4 Diskussion

4.1 In vivo-Untersuchung

4.1.1  Relevanz des Versuchsmodells

Dem experimentellen Ansatz einer Untersuchung kommt entscheidende Bedeutung für ihre Aussagekraft zu. Ist es doch ihr Ziel pathophysiologische Abläufe zu simulieren.Das in dieser Untersuchung gewählte Modell derInfektion einer Aortenprothese mit S. epidermidis simuliert die klinische Situation einer Prothesenspätinfektion mit Ausbildung einer Inflammation des Perigraftgewebes und falscher Aneurysmen im Anastomosenbereich (BERGAMINI et al., 1988; MARTIN et al., 1989; GOËAU-BRISSONNIÉRE et al., 1994)Dieses Modell unterscheidet sich von der klinischen Situation nur in dem Grad der Kontamination und der benötigten Zeit bis zur Ausbildung der Infektion (MARTIN et al., 1989; GOËAU-BRISSONNIÉRE et al., 1994). Die in dieser Arbeit angewandte Technik der in vitro-Kolonisation ermöglicht eine gute Reproduzierbarkeit in der quantitativen Kolonisation der Prothese (GOËAU-BRISSONNIÉRE et al., 1994) mit Ausbildung einer konstanten Protheseninfektion innerhalb einer Woche.

4.1.2  Protokoll der Kryokonservierung

Das in dieser Arbeit angewandte Protokoll der Kryokonservierung folgte dem klinischen Protokoll für vaskuläre Allografts der lokalen Gewebebank (Banque de Tissu HP-AP, Hôptial St.Louis, Paris). Es differiert von den bei Herzklappen angewandten Protokollen hinsichtlich der Inkubationsdauer in der Antibiotikalösung. Dies beruht auf der Erkenntnis, daß die klinisch im Rahmen von Multiorganentnahmen gewonnen Aorten und ilio-femoralen Arterien im Vergleich zu den Herzklappen einen höheren Kontaminationsgrad aufweisen (Eugène et al., 1996). Dies ist einerseits in der Entnahmereihenfolge begründet, bei der das Herz am Beginn und die Gefäße am Ende der Multiorganentnahme gewonnen werden. Zum anderen ist durch die intestinale Transmigration intraabdominal mit einer höheren Kontamination zu rechnen (DURHAM et al., 1986).


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4.1.3  Eigene Ergebnisse

Die vorliegende experimentelle Untersuchung belegt die Effizienz von kryokonservierten Aortenallografts für die in situ-Behandlung einer durch S. epidermidis verursachten Protheseninfektion der Aorta.

In dieser Studie wurde das klinische Isolat eines S. epidermidis Stammes verwandt, da dieser klinisch zunehmend an Bedeutung gewinnt (Bandyk et al., 1991a). S. epidermidis RP-62 produziert eine extrazelluläre aus Glykokalyx bestehende Matrix, die zum einen die Adhärenz an prothetischem Material verbessert und zum anderen das Bakterium vor der Antibiotikapenetration schützt. Deren Bedeutung wurde in Kapitel 1.7.3. bereits dargelegt.

Wie an Hand der Ergebnisse der Gruppe II gezeigt wurde, sind unbehandelte kryokonservierte Aortenallografts resistenter gegen eine Reinfektion als synthetische Gefäßprothesen. Drei von sechs Protheseninfektionen konnten mittels kryokonservierter Aortenallografts ohne irgendeine lokale oder systemische Antibiotikagabe innerhalb von drei Wochen zur kompletten Ausheilung gebracht werden. Diese Allografts waren makroskopisch komplett inkorporiert. Die mikrobiologischen Untersuchungen waren negativ. Darüber hinaus zeigte sich in der Histologie ein deutlicher Rückgang der Entzüdungsparameter im Vergleich zur Primärinfektion. Dies ist ein bemerkenswertes Ergebnis in sofern, als daß die Allografts in ein Gebiet mit einer floriden Infektion des Perigraftgewebes und der Anastomosen implantiert wurden, und alle Kontrollprothesen der Gruppe I am Versuchsende infiziert waren.

Die Mechanismen der Infektionsresistenz von kryokonservierten Allografts sind bislang unklar. Mitchell zeigte, daß durch die Kryokonservierung die amorphe und fibrilläre extrazelluläre Matrix erhalten bleibt, die immunologisch innert ist und so das Allograft vor autolytischen Prozessen schützt (MITCHELL et al., 1995). Wie Boren und Mitarbeiter zeigten, bleibt im Gegensatz zu den „frischen“ Allografts bei der Kryokonservierung die intimale Integrität erhalten, die zu einer Verminderung der Thrombogenität führt und so das Risiko der hämatogenen bakteriellen Kolonisation reduziert (BOREN et al., 1977). Die aktiven und passiven Eigenschaften von Aortenallografts, wie die tierexperimentell nachgewiesene Präsenz von MHC (major histocompatibility complex)–Antigenen der Klasse I und II (KHATIB u. LUPINETTI, 1990), mit subsequenter T-Zellaktivierung (FISCHLEIN et al., 1995), der Expression von Adhäsionsmolekülen, wie ELAM-1 (endothelial leukocyte adhesion molecule), VCAM-1 (vascular cellular adhesion molecule) [Seite 69↓]und ICAM-1 (intercellular adhesion molecule), die nach Kryokonservierung induziert werden können (MULLIGAN et al., 1994), mögen eine Rolle bei der Immunmodulation des Wirtsorganismus und der Bakterienadhärenz spielen, bedürfen jedoch weiterer Evaluierung in experimentellen Untersuchungen.

Wie in dieser Studie gezeigt wurde, ist die Resistenz kryokonservierter Allografts nicht komplett. So sind auch Aortenallografts grundsätzlich von der Persistenz der Perigraftinfektion und der konsekutiven Infektion des Grafts, aber auch durch andere Bakterien, die als Kontaminanten während der septischen Reoperation auftreten können, bedroht. Die Antibiotikabeladung während der 48 stündigen Inkubation vor der Kryokonservierung, die zum Zwecke der Dekontamination durchgeführt werden, scheinen zur erhöhten Infektionsresistenz der Aortenallografts beigetragen zu haben, die in der Versuchsgruppe III beobachtet wurde.

In der vorliegenden Arbeit wurde ein auf Vancomycin sensibler (MHK 2.0 mg/ml) S. epidermidis-Stamm eingesetzt, wobei Vancomycin ebenfalls zur Dekontamination während der Kryokonservierung eingesetzt wurde. Die Freisetzung von Vancomycin aus den Allografts in das Perigraftgewebe und die in den in vitro-Untersuchungen gezeigte persistente Vancomycinkonzentration scheinen wichtige Mechanismen bei der Infektionsbehandlung zu sein. Denn alle mit Antibiotika behandelten Allografts waren perfekt inkorporiert mit negativem Kutlturergebnis und wiesen eine signifikante Verminderung der histologischen Entzündungszeichen (p<0.01 im Vergleich zu initialen Prothese) am Versuchsende auf. Auf der anderen Seite waren drei von sechs der unbehandelten Allografts infiziert. Bei den β-hämolytischen Streptokokken der Gruppe C und Staphylococcus chromogenes, die auf zwei unbehandelten Allografts der Gruppe II nachgewiesen wurden, handelt es sich wahrscheinlich um Kontaminanten während der Implantation der Allografts in ein septisches Operationsgebiet. Da die Allografts nicht mit Antibiotika behandelt waren, konnten diese Keime wachsen und zur Reinfektion führen.

Die in dieser Studie gewählte Implantationsdauer von drei Wochen erscheint kurz und eine Extrapolation in Bezug auf spätere Infektionen auszuschließen. Der Nachweis negativer Blutkulturen, Gewebekulturen und die perfekte Inkorporation sprechen für eineResistenz gegen eine frühauftretende Reinfektion.

Die Antibiotikabehandlung der Aortenallografts mit Vancomycin und Lincomycin orientierte sich in der vorliegenden Studie an dem klinischen Protokoll für vaskuläre [Seite 70↓]Allografts der Gewebebank in Paris. Aus der in dieser Studie gezeigten Bedeutung der Antibiotika für die Resistenz gegen eine Reinfektion resultieren wichtige Implikationen für die zukünftige Behandlung von Aortenallografts. So sollte sich die Wahl des Antibiotikums nicht nur nach dem Keimspektrum richten, das bei der Kontamination von Aortenallografts im Rahmen ihrer Verarbeitung zur Kryokonservierung angewandt wird, sondern auch nach dem Spektrum der Keime, die bei der in situ-Behandlung einer Protheseninfektion eine Rolle spielen. Weitere experimentelle Untersuchungen sind notwendig, um die für die Infektionsbehandlung optimalen Antibiotika zu bestimmen. Über den Langzeitverlauf von kryokonservierten Allografts zum Aortenersatz liegen zur Zeit keine Daten vor. Die bei „frischen“ Allografts zu vermutenden Spätdegenerationen (KIEFFER et al., 1993) scheinen von den Ergebnissen beim Aortenklappen- und Aorta ascendens-Ersatz mit krykonservierten Allografts extrapoliert (ZWISCHENBERGER et al.,1989; McGRIFFIN et al.,1992) bei kryokonservierten Aortenallografts deutlich geringer zu sein. Weitere Modifikationen in der Präparations- und Kyrokonservierungstechnik mit dem Ziel der Verminderung der Antigenität der Allografts mögen zu einer Verbesserung der Langzeitergebnisse beitragen.

In dem hier verwandten Versuchsmodell konnte gezeigt werden, daß Aortenallografts, selbst ohne Zusatz von Antibiotika, in der Lage sind eine Protheseninfektion innerhalb von drei Wochen zur kompletten Ausheilung zu bringen. Dennoch scheinen die in der Präparation der Allografts verwendeten Antibiotika essentiell zu sein, um optimale therapeutische Ergebnisse zu erzielen.

4.1.4  Ergebnisse anderer Studien

Die ersten experimentellen Untersuchungen der Wertigkeit arterieller Allografts zur Infektionsbehandlung wurden 1958 von Harrison und 1959 von Foster berichtet (HARRISON, 1958; FOSTER et al., 1959). Beide wiesen eine insuffiziente Infektionsresistenz für gefriergetrocknete Allografts nach, die zahlreiche Gewebsfrakturen aufwiesen. Die ersten experimentellen Hinweise auf eine intrinsische Infektionsresistenz von frischen arteriellen Allografts wurden von Moore und Mitarbeitern 1975 beschrieben (MOORE et al., 1975). Sie untersuchten die Effektivität von frischen arteriellen Auto- und Allografts im Vergleich zu Dacron-Prothesen zur Gefäßrekonstruktion im Bereich einer mit S. aureus infizierten Leistenwunde bei Hunden. Unter einer über die ersten 6 Tage [Seite 71↓]durchgeführten parenteralen Antibiotikatherapie mit Keflin (2x25mg/kg i.m.)beobachtete er eine Ausheilungsrate von 91.6% bei den Autografts und 83.3% bei den Allografts, hingegen nur eine von 12.5% bei den Dacron-Prothesen. Neben der Infektionsresistenz konnte hier zum ersten Mal gezeigt werden, daß eine Wundinfektion unter einer systemischen Antibiose und der Verwendung von frischen, arteriellen Auto- und Allografts zur kompletten Ausheilung gebracht werden kann.

1996 zeigte Koskas an einem xenogenen Modell eine höhere Infektionsresistenz von bei 4°C konservierten humanen Aortenallografts im Vergleich mit ePTFE (expanded polytetrafluoroethylene)-Prothesen gegenüber einer Bakteriämie von 2.6 +/- 1.8 x 108 KBE eines Staphylococcus aureus-Stammes (KOSKAS et al., 1996).

Ein Vergleich der Resistenz von frischen und kryokonservierten Allografts wurde von Litzler aus Rouen, Frankreich an einem Hundemodell durchgeführt (LITZLER et al., 1999). In dieser Versuchsreihe wurden Aortenallografts zusammen mit Staphylococcus aureus PR 209 kontaminierte Dacron-Prothesen implantiert. Neben einer besseren Integrität des Endothels konnte eine höhere Infektionsresistenz für kryokonservierte Allografts nachgewiesen werden. Hinsichtlich der Bedeutung der Anitbiotikabeladung existieren nur experimentelle Studien an mit Antibiotika beschichteten Gefäßprothesen. In diesen konnte gezeigt werden, daß mit Rifampicin behandelte Polyesterprothesen hoch resistent gegen Reinfektionen waren, wenn sie zur in situ-Behandlung einer Protheseninfektion implantiert wurden (COLBURN et al., 1992; GOËAU-BRISSONNIÉRE et al., 1994).

4.2 In vitro-Untersuchungen

4.2.1  Eigene Ergebnisse

Die Ergebnisse der in vivo-Untersuchungen werden durch die in vitro-Messungen der Antibiotikakonzentrationen unterstützt. Wie bereits aus den in vivo-Untersuchungen zu erwarten, lassen sich nach Inkubation für 48 Stunden in einer Antibiotikalösung und anschließender Kryokonservierung hohe Medikamentenspiegel von Vancomycin im Gewebe nachweisen. Die im Rahmen des Auftauvorganges durchgeführte Spülung in Lösungen sinkender DMSO-Konzentration führt zu einer Verminderung der Vancomycinkonzentration im Gewebe um 11.1% des Ausgangswertes. Die nach dem [Seite 72↓]Auftauvorgang verbleibende Gewebekonzentration liegt jedoch um den Faktor 6 (5.5-7) höher als der unter klinischen Bedingungen angestrebte Mindestserumspiegel und um den Faktor 90 (82-100.5) höher als die minimale Hemmkonzentration des Studienkeimes S.epidermidis RP-62. Die Höhe der nachgewiesenen Gewebe-Konzentrationen ist in sofern bemerkenswert, da sie bei einem scheinbaren Verteilungsvolumen von 0.43 (bis zu 0.84) l/kg und bei einer Plasmaproteinbindung von 55% nicht zu erwarten war. Dies legt eine erhöhte Affinität zu Bestandteilen der Aortenwand nahe, bedarf jedoch weiterer Untersuchungen.

In den durchgeführten Untersuchungen konnten zwei unterschiedliche Situationen simuliert werden. In Versuch 1 kam es innerhalb von 24 Stunden zu einer Sättigungssituation die über 10 Tage stabil blieb. Die in Humanalbumin-Lösung erreichte Konzentration liegt mit 13.7 mg/l (+/-0.68) im therapeutischen Bereich. Diese Ergebnisse legen nahe, daß es bei gleichzeitiger systemischer Applikation von Vancomycin bei einem therapeutischen Serumspiegel möglich ist, für die Dauer der Systemantibiose eine hohe Gewebekonzentration von Vancomycin im Allograft aufrechtzuerhalten.

In Versuch 2 wurden in 24 Stunden Abständen die Humanalbuminlösungen ausgetauscht, hierunter waren 4 Tage nach Versuchbeginn supratherapeutische Spiegel nachweisbar. Selbst unter der Situation eines subtherapeutischen Serumspiegels (0-9,4 mg/l), der eine ständige Freisetzung aus dem Allograft erlaubt, ist auch noch nach vier Tagen eine therapeutische Vancomycinkonzentration von 21,4 mg/l in den Allograft vorhanden. Die Tatsache, daß nach mehr als 72 Stunden in den Humanalbuminlösungen kein Vancomycin nachgewiesen wurde, spricht für eine Fixierung von Vancomycin im Aortengewebe, die einen Infektionsschutz ermöglichen könnte.

4.2.1.1  Nachweismethoden von Vancomycin

In der vorliegenden Arbeit wurden zwei etablierte Nachweismethoden der Vancomycinkonzentration angewandt. Sowohl unter Forschungs- wie auch unter Routinebedingungen sind für den FPIA gute Ergebnisse bei der Überprüfung der Präzision und Wiederfindung nachgewiesen. Borner und Mitarbeiter konnten eine sehr gute Übereinstimmung (r= 0.975) mit der HPLC bei der Bestimmung von Serumkonzentrationen nachweisen (BORNER,1990), so daß der FPIA alternativ zur HPLC [Seite 73↓]eingesetzt werden kann. Für Bestimmungen aus Körpergeweben bleibt die HPLC die Methode der Wahl.

4.2.1.2  Limitation der Untersuchung

Wenngleich in den durchgeführten in vitro-Untersuchungen die Quantifizierung von Vancomycin in den Aortenallografts und auch die Freisetzungskinetik in eine Humanalbumin-Lösung als Simulation zweier klinischer Situationen standardisiert durchgeführt werden konnte, ist die Extrapolation auf eine klinische Situation nur mit Einschränkungen möglich. Zum einen sind die Allografts in dem in vitro-Modell nicht einem pulsatilen Blutstrom ausgesetzt, zum anderen fehlt die Exposition zum umgebenden Gewebe des Retroperitonealraumes.

Die optimale Simulation der klinischen Situation ließe nur ein Tierversuch zu, bei dem die Prothesen nach definierten Zeitpunkten explantiert würden. Die öffentlich geforderte Minimierung der Anzahl von Tierversuchen lassen das gewählte experimentelle Vorgehen als gerechtfertigt erscheinen.

4.2.2  Ergebnisse anderer Studien

Bislang liegen, bis auf die in dieser Arbeit gezeigten Ergebnisse keine Daten zu Adsorption und Freisetzung von Antibiotika in bzw. aus Aortenallografts vor.

Hingegen wurden in vitro-Untersuchungen zur Antibiotikafreisetzung aus synthetischen Prothesenmaterial berichtet.

Haverich und Mitarbeiter berichteten über Elutions-Experimente an mit durch das Gentamycin-Derivat EMD 46/217 vorbeschichtete Dacron-Prothesen. Während einer dreiwöchigen Versuchsdauer konnte eine verzögerte Antibiotika-Freisetzung aus dem Prothesenmaterial beobachtet werden, wenn die Beschichtung nicht durch das Antibiotikum allein, sondern durch ein Antibiotika/Fibrinklebergemisch vorgenommen wurde (HAVERICH et al., 1992). Dieser Befund konnte in einem weiteren Experiment bestätigt werden, in dem diese Art der Vorbeschichtung in Hinblick auf ihre Infektresistenz in vitro untersucht wurde. So blieb der Durchmesser der Hemmhöfe um runde Dacronsegmente von 10mm Größe auf mit Bacterium subtilis infizierten Kulturplatten nachihrer Beschichtung mit dem Antibiotikum/Fibrinklebergemisch über 3 Wochen annähernd konstant, während es nach Vorbehandlung mit dem Antibiotikum allein über [Seite 74↓]den Beobachtungszeitraum zu einer kontinuierlichen Verringerung der antibakteriellen Aktivität kam. Diese Befunde wurden schließlich im in vivo-Experiment bestätigt, in dem die behandelten Dacronsegmente in die Aorta descendens von Hausschweinen implantiert wurden. Hier konnte sowohl eine erhöhte Infektresistenz gegen eine Bakteriämie mit S. aureus, als auch eine erhöhte lokale Antibiotikakonzentration für das Antibiotikum/Fibrinklebergemisch nachgewiesen werden.

Malassiney und Mitarbeiter untersuchten in verschiedenen synthetischen Gefäßprothesen die Aufnahme und Freisetzung von Rifampicin (MALASSINEY et al., 1996). Sie fanden eine besonders starke Freisetzung in den ersten drei Stunden nach Inkubation in einer Human-Albumin-Lösung von bis zu 68%. Nach 24 Stunden beobachteten sie wie im Versuch 1 der in vitro-Experimente eine Sättigungskinetik, jedoch auf einem Niveau von 2-5 % der Ausgangskonzentration. Interessanterweise konnten sie im in vivo-Experimenten am Hundemodell nach drei Tagen noch signifikante Rifampicin-Konzentrationen auf den Prothesen nachweisen, wobei die Konzentrationen in gelatinebeschichten signifikant höher waren als bei Kollagen-beschichteten Prothesen (p<0.02).

Muhl und Mitarbeiter untersuchten die Aufnahme- und Freisetzungskinetik von Vancomycin aus verschiedenen Dacron-Prothesen. In dieser Studie kam es nach einer Stunde zu einer Freisetzungen von 775μg/cm2 bis 3691μg/cm2 Prothesenmaterial. Bei den gelatinebeschichteten Prothesen konnte die Freisetzung vervierfacht werden, wenn die Prothesen für mehr als 24 Stunden in Vancomacin inkubiert wurden, was für andere Prothesen nicht nachgewiesen werden konnte. Die Freisetzung von Vancomycin in eine Plasmalösung konnte bis zu 72 Stunden gezeigt werden, wobei das Medium zweimal ausgetauscht wurde. Im in vivo-Experiment zeigten die Autoren, daß durch die Antibiotikabeladung weder die Einheilung noch die Neointimabildung beeinträchtigt werden.

Ein direkter Vergleich der verschiedenen Studien ist auf Grund der Heterogenität der Versuchsprotokolle nicht möglich. Im Vergleich zu den Allografts jedoch fällt eine deutlich raschere Freisetzung der Antibiotika aus den synthetischen Prothesen auf.

Darüber hinaus bieten Allografts die theoretische Möglichkeit, verschiedene Antibiotika gleichzeitig aufzunehmen ,womit ein polybakterielles Keimspektrum behandelt werden kann.


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4.3  Beantwortung der Fragestellung der Arbeit

Die eingangs gestellten Fragen können wie folgt beantwortet werden:

ad 1.Wie unterscheiden sich synthetische Prothesen von kryokonservierten Allografts bei der in situ-Behandlung von Protheseninfektionen im Bereich der Aorta ?

Wie an Hand der Ergebnisse der Gruppe II gezeigt wurde, sind unbehandelte kryokonservierte Aortenallografts resistenter gegen eine Reinfektion als synthetische Gefäßprothesen. Drei von sechs Protheseninfektionen konnten mittels kryokonservierter Aortenallografts ohne irgendeine lokale oder systemische Antibiotikagabe innerhalb von drei Wochen zur kompletten Ausheilung gebracht werden. Diese Allografts waren makroskopisch komplett inkorporiert. Die mikrobiologischen Untersuchungen waren negativ. Darüber hinaus zeigte sich in der Histologie ein deutlicher Rückgang der Entzündungsparameter im Vergleich zur Primärinfektion. Dies ist ein bemerkenswertes Ergebnis in sofern, als daß die Allografts in ein Gebiet mit einer floriden Infektion des Perigraftgewebes und der Anastomosen implantiert wurde, und alle Kontrollprothesen der Gruppe I am Versuchsende infiziert waren.

ad 2. Ist es möglich eine Infektion einer aortalen Gefäßprothese mittels eines allogenen in situ-Ersatzes zur kompletten lokalen Ausheilung zu bringen ?

Wie in der Versuchsgruppe II gezeigt wurde, führte der in situ-Ersatz einer Protheseninfektion mit einem kryokonservierten Allograft ohne jegliche Antibiotikagabe in der Hälfte der Fälle zu einer kompletten Ausheilung (siehe ad 1). Mit Antibiotika behandelte Aortenallografts (Versuchsgruppe III) führten in allen Fällen zu einer kompletten lokalen Ausheilung.


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ad 3.Welche Bedeutung kommt den Antibiotika, die bei der Kryokonservierung zur Dekontamination eingesetzt werden, bei der Infektionsbehandlung von Protheseninfektionen zu?

Wie in dieser Studie gezeigt wurde, ist die Resistenz kryokonservierter Allografts nicht komplett. So sind auch Aortenallografts grundsätzlich von der Persistenz der Perigraftinfektion und der konsekutiven Infektion des Grafts, selbst mit anderen Bakterien, die als Dekontaminanten während der septischen Reoperation auftreten können, bedroht. Die Beladung mit Antibiotika während der 48 stündigen Inkubation bei der Kryokonservierung, die zum Zwecke der Dekontamination durchgeführt werden, scheinen zur erhöhten Infektionsresistenz der Aortenallografts beigetragen zu haben, die in der Versuchsgruppe III beobachtet wurde.

ad 4.Welche Antibiotikakonzentration wird nach dem Kryokonservierungsprozeß in den Aortenallografts erreicht ?

Nach der Kryokonservierung, Auftauen und Waschen verblieben im Mittel 51.4 % des Vancomycins in den Aortenallografts. Dies entsprach einer mittleren Vancomycin-konzentration von 186.5 mg/kg.

ad 5.Wie sieht deren Freisetzungskinetik aus ?

In einer konstanten Humanalbumin-Lösung ist nach 24 Stunden ca. die Hälfte des Vancomycingehaltes der Allografts in die Humanalbumin-Lösung freigesetzt. Bei einer mittleren Vancomycin-Konzentration von 13.7 mg/l (+/-0.68) in der Humanalbumin-Lösung kam es zu einer Sättigungssituation. Die mittlere Vancomycin-Konzentration in den Allograftfragmenten betrug 84.4 mg/kg (+/- 19.9 mg/kg), ohne signifikanten Abfall über die Zeit (p=NS) ( Abb.13).


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In Versuch 2 kam es mit jedem Wechsel der Inkubationslösung zu einem exponentiellen Abfall der Vancomycinkonzentration in den Aortenallografts. Nach mehr als 72 Stunden, entsprechend einem dreimaligem Wechsel der Inkubationslösung, kam es zu keiner weiteren Freisetzung von Vancomycin. Nach 96 Stunden ließ sich in der Humanalbuminlösung kein Vancomycin nachweisen. Zu diesem Zeitpunkt betrug die mittlere Vancomycinkonzentration in den Allograftfragmenten 21.4 mg/kg.


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Sepsis involving a thoracic-aortic graft

is uniformly fatal

H. Najafi et al., Surgery 1969;65:543.


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07.10.2004