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An die Nutzung von Stammzellen als Grundlage zukünftiger neurologischer Therapie knüpfen sich große Erwartungen. Die Vorstellung, einen Verlust von Neuronen durch gezielte Neubildung von Nervenzellen ausgleichen zu können, ist konzeptionell unmittelbar einsichtig und kommt Idealen von kausaler Therapie sehr nahe. Theoretisch gibt es kaum eine neurologische Erkrankung, die wenn sie mit Zellverlust oder –degeneration einhergeht, nicht potentiell direkt oder indirekt von einem Zellersatz profitieren könnte. Dabei reicht das Spektrum theoretisch denkbarer Einsätze von relativ umschriebenen Neuronenverlusten wie beim Morbus Parkinson oder der Chorea Huntington über komplexere Ausfälle wie beim Morbus Alzheimer bis hin zu diffusen Ausfällen im Rahmen von Hypoxien und Ischämien. Große Hoffnungen knüpfen sich auch an den Ersatz der Neuroglia, so etwa myelinbildender Oligodendrocyten bei der Multiplen Sklerose. Schließlich gibt es Bestrebungen, die Kompatibilität transplantierter neuraler Stammzellen mit der zellulären Umgebung eines Empfängergehirns zu nutzen, um sie als genetisch modifizierte Zellen, die Wachstumsfaktoren oder andere wünschenswerten Faktoren produzieren, in das erkrankte Gehirn einzubringen (zur Übersicht siehe beispielsweise [55, 165]).
Es bestehen heute schon vergleichsweise große Erfahrungen mit der Transplantation von unreifem fetalem Gewebe aus dem ventralen Mesencephalon in das Corpus striatum von Parkinsonpatienten [22], und erste experimentelle Therapien dieser Art sind auch mit einigem Erfolg bei Patienten mit Chorea Huntington durchgeführt worden [5]. Der Therapieerfolg bei diesen Studien war zwar weder einheitlich noch durchschlagend, der Beweis der grundsätzlichen Machbarkeit aber wurde so geführt. Es ist zu vermuten, jedoch bis heute nicht schlüssig gezeigt, daß die im Transplantat enthaltenen neuralen Stamm- oder Vorläuferzellen hierbei die für den therapeutischen Effekt verantwortlichen Zellen sind. Auch wenn wertvolle Kenntnisse, vor allem hinsichtlich prinzipieller technischer Fragen, aus diesen Arbeiten erwachsen sind und der relative Erfolg dieser Methode auch in mancherlei Hinsicht Berechtigung und Gewicht verleiht [78], so ist der Einsatz von Embryonen zur Gewinnung des Transplantates ethisch in höchstem Maße problematisch und zusätzlich auch quantitativ nur so begrenzt möglich, daß er für eine potentielle Standardtherapie nicht in Frage kommt.
Das therapeutische Wissen über den Einsatz definierter Stammzellpopulationen stammt zur Zeit noch nahezu ausschließliche aus Tierversuchen. Trotz voreiliger klinischer Einsätze, wie beispielsweise die Behandlung von Schlaganfallpatienten mit „Stammzellen“ [97, 107], ist der gegenwärtige Grundtenor, daß die Zeit für die Klinik noch nicht reif ist, aber sich ihr mit großer Geschwindigkeit nähert. Einige sehr grundsätzliche Fragen sind jedoch noch zu klären, bevor Stammzellen wirklich klinisch einsetzbar werden. Nicht allein aus Sicherheitsgründen, sondern auch im Sinne einer möglichst gezielten und effizienten Anwendung, sollte man sich eine sehr genaue Vorstellung davon verschaffen, was Stammzellen können, was mit ihnen [Seite 6↓]nicht möglich ist, welche ihre physiologische Funktion ist und wie weit sich diese Funktion in therapeutischer Absicht sinnvoll ausdehnen läßt. Dabei zeigt schon eine oberflächliche Betrachtung, daß sich hinter dem Ruf nach „Stammzellen für die Neurologie“ keineswegs ein einheitliches Konzept verbirgt. Unter dem weiten Oberbegriff stammzellbasierter Therapien finden sich höchst unterschiedliche zugrundeliegende Strategien und “Stammzellen”. Kapitel 1.2 beleuchtet daher zunächst die Definition des Begriffs der Stammzelle, bespricht die verschiedenen Arten von Stammzellen und ihre Potenz und diskutiert die möglichen Therapieformen, die auf diesen Zellen basieren.
Der weitaus größte Teil der neurobiologischen Stammzellforschung hat sich bislang auf die Zellkultur konzentriert, und die auf solcher Forschung basierenden neuen Therapieformen zielen in der Regel primär auf eine Transplantation von neuronalen Stammzellen in das erkrankte Gehirn ab. Neuronale Stammzellen lassen sich wahrscheinlich aus dem gesamten Gehirn, sei es embryonal oder adult, gewinnen und nahezu beliebig in Kultur propagieren [54]. Auch mit Stammzellkulturen aus dem menschlichen Gehirn liegen erste Erfahrungen vor [155]. Rein theoretisch könnten mit den Stammzellen eines einzigen Spenders (im Unterschied zur Lage bei den fetalen Transplantaten) alle Parkinsonpatienten der Welt mit implantierbaren Zellen versorgt werden. Die Praxis ist davon sehr weit entfernt. Einer der Gründe hierfür ist (unter sicherlich vielen), daß über das Verhalten der Zellen nach der Transplantation sehr wenig Genaues bekannt ist. So ist die Überlebensrate implantierter Zellen (und erst recht implantierten Gewebes) sehr gering [22], und Probleme wie eine gezielte Migration oder Differenzierung in vivo sind außerhalb des Spektrums des momentan Erreichbaren. Hingegen ist aus Tierversuchen bekannt, daß sich transplantierte Zellen lokalisationsspezifisch differenzieren können. Vorläuferzellen aus dem Hippocampus differenzierten nach Implantation in den Hippocampus erwartungsgemäß zu hippocampalen Neuronen [56], im Riechkolben jedoch zu dort ansässigen neuronalen Phänotypen [171] und in der Retina zumindest morphologisch in so verschiedenartige Zelltypen wie Photorezeptoren, bipolare Zellen und amakrine Zellen [172]. Stammzellen aus dem Rückenmark verhielten sich nach Implantation in den Hippocampus nicht anders als die ortsansässigen Stammzellen [163].
Neuronale Stammzellen können aber auch in ihrer normalen Umgebung des Gehirns untersucht werden. Neuronale Stamm- und Vorläuferzellen lassen sich aus wahrscheinlich allen Regionen auch des erwachsenen Gehirns gewinnen [134]. Zu den bisher untersuchten Hirnregionen zählen der Hippocampus [136], die subventrikuläre Zone der Seitenventrikel [45], das Septum, das Striatum [135], die Retina [175], das Rückenmark [164], der Neocortex, und Regionen weißer Substanz, wie Corpus callosum und Nervus opticus [134]. Nur in zwei offensichtlich privilegierten Regionen jedoch, dem Gyrus dentatus des Hippocampus und dem Bulbus olfactorius, werden aus diesen Stammzellen auch in vivo neue Nervenzellen in größerer Zahl produziert. Es gibt darüber hinaus allerdings bislang auch drei Berichte von „adulter Neurogenese“ (d.h. der Bildung neuer Nervenzellen im erwachsenen Gehirn) im Cortex [67, 77, 112] und einen Kongreßbericht von Neurogenese in der adulten Substantia nigra (Jonas Frisén, persönliche Mitteilung). Ungeachtet dessen ist adulte [Seite 7↓]Neurogenese im erwachsenen Gehirn weit mehr die Ausnahme als die Regel. Kapitel 1.3 stellt adulte Neurogenese im Hippocampus als die modellhafte neurogene Region des erwachsenen Gehirns vor.
Wenn nun einerseits bekannt ist, daß sich neuronale Stamm- und Vorläuferzellen aus praktisch dem gesamten Gehirn gewinnen lassen [134], und man andererseits weiß, daß offensichtlich adulte Neurogenese auf wenige Areale eingeschränkt ist, so stellt sich die entscheidende Frage, was eine neurogene Region neurogen macht. Die oben bereits erwähnten Transplantationsexperimente haben gezeigt, wie sehr die Mikroumgebung die Differenzierung der Zellen beeinflußt. Kernfrage der neuronalen Stammzellbiologie, sofern sie darauf abzielt, Nervenzellen “zu machen”, ist daher die der „neurogenen Permissivität“ — der Bedingungen im Gewebe, die Neurogenese erlauben. Kapitel 1.4 stellt im Vorgriff auf die folgenden Kapitel dar, wie ein Konzept der neurogenen Permissivität im erwachsenen Gehirn aussehen könnte.
Diese Bedingungen adulter Neurogenese betreffen selbstverständlich nicht nur Stammzellen innerhalb neurogener Regionen wie dem Hippocampus und Vorläuferzellen, die in neurogene und nicht-neurogene Regionen implantiert werden, sondern selbstverständlich auch die offensichtlich ruhenden neuronalen Stammzellen in den nicht-neurogenen Regionen des erwachsenen Gehirns. Eine Kernfrage in Bezug auf diese letztere Population ist, warum das Gehirn im Falle von Schädigungen das in diesen Stammzellen ruhende Potential zur Neuroregeneration nicht ausnutzt. Da die Zellen aus dem Gehirn extrahiert und in Kultur gebracht ihre ganzen Möglichkeiten zur Differenzierung zeigen, liegt die Vermutung nahe, daß in vivo inhibierende Faktoren der Mikroumgebung wirksam sind. Auch dies ist somit eine Frage neurogener Permissivität. Eine mögliche Strategie neuartiger neurologischer Therapie bestünde daher darin, das Potential der neuronalen Stammzellen in vivo zu wecken und gezielt im erwachsenen Gehirn Neurogenese zu induzieren. Dieses Vorgehen hätte unter anderem auch die maßgeblichen Vorteile, frei von den ethischen Beschränkungen zu sein, wie sie der Anwendung embryonalen Gewebes entgegenstehen, und außerdem die technischen und immunologischen Probleme der neuronalen Transplantationsmedizin zu umgehen. Einen ersten experimentellen Hinweis, daß das zumindest im Tierversuch auch in der Tat möglich ist, gibt es mittlerweile. Macklis und Mitarbeiter haben gezeigt, daß es nach sehr gezielt ausgelöstem Zelltod corticaler Neurone mit Erhalt der umliegenden Strukturen in der Maus zu einer Neubildung von derartigen Nervenzellen kommen kann [112]. Dieser prinzipielle Nachweis eröffnet eine Vielzahl neuer Fragen und stellt das Problem, was denn die Neurogenität einer Region definiert, umso deutlicher in den Vordergrund.
Die in dieser Schrift vorgestellte Forschung nähert sich der Frage, was eine neurogene Region neurogen macht, über die damit verwandte Frage, wie adulte Neurogenese in vivo reguliert ist. Kenntnis der Regulation erlaubt einen Einblick in die Komplexität der Faktoren, die zusammenspielen müssen, um adulte Neurogenese in vivo zu kontrollieren. Kapitel 1.5 stellt daher zusammen, was aus der Literatur über die Regulation adulter hippocampaler Neurogenese bekannt ist und nimmt damit wieder Bezug auf das zuvor entwickelte Modell neurogener Permissivität. Dabei wird [Seite 8↓]deutlich, wie sehr die Erforschung der Regulation adulter Neurogenese über viele Jahre von Beispielen negativer Kontrolle geprägt war. So unterdrücken beispielsweise offensichtlich sowohl Glucocorticoide als auch glutamaterge Afferenzen zum Hippocampus physiologischerweise die Neurogenese im adulten Gyrus dentatus [117].
Die im zweiten Teil der vorliegenden Schrift vorgestellten eigenen Arbeiten waren die ersten, die eine positive Regulation adulter hippocampaler Neurogenese nachgewiesen haben. Diese Regulation scheint mit der normalen Funktion des Hippocampus in engem Zusammenhang zu stehen. Aktivitätsabhängige Regulation adulter hippocampaler Neurogenese zeigt, daß es sich bei dieser Regulation um einen komplexen, mehrstufigen Prozess handelt, der genetischen Dispositionen unterliegt und durch verschiedene Stimuli in verschiedener Weise beeinflußt wird. Kapitel 2.1 gibt einen orientierenden Überblick der in den Kapiteln 2.2 bis 2.7 in deutscher Übersetzung folgenden Einzeldarstellungen.
Der dritte Teil dieser Schrift gibt zunächst eine zusammenfassende Diskussion dieser Arbeiten (3.1). Während aus medizinischer Sicht bei der Erforschung adulter Neurogenese zunächst ihr im weitesten Sinne modellhafter Charakter für die Grundlagen neuronaler Stammzellbiologie im Vordergrund stehen mag, so erhebt sich natürlich gleichzeitig die Frage nach der physiologischen Rolle adulter Neurogenese und ihrer aktivitätsabhängigen Regulation in der Funktion des Hippocampus (3.2). Die Tatsache, daß das erwachsene Gehirn nicht nur in der Lage ist, neue Nervenzellen zu rekrutieren und funktionell zu integrieren, stellt ältere Konzepte in Frage, die auf einer relativ rigiden Verschaltung zumindest auf Ebene der Nervenzellen aufbauten. Die Interpretation unserer Ergebnisse legt nahe, daß adulte hippocampale Neurogenese eine, wenn auch komplexe Rolle in Lern- und Gedächtnisvorgängen spielen könnte. Aus dieser funktionellen, hippocampusbezogenen Sichtweise ergeben sich wiederum medizinisch relevante Aspekte. So kann eine Beteiligung gestörter Neurogenese im erwachsenen Hippocampus in der Pathogenese von so unterschiedlichen Erkrankungen wie der Depression, Temporallappenepilepsie und Tumoren diskutiert werden. Kapitel 3.3 gibt einen kurzen Überblick über Fragen von Stammzellfunktion und –pathologie in vivo. In Kapitel 3.4 wird schließlich ausgeführt, welche Möglichkeiten stammzellbasierter neurologischer Therapie es prinzipiell gibt und wie die hier vorgestellte Forschung sich in diese Systematik einordnet.
Unter einer Stammzelle versteht man nach gängiger Definition eine undifferenzierte Zelle, aus der durch Zellteilung entweder zwei neue Stammzellen hervorgehen können (symmetrische Teilung) oder aber eine neue Stammzelle und eine Zelle, die Ausgangspunkt für eine Ausdifferenzierung ist (asymmetrische Teilung). Je nach Vielfalt der Zelltypen, die aus einer Stammzelle durch asymmetrische Teilung direkt und über Zwischenstufen entstehen können, wird die Potenz der Stammzelle bemessen. Die befruchtete Eizelle kann als die ultimative Stammzelle betrachtet werden [Seite 9↓](obwohl ihre Selbsterneuerung begrenzt ist), da aus ihr alle Zellen der Körpergewebe hervorgehen können und hervorgehen. Man bezeichnet die Eizelle als „totipotent“. Im frühen Embryonalstadium enstehen Stammzellen, die noch beinahe totipotent sind, da sie alle Zell- und Organtypen hervorbringen können, jedoch kein vollständiges Individuum. Diese sogenannten „embryonalen Stammzellen“ sind „pluripotent“. Im weiteren Verlauf der Entwicklung entstehen in den einzelnen Geweben gewebespezifische Stammzellen, aus denen die Zellen des betreffenden Gewebes hervorgehen können. Diese Zellen werden als „multipotent“ bezeichnet. Die Zellen, um die es in den hier besprochenen Arbeiten geht, sind multipotente gewebespezifische Stammzellen.
Einige aufsehenerregende Arbeiten haben das ungeheure therapeutische Potential, das embryonalen Stammzellen innewohnt, eindrucksvoll vorgeführt. So gelang es in einer Mausmutante mit dem Krankheitsbild der von fehlender Myelinbildung geprägten Pilizäus-Merzbacher-Krankheit, durch Einsatz von embryonalen Stammzellen die Tiere mit myelinbildenden Oligodendrozyten auszustatten und die Ausbildung des kranken Phänotyps zu verhindern [23]. Im Vorgriff auf zukünftige Therapiemöglichkeiten am Menschen, die sich aus derartigen Experimenten ergeben könnten, hat das britische Parlament nicht nur die Anwendung humaner embryonaler Stammzellen gestattet, sondern auch ihre bedarfsgerechte Herstellung mittels therapeutischen Klonens.
Jedoch sind embryonale Stammzellen nicht unproblematisch. Zwar werden die gängigen Definitionen beispielsweise eines „Embryos“ bei ihnen weit strapaziert, aber es besteht doch auch kein Zweifel, daß in Deutschland das Embryonenschutzgesetz auf sie Anwendung zu finden hat. Danach ist die Gewinnung (allerdings nicht die Nutzung) humaner embryonaler Stammzellen in Deutschland nicht zugelassen. Die Diskussionen hierüber und über ethische, juristische und auch wirtschaftliche Konsequenzen einer auf embryonalen Stammzellen beruhenden Therapie ist zur Zeit noch nicht abgeschlossen. Sie wird verkompliziert dadurch, daß die Grenzen der gängigen Definitionen durch neue Ergebnisse der Biologie in Frage gestellt werden: Wie „embryonal“ ist eine embryonale Stammzelle, wenn sie durch „Reprogrammierung“ einer adulten Zelle gewonnen wurde? Diese Abgrenzungen sind nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Im folgenden werden daher Stamm- oder Vorläuferzelle des Gehirns so verstanden, wie sie sich in vivo oder ex vivo darstellen ohne weitere Aussage darüber, ob es Manipulationen gibt oder geben könnte, die ihre Gewebespezifität oder Potenz ausdehnen und verändern könnten.
Für Stammzellen des Gehirns bedeutet Multipotenz die Fähigkeit, die drei hauptsächlichen neuroektodermalen Zelltypen des Gehirns, Neurone, Astrozyten und Oligodendrozyten, hervorbringen zu können. Mit Antikörpern gegen Markerproteine wie NeuN für Nervenzellen [126], GFAP oder S100ß für Astrozyten [17] und RIP oder O4 für Oligodendrozyten [135] lassen sich diese Zelltypen in Zellkulturexperimenten bestimmen. Wenn man dabei von einzelnen Stammzellen ausgeht, läßt sich so auch der Nachweis der Klonalität führen [136].
Der Begriff der „Vorläuferzelle“ wird in der Regel dann verwendet, wenn unklar ist, ob eine Zelle den strikten Kriterien einer Stammzellen gehorcht. Es handelt sich [Seite 10↓]dann um einen ungenauer definierten Oberbegriff. Gleichzeitig aber kann unter einer Vorläuferzelle auch der Zelltyp verstanden ist, der aus einer multipotenten Stammzelle hervorgegangen ist, noch teilungsfähig ist, aber nur noch unipotent ist. Diese Zellen werden häufig auch als „Blasten“ bezeichnet, obwohl auch diese Bezeichnung nur unscharf definiert ist. Im Englischen werden diese Blasten „blasts“ oder „precursors“ genannt. Auch hier jedoch besteht eine zusätzliche Begriffsverwirrung mit den „progenitors“, den Vorläuferzellen in obigem Sinne.
In Untersuchungen in vivo läßt sich in der Regel nicht sicher festlegen, ob es sich bei den untersuchten Zellen um Stammzellen im strengen Sinne handelt. Eine klonale Analyse in vivo ist möglich, indem man Stammzellen in situ mit einem Retrovirus infiziert und anhand der identischen Integrationsstellen im Genom der Tochterzellen auf Klonalität folgert [180]. Diese Experimente sind extrem aufwendig und bisher für den Hippocampus, in den Retroviren nur erschwert eingebracht werden können, nicht durchgeführt worden. Wenn im folgenden im in-vivo-Kontext von „Stammzellen“ die Rede ist, so folgt dies dem allgemeinen Sprachgebrauch und unter Vernachlässigung der Frage der nachgewiesenen Klonalität.
Neuronale Vorläuferzellen wurden erstmals 1992 aus dem Vorderhirn der erwachsenen Maus extrahiert [147, 149]. Während die ursprüngliche Publikation von Reynolds und Weiss noch von Zellen aus dem Striatum spricht, so wurde später klar, daß es sich genaugenommen um Zellen der subventrikulären Zone handelte. Hier befindet sich eine Population von Stamm- und Vorläuferzellen, die auch im Erwachsenenalter noch in großer Zahl neue Nervenzellen produziert. In vitro zeigten diese Zellen die Charakteristika der Multipotenz [148]. Es folgten Experimente, die darauf abzielten, den Charakter der neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen in situ genauer zu charakterisieren. Die Arbeitsgruppe um Arturo Alvarez-Buylla stellte in aufwendigen Untersuchungen fest, daß es sich bei der Stammzelle der subventrikulären Zone um eine Zelle handelt, die Charakteristika von Astrozyten besitzt und zumindest phasenweise eine Zellfortsatz zwischen den Ependymzellen hindurch an die Ventrikelwand sendet und dort ein Cilium besitzt [45]. Diese Eigenschaft des zilienbesetzten Kontaktes zur Ventrikelwand könnte erklären, warum die Arbeitsgruppe um Jonas Frisén zu dem scheinbar divergenten Ergebnis kam, die Stammzellen dieser Region als Ependymzellen zu bezeichnen [87]. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist noch nicht endgültig beigelegt, es spricht aber vieles dafür, daß die Astrocytenhypothese die wahrscheinlichere ist und das Problem zu einem nicht geringen Anteil ein nomenklatorisches ist.
Einer Hypothese von Dereck van der Kooy zufolge ist die Stamm- und Vorläuferzellpopulation in der subventrikulären Zone nicht homogen, sondern unterscheidet sich in zumindest in bestimmten Aspekten der Zellteilungsaktivität [125]. So vermutet van der Kooy, daß aus einer sich sehr selten teilenden echten Stammzelle eine rascher teilende Vorläuferzellpopulation hervorgeht, die dann vorrangig in vivo nachweisbar ist und die Zellen ausmacht, die in der Zellkultur anzutreffen sind. Die Evidenz für diese prinzipiell einleuchtende Theorie ist bislang gering.
Arbeiten zur embryonalen Neurogenese in der ventrikulären Zone haben gezeigt, daß die Stamm- und Vorläuferzellen dort je nach Stadium des Zellzyklus unter[Seite 11↓]schiedliche Positionen relativ zur Ventrikelwand einnehmen [31]. Aus diesen Arbeiten von Susan McConnell rührt auch die Hypothese, daß sich Stammzellen auf zwei verschiedene Arten teilen. Aus symmetrischen Teilungen gehen zwei neue, identische Stammzellen hervor, aus einer asymmetrischen Teilung nur eine neue Stammzelle und eine Zelle, die differenziert. Dieses Modell ist auf die Zustände im erwachsenen Gehirn und auf adulte Neurogenese im Hippocampus übertragen worden [4], auch wenn bislang keine experimentellen Daten vorliegen, die dies in allen Aspekten eindeutig belegen.
1993 zeigten Ray und andere, daß sich neuronale Stamm- und Vorläuferzellen auch aus dem erwachsenen Hippocampus von Ratten gewinnen lassen [146]. Palmer wies später nach, daß es sich bei diesen Zellen in der Tat um Stammzellen im engeren Sinne der Definition handelt [136]. Damit war gezeigt, daß sich aus einer Region, von der bereits seit den 60-er Jahren bekannt war, daß in ihr auch im Erwachsenenalter noch neue Nervenzellen entstehen [3], neuronale Stamm- oder Vorläuferzellen enthält. Bis heute ist aber nicht schlüssig bewiesen, daß es sich bei den Zellen, die in vivo sichtbar gemacht werden können, um exakt diese in der Kultur identifizierbaren Stammzellen handelt. Der Zusammenhang ist aber suggestiv und naheliegend.
Während es sich bei der subventrikulären Zone und dem Gyrus dentatus des Hippocampus um zwei Regionen handelt, von denen bekannt war, daß sie in vivo neurogen sind, ergaben weitere Versuche, daß man neuronale Stamm- und Vorläuferzellen auch aus Regionen des erwachsenen Gehirns isolieren kann, die in situ keine Anzeichen von Neurogenese zeigen. So finden sich neuronale Stamm- und Vorläuferzellen auch im Septum, im Striatum [135], im Rückenmark [164], im Neocortex, im Balken, im optischen Nerv [134] und in der Retina [175]. Wahrscheinlich kommen sie im gesamten Gehirn vor.
Bei allen diesen Zellen ist, auch wenn mitunter die detaillierte Analyse aussteht, anzunehmen, daß es sich um gewebespezifische Stammzellen handelt. Verblüffenderweise konnte aber eine aus dem erwachsenen Gehirn gewonnene Stammzelle benutzt werden, um analog zu einer Knochenmarkstransplantation in einer bestrahlten Maus ein komplettes blutbildendes System wieder aufzubauen [14]. In einem verwandten Ansatz gelang es der Arbeitsgruppe von Jonas Frisén, adulte neuronale Stammzellen so „umzuprogrammieren“, daß sie sich wie embryonale Stammzellen verhielten [32]. Irritierenderweise erschienen diese Zellen nach Implantation jedoch in nahezu alle Körperorganen außer dem blutbildenden System. Diese Ergebnisse zeigen, auch wenn bestimmte Details verwirrend und unklar sind und einer weiteren Überprüfung harren, daß die eingangs dargestellte Kaskade der Stammzellentwicklung von totipotenten mit eingeschränkter Selbstreplikation zu multipotenten gewebespezifischen Zellen mit nahezu unbegrenzter Selbstreplikation in einem wahrscheinlich nicht geringen Maße artifiziell ist. Im folgenden Kapitel wird auf die mutmaßliche Rolle, die die unmittelbare zelluläre Umgebung auf die Stamm- und Vorläuferzellen hat, weiter eingegangen.
Eine ebenfalls noch unklare Stellung in der Systematik neuronaler bzw. neuroektodermaler Stammzellen nehmen die glialen Vorläuferzellen ein, wie sie von den Arbeitsgruppe um Martin Raff beschrieben wurden [52, 142]. Die Mehrheit dieser Ar[Seite 12↓]beiten war der sogenannten O2A-Vorläuferzelle gewidmet, einer ursprünglich aus dem optischen Nerv isolierten Vorläuferzelle, die Oligodendrozyten und Typ 2 Astrozyten hervorbringen kann. Bei diesen Oligodendrozytenvorläuferzellen dürfte es sich um die bestcharakterisierten Vorläuferzellen des adulten Gehirns handeln: über Jahre hinweg war eine eigene Systematik dieser und verwandter Zellen entstanden, deren Zuordnung zu den oben dargestellten Ergebnissen anderer Gruppen weitgehend unscharf blieb. Überraschenderweise ließ sich nun auch diese Zelle so reprogrammieren, daß sie sich wie eine multipotente neuronale Stammzelle verhielt [96]. Dieses Ergebnis spricht dafür, daß die O2A-Vorläuferzelle eine Position weit hinter der neuronalen Stammzelle einnimmt, auch ihre scheinbar so scharf umrissenen Charakteristika jedoch Ausdruck der zellulären Mikroumgebung bzw. der definierten Zellkulturparameter sind.
Bis heute sind keine Markerproteine bekannt, die eine eindeutige Zuordnung der Stamm- und Vorläuferzellen zu bestimmten Stadien der Stammzellsystematik erlauben würden. Entsprechend ist ihre Detektion in vivo nur indirekt möglich. Dazu werden sich teilende Zellen mit einem Proliferationsmarker markiert und zu einem späteren Zeitpunkt analysiert, welchen Phänotyp die Zellen in der Zeit seit der Markierung angenommen haben (Abb. 1). Als Marker wird in der Regel heute das Thymidinanalogon Bromodesoxyuridin (BrdU) eingesetzt, das nach systemischer Gabe während der Synthesephase des Zellzyklus mit Thymidin um den Einbau in die DNA konkurriert. Die Bioverfügbarkeit von BrdU ist kurz und liegt bei circa zwei Stunden [173]. Das bedeutet, daß der Zeitpunkt des Einbaus in die DNA sehr genau bekannt ist. In der Regel läßt man nach der Injektion des Versuchstieres mit BrdU etwa vier Wochen bis zur Untersuchung des Gehirns vergehen, um genug Zeit für eine Zelldifferenzierung zu geben. BrdU läßt sich dann mit einem Antikörper nachweisen und mittels Immunfluoreszenz sichtbar machen [168]. Die gleichzeitige Untersuchung mit Antikörpern gegen zellspezifische Marker wie z.B. NeuN für Nervenzellen oder GFAP für Astrozyten erlaubt dann die Aussage, daß die vorliegende Zelle sich, wenn sie BrdU im Zellkern enthält, zu dem Zeitpunkt als BrdU im Organismus zugegen war, geteilt haben muß. Da die ausdifferenzierten Zellen, insbesondere die Nervenzellen, postmitotisch sind, wird auf einen undifferenzierteren Zustand zu dem früheren Zeitpunkt gefolgert. Im Kontext mit den in vitro Daten wird angenommen, daß es sich bei diesen Zellen um die gleichen neuronalen Stammzellen handelt, wie sie in der Zellkultur identifizierbar sind. Alle bislang vorliegenden Daten decken sich mit dieser Hypothese. Gleichwohl wird diese Forschung sehr von der Identifizierung eines stammzellspezifischen Antigens profitieren. Dessen Suche hat sich bislang als äußerst schwierig herausgestellt. Die oben genannten Ergebnisse von Alvarez-Buylla, die für eine Identität (zumindest der subventrikulären Stammzellen) mit einer Art von Astrozyt sprechen, könnten, erklären warum: die Stammzelle hielte sich im Gewand einer mutmaßlich wohlbekannten Zelle verborgen.
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| Abb. 1 : Markierung von mitotischen Zellen mit Bromodesoxyuridin. Die schematische Zeichnung zeigt im oberen Teil, wie in der normalen Synthesephase (S-Phase der Mitose Thymidin (T) sich mit Adenin (A) paarend in den neuen Strang der DNA eingebaut wird. Wird das Thymidinanalogon Bromodesoxyuridin (BrdU) im Überfluß angeboten, kompetiert es mit Thymidin um den Einbau in die DNA und wird statt Thymidin in den neu synthetisierten Strang inkorporiert (mittleres Bild). Nicht eingebautes BrdU wird schnell vom Körper eliminiert. Zellen, die BrdU enthalten, können mit Antikörpern gegen BrdU sichtbar gemacht werden. | ||
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Adulte hippocampale Neurogenese wurde erstmals 1965 von Altman und Das beschrieben [3] und erlebte seither mehrere Wiederentdeckungen [8, 27, 90]. Die Beobachtung widersprach jedoch gängigen Vorstellungen von der Architektur des Gehirns und vom Umfang überhaupt möglicher Plastizität und setzte sich deshalb zunächst nicht durch. Erst Arbeiten von F. Nottebohm und Mitarbeitern, die zeigten, daß in den für das Liederlernen von Kanarienvögeln verantwortlichen Kerngebieten, offenbar in Abhängigkeit vom Vorgang des Liederlernens selbst, eine massive Neubildung von Nervenzellen zu beobachten war [58], ließ größeres Interesse an den Befunden an Nagetieren wachwerden. Da adulte hippocampale Neurogenese zunächst in Primaten nicht gefunden werden konnte [144], war jedoch die Relevanz dieser Untersuchungen in biomedizinischer, anthropozentrischer Sicht fragwürdig. Es stellte sich jedoch heraus, daß man adulte hippocampale Neurogenese im Primaten nur aus methodischen Gründen nicht gefunden hatte. Kuhn et al. adaptierten [Seite 14↓]1996 die auf BrdU basierende nicht-radioaktive Methode [44, 168] für die Neurogeneseforschung, kombinierte diese Technik mit confokaler Mikroskkopie [100], und lösten so die bis dahin vorherrschende Markierung der sich teilenden Zellen durch radioaktiv markiertes Thymidin ab (Abb. 1). Diese erlaubte eine quantitativere und validere Untersuchbarkeit adulter Neurogenese in vivo und leitete den Beginn umfassenderer Untersuchungen ein. In der Folge wurde adulte hippocampale Neurogenese im Affen [69, 99] und schließlich auch beim Menschen [50] beschrieben.
In der subgranulären Zone des Gyrus dentatus existiert eine Population sich teilender Stamm- oder Vorläuferzellen (Abb. 2A). Tochterzellen, die aus asymmetrischen Teilungen dieser Zellen hervorgehen, schlagen den Weg zur Differenzierung in eine Nerven- oder Gliazelle ein. Dabei überlebt nur ein Bruchteil der neugeborenen Zellen; zumeist die Mehrheit wird über apoptotische Mechanismen eliminiert [13]. Wie in der Embryogenese scheint also auch in der adulten Neurogenese ein Überschuß an potentiellen Nervenzellen produziert zu werden, von denen durch Selektionsvorgänge die wirklich benötigten Zellen rekrutiert werden. Und wie in der Embryogenese scheinen somit die Vorgänge der Zellgeburt und des Zelltod auf das Engste miteinander verknüpft [15]. Daß dieser Rekrutierungsvorgang in der Tat aktivitätsabhängig ist, wurde in einer der hier im Folgenden vorgestellten Arbeiten gezeigt [94, 95]. Auch daß es dabei zu einer gegenläufigen Regulation der Apoptose kommt, ist demonstriert worden [193].
Einige der neugeborenen Zellen aus der subgranulären Zone wandern in die Körnerzellschicht hinein. Bereits vier Wochen nach der Zellteilung lassen sie sich überall in der Körnerzellschicht nachweisen (Abb. 2B). Diese Migration und möglicherweise auch die damit einsetzende Differenzierung der Zellen steht offenbar in engem Zusammenhang mit der Expression der polysialierten Form des neuronalen Oberflächenmoleküls NCAM (PSA-NCAM; [157-159]). Dabei exprimieren sowohl die neugeborenen Zellen als auch umliegende Zellen, insbesondere wohl Gliazellen, PSA-NCAM. Aus dem olfaktorischen System ist bekannt, daß neugeborene Zellen in einem PSA-NCAM-positiven Trakt in einer sehr schnellen und einzigartigen Form neuronaler Migration wandern [110]. Ob diese Kettenmigration (chain migration) auch im Hippocampus eine Rolle spielt, ist derzeit noch unklar. Auch die Bedeutung der umgebenden Glia für die Migration in die Körnerzellschicht ist nicht aufgeklärt. Möglicherweise persistiert im erwachsenen Gyrus dentatus eine Form der Radiärglia, die wie in der Embryogenese die Führung der neuen Nervenzellen übernimmt.
In den Wochen nach der Zellteilung beginnen einige der neugeborenen Zellen neuronale Marker zu exprimieren. Dazu gehören ßIII-Tubulin, das neuronale Kernprotein NeuN und Körnerzellmarker wie Calbindin D28k.. Auf dem immunhistochemischen Nachweis dieser Marker basiert in der Regel der Nachweis, daß in der Tat Neurogenese stattgefunden hat.
Die neugeborenen Zellen, die zu Neuronen werden, beginnen auch früh, Axone und Dendriten auszusenden [79, 80]. Durch retrograde Markierung von CA3 her ließ sich zeigen, daß sich ihr Axon wie das aller anderen Körnerzellen wirklich entlang des Moosfasertraktes nach CA3 ausstreckt und die neuen Nervenzellen somit Teil der körnerzellspezifischen Projektion werden [115, 169]. Es gibt Mutmaßungen, daß [Seite 15↓]sich die Funktion der neuen Körnerzellen dennoch von der der älteren unterscheidet, was bei der Annahme einer funktionellen Regulation auch nicht zu überraschend wäre [182]. Zur Zeit ist aber die Frage, ob dieser Unterschied, wenn er überhaupt existiert, prinzipiell oder nur graduell ist, noch nicht beantwortet. Über die elektrophysiologischen Eigenschaften einzelner nachweislich neuer Körnerzellen gibt es nämlich bislang keine Erkenntnisse. Allerdings konnten van Praag et al. zeigen, daß eine Steigerung der adulten Neurogenese im Gyrus dentatus auch mit gesteigerter LTP (long-term potentiation), dem mutmaßlichen elektrophysiologischen Korrelat der Akquisition in Lernvorgängen, einhergeht [177]. Dies spricht sehr dafür, daß die neuen Nervenzellen in funktionelle Zusammenhänge integriert werden.
| Abb. 2 : Neue Nervenzellen im erwachsenen Gyrus dentatus der Maus. (A) Sich teilenden Zellen in der subgranulären Zone wurden mit Bromodesoxyuridin (BrdU; rot) sichtbar gemacht. Die Neurone der Körnerzellschicht sind mit Antikörpern gegen NeuN (grün) angefärbt, Astrocyten mit Antikörpern gegen S100ß in blau. (B) Vier Wochen nach der Markierung mit BrdU (d.h. nach der Zellteilung) sind die überlebenden Tochterzellen in die Körnerzellschicht hineingewandert und haben einen neuronalen Phänotyp (grün + rot = orange) angenommen. Abbildung von Zellen aus 3 Monate alten Mäusen (Maßstab in A entspricht 100µm für A und 20 µm für B). Vgl. auch das Titelbild. | ||
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Die Frage neurogener Permissivität im erwachsenen Gehirn geht von der Annahme aus, daß den Stamm- oder Vorläuferzellen zwar das Potential innewohnt, sich in Neurone zu differenzieren, für die Umsetzung dieses Potentials aber Signale der unmittelbaren zellulären Umgebung erforderlich sind. Maßgeblich für diese Annahme sind die Befunde von Transplantationsstudien, die einhellig gezeigt haben, daß die Differenzierung vom Implantationsort abhängig ist, die implantierten Zellen also immer ortsspezifisch differenzierten.
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Auch in vivo kann man aus der Tatsache, daß Neurogenese so lokal begrenzt im erwachsenen Gehirn anzutreffen ist, obwohl sich Stammzellen aus wahrscheinlich dem gesamten Gehirn extrahieren lassen [134], folgern, daß die Neurogenität einer Region sich nicht allein aus der Präsenz von neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen erklären lassen kann. Was aber macht eine neurogene Region neurogen, wenn es nicht die Stamm- oder Vorläuferzellen allein sind?
Einer Vielzahl von Arbeiten zur adulten Neurogenese liegt die allerdings irrige Annahme zugrunde, daß die Proliferation von Stamm- oder Vorläuferzellen bereits Neurogenese konstituiere. Wie weiter unten (2.2) gezeigt wird, ist adulte hippocampale Neurogenese jedoch ein mehrstufiger Prozess, bei dem die Quantität der Regulation auf einer Stufe keine eindeutigen Aussagen über die Regulation auf anderen Stufen und damit auch der Nettoneurogenese zuläßt.
Entsprechend verwenden wir eine strengere und dennoch umfassendere Definition von „Neurogenese“ als oft üblich. Im hier benutzten Sinne ist „Neurogenese“ diejenige Serie von Entwicklungsschritten, unabhängig ob während der Embryogenese oder im Erwachsenenalter, die von einer teilungsaktiven neuronalen Stamm- oder Vorläuferzelle zu einer neuen Nervenzelle führt. Neurogenese wird also vom Resultat der Entstehung einer neuen Nervenzelle her definiert. Daraus folgt z.B., daß Gliogenese nicht Neurogenese ist, auch wenn beide Prozesse mutmaßlich von der gleichen multipotenten neuralen Vorläuferzelle ausgehen können und bestimmte Entwicklungsschritte gemeinsam haben können. Wie in 2.2 (und beispielsweise in [13]) dargestellt, sterben die meisten Tochterzellen, die aus der Vorläuferzellproliferation hervorgehen, innerhalb weniger Tage nach der Zellteilung ab. Neurogenese kann daher nicht sinnvoll mit einer Definition erfaßt werden, in der nicht-neuronale oder gar keine neuen Zellen entstehen.
Diese strenge Unterscheidung geht weit über das Semantische hinaus. Bleibt man bei einer vereinfachten Definition, die bereits in der Zellproliferation in der subgranulären Zone Evidenz für Neurogenese erkennt, so wird man der Komplexität der neurogenen Regulation nicht gerecht und unterstellt möglicherweise regulatorische Effekte auf die Nettoneubildung von Nervenzellen, wo in Wirklichkeit nur die Zellproliferationsrate angeregt wurde, aber auch mehr der Tochterzellen starben. Einige der in Tabelle 1 dargestellten Regulatoren adulter hippocampaler Neurogenese (auf die noch genauer eingegangen wird) wirken beispielsweise nur transient; in vielen Fällen wurde die neuronale Differenzierung, die auf die Teilung der Vorläuferzellen folgen müßte, um zu neuen Nervenzellen zu führen, gar nicht untersucht. Eine der Kernaussagen dieser Schrift ist, daß adulte hippocampale Neurogenese auf mehreren Stufen der neuronalen Entwicklung relativ unabhängig voneinander reguliert wird. Als unterscheidbare Stufen sind zum Beispiel die Zellteilung der Vorläuferzellen, das Überleben der Tochterzellen, ihre Migration, die Expression von phänotypischen Proteinen, das Aussenden von Zellfortsätzen (Axonen und Dendriten), die Synapsenbildung, der Aufbau neuronenspezifischer, elektrophysiologischer Eigenschaften und das Generieren von Aktionspotentialen, und schließlich die Wirksamkeit in neuronalen Schaltkreisen abzugrenzen. Natürlich ist es weder praktikabel noch überhaupt möglich, immer alle diese Schritte dezidiert zu untersuchen. Es ist [Seite 17↓] aber auch nur entscheidend, sich dieser Komplexität bewußt zu bleiben und aus der Serie der Ereignisse zumindest ein weiteres nach der Zellteilung nachzuweisen, das eine eindeutig neuronale Eigenschaft erfaßt. Dies wird in der Regel die Expression von neuronenspezifischen Markerproteinen sein, wie sie sich immunhistochemisch nachweisen läßt.
Für die Frage, was neurogene Permissivität sei, bedeutet diese aufwendige Unterscheidung, daß sich neurogene Permissivität beispielsweise nicht vereinfachend mit Mitogenität gleichsetzen läßt. Vielmehr muß die zelluläre Umgebung in der Lage sein, eine Kaskade von Entwicklungsschritten zu steuern. Es gibt keine Hinweise darauf, daß nach der Zellteilung ein starres Programm abliefe, daß zwangsläufig und quantitativ in neuen Nervenzellen mündete.
Den hier dargestellten Experimenten liegt deshalb die Annahme zugrunde, daß sich neurogene Permissivität am besten zunächst in Modellen untersuchen läßt, die eine physiologische Regulation von adulter Neurogenese hervorrufen. Diese Ergebnisse zur physiologischen Regulation stehen aber im Kontext einer stetig wachsenden Zahl von Resultaten, die sich als spezifischere Manipulationen verstehen lassen, deren biologische Bedeutung unter normalen Bedingungen im Einzelfall noch sehr unklar bleiben kann. Trotzdem zeichnet sich ein Bild ab, das adulte Neurogenese, ihre Regulation und damit neurogene Permissivität als einen Prozess auf Zell- und Organebene definiert. Was neurogene Permissivität und was Regulation adulter Neurogenese intrazellulär bedeutet und wie also die Signaltransduktion, die diesen Vorgängen zugrundeliegt, aussieht, ist gegenwärtig noch sehr weitgehend unklar.
Diskutiert wurde aber beispielsweise bereits, daß dem cAMP responsive element binding protein (CREB) eine Schlüsselstellung in den intrazellulären Abschnitten der Regulation zukommen könnte [46, 113]. Diese Annahme wird gestützt durch die Tatsache, daß viele bekannte Regulatoren adulter Neurogenese auf Rezeptorsysteme wirken, deren nachgeschaltete second messenger Kaskaden auf CREB konvergieren. Trotzdem ist diese Schlüsselbedeutung noch spekulativ. Aus der neurogenen Zone des olfaktorischen Systems gibt es Hinweise darauf, daß Eph/ephrin für die Steuerung der Neurogenese notwendig ist [33]. Dieser Befund steht aber zur Zeit noch vergleichsweise isoliert da. Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß neurogene Permissivität nicht an der Zellmembran haltmacht. Letztlich läuft die Frage darauf hinaus, welche Gene wann und in welcher Reihenfolge aktiviert werden, damit adulte Neurogenese stattfinden kann. Was wir hier unter neurogener Permissivität verstehen, sind mangels weitergehender Erkenntnisse noch der bezogen auf die Stamm- und Vorläuferzellen extrazelluläre Anteil und damit der Beitrag der zellulären Mikroumgebung an der Regulation adulter Neurogenese.
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In Tabelle 1 wird der gegenwärtige Stand der Literatur zur Regulation adulter hippocampaler Neurogenese in vivo wiedergegeben. Wie erwähnt, gibt es derzeit noch kaum Kenntnis über Regulationsprozesse auf intrazellulärer und vor allem molekulargenetischer Ebene. Hierin liegt die große Herausforderung der kommenden Jahre. Experimentelle Modelle aber, die es ermöglichen werden, die Details neurogener Regulation aufzuklären, sind zum Teil bereits erkennbar.
Die Kenntnisse über die Regulation adulter hippocampaler Neurogenese in vivo fallen in derzeit drei große, überlappende Kategorien: 1. Die physiologische Regulation, zu der Alters- und Geschlechtsunterschiede, saisonale Einflüsse und auch die aktivitäts- und erfahrungsabhängige Regulation gehören. 2. Die Regulation durch pathologische Einflüsse wie epileptische Anfälle, Ischämie, Läsionen, etc. 3. Die große Gruppe der Kenntnisse, die einzelne chemische Komponenten betreffen, seien es Wachstumsfaktoren, Hormone, Neurotransmitter oder auch Medikamente, und die sowohl in physiologischer als auch pathologischer Regulation eine Rolle spielen könnten, deren einzelner Beitrag zum Gesamtgeschehen derzeit aber noch nicht gewichtend einzuordnen ist.
Grundsätzlich werden sich physiologische und pathologische Regulation nicht fundamental unterscheiden; im Falle der Pathologie werden aber einzelne Regulationsstufen so über- oder unterreguliert werden, daß es zu der beobachteten Störung kommt. Dies einschätzen zu können, setzt aber eine gewisse Kenntnis der physiologischen Regulation voraus. Durch Auslösen von epileptischen Anfällen beispielsweise wird die Proliferation der neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen in der subgranulären Zone massiv stimuliert [139]. Es kommt auch zu einer, wenn auch nicht in gleichem Maße gesteigerten Förderung der Neurogenese. Welche Bedeutung diesem Vorgang zukommt, ist weitgehend unklar, nicht zuletzt deshalb, weil die Rolle der neuen Nervenzellen unter physiologischen Bedingungen nur ansatzweise bekannt ist.
Grundsätzlich scheinen aktivitätsfördernde Stimuli aller Art direkt oder indirekt zu einer Wirkung auf die proliferative Aktivität zu führen. Welche Faktoren neurogener Permissivität aber müssen hinzukommen, damit dieses so erhöhte neurogene Potential auch zu einer größeren Zahl funktionierender neuer Nervenzellen führt? Im Kontext der hier vorgestellten Forschung lautet die Frage: Welche funktionellen Zustände oder welche Art von Aktivität und Erfahrung beeinflussen neurogene Permissivität so, daß ein funktioneller Nutzen dabei entsteht? Eine plausible und im Folgenden näher dargestellte Theorie besagt, daß allgemeine Stimuli wie körperliche Aktivität über die Steuerung der Vorläuferzellproliferation auf das neurogene Potential wirken, aus dem spezifischere Reize, insbesondere Lernstimuli neue Nervenzellen rekrutieren können.
Eine gegenwärtig noch nicht letztlich einzuordnende Rolle nimmt „Stress“ in diesen Konzepten ein. Während mehrere Experimente, insbesondere von E. Gould und Mitarbeitern [25, 26, 62], gezeigt haben, daß starker akuter Stress und auch die Manipulation von biochemischen Stresskorrelaten wie den Serumglucocorticoid[Seite 19↓]spiegeln schnelle und deutliche Auswirkungen auf adulte hippocampale Neurogenese haben, so stehen diese Befunde zumindest partiell im Widerspruch zur positiven Regulation durch beispielsweise körperliche Aktivität, die ebenfalls eine Streßkomponente hat. Das Dosis-Wirkungsverhältnis von Stress und adulter Neurogenese bleibt aufzuklären. Wahrscheinlich ist es so, daß „milder Stress“ die neuronale Plastizität eher fördert als hemmt. So haben beispielsweise Arbeiten von T. Shors gezeigt, daß milder Stress zu einer Ergebnisverbesserung in Lerntests führt [191].
Während Ergebnisse, wie die Wirkung von Wachstumsfaktoren, z.B. epidermal growth factor (EGF) und basic fibroblast growth factor (bFGF), auf Zellkulturbefunde Bezug nehmen oder sich wie im Falle von Hormonen oder Neurotransmittern, relativ leicht auch in vorläufige Gesamtkonzepte neuronaler Plastizität einordnen lassen, so ist die Bedeutung von isoliert dastehenden Befunden wie einer Wirkung von Haloperidol [43] oder Opiaten [49] auf adulte hippocampale Neurogenese noch völlig unklar. Gleichwohl können gerade aus derartigen Einzelbefunden interessante Querverbindungen entstehen. So zeigten Chen et al., daß das bei der Behandlung der Manie eingesetzte Lithium die Zellproliferation in der subgranulären Zone fördert und gleichzeitig die Expression des antiapoptotisch wirksamen Proteins bcl-2 steigert [30]. Daß damit alle bislang untersuchten antidepressiv wirksamen Maßnahmen einen positiven Effekt auf die Regulation adulter Neurogenese haben, wird weiter unten noch gesondert diskutiert (3.3). Hier aber ist entscheidend, daß sich in diesem Resultat eine mögliche Verknüpfung zwischen der Regulation der Proliferation und des Zellüberlebens (durch einen antiapoptotischen Effekt) auftut.
Zusammenfassend ist der derzeitige Kenntnisstand der Regulation adulter Neurogenese in vivo ein sehr unfertiges Mosaik, in dem jedoch an einigen Stellen das zugrundeliegende Muster aufzuscheinen beginnt. Im nun Folgenden geht es um den physiologischen Kontext dieser Regulation: wie wird adulte hippocampale Neurogenese normalerweise gesteuert? Was können wir daraus für die allgemeinen Prinzipien dieser Regulation und damit neurogene Permissivität folgern? Und welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Befunden für Konzepte hippocampaler Funktion und Fehlfunktion.
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Tab. 1 : Bis Ende 2000 veröffentlichte Informationen über Faktoren, die regulatorisch auf adulte hippocampale Neurogenese oder Aspekte von ihr wirken. Nur Beiträge zu Zeitschriften mit Begutachtungsverfahren sind berücksichtigt. Das „Erwachsensein“ wurde für Nagetiere als durch den Zeitpunkt der Entwöhnung von der Mutter gegeben angenommen.
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Wachstumsfaktoren | |||||||||||
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- FGF-2 (lokal) |
i.c.v. Infusion |
Ratte F344 |
M |
13-14w |
gleich |
gleich |
gleich |
• |
NeuN |
Signifikant. Wkg. in der SVZ |
[27] |
|
- EGF |
i.c.v.Infusion |
Ratte F344 |
M |
13-14w |
gleich |
gleich |
↑ /↓ |
• |
NeuN |
↑ Astrozyten ,↓ Neurone |
[27] |
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- IGF |
s.c. Infusion |
Ratte SD (hx) |
W |
50d |
↑ |
↑ |
↑(%Calb.) |
• |
Calb., MAP-2, NeuN |
Experiment an hypophysectomierten(hx) Ratten |
[1] |
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Medikamente und Drogen | |||||||||||
|
- Haloperidol |
5mg/kg, i.p., 3d |
Gerbil |
M |
90 d |
↑ |
• |
• |
• |
• |
Verstärkt. septo-temporaler Gradient prolif. Zellen |
[10] |
|
1-2mg/kg, i.p., 14d |
Ratte SD |
M |
250-300g |
gleich |
• |
• |
• |
• |
Siehe auch Abschnitt Serotonin |
[33] |
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|
- Metamphetamine |
Einzeldosis i.p. |
Gerbil |
M |
90d |
↑ |
• |
• |
• |
• |
Transiente Zunahme, kein Unterschied nach 36h |
[44] |
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- Opiate |
Morphin s.c. (Pellet) / Heroin i.v. Selbstadministration |
Ratte SD |
M |
275-300g |
↓ /↓ |
↓ / • |
• |
• |
NeuN |
Wkg. von chron. nicht akuter Beh.; Naltrexone antagonisiert Morphin Wkg.; keine Wkg. von Adrenalectom. plus Korticosteronsubstitution auf morphininduz. Wkg. |
[11] |
|
- Antidepressiva |
Tranylcypromin, Reboxetin |
Ratte SD |
M |
250-300g |
↑ |
• |
• |
• |
• |
Chron. Behandl.; siehe auch Absch. Serotonin |
[33] |
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1. Lithium |
oral |
Maus B6 |
M |
? |
↑ |
• |
gleich |
• |
NeuN |
↑ bcl-2 (Westernblot) |
[9] |
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Literaturverzeichnis zur Tabelle 1:
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