| Petersen, Iver: Genetik von Karzinomen des Respirationstraktes: Korrelation Genotyp - Phänotyp |
4
Karzinome des oberen und unteren Respirationstraktes haben bei weitem die höchste Inzidenz aller Malignome des Menschen. Sie nehmen in der großen Mehrzahl der Fälle ihren Ausgang vom Oberflächenepithel und weisen insbesondere bezüglich der Ätiologie große Gemeinsamkeiten auf. Entscheidendes Kanzerogen ist dabei der Zigarettenrauch, der über die Inhalation auf den gesamten Respirationstrakt wirkt. Als Mutagen schädigt es direkt das Genom der Epithelzellen beispielsweise durch die Bildung von DNA-Addukten des Benzpyrens (Denissenko et al. 1996). Bei den Karzinomen der Kopf-Hals-Region kommt als wichtigstes Co-Kanzerogen der Alkohol hinzu. Die Wirkung beruht vornehmlich auf höherprozentigem Äthanol, der zur lokalen Reizung und Schädigung des Epithels führt. Dies wiederum verursacht einen Proliferationsstimulus mit vermehrter Zellteilung und gesteigerter DNA-Synthese, die über Replikationsfehler mit einer erhöhten Mutationsrate verbunden ist.
Entsprechend dem die Atemwege auskleidenden Epithel handelt es sich bei den Karzinomen des oberen Respirationstraktes vornehmlich um Plattenepithelkarzinome. Demgegenüber zeigen die Karzinome der Lunge eine größere histologische Vielfalt. Neben Plattenepithelkarzinomen treten vornehmlich in der Lungenperipherie Adenokarzinome auf. Zusammen mit den Großzelligen Karzinomen, die histogenetisch sowohl Ähnlichkeiten mit den Adenokarzinomen als auch den Plattenepithelkarzinomen zeigen können, bilden sie die Gruppe der nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinome. Von dieser Gruppe, die ca. 80% aller malignen Lungentumoren ausmacht, muß das kleinzellige Bronchialkarzinom abgegrenzt werden.
Es tritt häufig ohne längeres Prodromalstadium auf und neigt zu einer frühzeitigen Metastasierung, die unbehandelt rasch zum Tode führt. Jedoch ist es durch das initial gute Ansprechen auf Chemo- und Radiotherapie in der Regel möglich, eine Remission zu erzielen. Sie bietet dem Patienten eine zusätzliche Lebensspanne von
5
etwa 6 bis 12 Monaten, die es zumindest erlaubt, die eigenen Lebensverhältnisse und die der Angehörigen zu ordnen.In Tabelle
sind die wichtigsten klinisch-pathologischen Parameter von Karzinomen des oberen und unteren Respirationstraktes zusammengefaßt.
Tab. 1:Karzinome der Lunge und der Kopf-Hals-Region im Vergleich
|
|
HNO |
Lunge |
|
Inzidenz |
~30 auf 100.000 | ~70 auf 100.000 |
| Ätiologie | Nikotinabusus (Kofaktor Alkohol im HNO-Bereich) | |
| Alter / Geschl | Männer > Frauen / ~60. Lebensjahr | |
| Histotypen | SCC |
Adeno ~ SCC > SCLC > LCLC |
| Verteilung | Mundhöhle > Larynx / Hypo pharynx > Oropharynx | zentral (v.a. SCC / SCLC) peripher (v.a. Adeno / LCLC) |
| Biologie | LK-Metastasen: obere mittlere untere jug. Gruppe) |
Hämatogene Metastasen:
Leber > Knochen > NN > ZNS ... Heterogenität, Paraneoplasien |
| Therapie | Chirurgie (auch Laser) Radiotherapie | NSCLC: falls mögl. Chirurgie +/- Radio-/Chemotherapie SCLC: Chemo- / Radiotherapie |
| Hauptproblem | Lokalrezidiv | Systemische Disseminierung |
| Prognose | ~60% Überleben (Larynx > Oropharynx/Mundhöhle) | ~15% Gesamtüberleben, nur ~35-40% aller T1/ T2-Karzinome~ nach kurativer Therapie |
zusammengestellt aus DeVita et al. 1997
Generell müssen bei der klinisch-pathologischen Klassifikation von Karzinomen zwei Aspekte berücksichtigt werden. Neben dem morphologischen Phänotyp ist das biologische Verhalten des Tumors bzw. einzelner Tumorzellen zu unterscheiden. Letzteres prägt den klinischen Verlauf der Erkrankung. Das Hauptproblem ist zumeist die Metastasierung. Sie entscheidet in der Regel über das Schicksal eines Patienten.
6
Morphologischer und biologischer Phänotyp sind häufig miteinander assoziiert. So neigen das kleinzellige Bronchialkarzinom, wie bereits erwähnt, sehr stark zur Metastasierung. Weitere Beispiele sind die paraneoplastischen Syndrome, welche oft an einen bestimmten Histotyp gekoppelt sind. Eine Übersicht gibt
Tab. 2: Paraneoplasien in Assoziation mit Bronchialkarzinom-Histotypen
|
Paraneoplasi |
Tumortyp |
|
Cushing Syndrom (ACTH) |
SCLC, Karzinoid |
|
Karzinoid-Syndrom |
Karzinoid, SCLC |
|
Hyponatriämie (ADH) |
SCLC |
|
Hyperparathyreoidismus (PTH, PTHrP) |
SCC |
|
Gynäkomastie (HCG) |
Alle Typen |
|
Trommelschlägelfinger und hypertrophe |
unabhängig vom Typ, |
|
pulmonale Osteoarthropathie |
v.a. durch Nähe zur |
|
(Pierre-Marie-Bamberger-Syndrom) |
Pleura bestimmt |
|
Mentale Syndrome (toxische Konfusions- |
SCLC |
|
Psychosen) |
|
|
Kortikale cerebrale Degeneration |
Alle Typen |
|
Enzephalomyelitis |
SCLC |
|
Sensorische Neuropathie |
SCLC |
|
Myopathisches-myasthenisches Syndrom |
SCLC |
|
(Lambert-Eaton-Syndrom) |
|
|
Störungen der Hämostase |
Alle, bei Adeno gehäuft |
adaptiert nach Rosai 1996
Die Histologie hat entscheidend zum Verständnis und zur Klassifikation von Tumoren beigetragen. Zudem ist sie in der Lage, rein deskriptiv, biologische Phänotypen zu definieren, wie beispielsweise intraepitheliales Wachstum, Lymph- und Blutgefäß
7
-invasion. Problematisch für eine definitive histologische Klassifizierung ist die Tumorheterogenität, die insbesondere bei Lungenkarzinomen oft zu beobachten ist (Müller & Fisseler-Eckhoff 1989). Zwei Beispiele für intratumorale Heterogenität sind in Abb. 1 dargestellt. Sie zeigen ein Plattenepithel- und ein Adenokarzinom der Lunge, welche zusätzlich eine Komponente mit kleinzelliger Differenzierung aufweisen.Der morphologischen Klassifikation sind Grenzen gesetzt, die durch die Auflösung der Methode bedingt sind. Sie betreffen insbesondere Fragestellungen, die sich aus der zugrundeliegenden genetischen Verschlüsselung der Zellen ergeben.
So ist bei einigen Tumoren der histogenetische Ursprung noch nicht geklärt. Für das kleinzellige Bronchialkarzinom wird z.B. angenommen, daß es sich aus neuroendokrinen Vorläuferzellen des Bronchialtraktes, den sog. Kulchitsky Zellen, entwickelt. Die Tatsache, daß morphologische Übergangsformen, wie in
dargestellt, existieren, läßt jedoch an dieser Hypothese zweifeln. Ebenso sind als Stammzellen normale proliferationsaktive Epithelien vorstellbar, die erst im Rahmen der malignen Transformation eine neuroendokrine Differenzierung annehmen.
8
Eine klinisch relevante Aufgabe für den Pathologen ist die Beurteilung des biologischen Verhaltens eines Tumors, d.h. dessen Aggressivität, das Potential zur Metastasierung oder das Ansprechen auf eine bestimmte Therapie. Antworten zu diesen Fragen lassen sich in der Regel nicht aus dem histologischem Bild ablesen. Sie bedürfen des Verständnisses der Biologie und dabei an ersten Stelle der ihr zugrundeliegenden genetischen Läsionen. Ziel ist es daher, zusätzlich zur histologischen Beurteilung von Tumoren, Methoden zu erarbeiten, die einen Überblick über das maligne Potential eines Tumors geben, also prädiktiv sind, und somit auf die Wahl der Therapiekonzepte einwirken können.
Das Thema der vorliegenden Arbeit ist die Erarbeitung von Korrelationen zwischen Phäno- und Genotyp von Karzinomen des Respirationstraktes.
© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
|
DiDi DTD Version 1.1 a subset from ETD-ML Version 1.1 |
Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin |
HTML - Version erstellt am: Wed Feb 2 10:26:49 2000 |