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1  Einführung

1.1 Einleitung und Kapitelübersicht

An die Nutzung von Stammzellen als Grundlage zukünftiger neurologischer The­rapie knüpfen sich große Erwartungen. Die Vorstellung, einen Verlust von Neu­ronen durch gezielte Neubildung von Nervenzellen ausgleichen zu können, ist kon­zeptionell unmittelbar einsichtig und kommt Idealen von kausaler Therapie sehr nahe. Theoretisch gibt es kaum eine neurologische Erkrankung, die wenn sie mit Zellverlust oder –degeneration einhergeht, nicht potentiell direkt oder indirekt von einem Zellersatz profitieren könnte. Dabei reicht das Spektrum theoretisch denkba­rer Einsätze von rela­tiv umschriebenen Neuronenverlusten wie beim Morbus Par­kinson oder der Chorea Hun­tington über komplexere Ausfälle wie beim Morbus Alzheimer bis hin zu diffusen Ausfällen im Rahmen von Hypoxien und Ischämien. Große Hoffnungen knüpfen sich auch an den Ersatz der Neuroglia, so etwa myelin­bildender Oligodendrocyten bei der Multiplen Sklerose. Schließlich gibt es Bestre­bungen, die Kompatibilität transplantierter neuraler Stammzellen mit der zellulären Umgebung eines Empfängergehirns zu nutzen, um sie als genetisch modifizierte Zellen, die Wachstumsfaktoren oder andere wünschenswerten Faktoren produzieren, in das erkrankte Gehirn einzubringen (zur Übersicht siehe beispielsweise [55, 165]).

Es bestehen heute schon vergleichsweise große Erfahrungen mit der Trans­planta­tion von unreifem fetalem Gewebe aus dem ventralen Mesencephalon in das Corpus striatum von Parkinsonpatienten [22], und erste experimentelle Therapien dieser Art sind auch mit einigem Erfolg bei Patienten mit Chorea Huntington durch­geführt worden [5]. Der Therapieerfolg bei diesen Studien war zwar weder einheitlich noch durchschlagend, der Beweis der grundsätzlichen Machbarkeit aber wurde so geführt. Es ist zu vermuten, jedoch bis heute nicht schlüssig gezeigt, daß die im Transplantat enthaltenen neuralen Stamm- oder Vorläuferzellen hierbei die für den the­rapeutischen Effekt verantwortlichen Zellen sind. Auch wenn wertvolle Kennt­nisse, vor allem hinsichtlich prinzipieller technischer Fragen, aus diesen Arbeiten erwachsen sind und der relative Erfolg dieser Methode auch in mancherlei Hinsicht Berechtigung und Gewicht verleiht [78], so ist der Einsatz von Embryonen zur Ge­winnung des Transplantates ethisch in höchstem Maße problematisch und zusätzlich auch quantitativ nur so begrenzt möglich, daß er für eine potentielle Standardtherapie nicht in Frage kommt.

Das therapeutische Wissen über den Einsatz definierter Stammzellpopulationen stammt zur Zeit noch nahezu ausschließliche aus Tierversuchen. Trotz voreiliger klini­scher Einsätze, wie beispielsweise die Behandlung von Schlaganfallpatienten mit „Stammzellen“ [97, 107], ist der gegenwärtige Grundtenor, daß die Zeit für die Kli­nik noch nicht reif ist, aber sich ihr mit großer Geschwindigkeit nähert. Einige sehr grund­sätzliche Fragen sind jedoch noch zu klären, bevor Stammzellen wirklich kli­nisch ein­setzbar werden. Nicht allein aus Sicherheitsgründen, sondern auch im Sinne einer mög­lichst gezielten und effizienten Anwendung, sollte man sich eine sehr genaue Vorstel­lung davon verschaffen, was Stammzellen können, was mit ih­nen [Seite 6↓]nicht möglich ist, welche ihre physiologische Funktion ist und wie weit sich diese Funktion in therapeuti­scher Absicht sinnvoll ausdehnen läßt. Dabei zeigt schon eine oberflächliche Betrach­tung, daß sich hinter dem Ruf nach „Stammzellen für die Neurologie“ keineswegs ein einheitliches Konzept verbirgt. Unter dem weiten Ober­begriff stammzellbasierter The­rapien finden sich höchst unterschiedliche zugrunde­liegende Strategien und “Stamm­zellen”. Kapitel 1.2 beleuchtet daher zunächst die Definition des Begriffs der Stamm­zelle, bespricht die verschiedenen Arten von Stammzellen und ihre Potenz und disku­tiert die möglichen Therapieformen, die auf diesen Zellen basieren.

Der weitaus größte Teil der neurobiologischen Stammzellforschung hat sich bis­lang auf die Zellkultur konzentriert, und die auf solcher Forschung basierenden neuen Therapieformen zielen in der Regel primär auf eine Transplantation von neu­ronalen Stammzellen in das erkrankte Gehirn ab. Neuronale Stammzellen lassen sich wahr­scheinlich aus dem gesamten Gehirn, sei es embryonal oder adult, gewinnen und nahezu beliebig in Kultur propagieren [54]. Auch mit Stammzellkulturen aus dem menschlichen Gehirn liegen erste Erfahrungen vor [155]. Rein theoretisch könnten mit den Stamm­zellen eines einzigen Spenders (im Unterschied zur Lage bei den fetalen Transplantaten) alle Parkinsonpatienten der Welt mit implantierbaren Zellen ver­sorgt werden. Die Praxis ist davon sehr weit entfernt. Einer der Gründe hierfür ist (un­ter sicherlich vielen), daß über das Verhalten der Zellen nach der Transplantation sehr wenig Genaues bekannt ist. So ist die Überlebensrate implan­tierter Zellen (und erst recht implantierten Gewebes) sehr gering [22], und Probleme wie eine gezielte Migra­tion oder Differenzierung in vivo sind außerhalb des Spek­trums des momentan Erreich­baren. Hingegen ist aus Tierversuchen bekannt, daß sich transplantierte Zellen lokalisati­onsspezifisch differenzieren können. Vorläufer­zellen aus dem Hippocampus differen­zierten nach Implantation in den Hippocam­pus erwartungsgemäß zu hippocampalen Neuronen [56], im Riechkolben jedoch zu dort ansässigen neuronalen Phänotypen [171] und in der Retina zumindest morpho­logisch in so verschiedenartige Zelltypen wie Photorezeptoren, bipolare Zellen und amakrine Zellen [172]. Stammzellen aus dem Rückenmark verhielten sich nach Im­plantation in den Hippocampus nicht anders als die ortsansässigen Stammzellen [163].

Neuronale Stammzellen können aber auch in ihrer normalen Umgebung des Ge­hirns untersucht werden. Neuronale Stamm- und Vorläuferzellen lassen sich aus wahr­scheinlich allen Regionen auch des erwachsenen Gehirns gewinnen [134]. Zu den bisher untersuchten Hirnregionen zählen der Hippocampus [136], die subventri­kuläre Zone der Seitenventrikel [45], das Septum, das Striatum [135], die Retina [175], das Rückenmark [164], der Neocortex, und Regionen weißer Substanz, wie Corpus callosum und Nervus opticus [134]. Nur in zwei offensichtlich privilegierten Regionen jedoch, dem Gyrus dentatus des Hippocampus und dem Bulbus olfacto­rius, werden aus diesen Stammzel­len auch in vivo neue Nervenzellen in größerer Zahl produziert. Es gibt darüber hinaus allerdings bislang auch drei Berichte von „adulter Neurogenese“ (d.h. der Bildung neuer Nervenzellen im erwachsenen Gehirn) im Cortex [67, 77, 112] und einen Kongreßbericht von Neurogenese in der adulten Sub­stantia nigra (Jonas Frisén, persönliche Mitteilung). Ungeachtet dessen ist adulte [Seite 7↓]Neurogenese im erwach­senen Gehirn weit mehr die Ausnahme als die Regel. Kapi­tel 1.3 stellt adulte Neuroge­nese im Hippocampus als die modellhafte neurogene Region des erwachsenen Gehirns vor.

Wenn nun einerseits bekannt ist, daß sich neuronale Stamm- und Vorläuferzel­len aus praktisch dem gesamten Gehirn gewinnen lassen [134], und man andererseits weiß, daß offensichtlich adulte Neurogenese auf wenige Areale eingeschränkt ist, so stellt sich die entscheidende Frage, was eine neurogene Region neurogen macht. Die oben bereits erwähnten Transplantationsexperimente haben gezeigt, wie sehr die Mikro­umgebung die Differenzierung der Zellen beeinflußt. Kernfrage der neuronalen Stammzellbiologie, sofern sie darauf abzielt, Nervenzellen “zu machen”, ist daher die der „neurogenen Per­missivität“ — der Bedingungen im Gewebe, die Neurogenese erlauben. Kapitel 1.4 stellt im Vorgriff auf die folgenden Kapitel dar, wie ein Kon­zept der neurogenen Permissivität im erwachsenen Gehirn aussehen könnte.

Diese Bedingungen adulter Neurogenese betreffen selbstverständlich nicht nur Stammzellen innerhalb neurogener Regionen wie dem Hippocampus und Vorläufer­zel­len, die in neurogene und nicht-neurogene Regionen implantiert werden, sondern selbstverständlich auch die offensichtlich ruhenden neuronalen Stammzellen in den nicht-neurogenen Regionen des erwachsenen Gehirns. Eine Kernfrage in Bezug auf diese letztere Population ist, warum das Gehirn im Falle von Schädigungen das in die­sen Stammzellen ruhende Potential zur Neuroregeneration nicht ausnutzt. Da die Zel­len aus dem Gehirn extrahiert und in Kultur gebracht ihre ganzen Möglichkeiten zur Differenzierung zeigen, liegt die Vermutung nahe, daß in vivo inhibierende Fakto­ren der Mikroumgebung wirksam sind. Auch dies ist somit eine Frage neurogener Permissivität. Eine mögliche Strategie neuartiger neurologischer Therapie bestünde daher darin, das Potential der neuronalen Stammzellen in vivo zu wecken und gezielt im erwachsenen Gehirn Neurogenese zu induzieren. Dieses Vorgehen hätte unter anderem auch die maßgeblichen Vorteile, frei von den ethischen Beschränkungen zu sein, wie sie der An­wendung embryonalen Gewebes entgegenstehen, und außerdem die technischen und immunologischen Probleme der neuronalen Transplantations­medizin zu umgehen. Ei­nen ersten experimentellen Hinweis, daß das zumindest im Tierversuch auch in der Tat möglich ist, gibt es mittlerweile. Macklis und Mitarbeiter haben gezeigt, daß es nach sehr gezielt ausgelöstem Zelltod corticaler Neurone mit Erhalt der umliegenden Struk­turen in der Maus zu einer Neubildung von derartigen Nervenzellen kommen kann [112]. Dieser prinzipielle Nachweis eröffnet eine Viel­zahl neuer Fragen und stellt das Problem, was denn die Neurogenität einer Region definiert, umso deutlicher in den Vordergrund.

Die in dieser Schrift vorgestellte Forschung nähert sich der Frage, was eine neu­ro­gene Region neurogen macht, über die damit verwandte Frage, wie adulte Neuro­genese in vivo reguliert ist. Kenntnis der Regulation erlaubt einen Einblick in die Komplexität der Faktoren, die zusammenspielen müssen, um adulte Neurogenese in vivo zu kontrol­lieren. Kapitel 1.5 stellt daher zusammen, was aus der Literatur über die Regulation adulter hippocampaler Neurogenese bekannt ist und nimmt damit wieder Bezug auf das zuvor entwickelte Modell neurogener Permissivität. Dabei wird [Seite 8↓]deutlich, wie sehr die Erforschung der Regulation adulter Neurogenese über viele Jahre von Beispielen nega­tiver Kontrolle geprägt war. So unterdrücken beispiels­weise offensichtlich sowohl Glu­cocorticoide als auch glutamaterge Afferenzen zum Hippocampus physiologischerweise die Neurogenese im adulten Gyrus dentatus [117].

Die im zweiten Teil der vorliegenden Schrift vorgestellten eigenen Arbeiten wa­ren die ersten, die eine positive Regulation adulter hippocampaler Neurogenese nachgewie­sen haben. Diese Regulation scheint mit der normalen Funktion des Hip­pocampus in engem Zusammenhang zu stehen. Aktivitätsabhängige Regulation adulter hippocampa­ler Neurogenese zeigt, daß es sich bei dieser Regulation um ei­nen komplexen, mehrstu­figen Prozess handelt, der genetischen Dispositionen un­terliegt und durch verschiedene Stimuli in verschiedener Weise beeinflußt wird. Ka­pitel 2.1 gibt einen orientierenden Überblick der in den Kapiteln 2.2 bis 2.7 in deut­scher Übersetzung folgen­den Einzeldarstellungen.

Der dritte Teil dieser Schrift gibt zunächst eine zusammenfassende Diskussion die­ser Arbeiten (3.1). Während aus medizinischer Sicht bei der Erforschung adulter Neu­rogenese zunächst ihr im weitesten Sinne modellhafter Charakter für die Grundlagen neuronaler Stammzellbiologie im Vordergrund stehen mag, so erhebt sich natürlich gleichzeitig die Frage nach der physiologischen Rolle adulter Neuroge­nese und ihrer aktivitätsabhängigen Regulation in der Funktion des Hippocampus (3.2). Die Tatsache, daß das erwachsene Gehirn nicht nur in der Lage ist, neue Ner­venzellen zu rekrutieren und funktionell zu integrieren, stellt ältere Konzepte in Frage, die auf einer relativ rigiden Verschaltung zumindest auf Ebene der Nerven­zellen aufbauten. Die Interpretation unserer Ergebnisse legt nahe, daß adulte hippo­campale Neurogenese eine, wenn auch komplexe Rolle in Lern- und Gedächtnisvor­gängen spielen könnte. Aus dieser funktio­nellen, hippocampusbezogenen Sichtweise ergeben sich wiederum medizinisch rele­vante Aspekte. So kann eine Beteiligung gestörter Neurogenese im erwachsenen Hip­pocampus in der Pathogenese von so unterschiedlichen Erkrankungen wie der Depres­sion, Temporallappenepilepsie und Tumoren diskutiert werden. Kapitel 3.3 gibt einen kurzen Überblick über Fragen von Stammzellfunktion und –pathologie in vivo. In Ka­pitel 3.4 wird schließlich ausge­führt, welche Möglichkeiten stammzellbasierter neurolo­gischer Therapie es prinzipi­ell gibt und wie die hier vorgestellte Forschung sich in diese Systematik einordnet.

1.2 Stammzellen

Unter einer Stammzelle versteht man nach gängiger Definition eine undifferen­zierte Zelle, aus der durch Zellteilung entweder zwei neue Stammzellen hervorgehen können (symmetrische Teilung) oder aber eine neue Stammzelle und eine Zelle, die Ausgangspunkt für eine Ausdifferenzierung ist (asymmetrische Teilung). Je nach Vielfalt der Zelltypen, die aus einer Stammzelle durch asymmetrische Teilung direkt und über Zwischenstufen entstehen können, wird die Potenz der Stammzelle bemes­sen. Die be­fruchtete Eizelle kann als die ultimative Stammzelle betrachtet werden [Seite 9↓](obwohl ihre Selbsterneuerung begrenzt ist), da aus ihr alle Zellen der Körpergewebe hervorgehen können und hervorgehen. Man bezeichnet die Eizelle als „totipotent“. Im frühen Em­bryonalstadium enstehen Stammzellen, die noch beinahe totipotent sind, da sie alle Zell- und Organtypen hervorbringen können, jedoch kein vollständiges Individuum. Diese sogenannten „embryonalen Stammzellen“ sind „pluripotent“. Im weiteren Verlauf der Entwicklung entstehen in den einzelnen Geweben gewebespezi­fi­sche Stammzellen, aus denen die Zellen des betreffenden Gewebes hervorgehen kön­nen. Diese Zellen werden als „multipotent“ bezeichnet. Die Zellen, um die es in den hier besprochenen Arbeiten geht, sind multipotente gewebespezifische Stamm­zellen.

Einige aufsehenerregende Arbeiten haben das ungeheure therapeutische Poten­tial, das embryonalen Stammzellen innewohnt, eindrucksvoll vorgeführt. So gelang es in einer Mausmutante mit dem Krankheitsbild der von fehlender Myelinbildung ge­prägten Pilizäus-Merzbacher-Krankheit, durch Einsatz von embryonalen Stammzel­len die Tiere mit myelinbildenden Oligodendrozyten auszustatten und die Ausbil­dung des kranken Phänotyps zu verhindern [23]. Im Vorgriff auf zukünftige Thera­piemöglichkeiten am Menschen, die sich aus derartigen Experimenten ergeben könnten, hat das britische Parlament nicht nur die Anwendung humaner embryona­ler Stammzellen gestattet, sondern auch ihre bedarfsgerechte Herstellung mittels therapeutischen Klonens.

Jedoch sind embryonale Stammzellen nicht unproblematisch. Zwar werden die gängigen Definitionen beispielsweise eines „Embryos“ bei ihnen weit strapaziert, aber es besteht doch auch kein Zweifel, daß in Deutschland das Embryonenschutz­gesetz auf sie Anwendung zu finden hat. Danach ist die Gewinnung (allerdings nicht die Nutzung) humaner embryonaler Stammzellen in Deutschland nicht zugelassen. Die Diskussionen hierüber und über ethische, juristische und auch wirtschaftliche Konsequenzen einer auf embryonalen Stammzellen beruhenden Therapie ist zur Zeit noch nicht abgeschlossen. Sie wird verkompliziert dadurch, daß die Grenzen der gängigen Definitionen durch neue Ergebnisse der Biologie in Frage gestellt werden: Wie „embryonal“ ist eine em­bryonale Stammzelle, wenn sie durch „Reprogrammie­rung“ einer adulten Zelle gewon­nen wurde? Diese Abgrenzungen sind nicht Gegen­stand der vorliegenden Arbeit. Im folgenden werden daher Stamm- oder Vorläufer­zelle des Gehirns so verstanden, wie sie sich in vivo oder ex vivo darstellen ohne weite­re Aussage darüber, ob es Manipulationen gibt oder geben könnte, die ihre Gewebe­spezifität oder Potenz ausdehnen und verän­dern könnten.

Für Stammzellen des Gehirns bedeutet Multipotenz die Fähigkeit, die drei haupt­sächlichen neuroektodermalen Zelltypen des Gehirns, Neurone, Astrozyten und Oligo­dendrozyten, hervorbringen zu können. Mit Antikörpern gegen Marker­proteine wie NeuN für Nervenzellen [126], GFAP oder S100ß für Astrozyten [17] und RIP oder O4 für Oligodendrozyten [135] lassen sich diese Zelltypen in Zellkul­turexperimenten be­stimmen. Wenn man dabei von einzelnen Stammzellen ausgeht, läßt sich so auch der Nachweis der Klonalität führen [136].

Der Begriff der „Vorläuferzelle“ wird in der Regel dann verwendet, wenn unklar ist, ob eine Zelle den strikten Kriterien einer Stammzellen gehorcht. Es handelt sich [Seite 10↓]dann um einen ungenauer definierten Oberbegriff. Gleichzeitig aber kann unter einer Vorläuferzelle auch der Zelltyp verstanden ist, der aus einer multipotenten Stamm­zelle hervorgegangen ist, noch teilungsfähig ist, aber nur noch unipotent ist. Diese Zellen werden häufig auch als „Blasten“ bezeichnet, obwohl auch diese Bezeichnung nur un­scharf definiert ist. Im Englischen werden diese Blasten „blasts“ oder „precur­sors“ ge­nannt. Auch hier jedoch besteht eine zusätzliche Begriffsverwirrung mit den „progenitors“, den Vor­läuferzellen in obigem Sinne.

In Untersuchungen in vivo läßt sich in der Regel nicht sicher festlegen, ob es sich bei den untersuchten Zellen um Stammzellen im strengen Sinne handelt. Eine klo­nale Analyse in vivo ist möglich, indem man Stammzellen in situ mit einem Retrovirus infiziert und anhand der identischen Integrationsstellen im Genom der Tochterzellen auf Klonalität folgert [180]. Diese Experimente sind extrem aufwendig und bisher für den Hippocampus, in den Retroviren nur erschwert eingebracht werden können, nicht durchgeführt worden. Wenn im folgenden im in-vivo-Kontext von „Stammzel­len“ die Rede ist, so folgt dies dem allgemeinen Sprachgebrauch und unter Vernach­lässigung der Frage der nachgewiesenen Klonalität.

Neuronale Vorläuferzellen wurden erstmals 1992 aus dem Vorderhirn der er­wach­senen Maus extrahiert [147, 149]. Während die ursprüngliche Publikation von Reynolds und Weiss noch von Zellen aus dem Striatum spricht, so wurde später klar, daß es sich genaugenommen um Zellen der subventrikulären Zone handelte. Hier befindet sich eine Population von Stamm- und Vorläuferzellen, die auch im Erwach­senenalter noch in großer Zahl neue Nervenzellen produziert. In vitro zeigten diese Zellen die Charakteri­stika der Multipotenz [148]. Es folgten Experimente, die darauf abzielten, den Charakter der neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen in situ genauer zu charakterisieren. Die Arbeitsgruppe um Arturo Alvarez-Buylla stellte in aufwendi­gen Untersuchungen fest, daß es sich bei der Stammzelle der subventrikulären Zone um eine Zelle handelt, die Charakteristika von Astrozyten besitzt und zumindest phasenweise eine Zellfortsatz zwischen den Epen­dymzellen hindurch an die Ventri­kelwand sendet und dort ein Cilium besitzt [45]. Diese Eigenschaft des zilienbesetz­ten Kontaktes zur Ventrikelwand könnte erklären, warum die Arbeitsgruppe um Jonas Frisén zu dem scheinbar divergenten Ergebnis kam, die Stammzellen dieser Region als Ependymzellen zu bezeichnen [87]. Die wissenschaftli­che Auseinander­setzung ist noch nicht endgültig beigelegt, es spricht aber vieles dafür, daß die Astrocytenhypothese die wahrscheinlichere ist und das Problem zu einem nicht ge­ringen Anteil ein nomenklatorisches ist.

Einer Hypothese von Dereck van der Kooy zufolge ist die Stamm- und Vorläu­fer­zellpopulation in der subventrikulären Zone nicht homogen, sondern unterschei­det sich in zumindest in bestimmten Aspekten der Zellteilungsaktivität [125]. So vermutet van der Kooy, daß aus einer sich sehr selten teilenden echten Stammzelle eine rascher tei­lende Vorläuferzellpopulation hervorgeht, die dann vorrangig in vivo nachweisbar ist und die Zellen ausmacht, die in der Zellkultur anzutreffen sind. Die Evidenz für diese prinzipiell einleuchtende Theorie ist bislang gering.

Arbeiten zur embryonalen Neurogenese in der ventrikulären Zone haben ge­zeigt, daß die Stamm- und Vorläuferzellen dort je nach Stadium des Zellzyklus unter­[Seite 11↓]schiedli­che Positionen relativ zur Ventrikelwand einnehmen [31]. Aus diesen Ar­beiten von Susan McConnell rührt auch die Hypothese, daß sich Stammzellen auf zwei verschie­dene Arten teilen. Aus symmetrischen Teilungen gehen zwei neue, identische Stamm­zellen hervor, aus einer asymmetrischen Teilung nur eine neue Stammzelle und eine Zelle, die differenziert. Dieses Modell ist auf die Zustände im erwachsenen Gehirn und auf adulte Neurogenese im Hippocampus übertragen wor­den [4], auch wenn bislang keine experimentellen Daten vorliegen, die dies in allen Aspekten eindeutig belegen.

1993 zeigten Ray und andere, daß sich neuronale Stamm- und Vorläuferzellen auch aus dem erwachsenen Hippocampus von Ratten gewinnen lassen [146]. Palmer wies später nach, daß es sich bei diesen Zellen in der Tat um Stammzellen im enge­ren Sinne der Definition handelt [136]. Damit war gezeigt, daß sich aus einer Region, von der be­reits seit den 60-er Jahren bekannt war, daß in ihr auch im Erwachsenen­alter noch neue Nervenzellen entstehen [3], neuronale Stamm- oder Vorläuferzellen enthält. Bis heute ist aber nicht schlüssig bewiesen, daß es sich bei den Zellen, die in vivo sichtbar gemacht werden können, um exakt diese in der Kultur identifizierbaren Stammzellen handelt. Der Zusammenhang ist aber suggestiv und nahe­liegend.

Während es sich bei der subventrikulären Zone und dem Gyrus dentatus des Hippocampus um zwei Regionen handelt, von denen bekannt war, daß sie in vivo neurogen sind, erga­ben weitere Versuche, daß man neuronale Stamm- und Vorläu­ferzellen auch aus Regio­nen des erwachsenen Gehirns isolieren kann, die in situ keine Anzeichen von Neuroge­nese zeigen. So finden sich neuronale Stamm- und Vorläuferzellen auch im Septum, im Striatum [135], im Rückenmark [164], im Neo­cortex, im Balken, im optischen Nerv [134] und in der Retina [175]. Wahrscheinlich kommen sie im gesamten Gehirn vor.

Bei allen diesen Zellen ist, auch wenn mitunter die detaillierte Analyse aussteht, an­zunehmen, daß es sich um gewebespezifische Stammzellen handelt. Verblüffen­derweise konnte aber eine aus dem erwachsenen Gehirn gewonnene Stammzelle benutzt werden, um analog zu einer Knochenmarkstransplantation in einer bestrahl­ten Maus ein kom­plettes blutbildendes System wieder aufzubauen [14]. In einem verwandten Ansatz ge­lang es der Arbeitsgruppe von Jonas Frisén, adulte neuronale Stammzellen so „umzu­programmieren“, daß sie sich wie embryonale Stammzellen verhielten [32]. Irritieren­derweise erschienen diese Zellen nach Implantation jedoch in nahezu alle Körperorga­nen außer dem blutbildenden System. Diese Ergebnisse zeigen, auch wenn bestimmte Details verwirrend und unklar sind und einer weiteren Überprüfung harren, daß die eingangs dargestellte Kaskade der Stammzellentwick­lung von totipotenten mit einge­schränkter Selbstreplikation zu multipotenten gewe­bespezifischen Zellen mit nahezu unbegrenzter Selbstreplikation in einem wahr­scheinlich nicht geringen Maße artifiziell ist. Im folgenden Kapitel wird auf die mut­maßliche Rolle, die die unmittelbare zelluläre Umgebung auf die Stamm- und Vorläu­ferzellen hat, weiter eingegangen.

Eine ebenfalls noch unklare Stellung in der Systematik neuronaler bzw. neuroek­todermaler Stammzellen nehmen die glialen Vorläuferzellen ein, wie sie von den Ar­beitsgruppe um Martin Raff beschrieben wurden [52, 142]. Die Mehrheit dieser Ar­[Seite 12↓]bei­ten war der sogenannten O2A-Vorläuferzelle gewidmet, einer ursprünglich aus dem optischen Nerv isolierten Vorläuferzelle, die Oligodendrozyten und Typ 2 Astrozyten hervorbringen kann. Bei diesen Oligodendrozytenvorläuferzellen dürfte es sich um die bestcharakterisierten Vorläuferzellen des adulten Gehirns handeln: über Jahre hinweg war eine eigene Systematik dieser und verwandter Zellen entstan­den, deren Zuordnung zu den oben dargestellten Ergebnissen anderer Gruppen weitgehend unscharf blieb. Überraschenderweise ließ sich nun auch diese Zelle so reprogrammieren, daß sie sich wie eine multipotente neuronale Stammzelle verhielt [96]. Dieses Ergebnis spricht da­für, daß die O2A-Vorläuferzelle eine Position weit hinter der neuronalen Stammzelle einnimmt, auch ihre scheinbar so scharf umrisse­nen Charakteristika jedoch Ausdruck der zellulären Mikroumgebung bzw. der defi­nierten Zellkulturparameter sind.

Bis heute sind keine Markerproteine bekannt, die eine eindeutige Zuordnung der Stamm- und Vorläuferzellen zu bestimmten Stadien der Stammzellsystematik erlau­ben würden. Entsprechend ist ihre Detektion in vivo nur indirekt möglich. Dazu wer­den sich teilende Zellen mit einem Proliferationsmarker markiert und zu einem spä­teren Zeit­punkt analysiert, welchen Phänotyp die Zellen in der Zeit seit der Markie­rung ange­nommen haben (Abb. 1). Als Marker wird in der Regel heute das Thymi­dinanalogon Bromodesoxyuridin (BrdU) eingesetzt, das nach systemischer Gabe während der Syn­thesephase des Zellzyklus mit Thymidin um den Einbau in die DNA konkurriert. Die Bioverfügbarkeit von BrdU ist kurz und liegt bei circa zwei Stunden [173]. Das bedeu­tet, daß der Zeitpunkt des Einbaus in die DNA sehr genau bekannt ist. In der Regel läßt man nach der Injektion des Versuchstieres mit BrdU etwa vier Wochen bis zur Unter­suchung des Gehirns vergehen, um genug Zeit für eine Zelldifferenzierung zu geben. BrdU läßt sich dann mit einem Antikörper nach­weisen und mittels Immunfluoreszenz sichtbar machen [168]. Die gleichzeitige Un­tersuchung mit Antikörpern gegen zellspezifi­sche Marker wie z.B. NeuN für Ner­venzellen oder GFAP für Astrozyten erlaubt dann die Aussage, daß die vorliegende Zelle sich, wenn sie BrdU im Zellkern enthält, zu dem Zeit­punkt als BrdU im Orga­nismus zugegen war, geteilt haben muß. Da die ausdifferen­zierten Zellen, insbeson­dere die Nervenzellen, postmitotisch sind, wird auf einen undifferenzierteren Zu­stand zu dem früheren Zeitpunkt gefolgert. Im Kontext mit den in vitro Daten wird angenommen, daß es sich bei diesen Zellen um die gleichen neuro­nalen Stammzel­len handelt, wie sie in der Zellkultur identifizierbar sind. Alle bislang vorliegenden Daten decken sich mit dieser Hypothese. Gleichwohl wird diese For­schung sehr von der Identifizierung eines stammzellspezifischen Antigens profitieren. Dessen Suche hat sich bislang als äußerst schwierig herausgestellt. Die oben genannten Er­gebnisse von Alvarez-Buylla, die für eine Identität (zumindest der subventrikulären Stammzellen) mit einer Art von Astrozyt sprechen, könnten, erklären warum: die Stamm­zelle hielte sich im Gewand einer mutmaßlich wohlbekannten Zelle verbor­gen.


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Abb. 1 : Markierung von mitotischen Zellen mit Bromodesoxyuridin. Die sche­mati­sche Zeichnung zeigt im oberen Teil, wie in der normalen Synthesephase (S-Phase der Mi­tose Thymidin (T) sich mit Adenin (A) paarend in den neuen Strang der DNA eingebaut wird. Wird das Thymidinanalogon Bromodesoxyuridin (BrdU) im Überfluß angeboten, kompetiert es mit Thymidin um den Einbau in die DNA und wird statt Thymidin in den neu synthetisierten Strang inkorporiert (mittleres Bild). Nicht einge­bautes BrdU wird schnell vom Körper eliminiert. Zellen, die BrdU enthalten, können mit Antikörpern gegen BrdU sichtbar gemacht werden.

1.3 Neurogenese im adulten Hippocampus

Adulte hippocampale Neurogenese wurde erstmals 1965 von Altman und Das be­schrieben [3] und erlebte seither mehrere Wiederentdeckungen [8, 27, 90]. Die Beob­achtung widersprach jedoch gängigen Vorstellungen von der Architektur des Gehirns und vom Umfang überhaupt möglicher Plastizität und setzte sich deshalb zunächst nicht durch. Erst Arbeiten von F. Nottebohm und Mitarbeitern, die zeig­ten, daß in den für das Liederlernen von Kanarienvögeln verantwortlichen Kernge­bieten, offenbar in Abhängigkeit vom Vorgang des Liederlernens selbst, eine massive Neubildung von Nervenzellen zu beobachten war [58], ließ größeres Interesse an den Befunden an Na­getieren wachwerden. Da adulte hippocampale Neurogenese zu­nächst in Primaten nicht gefunden werden konnte [144], war jedoch die Relevanz dieser Untersuchungen in biomedizinischer, anthropozentrischer Sicht fragwürdig. Es stellte sich jedoch heraus, daß man adulte hippocampale Neurogenese im Prima­ten nur aus methodischen Grün­den nicht gefunden hatte. Kuhn et al. adaptierten [Seite 14↓]1996 die auf BrdU basierende nicht-radioaktive Methode [44, 168] für die Neuroge­neseforschung, kombinierte diese Technik mit confokaler Mikroskkopie [100], und lösten so die bis dahin vorherrschende Markierung der sich teilenden Zellen durch radioaktiv mar­kiertes Thymidin ab (Abb. 1). Diese erlaubte eine quantitativere und validere Unter­suchbarkeit adulter Neurogenese in vivo und leitete den Beginn umfas­senderer Untersu­chungen ein. In der Folge wurde adulte hippocampale Neuroge­nese im Affen [69, 99] und schließlich auch beim Menschen [50] beschrieben.

In der subgranulären Zone des Gyrus dentatus existiert eine Population sich tei­lender Stamm- oder Vorläuferzellen (Abb. 2A). Tochterzellen, die aus asymmetri­schen Teilungen dieser Zellen hervorgehen, schlagen den Weg zur Differenzierung in eine Nerven- oder Gliazelle ein. Dabei überlebt nur ein Bruchteil der neugeborenen Zellen; zumeist die Mehrheit wird über apoptotische Mechanismen eliminiert [13]. Wie in der Embryogenese scheint also auch in der adulten Neurogenese ein Über­schuß an potenti­ellen Nervenzellen produziert zu werden, von denen durch Selekti­onsvorgänge die wirklich benötigten Zellen rekrutiert werden. Und wie in der Em­bryogenese scheinen somit die Vorgänge der Zellgeburt und des Zelltod auf das Engste miteinander ver­knüpft [15]. Daß dieser Rekrutierungsvorgang in der Tat aktivitätsabhängig ist, wurde in einer der hier im Folgenden vorgestellten Arbeiten gezeigt [94, 95]. Auch daß es dabei zu einer gegenläufigen Regulation der Apoptose kommt, ist demonstriert worden [193].

Einige der neugeborenen Zellen aus der subgranulären Zone wandern in die Körnerzellschicht hinein. Bereits vier Wochen nach der Zellteilung lassen sie sich überall in der Körnerzellschicht nach­weisen (Abb. 2B). Diese Migration und mögli­cherweise auch die damit einsetzende Dif­ferenzierung der Zellen steht offenbar in engem Zusammenhang mit der Expression der polysialierten Form des neuronalen Oberflächenmoleküls NCAM (PSA-NCAM; [157-159]). Dabei exprimieren sowohl die neugeborenen Zellen als auch umliegende Zellen, insbesondere wohl Gliazellen, PSA-NCAM. Aus dem olfaktorischen System ist bekannt, daß neugeborene Zellen in einem PSA-NCAM-positiven Trakt in einer sehr schnellen und einzigartigen Form neuronaler Migration wandern [110]. Ob diese Ket­tenmigration (chain migration) auch im Hippocampus eine Rolle spielt, ist derzeit noch unklar. Auch die Bedeutung der umgebenden Glia für die Migration in die Körnerzell­schicht ist nicht aufgeklärt. Möglicherweise persistiert im erwachsenen Gyrus dentatus eine Form der Radiärglia, die wie in der Embryogenese die Führung der neuen Nerven­zellen übernimmt.

In den Wochen nach der Zellteilung beginnen einige der neugeborenen Zellen neu­ronale Marker zu exprimieren. Dazu gehören ßIII-Tubulin, das neuronale Kern­protein NeuN und Körnerzellmarker wie Calbindin D28k.. Auf dem immunhisto­chemischen Nachweis dieser Marker basiert in der Regel der Nachweis, daß in der Tat Neurogenese stattgefunden hat.

Die neugeborenen Zellen, die zu Neuronen werden, beginnen auch früh, Axone und Dendriten auszusenden [79, 80]. Durch retrograde Markierung von CA3 her ließ sich zeigen, daß sich ihr Axon wie das aller anderen Körnerzellen wirklich entlang des Moosfasertraktes nach CA3 ausstreckt und die neuen Nervenzellen somit Teil der kör­nerzellspezifischen Projektion werden [115, 169]. Es gibt Mutmaßungen, daß [Seite 15↓]sich die Funktion der neuen Körnerzellen dennoch von der der älteren unterscheidet, was bei der Annahme einer funktionellen Regulation auch nicht zu überraschend wäre [182]. Zur Zeit ist aber die Frage, ob dieser Unterschied, wenn er überhaupt existiert, prinzipi­ell oder nur graduell ist, noch nicht beantwortet. Über die elektro­physiologischen Ei­genschaften einzelner nachweislich neuer Körnerzellen gibt es nämlich bislang keine Erkenntnisse. Allerdings konnten van Praag et al. zeigen, daß eine Steigerung der adul­ten Neurogenese im Gyrus dentatus auch mit gesteigerter LTP (long-term potentiation), dem mutmaßlichen elektrophysiologischen Korrelat der Akquisition in Lernvorgängen, einhergeht [177]. Dies spricht sehr dafür, daß die neuen Nervenzellen in funktionelle Zusammenhänge integriert werden.

Abb. 2 : Neue Nervenzellen im erwachsenen Gyrus dentatus der Maus. (A) Sich tei­len­den Zellen in der subgranulären Zone wurden mit Bromodesoxyuridin (BrdU; rot) sicht­bar gemacht. Die Neurone der Körnerzellschicht sind mit Antikörpern gegen NeuN (grün) ange­färbt, Astrocyten mit Antikörpern gegen S100ß in blau. (B) Vier Wochen nach der Markierung mit BrdU (d.h. nach der Zellteilung) sind die überlebenden Tochterzellen in die Körnerzellschicht hineingewandert und haben einen neuro­nalen Phänotyp (grün + rot = orange) angenommen. Abbildung von Zellen aus 3 Monate alten Mäusen (Maßstab in A entspricht 100µm für A und 20 µm für B). Vgl. auch das Titelbild.

1.4 Neurogene Permissivität

Die Frage neurogener Permissivität im erwachsenen Gehirn geht von der An­nahme aus, daß den Stamm- oder Vorläuferzellen zwar das Potential innewohnt, sich in Neurone zu differenzieren, für die Umsetzung dieses Potentials aber Signale der un­mittelbaren zellulären Umgebung erforderlich sind. Maßgeblich für diese Annah­me sind die Befunde von Transplantationsstudien, die einhellig gezeigt haben, daß die Differen­zierung vom Implantationsort abhängig ist, die implantierten Zellen also immer orts­spezifisch differenzierten.


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Auch in vivo kann man aus der Tatsache, daß Neurogenese so lokal begrenzt im er­wachsenen Gehirn anzutreffen ist, obwohl sich Stammzellen aus wahrscheinlich dem gesamten Gehirn extrahieren lassen [134], folgern, daß die Neurogenität einer Region sich nicht allein aus der Präsenz von neuronalen Stamm- oder Vorläuferzel­len erklären lassen kann. Was aber macht eine neurogene Region neurogen, wenn es nicht die Stamm- oder Vorläuferzellen allein sind?

Einer Vielzahl von Arbeiten zur adulten Neurogenese liegt die allerdings irrige An­nahme zugrunde, daß die Proliferation von Stamm- oder Vorläuferzellen bereits Neu­rogenese konstituiere. Wie weiter unten (2.2) gezeigt wird, ist adulte hippocam­pale Neu­rogenese jedoch ein mehrstufiger Prozess, bei dem die Quantität der Re­gulation auf einer Stufe keine eindeutigen Aussagen über die Regulation auf anderen Stufen und damit auch der Nettoneurogenese zuläßt.

Entsprechend verwenden wir eine strengere und dennoch umfassendere Defini­tion von „Neurogenese“ als oft üblich. Im hier benutzten Sinne ist „Neurogenese“ diejenige Serie von Entwicklungsschritten, unabhängig ob während der Embryoge­nese oder im Erwachsenenalter, die von einer teilungsaktiven neuronalen Stamm- oder Vorläuferzelle zu einer neuen Nervenzelle führt. Neurogenese wird also vom Resultat der Entstehung einer neuen Nervenzelle her definiert. Daraus folgt z.B., daß Gliogenese nicht Neu­rogenese ist, auch wenn beide Prozesse mutmaßlich von der gleichen multipotenten neuralen Vorläuferzelle ausgehen können und bestimmte Entwicklungsschritte gemein­sam haben können. Wie in 2.2 (und beispielsweise in [13]) dargestellt, sterben die mei­sten Tochterzellen, die aus der Vorläuferzellprolife­ration hervorgehen, innerhalb weni­ger Tage nach der Zellteilung ab. Neurogenese kann daher nicht sinnvoll mit einer De­finition erfaßt werden, in der nicht-neuronale oder gar keine neuen Zellen entstehen.

Diese strenge Unterscheidung geht weit über das Semantische hinaus. Bleibt man bei einer vereinfachten Definition, die bereits in der Zellproliferation in der subgranulä­ren Zone Evidenz für Neurogenese erkennt, so wird man der Komple­xität der neuro­genen Regulation nicht gerecht und unterstellt möglicherweise regu­latorische Effekte auf die Nettoneubildung von Nervenzellen, wo in Wirklichkeit nur die Zellproliferati­onsrate angeregt wurde, aber auch mehr der Tochterzellen starben. Einige der in Ta­belle 1 dargestellten Regulatoren adulter hippocampaler Neurogene­se (auf die noch genauer eingegangen wird) wirken beispielsweise nur transient; in vielen Fällen wurde die neuronale Differenzierung, die auf die Teilung der Vorläufer­zellen folgen müßte, um zu neuen Nervenzellen zu führen, gar nicht untersucht. Eine der Kernaussagen die­ser Schrift ist, daß adulte hippocampale Neurogenese auf meh­reren Stufen der neuro­nalen Entwicklung relativ unabhängig voneinander reguliert wird. Als unterscheidbare Stufen sind zum Beispiel die Zellteilung der Vorläuferzel­len, das Überleben der Toch­terzellen, ihre Migration, die Expression von phänoty­pischen Proteinen, das Aussenden von Zellfortsätzen (Axonen und Dendriten), die Synapsenbildung, der Aufbau neuro­nenspezifischer, elektrophysiologischer Eigen­schaften und das Generieren von Akti­onspotentialen, und schließlich die Wirksam­keit in neuronalen Schaltkreisen abzugren­zen. Natürlich ist es weder praktikabel noch überhaupt möglich, immer alle diese Schritte dezidiert zu untersuchen. Es ist [Seite 17↓] aber auch nur entscheidend, sich dieser Kom­plexität bewußt zu bleiben und aus der Serie der Ereignisse zumindest ein weiteres nach der Zellteilung nachzuweisen, das eine eindeutig neuronale Eigenschaft erfaßt. Dies wird in der Regel die Expression von neuronenspezifischen Markerproteinen sein, wie sie sich immunhistochemisch nachweisen läßt.

Für die Frage, was neurogene Permissivität sei, bedeutet diese aufwendige Un­ter­scheidung, daß sich neurogene Permissivität beispielsweise nicht vereinfachend mit Mitogenität gleichsetzen läßt. Vielmehr muß die zelluläre Umgebung in der Lage sein, eine Kaskade von Entwicklungsschritten zu steuern. Es gibt keine Hinweise darauf, daß nach der Zellteilung ein starres Programm abliefe, daß zwangsläufig und quantitativ in neuen Nervenzellen mündete.

Den hier dargestellten Experimenten liegt deshalb die Annahme zugrunde, daß sich neurogene Permissivität am besten zunächst in Modellen untersuchen läßt, die eine physiologische Regulation von adulter Neurogenese hervorrufen. Diese Ergeb­nisse zur physiologischen Regulation stehen aber im Kontext einer stetig wachsenden Zahl von Resultaten, die sich als spezifischere Manipulationen verstehen lassen, de­ren biologische Bedeutung unter normalen Bedingungen im Einzelfall noch sehr unklar bleiben kann. Trotzdem zeichnet sich ein Bild ab, das adulte Neurogenese, ihre Regulation und damit neurogene Permissivität als einen Prozess auf Zell- und Organebene definiert. Was neu­rogene Permissivität und was Regulation adulter Neurogenese intrazellulär bedeutet und wie also die Signaltransduktion, die diesen Vorgängen zugrundeliegt, aussieht, ist ge­genwärtig noch sehr weitgehend unklar.

Diskutiert wurde aber beispielsweise bereits, daß dem cAMP responsive element bin­ding protein (CREB) eine Schlüsselstellung in den intrazellulären Abschnitten der Re­gulation zukommen könnte [46, 113]. Diese Annahme wird gestützt durch die Tatsa­che, daß viele bekannte Regulatoren adulter Neurogenese auf Rezeptorsysteme wir­ken, deren nachgeschaltete second messenger Kaskaden auf CREB konvergieren. Trotz­dem ist diese Schlüsselbedeutung noch spekulativ. Aus der neurogenen Zone des olfaktorischen Systems gibt es Hinweise darauf, daß Eph/ephrin für die Steue­rung der Neurogenese notwendig ist [33]. Dieser Befund steht aber zur Zeit noch ver­gleichsweise isoliert da. Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß neurogene Per­missivität nicht an der Zellmembran haltmacht. Letztlich läuft die Frage darauf hin­aus, welche Gene wann und in welcher Reihenfolge aktiviert werden, damit adulte Neuroge­nese stattfinden kann. Was wir hier unter neurogener Permissivität verste­hen, sind mangels weitergehender Erkenntnisse noch der bezogen auf die Stamm- und Vorläufer­zellen extrazelluläre Anteil und damit der Beitrag der zellulären Mi­kroumgebung an der Regulation adulter Neurogenese.


[Seite 18↓]

1.5  Regulation adulter hippocampaler Neurogenese

In Tabelle 1 wird der gegenwärtige Stand der Literatur zur Regulation adulter hip­pocampaler Neurogenese in vivo wiedergegeben. Wie erwähnt, gibt es derzeit noch kaum Kenntnis über Regulationsprozesse auf intrazellulärer und vor allem molekulargeneti­scher Ebene. Hierin liegt die große Herausforderung der kommen­den Jahre. Experi­mentelle Modelle aber, die es ermöglichen werden, die Details neu­rogener Regulation aufzuklären, sind zum Teil bereits erkennbar.

Die Kenntnisse über die Regulation adulter hippocampaler Neurogenese in vivo fallen in derzeit drei große, überlappende Kategorien: 1. Die physiologische Regula­tion, zu der Alters- und Geschlechtsunterschiede, saisonale Einflüsse und auch die aktivitäts- und erfahrungsab­hängige Regulation gehören. 2. Die Regulation durch pathologische Einflüsse wie epi­leptische Anfälle, Ischämie, Läsionen, etc. 3. Die große Gruppe der Kenntnisse, die einzelne chemische Komponenten betreffen, sei­en es Wachstumsfaktoren, Hormone, Neurotransmitter oder auch Medikamente, und die sowohl in physiologischer als auch pathologischer Regulation eine Rolle spielen könnten, deren einzelner Beitrag zum Ge­samtgeschehen derzeit aber noch nicht gewichtend einzuordnen ist.

Grundsätzlich werden sich physiologische und pathologische Regulation nicht fun­damental unterscheiden; im Falle der Pathologie werden aber einzelne Regulati­onsstu­fen so über- oder unterreguliert werden, daß es zu der beobachteten Störung kommt. Dies einschätzen zu können, setzt aber eine gewisse Kenntnis der physiolo­gischen Re­gulation voraus. Durch Auslösen von epileptischen Anfällen beispiels­weise wird die Proliferation der neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen in der sub­granulären Zone massiv stimuliert [139]. Es kommt auch zu einer, wenn auch nicht in gleichem Maße gesteigerten Förderung der Neurogenese. Welche Bedeutung die­sem Vorgang zu­kommt, ist weitgehend unklar, nicht zuletzt deshalb, weil die Rolle der neuen Nerven­zellen unter physiologischen Bedingungen nur ansatzweise be­kannt ist.

Grundsätzlich scheinen aktivitätsfördernde Stimuli aller Art direkt oder indirekt zu einer Wirkung auf die proliferative Aktivität zu führen. Welche Faktoren neuro­gener Permissivität aber müssen hinzukommen, damit dieses so erhöhte neurogene Potential auch zu einer größeren Zahl funktionierender neuer Nervenzellen führt? Im Kontext der hier vorgestellten Forschung lautet die Frage: Welche funktionellen Zustände oder welche Art von Aktivität und Erfahrung beeinflussen neurogene Permissivität so, daß ein funktioneller Nutzen dabei entsteht? Eine plausible und im Folgenden näher darge­stellte Theorie besagt, daß allgemeine Stimuli wie körperliche Aktivität über die Steue­rung der Vorläuferzellproliferation auf das neurogene Po­tential wirken, aus dem spezifi­schere Reize, insbesondere Lernstimuli neue Nerven­zellen rekrutieren können.

Eine gegenwärtig noch nicht letztlich einzuordnende Rolle nimmt „Stress“ in die­sen Konzepten ein. Während mehrere Experimente, insbesondere von E. Gould und Mitarbeitern [25, 26, 62], gezeigt haben, daß starker akuter Stress und auch die Manipula­tion von biochemischen Stresskorrelaten wie den Serumglucocorticoid­[Seite 19↓]spiegeln schnelle und deutliche Auswirkungen auf adulte hippocampale Neurogenese haben, so stehen diese Befunde zumindest partiell im Widerspruch zur positiven Regulation durch bei­spielsweise körperliche Aktivität, die ebenfalls eine Streßkom­ponente hat. Das Dosis-Wirkungs­verhältnis von Stress und adulter Neurogenese bleibt aufzuklären. Wahrscheinlich ist es so, daß „milder Stress“ die neuronale Plasti­zität eher fördert als hemmt. So haben bei­spielsweise Arbeiten von T. Shors gezeigt, daß milder Stress zu einer Ergebnisverbesserung in Lern­tests führt [191].

Während Ergebnisse, wie die Wirkung von Wachstumsfaktoren, z.B. epidermal growth factor (EGF) und basic fibroblast growth factor (bFGF), auf Zellkulturbefunde Be­zug nehmen oder sich wie im Falle von Hormonen oder Neurotransmittern, relativ leicht auch in vorläufige Gesamtkonzepte neuronaler Plastizität einordnen lassen, so ist die Bedeutung von isoliert dastehenden Befunden wie einer Wirkung von Halope­ridol [43] oder Opia­ten [49] auf adulte hippocampale Neurogenese noch völlig un­klar. Gleichwohl können gerade aus derartigen Einzelbefunden interessante Quer­verbindungen entstehen. So zeigten Chen et al., daß das bei der Behandlung der Ma­nie eingesetzte Lithium die Zell­proliferation in der subgranulären Zone fördert und gleichzeitig die Expression des antiapoptotisch wirksamen Proteins bcl-2 steigert [30]. Daß damit alle bislang unter­suchten antidepressiv wirksamen Maßnahmen ei­nen positiven Effekt auf die Regulation adulter Neurogenese haben, wird weiter un­ten noch gesondert diskutiert (3.3). Hier aber ist entscheidend, daß sich in diesem Resultat eine mögliche Verknüpfung zwischen der Regulation der Proliferation und des Zellüberlebens (durch einen antiapoptotischen Effekt) auftut.

Zusammenfassend ist der derzeitige Kenntnisstand der Regulation adulter Neu­rogenese in vivo ein sehr unfertiges Mosaik, in dem jedoch an einigen Stellen das zu­grundeliegende Muster aufzuscheinen beginnt. Im nun Folgenden geht es um den physiologischen Kontext dieser Regulation: wie wird adulte hippocampale Neuroge­nese normalerweise gesteuert? Was können wir daraus für die allgemeinen Prinzipien dieser Regulation und damit neurogene Permissivität folgern? Und welche Konse­quenzen ergeben sich aus diesen Befunden für Konzepte hippocampaler Funktion und Fehlfunktion.


[Seiten 20 - 22↓]

Tab. 1 : Bis Ende 2000 veröffentlichte Informationen über Faktoren, die regulatorisch auf adulte hippocampale Neurogenese oder Aspekte von ihr wirken. Nur Beiträge zu Zeitschriften mit Begutachtungsverfahren sind berücksichtigt. Das „Erwachsensein“ wurde für Nagetiere als durch den Zeitpunkt der Entwöhnung von der Mutter gegeben angenommen.

Variable

Manipulation

Spezies

Stamm

W/M

Alter/

Gewicht

Auswirkung

Neuronale

Marker?

Bemerkungen

Lit.

Prolif.

Überl.

Differenz.

Verhalten

  
            

Individuum

           

Natürliche Variable

           

1. Geschlecht

 

Meadow vole

W/M

> 20g

↑ (non-breeding females)

Effekt. von Saison und Geschlecht: Nicht-säugende W. hatten mehr prolif. Zellen als säugende W. und M.

[12]

  

Ratte SD

W/M

200-280g

320-350g

↑ (females)

gleich

(14d)

gleich

TOAD 64,

Calb.

Kein Unterschied in Gesamtkörnerzellzahl; siehe auch Hormone

[43]

- Alter

 

Ratte Wistar

M

35d–18m

↓↓

Abnahme mit zunehmendem Alter; Prolif. am 12. Tag nach BrdU; ↓ PSA-NCAM

[40]

  

Ratte F344

W

3, 6, 21m

Calb., NeuN

Abnahme mit zunehmendem Alter; Prolif. am 1. Tag nach BrdU; ↓ PSA-NCAM

[26]

  

Maus B6

W

6/18 m

gleich

NeuN

 

[24]

- Stamm (genetischer Hintergrund)

 

Maus B6, BALB/c, CD1, 129

W

8/9w

↑ /↓

↑ /↓

gleich

Calb.

Richtung der Unterschiede abhängig von den verglichenen Stämmen

[22]

Kognition

           

1. Reizreiche Umgebung

 

Maus B6

W

1m

gleich

gleich

↑ Wasser-labyrinth

NeuN

Kein signifikanter Effekt nach Lang-zeitstimulation [21]; Wkg. auf Gesamtkörnerzellzahl und Volumen

[23]

  

Maus B6

W

6/18m

gleich

↑ (%NeuN)

↑ Wasser-labyrinth

NeuN

 

[24]

  

Maus 129

W

1m

gleich

↑ Wasser-labyrinth

NeuN

Relatives Überleben nahm ab

[20]

  

Ratte SD

W

9w

gleich

gleich

↑ Wasser-labyrinth

Calb.

 

[35]

- Entzug reizreicher Umgebung

 

Maus B6

W

6m

gleich

Wasser

labyrinth wie Kontrollen

NeuN

 

[21]

            

- Lernen

Wasserlabyrinth

Maus B6

W

3m

gleich

gleich

gleich

NeuN

 

[46]

 

Blinkreflex (trace paired) oder Wasserlabyrinth

Ratte SD

M

300-350g

gleich

TOAD 64, Calb.

Proliferationsdaten während Training nicht mitgeteilt, angebl. nicht versch.

[13]

 

Wasserlabyrinth

Ratte SD

M

2m

gleich

Deskriptiv lokale Zunahme der Prolif.; nicht stat. signifikant

[2]

- Interindividuelle Unter-schhiede i. d. Reaktion auf Neuartigkeit

 

Ratte Wistar

M

2m

↓ (highly reactive)

gleich

gleich

 

NeuN

 

[29]

Körperliche Aktivität

Freiwilliges Laufen

Maus B6

W

3m

↑ (%NeuN)

↑ Wasserlabyrinth

NeuN

↑ LTP

[45, 46]

Pathologie

           

- Epileptische Anfälle

Pilocarpin

Ratte SD

M

200-250g

gleich

ß-III-tub., MAP-2, TOAD 64

 

[36, 37]

 

Hippocamp. kindling

Ratte SD

M

280-300g

↑ (% NeuN)

NeuN

Schwerpunkt auf Apoptose

[3]

 

Kainsäure (i.c.v.)

Ratte Wistar

M

3-4m

↑ (bilat.)

ß-III-tub.

Differenzierung: absolute Zunahme

[18]

 

Amygdala kindling

Ratte Wistar

M

?

TOAD 64

Kein Unterschied unmittelbar nach Kindling

[38]

 

Tract. perf. kindling / Kainsäure (i.p.)

Ratte SD

M

250-300g

↑ /↓

Transiente Zunahme nach Kainsäure, nach 13 d unter Kontrollen; Keine erhöhte Teilungsrate nach fest etablierten Anfällen

[34]

 

Electrocovulsiver Schock

Ratte Wistar

M

250-400g

gleich

NeuN

Transienter Effekt auf Proliferation

[32]

 

Ratte Wistar

M

320-400g

↑ (%NeuN)

NeuN

 

[39]

 

Ratte SD

M

250-300g

gleich

Siehe auch Absch. Medikamente

[33]

- Ischämie

Global (transient)

Gerbils

M

11-13w

↑ (NeuN)

Calb., MAP-2, NeuN

↑ neue Astrozyten im Hilus

[31]

 

Global (transient)

Maus B6

M

25-29g

↑ /↓

↓ ungefähr 2 Wochen nach Reperf.

[42]

 

Global (transient) plus

Acupunktur

Gerbils

M

11-13w

↑ /↑

Zunahme in Gruppe mit Akupunktur nach Ischämie größer als in Gruppe mit nur Ischämie

[25]

- Läsion

Ibutensäure (lokal)

Ratte SD

M

50-65 d

↑ /↓

NSE, Calb.,

NR-1

% Überleben distäl der Läsion erhöht, proximal erniedrigt; Vergleich läsionierte Seite mit Gegenseite

[16]

            

- Stress

Psychosozial

Tree shrew

M

7-30m

(NSE)

 

[15]

 

Marmoset

M

3y

gleich

NSE

 

[17]

 

Pränatal

Ratte SD

W

1, 3,10,

22 m

gleich

NeuN

Experiment zeigt auch stressunabhängigen Alterseffekt; Auswirkung auf Gesamtkörnerzellz.

[30]

- Bestrahlung

Röntgenstrahlen (2 – 15 Gy)

Ratte F344

M

8-10w

Transient ↑ Proliferation bei niedrigen Dosen

[41]

 

Röntgenstrahlen (1 – 5 Gy)

Ratte SD

M

170-250g

TOAD 64

Bestrahlung verhindert auch pilocarpininduzierte Zunahme der Proliferation; ↓ PSA-NCAM

[36]

- Diabetes

Streptozotocininduziert

Ratte SD

M

150-175g

 

[19]

- Kalorienreduktion

 

Ratte SD

M

3m

gleich

 

[28]

            

System- / Zellebene

           

Hormone

           

1. Glucocorticoide

Adrenalektomie

Ratte SD

M

3-5m

NSE

 

[6, 14]

 

Adrenalektomie

Ratte SD

?

5m, 26m

TOAD 64, NSE, NeuN

altersabhängige Abhnahme der Prolif. nicht in adrenalektormierten Tieren

[8]

 

s.c. Injektion

Ratte SD

M

3-5m

NSE

 

[6, 14]

- Östrogen

Ovarectomie

Ratte SD

W/M

200-280g

320-350g

gleich

TOAD 64, Calb.

Wkg. durch Östrogengabe reversibel

Siehe auch Abschn. Geschlecht

[43]

- Weibl. Zyklus

 

Ratte SD

W/M

200-280g

320-350g

↑ proestrus

gleich

TOAD 64, Calb.

Siehe auch Abschn. Geschlecht

[43]

Afferenzen

           

- Glutamat

Läsion des Tr. perf.

Ratte SD

M

> 3m

NSE

 

[7]

- Serotonin

Läsion der Raphekerne

Ratte

W

?

↓ PSA-NCAM

[4]

Neurotransmitter

           

- Glutamat (NMDA)

NMDA

Ratte SD

M

> 3m

NSE

 

[7]

 

MK-801 + CGP37849 (NMDA Rezeptor-antagonisten)

Ratte SD

M

> 3m

↑/↑

↑/↑

↑/↑(%NSE)

NSE

 

[7]

 

MK-801

Tree shrew

M

7-30m

(NSE)

 

[15]

- Serotonin

Inhib. 5-HT Synthese

Ratte

W

?

↓ PSA-NCAM

[4]

 

Tansplantation von Raphegewebe

Ratte Wistar

W

220g

(5-HAT)

Restoration nach Läsion; kein Anstieg über Ausgangswert; ↑ PSA-NCAM

[5]

 

5-HT-Wiederaufnahme-inhibit.

Ratte SD

M

250-300g

gleich

NeuN

Chron. nicht akute Behandlung

[33]


[Seite 23↓]

Wachstumsfaktoren

           

- FGF-2 (lokal)

i.c.v. Infusion

Ratte F344

M

13-14w

gleich

gleich

gleich

NeuN

Signifikant. Wkg. in der SVZ

[27]

- EGF

i.c.v.Infusion

Ratte F344

M

13-14w

gleich

gleich

↑ /↓

NeuN

↑ Astrozyten ,↓ Neurone

[27]

- IGF

s.c. Infusion

Ratte SD (hx)

W

50d

↑(%Calb.)

Calb., MAP-2, NeuN

Experiment an hypophysectomierten(hx) Ratten

[1]

Medikamente und Drogen

           

- Haloperidol

5mg/kg, i.p., 3d

Gerbil

M

90 d

Verstärkt. septo-temporaler Gradient prolif. Zellen

[10]

 

1-2mg/kg, i.p., 14d

Ratte SD

M

250-300g

gleich

Siehe auch Abschnitt Serotonin

[33]

- Metamphetamine

Einzeldosis i.p.

Gerbil

M

90d

Transiente Zunahme, kein Unterschied nach 36h

[44]

- Opiate

Morphin s.c. (Pellet) / Heroin i.v. Selbstadministration

Ratte SD

M

275-300g

↓ /↓

↓ / •

NeuN

Wkg. von chron. nicht akuter Beh.; Naltrexone antagonisiert Morphin Wkg.; keine Wkg. von Adrenalectom. plus Korticosteronsubstitution auf morphininduz. Wkg.

[11]

- Antidepressiva

Tranylcypromin, Reboxetin

Ratte SD

M

250-300g

Chron. Behandl.; siehe auch Absch. Serotonin

[33]

1. Lithium

oral

Maus B6

M

?

gleich

NeuN

↑ bcl-2 (Westernblot)

[9]


[Seite 24↓]

Literaturverzeichnis zur Tabelle 1:

1. Aberg MA, Aberg ND, Hedbacker H, Oscarsson J, Eriksson PS: Peripheral infusion of IGF-I selectively induces neurogenesis in the adult rat hippocampus. J Neurosci 2000; 20:2896-2903.

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08.03.2004