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Die im folgenden gewählte Darstellung der Untersuchungsergebnisse zur aktivitätsabhängigen Regulation adulter hippocampaler Neurogenese, faßt die jeweilige (im Anhang im Original wiedergegebene) Publikation in einer dem Kontext und dem gegenwärtigen Wissensstand Rechnung tragenden und daher relativ freien Übersetzung zusammen. Das bedeutet, daß redundante einführende Abschnitte weggelassen worden sind, die Interpretation und Diskussion enger auf den in Rede stehenden Aspekt eingeschränkt wurden und offene Fragen bzw. zum betreffenden Zeitpunkt als “zukünftig” zu untersuchende Aspekte in Bezug auf die heute bereits vorliegenden eigenen und fremden Arbeiten diskutiert werden. Material und Methoden werden in der Übersetzung nur kursorisch zusammengefaßt, sofern dies für das Verständnis des betreffenden Experimentes notwendig ist. Für experimentelle Details sei grundsätzlich auf die Originalpublikation verwiesen. Die Verweise auf Abbildungen und Tabellen in den Übersetzungen (2.2 bis 2.7), die dort mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet sind, beziehen sich jeweils auf die Abbildung im gleichen Kapitel bzw. auf die Originalabbildungen im Anhang. Auslassungen und zusammenfassende Anmerkungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
Entsprechend der klassischen Theorie der Entwicklungsbiologie und –psychologie, daß das Gehirn und seine Leistungen Produkt von Genen und Umwelt sind, untersuchten wir zunächst, inwieweit die Regulation erwachsener Neurogenese von genetischen Faktoren bestimmt wird (2.2; [93]). Dazu untersuchten wir Neurogenese in verschiedenen ingezüchteten Mausstämmen. Die Inzucht führt zu genetischer Homogenität, und der Versuch war damit das tierexperimentelle Äquivalent zu einer Zwillingsstudie. Es zeigte sich, daß in Bezug auf adulte Neurogenese drastische Stammesunterschiede bestehen, die auf verschiedenen Stufen neurogener Regulation wie der Proliferation der Vorläuferzellen, Überleben und Differenzierung unterschiedlich ausfallen. Dies konnte als Hinweis darauf verstanden werden, daß erstens erwachsene Neurogenese genetischer Disposition unterliegt und zweitens diese genetische Disposition sich auf verschiedene regulativ wirksame Gene erstreckt.
Die folgenden Arbeiten beschäftigen sich mit der Umwelt- und Aktivitätskomponente in der Regulation adulter Neurogenese. Trotz der bahnbrechenden Arbeiten von Fernando Nottebohm in den 80er Jahren über mit Lernverhalten korrelierender Neurogenese in Singvögeln [6, 7, 58] wurde Neurogenese im Hippocampus von Säugetieren lange als eine Art Atavismus oder Kuriosität betrachtet. Unsere Arbeiten waren die ersten, die zeigten, daß Neurogenese im erwachsenen Gehirn von Säugetieren durch Umweltreize stimulierbar ist und das Ausmaß erwachsener Neurogenese ebenfalls mit Lernparametern korreliert (2.3; [94]). In diesen Experimenten wurden Mäuse einer reizreichen Umgebung ausgesetzt, die mehr Platz und Laufräder zur höherer physischer Aktivität, wechselnde Objekte und Tunnelsystemen zur Exploration und durch Leben in [Seite 28↓]größeren Gruppen Möglichkeit zur stärkeren sozialen Interaktion bot. Es zeigte sich, daß Mäuse, die unter den Bedingungen dieses enriched environment lebten, nicht nur den Test des Wasserlabyrinths nach Morris, als einen Test für hippocampale Funktion in Nagern, besser lernten, wie dies auch zuvor schon gezeigt worden war [133, 179], sondern auch, daß die Neurogenese im Hippocampus um 60% gegenüber Tieren in normalen Käfigen gesteigert war. Interessanterweise war der Effekt auf die erwachsene Neurogenese in dem hier untersuchten Mausstamm C57BL/6 nicht auf eine gesteigerte Proliferation der Vorläuferzellen im Gyrus dentatus zurückzuführen. Es war vielmehr ein Effekt im Sinne eines verbesserten Überlebens der neugeborenen Zellen festzustellen. Dies konnte als eine Art Selektionsmechanismus, wie er auch bei der Gehirnentwicklung während der Embryogenese anzutreffen ist, verstanden werden.
Der stimulierende, umweltabhängige oder expositionsabhängige Effekt ließ sich in einem zweiten Experiment, auch in alten Mäusen nachweisen (2.4; [95]). Dieses Resultat zeigte, daß zumindest in Mäusen auch im höheren Alter noch eine aktivitäts- und erfahrungsabhängige Regulation von neuronalen Vorläuferzellen besteht und damit eine zelluläre Plastizität möglich ist.
Der Mausstamm 129/SvJ, der im Vergleich der verschiedenen Mausstämme die geringste Neurogenese gezeigt hatte und zudem als “schlechter Lerner” betrachtet wird [190], wurde in einem weiteren Experiment einer reizreichen Lebensumgebung analog zum beschriebenen Versuch mit C57BL/6 ausgesetzt (2.5; [91]). Hier zeigte sich nicht nur, daß die als „genetisch schlechten Lerner“ eingestuften Tiere nach Stimulation in der reizreichen Umgebung im Morris Wasserlabyrinth gutes Lernen zeigten, sondern auch, daß der korrelierende Effekt auf die Neurogenese im erwachsenen Hippocampus sogar etwas größer war als in C57BL/6. Was die Ergebnisse aber besonders interessant machte, war die Tatsache, daß in 129/SvJ Mäusen der Nettoeffekt auf die Neurogenese nicht allein auf einen überlebensfördernden Selektionsprozess wie in C57BL/6 zurückzuführen war, sondern auch auf eine auf das doppelte gesteigerte Proliferation der Vorläuferzellen im Gyrus dentatus. Dies wies nicht nur auf ein größeres Potential von “stummen”, aber potentiell rekrutierbaren Vorläuferzellen im Gyrus dentatus hin, sondern auch darauf, daß sich genetische Disposition auch auf das Wie der erfahrungsinduzierten Regulation erstreckt.
Als wir C57BL/6 Mäuse in der reizreichen Umgebung hielten, danach aber für drei Monate in den Standardlaborkäfig zurückkehren ließen, zeigten diese Tiere auf Entzug der komplexen Stimuli hin überraschenderweise eine Zunahme der proliferierenden Zellen im Hippocampus gegenüber Kontrolltieren und Tieren, die für sechs Monate in der reizreichen Umgewbung gelebt hatten (2.6; [92]). Dieses Ergebnis kann so interpretiert werden, daß der überlebensfördernde Effekt während der früheren Stimulationsphase nicht nur auf potentielle neue Nervenzellen wirkte, sondern auch auf die verbleibenden Vorläuferzellen selbst. Es stand somit auch drei Monate nach der Beendigung der Stimulationsphase weiterhin ein erhöhtes Potential für gesteigerte Neurogenese zur Verfügung. Das Potential allerdings lag brach — vermutlich da [Seite 29↓]keine neue Komplexität der Umwelt die Rekrutierung neuer Nervenzellen förderte. Diese Arbeit legte nahe, daß ein erfahrungsabhängiger überlebensfördernder Effekt auch auf die Vorläuferzellpopulation selbst wirken und somit das Potential zur Neurogenese im erwachsenen Gehirn frühzeitig steigerbar sein könnte.
Da eine reizreiche Umgebung aus einer komplexen Mischung sehr verschiedener Reize besteht, stellte sich die wichtige Frage, welche dieser Reize für die Auslösung des stimulierenden Effektes auf die Neurogenese im erwachsenen Gehirn die entscheidenden sind. Wir zeigten hierzu, daß körperliche Aktivität in der Lage ist, eine gesteigerte Neurogenese hervorzurufen (2.7; [178]). Mäuse die unbegrenzten und zwanglosen Zugang zu einem Laufrad in ihrem anderweitig nicht besonders ausgestatteten Käfig hatten, zeigten eine Verdoppelung in der Zahl der proliferierenden Vorläuferzellen im Hippocampus und hierdurch eine gesteigerte Neurogenese. Dieses Resultat belegte wiederum, daß die Regulation der Neurogenese im erwachsenen Hippocampus auf verschiedenen Ebenen erfolgt und darüberhinaus, daß verschiedene Reize auch auf verschiedene Aspekte der Regulation Einfluß nehmen.
Kempermann G, Kuhn HG, Gage FH. Genetic influence on neurogenesis in the dentate gyrus of adult mice. Proceedings of the National Academy of Sciences of the U.S.A. 94 (1997) 10409-10414.
Zusammenfassung: Um den Einfluß des genetischen Hintergrundes auf adulte hippocampale Neurogenese in erwachsenen Mäusen zu identifizieren, haben wir in C57BL/6, BALB/c, CD1(ICR) und 129 Sv/J Mäusen die Zellproliferation, das Überleben der neugeborenen Zellen und ihre Differenzierung untersucht. Die Zellproliferation im Gyrus dentatus war am höchsten in C57BL/6; die Überlebensrate war am höchsten in CD1. In allen Stämmen nahmen ungefähr 60% der neugeborenen Zellen einen neuronalen Phänotyp an, aber 129 Sv/J produzierten mehr neue Astrozyten als die anderen Stämme. Über einen Zeitraum von sechs Tagen produzierten C57BL/6 0.36% ihrer absoluten Körnerzellzahl von 239 000 als neue Nervenzellen, BALB/c 0.30% von 242 000, CD1 (ICR) 0.32% von 351 000 und 129 Sv/J 0.16% von 280 000. Diese Ergebnisse zeigten, daß unterschiedliche Stufen der Regulation adulter hippocampaler Neurogenese unterschiedlicher Beeinflussung durch den genetischen Hintergrund unterliegen.
[Ziel dieser Arbeit war, erste Anhaltspunkte über die genetischen Determinanten der Regulation adulter hippocampaler Neurogenese zu gewinnen. Es waren zu diesem Zeitpunkt bereits einige Faktoren bekannt, die adulte Neurogenese beeinflussen. Dazu gehörten insbesondere E. Goulds Arbeiten über die Rolle, die Steroidhormone und excitatorische Afferenzen spielen. Beide Faktoren wirken als negative Regulatoren. Nachdem wir zeigen konnten, daß adulte hippocampale Neurogenese durch Umweltreize positiv reguliert wird, lag es [Seite 30↓]nahe zu prüfen, wie diese funktionelle Regulation genetischen Determinanten unterliegt.]
Dazu wählten wir als ersten Schritt den Vergleich von vier ingezüchteten Mausstämmen, die unter identischen Bedingungen gehalten wurden, um den Umwelteinfluß zu minimieren.
Die Proliferation der Stamm- und Vorläuferzellen in der subgranulären Zone wurde durch Markierung mit BrdU und anschließender Immunhistochemie untersucht. Die Überlebensrate wurde abgeschätzt, indem die Zahl BrdU-positiver Zellen einen Tag nach der letzten von sechs BrdU-Injektionen (eine pro Tag) mit dem Wert vier Wochen später verglichen wurde. Die Zellzahlen wurden stereologisch bestimmt. Die phänotypische Differenzierung wurde mittels Immunhistochemie und konfokaler Mikroskopie mit Antikörpern gegen BrdU, den Körnerzellmarker Calbindin D28k und den Astrozytenmarker GFAP untersucht. [Für die Details der Methoden sei auf die Originalpublikation verwiesen.]
Ergebnisse
Proliferation. In allen vier untersuchten Mausstämmen konnten proliferierende Zellen in der subgranulären Zone des Gyrus dentatus nachgewiesen werden (Abb. *1). Außerdem waren BrdU-positive Zellen in der Hilusregion (CA4) und in der Molekularschicht zu finden; Zellgenese, jedoch keine Neurogenese ist in diesen Regionen beschrieben worden [27, 94, 100]. Die Dichte der Proliferation in der Molekularschicht hob sich nicht deutlich von der sehr niedrigen allgemeinen Zellproliferation ab, wie sie überall im Gehirn gefunden werden kann. Eine Quantifizierung erwies, daß sich die Proliferation in C57BL/6 signifikant von der in den anderen Stämmen unterschied und etwa 1.5-fach höher war (Abb. *2A und Tabelle *2.
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Tab. 2 : Statistische Analysen: Signifikanzniveaus
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C57 vs. BALB/c |
C57 vs. CD1 |
C57 vs. 129/Sv |
BALB/c vs. CD1 |
BALB/c vs 129/Sv |
CD1 vs. 129/Sv |
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Proliferation - 1 Tag nach der letzten BrdU-Injektion (siehe Abb. 2a) F-Wert: 3.311; P-Wert: 0.0470 |
0.0162 |
0.0164 |
0.0381 |
n/s |
n/s |
n/s |
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Überlebende Zellen - 4 Wochen nach der letzten BrdU-Injektion (siehe Abb. 2b) F-Wert: 7.696; P-Wert: 0.0021 |
n/s |
n/s |
0.0158 |
0.0114 |
n/s (0.0789) |
0.0002 |
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Neuronale Differenzierung - 4 Wochen nach der letzten BrdU-Injektion (siehe Abb. 3) F-Wert: 0.392; P-Wert: 0.7609 |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
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Gliale Differenzierung - 4 Wochen nach der letzten BrdU-Injektion (siehe Abb. 3) F-Wert: 2.767; P-Wert: 0.0781 |
n/s |
n/s |
(0.0440) |
n/s |
(0.0332) |
(0.0288) |
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Volumen der Körnerzellschicht (siehe Tab. 2) F-Wert: 8.570; P-Wert: 0.0013 |
n/s |
0.0003 |
n/s |
0.0007 |
n/s |
0.0047 |
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Gesamtkörnerzellzahl (siehe Tab. 2) F-Wert: 16.664; P-Wert: <0.0001 |
n/s |
<0.0001 |
0.0344 |
<0.0001 |
n/s (0.0526) |
0.0012 |
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Neuronale Dichte (siehe Tab. 2) F-Wert: 0.815; P-Wert: 0.5042 |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
n/s |
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BrdU-positive Zellen in Prozent der Gesamtkörnerzellzahl (siehe Resultate) F-Wert: 3.386; P-Wert: 0.0441 |
n/s |
n/s |
0.0083 |
n/s |
n/s (0.0521) |
0.0323 |
Überlebensrate. Vier Wochen nach der letzten Injektion von BrdU wurde die Überlebensrate der neugeborenen Zellen abgeschätzt (Abb. *1B). Abb. *2B und Tabelle *2 zeigen die Quantifizierung dieser Untersuchungen. 129/SvJ hatten durchschnittlich nur etwa halb soviele überlebende neugeborene Zellen wie die anderen untersuchten Stämme und unterschieden sich signifikant von CD1 und relativ deutlich (P = 0.0864) von C57/BL6. Die Ratio der Zahl BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach der letzten Injektion gegenüber der Zahl am 1. Tag nach Injektion verdeutlicht dieses Muster: 129/SvJ hatten eine Vierwochenüberlebensrate von nur 1 aus 4, während C57BL/6 eine Rate von 1 aus 3 hatten, BALB/c von 1 aus 2 und CD1 von ungefähr 1 aus 1.3.
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Differenzierung. Die Kolokalisation von BrdU-Immunreaktivität mit einer Immunreaktion von Antikörpern gegen den Körnerzellmarker Calbindin D28k und den Astrozytenmarker GFAP wurde untersucht, um den Phänotyp der neugeborenen Zellen vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion zu untersuchen. Die Abb. *1G bis I zeigen konfokale Mikroskopbilder von dreifachmarkierten neugeborenen Zellen. In allen vier Stämmen konnte sowohl eine neuronale (Abb. *1G) als auch eine gliale (Abb. *1H) Differenzierung festgestellt werden. Ungefähr ein Drittel der überlebenden neugeborenen Zellen wies keine Doppelmarkierungen auf, was entweder darauf schließen läßt, daß es sich um eine undifferenzierte Vorläuferzelle oder aber um eine differenzierte Zelle, deren Phänotyp hier nicht erfaßt wurde, handelt. Neugeborene Astrozyten wurden nahezu ausschließlich in der subgranulären Zone gefunden. 129/SvJ zeigten einen Trend (p = 0.0781) zu mehr neuen Gliazellen als die anderen Stämme (Tabelle *2).
Neue Nervenzellen im Gyrus dentatus erwachsener Mäuse. Alle vorgestellten Daten beziehen sich auf die stereologisch gewonnene Abschätzung des Volumens des Gyrus dentatus (Tabelle *2). CD1-Mäuse hatten einen signifikant größeren Gyrus dentatus als die anderen Stämme. Auch die absolute Körnerzellzahl zeigte signifikante Unterschiede zwischen den Stämmen: CD1 hatten signifkant mehr Körnerzellen als die anderen Stämme, 129/SvJ hatten signifikant weniger (außer für den Vergleich mit BALB/c, für den der P-Wert 0.0526 war). Die Packdichte der Körnerzellen war annähernd gleich in den vier untersuchten Stämmen (Tabelle *2, Abb. *1C bis F).
Die Zahl der BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach der letzten Injektion kann als Prozentwert der absoluten Zahl an vorhandenen Körnerzellen ausgedrückt werden. Die Werte sind (Mittelwert +/- Standardfehler): 0.58 +/- 0.29% in C57BL/6, 0.48 +/- 0.07% in BALB/c, 0.51 +/- 0.12% in CD1 und 0.27 +/- 0.03% in 129/SvJ. 129/SvJ unterschied sich von den anderen Stämmen durch eine signifikant niedrigere Ratio (nur der Vergleich BALB/c und 129/SvJ ist mit P = 0.0521 knapp nicht signifikant; vgl. Tabelle *2).
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Tab. 3 : Stereologische Kennzahlen des Gyrus dentatus
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C57 |
BALB/c |
CD1 (ICR) |
129/SvJ |
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Volumen der Körnerzellschicht (µm3) |
2.63 x 108 ± 0.16 x 108 |
2.71 x 108 ± 0.34 x 108 |
3.57 x 108 ± 0.27 x 108 |
2.90 x 108 ± 0.45 x 108 |
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Gesamtzahl der Körnerzellen |
2.39 x 105 ± 0.25 x 105 |
2.42 x 105 ± 0.30 x 105 |
3.51 x 105 ± 0.27 x 105 |
2.80 x 105 ± 0.32 x 105 |
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Neuronale Dichte in der Körnerzellschicht (Zellen pro Proben- volumen) |
8.14 ± 0.18 |
9.19 ± 0.77 |
8.86 ± 0.18 |
8.77 ± 0.21 |
Durch Multiplikation dieser Werte mit der Prozentzahl der BrdU-/Calbindin-positiven Zellen (Abb. *2B) kann die Zahl der neugebildeten Neurone relativ zur Gesamtzahl der vorhandenen Körnerzellen abeschätzt werden. In der sechstägigen Periode der BrdU-Injektionen produzierten C57BL/6 mindestens 0.36% ihrer Körnerzellpopulation als neue calbindinpositive Nervenzellen in der Körnerzellschicht, BALB/c 0.30%, CD1 0.32% und 129/SvJ nur 0.16%.
Diskussion
In diesem Experiment wurde in vier Mausstämmen die Proliferation von neuronalen Vorläuferzellen, das Überleben ihrer Tochterzellen und deren phänotypische Differenzierung untersucht. Adulte hippocampale Neurogenese konnte in allen vier untersuchten Stämmen nachgewiesen werden. Stammesunterschiede wurden im Hinblick auf die Proliferation, das Überleben, die Differenzierung, die absoluten Zellzahlen im Gyrus dentatus und das Volumen des Gyrus dentatus festgestellt.
Stammesunterschiede in der Zahl der BrdU-positiven Zellen einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion, die hier als Maßzahl für “Proliferation” herangezogen werden, reflektieren nicht notgedrungen analoge Unterschiede in der Größe der Vorläuferzellpopulation in der subgranulären Zone, da der Einbau von BrdU in die sich replizierende DNA auch von Zellzyklusparametern beeinflußt wird. Da BrdU nur in der S-Phase der Mitose inkorporiert wird und die Bioverfügbarkeit mit ungefähr zwei Stunden angegeben wird [173], könnte eine einzige Injektion pro Tag nicht alle Zellen, die sich während dieser 24 Stunden teilen, treffen. Andererseits kann dieses Injektionsschema nicht zu Überschätzungen führen. Trotzdem beinhaltet die gewonnene Zahl BrdU-positiver Zellen auch die Tochterzellen, die aus Zellteilungen markierter Zellen nach Beendigung der Injektionen hervorgegangen sind. Obwohl auch diese [Seite 34↓]Zellen “neugeboren” sind, beeinflußt diese Tatsache Aussagen über den exakten Geburtszeitpunkt der markierten Zellen. Der Grund dafür, die Injektionen über einen Zeitraum von sechs Tagen auszudehnen, ist der Wunsch, den quantitativen Einfluß der fortgesetzten Teilungen markierter Zellen in der Abwesenheit von systemischem BrdU zu minimieren.
Für C57BL/6 wird die Zellzyklusdauer am Tag P20 mit ca. 16 Stunden angegeben, wovon ca. 8 Stunden auf die S-Phase entfallen [131]. Andere Studien haben gezeigt, daß sich die Zellzyklusdauer mit steigendem Alter verlängert [24]. Daraus kann für die hier erhobenen Ergebnisse gefolgert werden, daß C57BL/6 entweder einen schnelleren Zellzyklus oder eine größere Population proliferierender Vorläuferzellen als die anderen Stämme haben oder eine Kombination von beidem. Unabhängig davon ergibt sich als das Nettoergebnis, daß C57BL/6 mehr neugeborene Zellen aufweisen als die anderen Stämme.
Durch Vergleich der Zahl der BrdU-positiven Zellen einen Tag und vier Wochen nach der Injektion von BrdU wird eine dramatische Abnahme der Zellzahl deutlich, die in 129/SvJ mit 75% am ausgeprägtesten war und mit 23% in CD1 am geringsten ausfiel. Dabei ist die Erklärung, daß ein Teil der Zellen durch massive fortgesetzte Teilungsaktivität die BrdU-Markierung in ihrem Genom unter die immunhistochemische Nachweisgrenze verdünnt haben könnte, in Betracht zu ziehen; sie kann aber nicht den gesamten Effekt erklären. [...]
Eine Abnahme der Zahl BrdU-positiver Zellen durch Verdünnung implizierte, daß sich die große Mehrheit der Stamm- und Vorläuferzellen symmetrisch teilte. Da die BrdU-Injektionen über sechs Tage verteilt wurden, würden Zellen, die den Zellzyklus zumindest in den ersten Tagen bei asymmetrischen Teilungen verließen, als BrdU-positive Zellen nachweisbar bleiben. Symmetrische Teilungen in derartigem verdünnend wirksamem Ausmaß würden dadurch eine enorme Zahl undifferenzierter Zellen in der subgranulären Zone generieren; was jedoch nicht geschieht. Auf der anderen Seite könnte z.B. apoptotischer Zelltod diesen Effekt ausbalancieren.
Während der embryonalen Entwicklung spielt apoptotischer Zelltod eine herausragende Rolle in der Regulation der endgültigen Zellzahl. [Das Auftreten von Apoptose, das für die proliferativen Regionen des sich enwickelnden Gehirns beschrieben wurde, war zum Zeitpunkt der Veröffenlichung dieser Arbeit für die neurogenen Regionen des erwachsenen Gehirns noch nicht untersucht. Mittlerweile gibt es Studien, die eine analoge Beziehung auch im erwachsenen Gehirn nachweisen [13]. Daher spricht viel dafür, daß diejenigen Zellen, die in den vier Wochen zwischen den beiden Untersuchungszeitpunkten “verschwinden”, durch Apoptose eliminiert werden.]
Unabhängig von dieser Reduktion differenziert eine gewisse Anzahl der überlebenden Zellen, was post hoc belegt, daß asymmetrische Zellteilungen aufgetreten sein müssen. Sollte durch einen hypothetisch kürzeren Zellzyklus und durch Verdünnungseffekte die Proliferation in 129/SvJ unterschätzt worden sein, so würde dies zu einer Nettoüberlebensrate sogar unter der angegebenen [Seite 35↓]1:4 ergeben. Es sollte aus diesem Grund hier aber die Existenz eindeutiger Stammesunterschiede stärker betont werden als ihre exakte quantitative Ausprägung.
Vier Wochen nach der letzten Injektion waren neuronal und glial differenzierte BrdU-positive Zellen in allen vier untersuchten Stämmen nachweisbar. [...] Daraus kann nicht unmittelbar geschlossen werden, daß die in situ nachweisbaren Stamm- und Vorläuferzellen (Abb. *1A, B, G) “identisch” mit den in der Zellkultur als multipotent ausgewiesenen Stammzellen sind. Daraus folgt auch, daß nicht sicher ausgesagt werden kann, ob die im Experiment nachgewiesenen differenzierten (calbindin- bzw. GFAP-positiven) Zellen aus einer multipotenten Vorläuferzelle stammen oder aus zwei unterschiedlichen, in ihrer Differenzierungslinie festgelegten Blastenpopulationen.
Das Ergebnis, daß sich 129Sv/J von den anderen drei Stämmen in der Zahl der Zellen, die in Astrozyten differenzierten, unterschied, legt deshalb zwei Interpretationen nahe: (1.) in 129/SvJ-Mäusen tendiert die Entscheidung zur Differenzierung eher zur glialen Linie oder (2.) in 129/SvJ sind Glioblasten empfänglicher für eine Stimulation zur Differenzierung.
Unsere Ergebnisse bezüglich der absoluten Körnerzellzahl fallen in den durch andere Publikationen gesteckten Rahmen und bestätigen, daß beachtliche Stammesunterschiede für diesen Parameter bestehen [183, 187-189]. So hatten 129/SvJ nicht weniger Körnerzellen als andere Stämme, aber sie produzierten deutlich weniger neue Körnerzellen im Erwachsenenalter. Es ist, gerade auch im Lichte der Daten zur Apoptose in den neurogenen Regionen nicht mit allerletzter Sicherheit geklärt, inwieweit adulte hippocampale Neurogenese kontinuierlich neue Nervenzellen der Körnerzellschicht hinzufügt oder Teil eines Austauschprozesses ist, in dem alte Körnerzellen ersetzt werden. Wimer et al. haben den Hippocampus von Mäusen bis zum Tag P84 untersucht und haben einen Zuwachs der Körnerzellschicht gesehen [188]. Sowohl für adulte Neurogenese in Ratten [37] als auch in alten Mäusen, wie die diesbezüglichen, weiter unten dargestellten Ergebnisse zur erfahrungsabhängigen Regulation adulter Neurogenese und die dabei erhobenen stereologischen Daten zeigen, lassen sich mittlerweile jedoch starke Argumente dafür ins Feld führen, daß die Gesamtkörnerzellzahl über die ersten 12 Lebensmonate ansteigt und etwa um diese Zeit (bei dann deutlich reduzierter adulter hippocampaler Neurogenese) ein Plateau erreicht [9]. [...]
Der ausgeprägteste Stammesunterschied in adulter hippocampaler Neurogenese wurde zwischen C57BL/6 und 129/SvJ nachgewiesen. Ausgerechnet diese beiden Stämme werden in Experimenten mit transgenen oder nullmutanten Tieren sehr häufig gekreuzt. Bei der Interpretation von Daten zur adulten hippocampalen Neurogenese in Tieren mit gezielten Mutationen muß dies berücksichtigt werden, da flankierende Hintergrundgene das Resultat beeinträchtigen könnten [39, 57, 105].
Das Muster der im vorliegenden Experiment gefundenen Stammesunterschiede war nicht einheitlich bezüglich der verschiedenen untersuchten Parameter (vgl. Tabelle 1). So differenzierten beispielsweise in 129/SvJ, die die [Seite 36↓]niedrigste Zahl überlebender BrdU-positiver Zellen hatten, die gleiche relative Anzahl hiervon in Neurone wie in den anderen Stämmen. CD1-Mäuse hatten bezogen auf das Volumen einen größeren Hippocampus als die anderen Stämme, aber zeigten keine proportionale Steigerung in adulter hippocampaler Neurogenese. Grundsätzlich zeigte sich, daß die Gesamtzahl an Körnerzellen kein guter Indikator für das Ausmaß an adulter hippocampaler Neurogenese ist. 129/SvJ, die einen durchschnittlich großen Hippocampus haben, produzierten mit Abstand die niedrigste Zahl neuer Körnerzellen (lediglich 0.16% der absoluten Körnerzellzahl über den Injektionszeitraum von sechs Tagen hinweg). [...]
Die genetische und umweltabhängige Kontrolle von Nervenzellzahlen ist beispielsweise auch für die Retina untersucht worden, wo sich zeigte, daß vererbbare Faktoren etwa 75% der sichtbaren Unterschiede erklären [185]. [...]
Obwohl unsere Daten andeuten, daß der genetische Hintergrund adulte hippocampale Neurogenese stark beeinflußt, bedeutet dies nicht, daß die relevanten Gene nur diejenigen sind, die unmittelbar in der Regulation adulter hippocampaler Neurogenese involviert sind. Eine Vielzahl von Genen die Systeme beeinflussen, die ihrerseits Effekte auf die Regulation adulter hippocampaler Neurogenese haben (z.B. der Hormonstatus) könnten indirekt für die Stammesunterschiede verantwortlich sein.
Mit Ausnahme von 129/SvJ, die nur die Hälfte der durchschnittlichen Rate der anderen Stämme erreichten, produzierten die hier untersuchten Stämme über einen Zeitraum von nur sechs Tagen mehr als 0.30% ihrer Gesamtkörnerzellzahl als neue Nervenzellen. Dies entspricht einem neuen Neuron auf ca. 2000 bestehende Körnerzellen. Diese Neurogeneserate ist überraschend hoch. Adulte hippocampale Neurogenese ist daher kein quantitativ zu vernachlässigendes Phänomen. Es ist aber offen, inwieweit die Körnerzellzahl und die Rate adulter hippocampaler Neurogenese mit hippocampaler Funktion korreliert.
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Kempermann G, Kuhn HG, Gage FH. More hippocampal neurons in mice living in an enriched environment. Nature 386 (1997) 493-495
Zusammenfassung: Neurogenese im Gyrus dentatus findet über die gesamte Lebensspanne hinweg statt. Die Funktion der neugeborenen Neurone und die Mechanismen, die ihre Geburt regulieren, sind jedoch noch unbekannt. Hier zeigen wir, daß signifikant mehr neue Nervenzellen im Gyrus dentatus von Mäusen zu finden sind, die einer reizreichen Lebensumgebung ausgesetzt wurden, als in Kontrolltieren in Standardkäfigen. Wir zeigen außerdem durch die Anwendung von stereologischen Techniken, daß die reizreich lebenden Mäuse eine vom Volumen her größere Körnerzellschicht und um 15% mehr Körnerzellen besitzen.
Seit langem ist bekannt, daß im erwachsenen Gehirn eine erfahrungsabhängige Plastizität neuroanatomischer Strukturen zu finden ist [2, 41, 72, 118, 154]. Eine reizreiche Lebensumgebung (“Enriched environment”), die sich durch die “Kombination von komplexer unbelebter und sozialer Stimulation”[153] gestaltet, wird dabei eingesetzt, um erfahrungsabhängige Neuroplastizität zu induzieren. Im Hippocampus nachweisbare Veränderungen umfassen eine vermehrte “Dicke” des Hippocampus [150, 181], Zunahme dendritischer Verzweigungen und der Zahl der Gliazellen. Reizreichtum besteht dabei normalerweise im Vergleich mit der Standardlaborhaltung, auch wenn Art und Ausmaß dieses Reizreichtums, wie er auch in dieser Studie angewandt wurde, noch eindeutig eine Reizarmut gegenüber Wildbedingungen darstellen [40]. Das im Folgenden dargestellte Experiment sollte zeigen, ob die Exposition gegenüber einer reizreicheren Umgebung zu einer erhöhten Nervenzellzahl im Gyrus dentatus führen könnte.
Dazu wurden 21 Tage alte Mäuse des Stammes C57BL/6 zufällig auf zwei Gruppen aufgeteilt und wuchsen entweder unter Standardbedingungen oder reizreichen Bedingungen für 40 weitere Tage heran (Abb. *1). Während der letzten zwölf Tage dieser 40 Tage erhielten sie eine tägliche intraperitoneale Injektion (50 mg pro Kilogramm Körpergewicht) BrdU. Einen Tag nach der letzten Injektion wurden fünf Mäuse aus jeder Gruppe mit 4%iger Paraformaldehydlösung perfundiert. Die verbleibenden Tiere wurden für fünf Tage im Wasserlabyrinth nach Morris untersucht und lebten während dieser Zeit und für 23 weitere Tage in der jeweilig zugewiesenen Umgebung.
Vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion wurden die verbliebenen Mäuse perfundiert. Gehirnschnitte wurden mit Immunhistochemie untersucht, und die Zahl der BrdU-positiven Zellen wurde mit stereologischen Methoden bestimmt. Es fand sich kein statistisch signifikanter Unterschied in der Zahl der BrdU-positiven Zellen zwischen den beiden Gruppen am Tag 1 nach der letzten BrdU-Injektion. Dieses Resultat legte nahe, daß reizreiche Bedingungen [Seite 38↓]keinen oder nur geringen Einfluß auf die Teilungsaktivität der Vorläuferzellen im Gyrus dentatus haben (Es zeigte sich in folgenden Experimenten, daß bezüglich dieses Punktes Stammesunterschiede bestehen und sich z.B. in 129/SvJ Mäusen unter identischen experimentellen Bedingungen ein massiver Effekt auf die Proliferation in der subgranulären Zone feststellen läßt — siehe 2.5).
Vier Wochen später jedoch fand sich ein hochsignifikanter Unterschied in der Zahl der überlebenden BrdU-positiven Zellen (Abb. *2A und *3A und B). Reizreich lebende Tiere hatten 57% mehr markierte Zellen pro Gyrus dentatus als Kontrollen. Dies legt nahe, daß reizreiche Lebensumgebung einen überlebensfördernden Effekt auf die sich teilenden neuronalen Vorläuferzellen (bzw. ihre Tochterzellen) im Gyrus dentatus hat.
Dreifachmarkierungen für BrdU, den Körnerzellmarker Calbindin D28k und saures Gliafaserprotein (GFAP) als Marker für Astrozyten wurden durchgeführt und zum Vierwochenzeitpunkt mittels konfokaler Fluoreszenzmikroskopie eingesetzt, um den Phänotyp der BrdU-positiven Zellen zu bestimmen (Abb. *3C). Die relative Verteilung der Phänotypen zeigte zwischen den Gruppen keine Unterschiede: 61% in den reizreich lebenden Tieren und 57% in Kontrollen der BrdU-positiven Zellen waren auch calbindinpositiv und zeigten somit einen neuronaler Phänotyp mit Körnerzelldifferenzierung. Die Multiplikation der Zahl der BrdU-positiven Zellen mit der entsprechenden Rate neuronaler Differenzierung führte zu der Schlußfolgerung, daß von den während der zwölf Tage der Injektionen geborenen Zellen pro Gyrus dentatus durchschnittlich mindestens 2490 neue Neurone überlebten —im Vergleich zu nur 1330 in Kontrolltieren.
Im Gyrus dentatus der Kontrolltiere, waren 16% der BrdU-positiven Zellen auch GFAP-positiv, während 27% weder calbindin- noch GFAP-positiv waren. Die entsprechenden Zahlen für die reizreich lebende Gruppe waren: 11% und 29%. Reizreich lebende Tiere zeigten somit durchschnittlich ungefähr 450 überlebende neue Astrozyten im Gyrus dentatus gegenüber ungefähr 380 in den Kontrollen. Dieses Resultat ist in Übereinstimmung mit den früheren Berichten von einer gesteigerten Gliazellzahl in reizreich lebenden Tieren [2, 181].
Ältere Arbeiten haben berichtet, daß reizreiche Haltung zu einer Zunahme der hippocampalen “Tiefe” (depth) führt [150]. Wir haben das absolute Volumen der Körnerzellschicht stereologisch bestimmt und fanden einen statistisch signifikanten Zuwachs in der reizreich lebenden Gruppe (Abb. *2B). Diese Veränderung in der hippocampalen Morphologie war zuvor mit einer verstärkten Verzweigung der Dendriten, einer Zunahme der Kerngröße und mehr Gliazellen erklärt worden. Eine Zunahme der Nervenzellzahl könnte jedoch ebenfalls zu der Volumenvergrößerung beitragen. Als wir die absolute Körnerzellzahl stereologisch bestimmten, fanden wir, daß reizreich lebende Tiere durchschnittlich mehr als 310 000 Körnerzellen besaßen, im Gegensatz zu 270 000 in Kontrollen (Abb. *2C). Dies stellt eine Zunahme um mehr als 40 000 Neurone bzw. mindestens 15% dar. Obwohl keine entsprechenden, stereolo[Seite 39↓]gisch erhobenen Vordaten für C57BL/6 Mäuse existieren, befindet sich die Ausgangszahl in der Spanne, die für andere Stämme angegeben wurde [189].
Wir schließen aus diesen Ergebnissen, daß Erfahrung einer reizreichen Umgebung einen überlebensfördernden Effekt auf die Tochterzellen der neuronalen Stamm- und Vorläuferzellen im Hippocampus von erwachsenen Mäusen hat und daß diese neuen Neurone zu einem erhöhten hippocampalen Volumen und einer gesteigerten Körnerzellzahl in diesen Tieren beitragen. Da die Stimulation durch Umweltreize theoretisch einen ähnlichen Effekt auf ruhende Stammzellen in anderen Regionen des Hippocampus haben könnte, untersuchten wir die CA-Regionen, fanden jedoch keine BrdU-positiven Zahlen in Maßen, die über den sehr niedrigen und verstreuten Hintergrund sich teilender Zellen, wie er überall im Hippocampus zu finden ist, hinausgeht (Abb. *3D bis G). Die Hilusregion (CA4) ist insofern eine Ausnahme, als daß eine gewisse Rate an Zellproduktion, wenn auch keine Neurogenese, in dieser Region bekannt ist [27, 100]. Vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion fanden sich (Mittelwert +/- Standardfehler) 824 +/- 105 BrdU-positive Hiluszellen in Kontrollen im Vergleich zu 886 +/- 119 in reizreich lebenden Tieren (p > 0.7; t-Test). Das Volumen des Hilus veränderte sich ebenfalls nicht und lag bei 0.43 +/- 0.02 mm3 in Kontrollen und 0.47 +/- 0.03 mm3 in reizreich lebenden Tieren (p > 0.69; t-Test). Diese Ergebnisse legen nahe, daß die Wirkung auf die neugeborenen Nervenzellen und Astrozyten in der subgranulären Zone relativ spezifisch ist.
Die regulatorischen Mechanismen, die adulte hippocampale Neurogenese steuern, sind weitgehend unbekannt. Sowohl Studien über adulte hippocampale Neurogenese als auch über erfahrungsabhängige Neuroplastizität unterstützen die These, daß Steroidhormone eine Rolle in dieser Regulation spielen könnten, möglicherweise über Signalwege, die die Aktivierung glutamaterger Rezeptoren beinhalten.
Aus in vitro und in vivo Studien ist bekannt, daß trophische Faktoren, inklusive Epidermal Growth Factor und Fibroblast Growth Factor 2, das Schicksal von neuronalen Vorläuferzellen beeinflussen können [35, 135, 147]. Daten über die erfahrungsabhängige Regulation dieser Faktoren fehlen bislang. Es ist auch anzunehmen, daß eine präzise zeitliche und räumliche Kontrolle verschiedener Parameter erforderlich ist, um das Überleben und die Differenzierung der endogenen neuronalen Vorläuferzellen zu gewährleisten.
Um darzustellen, daß der hier angewandte Reizreichtum der Umgebung ausreichte, um die Verbesserung der Leistung in Bezug auf räumliches Lernen, wie bereits von anderen berichtet [133, 179], hervorzurufen, testeten wir unsere Tiere im Wasserlabyrinth nach Morris und fanden eine moderate, jedoch signifikante Verbesserung in den reizreich lebenden Tieren (Abb. *2D). Hieraus kann man nicht schließen, daß die größere Zahl an Neuronen im Gyrus dentatus diese Verbesserung im Verhaltenstest bewirkte. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß eine Kombination von mehr Nervenzellen, Synapsen und Dendriten sowie Faktoren, die noch unbekannt sind, zu der verbesserten Leistung, die durch die reizreiche Umgebung induziert wurde, beiträgt.
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Kempermann G, Kuhn HG, Gage FH. Experience-induced neurogenesis in the senescent dentate gyrus. Journal of Neuroscience 18 (1998) 3206-3212
Zusammenfassung: Wir zeigen hier, daß unter physiologischen Bedingungen auch im Hippocampus von sehr alten Mäusen noch Neurogenese vorkommt und durch Leben in einer reizreichen Umgebung stimulierbar ist. Die Neurogenese verminderte sich mit steigendem Alter. Ein Wechsel aus der Standardunterbringung in eine reizreiche Lebensumgebung mit Möglichkeiten zur sozialen Interaktion, Exploration und körperlichen Aktivität für einen Zeitraum von 68 Tagen führte zu einem verbesserten Überleben BrdU-markierter Zellen. Phänotypische Analyse enthüllte, daß in reizreich lebenden Tieren relativ mehr Zellen zu Nervenzellen differenzierten, was zu einer Nettoverdreifachung der Zahl BrdU-markierter Neurone in zwanzig Monate alten Mäusen (105 gegenüber 32 Zellen) und einer Verdoppelung (684 gegenüber 285 Zellen) in acht Monate alten Mäusen im Vergleich zu gleichaltrigen Tieren in Standardkäfigen führte. Entsprechende Zahlen für BrdU-positive Astrozyten und BrdU-positive Zellen, die keine Doppelmarkierung mit den neuronalen oder glialen Markern zeigte, blieben unbeeinflusst. Der Effekt auf die relative Verteilung der Phänotypen kann als eine überlebensfördernde Wirkung mit einer Selektivität für Neurone interpretiert werden. Die Proliferation der Vorläuferzellen blieb von der Stimulation durch Umweltreize unbeeinflusst.
[...] Der alternde Hippocampus wird von einer Anzahl struktureller und funktioneller Veränderungen heimgesucht. Hierzu gehören beispielsweise auch ein neuronaler Zellverlust in den CA-Regionen und im Hilus [184], eine verminderte Synapsendichte [156] und eine verminderte Expression von Wachstumsfaktor- und Steroidhormonrezeptoren [12]. Neurogenese ist über das gesamte Leben einer Ratte hinweg nachweisbar [3, 27, 89, 100], aber läßt mit zunehmendem Alter nach [100]. Das Ausmaß, in dem die verbleibende Neurogenese im Gyrus dentatus reguliert wird und funktionelle Konsequenzen hat, ist noch unklar.
Wir haben das experimentelle Paradigma der reizreichen Lebensumgebung [152, 154] benutzt, um zu zeigen, daß eine erfahrungsabhängige Plastizität der Neuronenzahl im Gyrus dentatus besteht. Dieser Befund stellte adulte Neurogenese im Gyrus dentatus in einen funktionellen Kontext und erhob die Frage, ob funktionsabhängige Neuroplastizität auch im alten Gehirn noch möglich ist.
In der hier vorgestellten Studie haben wir die Wirkung des Lebens in reizreicher Umgebung auf die Neurogenese im Gyrus dentatus von C57BL/6 Mäusen im Alter von 6 und 18 Monaten untersucht. Die vier Gruppen des Experimentes werden mit folgenden Abkürzungen bezeichnet: Ctr-6 für sechs Monate alte Kontrolltiere, Ctr-18 für 18 Monate alte Kontrolltiere, Enr-6 für sechs Monate alte Tiere in reizreicher Umgebung (“enriched environment”) und Enr-18 für 18 Monate alte Tiere in reizreicher Umgebung. Diese Alterstufen entsprechen ungefähr einem mittleren Lebensabschnitt und dem Greisenalter, [Seite 41↓]wenn man sich vergegenwärtigt, daß die durchschnittliche Lebensdauer einer C57BL/6 Maus 26 Monate beträgt und daß die Menopause der weiblichen Mäuse bei rund 13 Monaten liegt [166]. Vor der Experimentalphase, die 40 oder 68 Tage dauerte, wurden alle Tiere unter Standardbedingungen gehalten. [Die weitere Untersuchung erfolgte in Analogie zum oben beschriebenen ersten Experiment an jüngeren Tieren; Kapitel 2.3]
Ergebnisse
Neurogenese, definiert als die Geburt einer neuen Nervenzelle, besteht aus einer Serie distinkter Entwicklungsschritte, von denen drei separat untersucht werden können: Proliferation, Überleben und Differenzierung.
Proliferation einer Vorläuferzelle in der subgranulären Zone wurde durch Markierung mit dem Proliferationsmarker BrdU und immunhistochemische Untersuchung einen Tag nach der letzten Injektion von BrdU untersucht. Zu diesem Zeitpunkt sahen wir keine signifikante Wirkung der reizreichen Lebensumgebung auf die Zellproliferation im Gyrus dentatus (Abb. *3A). Es fiel jedoch auf, daß die Teilungsaktivität der Stamm- und Vorläuferzellen mit steigendem Alter nachließ, denn greise Mäuse (Ctr-18) hatten signifikant weniger BrdU-positive Zellen im Vergleich zu Mäusen im mittleren Lebensalter (Ctr-6; P < 0.0001).
Die Überlebensrate der Nachkommenschaft der sich teilenden Vorläuferzellen kann untersucht werden, indem vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion mit Antikörpern gegen BrdU gefärbt wird und das Resultat mit den Werten, die einen Tag nach der letzten Injektion gewonnen wurden, verglichen wird (Abb. *3A). Wir stellten fest, daß die Gesamtzahl der überlebenden BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach BrdU in den älteren Tieren (Ctr-18) im Vergleich zu den jüngeren signifikant reduziert war (P = 0.0081). Leben in reizreicher Umgebung erhöhte die Zahl der überlebenden markierten Zellen um 68% gegenüber Kontrolltieren im Alter von 6 Monaten (P = 0.0025) und um 32% in 18 Monate alten Mäusen (P > 0.05; Abb. *3A). Wenn man die Zahl der überlebenden Zellen in Prozent der markierten Zellen einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion ausdrückt, zeigte sich, daß Alter allein keinen überlebensfördernden Effekt hat. In Ctr-6 waren durchschnittlich 42.7 +/- 1.8% der am ersten Tag detektierbaren Zellen zum Vierwochentermin nachweisbar, während 60.7 +/- 7.3% in Ctr-18 gefunden werden konnten (P = 0.1540; alle Werte Mittelwert +/- Standardfehler).
Die phänotypische Differenzierung der überlebenden BrdU-positiven Zellen wurde (wie oben beschrieben) mit konfokaler Mikroskopie untersucht, wobei in der Dreifachmarkierung neben Antikörpern gegen BrdU diesmal als neuronaler Marker NeuN und als glialer Marker S100ß eingesetzt wurde (Abb. *4). In Enr-18 machten Neurone (NeuN-positive Zellen) 28.6 +/- 8.6% der überlebenden BrdU-positiven Zellen gegenüber 12.6 +/- 7.3% in Ctr-18 aus (P = 0.0002). In Enr-6 fanden wir 58.0 +/- 6.8% Neurone gegenüber 40.8 +/- 4.7% in Ctr-6 (P < 0.0001; Abb. *3B und C).
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Enr-18 Mäuse produzierten damit während der zwölftägigen Injektionsphase durchschnittlich insgesamt 105 +/- 18 BrdU-markierte Neurone pro Gyrus dentatus gegenüber lediglich 32 +/- 7 in Ctr-18: eine dreifache Zunahme (P = 0.0035; Abb. *3D). Im Vergleich dazu produzierten Enr-6 684 +/- 104 BrdU-markierte Neurone und Ctr-6 285 +/- 22, was einer Verdoppelung entspricht (P = 0.0109). Der Gesamteffekt war also absolut gesehen größer im Alter von 6 Monaten, aber relativ gesehen im Alter von 18 Monaten.
Vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion machten Astrozyten (S100ß-positive Zellen) 19.7 +/- 3.2% der überlebenden BrdU-positiven Zellen in Ctr-6, 15.5 +/- 1.7% in Enr-6, 32.9 +/- 2.0% in Ctr-18 und 26.6 +/- 1.8% in Enr-18 aus. Es fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen Ctr-6 und Enr-6 (P = 0.1864) und Ctr-18 und Enr-18 (P = 0.0553). In absoluten Zahlen gemessen, fanden sich 133 +/- 20 BrdU-markierte Astrozyten in Ctr-6, 185 +/- 38 in Enr-6, 92 +/- 13 in Ctr-18 und 99 +/- 16 in Enr-18. Auch hier bestand kein signifikanter Unterschied zwischen Ctr-6 und Enr-6 (P = 0.1516) und Ctr-18 und Enr-18 (P = 0.8389).
BrdU-positive Zellen, die keine Kolokalisation mit NeuN oder S100ß zeigten, kamen auf 39.4 +/- 2.4% in Ctr-6 (absolute Werte: 275 +/- 23), 26.5 +/- 2.8% in Enr-6 (299 +/- 49), 56.0 +/- 1.6% in Ctr-18 (154 +/- 20) und 44.8 +/- 9.3% in Enr-18 (160 +/- 22). Statistische Analyse zeigte, daß die relativen Werte in beiden Altersstufen signifikant voneinander verschieden waren (P = 0.0027 für Ctr-6 und Enr-6; P = 0.0079 für Ctr-18 und Enr-18), nicht aber die absoluten Zahlen (P = 0.6099 bzw. P = 0.8965).
Die Auswirkung der reizinduzierten Neurogenese auf die Gesamtzahl der Körnerzellen wurde durch stereologische Techniken untersucht (Tabelle *1). Jedoch war die interindividuelle Varianz in diesen Vergleichen von zellulären Populationen sehr unterschiedlicher Größe verhältnismäßig größer als der zu erwartende Zuwachs in neuen Nervenzellen, so daß keine signfikanten Unterschiede in der Körnerzellzahl zwischen den vier Gruppen nachweisbar waren. Auch fand sich kein Unterschied in der Neuronendichte oder im Volumen der Körnerzellschicht.
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Ctr-6 |
Enr-6 |
Ctr-18 |
Enr-18 |
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Volume of the granule cell layer (mm3) |
0.356 ± 0.009 |
0.373 ± 0.008 |
0.336 ± 0.010 |
0.365 ± 0.013 |
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Neuronal density |
9.91 ± 0.37 |
9.47 ± 0.23 |
9.55 ± 0.40 |
9.21 ± 0.16 |
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Absolute number of granule cells |
3.90 x 105 ± 0.13 x 105 |
3.91 x 105 ± 0.08 x 105 |
3.57 x 105 ± 0.18 x 105 |
3.74 x 105 ± 0.16 x 105 |
Es ist berichtet worden, daß alte Mäuse die Aufgabe des Wasserlabyrinths lernen [71]. Gesamtanalyse des Tests im Wasserlabyrinth wies in Enr-18 gegenüber Ctr-18 (P = 0.0422; Abb. *5A) und Enr-6 gegenüber Ctr-6 (P = 0.0248) signifikant kürzere Zeiten nach, die die Tiere der entsprechenden Gruppe brauchten, um die Fluchtplattform zu erreichen. Da auch eine signifikante Erhöhung der Schwimmgeschwindigkeit in Enr-18 gegenüber Ctr-18 (P = 0.0307; Abb. *5B) und in Enr-6 gegenüber Ctr-6 (P = 0.0040) bestand, ließ sich kein Unterschied in der jeweiligen Länge der Schwimmstrecke bis zur Plattform nachweisen.
Diskussion
Der Begriff “Neurogenese” als der Geburt neuer Nervenzellen wird oft im eingeschränkten Sinne der Zellproliferation, die zu einem neuen Neuron führt, zugeschrieben, aber weitergefaßte Definitionen sind im Gebrauch [28, 162]. Die erwachsene Hippocampusformation enthält multipotente Stammzellen, die in vitro sowohl in Neurone als auch in Gliazellen differenzieren können [134]. Es ist daher uneindeutig, die Definition von Neurogenese auf einen Prozess zu stützen, der auch in Gliogenese münden könnte. Im Gegensatz zur sehr präzisen zeitlichen und räumlichen Verteilung neurogener Ereignisse während der Entwicklung [28] enthalten die neurogenen Regionen des Erwachsenenalters Zellen in allen Entwicklungsstufen. Als Konsequenz hieraus ist es im Erwachsenenalter weniger genau, die Zellteilung zur Basis der Definition von Neurogenese zu wählen, als es dies während der Embryogenese ist. Im Vergleich der Zahlen BrdU-positiver Zellen einen Tag und vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion wird klar, daß das Ausmaß der Zellproliferation kein Indikator für die letztlich resultierende Nettoanzahl neuer Neurone ist (2.2; siehe auch 2.6). Wir benutzen daher eine weitgefaßtere Definition von Neurogenese, die Proliferation, Überleben und Differenzierung beinhaltet.
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Neurogenese im alten Gyrus dentatus. Neurogenese persistiert im Hippocampus auch alter Mäuse. In allen vier untersuchten Gruppen konnten sich teilende Zellen (Abb. *4A) in der subgranulären Zone nachgewiesen werden; differenzierende Zellen migrierten in die Körnerzellschicht und exprimierten nach vier Wochen den neuronalen Marker NeuN (Abb. *4B bis D).
Die Abnahme adulter Neurogenese in der alternden Maus bestätigt frühere Berichte aus Ratten [100]. Wir fanden keinen signifikanten Unterschied in der Gesamtkörnerzellzahl zwischen den beiden Altersstufen, was darauf hinweisen könnte, daß im hohen Alter Neurogenese keine die Gesamtzahl mehr beeinflussende Zahl neuer Nervenzellen in nachweisbarem Rahmen beisteuert. Der Vergleich mit Zahlen aus unserer früheren Studie weist einen Zuwachs in der Gesamtkörnerzellzahl zwischen zwei und sechs Monaten um rund 40 000 Zellen auf (Vgl. 2.3). Vergleichbare Zuwächse sind für Ratten beschrieben worden [9].
Zur Frage der Rolle, die Apoptose einerseits und Zellzyklusparameter anderseits auf die Interpretation der Zahlen haben könnten, siehe 2.2 und [13].
Schon früh ist das experimentelle Modell der reizreichen Lebensumgebung [154] auf die Untersuchung von Umwelteinflüssen auf Zellproliferation im erwachsenen Gehirn angewandt worden [2]. Unsere hier vorgestellten Daten weisen nach, daß erfahrungsabhängige Regulation von adulter hippocampaler Neurogenese nicht nur im jung-erwachsenen Mausgehirn, sondern auch im hohen Alter noch stattfindet. Wie in den jüngeren Mäusen wurde auch in den alten das Überleben neugeborener Zellen gefördert. Dem könnte eine Interaktion mit der Regulation apoptotischen Zelltods zumindest teilweise zugrundeliegen [wofür mittlerweile neue experimentelle Daten sprechen [13, 193]].
Zusätzlich entdeckten wir, daß in beiden Altersstufen in den reizreich lebenden Tieren relativ mehr BrdU-positive Zellen eine Doppelmarkierung für den neuronalen Marker NeuN zeigten, ein Effekt der in den jüngeren Tieren der vorangegangenen Studie nicht aufgetreten war. Dies kann als ein überlebensfördernder Effekt auf Zellen der neuronalen Entwicklungslinie gedeutet werden. Die absoluten Zahlen sowohl BrdU-markierter Astrozyten als auch BrdU-positiver Zellen ohne Doppelmarkierung für NeuN oder S100ß waren unbeeinflußt von der Umweltstimulation — ein Befund, der diese Hypothese stützt.
Als Alternativhypothese verbleibt jedoch zu prüfen, ob Umweltreize eine Wirkung auf das Differenzierungsverhalten der Tochterzellen der sich teilenden Stamm- und Vorläuferzellen haben könnten, indem sie direkt oder indirekt auf Mechanismen, die die Entscheidung für eine bestimmte Entwicklungslinie bestimmen, wirken könnten.
Die Bedingungen der zellulären Mikroumgebung und ihre erfahrungsabhängigen Veränderungen, die das Überleben von Zellen, die den Zellzyklus verlassen haben, fördern und diese zur Differenzierung führen, bleiben weiterhin unbekannt. Obwohl Gliogenese in den alten Tieren nicht signifikant durch [Seite 45↓]Erfahrung stimulierbar war, ist es trotzdem möglich, daß Umwelteinflüsse auf Astrozyten zu dem Gesamteffekt beitragen.
Daß in unserem Experiment kein Unterschied in der Zellproliferation zwischen Kontrollen und reizreich lebenden Mäusen nachweisbar war, erlaubt keine Schlußfolgerung über die Größe der Vorläuferzellpopulation. Grundsätzlich sind die erhobenen Befunde zur Zellproliferation in den reizreich lebenden Tieren sowohl mit einer kleineren Population mit kürzerem Zellzyklus als auch mit einer größeren Population mit längerem Zellzyklus vereinbar. Das Nettoergebnis, daß vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion signifikant mehr BrdU-markierte Neurone in den reizreich lebenden Mäusen präsent waren, ist von dieser Betrachtung unabhängig. Spätere Experimente werden untersuchen müssen, wie Zellzyklusparameter durch Alter und Umweltreize beeinflusst werden.
Die tägliche Stimulation von jungen Ratten in der Zeit zwischen Geburt und Entwöhnung von der Mutter (“neonatal handling” oder “preweaning enrichment”) verhindert im Alter der Versuchstiere einen Zellverlust in den Regionen CA1 und CA3 und Defizite im räumlichen Lernen [118]. Der hypothetisch zugrundeliegende Mechanismus involviert die Herabregulation von Glucocorticoidausschüttungen. Glucocorticoide können auch Neurogenese im erwachsenen Gyrus dentatus inhibieren [65]. Ob daraus geschlossen werden kann, daß Glucocorticoide maßgeblich an der Regulation der Neurogenese im hier besprochenen Experiment beteiligt sind, muß offenbleiben. [“Preweaning enrichment” jedenfalls hat keinen Effekt auf adulte hippocampale Neurogenese, was auf einen unterschiedlichen Mechanismus schließen läßt (Kohl et al., Preweaning enrichment has no lasting effects on size of the dentate gyrus and on adult hippocampal neurogenesis in four-month old mice, zur Veröffentlichung eingereicht).]
Es bleibt gegenwärtig unklar, inwieweit Verbesserungen im räumlichen Lernen zu den Auswirkungen auf das Abschneiden im Lerntest in den hier untersuchten Tieren beigetragen haben. Immerhin jedoch haben die Versuchstiere nach sechs oder 18 Monaten unter Standardlaborbedingungen nach Exposition gegenüber reizreicher Umgebung innerhalb von weniger als 68 Tagen ein verbessertes oder zumindest verändertes Abschneiden im Wasserlabyrinthtest gezeigt. Diese Wirkung beweist keinen kausalen Zusammenhang mit den morphologischen Ergebnissen, aber sie positioniert adulte hippocampale Neurogenese in einen funktionellen Kontext.
Auch wenn die Ergebnisse nahelegen, daß die neuen Neurone für hippocampale Funktionen rekrutiert werden, sind weitere Untersuchungen notwendig, um zu zeigen, inwieweit die im Erwachsenenalter produzierten neuen Nervenzellen funktionell in die neuronale Verschaltung des Hippocampus integriert werden. Anatomisch gesehen entsenden die neuen Neurone ein Axon zur Region CA3, wie dies auch die älteren Körnerzellen tun [115, 169].
Eine funktionelle Interpretation adulter hippocampaler Neurogenese wird durch Forschungsergebnisse an Chickadees unterstützt, in denen Neurogenese im erwachsenen Gyrus dentatus mit den Jahreszeiten korreliert, in denen die [Seite 46↓]Vögel größere Territorien bewohnen und sich an den Ort von mehr Futterverstecken erinnern müssen [6, 7].
Die Gesamtzahl neuer Neurone, die im Hippocampus greiser Mäuse produziert werden kann, ist gering, und es ist von großer Bedeutung festzustellen, ob diese relativ wenigen Zellen zu den erfahrungsabhängigen funktionellen Effekten, wie sie hier (und in der vorherigen Studie) erhoben wurden, beitragen können. Verschiedene andere hippocampale Parameter sind durch eine reizreiche Lebensumgebung induzierbar [88]. Einige dieser Veränderungen, so beispielsweise die Plastizität synaptischer Eigenschaften [76], synaptischer Dichte [156] und dendritischer Verzweigung [75] treten auch im höheren Alter auf und tragen höchstwahrscheinlich zu den funktionellen Effekten bei. Jedoch spricht die Tatsache, daß im alternden Gehirn der komplexe regulatorische Apparat zur Neurogenese erhalten bleibt, dafür daß diese Plastizität funktionelle Vorteile bringt.
Kempermann G, Brandon EP, Gage FH. Environmental stimulation of 129/SvJ mice results in increased cell proliferation and neurogenesis in the adult dentate gyrus. Current Biology 8 (1998) 939-942
Zusammenfassung: Mäuse des Stammes 129/SvJ haben signifikant weniger adulte hippocampale Neurogenese als andere ingezüchtete Linien (siehe 2.5). Außerdem zeigen sie schlechte Leistungen in Lerntests. In diesem Experiment haben wir die Auswirkungen von Umweltreizen in reizreicher Umgebung auf die Hirnplastizität von 129/SvJ im Erwachsenenalter untersucht. Im Gegensatz zu den früheren Berichten über Mäuse des Stammes C57BL/6, die in Lerntests sehr gut abschneiden und bei denen die erfahrungsabhängige Regulation von adulter hippocampaler Neurogenese keinen Einfluß auf die Zellproliferation hatte, zeigten reizreich lebende 129/SvJ Mäuse eine Verdoppelung der proliferierenden Zellen im Gyrus dentatus im Vergleich zu Kontrolltieren. Umweltabhängige Stimulation förderte das Überleben der neugeborenen Zellen in 129/SvJ, wie es auch in C57BL/6 gesehen worden war. Phänotypische Analyse der überlebenden Zellen wies auf, daß Stimulation durch Umweltreize zu 67% mehr neuen Neuronen führte. In Zusammenschau mit unseren früheren Ergebnissen legen diese Ergebnisse nahe, daß erbliche Faktoren einen differenzierten Einfluß auf die umweltabhängige Regulation adulter hippocampaler Neurogenese haben. Zusätzlich beobachteten wir eine Wirkung auf das Abschneiden in Verhaltenstests in den stimulierten Tieren.
129/SvJ Mäuse verbrachten 40 Tage in einer reizreichen Umgebung und erhielten während der letzten zwölf Tage dieser Periode tägliche Injektionen mit dem Proliferationsmarker BrdU (50µg pro g Körpergewicht). Die Gehirne von 5 Tieren der experimentellen Gruppe (Enr-129) und von 5 Tieren der Kontrollgruppe (Ctr-129), die in regulären Laborkäfigen gehalten wurden, wurden immunhistochemisch untersucht. Im Gegensatz zu C57BL/6 Mäusen, [Seite 47↓]die keine Veränderung in der Zellproliferation der subgranulären Zone zeigten (Vgl. 2.4 und 2.5), hatten die Enr-129 Tiere eine signifikant höhere Zahl BrdU-positiver Zellen im Gyrus dentatus als Ctr-129 (Abb. *1A und 2; P = 0.0017). Dieses Ergebnis einer “erhöhten proliferativen Aktivität” kann (1.) als eine erhöhte Anzahl sich teilender Zellen interpretiert werden, (2.) als eine höhere Rate von Zellteilungen oder (3.) eine Kombination von beidem interpretiert werden.
Vier Wochen nach der letzten Injektion von BrdU, wenn die Gehirne der verbleibenden Mäuse untersucht wurden, fanden sich signifikant mehr BrdU-positive Zellen in Enr-129 als in Ctr-129 (Abb. *1A und 2; P = 0.0186). Dies impliziert, daß das Nettoüberleben neugeborener Zellen in Enr-129 erhöht war. Relativ gesehen jedoch war das Überleben der neuen Zellen in Enr-129 mit 29% niedriger als in Ctr-129 mit 40%. Dies steht im Gegensatz zu unseren früheren Ergebnissen mit C57BL/6, in denen der erfahrungsabhängige Nettoeffekt auf adulte hippocampale Neurogenese auf eine überlebensfördernde Wirkung auf die neugebildeten Zellen in der subgranulären Zone zurückzuführen war.
Stereologische Untersuchung des Gyrus dentatus vier Wochen nach der letzten Injektion von BrdU wies nach, daß Enr-129 eine höhere Zelldichte in der Körnerzellschicht hatten. Die durchschnittliche Zahl an Körnerzellen pro 9000 µm3 Probenvolumen war 9.2 +/- 0.2 in Ctr-129 (Mittelwert +/- Standardfehler) und 10.0 +/- 0.2 in Enr-129 (p = 0.0210). Es ließ sich kein Unterschied am absoluten Volumen der Körnerzellschicht nachweisen (0.34 +/- 0.01 mm3 in Ctr-129 und 0.32 +/- 0.02 mm3 in Enr-129; P = 0.5051). Daraus resultierte eine durchschnittliche Gesamtkörnerzellzahl von 3.44 +/- 0.11 x 105 in Ctr-129 und 3.56 +/- 0.24 x 105 in Enr-129 (P = 0.6827) pro Hippocampus. In durch Umweltreize stimulierten C57BL/6 hatten wir eine statistisch signifikante Zunahme des Volumens der Körnerzellschicht und eine Zunahme der Körnerzellzahl um 15% gefunden (2.4). Wurden im jetzigen Experiment die gemessenen Volumina vom 1. Tag nach der letzten Gabe von BrdU verglichen, um eine zweite Schätzung des Volumens der Körnerzellschicht zu erhalten, so zeigte sich ein Volumen von 0.29 +/- 0.02 mm3 in Ctr-129 und von 0.37 +/- 0.03 mm3 in Enr-129 (P = 0.0497). Eine vorsichtige Interpretation könnte dahingehen, daß die volumetrischen Daten mit einem meßbaren Effekt auf die Gesamtkörnerzellzahl vereinbar sind, aber hier durch biologische Variabilität (Varianz) verschleiert werden.
In der Untersuchung der BrdU-markierten Zellen mittels dreifacher Immunhistochemie wiesen die prozentualen Anteile der Zellen, die Kolokalisationen für den neuronalen Marker NeuN oder den astrozytären Marker S100ß zeigten, keinen Unterschied zwischen Enr-129 und Ctr-129 auf. Der Prozentsatz von BrdU-positiven Zellen, die weder NeuN noch S100ß exprimierten, war jedoch signifikant niedriger in Enr-129 als in Ctr-129 (Abb. *1B; P = 0.0247). Um die absolute Anzahl neugebildeter Neurone (BrdU+/NeuN+) und Astrozyten (BrdU+/S100ß+) abzuschätzen, wurde der prozentuale Anteil des jeweiligen Phänotyps mit der absoluten Zahl BrdU-markierter Zellen vier [Seite 48↓]Wochen nach der letzten BrdU-Injektion multipliziert. Das Ergebnis waren 1573 +/- 191 neue Neurone in Enr-129 gegenüber 943 +/- 104 in Ctr-129 (Abb. *1C; P = 0.0158), was eine Nettozunahme adulter hippocampaler Neurogenese in Enr-129 von 67% bedeutet.
Obwohl umweltabhängige Stimulation von 129/SvJ Mäusen eine genauso starke neurogene Wirkung hatte wie zuvor für C57BL/6 berichtet (2.4), ergab eine detailiertere Analyse, daß der ähnliche Nettoeffekt in den 129/SvJ anders als in C57BL/6 auf eine Steigerung der Zellproliferation zurückzuführen war. Daraus folgt, daß Stammesunterschiede nicht nur die Ausgangsrate adulter hippocampaler Neurogenese (2.3), sondern auch die Art, auf die adulte hippocampale Neurogenese durch Umweltreize reguliert wird, beeinflussen. Proliferation, Überleben und Differenzierung der Vorläuferzellen und ihrer Tochterzellen sind jeweils separat durch vererbte Faktoren beeinflusst und werden als Antwort auf eine Stimulation durch Umweltreize nicht uniform heraufreguliert (2.2 und 2.3).
Das Ausmaß, in dem adulte hippocampale Neurogenese in 129/SvJ stimuliert werden konnte, war angesichts der niedrigen Ausgangsraten adulter Neurogenese in diesem Stamm nicht vorhersehbar (2.3). Da der relative Zuwachs an proliferierenden Zellen einen Tag nach der letzten Injektion größer als die Zunahme in der Zahl BrdU-markierter Zellen vier Wochen später war, wurde das neurogene Potential des Hippocampus der 129/SvJ offenbar noch nicht erschöpft. Es bleibt zu klären, ob eine erhöhte Proliferation in der subgranulären Zone in der Tat ein vergrößertes Angebot an Zellen schafft, aus denen sogar noch mehr neue Neurone generiert werden könnten, wenn andere oder komplexere Stimulationen durch Umweltreize eingesetzt würden als im hier vorgestellten Versuch.
Ex vivo Experimente haben gezeigt, daß multipotente Vorläuferzellen aus dem Hippocampus adulter Ratten isoliert werden können [136, 146]. In vivo ist Multipotentialität bislang nicht explizit nachgewiesen worden, aber Zellproliferation, Neurogenese und Astrogenese im Gyrus dentatus erwachsener Säugetiere sind seit den frühen 1960er Jahren bekannt [3]. Proliferation in der subgranulären Zone kann experimentell durch eine Vielzahl beeinflusst werden, darunter Glukocorticoidspiegel [65], glutamaterge Deafferentierung [26], Exzitotoxizität [138, 139] und (möglicherweise durch ein Zusammenspiel dieser Faktoren) durch Stress [66]. Die Wirkung dieser Faktoren auf die neuronale Entwicklung jenseits der Zellproliferation bleibt jedoch noch zu untersuchen.
Es sind erste Hypothesen zur funktionellen Relevanz adulter hippocampaler Neurogenese aufgestellt worden [6, 7, 66, 139, 178]. Da der Hippocampus als eine Struktur bekannt ist, die kritisch für verschiedene Formen von Gedächtnis ist [47], könnte die Produktion neuer Neurone im erwachsenen Hippocampus cognitive Bedeutung haben. Korrelationen zwischen Neurogenese und messbarer hippocampaler Funktion können Einblicke in die Regulation und die funktionelle Relevanz adulter hippocampaler Neurogenese erlauben.
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Im Unterschied zu C57BL/6 Mäusen zeigen Mäuse des Stammes 129 schlechte Leistungen in diversen Verhaltenstests (siehe [57]), darunter Aufgaben, die das räumliche Lernen untersuchen [132, 190]. Hinzukommt, daß es bei beim Stamm 129 eine Vielzahl von mitunter schlecht abgegrenzten Unterstämmen gibt, die beachtliche Unterschiede zueinander aufweisen und die als “typisch” für Stamm 129 angesehenen Merkmale besitzen oder nicht [167]. Ungeachtet dieser Probleme sind Stamm 129 Mäuse im weitverbreiteten Einsatz bei Experimenten mit gezielter Genmanipulation (“Knockout”) [36], die auf eine Aufklärung der molekularen Grundlagen von cognitivem Verhalten und dessen Verhältnis zu Morphologie und Physiologie abzielen [18, 29, 116]
Wie in unseren früheren Studien (2.4 und 2.5) verwendeten wir das Wasserlabyrinth nach Morris [124], um die Wirkung von Umweltreizen auf cognitive Funktionen, die vom Hippocampus vermittelt werden, zu untersuchen. Gesamtanalyse der Leistung im Wasserlabyrinth zeigte, daß Enr-129 die verborgene Plattform in signifikant kürzerer Zeit erreichten als Ctr-129 (Abb. *3A; p = 0.0026), dabei eine kürzere Strecke zurücklegten (528 +/- 41 cm gegenüber 640 +/- 40 cm; p = 0.0294) und dabei auch signifikant schneller schwammen als Ctr-129 Mäuse (26.9 +/- cm/s gegenüber 22.9 +/- 0.7 cm/s; p = 0.0172). In der darauffolgenden Probe, in der die rettende Plattform aus dem Becken entfernt wurde, hielten sich Enr-129 Mäuse durchschnittlich 28.1 +/- 3.6 s von 60 s (ungefähr 47%) im Zielquadranten des Beckens auf, während Ctr-129 auf 17.1 +/- 3.6 s (ungefähr 29%) kamen (Abb. *3B; p = 0.0482). Ctr-129 schwammen 465.9 +/- 98.0 cm im Zielquadranten und Enr-129 748 +/- 93.4 cm (p = 0.0574). Die durchschnittliche Entfernung zum Zielpunkt betrug dabei 38.4 +/- 3.1 cm in Enr-129 und 49.1 +/- 5.0 cm in Ctr-129 Mäusen (p = 0.0813). Eine Analyse der Interaktion für Quadranten und Gruppen zeigte ein p = 0.0410. Obwohl nicht-cognitive Faktoren wahrscheinlich zu diesen Ergebnissen beitragen, sind diese Resultate mit einer Verbesserung in der cognitiven Funktion vereinbar [109]. Die parallele erfahrungsabhängige Steigerung von adulter hippocampaler Neurogenese und allgemeiner Verbesserung in einem Lerntest legt eine Verbindung zwischen den beiden Beobachtungen nahe, aber gegenwärtig ist diese Beziehung korrelativ.
In der Kammer zur Aktvititätsmessung wiesen Enr-129 signifikant weniger spontane motorische Aktivität während der einstündigen Testphase auf als Ctr-129 (Abb. *3C; p = 0.0219). Enr-129 Mäuse waren auch in der Lage sich fast doppelt solange auf dem mit 20 UpM beschleunigenden Rotarod zu halten wie Ctr-129 (Abb. *3D; p = 0.0013). Diese zusätzlichen erfahrungsabhängigen Wirkungen lassen vermuten, daß die Effekte einer Stimulation durch Umweltreize breit angelegt sind und nicht auf den Hippocampus beschränkt sind. Dies bedeutet auch, daß die als genetisch angesehenen Hemmnisse, die scheinbar die Leistung von 129/SvJ in Verhaltenstest behindern, zum Teil von den Bedingungen der Tierhaltung abhängen.
Es ist deshalb problematisch, Stämme als “schlechte Lerner” oder als generell behindert in der Leistung in Lerntests zu kategorisieren, genausowenig wie anatomische Parameter als genetisch fixiert betrachtet werden sollten. Zu [Seite 50↓]einem gewissen Grad reflektiert das, was als genetisch bestimmte Ausgangslage angesehen wird, bereits eine spezifische Antwort auf die Umgebung. In Experimenten, die Stammesunterschiede oder Knockout-Tiere untersuchen, werden “normalisierte” Ausgangswerte unter identischen Umweltbedingungen für alle beteiligten Stämme ermittelt. Für jeden einzelnen Stamm könnten diese Bedingungen aber gerade die nicht opitmalen sein, um komplexe physiologische Prozesse zu untersuchen. Unsere Ergebnisse bedeuten, daß vererbbare Faktoren diese “normalisierten” Muster von Morphologie und Funktion beeinflussen sowie auch die dynamischen Veränderungen, die in diesen Systemen auftreten.
Kempermann G, Gage FH. Experience-dependent regulation of adult hippocampal neurogenesis: effects of long-term stimulation and stimulus withdrawal. Hippocampus 9 (1999) 321-332
Zusammenfassung: In dieser Studie untersuchten wir, wie die erfahrungsabhängige Regulation adulter hippocampaler Neurogenese in C57BL/6 Mäusen unter den Bedingungen einer Langzeitexposition oder dem Entzug nach erlebter reizreicher Umgebung moduliert wird. Wir stellten fest, daß eine Gruppe von Tieren, die Entzug nach Stimulation in der reizreichen Umgebung drei Monate vor der Untersuchung erleben mußte, mehr als doppelt so viele proliferierende Zellen in der subgranulären Zone hatte wie Kontrolltiere und Tiere unter Langzeitstimulation. Wir vermuten, daß die größere Anzahl an proliferierenden Zellen nach dem Entzug Hinweis auf einen überlebensfördernden Effekt auf die neuronalen Stamm- oder Vorläuferzellen während der früheren Stimulationsperiode sind. Es wurden keine Unterschiede bezüglich der überlebenden Tochterzellen oder ihrer Phänotypen festgestellt. Die Existenz von mehr teilenden Zellen in der Entzugsgruppe führte also ohne fortgesetzte Stimulation nicht zu einem Nettoanstieg an Neurogenese. Auch die Gruppe, die eine Langzeitexposition der reizreichen Umgebung erlebte, zeigte keinen klaren Vorteil gegenüber Kontrollen, was als eine verminderte Effizienz fortgesetzter Umweltreize im Bewirken einer neurogenen Antwort gedeutet werden kann. Wir schlagen deshalb als Arbeitshypothese vor, daß (1) eine Stimulation in jungem Lebensalter ein neurogenes Potential im Gyrus dentatus erhalten könnte und (2) die Neuartigkeit der komplexen Reize und nicht allein die reine Fortsetzung komplexer Reize für die umweltabhängige Wirkung auf adulte hippocampale Neurogenese verantwortlich sind.
Der Gyrus dentatus antwortet auf Umweltreize mit verschiedenen plastischen Veränderungen, anhand derer sich funktionelle und morphologische Adaptationen feststellen lassen. Diese erfahrungsabhängigen Modifikationen im neuronalen Netzwerk sind nicht auf das Neuropil beschränkt sondern beinhalten auch eine Vermehrung der Nervenzellzahl durch eine Stimulation der Neurogenese im Gyrus dentatus (2.3, 2.4 und 2.5). Erfahrungsabhängige Plastizität der Körnerzellzahl stellt eine physiologische und funktionelle Regula[Seite 51↓]tion der Aktivität neuronaler Stamm- und Vorläuferzellen im erwachsenen Gehirn dar. [...]
Die Tatsache, daß das erwachsene Gehirn die komplexen Mechanismen aufrechterhält, die für eine erfahrungsabhängige Regulation adulter Neurogenese notwendig sind, legt nahe, daß die neuen Körnerzellen funktionell relevant sind. Ein kausaler Bezug zwischen adulter hippocampaler Neurogenese und hippocampaler Funktion ist jedoch nicht bewiesen.
Das Abschneiden in Verhaltenstests, inklusive Tests von Lernen und Gedächtnis, korreliert nicht mit der absoluten Körnerzellzahl [189]. Eher als die Gesamtzahl der existierenden Körnerzellen könnten die Rate und das Ausmaß neuronaler Plastizität, die adulte Neurogenese miteinschließt, die Leistung im Verhaltenstest bestimmen.
Derartige Überlegungen führten zur folgenden experimentellen Fragen: Wie wird adulte hippocampale Neurogenese beeinflusst, wenn die Umweltreize (1) für länger als 68 Tage fortgesetzt werden oder (2) nach den initialen 68 Tagen abgebrochen werden?
Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir an drei Gruppen von C57BL/6 Mäusen im Alter der Entwöhnung von der Mutter (P21) das folgende experimentelle Paradigma angewandt (Abb. *1). Eine Gruppe diente als Kontrollgruppe und lebte unter Standardlaborbedingungen für die Gesamtzeit der Experimentalperiode von sechs Monaten, eine Gruppe lebte in reizreicher Umgebung für 68 Tage und kehrte danach zu Standardkäfigbedingungen zurück (“Enr-WD”, wobei das “WD” für englisch withdrawal steht) und ein Gruppe lebte für sechs Monate in der reizreichen Umgebung (“Enr-LT”, wobei “LT” für englisch long-term steht). Am Ende der sechs Monate wurden die proliferierenden Vorläuferzellen mit Bromodesoxyuridin (BrdU) markiert und mittels BrdU-Immunhistochemie identifiziert. Die Hälfte jeder Gruppe überlebte vier weitere Wochen. Es wurde dann die Zahl der überlebenden BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach der Markierung bestimmt. Die Phänotypen der neugeborenen Zellen wurden wiederum durch Immunfluoreszenz mit Dreifachmarkierungen von BrdU, dem neuronalen Marker NeuN und dem glialen Marker S100ß bestimmt. Mäuse aller Gruppen wurden in einer Aktivitätsmesskammer, auf dem Rotarod und im Wasserlabyrinth mit versteckter Plattform getestet.
Ergebnisse
Funktionelle Effekte
Exposition gegenüber einer reizreichen Umgebung bewirkt eine komplexe Reakion des Tieres, die zu Veränderungen in zahlreichen anatomischen und physiologischen Messgrößen führt. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung standen die Auswirkungen auf adulte hippocampale Neurogenese. Um jedoch den funktionellen Kontext und die allgemeinen Bedingungen, innerhalb derer diese morphologischen Veränderungen stattfinden, besser zu verstehen und um ein allgemeines Maß für die allgemeine Antwort des Tieres auf die jeweilige expe[Seite 52↓]rimentelle Umgebung zu geben, haben wir das Körpergewicht der Tiere verfolgt und sie Verhaltenstests unterzogen.
Zu Beginn des Experimentes bestand kein Unterschied im Körpergewicht zwischen den Gruppen, da die Tiere zufällig den Versuchsgruppen zugeteilt worden waren. Abb. *2A zeigt, daß das Körpergewicht der Kontrolltiere stieg von 13.6 g im Alter von 21 Tagen auf 25.3 g am Ende des Experimentes (6 Monate). Der entsprechende Anstieg war signifikant geringer in Enr-LT, die mit 14.3 g anfingen, aber mit nur 22.7 g endeten. Enr-WD Mäuse dagegen unterschieden sich nach 3 Monaten, dem Ende der 68 Tage in der reizreichen Umgebung, nicht von Enr-LT (21.5 g bzw. 21.6 g), was auf eine vergleichbare allgemeine Wirkung in den beiden reizreich lebenden Gruppen hinweist. Mit einem Körpergewicht von 24.2 g näherten sich Enr-WD dem Gewicht der Kontrollen am Ende der sechs Monate an (Statistische Auswertung in Tab. *1). Es gab keinen signifikanten Unterschied im Hirngewicht zwischen den drei Gruppen. Die Hirngewichte waren 514 +/- 6 mg in Kontrollen, 504 +/- 7 mg in Enr-WD und 517 +/- 6 mg in Enr-LT.
Während einer Stunde in der Aktivitätsmesskammer waren Enr-LT signifikant weniger aktiv als Kontrollen und Enr-WD (Abb. *2B; ANOVA: p = 0.0006), was als eine schnellere Gewöhnung von Enr-LT an eine neue Umgebung interpretiert wird. Auf dem Rotarod hielten sich Enr-LT signfikant länger als die anderen zwei Gruppen auf dem rotierenden Rundstab (Abb. *2C; ANOVA: p = 0.0015). Im Vergleich der Werte am ersten Tag mit denen des vierten Tages (paarweiser t-Test) zeigten nur Enr-LT einen Trainingseffekt oder prozedurales Lernen (p = 0.0103).
Testergebnisse im Wasserlabyrinth, die allgemein als Ausdruck hippocampaler Funktionen angesehen werden, waren im Kontext dieser Untersuchung adulter hippocampaler Neurogense von besonderem Interesse. Unsere drei früheren Versuche mit kurzzeitigerer Exposition gegenüber der reizreichen Umgebung (2.3 bis 2.5) hatten signifikante Verbesserungen in den Leistungen im Wasserlabyrinth in den reizreich lebenden Tieren gezeigt. In diesem Langzeitexperiment jedoch konnten keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen bezüglich der benötigten Zeit, um die Plattform zu finden, und der Länge der dazu benötigten Schwimmstrecke festgestellt wurde (Abb. *2D und E). Enr-LT jedoch schwammen im Durchschnitt signifikant schneller (Daten nicht gezeigt; ANOVA: p = 0.0020). In der Probe, als die Plattform aus dem Becken entfernt wurde, um als Maß räumlichen Lernens die Perseveration der Tiere zu messen, die Plattform an der antrainierten Stelle zu finden, konnte kein Unterschied zwischen den Gruppen gefunden werden (Daten nicht gezeigt).
Zusammengenommen zeigen diese Ergebnisse funktioneller Untersuchungen, daß (1) Langzeitexposition gegenüber einer reizreichen Umgebung im Hinblick auf einige Maßzahlen (Körpergewicht, Habituierung, Lokomotion, Schwimmgeschwindigkeit) signifikante Auswirkungen hatte, (2) die Langzeitreizung keine anhaltenden Verbesserungen im räumlichen Lernen, wie sie in den früheren Experimenten aufgefallen waren, hervorzurufen scheinen und (3) Tiere, die im jugendlichen Erwachsenenalter eine Kurzzeitexposition der [Seite 53↓]reizreichen Umgebung und einen folgenden Reizentzug durchmachen mussten (Enr-WD), sich von den Kontrollen in keinem der hier untersuchten Parameter unterschieden.
Auswirkungen auf adulte hippocampale Neurogenese
Unsere vorausgehenden Studien hatten gezeigt, daß eine kürzer anhaltende Exposition von C57BL/6 Mäusen gegenüber reizreicher Umgebung (68 Tage) die Zahl der BrdU-positiven Zellen einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion als Maß der Zahl der Zellen, die während der 12-tägigen Injektionsperiode in Zellteilung waren, nicht beinflusste. Die erfahrungsabhängige Nettostimulation von adulter hippocampaler Neurogenese beruhte auf einem erhöhten Überleben der markierten Zellen, d.h. eine größere Anzahl BrdU-markierter Zellen vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion. Für eine grundsätzliche Diskussion von Daten auf BrdU-Basis siehe 2.2 [131, 173].
Im Gegensatz zu diesen Ergebnissen zeigte die gegenwärtige Studie, daß einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion in den Enr-WD signifikant mehr BrdU-positive Zellen nachgewiesen werden konnten als in Kontrollen und in Enr-LT (Abb. *3A, schraffierte Balken, und Abb. *4A-C). Enr-WD wiesen zweieinhalbfach soviele BrdU-positive Zellen in der Subgranulärschicht und in der Körnerzellschicht auf als Kontrollen. Die Zahl der BrdU-positiven Zellen in Enr-LT wich nicht signifikant von der in Kontrollen ab.
Vier Wochen später hatte die Zahl der BrdU-positiven Zellen in allen drei Gruppen abgenommen (Abb. *3A, offene Balken). Obwohl deskriptiv der Durchschnitt der überlebenden Zellen in Enr-WD und Enr-LT um rund 60% höher lag als in Kontrollen, ließ sich wegen sehr hoher Varianz innerhalb der Gruppen kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen nachweisen (ANOVA: p = 0.3660). Die Abnahme der durchschnittlichen Zahl der BrdU-positiven Zellen zwischen einem Tag und vier Wochen nach der letzten Injektion war mit 66% in Enr-WD am größten und lag bei 45% in Enr-LT und den Kontrollen.
Bei der Untersuchung der relativen Verteilung der Phänotypen unter den BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion (Abb. *3 und *4D, Tab. *5), lag der Prozentsatz der BrdU/NeuN doppeltmarkierten Zellen (“neue Neurone”) bei 58% in Enr-LT gegenüber 43% in sowohl Kontrollen als auch Enr-WD (p = 0.0650). BrdU/S100ß doppeltmarkierte Zellen (“neue Astrozyten”) machten 17% der BrdU-positiven Zellen in Kontrollen, 13% in Enr-WD und 13% in Enr-LT aus. Die Gruppe von Zellen, die weder eine Kolokalisation von BrdU mit NeuN oder S100ß (daher hier in den Abb. neither, “weder noch” benannt) ist höchstwahrscheinlich heterogen und beinhaltet Zellen, deren Phänotyp nicht bestimmt wurde oder die undifferenziert blieben. Letztere müssten zu einem nicht bekannten Anteil auch die selbstreplizierenden Vorläuferzellen beeinhalten. Es fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen den relativen Schätzungen der „Wedernoch“-Zellen in den drei Gruppen (p = 0.0970), obwohl der Unterschied der Mittelwerte zwischen Enr-LT und Enr-WD bei 16 Prozentpunkten lag und zwischen Enr-LT und [Seite 54↓]Kontrollen bei 11 Prozentpunkten, was auf einen starken Einfluß der Standardabweichung von rund 13%-Punkten in allen drei Gruppen spricht.
Die Gesamtzahl der neuen Neurone und neuen Astrozyten wurde durch die Multiplikation der Anzahl BrdU-positiver Zellen vier Wochen nach der letzten Injektion mit der Ratio für den jeweiligen Phänotyp bestimmt. Die durchschnittliche Zahl neuer Neurone war 2.5fach höher in Enr-LT im Vergleich zu Kontrolltieren, aber der Unterschied war nich statistisch signifikant (Tabelle *1). Es fand sich eine extreme Variabilität in Enr-LT. Das 95%-Konfidenzintervall reichte von knapp 200 bis 1300 neuen Neuronen. Der Varianzkoeffizient (VK% = Standardabweichung / arithmetisches Mittel x 100) war 77.2 in Enr-LT gegenüber 33.9% in Kontrollen und 42.7% in Enr-WD. Eine mögliche biologische Bedeutung dieser immensen Variabilität wird weiter unten diskutiert.
Es fand sich auch kein statistisch signifikanter Unterschied in der Gesamtzahl neuer Astrozyten oder neuer Zellen, die weder NeuN oder S100ß exprimierten (Abb. *3C, und Tabelle *5).
Die Gesamtzahl an Körnerzellen wurde durch Anwendung stereologischer Quantifizierungsprinzipien abgeschätzt (Tab. *6). Rein deskriptiv war die durchschnittliche Körnerzellzahl in Enr-LT um etwa 45 000 Zellen höher als in den anderen Gruppen (aber p = 0.9567 im Vergleich Enr-LT/Enr-WD und p = 0.0881 im Vergleich Enr-LT / Kontrolle; Tab. *5). Im Hinblick auf die neuronale Zelldichte in der Körnerzellschicht hatte Enr-LT signifikant mehr Körnerzellen pro Probenvolumen als Enr-WD (p = 0.0026), aber nicht signifikant mehr als die Kontrolltiere (p = 0.0879).
Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse unserer Untersuchung der Wirkung von Umweltreizen auf adulte hippocampale Neurogenese in einem Paradigma mit Langzeitexposition einerseits und einem Reizentzug andererseits ein sehr komplexes Muster, das vor allem von hoher interindividueller Variabilität geprägt ist. Dies steht einem offenkundigen Gegensatz zu den vorausgegangenen Experimenten, die klarere Unterschiede zwischen den für kürzere Zeit reizexponierten Tieren verschiedenen Alters oder genetischen Hintergrundes zu den jeweiligen Kontrollen gezeigt hatten.
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Tab. 5 : Statistische Auswertung der Vergleiche zwischen den Gruppen
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Kontrollen vs. Enr-WD |
Kontrollen vs. Enr-LT |
Enr-WD vs. Enr-LT |
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Körpergewicht: 2 Monate (F[2,35] = 6.099; p = 0.0053; see Fig. 2) |
0.0036 |
0.0055 |
n/s |
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Körpergewicht: 6 Monate (F[2,35] = 4.926; p = 0.0130; see Fig. 2 A) |
n/s |
0.0036 |
(0.0922) |
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Proliferation (“1 Tag”) (F[2,12] = 4.711; p = 0.0309; see Fig. 3 A) |
0.0101 |
n/s |
(0.0921) |
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Überleben (“4 Wochen”) (F[2,15] = 1.076; p = 0.3660; see Fig. 3 A) |
n/s |
n/s |
n/s |
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% Phänotypen: Neurone (F[2,15] = 3.298; p = 0.0650; see Fig. 3 B) |
n/s |
(0.0551) |
(0.0386) |
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% Phänotypen: Astrocyten (F[2,15] =0.992; p = 0.3939; see Fig. 3 B) |
n/s |
n/s |
n/s |
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% Phänotypen: “neither” (F[2,15] = 2.736; p = 0.0970; see Fig. 3 B) |
n/s |
n/s |
(0.0379) |
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Neue Neurone (F[2,15] = 1.903; p = 0.18346; see Fig. 3 C) |
n/s |
(0.0719) |
n/s |
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Neue Astrocyten (F[2,15] =0.322; p = 0.7299; see Fig. 3 C) |
n/s |
n/s |
n/s |
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“Neither” Zellen (F[2,15] = 1.430; p = 0.2700; see Fig. 3 C) |
n/s |
n/s |
n/s |
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Neuronale Dichte (F[2,20] = 5.974; p = 0.0092) |
n/s |
(0.0879) |
0.0026 |
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Absolutes Volumen der Körnerzellschicht (F[2,20] = 0.483; p = 0.6246) |
n/s |
n/s |
n/s |
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Zahl der Körnerzellen (F[2,20] = 2.521; p = 0.1069) |
n/s |
(0.0881) |
(0.0567) |
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Tab. 6 : Stereologische Ergebnisse
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Kontrollen |
Enr-WD |
Enr-LT |
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Neuronale Dichte (Zellen / Probenvol.) |
9.34 ± 0.33 |
8.58 ± 0.49 |
10.16 ± 0.17 |
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Absolutes Volumen der Körnerzellschicht (mm3) |
0.335 ± 0.007 |
0.367 ± 0.033 |
0.351 ± 0.020 |
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Absolute Anzahl der Körnerzellen |
3.47 x 105 ± 0.14 |
3.42 x 105 ± 0.19 |
3.93 x 105 ± 0.20 |
Diskussion
Interpretation der morphologischen Befunde
Stimulation durch Umweltreize mit nachfolgendem Reizentzug (Enr-WD) resultierte in einer signifikant größeren Anzahl BrdU-positiver Zellen einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion. Dieser Befund stand in scheinbarem Widerspruch zu unseren früheren Studien mit C57BL/6 Mäusen [94, 95]. In diesen Versuchen (siehe 2.3 und 2.4) war die Rate der “Proliferation”, wie sie durch die Zahl der BrdU-positiven Zellen unmittelbar nach Ende der Markierungsphase mit BrdU abgeschätzt werden kann, nicht durch die Stimulation durch Umweltreize beeinflusst worden. Der Nettoeffekt auf adulte Neurogenese in diesen Experimenten basierten auf einer überlebensfördernden Wirkung auf die Tochterzellen der proliferierenden Zellen der subgranulären Zone.
Theoretisch könnte die höhere Zahl BrdU-positiver Zellen einen direkten mitogenen Effekt auf die neuronale Vorläuferzellpopulation in der subgranulären Zone oder aber die Rekrutierung von mehr teilungsfähigen Zellen aus einem hypothetischen Reservoir an ruhenden neuralen Vorläuferzellen in der subgranulären Zone haben. In diesen Fällen wäre es jedoch sehr schwierig zu erklären, warum diese Wirkung nur nach dem Entzug der reizreichen Umgebung (Enr-WD) auftrat, nicht aber unter fortdauernder Stimulation (Enr-LT).
Interessanerweise jedoch führten 40 Tage Exposition gegenüber einer reizreichen Umgebung in 129/SvJ Mäusen (vgl. 2.5) zu einer signifikanten Steigerung der proliferativen Aktivität in der subgranulären Zone am ersten Tag nach der letzten Injektion von BrdU [91]. Wir haben diese Ergebnisse im Kontext der Resultate an C57BL/6 Mäusen als einen differentiellen Einfluß des genetischen Hintergrunds auf die umweltabhängige Regulation adulter hippocampaler Neurogenese interpretiert.
Wie unter 2.7 dargestellt, stimuliert körperliche Aktivität (Laufen) adulte hippocampale Neurogenese und hat auch eine starke Auswirkung auf die Zellproliferation im Gyrus dentatus von C57BL/6 Mäusen [178].
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Diese Resultate zeigen deutlich, daß die Regulation der Zellproliferation in Mäusen möglich ist, aber sie bieten keine Lösung für die Frage, warum solch eine Effekt hier nur nach 97 Tagen Reizentzug sichtbar wurde.
Der Gesamteindruck in der vorliegenden Studie war, daß sowohl die Langzeitstimulation als auch der Reizentzug weniger klare Effekte als eine akute Reizwirkung von 68 Tagen, unmittelbar gefolgt von der Untersuchung, hatten. Nach 6 Monaten waren Kontrollen und Enr-LT nicht so verschieden voneinander wie man bei einer linearen Extrapolation der Resultate von 3 Monate alten Mäusen (siehe 2.3) hätte vermuten können. Trotzdem waren Enr-WD und Enr-LT wohl unterschiedlich genug um schlußfolgern zu können, daß fortgeführte Stimulation zumindest den früheren akuten Trend aufrechterhält.
Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man Enr-LT mit den kurzzeitig stimulierten, 6 Monate alten Tieren der unter 2.4 dargestellten Studie (dort mit “Enr-6” bezeichnet) vergleicht [95], auch wenn ein solcher Vergleich von zwei unterschiedlichen Versuchen nur mit größter Vorsicht geschehen sollte. Der Vergleich zeigt jedoch, daß Enr-LT signifikant mehr neue Nervenzellen (p = 0.0112) als die Kontrollen der anderen Studie (dort mit “Ctr-6” bezeichnet) hatten, aber nicht signifikant von der akut stimulierten Gruppe Enr-6 verschieden war (p = 0.1988). Analoge Vergleiche zwischen den Kontrollgruppen der beiden Versuche wiesen eine Differenz der Mittelwerte von nur 24.5 Zellen bei einem p von 0.8992 (ANOVA: p = 0.0420) auf.
Hinsichtlich vieler untersuchter Parameter waren Enr-WD den Kontrollen ähnlicher als Enr-LT, was darauf hinweisen könnte, daß viele Effekte von reizreicher Lebensumgebung nicht aufrechterhalten wurden, als die Exposition nicht fortgeführt wurde. Eine bemerkenswerte Ausnahme hiervon, die weitere und genauere Untersuchungen erfordert, ist die Zahl der BrdU-positiven Zellen vier Wochen nach der letzten Injektion von BrdU.
Deskriptiv lag die Differenz zwischen Enr-WD und Enr-LT bei nur 18 Zellen (von rund 1230), aber in beiden Gruppen war der Mittelwert ungefähr 60% höher als in Kontrollen (Abb. *3). Im Gegensatz dazu legte die resultierende Nettoneurogenese in Enr-WD eine sehr viel geringere Differenz zu den Kontrollen nahe (Abb. *3C). Beide Vergleiche waren im vorliegenden Experiment jedoch nicht signifikant. Trotzdem kann daraus eine Arbeitshypothese abgeleitet werden (Abb. *5).
In den jungen C57BL/6 Mäusen führten Umweltreize für 68 Tage nicht nur zu einem Anstieg in der Zahl neuer Nervenzellen, sondern auch zu einem ähnlichen Anstieg in der Zahl der BrdU-markierten Zellen, die weder einen neuronalen noch astrozytären Phänotyp aufwiesen (Vgl. 2.3). Dieser Anteil an Zellen beinhaltet auch die undifferenzierten, selbstreplizierenden Stamm- oder Vorläuferzellen. Komplexe Umweltreize für 68 Tage hatten daher höchstwahrscheinlich auch einen überlebensfördernden Effekt auf die Vorläuferzellen selbst, auch wenn ohne spezifische Marker dieser Effekt nicht quantifizierbar ist. Wenn nach 68 Tagen, dem Ende der Reizperiode für Enr-WD, sowohl Enr-WD als auch Enr-LT mehr überlebende Vorläuferzellen in der subgranu[Seite 58↓]lären Zone hatten, könnte die Differenz zwischen Enr-WD und Enr-LT nach sechs Monaten eine fortgesetzt erhöhte Rate an Vorläuferzellproliferation in Enr-WD widerspiegeln, ohne daß es dort, wie in Enr-LT, zu einer neuronalen Differenzierung der Tochterzellen gekommen wäre (Abb. 3). Dieses größere Reservoir an sich teilenden Zellen der subgranulären Zone kann demnach sogar noch drei Monate nach Reizentzug festgestellt werden. Anders als in Enr-LT wurden in Enr-WD jedoch ohne eine Herausforderung durch Umgebungsreize weniger Tochterzellen zur Differenzierung in Neurone aus diesem größeren Reservoir rekrutiert (Abb. *3 und Abb. *5). Eine Stimulation in Jugend- und frühem Erwachsenenalter könnte daher selbst im Falle des Reizentzuges zu einem erhöhten Potential für Neurogenese führen. Weitere Experimente sind notwendig, um diese Theorie eindeutig im Hinblick auf statistische Signifikanz zu bestätigen und ein erhöhtes neurogenes Potential der erhöhten Anzahl proliferierender Zellen in Enr-WD beispielsweise bei einer Wiederaufnahme der Reizexposition zu bestätigen.
Sogenanntes neonatales Handling als ein Beispiel für eine sogar noch früher ansetzende Manipulation der unmittelbaren Umgebung hat lebenslange Auswirkungen auf das Gehirn und kann altersabhängigen Veränderungen wie z.B. Zellverlusten in den Regionen CA3 und Defizite im räumlichen Lernen entgegenwirken [118]. Der vermutete dem zugrundeliegende Mechanismus soll zumindest teilweis in einer verminderten Sekretion von Glukokorticoiden liegen [118, 121]. Glucocorticoide ihrerseits wirken inhibitorisch auf adulte hippocampale Neurogenese [62, 117]. Die kurz- und langfristigen Effekte auf adulte hippocampale Neurogenese jedoch müssen noch untersucht werden.
Obwohl die Zahlen im vorliegenden Experiment dazu tendierten eine relativ hohe Varianz aufzuweisen, ist das Ausmaß der Varianz im Falle der Neurogenese in Enr-LT besonders augenfällig. Hier bestand ein 95%-Konfidenzintervall von 200 bis 1300 neuen Nervenzellen. Die Power bezüglich des Vergleiches von Enr-LT mit den Kontrollen in diesem Experiment lag bei nur 23% für eine angenommene Mittelwertdifferenz von 400 neuen Nervenzellen (wobei der wirkliche gemessene Wert 450 war), 50% für eine Differenz von 600 und 86% für eine Differenz von 900. Auch wenn diese große Varianz in erfahrungsinduzierter Neurogenese die Power im Vergleich zur Kontrolle vermindert, könnte sie doch auch selbst ein bedeutungsvolles Ergebnis darstellen. Sowohl genetischer Hintergrund als auch Umgebungsstimuli beeinflussen die unterschiedlichen Ebenen der Regulation und damit die Nettoauswirkungen auf adulte hippocampale Neurogenese. Außerdem ist gezeigt worden, daß Stress die Proliferationsrate in der subgranulären Zone senkt [66, 69]. Die große Varianz adulter Neurogenese in Enr-LT könnte daher das Spektrum der Erfahrungen und unterschiedlichen Reaktionen individueller Mäuse auf die Langzeitexposition reizreicher Umgebung darstellen. Man könnte sagen, daß während der 6 Monate komplexer Stimulation durch die Umgebung die fortgesetzte Reaktion auf diese Herausforderung die dem homogenen genetischen Hintergrund zuschreibbare Regulation überspielt hat und subtile individuelle Differenzen enthüllt hat.
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Funktionelle Kontexte, in denen die erfahrungsabhängige Regulation adulter hippocampaler Neurogenese auftritt
[…] Die Auseinandersetzung mit der komplexen Umgebung führt zu einer messbaren Wirkung in nahezu allen Organen. Die hier berichteten Unterschiede im Körpergewicht (Abb. *2A) deuten darauf hin, daß das Leben in reizreicher Umgebung ähnliche Wirkungen auf Enr-WD und Enr-LT hatte. Nach 68 Tagen in der reizreichen Umgebung unterschieden sich Enr-WD und Enr-LT nicht bezüglich ihres Körpergewichtes; am Ende des Experimentes, drei Monate nach Reizentzug, hatten sich Enr-WD wieder dem Niveau der Kontrolltiere angenähert. Daß Tiere in reizreicher Umgebung ein niedrigeres Körpergewicht haben, wurde bereits früher berichtet [38, 108].
Mehrere andere Verhaltensdaten zeigten ebenfalls Unterschiede zwischen Enr-LT und den anderen beiden Gruppen, was auf messbare allgemeinere Effekte der Langzeitstimulation schließen läßt. Enr-LT habituierten nicht nur schneller an eine neue Umgebung in der Aktivitätsmesskammer, sie zeigten auch bessere Leistung auf dem Rotarod und waren die einzige Gruppe, die einen signifikanten prozeduralen Lerneffekt auf dem rotierenden Rundstab zeigte. Es gibt keinen älteren Bericht über erfahrungsinduzierte Rotarodleistungen, obwohl ein ähnlicher Effekt für Ratten, die einen rotierenden Stab längs traversieren mussten, beschrieben worden ist [86].
Im Wasserlabyrinth jedoch konnte in der vorliegenden Studie kein Unterschied im räumlichen Lernen festgestellt werden. In den früheren Versuchen hatten wir einen geringen, aber signifikanten Unterschied in der Leistung im Wasserlabyrinth zwischen Kontrollen und den Tieren in der reizreichen Umgebung festgestellt [91, 94, 95], was in Übereinstimmung mit älteren Berichten war [133, 179]. Die Wirkung von reizreicher Umgebung auf Lernleistungen war in 129/SvJ sogar klarer und mit signifikanten Unterschieden in der Probe, was auf eine spezifischere Verbesserung im räumlichen Lernen hinweisen könnte [91]. In 6 Monate alten C57BL/6 Mäusen führte die reizreiche Umgebung zu signifikanten Unterschieden sowohl in Bezug auf die Zeit zum Erreichen der Plattform als auch in der Schwimmgeschwindigkeit [95]. In der vorliegenden Studie fanden sich signifikante Ergebnisse nur bezüglich der Schwimmgeschwindigkeit. Im Lichte der Befunde am Rotarod und in der Aktivitätsmesskammer, könnte die erhöhte Schwimmgeschwindigkeit mit größerer Wahrscheinlichkeit körperliches Training lediglich als reine Hyperaktivität darstellen.
[…] Interessanterweise basiert bereits eine der älteren Theorien, die vorgeschlagen wurden, um die Wirkung der individuellen Erfahrung auf Hirnparameter zu erklären, auf Lernen und Gedächtnisvorgängen als Mediatoren [73, 151].
Aus alledem kann man die Hypothese ableiten, daß die funktionelle Relevanz adulter hippocampaler Neurogenese in einer relativ akuten Reaktion auf eine herausfordernde Umgebung, die Lernen erfordert, besteht. Neuartigkeit des Stimulus könnte dann der Auslöser für die neurogene Antwort sein, nicht [Seite 60↓]die Komplexität der Umgebung per se. Deshalb könnten Wechsel in der Umgebung eher als die Fortführung eines erhöhten Niveaus externer Stimuli für die erfahrungsinduzierte Hochregulation adulter hippocampaler Neurogenese.
Das vorliegende Experiment war nicht dahingehend ausgelegt, um abschließende Schlußfolgerungen über “Neuartigkeit” zu erlauben, da sich auch während der 68 Tage der Stimulationsphase jeder neuartige Stimulus abnutzt. Wie unter 2.7 diskutiert werden wird, fanden wir, daß auch eine nur insgesamt 43-tägigen Exposition gegenüber reizreicher Umgebung ausreichte, die beschriebenen Effekte hervorzurufen [178]. Gould et al. haben gezeigt, daß bereits kurze Lernstimuli zu einer Steigerung in adulter hippocampaler Neurogenese führen, was nahelegt, daß bereits sehr kurze Stimulation ausreicht, um zu einer neurogenen Antwort zu führen [64].
Diese auf Neuartigkeit des Reizes basierende Theorie wirft die Frage auf, welche Faktoren einer reizreichen Umgebung es sind, die diese Neuartigkeit oder generell die entscheidenden Variablen ausmachen. In der klassischen Form des Enriched Environment erlauben die Komplexität der Stimulation und ihre potentiellen Variabilität nicht zu diskriminieren, welchen Beitrag zur Gesamtwirkung einzelne Faktoren, die zusammen die Komplexität ausmachen, leisten. Dementsprechend ist es auch nicht möglich, in diesen Experimenten festzustellen, ob ein einzelner Reiztypus ausreichend gewesen wäre, die beobachteten Wirkungen auszulösen. In großem Maße bleiben die unabhängigen Variablen in Experimenten mit reizreicher Umgebung eine black box. Dennoch wurde in einer Vielzahl von Experimenten versucht, den Beitrag einzelner Variablen zum Gesamteffekt zu eruieren. Dazu gehörten beispielsweise soziale Interaktion und körperliche Aktivität [59, 121, 153]. Stress könnte eine weitere wichtige Variable sein, aber zur Zeit ist nicht bekannt, inwieweit eine reizreiche Umgebung Tiere stresste, und wenn dies der Fall wäre, wo “guter Stress” aufhörte und schädigender Stress begänne. Wie im folgenden besprochen (2.7), haben wir zeigen können, daß körperliche Aktivität allein ausreichend ist, um adulte hippocampale Neurogenese zu stimulieren [178], aber dies besagt nicht, daß nicht andere Faktoren zu den hier beobachteten Wirkungen mit beitragen.
Versuche, einzelne Faktoren der reizreichen Umgebung zu isolieren, könnten auch zu einer zu engen Fokussierung führen, denn die Antwort des Tieres umfaßt Veränderungen in verschiedenen Organsystemen, von denen viele, insbesondere im endokrinen System und im Nervensystem, weitreichende Auswirkungen auf andere System haben können. Im Falle der erfahrungsabhängigen Regulation adulter hippocampaler Neurogenese könnte eine sehr komplexe systemische Antwort, die endokrine und metabolische, aber auch kognitive und emotionale Faktoren umfassen würde, zu den Änderungen im Mikromilieu der subgranulären Zone führen, die die neuronalen Stamm- und Vorläuferzellen stimulierten und zu adulter Neurogenese führten. Auch wenn bekannt ist, daß beispielsweise Nerve growth factor (NGF) und seine Rezeptoren [122] sowie auch Kortikoid- [121] und Neurotransmitterrezeptoren [145] im Hippocampus von Tieren in reizreicher Umgebung reguliert werden, bleibt es doch gegenwärtig noch schwierig, im Ganzen zu verstehen, wie der [Seite 61↓]Weg der Signaltransduktion von einem identifizierten Reiz zu einem neurogenen Signal an einer Vorläuferzellen in der subgranulären Zone führt. Die hier vorgestellten Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, die erfahrungsabhängige Regulation adulter hippocampale Neurogenese über die Lebenszeit des Versuchstieres hinweg zu untersuchen, da frühe Erfahrung späte neurogene Antworten durch Veränderung der Ausgangslage beeinflussen könnte.
Es erscheint auch möglich und in Übereinstimmung mit den Ergebnissen von Enr-LT, daß eine fortgesetzte Stimulation mit einer sich steigernden Komplexität der Umwelt adulte Neurogenese bis zu einer Grenze stimulieren könnte, und die erfahrungsabhängige Regulation demnach erschöpfbar sein könnte. Bedenkt man in diesem Zusammenhang, daß die reizreichen Bedingungen unserer Versuche im Vergleich zur Wildnis deprivierte Verhältnisse darstellen [40], könnten die beobachteten Auswirkungen unter Laborbedingungen robuster ausfallen als unter Wildbedingungen. Auch wenn diese Überlegung die generelle funktionelle Einordnung adulter hippocampaler Neurogenese beeinflusst, so wird doch das Prinzip, daß Erfahrung auf neuronale Vorläuferzellen im erwachsenen Gehirn wirken kann und dies möglicherweise mit langanhaltendem Effekt, dadurch nicht geschmälert.
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Van Praag H, Kempermann G, Gage FH. Running increases cell proliferation and neurogenesis in the adult mouse dentate gyrus. Nature Neuroscience 2 (1999) 266-270
Zusammenfassung: Die Exposition gegenüber einer reizreichen Umgebung erhöht Neurogenese im Gyrus dentatus von erwachsenen Nagetieren, aber eine reizreiche Umgebung besteht typischerweise aus sehr vielen verschiedenen Komponenten. Darunter sind z.B. erweiterte Möglichkeiten zu lernen, verstärkten soziale Interaktion, mehr körperliche Aktivität und mehr Platz. Wir haben in diesem Experiment versucht, einzelne Komponenten separat zu untersuchen, indem wir erwachsene Mäuse verschiedenen experimentellen Bedingungen unterwarfen: Lernen im Wasserlabyrinth (Lerner), Schwimmen für die Zeit, die die Lerner schwammen, aber ohne Gelegenheit, zu lernen (Schwimmer), freiwilliges Laufen im Laufrad (Läufer), reizreiche Umgebung (Reizreich) und Kontrolltiere in Standardkäfigen (Kontrollen). Weder Training im Wasserlabyrinth noch erzwungenes Schwimmen hatte einen Effekt auf die Zahl BrdU-positiver Zellen. Laufen jedoch verdoppelte die Zahl der überlebenden neugeborenen Zellen in einem Ausmaß, das etwa dem reizreicher Umgebung entsprach. Diese Ergebnisse zeigen, daß freiwillige körperliche Aktivität ausreicht, um eine Steigerung der Neurogenese im Gyrus dentatus der erwachsenen Maus auszulösen.
[…] Es ist nicht bekannt, welche Faktoren, die gemeinsam eine reizreiche Umgebung ausmachen, kritisch für den beobachteten Effekt auf adulte hippocampale Neurogenese sind. In diesem Experiment haben wir Komponenten von reizreicher Umgebung separat untersucht und ihre Wirkung auf die Zellproliferation und die Neurogenese im erwachsenen Hippocampus betrachtet.
Die gesteigerte Neurogenese im Hippocampus reizreich lebender Tiere ist mit Verbesserungen in Tests des räumlichen Lernens assoziiert [91, 94, 95]. Umgekehrt könnte Lernen selbst ein spezifischer Stimulus für Neurogenese sein. Training im Labyrinth und Leben in reizreicher Umgebung könnten zu gleichartigen neurochemischen Veränderungen führen [11]. Darüberhinaus korreliert in Vögeln, die Futterverstecke anlegen, diese Erfahrung mit Veränderungen in der Größe des Hippocampus und mit Neurogenese [6, 7, 141]. Eine wichtige interagierende Variable in Versuchen, den unmittelbaren Effekt von Lernen auf adulte hippocampale Neurogenese abzuschätzen, ist körperliche Aktivität, die Zellproliferation, Überleben oder Differenzierung beeinflussen könnte. In der Tat erleichtert Bewegung die Erholung von neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall [85] und verbessert die kognitive Leistungsfähigkeit [16, 53]. Außerdem geht körperliche Aktivität mit erhöhten Spiegeln von Neurotrophinen und deren Genexpression einher [129]. Insbesondere wird der Spiegel von basischem Fibroblastenwachstumsfaktor (bFGF), der für Überleben und Differenzierung von Vorläuferzellen in vitro [146] und in vivo [101, 174] notwendig ist, sowohl durch körperliche Aktivität als auch durch räumliches Lernen erhöht [59, 61]. Wir planten unsere Studie, um die Beiträge [Seite 63↓]der Variablen Lernen und körperliche Aktivität auf die Produktion neuer Körnerzellen zu untersuchen. Daher teilten wir die Mäuse in Gruppen ein, die in reizreicher Umgebung lebten, im Wasserlabyrinth mit verborgener Plattform trainierten, erzwungenerweise schwimmen mußten (unfreiwillige körperliche Aktivität), ein Laufrad benutzen durften (freiwillige körperliche Aktivität) oder in Kontrollbedingungen lebten.
Wir zeigen hier, daß weder Training im Wasserlabyrinth noch unfreiwillige körperliche Aktivität einen Effekt auf Zellproliferation oder Neurogenese hatten. Exposition gegenüber einer reizreichen Umgebung erhöhte die Zahl der überlebenden neugeborenen Zellen, aber beeinflusste, wie in den Vorgängerstudien (siehe 2.3 und 2.4) nicht die Proliferation der Vorläuferzellen in C57BL/6 Mäusen. Freiwillige körperliche Aktivität in einem Käfiglaufrad jedoch erhöhte die Zellproliferation, das Überleben und die Nettoneurogenese im Hippocampus. Dieser Befund legt nahe, daß körperliche Aktivität ausreichend ist, um verschieden Aspekte der Regulation adulter hippocampaler Neurogenese zu steigern.
Ergebnisse
Proliferation und Überleben BrdU-markierter Zellen im Gyrus dentatus
Die Teilungsaktivität der Stamm- oder Vorläuferzellen im Gyrus dentatus wurde mit BrdU-Markierung der sich teilenden Zellen über 12 Tage und immunhistochemischer Untersuchung einen Tag nach der letzten Injektion untersucht. Es fand sich ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen (p < 0.01). Spezifischere Vergleiche zeigten, daß die Läufer mehr Zellproliferation aufwiesen als irgendeine der anderen Gruppen (p < 0.02; Abb. *1A).
Überleben der Tochterzellen der sich teilenden Vorläuferzellen wurde durch Anfärben BrdU-positiver Zellen vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion abgeschätzt. In Kontrollen und Lernern überlebten 42% der sich teilenden Zellen, in Schwimmern 46% und in den Läufern 56%. In den reizreich lebenden Tieren überlebten mit 85% signifikant mehr neue Zellen als in den anderen Gruppen (p < 0.01). Außerdem fanden wir eine hochsignifikante Differenz in der Anzahl der überlebenden Zellen zwischen den Gruppen (p < 0.0009). Die Gesamtzahl überlebender Zellen war signifikant höher in Läufern (p < 0.002) und reizreich lebenden Tieren (p < 0.02) als in Kontrollen, Lernern und Schwimmern. Läufer hatten 201% und reizreich Lebende 175% der Kontrollwerte an markierten Zellen pro Gyrus dentatus (Abb. *1B). Das Volumen des Gyrus dentatus unterschied sich nicht zwischen den Gruppen (p > 0.39; Tabelle *7).
Die phänotypische Differenzierung der überlebenden BrdU-positiven Zellen wurde wie immer vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion mittels Immunfluoreszenz und Dreifachmarkierungen von BrdU, NeuN und S100ß analysiert. Läufer und reizreich Lebende unterschieden sich sowohl im Hinblick auf den Prozentsatz BrdU/NeuN doppeltmarkierter Zellen (p < 0.001) als auch denjenigen der Zellen, die weder Kolokalisation von BrdU mit NeuN [Seite 64↓]oder S100ß zeigten (“other” in Tab. *7; p < 0.0015) signifikant von den Kontrollen und den Schwimmern. Es fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen im Hinblick auf den Prozentsatz neugeborener Zellen, die in Glia differenzierten (p > 0.08, Abb. *2, und Tab. *7).
Tab. 7 : Proliferation, Überleben und Phänotypen BrdU-positiver Zellen
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Kontrollen |
Lerner |
Schwimmer |
Läufer |
Reizreich |
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Proliferation, 1 Tag |
4393 ± 607 |
3637 ± 498 |
3755 ± 422 |
6773 ± 971*** |
3867 ± 617 |
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Überleben, 4 Wochen |
1880 ± 251 |
1528 ± 120 |
1711 ± 352 |
3791 ± 715** |
3282 ± 265** |
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Überleben (%), 4 Wochen |
43 ± 5.7 |
42 ± 12.8 |
46 ± 6 |
56 ± 10.6 |
85 ± 6.8*** |
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Phänotypen: | |||||
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Neurone (%) |
76.8 ± 3.2 |
82.5 ± 2.6 |
73.8 ± 3.6 |
88.3 ± 1* |
88.8 ± 2.7* |
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Astrozyten (%) |
7 ± 3.2 |
3.8 ± 2.7 |
6.3 ± 0.8 |
3.3 ± 0.6 |
3 ± 1.1 |
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Andere (%) |
16.3 ± 1.7 |
13.8 ± 2.1 |
20 ± 3 |
9 ± 1.3 |
8.3 ± 2* |
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Volumen (mm3) |
0.43 ± 0.02 |
0.37 ± 0.03 |
0.34 ± 0.03 |
0.42 ± 0.02 |
0.34 ± 0.03 |
Training im Wasserlabyrinth
Die Lerner trainierten im Wasserlabyrinth nach Morris, die Fluchtplattform zu finden [124]. Wir benutzten Blocks von je zwei Versuchen pro Tier und Tag, damit das Training über die vierwöchige Trainingsphase hinweg eine Herausforderung darstellte. Zunächst wurden 14 Mäuse für 12 Tage trainiert. Während dieser Zeit reduzierte sich die Zeit, die sie benötigten, um die Plattform zu finden, signifikant (p < 0.0001). Am Tag 13 wurden 6 dieser Tiere perfundiert, um die Zellproliferation zu untersuchen. Die verbleibenden acht Mäuse trainierten für weitere 11 Tage und zeigten eine signifikante Reduktion in der Zeit, die sie benötigten, um die Plattform zu finden (p < 0.0001). Danach wurde die Position der Plattform für sieben Tage verändert (“reversal”) . Wiederum verminderte sich die Zeit zum Erreichen der Plattform signifikant (p < 0.0001; Abb. *3). Die Schwimmdauer der Schwimmer entsprach der durchschnittlichen Schwimmzeit der Lerner an jedem einzelnen Tag. Unsere morphologischen Ergebnisse zeigen jedoch, daß weder die Zellproliferation (am Tag 13, einen Tag nach der letzten BrdU-Injektion) noch das Überleben der neuen Zellen (am Tag 43, vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion) in der Lerner- und der Schwimmergruppe beeinflusst war. Diese Ergebnisse legen nahe, daß weder extensives Training dieser Aufgabe zum räumlichen Lernen noch die begrenzte, erzwungene körperliche Aktivität die Zellproliferation oder das Überleben BrdU-positiver Zellen im Gyrus dentatus beeinflussen konnten.
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Diskussion
Diese Studie wurde geplant, um festzustellen, ob körperliche Aktivität in freiwilliger oder unfreiwilliger Form oder in Verbindung mit einer Lernaufgabe in der Steigerung adulter hippocampaler Neurogenese, wie sie in reizreicher Umgebung beobachtbar ist, involviert ist. Die Ergebnisse zeigen, daß die Zellproliferation nur in den Mäusen gesteigert war, die ungehinderten Zugang zu einem Laufrad hatten (Läufer). Darüberhinaus verdoppelten sowohl reizreiches Leben als auch freiwillige körperliche Aktivität die Gesamtzahl der überlebenden neugeborenen Zellen im Gyrus dentatus. Außerdem wiesen sowohl in den Läufern als auch in den reizreich Lebenden relativ mehr Zellen einen neuronalen Phänotyp auf. Im Gegensatz dazu zeigten Mäuse, die im Wasserlabyrinth trainierten, und die Schwimmer, die eine den Lernern entsprechende Zeit schwimmen mussten, keine Veränderung in der Zahl BrdU-positiver Zellen, was nahelegt, daß diese Art von Lernen bzw. diese Art von Aktivität allein keine adäquaten Stimuli für adulte hippocampale Neurogenese sind. Unsere Ergebnisse erlaubten uns auch, verschiedene andere Faktoren, die neugeborene hippocampale Zellen beeinflussen könnten, auszuschließen. Weder reizreich Lebende noch die Läufer erhielten irgendwelche essbaren Belohnungen wie Äpfel oder Käse, wie wir sie in früheren Studien als Teil des Reizreichtums gegeben hatten [94], so daß Ernährung als mögliche Konfliktvariable ausgeschlossen werden kann. Die Läufer wurden zu dritt oder viert pro Käfig gehalten, woraus geschlossen werden kann, daß die soziale Interaktion mit einer großen Gruppe nicht notwendig für eine neurogene Antwort ist. Es ist jedoch möglich, daß der soziale Faktor in der relativ höheren Überlebensrate BrdU-positiver Zellen in den reizreich Lebenden gegenüber den Läufern eine Rolle spielt. Schließlich gaben wir in diesem Experiment im Gegensatz zu den früheren Versuchen, in denen die BrdU-Gaben stets nach einem Monat begonnen hatten (s.o.) hier BrdU vom ersten Versuchstag an, was dafür spricht, daß die Auswirkungen auf die Neurogenese relativ rasch zustandekommen.
Reizreiches Leben und Laufradtraining führten zu ungefähr der gleichen Anzahl an überlebenden BrdU-positiven Zellen. Zusätzlichen wurden unter beiden Bedingungen relativ mehr Zellen zu Neuronen als in den Kontrolltieren. Hinzu kam, daß der Prozentsatz der Zellen, die weder Marker für einen glialen noch für einen neuronalen Phänotyp aufwiesen, sank. Es ist möglich, daß die in diesem Anteil wahrscheinlich enthaltenen Vorläuferzellen von einem Reservoir multipotenter hippocampaler Stammzellen herrühren [136], deren Schicksal durch reizreiche Umgebung oder körperliche Aktivität in ähnlicher Weise beeinflusst werden könnte. Neurochemische Marker wie Acetylcholin [140] und trophische Faktoren wie Nerve growth factor (NGF) und Brain derived neurotrophic factor (BDNF) werden durch reizreiche Umgebung und körperliche Übung beeinflusst [51, 130]. In der reizreichen Umgebung sind diese Faktoren jedoch nur nach vorheriger Exposition eines Lerntests erhöht [51, 140], was allerdings auf unterschiedliche Mechanismen hinweisen könnte. Außerdem hatte reizreiches Leben keinen Einfluß auf Zellproliferation in C57BL/6 Mäusen (2.3 und 2.4), während Laufen die Zahl der BrdU-positiven Zellen einen [Seite 66↓]Tag nach der letzten BrdU-Injektion stark erhöhte. Interessanterweise erhöhte eine reizreiche Lebensumgebung die Zahl BrdU-positiver Zellen in 129/SvJ Mäusen, was eine unterschiedliche genetische Basis für die Zellproliferation und ihrer Regulation nahelegt (2.5). Die gegenwärtige Studie zeigt, daß innerhalb eines gegebenen genetischen Hintergrundes, Zellproliferation und –überleben durch unterschiedliche Manipulation des Verhaltens beeinflußt werden können. So könnte die sehr fokussierte Aktivität des Laufens den Zellzyklus verkürzt haben (Vgl. [131]) oder alternativ bewirkt haben, daß zusätzliche, bislang ruhende Zellen in den Zellzyklus eintreten. Darüberhinaus aber hatten Läufer und reizreich lebende Tiere vier Wochen nach der letzten BrdU-Injektion vergleichbare Zahlen an BrdU-positiven Zellen. Relativ ausgedrückt war die Überlebensrate der neugeborenen Zellen in den Läufern niedriger (56%) als in den reizreich lebenden (85%), was für unterschiedliche Langzeitwirkung der beiden Bedingungen sprechen könnte.
Bewegung korreliert stark mit hippocampalem Thetarhythmus [42]. Mäuse nutzen normalerweise ihr Laufrad heftig und kommen auf rund 20 000 bis 40 000 Umdrehungen pro Tag [176]. Fortgesetzte bewegungsinduzierte synchrone EEG-Aktivität könnte neurochemische Parameter beeinflussen. Veränderungen in der Neurotransmitterfunktion ihrerseits könnten subtile aber wichtige Veränderungen im Thetarhythmus auslösen. Beispielsweise kann serotonerge Übertragung Thetarhythmus verstärken [170], Long-term potentiation (LTP) und Gedächtnisleistungen verbessern und auch die Produktion neuer Nervenzellen beeinflussen [20, 21]. Im Gegensatz dazu könnte die Dauer der erzwungenen körperlichen Aktivität in der Gruppe der Schwimmer (zwischen 12 und 40 Sekunden pro Tag) zu kurz für langanhaltende Effekte gewesen sein. Alternativ könnten diese Aufgaben Stress hervorgerufen haben, der die möglichen positiven Wirkungen auf das Überleben BrdU-positiver Zellen ausgeglichen hat.
Labyrinthtraining kann ähnliche neurochemische Veränderungen bewirken wie eine reizreiche Umgebung [11]. In unserem Experiment wurden die basalen Raten an Zellproliferation und Neurogenese durch einen Monat Training im Wasserlabyrinth nicht beeinflusst. Es ist möglich, daß zwei Versuche pro Tag die Tiere nicht genügend herausforderten, um eine Wirkung zu sehen. Kurzzeitiges massives Training, das eine transiente Steigerung in hippocampaler mRNA für bFGF induziert [60], könnte daher effektiver sein. In der Tat zeigt eine andere Studie (die parallel mit dieser veröffentlicht wurde), daß Training im Morris Wasserlabyrinth die Zahl der überlebenden BrdU-positiven Zellen steigerte [64]. Es ist jedoch interessant, daß einige Manipulationen, die eine Wirkung auf adulte Neurogenese zeigen, nicht notwendigerweise mit Lernen vereinbar sind. Die Blockierung von NMDA-Rezeptoren zum Beispiel, die normalerweise für Lernen notwendig sind [123], stimuliert adulte hippocampale Neurogenese [26]. Auch die Entfernung der Nebennieren beeinträchtigt Gedächtnisleistungen [34], aber ruft eine gesteigerte Zellproliferation im Gyrus dentatus hervor. Daher könnte die Hochregulation adulter hippocampaler [Seite 67↓]Neurogenese ein relativ generelles Phänomen sein, während spezifischere Lernaufgaben mehr auf die existierenden Zellen wirken.
Zusammenfassend zeigen unsere Ergebnisse, daß freiwillige körperliche Aktivität in gesteigerter Zellproliferation, erhöhtem Überleben der Tochterzellen und einer vermehrten neuronalen Differenzierung im Hippocampus erwachsener Mäuse führt.
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