[Seite 118↓]

6  Zusammenfassung und Ausblick

Die vorliegende Arbeit stellt eine umfassende Knochenstrukturanalyse der proximalen Tibia unter Berücksichtigung verschiedenster radiologischer, biomechanischer und histomorphometrischer Aspekte dar. Die regionen-, alters- und geschlechtsspezifischen Aspekte dieser Problemregion werden herausgearbeitet. Der eindeutige Nachweis einer regionen-abhängigen Verteilung der Knochendichte und der biomechanischen Eigenschaften in der proximalen Tibia ist eines der Hauptergebnisse der vorliegenden Studie.

In der proximalen Tibia besteht eine signifikante Abnahme der Knochendichte von proximal nach distal. Im zentralen Bereich der proximalen Tibia besteht in allen Sektionen im Vergleich zu den anterior/posterior und medial/lateral liegenden Gebieten die niedrigste Knochendichte.

In der vorliegenden Studie wurde die proximale Tibia in 3 Etagen (von proximal nach distal) unterteilt. Beim Vergleich der auf diesen Etagen aufgebrachten ROIs (region of interest,jeweils 5 in den beiden proximalen Etagen und 4 im distalen Abschnitt) zeigte sich in den beiden proximalen Etagen lateral (Ebene I anterolateral/ Ebene II posterolateral) die höchste Knochendichte. Im Gegensatz dazu zeigte sich in der distalen Etage anteromedial die höchste Knochendichte.

Weiterhin wurden die 3 gängigen Stabilisierungsverfahren für diese Region einer umfangreichen biomechanischen Testung unterzogen. Es zeigte sich, dass der Ilizarov Fixateur bei den verschiedensten Lastfällen meist das instabilste Implantat war. Trotz der biomechanischen Defizite konnten die in der klinischen Studie mit Composite Fixateur versorgten Frakturen trotz erheblichem Weichteilschaden und instabiler Fraktursituation zur Ausheilung gebracht werden. Das LIS-System erwies sich gegenüber der konventionellen Abstützplatte hinsichtlich der biomechanischen Steifigkeit sowohl in der statischen als auch in der zyklischen Testung als gleichwertiges oder sogar biomechanisch günstigeres Implantat. Diese positiven klinischen wie biomechanischen Erfahrungen führen auch zur Förderung der Entwicklung anderer winkelstabiler Fixateur interne-Systeme in den verschiedensten Problemregionen (Pilon tibiale, proximaler und distaler Humerus, distaler Radius).

Als wesentliche neue Therapieansätze für das operative Vorgehen in der Problemregion der proximalen Tibia lassen sich die folgenden Gesichtspunkte herausarbeiten:

  1. Knochendichteadaptierte Implantat- und Schraubenpositionierung bei der konventionellen Osteosynthese,
  2. Knochendichteadaptierte Pin- und Olivendrahtpositionierung bei externen Fixationsverfahren (Ilizarovringfixateur, Fixateur externe) im Bereich der proximalen Tibia,
  3. Implantatverbesserungen (LISS-Schraubenkonfiguration und -positionierung, Plattendesign, Umstellungsplatte, Verriegelungsbolzen bei Marknägeln wie UTN, PTN),
  4. Prothesenverbesserung (knochendichteadaptiertes Zapfendesign mit 3 Zapfen für die tibiale Komponente).

Als weiterer Ausblick in die Zukunft wäre die praeoperative Planung unter Zuhilfenahme vorher gewonnener CT-Daten denkbar, wobei eine bedarfsgerechte Osteosynthese, die sowohl Aspekte der Fraktursituation wie auch der Knochenstruktur im 3-dimensionalen Modell berücksichtigt, virtuell geplant werden kann. Die operative Versorgung sollte dann ebenfalls in Abhängigkeit von der virtuellen praeoperativen Planung z.B. unter Zuhilfenahme eines Navigationssystems erfolgen und die exakte Positionierung von Implantat und Schrauben nach virtuell unterstützter Reposition ermöglichen (s. Abb. 97 u. 98). Eine situationsgerechte, dem operativen Vorgehen entsprechende Datenaktualisierung könnte zusätzlich durch intraoperative CT- oder 3D-Rö.-Kontrollen wie mit dem Iso 3D C-Arm oder sogar durch navigierten 3D-Ultraschall erfolgen (s. Abb. 99).

Abb. 97: Referenzierter Schraubendreher zur navigationsgestützen Schraubenplatzierung


[Seite 120↓]

Abb. 98: Referenzierte AO- Platte zur navigationsgestützten Plattenpositionierung

Abb. 99: Iso 3D C-Arm zur intraoperativen Datengewinnung für die Navigation

Insgesamt ergibt sich die Hoffnung, dass die gewonnenen Erkenntnisse, insbesondere bezüglich der Knochenstruktur dieser Region, in Zukunft bei der osteosynthetischen Versorgung entsprechende Berücksichtigung finden und dazu beitragen werden, die Komplikationen in dieser Problemregion zu reduzieren.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
18.05.2005