Lau, Susanne: Die Entwicklung des kindlichen Asthma bronchiale unter der besonderen Berücksichtigung der Innenraumallergen-Exposition

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Kapitel 5. Zusammenfassung

Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen und des Asthma bronchiale im Kindesalter hat insbesondere in westlichen Industrienationen während der letzten 25 Jahren zugenommen. Als Erklärung für diesen Trend kommen veränderte Umwelt- oder Lebensstilfaktoren in Betracht, die die Suszeptibiltät von atopisch prädisponierten Individuen erhöhen können. Veränderte Wohnbedingungen in sogenannten Niedrigenergiehäusern mit einer hohen relativen Luftfeuchtigkeit und niedrigen Luftaustauschraten haben zu einer erheblichen Exposition gegenüber Innenraumallergenen der Hausstaubmilben Dermatophagoides pteronyssinus und farinae geführt. Menschen verbringen in zunehmendem Maße einen Großteil des Tages in Innenräumen, Erwachsene ca. 95% und Kinder 80-90% der Tageszeit. Daher könnte vermutet werden, dass Innenraumfaktoren in einem größeren Maße speziell auf den in einer Stadt lebenden Menschen einwirken als noch vor 30 Jahren und ursächlich an der Prävalenzzunahme der Atopie und obstruktiver Atemwegserkrankungen beteiligt sind.

Ziel der Arbeit war es, in Querschnitts- und prospektiven Longitudinaluntersuchungen die Exposition gegenüber Innenraumallergenen aus Hausstaub zu analysieren und in Bezug zu spezifischer Sensibilisierung und Entstehung allergischer Atemwegserkrankungen zu setzen. Da bei atopischen Krankheitsmanifestationen eine Krankheitsentität multifaktorieller Genese angenommen wird, eignete sich die prospektive longitudinale Neugeborenenkohorte der Multizentrischen Allergiestudie (MAS bzw. MAS-90) in besonderem Maße, den natürlichen Verlauf atopischer Erkrankungen und die Dosis-Wirkungsbeziehung von Allergenexposition speziell unter Berücksichtigung von Dosis und Dauer der Exposition und in Hinblick auf atopische Manifestationen zu studieren. Hierbei war der Zusammenhang zwischen Innenraumallergenbelastung im Reservoirstaub und Enstehung des kindlichen Asthma bronchiale von besonderem Interesse, aber auch der Einfluss von Tabakrauchexposition und frühkindlichen Infektionen auf die Manifestation atopischer Erkrankungen im Kindesalter.

Von den 1314 Neugeborenen, die 1990 in die MAS-Kohorte aufgenommen wurden, wiesen 499 (38%) ein erhöhtes Risiko für eine atopische Erkrankung auf, d. h. wenigstens 2 Verwandte ersten Grades hatten eine atopische Manifestation bzw. das Kind hatte ein erhöhtes Nabelschnur IgE >0,9 kU/L. Die Kohorte war somit nicht populationsbezogen sondern Risiko-angereichert. Im ersten Lebensjahr wurden die Kinder viermal klinisch hinsichtlich atopischer Manifestationen untersucht, daraufhin folgten jährliche Untersuchungen sowie regelmäßige Blutentnahmen und Sammlungen von Hausstaubproben zur


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Innenraumallergenanalyse (Majorallergene der Hausstaubmilbe Der p 1, Der f 1, Katzenallergen Fel d 1). Zum Zeitpunkt des 7. Geburtstages waren noch 939 Kinder (71,5%) in der Kohorte, und es wurden mehrere Fragebögen u. a. der ISAAC-Fragebogen beantwortet. Bei 800 Kindern wurde eine Bodyplethysmographie sowie bei 645 Kindern eine Histaminprovokation durchgeführt. Bei 648 Kindern lagen komplette Informationen über die Innenraumallergenbelastung in den ersten 3 Lebensjahren sowie über spezifisches Serum-IgE und ISAAC-Fragebogen zum Zeitpunkt des 7. Geburtstages vor.

Am 7. Geburtstag berichteten 94 von 938 Kindern (10%) über obstruktive Atemprobleme in den vergangenen 12 Monaten ("current wheeze"). 47 dieser Kinder hatten bereits vor dem 3. Geburtstag Episoden einer obstruktiven Bronchitis, und bei 66 von 94 Kindern (70% der Asthmatiker) konnte eine spezifische Sensibilisierung gegen Inhalations- oder Nahrungsmittelallergene im Alter von 7 Jahren nachgewiesen werden. Bei 6% (57 von 938) lag eine vom Arzt gestellte Diagnose eines Asthma bronchiale vor. "Jemals obstruktive Atemprobleme" hatten 163 von 938 Kindern (17,4%). Damit war die Asthmaprävalenz trotz Anreicherung mit Familien, die eine atopische Krankheitsmanifestation aufwiesen, mit anderen epidemiologischen Untersuchungen vergleichbar (Weiland 1999b, Rusconi 1999).

Für die Entstehung des Asthma bronchiale stellte die Sensibilisierung gegen Milben- und Katzenallergene einen größeren Risikofaktor dar als beispielsweise eine Pollensensibilisierung (Sears 1989). In der deutschen MAS (Multizentrische Allergiestudie) berichteten 28% der sensibilisierten Kinder über obstruktive Atembeschwerden im 7. Lebensjahr, während in der nicht-sensibilisierten Gruppe lediglich 8% der Kinder eine pfeifende Atmung hatten. 110 Kinder wiesen eine spezifische Sensibilisierung gegen Hausstaubmilben und 60 gegen Katzen zum Zeitpunkt 7. Geburtstag auf. Kinder mit spezifischer Sensibilisierung gegen Innenraumallergene hatten eine signifikant erhöhte bronchiale Hyperreaktivität verglichen mit den Kindern ohne Sensibilisierung gegen Inhalationsallergene bzw. lediglich mit Pollensensibilisierung.

Die spezifische Sensibilisierung gegen Hausstaubmilben bzw. Katzenallergene (spezifisches Serum-IgE) war hoch signifikant mit der häuslichen Allergenexposition zum Zeitpunkt 3. und 7. Geburtstag assoziiert (Wahn 1997, Lau 2000). Die Gruppe der Kinder mit hoher Milbenallergenexposition (Median >981-240000 ng/g) zeigte eine Sensibilisierungsrate gegenüber der Hausstaubmilbe von 13,5%, während die Kinder mit niedriger Exposition lediglich eine Sensibilisierungsrate von 4% aufwiesen (p<0,0001).


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Trotz der Beziehung zwischen Innenraumallergen-Exposition und spezifischer Sensibilisierung einerseits, und Innenraumallergen-Sensibilisierung und Asthma andererseits, ist die direkte Assoziation zwischen Exposition und Asthma nicht eindeutig nachzuweisen. Auch in der multiplen Regressionsanalyse nach Stratifizierung der Kinder gemäß atopischer Familienanamnese, spezifischer Katzen- bzw. Milbensensibilisierung bzw. atopischer Dermatitis und Nahrungsmittelallergie ergab sich keine Assoziation zwischen Innenraumallergenbelastung und Asthma bronchiale zum Zeitpunkt 7. Geburtstag. Wir sahen des weiteren auch keine Beziehung zwischen Beginn obstruktiver Atembeschwerden und Schweregrad des Asthma bronchiale (ausgedrückt als Anzahl der Episoden pro Jahr), wohl aber zwischen Beginn des Asthma bronchiale und Ruhelungenfunktion. Auch ergab sich kein Einfluss der Innenraumallergenbelastung auf die Ruhelungenfunktion bzw. die bronchiale Hyperreaktivität, gemessen als FEV1-Abfall nach Histaminprovokation (Niggemann 2001). Es mag auf den ersten Blick verwirrend sein, dass sich aus den dargestellten Daten eine Diskrepanz zwischen allergischer Immunantwort und organbezogener Manifestation des Asthmas ergibt. Asthma bronchiale im Kindesalter ist zwar in ca. 70-80% mit einer allergischen Sensibilisierung assoziiert, jedoch sind allergische Immunantwort und Manifestation der obstruktiven Atemwegserkrankung gesonderte Entitäten, die interagieren aber getrennten Regulationsmechanismen unterliegen. Dies dämpft die Erwartung, durch Allergenvermeidung im frühen Kindesalter atopische Krankheitsmanifestationen zu verhindern.

Intrauterine Tabakrauchexposition stellte sich als Risikofaktor hinsichtlich Sensibilisierung, späterem Asthma und der Ruhelungenfunktion heraus. Frühkindliche Infektionen wie z. B. Rhinitis in den ersten drei Lebensjahren hingegen hatten einen protektiven Einfluss auf die Enstehung eines späteren Asthma bronchiale und einer spezifischen Sensibilisierung. Dies deutet daraufhin, dass die Th1-Stimulation des Immunssystems zumindest im frühen Kindesalter die Empfänglichkeit für allergische Erkrankungen günstig beeinflussen kann.

Die Milben- und Katzenallergenkonzentration in Teppichen lag im niedrigen Expositionsbereich. Es konnte ein schwach signifikanter Anstieg der Milbenallergenbelastung über die Zeit beobachtet werden, was vermutlich mit der wachsenden Anzahl der Familienangehörigen assoziiert ist. Familien mit hohem Sozialstatus (Bildung) wiesen eine signifikant niedrigere Milbenallergenexposition auf als Familien mit einem niedrigen Sozialstatus. Auch war niedriger Sozialstatus ein schwacher Risikofaktor für Asthma bronchiale, während hoher Sozialstatus ein Risikofaktor für das atopische Ekzem war. Die Allergenexposition auf Matratzen zum Zeitpunkt 5. Geburtstag der Kinder lag um den Faktor 10 höher (5,6 µg/g Staub) und somit im Bereich der vorher publizierten Werte aus dem Berliner


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Raum (Lau 1989, Kühr 1994b). Zum Zeitpunkt 6 und 18 Monate wurde kein Unterschied zwischen Familien mit und ohne atopische Familienanamnese in Hinblick auf Milben- und Katzenallergenbelastung beobachtet. Haushalte, in denen Katzen gehalten wurden, wiesen ungleich höhere Katzenallergenkonzentrationen auf als Haushalte ohne Katzen (Fel d 1: 20 µg/g versus 0,046 µg/g, p<0,0001). Trotzdem beeinflusste das Halten von Haustieren nicht die Prävalenz des Asthma bronchiale bzw. die Stärke der bronchialen Hyperreaktivität.

Bezüglich der effektiven Innenraumallergenreduktion zeigte sich, dass lediglich milbendichte Matratzenüberzüge Milbenallergenbelastungen auf Matratzen signifikant vermindern konnten, was auch klinisch im Sinne einer Tertiärprävention zum Abfall der unspezifischen bronchialen Hyperreaktivität bei Kindern mit Milbenallergie und Asthma bronchiale führte. Insofern stellt die Innenraumallergenvermeidung eine sinnvolle Tertiärpräventionsstrategie dar. Hinsichtlich der Primärprävention bleibt abzuwarten, ob Allergenvermeidung in frühster Kindheit wirklich die Prävalenz von Asthma senken kann oder lediglich einen günstigen Einfluss auf die Entstehung einer spezifischen Sensibilisierung bei atopisch Prädisponierten und somit auf den Verlauf eines Asthma bronchiale hat.


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Wed Oct 2 9:58:20 2002