[Seite 23↓]

Funktionelle Lidanatomie

Bevor die einzelnen Komponenten der „beweglichen“ Epithese mit einer zum unwillkürlichen Lidschlag synchronen künstlichen Oberlidbewegung entwickelt worden sind, wurde die funktionelle Lidanatomie in der Literatur analysiert. Dieses Wissen war Voraussetzung für eine optimale Kopie des natürlichen Vorbildes, sowohl die Größe und Form als auch den Bewegungsablauf betreffend. Auch für die Generierung des notwendigen Muskelpotentials als Steuerimpuls waren die Kenntnisse der normalen Anatomie wichtig.

Es werden in der Literatur durchschnittliche Oberlidbreiten von ca. 34mm und Weiten des Lidschlitzes von ca. 30mm angegeben (Abb. 38). Die Distanz zwischen Ober- und Unterlidkante wurde von SUN et al. 1997 mit 10 – 12mm angegeben, wobei die niedrigeren Werte im Alter wegen einer auftretenden Ptosis gemessen wurden. Die Haut im Augenlidbereich ist im Ganzen sehr dünn, die Dicke nimmt zur Lidspalte hin kontinuierlich ab (HATT, 1984). Erst dieser Umstand gestattet die freie Hautverschiebung, die für die natürliche Lidbewegung erforderlich ist.

Abb. 38: Augenlidmaße (aus BEYER- MACHULE, 1983)

Der Öffnungsvorgang des menschlichen Oberlides erfolgt normalerweise durch den quergestreiften Lidheber (M. levator palpebrae superioris), der in der Nähe des Canalis opticus vom kleinen Keilbeinflügel entspringt, zwischen M. rectus superior und Orbitadach verläuft und mit feinen Fasern am unteren Drittel der Tarsusvorderfläche inseriert und in die Orbicularismuskulatur und das Bindegewebe des Lides einstrahlt. Unterstützt wird er vom glatten M. tarsalis superior (Müller-Muskel), der an der Sehne des Levator und des Rectus superior entspringt und am Tarsus superior ansetzt (KUWABARA et al., 1975; ANDERSON et BEARD, 1977; BEARD et QUICKERT, 1977; COLLIN et al., 1978). Während der willkürlich innervierte M. levator palpebrae superioris die Lidelevation und -retraktion erzeugt, reguliert der sympathisch innervierte Müller-Muskel die Lidspalte (MOSES, 1975).


[Seite 24↓]

Abb. 39: Schnitt durch das Oberlid (aus HOLLWICH, 1979)

Abb. 40: M. orbicularis oculi (aus HATT, 1984)

Der Schließvorgang erfolgt durch den M. orbicularis oculi, einem ringförmig im Ober- und Unterlid liegenden quergestreiften Muskel, der einen beachtlichen Teil des Lidvolumens darstellt (VON LANZ et WACHSMUTH, 1979; ROHEN, 1980), (Abb. 39 und Abb. 40). Bei Blinkbewegungen und für den normalen Lidschluß werden vorwiegend die Pars palpebralis (praeseptalis und praetarsalis) des M. orbicularis oculi betätigt, die Pars periorbitalis wird erst für den forcierten Lidschluß eingesetzt (GORDON, 1951; MOSES, 1975).

Der unwillkürliche Lidschlag ist eine unbewußte, an beiden Augen synchron ablaufende Bewegung (STAVA et al., 1994). DOANE stellte 1980 (a und b) den Bewegungsablauf in extremer Zeitlupe dar. Während des Lidschlages führt das Oberlid eine Abwärtsbewegung durch, die sich wellenförmig von temporal nach nasal fortsetzt. Das Unterlid bewegt sich vorwiegend horizontal nach nasal (Abb. 41).

Abb. 41: Aktionsrichtung von Lidöffnern und Lidschließern (aus HATT, 1984)

Der Lidschlag ist das Ergebnis der antagonistischen Aktivität des M. levator palpebrae und des M. orbicularis oculi und ist in einem geringerem Maße bedingt durch nach unten gerichtete elastische Kräfte, die durch Ligamente und Ansätze der Lidmuskeln erzeugt werden. Während des Lidschlags relaxiert der M. levator palpebrae, gefolgt von einer Kontraktion des M. orbicularis oculi, welche zum schnellen [Seite 25↓]Lidsenken führt. Sobald die Aktivität des M. orbicularis oculi aufhört, bekommt der M. levator palpebrae seine tonische Aktivität wieder, übersteigt die passiven nach unten gerichteten Kräfte und hebt das Oberlid (GORDON, 1951; BJÖRK et KUGELBERG, 1953; EVINGER et al., 1984, 1991).


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
16.12.2004