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1.  Einleitung

Das Pneumoperitoneum ist definiert als eine Ansammlung freier Luft in der Peritonealhöhle. Es kommt häufig bei Perforationen intraabdomineller Hohlorgane vor und stellt dann ein lebensbedrohliches Krankheitsbild dar. Der Begriff wird in der Chirurgie aber auch dann verwendet, wenn zu diagnostischen oder therapeutischen Zwecken artifiziell ein Gas in die Peritonealhöhle insuffliert wird, um die Übersicht bei laparoskopischen Operationen zu optimieren.

Einer der ersten Entwickler und Nutzer der Laparoskopie war Kelling, der 1901 ein Pneumoperitoneum für eine Laparoskopie bei einem Hund anlegte (32). Eine Dekade später führte Jacobeus die ersten Laparoskopien mit einem Pneumoperitoneum bei Menschen durch(23). In der Folgezeit fanden Laparoskopien hauptsächlich zu diagnostischen Zwecken statt. Erst die technische Weiterentwicklung leistungsfähiger Geräte zur Insufflation von Luft oder Gas in die Bauchhöhle, zur Videoübertragung der Bilder auf einen Monitor und nicht zuletzt der chirurgischen Instrumente machte den revolutionierenden Einfluss der Laparoskopie auf die chirurgische Therapie möglich. Heutzutage scheinen der laparoskopischen Technik in der Chirurgie kaum Grenzen gesetzt, wenngleich die Sinnhaltigkeit mancher Anwendungen immer wieder in Frage gestellt wird und zu wissenschaftlicher Evaluation anregt.

Die Fortentwicklung der Laparoskopie verlief jedoch nicht immer reibungslos. Sie war auch von Irrtümern und Missgeschicken begleitet. Kelling glaubte noch, durch die Etablierung eines Pneumoperitoneums mit einem sehr hohen intraabdominellen Druck von 50-60 mm Hg eine Möglichkeit gefunden zu haben, Magenblutungen durch diese pneumatische Kompression zum Stillstand zu bringen. Diese Methode wurde jedoch niemals am Menschen angewendet. Dagegen berichtete Fervers aus Solingen über eine intraabdominelle Explosion während einer Laparoskopie am Menschen, ausgelöst durch den Gebrauch von Strom zur Bridendurchtrennung(12). Der Autor hatte zum Aufbau des Pneumoperitoneums Sauerstoff verwendet und damit ein explosives Luft-Sauerstoffgemisch geschaffen. Die Patientin überlebte diese Komplikation ohne gesundheitliche Folgen. Sauerstoff schied somit als mögliches Insufflationsgas aus. Ebenso schwer wiegt die Gefahr der intravasalen Embolie bei der Insufflation von Gas in die Bauchhöhle. In der Phase der stürmischen Entwicklung der Laparoskopie wurden mehrere solcher Fälle mit tödlichem Ausgang beschrieben. [Seite 4↓] Die Ursachen für derart fatale Auswirkungen blieben unklar. Möglicherweise wurde dadurch die erste Euphorie gebremst, und es setzte parallel zur technischen Weiterentwicklung die Phase der wissenschaftlichen Evaluation der physiologischen Auswirkungen des Pneumoperitoneums ein.

Die Bearbeitung der sich daraus ergebenden Fragen soll Thema dieser Abhandlung sein. Zunächst wurde die Frage untersucht, welche typischen Veränderungen das Pneumoperitoneum am Herz-Kreislaufsystem hervorruft. Dabei sollten die spezifischen Bedingungen der Laparoskopie berücksichtigt werden, nämlich der Einfluss des Insufflationsgases, der intraabdominellen Druckerhöhung und der Einfluss der im Vergleich zu konventionellen Operationen häufig veränderten Körperposition. Dazu wurde ein Tiermodell an Läuferschweinen etabliert, in welchem dem menschlichen Organismus möglichst ähnliche Reaktionen studiert werden können. Die Ergebnisse wurden publiziert und sind in dem zweiten Teil dieser Abhandlung kurz memoriert. Daran schloss sich die Frage an, wie die charakteristischen Veränderungen der Herz- Kreislauffunktion physiologisch zu erklären sind. Die Ergebnisse dieser theoretischen Überlegungen finden sich im dritten Teil wieder, in dem ein Modell entwickelt wird, welches die wesentlichen Wirkmechanismen der physiologischen Veränderungen zusammenfasst. Im vierten und zentralen Teil soll im Rahmen einer umfassenden tierexperimentellen Studie dieses theoretische Modell auf seine Plausibilität hin überprüft und letztlich die Frage beantwortet werden, welche therapeutischen Maßnahmen geeignet sind, die Belastungen der Herz-Kreislauffunktion bei laparoskopischen Operationen zu minimieren.


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12.01.2004