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7  Erläuterungen zum Verständnis der Effektmaßdarstellungen

Die folgenden Erläuterungen sollen Lesern, die in der Interpretation von Effektmaßen und deren graphischer Darstellung nicht geübt sind, das Verständnis der mithilfe der Cochrane Collaboration Review Manager Software erzeugten Abbildungen bzw. Darstellungen erleichtern.

1. Dichotome Maße

Dichotome Effektmaße (d.h. Effektmaße zu ja/nein-Daten) werden in der vorliegenden Monographie als relative Risiken bzw. als Reponderratios (RR) dargestellt. Die Berechnung wird anhand der ersten Studie in Abbildung 1 (Borgesen) erklärt. In dieser Studie waren 14 von 30 in der Verumgruppe (Spalte Treatment) behandelten Patienten Responder. Der Responderanteil in der Verumgruppe beträgt also 14/30 = 46,7%. In the Placebogruppe (Spalte Control) waren 9 von 30 Patienten Responder, dementsprechend war der Responderanteil 9/30 = 30%. Zur Ermittlung der Responderratio wird der Responderanteil in der Verumgruppe (46,7%) durch den Responderanteil in der Placebogruppe (30%) dividiert. Dies ergibt den Wert 1,56. Dieser Wert ist in der graphischen Darstellung durch das Quadrat wiedergegeben und in der letzten Spalte als Zahl angegeben.

Abbildung 7.1: Responderratios in Studien Propranolol vs. Placebo

(Abbildung aus Cochrane Collaboration Review Manager Software, Version 4.1)
n = Anzahl Responder, N = Anzahl Patienten in der jeweiligen Gruppe, RR = Responderratio, 95%CI fixed = 95% Konfidenzintervall


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Insbesondere die graphische Darstellung erlaubt eine intuitive Erfassung der gesamten Studienergebnisse. Für jede Studie wird nach dem obengenannten Vorgehen die RR berechnet. Bei Studien, bei denen unter Verum mehr Patienten Responder sind als unter Placebo, ergibt sich immer eine RR größer als 1. Sind unter Verum und Placebo die Responderanteile gleich (z.B. jeweils 50%), so ist die RR = 50%/50% = 1. Eine RR = 1 steht also für gleiche Erebnisse in beiden Gruppen; der Wert ist durch die senkrechte Linie in der Graphik markiert. Ist Verum Placebo unterlegen, ergibt sich ein Wert unter 1, z.B. bei einer Responderrate von 25% unter Verum und 50% unter Placebo der Wert 0,5.

Die waagrechten Linien um das Quadrat stellen das 95% Konfidenzintervall der jeweiligen RR dar. Berührt die waagrechte Linie die senkrechte Linie nicht (schließt das Konfidenzintervall also den Wert 1 nicht ein) ist der Unterschied zwischen Verum (Treatment) und Placebo (Control) statistisch signifikant (p < 0,05).

So läßt sich aus Abbildung 1 sofort erkennen, dass in allen Studien Propranolol zumindest tendenziell einer Placebobehandlung überlegen, der Unterschied aber nur in 5 Studien (Diamond, Malvea, Tfelt-Hansen, Weber und Wideroe) statistisch signifikant war.

Allerdings ist zu beachten, dass es vom Zielparameter abhängt, ob im jeweiligen Fall Werte größer als 1 eine Überlegenheit oder eine Unterlegenheit darstellen. Ist der Zielparameter ein positives Ereignis (z.B. Response) spricht man von einer Responderratio und Werte größer 1 sprechen für eine Überlegenheit der Verum- bzw. Testgruppe. Ist der Zielparameter jedoch ein negatives Ereignis (z.B. Tod) spricht man von einem relativen Risiko und Werte größer 1 stehen für ein schlechteres Ergebnis in der Verum- bzw. Testgruppe. So werden in der Abbildung 4 z.B. die in den einzelnen Studien beobachteten relativen Risiken des Auftretens von Nebenwirkungen unter Placebo und anderen Substanzen verglichen. In der ersten Studie von Albers traten bei 15 von 20 Propranololpatienten (75%) Nebenwirkungen auf, unter Flunarizin dagegen bei 20 von 20 Patienten (100%). Daraus ergeibt sich eine RR von 0,75 (95%-Konfidenzintervall 0,58-0,97), d.h. Nebenwirkungen waren unter Propranolol signifikant seltener.


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Abbildung 7.2: Relative Risiken bzgl. des Auftretens von Nebenwirkungen in Studien Propranolol vs. andere Substanzen

(Abbildung aus Cochrane Collaboration Review Manager Software, Version 4.1)
n = Anzahl Responder, N = Anzahl Patienten in der jeweiligen Gruppe, RR = relatives Risiko, 95%CI fixed = 95% Konfidenzintervall

2. Intervall- und kontinuierliche Maße

Die Ergebnisse zu Parametern mit Intervall- oder kontinuierlicher Skalierung (z.B. Anzahl der Kopfschmerztage, Intensitätsscores) werden in der vorliegenden Monographie als standardisierte Mittelwertsdifferenzen dargestellt. Dabei wird die Differenz zwischen den Mittelwerten der Test- und Kontrollgruppe durch die „gepoolte“ Standardabweichung (d.h. es wird eine „gemeinsame“ Standardabweichung beider Gruppen berechnet) geteilt. Dieses Maß hat den Vorteil, dass mit verschiedenen Methoden gemessene Parameter auf dasselbe Darstellungsformet gebracht werden können, hat aber den Nachteil, dass es nicht intuitiv verständlich ist. Allgemein werden standardisierte Mittelwertsdifferenzen von bis zu 0,3 (Standardabweichungen) als kleine Effekte interpretiert, Werte von 0,4 bis 0,6 als mittlere Effekte und Werte von 0,7 und mehr als große Effekte. Jedoch kann auch eine Studie mit geringer Mittelwertsdifferenz bei kleiner Standardabweichung eine große standardisierte Mittelwertsdifferenz haben.

In Abbildung 3 werden z.B. die standardisierten Mittelwertsdifferenzen (SMD) für Kopfschmerz-Häufigkeitsmaße verwendet. Seltenere Kopfschmerzen sind erwünscht, eine negative Mittelwertsdifferenz steht daher für eine Überlegenheit der Testgruppe. In der Studie von Albers [Seite 158↓]traten in der Testgruppe (Propranolol) häufiger Kopfschmerzen auf als in der mit Nifedipin behandelten Kontrollgruppe. Der SMD-Wert beträgt hier 0,80 Standardabweichungen, das entsprechende 95%-Konfidenzintervall ist –0,16 bis 1,76 (der Unterschied schließt den Wert 1 ein, ist also nicht signifikant). Wie in Abbildung 3 schnell zu erkennen ist, ergab sich nur bei einer einzigen Studien ein signifikanter Unterschied (Kjaesgard).

Abbildung 7.3: Standardisierte Effektgrößen zu Häufigkeitsmaßen in Studien Propranolol vs. andere Substanzen

(Abbildung aus Cochrane Collaboration Review Manager Software, Version 4.1) n = Anzahl Patienten in der jeweiligen Gruppe, mean (sd) = Mittelwert (Standardabweichung), SMD = standardisierte Mittelwertsdifferenz, 95%CI fixed = 95%-Konfidenzintervall


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04.08.2004