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Wir haben gesehen, daß im erwachsenen Gyrus dentatus in einem mehrstufigen und differentiell regulierten Prozess aus neuronalen Vorläuferzellen und in Abhängigkeit von funktionellen Zuständen neue Neurone gebildet werden.
Dieses Bild steht im klaren Gegensatz zur Lehrbuchmeinung, wie sie noch vor wenigen Jahren gängig war. Ramon y Cajal‘s Pessimismus, im erwachsenen Gehirn könne nichts regenerieren, hat sich, auch wenn er selbst später eine qualifizierende Einschränkung gemacht hat, die Neurobiologie dergestalt geprägt, daß man zuletzt von einem „Dogma“ sprechen musste. Dieser Ausdruck hat sich wohl auch deshalb durchgesetzt, weil auch zu Zeiten, als noch nichts von adulter Neurogenese und erst recht nichts von ihren möglichen funktionellen Einbindungen bekannt war, die vorhandenen Begründungen, warum diese kategorische Unmöglichkeit bestehen sollte, immer als unbefriedigend angesehen wurden. Denn das Gehirn zeigte, abgesehen von der Ebene der Neuronenzahl selbst, durchaus Regenerationsleistungen vor allem in Bezug auf Neuriten und Synapsen, und die Konzepte von neuronaler Plastizität waren bereits so umfangreich, daß der Nachweis von adulter Neurogenese und ihrer Regulation (vgl. auch noch einmal Tab. 1), als er endlich überzeugend gelang, eine lange gespürte Lücke in diesem Konzept schloß. Nicht anders ist zu verstehen, warum Pasko Rakic, einer der Väter der modernen Vorstellungen corticaler Entwicklung und Plastizität, 1985 glaubte, ausführlich Gründe dafür zusammentragen und diskutieren zu müssen, warum adulte Neurogenese, im Gyrus dentatus von Nagetieren damals bereits überzeugend beschrieben, bei Primaten nicht vorkommen könne [144].
Das Kernargument der damaligen Argumentation war, daß es die Komplexität des Gehirns bei Primaten, die natürlich in der Tat erheblich über die bei Nagetieren hinausgeht, aus Stabilitätsgründen nicht zulassen könne, neue Nervenzellen zu integrieren. Das stand schon damals in gewissem Widerspruch zu der weitreichenden Plastizität, die sich im Cortex von Affen nachweisen ließ und „Stabilität“ nicht als vorrangigste Eigenschaft corticaler Neuronennetzwerke erkennen ließ. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Umformung und Verlagerung der Repräsentationsareale der Finger, wenn man Affen einen Finger amputierte [119]. Aus Läsionsstudien wußte man darüberhinaus bereits, daß die Funktionen geschädigter Cortexareale in erstaunlichem Maße von benachbarten Regionen übernommen werden können. Das Argument, der Verlust adulter hippocampaler Neurogenese sei ein evolutionärer Fortschritt, entsprang daher einem dogmatischen Gedankengang „daß nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Als mit der BrdU-Methode die Ausbeute an untersuchbaren Zellen in Experimenten zur adulten Neurogenese erhöht werden konnte, war es auch [Seite 69↓]Rakic, der sich selbst widerlegend adulte Neurogenese im Affen beschrieb [99]. Es zeigt sich an diesem Schritt exemplarisch, welch fundamentaler Wandel sich in den Neurowissenschaften in den letzten Jahren vollzogen hat. Dies ist auch der Kontext, in dem die hier diskutierten Ergebnisse stehen: Das „Zugeständnis“, auch das adulte Gehirn könne Vorgänge von Plastizität zeigen, ist der grundlegenden Vorstellung gewichen, daß das erwachsene Gehirn plastisch sei.
Das Konzept der Persistenz multipotenter gewebespezifischer Stammzellen auch im erwachsenen Gehirn geht darüberhinaus aber noch einen Schritt weiter, indem es nahelegt, daß die Entwicklung des Gehirns in gewisser Weise niemals aufhöre. Wir sind heute an dem Punkt, uns nicht mehr über adulte Neurogenese zu wundern, sondern darüber, daß das Gehirn von dem darin innewohnenden Potential zur Neuroregeneration außerhalb der beiden bekannten neurogenen Regionen wohl gar nicht und selbst innerhalb nur begrenzt Gebrauch macht.
Während es ein Hauptthema der Forschung der kommenden Jahre sein wird, diesen Widerspruch aufzuklären, gilt es andererseits, zelluläre neuronale Plastizität noch weit genauer zu verstehen und insbesondere herauszufinden, welch eine Beziehung zwischen zellulärer Plastizität und der Plastizität beispielsweise auf Ebene der Synapsen und Neuriten besteht. Die umfangreiche Literatur zur Wirkung von reizreicher Umgebung auf das Gehirn und insbesondere den Hippocampus [88] läßt ahnen, wie vielfältig diese Interaktion sein könnte.
Man kann adulte hippocampale Neurogenese somit als besonders gut zugängliches und steuerbares Modellsystem für die Kontrolle neuronaler Stammzellen in vivo betrachten. Die Regulation adulter Neurogenese und die Parameter neurogener Permissivität sind deshalb auch im Zusammenhang von Transplantationsansätzen zur Behandlung neuronaler Erkrankungen von Relevanz. Sei es bei der Implantation von unreifem Hirngewebe, von Stammzellen oder aber von genetisch modifizierten Zellen, die neurotrophe Faktoren freisetzen sollen, immer ist eine möglichst physiologische Interaktion mit dem Wirtsgewebe erwünscht. Die Parameter dafür aber sind nichts anderes als die eines Konzeptes neurogener Permissivität. Grundsätzlich erhebt sich damit die Frage, ob man bei Kenntnis dieser Permissivität überhaupt noch wird transplantieren müssen, oder ob man sich ganz auf das den ruhenden Stammzellen des erwachsenen Gehirns innewohnende Potential beschränken kann und neuronalen Zellersatz in situ zu induzieren. Unabhängig davon, ob dies möglich sein wird, und unabhängig von den Details des therapeutischen Konzeptes, innerhalb dessen man sie sich zu Nutzen machen will. zeigen die Ergebnisse zur aktivitätsabhängigen Regulation adulter Neurogenese aber, wie vielschichtig und komplex neurogene Permissivität ist. Entsprechend werden auch darauf basierende neuartige Therapieformen nicht einfach zu verwirklichen sein.
Dies gilt auch in einem anderen Zusammenhang, in dem Vorstellungen von neuronaler Plastizität und vor allem der Multipotenz neuronaler Stammzellen kürzlich eine ganz unerwartete Ausweitung erfahren haben. Transplantationen innerhalb des Gehirns hatten gezeigt, wie oben dargestellt, daß Zellen [Seite 70↓]entsprechend des Implantationsortes differenzierten. Sie hatten indirekt damit auch gezeigt, wie ähnlich wenn nicht gleich das Potential dieser Zellen ist. Bjornson et al. gingen 1999 noch weit hierüber hinaus, in dem sie nachwiesen, daß aus dem Gehirn gewonnene Stammzellen in der Lage sind, wie in einer Knochenmarkstransplantation das blutbildende System einer letal bestrahlten Maus komplett zu rekonstituieren [14]. Clarke et al. dehnten den Begriff der Multipotentialität, der konventionell den „gewebespezifischen“ Stammzellen zugebilligt wurde, noch weiter, indem es ihnen gelang, adulte neuronale Stammzellen so „umzuprogrammieren“, daß sie sich wie embryonale Stammzellen verhielten und in diversen Organen des sich aus der Blastozyste, in den diese Zellen implantiert wurden, entwickelnden Organismus aufzufinden waren — interessanterweise nicht jedoch im blutbildenden System [32]. Zwei Arbeitsgruppen gelang es schließlich zeitgleich, das Rennen um die erste Demonstration eines neurogenen Potentials von Stammzellen des blutbildenden Systems für sich zu entscheiden [19, 120]. Nach Knochenmarkstransplantation konnten markierte Transplantatzellen mit neuronalem Phänotyp unter anderem im Bulbus olfactorius und im Vorderhirn nachgewiesen werden. Ebenfalls unerwartet war der Befund der Arbeitsgruppe um Martin Raff, der besagt, daß auch gliale Vorläuferzellen, die gewissermaßen nur noch bipotent sind und Astrocyten oder Oligodendrocyten hervorbringen können, in multipotente Stammzellen überführt werden können [96].
Gegen all diese Ergebnisse, die die prinzipielle Möglichkeit der Trans- oder Redifferenzierung nahelegen, lassen sich noch diverse methodische oder andere Einwände vorbringen. Insbesondere sind die geführten Beweise der Klonalität der untersuchten Stammzellen nicht überzeugend. Im Falle der Arbeit von Raff [96] kann man deshalb argumentieren, daß es sich letztlich lediglich um eine andere Interpretation der Befunde wie sie schon Palmer ein Jahr zuvor erhoben hatte handeln könnte [134]. Die kommenden Jahre werden zeigen, inwieweit Trans- und Redifferenzierung wirklich möglich ist. Trotzdem sollten diese Ergebnisse schon jetzt nicht unterschätzt werden; zusammengenommen sprechen Sie durchaus auch jetzt schon für einen notwendigen, sehr fundamentalen Wandel der Konzepte.
Für die Stammzellbiologie ganz allgemein und für die Zuschreibung von „Multipotenz“ bei eben nicht mehr ohne weiteres als „gewebespezifisch“ anzusehenden Stammzellen haben diese Ergebnisse weitreichende Konsequenzen. Biologische und auch ethische Konzepte müssen überdacht werden. Aber auch die Frage, was neurogene Permissivität sei und wie sie physiologischerweise reguliert sei, erhält hierdurch ein verändertes Gewicht.
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Adulte hippocampale Neurogenese als Modellfall von neuronaler Plastizität aufzufassen, darf nicht davon ablenken, daß es sich primär offensichtlich um einen Bestandteil hippocampaler Funktion handelt. In den Diskussionen unter 2.3 bis 2.7 ist dieser Aspekt bereits besprochen worden. Van Praag et al. zeigten in einer auf die unter 2.7 dargestellten Arbeit folgenden Studie, daß die durch freiwillige Laufradaktivität gesteigerte Neurogenese auch mit verbesserten Lernleistungen im Morris Wasserlabyrinth und mit gesteigerter LTP im Gyrus dentatus (siehe auch 1.3) einhergeht [177].
William T. Greenough hat die Diskrepanz unserer Ergebnisse zu den zeitgleich von Gould et al. [64] publizierten Resultaten diskutiert [74]. Er sieht die Erklärung primär in den unterschiedlichen Versuchsprotokollen, die zur Anwendung kamen, vor allem dem unterschiedlichen zeitlichen Verhältnis von BrdU-Injektion und Lernstimulus. Die Daten sind aber wohl auch mit der These vereinbar, daß während allgemeine Stimuli, wie sie bei körperlicher Aktivität auftreten und zum Beispiel über Serotonin vermittelt werden könnten [20, 21, 63, 83], auf die Teilungsaktivität von Vorläuferzellen in der subgranulären Zone wirken und also relativ unspezifisch das Potential für Neurogenese erhöhen, könnten spezifischere Lernstimuli wie in der reizreichen Umgebung oder im Experiment von Gould et al. [64] für den überlebensfördernden Effekt und damit die Rekrutierung von Zellen für eine Entwicklung zu neuen Neuronen verantwortlich sein. In diese Theorie sind allerdings die unter 2.5 dargestellten Ergebnisse unserer Untersuchungen mit 129/SvJ Mäusen, in denen eine reizreiche Umgebung Wirkungen bei der Zellproliferation und dem Überleben hatte, nicht unmittelbar einzuordnen. Es könnte dies aber daran liegen, daß grundsätzlich die Trennschärfe der gewählten Experimente gering ist, da es bislang kein gutes Paradigma zur Untersuchung von „reinem“ Lernen und isolierter körperlicher Aktivität gibt.
Zusammengenommen zeigen unsere Ergebnisse einen Zusammenhang, wenn auch nicht unbedingt eine strenge Korrelation zwischen adulter hippocampaler Neurogenese und hippocampaler Funktion. Fraglich aber bleibt, ob man „Funktion“ in diesem Zusammenhang auf Lernen im engeren Sinne reduzieren darf. Lernen in einem sehr allgemeinen Sinne ist bereits von Mark Rosenzweig als einer der den Wirkungen reizreicher Umgebung zugrundeliegenden Mechanismen vorgeschlagen worden [152]. Diese Theorie setzte sich bewußt ab, von der sogenannten arousal theory von Cummins et al. [40], die die Hauptwirkung im enriched environment als von einer allgemeinen Steigerung der gespannten Aufmerksamkeit und der allgemeinen Aktivität ausgehend ansah (siehe Darstellung bei [152]). Es ist interessant zu beobachten, daß beide Theorien in der hier diskutierten Forschung eine unerwartete Berührung erfahren.
Wenn man sich noch einmal die von Rakic 1985 vorgebrachten Argumente gegen eine mögliche Neurogenese bei erwachsenen Primaten vor Augen führt, so bleibt in der Tat die damit verwandte Frage, warum und wie das Gehirn von den neuen Nervenzellen überhaupt profitieren kann. Wie unser unter [Seite 72↓]2.2 dargestelltes Experiment belegt, ist die Gesamtkörnerzellzahl ein sehr schlechtes Maß für die Rate adulter Neurogenese. Es ist außerdem bekannt, daß Lernfähigkeit nicht mit der Gesamtkörnerzellzahl korreliert [186]. Da der Hippocampus auch nicht der Speicher des Gedächtnisses ist, sondern vielmehr eine Filterfunktion ausübt und ein „Tor zum Gedächtnis“ darstellt, kann der Zuwachs an Nervenzellen durch adulte Neurogenese nicht Ausdruck von einer Art „Speichererweiterung“ sein [48]. Der zusätzliche speicherbare Inhalt wäre viel zu gering. Außerdem lernen alte Tiere, obwohl sie nur sehr wenig adulte hippocampale Neurogenese zeigen, vergleichsweise gut (vgl. 2.4). Gould et al. deuten nun die Funktion adulter Neurogenese dennoch sehr eng innerhalb des Lernvorganges selbst [68].
Die Ergebnisse unserer Versuche mit reizreichen Umgebungen lassen aber auch den Schluß zu, daß die Funktion adulter hippocampaler Neurogenese primär darin liegen könnte, mit der der Neuartigkeit von Reizen umzugehen. Dies wird durch Experiment 2.6 gestützt, in dem wir fanden, daß fortgesetzte Stimulation nicht zu einer linearen Steigerung in Neurogenese führt. Die Wirkung der weitgehend unveränderten und nur noch variierten Komplexität der Umgebung reichte als Stimulus nicht mehr aus, um ein signifikantes Ergebnis zu erhalten. Daß alte Mäuse gut lernen, aber weniger adulte hippocampale Neurogenese aufweisen, paßt ebenfalls in diese Theorie. Wenn man annimmt, daß Erfahrung bedeutet, weniger als „neu“ erleben zu müssen, so könnten in den alten Tieren bereits die notwendigen zusätzlichen Knotenpunkte im neuronalen Netz, die bei einem jüngeren Tier durch adulte hippocampale Neurogenese bereitgestellt würden, vorhanden sein und also zur Bewältigung der Aufgabe keine neurogene Antwort gleichen Ausmaßes notwendig sein. Lemaire et al. zeigten, daß Ratten, die im Rahmen interindividueller Unterschiede sehr stark auf neue Umgebungen reagieren, weniger Neurogenese im adulte Hippocampus zeigen als Tiere mit gemäßigterer Reaktion [106]. Dieses Ergebnis beleuchtet einen wichtigen Aspekt, der wiederum einen Bezug zur streßinduzierten Regulation adulter Neurogenese herstellt: Neuartigkeit eines Reizes kann als Streß erlebt werden. Es ist hier aber unklar, ob diese Tiere gestreßt sind, weil ein geringeres Maß an hippocampaler Neurogenese ihnen einen effektiven Umgang mit der Situation erlaubt, oder ob Streß verhindert, daß sie adäquat reagieren.
Bereits aus theoretischen Überlegungen folgt aus einer Bedeutung adulter hippocampaler Neurogenese für hippocampale Funktion auch eine mögliche Relevanz bei der Erklärung hippocampaler Fehlfunktion. Begreift man adulte hippocampale Neurogenese als nur besonders offenkundiges Beispiel stammzellabhängiger zellulärer neuronaler Plastizität des erwachsenen Gehirns, so ergibt sich daraus, daß auch im Hinblick auf stammzellabhängige Pathologie [Seite 73↓]der Hippocampus Modellcharakter haben könnte. Untersuchungen zur Regulation adulter hippocampaler Neurogenese stellen somit ein wirksames Werkzeug dar, die Bedeutung von Stammzellen für die Pathogenese neurologischer Erkrankungen zu erforschen.
Am offenkundigsten ist ein möglicher Bezug stammzellbedingter Pathologie bei Tumorerkrankungen. Versteht man z.B. das Glioblastoma multiforme letztlich als „Stammzelltumor“, so könnten sich einige bisher unklare und verwirrende Beobachtungen bei diesem häufigsten malignen Hirntumor aufklären.
Erklären ließe sich aus der Hypothese, daß das Glioblastoma multiforme letztlich aus einer zumindest multipotenten neuralen Stammzelle hervorgeht, beispielsweise die Beobachtung, daß innerhalb eines Tumors sehr unterschiedliche gliale Differenzierungen auftreten können. Wenn man akzeptiert, daß Neoplasien klonal sind, also aus einer einzelnen, entarteten Ursprungszelle hervorgehen, so ist die Vielfalt zellulärer Differenzierungsmuster im Glioblastoma multiforme durch die Herkunft aus einer multipotenten Stammzelle leichter erklärbar als bei Abstammung von einer ausdifferenzierten Gliazelle.
Rudimente neuronaler Differenzierung finden sich auch in den als „rein glial“ verstanden Gliomen, insbesondere dem Glioblastoma multiforme. So konnten in frischen Tumorresektaten Aktionspotentiale, einem funktionellen Charakteristikum von Neuronen, gemessen werden [104] und die Expression von Neurotransmitterrezeptoren nachgewiesen werden [102, 103]. Auch diese abortive neuronale Differenzierung im Tumor könnten ihren Grund in einer Herkunft aus multipotenten Stammzellen haben.
Aber auch die Tatsache, daß neuronale Tumoren so extrem selten sind und man keine vollständige neuronale Differenzierung in Hirntumoren findet, ließe sich so möglicherweise leichter erklären. Nimmt man nämlich an, daß aus neuronalen Stammzellen in der Abwesenheit einer neurogenen Umgebung nur Gliazellen werden, so würde dies dafür sprechen, daß in einem Tumor diese Neurogenität nicht aufrechterhalten werden kann, selbst wenn sie je vorhanden war. Echte neuronale Tumoren wären dann Entartungen auf Ebenen, in denen das Potential zur Replikation zwar noch vorhanden aber sehr eingeschränkt wäre, die zelluläre Differenzierung aber bereits auf eine neuronale Differenzierung festgelegt wäre.
Unterstützt wird die Stammzellhypothese des Glioblastoma multiforme durch die Befunde, daß sich Vorläuferzellen (wenn auch bislang keine eigentlichen Stammzellen) aus Hirntumoren gewinnen lassen [114]. Bedenkt man, daß die Grenze zwischen glialen Vorläuferzellen und multipotenten Stammzellen fließend zu sein scheint [96], so gewinnt dieses Ergebnis zusätzliches Gewicht.
Interessant sind in diesem Zusammenhang der enge räumliche und wahrscheinlich auch zeitliche Bezug, der zwischen adulter hippocampaler Neurogenese und Angiogenese zumindest in der subgranulären Zone besteht [137].
Schon seit langem ist bekannt, daß Patienten mit Temporallappenepilepsie oft ektopische Körnerzellnester im Hippocampus aufweisen [81, 82]. Es ist nicht bekannt, ob diese Nester Folge oder Ursache der Epilepsie sind. Die Beobachtung, daß induzierte Anfälle eine Steigerung der Vorläuferzellprolife[Seite 74↓]ration im Hippocampus auslösen [10, 138, 139], spricht dafür, daß Anfälle zu solchen ektopischen Nestern führen können. Aberrante Zellverbindungen, die aber auch unabhängig von dem mitogenen Reiz auftreten, sind für die Propagation der Anfälle wahrscheinlich primär doch bedeutender [138]. Trotzdem muß von einer engen Beziehung zwischen Temporallappenepilepsie und adulter hippocampaler Neurogenese ausgegangen werden.
Einen unerwarteten Bezug zu proliferativer Aktivität von neuronaler Stammzellen weist auch die Beobachtung auf, daß es bei der Alzheimerschen Erkrankung zu einem abortiven Eintritt ausdifferenzierter Zellen in den Zellzyklus kommt, was dann zum Zelluntergang führt [192]. In der radikalen Form betrachtet diese Theorie den Morbus Alzheimer als eine Art „Krebs des Gehirns“ (McShea et al., Soc. Neurosci. Abstr. 2000: 859.20). Hinter der schlagwortartigen Vereinfachung verbergen sich aufschlußreiche Beobachtungen auf biochemischer Ebene [143]. In unserem Zusammenhang ist vor allem die Expression von Zellzyklusproteinen im Hippocampus von Alzheimer-Patienten interessant [127, 128]. Der Hippocampus ist eine der Prädilektionsstellen der Alzheimerschen Erkrankung. Es wäre demnach möglich, daß dem Morbus Alzheimer auch eine Störung der Signalmechanismen zugrundeliegt, die Neurogenität definieren und normalerweise auf suszeptible Stamm- und Vorläuferzellen beschränken.
Theoretisch könnte eine gestörte neuronale Plastizität im Hippocampus für viele kognitive Probleme verantwortlich sein, insbesondere bei Lernstörungen und Demenzen. Um hierbei zu konkreteren Schlußfolgerungen zu kommen, müßte aber zunächst die Bedeutung adulter hippocampaler Neurogenese für die Funktion des Hippocampus sehr viel genauer aufgeklärt werden.
Sehr viel weiter fortgeschritten ist die Diskussion über einen möglichen pathogenetischen Beitrag adulter hippocampaler Neurogenese im Falle der Depression („major depression“). Hier stand die Beobachtung aus sorgfältigen kernspintomographischen Untersuchungen, daß Patienten mit einer Depression eine signifikante Atrophie des Hippocampus aufweisen [160, 161], am Anfang einer noch sehr spekulativen, aber plausiblen und biologisch ausgerichteten Theorie [46, 84]. Stützend sind hierbei beispielsweise die Beobachtung, daß alle bislang untersuchten Faktoren mit antidepressiver Wirkung, darunter Lithium [30], Fluoxetin (Prozac ®) [113], elektrokonvulsive Therapie [111] und körperliche Aktivität [178] einen positiven Effekt auf adulte hippocampale Neurogenese haben. Auch das Wissen um die Rolle von Glucocorticoiden in der Depression einerseits und bei der Regulation adulter hippocampaler Neurogenese andererseits könnte für diese Verbindung sprechen [70]. Die Theorie, daß adulte hippocampale Neurogenese eine verbesserte Auseinandersetzung mit der Neuartigkeit eines Reizes ermöglichen könnte, paßt besonders gut zu der Vermutung, daß der Depression eine gestörte neuronale Plastizität zugrundeliegen könnte, da ein klinisches Charakteristikum der Depression die Unfähigkeit ist, sich dem Alltag mit seinen Unwägbarkeiten und Veränderungen zu stellen. Der Rückzug in die Isolation könnte darin begründet sein, daß die Patienten die Neuartigkeit von Reizen nicht adäquat verarbeiten können, was zu [Seite 75↓]Angstgefühlen führt. Auch die oben dargestellten Beobachtungen zur aktivitätsabhängigen Regulation adulter hippocampaler Neurogenese fügten sich in diese Annahme (siehe auch Kempermann G, Regulation of adult hippocampal neurogenesis — implications for novel theories of major depression, Bipolar Disorders, auf Einladung zur Veröffentlichung eingereicht).
Insgesamt zeigen diese Überlegungen, auch wenn sie bislang noch theoretisch und weitgehend spekulativ sind, daß neuronale Stammzellen im erwachsenen Gehirn sowie adulte hippocampale Neurogenese und die Regulation neuronaler Plastizität zunehmend in größeren Zusammenhängen gesehen werden. Nicht zuletzt so erklären sich das exponentielle Wachstum des Interesses an diesen Fragestellungen und die Zunahme an Publikationen in diesem Sektor.
Das Wissen um die Regulation von Neurogenese im erwachsenen Hippocampus ist möglicherweise übertragbar auf nicht-neurogene Hirnregionen, die doch ebenfalls neuronale Stammzellen enthalten [134, 135, 164]. Das regenerative Potential, das in diesen Zellen ruht, hofft man eines Tages in therapeutischer Absicht ausnutzen zu können. Während dies bei den obengenannten Erkrankungen, in denen Stammzellen möglicherweise eine pathogene Rolle spielen, relativ geradlinig erscheint, so sind doch auch Anwendungen in unspezifischeren Zusammenhängen denkbar. Die Beobachtung beispielsweise, daß experimentelle Hirntumoren neuronale Vorläuferzellen „anlocken“[1], hat zu der Überlegung geführt, diese Route zum Einschleusen von therapeutischen Genen in Hirntumoren auszunutzen.
Auch bei anderen, vor allem neurodegenerativen Erkrankungen ließen sich neuronale Stammzellen theoretisch als Vehikel für die Gentherapie nutzen. Denkbar wäre beispielsweise die durch Gentransfer bewirkte Ausschüttung von GDNF als trophische Unterstützung der degenerierenden Neurone in der Substantia nigra von Patienten mit Parkinsonscher Erkrankung (in Anlehnung an [98]).
Ansätze zu einem gewissermaßen „reinen“ Zellersatz bei neurologischen Erkrankungen sind noch hypothetischer, da nicht bekannt ist, inwieweit das erkrankte Gehirn den Ersatz von beispielsweise durch Ischämie zugrundegegangenen Neuronen überhaupt nutzen kann. Dies bedeutet aber lediglich, daß die Forschung in dieser Richtung noch sehr umfassend sein muß. Das Potential dieser therapeutischen Strategie ist immens. Der proof of principle für solche Ansätze ist bereits gelungen. In allerdings hochspeziellen experimentellen Modellen gelang es zu zeigen, daß selektiv eliminierte korticale Neurone lokal durch korticale Neurogenese ersetzt werde können [77, 112]. Die Existenz einer korticalen Neurogenese im Erwachsenenalter in Abwesenheit von pathologischen Reizen ist zwar sogar für das Gehirn von Primaten berichtet worden [67], aber höchst umstritten. Es ist wahrscheinlicher, daß Neurogenität außerhalb der primär neurogenen Regionen des erwachsenen Gehirns unter normalen Bedingungen gehemmt ist, aber durch bestimmte pathologische Stimuli und in Abwesenheit von massiven Schädigungen durchaus stimulierbar ist. Die Experimente von Macklis und Mitarbeitern haben damit erstmals ge[Seite 76↓]zeigt, daß es sich hier um ein quantitatives und nicht um ein qualitatives Problem handelt [112] und induzierbare Neurogenese als Strategie des Zellersatzes möglich ist.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß sich neue Therapien für die Neurologie, die das regenerative Potential von Stammzellen nutzen wollen, nicht allein auf Transplantationsstrategien beschränken werden. Vor allem Einsichten in die mögliche Rolle, die Stammzellen in der Pathogenese neurologischer Erkrankungen spielen könnten, aber auch sehr generell ein verbessertes Verständnis der physiologischen Rolle neuraler Stammzellen für die Funktion des erwachsenen Gehirns, beeinflussen die Stellung, die der Stammzellbiologie für die Neurologie zukommen wird. Zu Beginn des 21. Jahrhundert sieht sich die Menschheit mit gleich zwei Revolutionen oder Paradigmenwechseln in der Biologie konfrontiert. Die genetische Revolution, die sich an der Sequenzierung der menschlichen DNA festmacht, ist die sichtbarere der beiden. Die ethischen Diskussion über „Therapeutisches Klonen“ und die Nutzung „embryonaler Stammzellen“ haben aber auch die Stammzellbiologie zunehmend in den Fokus öffentlichen Interesses gerückt. Das revolutionäre liegt hier in der Einsicht, daß der ganze Mensch fortwährender zellulärer Erneuerung unterliegt; seine Entwicklung also in gewisser Weise nie beendet ist. Gerade im Falle des Gehirns hat diese Erkenntnis fundamentale Konsequenzen, deren Auswirkungen auf Konzepte von Gehirnfunktion und „Geist“, ja auf Betrachtungen, was das Leben ausmacht, erst in Ansätzen erkennbar sind. Damit ist „Stammzelltherapie“ immer weniger nur eine neue Technologie, sondern zunehmend die Auswirkung einer veränderten Sicht auf das Gehirn und seine Krankheiten.
Folgende Strategien zur Anwendung der Stammzellbiologie auf die neurologische Therapie erscheinen prinzipiell denkbar:
Stammzellbasierte Therapie wird sich demnach nicht auf solche Erkrankungen mit relativ umschriebenem Zellverlust, wie beispielsweise M. Parkinson oder Chorea Huntington, beschränken. Für Zellersatzstrategien im engeren Sinne bleiben diese Krankheiten realistischere Ziele als diffusere Erkrankungen wie M. Alzheimer oder erst recht Schäden im Rahmen von Ischämie, Trauma und Entzündung. Das weitgefasstere Konzept der stammzellbasierten Therapie (Strategien 5 und 6) rückt auch diejenigen neurologischen Erkrankungen in das Blickfeld, die durch Transplantationsansätze nicht sinnvoll angehbar wären. Die Depression ist hier ein extremes Beispiel.
Die in dieser Arbeit vorgestellte Forschung bezieht sich vor allem auf die Strategien 5 und 6. Aber auch alle Formen von Transplantationsansätzen, wie 1 bis 4, die darauf abzielen, neue Neurone entstehen zu lassen, müssen sich der Frage der neurogenen Permissivität stellen. Auch für das Überleben und die Differenzierung eines Transplantats sind die Faktoren der zellulären Umgebung am Implantationsort entscheidend. Zusammengenommen bedeutet dies, daß jeglicher Ansatz zur stammzellbasierten Therapie für das ZNS auf Er[Seite 78↓]kenntnisse darüber, wie adulte Neurogenese in vivo möglich ist und reguliert wird, zurückgreifen wird. Die Kernfragen bleiben: Was macht eine neurogene Region neurogen? Wie ist neurogene Permissivität definiert? Nur solide Grundlagenforschung wird es ermöglichen, aus der derzeitigen Sphäre der „qualifizierten Utopie“ einer stammzellbasierten neurologischen Therapie zu realistischen Umsetzungen zu gelangen.
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| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 08.03.2004 |