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2  Fragestellung

Während durch eine Epithese der zu behandelnde Gesichtsdefekt ästhetisch zufriedenstellend korrigiert werden kann, fehlt ihr die Motilität der ersetzten Gewebe. Ohr- oder Nasenepithesen fallen aufgrund der relativen Unbeweglichkeit dieser Gesichtsteile bei Gesichtsbewegungen weniger auf. Ein der Haut eng anliegender Silikonrand bei den „weichen“ Epithesen gestattet möglicherweise aufgrund der Flexibilität eine geringe Mitbewegung des Epithesenrandes. Anders sieht es aus, wenn das Auge in die Epithese mit eingegliedert ist. Da die Augen und die Lider ständig willkürlich oder unwillkürlich in Bewegung sind, bleibt aufgrund der Starrheit der Epithese ein unnatürlicher maskenhafter Ausdruck im Gesicht (Abb. 32 und Abb. 33). Dieses stellt ein gravierendes ästhetisches Problem dar, welches das Wohlbefinden des Patienten beeinträchtigt.

Abb. 32: Patientin mit eingegliederter Orbitaepithese mit geöffnetem Auge

Abb. 33: Patientin mit eingegliederter Orbitaepithese beim Lidschluß

Die vorliegende Untersuchung hatte das Ziel, die Starrheit der Lid-Augenregion in einer Orbitaepithese zu beseitigen und durch die gewonnene Dynamik ein natürlicheres Aussehen beim Patienten zu erreichen.

Es kam prinzipiell die Simulation der Lid-, speziell der Oberlid-, oder der Bulbusbewegung in Frage. Die Bewegung sollte synchron zum gesunden Auge ablaufen. Alle Teile, die für diese Aufgabe notwendig sind, sollten ohne Hilfe eines Brillengestells in der Epithese integriert sein.

Die technische Simulation der synchronen Oberlidbewegung stellte sich einfacher dar. Denn es war im Gegensatz zur komplexeren Bulbusbewegung in diesem Fall nur eine einachsige Bewegung zu kopieren. Die Synchronisation mit dem gesunden Auge erschien mittels einer EMG-Elektrode, im Bereich des gesunden Oberlids plaziert, realisierbar. Die synchronisierte Bulbusbewegung hätte bei Steuerung über Muskelpotentiale mehrere Ableitungselektroden notwendig gemacht. Auch bestand aufgrund der Anatomie eine leichtere Zugänglichkeit zu den Muskelpotentialen der für die Lidbewegung zuständigen Muskeln.


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Lidbewegungen können in vier Gruppen eingeteilt werden, spontane unwillkürliche, willkürliche, reflektorische und Lidbewegungen, die die ruckartigen Augenbewegungen begleiten, wobei die häufigste Bewegung des Oberlides der unwillkürliche spontane Lidschlag ist (EVINGER et al., 1991; KANEKO et SAKAMATO, 1999). Deswegen sollte dieser in die Epithese übertragen werden und die künstliche Lidbewegung triggern.

Mehrere Komponenten waren beim Bau einer solchen „beweglichen“ Orbitaepithese in Einklang zu bringen (Abb. 34).

Abb. 34: Systemkomponenten der „beweglichen“ Orbitaepithese

Verschiedene technische und klinische Fragen mußten geklärt werden, um eine solche Epithese aufbauen zu können (Abb. 35):

  1. Für das künstliche Oberlid brauchte man ein Material, welches dehn- oder faltbar den Lidschlitz überdecken konnte, ohne den erzielten, hohen Standard der Orbitaepithese einzuschränken.
  2. Das künstliche Oberlid war mechanisch zu lagern bzw. in die Prothese einzufügen, so daß Kräfte bzw. Momente zur Erzeugung der Lidbewegung eingeleitet werden konnten.
  3. Für die Initialisierung der Bewegung war ein Antrieb notwendig, der energiesparend uni- oder bidirektional spontanen, synchronen Lidschluß ermöglichte.[Seite 19↓]
  4. Als Steuerimpuls für den künstlichen Oberlidschlag sollten muskuläre Aktionspotentiale mit EMG-Elektroden abgeleitet werden, die physiologisch für die Schließ- und Öffnungsbewegung des gesunden Auges zuständig sind.
  5. Zur Verarbeitung dieser Signale war eine elektronische Schaltung in die Epithese zu integrieren, die letztlich einen Stellimpuls für den Antrieb lieferte.
  6. Das Energieversorgungsproblem für Elektronik und Antrieb mußte gelöst werden.
  7. Alle Teile für die künstliche Lidbewegung sollten geschützt in einer festen Kapsel in der Epithese integriert sein.

Abb. 35: Prinzipieller Aufbau einer „beweglichen“ Orbitaepithese

1) künstliches Augenlid, 2) Augenprothese, 3) Silikonmantel der Epithese, 4) Mechanik, 5) Antrieb / Elektronik / Energieversorgung


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16.12.2004