Kulig, Michael: Natürlicher Verlauf, Risikofaktoren und Prädiktion von allergischen Erkrankungen im Kindesalter
Natürlicher Verlauf, Risikofaktoren und
Prädiktion von allergischen Erkrankungen
im Kindesalter

Habilitationsschrift
zur Erlangung der Lehrbefähigung für das Fach
Epidemiologie

vorgelegt dem Fakultätsrat der Medizinischen Fakultät Charité
der Humboldt-Universität zu Berlin

von Dr. med. Michael Kulig ,
geboren am 24.11.1963 in München

Präsident: Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Mlynek

Dekan: Prof. Dr. Joachim W. Dudenhausen

Aus dem Institut für
Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie
des Charité Klinikums Campus Mitte
Medizinische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin
(Direktor: Professor Dr. med. Stefan N. Willich)


Arbeit eingereicht: 12/2001

Gutachter:
Prof. Dr. med. T. Schäfer
Prof. Dr. med. D. Michalk

Erlangung der Lehrbefugnis am 5.11.2002

Zusammenfassung

Anhand der Daten aus der "Multizentrische Allergie Studie" (MAS) wird der natürliche Verlauf allergischer Erkrankungen und die Zusammenhänge unterschiedlicher Expositionen auf die Entwicklung von Allergien zu untersucht, um daraus verbesserte therapeutische und präventive Maßnahmen ableiten zu können.

Methode

MAS ist eine prospektive multizentrische Geburtskohortenstudie. 1990 wurden in fünf deutschen Städten 1314 Neugeborenen und deren Familien eingeschlossen (499 Atopie-Risikokinder und 815 zufällig ausgewählte Kinder ohne Atopierisiko). Symptome und Erkrankungen, die Lebenssituation der Familie, Risikofaktoren und Labordaten wurden jährlich über 7 Jahre erhoben. Die Datenanalyse erfolgte mittels multivariater Regressionsmodelle.

Ergebnisse und Fazit

Für das Serum-Gesamt-IgE wurden populationsbasierte Perzentilen für die ersten sechs Lebensjahre berechnet, die als "Normwerte-Tabellen" interpretiert werden können. Eine allergische Sensibilisierung entwickelt sich hauptsächlich während der ersten Lebensjahre. Am frühesten bilden sich Sensibilisierungen gegen Nahrungsmittelallergene aus, nach dem dritten Geburtstag überwiegen Sensibilisierungen gegen Inhalationsallergene mit Prävalenzen von 10% bis 20%. Als signifikante Risikofaktoren für eine Sensibilisierung erwiesen sich die Exposition gegenüber Umwelt(schad)stoffen wie dem Tabakrauch (OR=2,3), latexhaltigen Materialien in Krankenhäusern (OR=2,4) und verschiedenen Allergenen. Der stärkste Zusammenhang zeigte sich zwischen einer Exposition mit Innenraumallergenen und einer Sensibilisierung gegen diese Allergentypen. Weitere Risikofaktoren waren die Bereitschaft des Organismus, sehr früh in den ersten 2 Lebensjahren erhöhte Niveaus von IgE im Serum auszubilden, und eine atopische Prädisposition. Als wichtigste Risikofaktoren für die Entwicklung einer allergischen Rhinitis erwiesen sich das männliche Geschlecht (OR=2,4), keine weiteren Geschwister (OR=2,0), eine Sensibilisierung gegen Nahrungsmittel (OR=3,3), eine atopischen Dermatitis (OR=2,5) und eine atopische Familienanamnese (OR=3,0).

Die prädiktive Wertigkeit einzelner Faktoren wurde gegeneinander abgegrenzt und das Atopierisiko bei unterschiedlichem Auftreten einzelner Prädiktoren berechnet. Trotz der guten prädiktiven Eigenschaften der Prädiktoren "hohes spezifisches IgE gegen Hühnerei" oder "dauerhafter Nachweis von IgE gegen Nahrungsmittel im Kleinkindalter" bedeutet die Verwendung dieser Parameter, dass eine Prädiktion frühestens 1-2 Jahre nach Geburt und erst nach wiederholter Bestimmung der IgE-Antikörper möglich ist. Auch wenn weiterhin Forschungsbedarf zur Allergieprävention besteht und die Wirksamkeit von einigen präventiven Maßnahmen noch systematisch evaluiert werden muss, sind auf einzelnen Feldern konkrete Handlungsanweisungen zur Prävention möglich.

Schlagwörter:
Allergie, Sensibilisierung, Kinder, natürlicher Krankheitsverlauf, Risikofaktor

Abstract

Using data from the German Multicenter Allergy Study (MAS), we investigated the natural course of atopic diseases and the relationship of varied exposures to the development of allergies in order to develop more effective therapeutic and preventative treatment strategies.

Methods

The MAS is a prospective multicenter birth cohort study. In the year 1990, a total of 1314 newborns and their families from five German cities were included in the study, including 499 infants at high risk for atopy and 815 randomly selected infants with no known risk factors for atopy. Over a period of seven years, data was collected annually regarding symptoms, illnesses, family living situation and environment, risk factors, and laboratory tests. For data analysis we used multivariate regression models.

Results and Conclusions

From birth to the age of six, total serum IgE levels were calculated annually as population-based percentiles, and can thus be interpreted as a table of standard values. Allergic sensitization generally occurred within the first few years of life. Sensitization to food allergens occurred earliest, whereas sensitization to aeroallergens predominated after the age of three (with a prevalence of 10-20%). Significant risk factors for allergic sensitization included exposure to environmental pollutants/substances such as tobacco smoke (OR=2.3) or latex-containing medical products (OR=2.4). With regard to the relationship between exposure and subsequent sensitization to a specific allergen, the strongest correlation was observed with indoor allergens. Other risk factors included the early development of elevated serum IgE levels within the first year of life and an atopic predisposition. The most important risk factor for the development of allergic rhinitis was male gender (OR=2.4), no siblings (OR=2.0), sensitization to a food allergen (OR=3.3), atopic dermatitis (OR=2.5), and a family history of allergic disease (OR=3.0). The predictive value of individual factors was determined and the risk of developing atopic diseases calculated for individual predictors. In spite of the good predictive qualities of the factors " high values of specific IgE to hen's egg" and "long-lasting sensitization to food allergens during infancy", reliable prediction using these parameters can only be made 1-2 years after birth at the earliest and following a repeated measurement of IgE antibodies. There is still need for further research in allergy prevention, and the effectiveness of a number of preventative measures has yet to be evaluated in a systematic manner. Nevertheless, the results of this and other studies can already help physicians develop clearer, evidence-based strategies in the prevention of allergic disease.

Keywords:
allergy, sensitization, children, natural course of disease, risk factor


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Inhaltsverzeichnis

TitelseiteNatürlicher Verlauf, Risikofaktoren und Prädiktion von allergischen Erkrankungen im Kindesalter
1 EINLEITUNG
1.1Immunologische Grundlagen und Definitionen
1.2Beschreibung allergischer Krankheitsbilder
1.3Epidemiologische Grundlagen
1.4Spezielle methodische Probleme in epidemiologischen Studien
1.5Genetische Disposition
1.6Allergene
1.7Allergien und Umwelteinflüsse
1.8Risikofaktoren
1.9Prädiktion
1.10Die Multizentrische Allergiestudie (MAS-90)
2 FRAGESTELLUNG in deN Vorgestellten ARBEITEN
2.1Natürlicher Verlauf des Serum-Gesamt-IgE, der spezifischen Sensibilisierung und allergischer Erkrankungen im Kindesalter
2.2Epidemiologische Untersuchungen zu Risikofaktoren
2.3Prädiktion allergischer Erkrankungen
2.4Epidemiologisch-methodische Aspekte am Beispiel des Recall Bias
3 RELEVANTE ORIGINALARBEITEN
3.1Natürlicher Verlauf des Serum-Gesamt-IgE, der spezifischen Sensibilisierung und allergischer Erkrankungen im Kindesalter
3.2Risikofaktoren für Allergien
3.3Prädiktion allergischer Erkrankungen
3.4Epidemiologisch-methodische Aspekte am Beispiel des Recall Bias
4 Diskussion
4.1Natürlicher Verlauf des Serum-Gesamt-IgE, der spezifischen Sensibilisierung und allergischer Erkrankungen im Kindesalter
4.2Risikofaktoren für Allergien
4.3Prädiktion allergischer Erkrankungen
4.3.1Methodische Probleme bei der Prädiktion von Krankheiten
4.3.2Evaluation von Prädiktorkandidaten in der Multizentrischen Allergiestudie
4.4Epidemiologisch-methodische Aspekte
4.4.1Auswahl des Studienkollektivs und dessen Bevölkerungsrepräsentativität
4.4.2Recall Bias
4.5Public-Health-Aspekte und Ausblick
5 ZUSAMMENFASSUNG
6.1ABKÜRZUNGEN
6.2TERMINOLOGIE
Bibliographie LITERATURVERZEICHNIS
Danksagung
Selbständigkeitserklärung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: 12-Monatsprävalenz von Symptomen
Der allergischen Rhinitis bei 13- bis 14-Jähri
gen erhoben mittels schriftlichem Fragebogen
(in % für jedes einzelne Zentrum pro Land)
Abb. 2: 12-Monatsprävalenzen von
Asthma-Symptomen bei 13- bis 14-Jähri
gen erhoben mittels Video-Fragebogen
(in % für jedes einzelne Zentrum pro Land)
Abb. 3: Determinanten allergischer Erkrankungen (nach Behrendt 1995 )
Abb. 4: Verteilungskurven des Gesamt-IgE bei 6-jährigen atopischen und nicht-atopischen Kindern (Ngesamt=476; zur besseren Darstellbarkeit wurden die IgE-Werte logarithmisch transformiert, nach Kulig 1999b)

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Fri Feb 7 16:00:47 2003