische Reize zu interpretieren sind, evtl. tumorartige Läsionen darstellen oder Störungen der Expression von Wachstumsfaktoren der beteiligten Zellkompartimenten den ursächliche Faktor bilden oder zumindest pathogenetisch mitbeteiligt sind. Bislang existieren nur wenige Untersuchungen an kleinen Fallzahlen und es ergaben sich teils sehr widersprüchliche Theorien. So wurden Anlagestörungen ebenso erwogen wie Zottenreifungsstörungen oder die Bildung eines echten Tumors (Kloos und Vogel 1974, Vogel 1996, Dunn 1959).


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Die mögliche Pathogenese differierender Störungen der Gefäßbildung in der Plazenta zu ergründen war das Ziel der folgenden Untersuchungen. Die wissenschaftliche Zielsetzung begründet sich einerseits in der Frage der Histogenese aber auch der klinischen Relevanz überschießender und teils tumoröser Gefäßerkrankungen in der Plazenta. Da in weiteren Organen Gefäßveränderungen mit Überschußbildung in Zusammenhang mit einer erhöhten Expression von Wachstumsfaktoren beschrieben wurden, war eine entsprechende Kausalität auch für Veränderungen in der Plazenta denkbar. Die Plazenta, als ein rasch wachsendes Organ, diente hier zudem als ein ideales Modell, bilden sich doch binnen weniger Wochen Plazentazotten mit mesenchymalem Gewebe in denen Prozesse der Vaskulogenese und Angiogenese beobachtet werden können.

Wachstumsfaktoren spielen eine wesentliche Rolle in der Morphogenese der Gefäßentwicklung und ihre Aktivität reguliert im Zusammenspiel mit der extrazellulären Matrix deren Geschehen. Untersuchungen zur Lokalisation dieses Zusammenspiels innerhalb sich entwickelnder Organe können damit Wesentliches zum Verständnis der Organogenese beisteuern.

Die folgenden Studien umfassten teils diffuse und teils isolierte, tumoröse Hypervaskularisationen in der Plazenta. Es wurden immunhistochemische, morphologische und morphometrische Studien an unterschiedlich großen Kollektiven durchgeführt, teils wurden auch in Form kasuistischer Betrachtungen einzelne Plazenten mit ungewöhnlich ausgeprägter Hypervaskularisation untersucht und deren Ergebnisse dargelegt. Von besonderer Bedeutung waren auch die Studien entsprechender pathologischer Veränderungen an Plazenten verschiedener Trimester zur Differenzierung der Wachstumsfaktorexpression im Verlaufe der Schwangerschaft. Dies erschien nötig, da die Plazenta, wie kein anderes Organ, ihre Morphologie binnen weniger Wochen und Monate verändert und verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft. So sollten Aussagen möglich sein hinsichtlich der Expression angiogener Wachstumsfaktoren bei Gefäßbildungsstörungen in unterschiedlichen Trimestern der Gravidität, sowohl der frühen und mittleren Fetalperiode, als auch in der reifen Plazenta.

Neben dem Expressionsmuster angiogener Wachstumsfaktoren in verschiedenen Zellkompartimenten des Plazentagewebes fanden klinische Komplikationen Beachtung. Hierzu wurden in retrospektiven Analysen große Fallzahlen an Plazenten untersucht, klinische [Seite 6↓]Gegebenheiten und Komplikationen detailiert vermerkt und statistisch ausgewertet. Diese Untersuchungen erschienen sinnvoll, einerseits um die Problematik der Gefäßanomalien an großen Fallzahlen darzustellen, die bislang nicht vorlagen, andererseits um eine Brücke zwischen einer eventuell veränderten Wachstumsfaktorexpression in der Plazenta und den damit möglicherweise verbundenen klinischen Komplikationen zu schlagen.

Zur Einführung in die komplexe Thematik der Angiogenese der Plazenta dienen die nächsten Kapitel. Hier werden jene Wachstumsfaktoren die verwendet wurden in ihrer Struktur und Funktion besprochen sowie ihr Einsatz begründet. Es werden in kurzen Abschnitten bisherige Erkenntnisse zur Expression von Wachstumsfaktoren bei ungestörter Schwangerschaft beschrieben, so sie denn existieren, die Expression in Hamartomen und Tumoren angesprochen, sowie die unterschiedlichen Gefäßerkrankungen der Plazenta in ihrer Historie und Nomenklatur erläutert.

Neben den Fragen einer möglichen Abhängigkeit des Chorangiomwachstums von angiogenen Wachstumsfaktoren beleuchtet ein weiteres Kapitel die Frage einer möglichen Störung der Zellzahl-Regulation bei Änderungen der Apoptoserate in Chorangiomen.


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27.09.2004