Eine der grundlegendsten Entdeckungen der modernen experimentellen Medizin gelang William Harvey, als er 1628 in Kapitel 14 seiner „Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus“ nicht nur das Herz als Pumpe beschrieb, welches Blut in alle Teile des Körpers befördert, sondern auch erkannte, daß das Blut wieder zurück zum Herzen fließt. Obwohl die Existenz kapillarer Austauschgefäße zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt war (sie wurden erst 1661 durch Malpighi beschrieben), formulierte Harvey bereits die Hypothese, daß das Blut der nutritiven Versorgung der verschiedenen Gewebe des Organismus diene, eine Vorstellung, die bereits vor mehreren hundert Jahren das heutige Verständnis einer der Grundfunktionen des kardiovaskulären Systems vorwegnimmt. Harveys Ansatz, die Gesetze der Mechanik zur Beschreibung der Eigenschaften des Herz- Kreislaufsystems heranzuziehen (er ermittelte beispielsweise durch Stauung großer Venen das stündlich durch das Herz gepumpte Blutvolumen), stimulierte wesentlich die Ergänzung vorwiegend strukturorientierter anatomischer Ergebnisse durch funktionsorientierte Systemeigenschaften. Dieser äußerst fruchtbare Ansatz, Grundstein für die Bildung der Physiologie als eigenständiges Fachgebiet, führte zu dem heute gültigen Verständnis des Kreislaufs als eines mehrfach rückgekoppelten und kontrollierten, lebenswichtigen, Versorgungs-, Verteilungs- und Entsorgungssystem. Obwohl mit der ersten direkten Bestimmung des Blutdrucks durch Hales [1] und der, auf Newtons theoretischen Ausarbeitungen basierenden, Schaffung der Grundlagen zur Beschreibung der Strömungsvorgänge in Röhrensystemen [2-4] schon früh die Basis zum Verständnis der Blutdruckregulation enstand, ist es bis heute nicht gelungen eine Theorie zu entwickeln, die eine generell anwendbare kausale Therapie pathologischer Veränderungen der Blutdruckregulation, wie der Hypertonie, ermöglicht. Die Dringlichkeit der Klärung dieser Frage und ihre zentrale Bedeutung für die praktische Medizin wird durch die Todesursachenstatistik der Industrienationen unterstrichen. So sind in Deutschland fast 50%, unter den Älteren (>65 Jahre) sogar über 90%, der Todesfälle allein auf Erkrankungen des kardiovaskulären Systems zurückzuführen [5]. Aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung ist abzusehen, daß in den Industrienationen in den kommenden Jahrzehnten eine weitere starke Bedeutungszunahme dieser Erkrankungen eintreten wird.
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Heute werden Bilanzstörungen im Elektrolyt- und Wasserhaushalt als wesentliche Ursachen langfristig veränderter Blutdruckwerte angesehen [6,7]. Dabei wird der Niere als Regelelement der Elektrolyt- und Flüssigkeitsausscheidung eine zentrale Rolle zugeschrieben. Vorwiegend methodische Limitierungen führten bei den Untersuchungen dazu, daß die Bedeutung kurzfristiger Änderungen der Blutdruckdynamik und des Gefäßsystems gegenüber Veränderungen des mittleren Blutdruckes als vernachlässigbar angesehen wurden. Da die Elastizität der Gefäßwände von der momentanen Gefäßweite beeinflußt wird, induziert eine Erhöhung des arteriellen Mitteldrucks Impedanzänderungen im Gefäßsystem. Hierdurch kommt es zu starken Veränderungen dynamischer Komponenten des Blutdrucks und damit auch der Durchblutung. Neuere epidemiologische Untersuchungen legen nahe, daß bei Hypertonikern bestimmte Änderungen der Blutdruckdynamik - auch unabhängig vom arteriellen Mitteldruck - große Bedeutung für die Entstehung von Endorganschäden haben können [8,9]. Auch scheint der Schweregrad und die Prognose der chronischen Herzinsuffizienz, die wesentlich vom Wasser- und Elektrolythaushalt mitbestimmt werden, mit Veränderungen der Blutdruckdynamik zu korrelieren [10]. Eines der zentralen Anliegen der Untersuchungen zu dieser Habilitationsarbeit war es daher, Interaktionen zwischen Veränderungen der Blutdruck- und Durchblutungsdynamik und renalen Mechanismen der Volumen-, und Elektrolythomöostase als mögliche Ursachen der Hypertonieentstehung zu untersuchen.
Lange bevor die Verfahren der Spektrumanalyse zur Beschreibung dynamischer Eigenschaften des kardiovaskulären Systems entwickelt waren, beschrieben bereits Mayer, Traube und Hering das Auftreten spontaner Blutdruckschwankungen, die deutlich langsamer als die Herzfrequenz sind [11-13]. Die Ergebnisse konnten, entsprechend den damals vorhandenen Möglichkeiten, nicht unter Ruhebedingungen erhoben werden (üblich war der Akutversuch, wobei Bewegungen des Tieres durch eine Muskelrelaxation und meist eine zusätzliche Fixierung verhindert wurden). Eine Messung am chronisch instrumentierten Tier war noch nicht möglich. Obwohl aus den Untersuchungen hervorging, daß die von Mayer gefundenen Blutdruckschwankungen deutlich größere Periodendauern aufwiesen als diejenigen der anderen Untersucher, versuchte Mayer seine Beobachtungen zunächst in die bereits bekannten Phänomene einzuordnen. Erst einige Jahre später wurde darauf hingewiesen, daß eine eindeutige Unterscheidung der Mayer- Wellen von den durch Hering und Traube beschriebenen Blutdruckoszillationen möglich und sinnvoll ist [14]. Heute hat sich die Beschreibung der Blutdruckschwankungen entsprechend ihrer Frequenz durchgesetzt. Da inzwischen bekannt ist, daß die Nichtlinearitäten (beispielsweise des Barorezep[Seite 4↓] torenreflexes) zu einer Vielzahl von Oberschwingungen führen können, ist diese rein phänomenologische Einteilung vorsichtig zu interpretieren [15]. Dies muß insbesondere bei dem Versuch, einer bestimmten Komponente des Spektrums ein Regelsystem als physiologisches Korrelat zuzuordnen, beachtet werden (siehe unten). Entsprechend der genannten Einteilung unterscheidet man heute im allgemeinen die langsameren Mayer- Wellen von den im Bereich der Atemfrequenz lokalisierten Hering- oder Traube- Wellen [16-22]. Daneben werden noch die sehr langsamen zirkadianen und ultradianen Rhythmen sowie deutlich schnellere Schwankungen, die beispielsweise im Bereich der Herzfrequenz angesiedelt sind, unterschieden [23-26]. In den letzten Jahren waren insbesondere die Herkunft und die diagnostische Verwendbarkeit rhythmischer Schwankungen von Blutdruck und Herzfrequenz Ziel eingehender Untersuchungen [18,27-32]. Dennoch konnte eine zweifelsfreie Zuordnung der verschiedenen Oszillationen zu ihren Ursachen in vielen Fällen bisher nicht vorgenommen werden [33-35]. Eine nicht unwesentliche Rolle dürfte dabei spielen, daß die beobachtbaren Oszillationen immer eine Mischung der Aktionen und Interaktionen verschiedener Regelsysteme und äußerer Einflüsse, wie beispielsweise Aktivitätszustand und Nahrungsaufnahme, sind. Erschwerend kommt hinzu, daß durch das nichtlineare Verhalten der Einzelsysteme hervorgerufene höherfrequente Anteile im Spektrum sich mit den Grundfrequenzen anderer Systeme überlagern können. Im entstehenden Gesamtspektrum können diese Überlagerungen meist nicht mehr sicher von den Grundfrequenzen anderer Systeme unterschieden werden. Der Versuch der eindeutigen Zuordnung zu einer einzigen Ursache ist deshalb eher erfolgversprechend, wenn es sich um ein lokal agierendes System, wie beispielsweise kurzlebige vasoaktive Substanzen, handelt. Bei größeren Systemen, wie beispielsweise dem Barorezeptorenreflex, führt eine Modulation der Aktivität jedoch meist zu Veränderungen mehrerer Kenngrößen des kardiovaskulären Systems (mittlerer Blutdruck, Herzfrequenz), so daß eine isolierte Betrachtung und Zuordnung der Phänomene erschwert ist [36-42]. Zusätzliche Unsicherheiten können dadurch entstehen, daß der Einfluß als weniger bedeutend eingeschätzter Rezeptorareale [42-45], lokaler Systeme [46] oder die Wirkungen der eingesetzten Narkose auf die Reizantwort nicht eliminiert oder nicht sicher genug quantifiziert werden können [47,48].
Eine, im Rahmen dieser Arbeit entwickelte Methode zur Umgehung der genannten Schwierigkeiten, besteht darin, daß selektiv bestimmte Blutdruckschwankungen experimentell induziert werden. Der Einfluß dieser Blutdruckschwankungen auf bekannte Mechanismen der Blutdruckregulation (beispielsweise das renale Renin- Angiotensin- System) kann dann untersucht werden. Auch ist es möglich, durch Induktion plötzlicher Drucksprünge Reiz- Antwortzeiten für einzelne Mechanismen, beispielsweise die Autore[Seite 5↓] gulation der renalen Durchblutung, zu ermitteln. Hieraus läßt sich ableiten in welchem Frequenzbereich ein direkter Einfluß auf Blutdruckoszillationen relativ sicher ausgeschlossen werden kann.
Ein lokal agierendes System, von wesentlicher Bedeutung für die lokale Gefäßweite und damit auch für die Regulation der Durchblutung, scheint durch die Freisetzung von Stickstoffmonoxid gebildet zu werden. Unter physiologischen Bedingungen kann NO in verschiedenen Formen auftreten. Die wichtigsten sind dabei das freie Radikal, das Nitroxylanion und das Nitrosiumion [49,50]. Insbesondere die Radikalform und das Nitroxylanion können mit Metallen unter Bildung von Metallo- nitrosyl- Komplexen interagieren. Das Vorkommen solcher Metalle in unterschiedlichen Oxidationsstufen, als funktionsbestimmende Komponente zahlreicher Enzyme, spielt eine wichtige Rolle bei der Erklärung des weiten Spektrums an Reaktionen, die unter einer veränderten Aktivität des NO- Systems beobachtet werden können [51-54]. Andererseits kann aus eben dieser Affinität zu Metallen eine Reduktion der lokalen NO- Wirkung am Gefäß resultieren. Dabei wird NO reversibel an das Hämoglobin von Erythrozyten gebunden und steht damit der lokalen Regulation zumindest vorübergehend nicht mehr zur Verfügung [55-57]. Eine akute Blockade des NO- Systems, wie sie beispielsweise durch die Applikation der L- Form von NG - Monomethylarginin (L- NMMA), erreicht werden kann, induziert einen raschen Anstieg des mittleren Blutdruckes [58,59]. Dieser Effekt konnte auch unter einer Blockade des NO- Systems mit anderen Pharmaka und über längere Zeiträume an wachen Hunden und Ratten beobachtet werden [60-63]. In den Untersuchungen zu dieser Arbeit wurde an der wachen Ratte ebenfalls ein rascher Blutdruckanstieg, bei gleichzeitigem Abfall der Herzfrequenz nach intravenöser Blockade des NO- Systems mittels einer L- NAME Bolusgabe, beobachtet (Abschnitt 2 ). Diese Effekte können grundsätzlich auf die Modulation verschiedener Mechanismen zurückzuführen sein:
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Das heutige Verständnis der Langzeitblutdruckregulation basiert im wesentlichen auf zwei unterschiedlichen Vorstellungen, die von Guyton [6,80] und Blaustein [7,81] erstmals vollständig formuliert und in der Folgezeit vielfach verfeinert wurden. Guyton geht bei seinem Konzept des „renal body fluid pressure control system“ von der Beobachtung aus, daß eine Erhöhung des Gesamtkörperwasserbestandes (für die er eine gleichsinnige Erhöhung der Natriumaufnahme annimmt) zu einer Erhöhung des arteriellen Blutdruckes führt [82-84]. Da eine Erhöhung des Wasserbestandes zu einem Anstieg des venösen Rückstromes führen kann, könnte der Frank - Starling- Mechanismus die Verschiebung des Volumens aus dem Niederdruck- in den Hochdruckschenkel des kardiovaskulären Systems und damit den Einfluß des Wasserbestandes auf den arteriellen Druck wesentlich unterstützen [85,86]. Guyton nimmt weiter an, daß der von ihm postulierte „renal fluid volume mechanism for pressure control“ eine nahezu unendliche Verstärkung aufweist. Daß also eine initiale Veränderung des Gesamtkörperwasserbestandes über die Nieren so vollständig ausgeglichen wird, daß der mittlere arterielle Blutdruck wieder seine ursprünglichen Werte annimmt [87]. Dies gilt allerdings nur unter der Annahme, daß der pressorische Effekt aller kompensatorisch aktivierten Mechanismen des kardiovaskulären Systems im Beobachtungszeitraum vollständig reversibel ist. Zahlreiche Folgeuntersuchungen bestätigten grundsätzlich die Existenz und die zentrale Bedeutung der druckabhängigen renalen Ausscheidung von Natrium und Wasser im Rahmen des von Guyton vorgeschlagenen Konzeptes der Blutdruckregulation [88-92]. Entscheidend für die Prüfung des Konzeptes ist die, unglücklicherweise auch in den Arbeiten von Guyton, nicht immer vollständig vollzogene klare Trennung zwischen Veränderungen des Wasser- bzw. Natriumbestandes, als Funktion einerseits der Zufuhr und andererseits der Ausscheidung und dem reinen Durchsatz. So führt beispielsweise die Zufuhr einer osmotisch wirksamen Flüssigkeit wie Mannitol nicht zu einer Erhöhung des Flüssigkeitsbestandes, sondern ist im Gegenteil mit einer Abnahme des Flüssigkeitsbestandes verbunden. Ebenso kann aus der Ausscheidung erhöhter Natriummengen nur dann auf eine Erniedrigung des Natriumbestandes geschlossen werden, wenn die Natriumzufuhr im Untersuchungszeitraum nicht in gleicher Weise zugenommen hat. Neuere Untersuchungen, auf der Grundlage einer sorgfältigen Bilanzierung, stellen Teile des Konzeptes, insbesondere die angenommene starke Dominanz des renalen Perfusionsdruckes (RPP) für die Regulation der Natrium- und Wasserausscheidung in Frage [93-95]. Auch die Art der Zufuhr von Flüssigkeiten und Elektrolyten (mit/ohne Umgehung des Magen - Darm - Traktes) scheint auf das komplexe Zusammenspiel der Regelmechanismen der Volumen- und Elektrolythomöostase mindestens modulierenden Einfluß zu nehmen [96-98].
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Im Gegensatz zu Guyton, der seine Hypothese wesentlich auf C.F.W. Ludwigs und F. Golls Beobachtungen gründet, daß eine Reduzierung des RPP zu einer verminderten Ausscheidung von Flüssigkeit durch die Nieren führt [99,100], stellt Blaustein die Natriumhomöostase in den Mittelpunkt seiner Überlegungen [7,101,102]. Er geht dabei davon aus, daß eine Erhöhung des Natriumbestandes durch eine Hemmung der renal tubulären Natrium- Kalium- ATPase, und der damit verbundenen verminderten Transportleistung der dort lokalisierten Carrier, zu einer kompensatorischen Mehrausscheidung von Natrium und Wasser führt. Das Signal für diese Hemmung wird in einem natriuretischen Hormon gesehen, welches aufgrund seiner fehlenden Spezifität nicht nur die renale Natrium- Kalium- ATPase, sondern auch die Natrium- Kalium- ATPase anderer Zellen, wie beispielsweise die der glatten Gefäßmuskelzellen an den Widerstandsgefäßen hemmen soll [103,104]. Dies würde zu einer Erhöhung des totalen peripheren Widerstandes führen der seinerseits, auch bei fehlender Zunahme oder sogar einer Abnahme des Wasserbestandes (genaugenommen des Extrazellulärvolumens), einen Anstieg des arteriellen Blutdruckes induzieren würde [105-107]. Die Entstehung der essentiellen Hypertonie, und die in den Industrienationen beobachtete Korrelation zwischen der mittleren täglichen Natriumaufnahme und dem Anteil an Hypertonikern erklärt Blaustein durch die Annahme einer, möglicherweise angeborenen, verminderten regulatorischen Reserve der renalen Natriumausscheidung. Grundsätzlich scheinen epidemiologische Daten diese Interpretation zu stützen [108]. In welchem Umfang genetische Faktoren beispielsweise im Sinne einer verminderten Fähigkeit zur Natriumausscheidung oder einer erhöhten Natriumaufnahme für diesen Zusammenhang verantwortlich gemacht werden können, ist jedoch noch nicht zweifelsfrei geklärt [109,110].
Damit stellen Blaustein, wie auch Guyton, die Niere als Kontrollelement des Natrium- und Wasserhaushaltes in das Zentrum der Blutdruckregulation. Beiden Vorstellungen gemeinsam ist auch die Annahme, daß das Fehlen eines schlüssigen Nachweises der postulierten Veränderung der Elektrolyt- bzw. Volumenhomöostase als Ursache der Hypertonieentwicklung darauf beruht, daß die Änderungen jeweils so minimal sind, daß eine meßtechnische Erfassung derzeit nur durch Betrachtung langfristig kumulierter Werte möglich ist. Erst die Summe des Einzeleffektes über Jahrzehnte und/oder die entsprechende Adaptation kompensierender Mechanismen, soll die endgültige Veränderung und Fixierung des Blutdruckmittelwertes bewirken.
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Die Konzentrierung des Primärharns entlang des Nephrons und der sich anschließenden Sammelrohre ist an die Existenz eines, von der Nierenrinde zur Papille des Nierenmarks hin ansteigenden, osmotischen Gradienten gebunden. Voraussetzung für die Aufrechterhaltung dieses Gradienten ist einerseits die Regulation des glomerulären Filtrationsdruckes und andererseits die Kontrolle der lokalen Transportvorgänge an Tubuluszellen, Henlescher Schleife und den Sammelrohren. Nach heutiger Ansicht sind die Vorgänge, die zur Entstehung des Glomerulumfiltrates führen, denen an Kapillaren anderer Abschnitte des kardiovaskulären Systems vergleichbar. Dieser Vorgang wurde in seinen Grundzügen erstmals von Starling beschrieben [111]. Demnach handelt es sich bei der Generierung des Ultrafiltrates um einen im wesentlichen passiven Vorgang, dessen wichtigste Komponenten, neben der Diffusion, der hydrostatische Druck über der Kapillarwand und die luminal- extraluminale kolloidosmotische Druckdifferenz sind [111]. Es ist deshalb offensichtlich, daß ein unkontrollierter Anstieg des glomerulären Filtrationsdruckes einen ähnlichen Anstieg der Menge des Glomerulumfiltrates induziert, wodurch es zur Überlastung der weiter distal lokalisierten Transportsysteme des Tubulus kommen kann. Der dadurch bedingte Einstrom gering konzentrierter Flüssigkeit in den Bereich der Medulla würde zu einem Absinken des osmotischen Gradienten, und damit zu einer Einschränkung des renalen Konzentrierungsvermögens führen. Einen vergleichbaren Effekt würde ein Anstieg der Durchblutung in den Vasa recta induzieren [112]. Erst eine exakte Regelung des glomerulären Filtrationsdruckes und der lokalen Durchblutung ermöglicht also die Herstellung eines Harns, dessen Zusammensetzung unabhängig vom momentanen systemischen Blutdruck bestimmt werden kann. In Abhängigkeit von der betrachteten Zielgröße (glomeruläre Filtrationsrate, Durchblutung, renovaskuläre Impedanz) wird diese Fähigkeit der Nieren zur „Autoregulation“ unterschiedlich definiert [113-115]. Gemeinsame Basis der Definitionen ist jedoch meist die organspezifische Eigenschaft der Nieren Änderungen des RPP so durch intrarenale Änderungen des Gefäßwiderstandes zu kompensieren, daß Nierendurchblutung und/oder glomeruläre Filtrationsrate weitgehend konstant gehalten werden [116]. Diese Definition berücksichtigt nicht das dynamische Verhalten der genannten Größen. So ist beispielsweise bekannt, daß sowohl die Durchblutung des Einzelnephrons als auch die GFR ausgeprägten physiologischen Schwankungen unterliegen [117-120]. Unter einer „Autoregulation“ dieser Größen wird daher im allgemeinen die weitgehende Unabhängigkeit ihrer Mittelwerte von den Mittelwerten des renalen Perfusiondruckes verstanden. Obwohl nach dieser Definition zweifellos eine Autoregulation der Ge[Seite 10↓] samtdurchblutung der Nieren existiert, konnte bisher nicht geklärt werden, auf welchen Mechanismen diese renale Durchblutungsautoregulation basiert. Aufgrund des schwierigen methodischen Zugangs ist sogar unklar, ob und ggf. in welchem Umfang die verschiedenen Anteile des renalen Gefäßbaumes am Zustandekommen der Autoregulation beteiligt sind [121-123]. Bereits früh wurde vorgeschlagen, daß die Eigenschaften des Blutes in Zusammenhang mit dem besonderen Aufbau des vaskulären Gefäßnetzes (speziell der Aa. interlobares) wesentlichen Anteil an der intrarenalen Regulation der Durchblutung gewinnen könnten [124]. Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, daß es im Bereich des renalen Cortex zum „Plasma skimming“, also zu unterschiedlichen lokalen Verteilungen zwischen zellulären und nicht zellulären Bestandteilen des Blutes kommt [125]. Die Bedeutung dieser ungleichmäßigen Verteilung für die renale Autoregulation ist im Vergleich zu anderen Mechanismen, die eine Veränderung der Gefäßweite bewirken nicht zweifelsfrei geklärt. Im Hinblick auf den Stellenwert eines solchen durchblutungsabhängigen Mechanismus ist zu berücksichtigen, daß die spezifische Durchblutung, insbesondere der Nierenrinde, mit ca. 5ml/min/g sehr hoch ist [126]. Entsprechend findet sich nur eine sehr geringe Sauerstoffausschöpfung, obwohl die meisten Transportvorgänge an den renalen Tubuluszellen (z.B. die Natriumrückresorption) direkt oder indirekt an energieverbrauchende Prozesse gekoppelt sind [127]. In den meisten anderen Gefäßgebieten führt die lokale Stoffwechselaktivität über vasoaktive Metaboliten zu einer Anpassung der Gefäßweite und damit zu einer Anpassung der Durchblutung an den lokalen Bedarf. Die hohe spezifische Durchblutung der Niere macht eine solche Regulation aber eher unwahrscheinlich. Tatsächlich bestimmt umgekehrt die renale Durchblutung über den an sie gekoppelten Anstrom, beispielsweise von Natrium, die Aktivität intrarenaler Transportvorgänge und damit den renalen Sauerstoffverbrauch [127,128].
In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahlreiche Theorien zur Funktion der renalen Durchblutungsautoregulation vorgestellt. Von diesen konnten sich bis heute im wesentlichen nur zwei behaupten. Beide basieren auf der Annahme, daß die renalen Widerstandsgefäße unter Ruhebedingungen einen Tonus im mittleren Teil ihres Arbeitsbereiches aufweisen. Von diesem Punkt aus ist über weite Bereiche des RPP hinweg sowohl eine Reduktion des Gefäßwiderstandes als auch ein Anstieg desselben möglich. Der Unterschied beider Theorien besteht jedoch in den angenommen Wegen (auslösende Stimuli, Sensoren und nachfolgende Mechanismen), über die eine solche Anpassung der Gefäßwiderstände an wechselnde Perfusiondrücke erreicht werden soll.
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Das anatomische Substrat des als „tubuloglomerulärer Rückkopplungsmechanismus“ bezeichneten Phänomens besteht aus mehreren, eng benachbart lokalisierten, aber strukturell unterschiedlichen Anteilen des renalen Cortex. Unter funktionellen Gesichtspunkten werden diese Bestandteile unter dem Begriff juxtaglomerulärer Apparat zusammengefaßt [129-131]. Dieser setzt sich zusammen aus:
Die heute gültigen Vorstellungen zur Funktion dieses Apparates beruhen zum überwiegenden Teil auf Ergebnissen aus in vivo Mikropunktionsversuchen und Mikroperfusionsstudien. In welchem Umfang die hieraus gewonnenen Erkenntnisse auf den intakten Organismus übertragen werden können, ist aufgrund der eingeschränkten Anwendbarkeit der Methoden unter physiologischen Bedingungen unklar. Unter dieser Einschränkung stellen die funktionelle Basis für den tubuloglomerulären Rückkopplungsmechanismus im wesentlichen folgende Beobachtungen dar:
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Unabhängig davon, an welchen Stellen innerhalb des renalen Gefäßbaumes genau die Einstellung des glomerulären Druckes und der Einzelnephrondurchblutung stattfinden, wird heute weitgehend davon ausgegangen, daß Modulationen der Durchlässigkeit des glomerulären Filters unter nicht pathophysiologischen Bedingungen nur wenig zur Regulation der Filtrationsrate beitragen. Im Gegensatz dazu kann der Modulation der Filtereigenschaften, und der damit verbundenen Durchlässigkeit für Substanzen, die sonst nicht filtriert werden können (wie beispielsweise Albumin), eine zentrale Bedeutung im Rahmen von pathophysiologischen Vorgängen zukommen [139].
Welches adäquate Stimuli zur Aktivierung des tubuloglomerulären Rückkopplungsmechanismus sind, blieb lange Zeit umstritten und ist, insbesondere auch im Hinblick darauf, daß neben langsamen „quasistatischen“ Einflüssen auch eine Kontrolle des Gefäßwiderstandes durch schnelle, kurzzeitige Änderungen erfolgen könnte, bis heute nicht völlig geklärt [148-151]. Die Interpretation der Untersuchungsergebnisse wird dabei durch den Umstand erheblich erschwert, daß sich die Nephrone offenbar gegenseitig beeinflussen können [120,152,153] und der Zusammenhang zwischen glomerulärem Druck und Strömungsgeschwindigkeit im Tubulus keiner linearen Beziehung folgt [154]. Das dynamische Verhalten eines Einzelnephrons oder isolierter Teile daraus gibt deshalb nur sehr eingeschränkt Auskunft darüber, welche funktionellen Zusammenhänge sich einstellen, wenn das Nephron in situ, und damit als Teil eines Nephronenverbandes, innerhalb der Nierenrinde lokalisiert ist.
Die isolierte Perfusion des Macula densa tragenden Tubulusabschnittes eines Nephrons mit isotoner, hypotoner bzw. hypertoner Kochsalzlösung oder Vollelektrolytlösung führt zu einer konzentrationsabhängigen Vasokonstriktion, zumindest der glomerulumnahen Anteile des zugehörigen Vas afferens [155,156]. Die vaskuläre Antwort kann dabei durch die Zugabe von Furosemid zur Perfusionslösung unterdrückt werden [157]. Die naheliegende Vermutung, es gäbe auf der luminalen Seite des Polkissens Rezeptormechanismen, welche auf die Osmolalität, die Strömungsgeschwindigkeit oder den Druck innerhalb des Tubulus derart reagieren, daß es zu einer Änderung der glomerulären Filtration kommt, konnte jedoch nicht bestätigt werden [158,159]. Durch orthograde und retrograde Perfusion des Tubulus mit Elektrolytlösungen, die sich bei gleicher Gesamtosmolalität in der ionalen Zusammensetzung unterscheiden, konnten Schnermann und seine Mitarbeiter zeigen, daß der Anteil der Chloridionen wesentlicher Stimulus für die Aktivierung des tubuloglomerulären Rückkopplungsmechanismus sein kann [160]. In den gleichen Versuchen [Seite 14↓] wurde durch Austausch des Alkalianteils der Lösungen nachgewiesen, daß Natrium keine permissive Rolle für die Aktivierung spielt. Dieser Erklärungsansatz wurde durch Hinzunahme des Na+ - 2Cl- - K+ - Kotransporters, als zelluläres Korrelat zu den gemessenen Abhängigkeiten weiter ausgebaut [138,161,162]. Demnach wäre neben den aktuellen Ionenkonzentrationen in der Tubulusflüssigkeit auch der Nettotransport von Natriumchlorid in die Zellen der Macula densa entscheidend [138,163]. Dennoch ist es bis heute nicht möglich, eine eindeutige Zuordnung des adäquaten Stimulus vorzunehmen. So wurden in anderen Untersuchungen nur sehr geringe Einflüsse der tubulären Chlorid- bzw. Natriumkonzentration auf die Aktivität des tubuloglomerulären Rückkopplungsmechanismus beobachtet [164-166]. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß es nicht einen bestimmten, sondern mehrere verschiedene Stimuli gibt, die gemeinsam erst den Umfang der Modulation der arteriellen Gefäßweite festlegen. Dabei ist zu bedenken, daß die Macula densa in einem Abschnitt des Tubulus lokalisiert ist, an dem es, entsprechend dem luminal- basalen osmotischen Gradienten, zu einem transzellulären und wahrscheinlich auch parazellulären Flüssigkeitstransport kommen kann [143,167,168]. Neben einem direkten Effekt der Tubulusflüssigkeit auf die Zellen der Macula densa sind also auch indirekte Effekte durch eine Veränderung der Zusammensetzung und der Strömungsgeschwindigkeit (Transport von Ionen und parakrin wirksamen Substanzen wie beispielsweise Arachidonsäurederivate) der interstitiellen Flüssigkeit wahrscheinlich [169].
Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, daß trotz intensiver Untersuchung der zellulären Transduktionsprozesse bis heute kein einheitliches Bild darüber existiert, welche Rolle die zahlreichen lokalen und systemischen Faktoren für eine Modulation und die Übertragung des Sensorsignales haben [139,170]. Insbesondere zeigte sich mehrfach, daß pharmakologische Beeinflussung einzelner Schaltstellen der intrazellulären Informationsübertragung, wie beispielsweise der zytosolischen Calciumkonzentration oder dem Spiegel zyklischen Adenosinmonophophats, deutliche Wirkungen auf die Aktivität des tubuloglomerulären Rückkopplungsmechanismus (TGF) induzieren können. Wurde jedoch durch Veränderungen der Zusammensetzung der Tubulusflüssigkeit untersucht, in welchem Umfang solche Prozesse an der resultierenden TGF- Antwort beteiligt sein könnten, ergaben sich teilweise die erwarteten, gar keine oder sogar tendenziell entgegengesetzte Effekte [171,172]. Auch eine Weiterleitung des tubulären Stimulus auf rein elektrischem Wege ist offensichtlich möglich, da das basolaterale Membranpotential der Zellen der Macula densa vom NaCl- Gehalt der Tubulusflüssigkeit beeinflußt werden kann [162,173]. [Seite 15↓] Während dieser Ansatz eher wenig untersucht wurde, bildeten sich besonders um die folgenden Substanzklassen Forschungsschwerpunkte [170]:
Unabhängig von der teils widersprüchlichen Befundlage, die bezüglich der Mechanismen im Einzelnen bestehen, wurde der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Änderungen des Glomerulumfiltrates und der Gefäßweite des Vas afferens und damit die mögliche Beteiligung des TGF an der Durchblutungsautoregulation der Niere in allen oben genannten Mikropunktionsstudien bestätigt.
Die Hypothese der myogenen Regulation der Nierendurchblutung basiert auf der Beobachtung, daß eine Dehnung arterieller Widerstandsgefäße, beispielsweise durch Erhöhung des intraluminalen Perfusionsdruckes, zu einer kompensatorischen Vasokonstriktion führt [208]. Durch diesen Vorgang wird die initiale Dehnung und damit auch die Erhöhung der durchströmbaren Querschnittsfläche zumindest teilweise wie[Seite 17↓] der aufgehoben. Die Durchblutung in den nachfolgenden Gefäßabschnitten ist deshalb deutlich geringeren Schwankungen unterworfen, als dies aufgrund der Druckänderung zu erwarten wäre. Dieser durchblutungsstabilisierende Effekt ist allerdings nicht in allen Widerstandgefäßen gleichermaßen ausgeprägt. So zeigen insbesondere die arteriellen Widerstandsgefäße des Gehirns, des Mesenterialgebietes und der Nieren diese Form der myogenen Autoregulation der Durchblutung.
Nach heutigem Verständnis ist die Autoregulation teilweise darauf zurückzuführen, daß eine Erhöhung der Wandspannung an der Membran der glatten Muskelzelle eine Aktivierung mechanosensitiver Kanäle induziert [209-211]. Die dadurch hervorgerufenen Potentialänderungen führen zur Öffnung spannungsabhängiger Calciumkanäle, wodurch sich der Einstrom von Calcium verstärkt. Durch Gabe von Ca2+- Kanalblockern konnte an der hydronephrotischen Niere sowie in Präparationen juxtamedullärer Nephrone nachgewiesen werden, daß dieser Effekt in den Vasa afferentia deutlich stärker ausgeprägt ist als an der efferenten Arteriole [212-215]. Diese unterschiedliche Reaktion der prä- und postglomerulären Widerstandsgefäße unterstützt am isolierten Präparat die Aufrechterhaltung des glomerulären Druckes und damit die Aufrechterhaltung des Glomerulumfiltrates, wie unter 1.4.1 beschrieben [216]. Im Gegensatz zu den venösen Kapazitätsgefäßen, deren glatte Gefäßmuskelzellen in der Regel ausgedehnte funktionelle Einheiten bilden, überwiegen in den autoregulierenden Anteilen des arteriellen Gefäßbaumes und im Bereich der Pfortader „single Unit“, also eher getrennt agierende Einheiten. Auf dieser Grundlage basiert die von Johnson eingeführte Theorie der „deszendierenden myogenen Autoregulation“ [116,217]. Er geht dabei davon aus, daß eine Erhöhung des Blutdruckes in der A. renalis zunächst zu einer Kontraktion der glomerulumfernen glatten Gefäßmuskelzellen, also derjenigen Zellen, die dem Druck direkt ausgesetzt sind, führt. Durch die fehlende oder zumindest sehr gering ausgeprägte Kopplung der Zellen kommt es nicht automatisch zu einer Konstriktion weiter distal gelegener Anteile der arteriellen Widerstandsgefäße, da diese über den an der A. renalis herrschenden Druck zunächst keine Informationen erhalten. Erst eine weitere Erhöhung des Perfusionsdruckes würde, nach maximaler Konstriktion der stromauf liegenden Gefäßabschnitte, auch in den bisher unbeteiligten Gefäßabschnitten zu einer erhöhten Wandspannung führen und sie durch Auslösung einer Konstriktion in die Aufrechterhaltung der Durchblutung einbeziehen. Die einzelnen Segmente der intrarenalen Widerstandsgefäße bilden nach diesem Modell Reihenteilwiderstände, die erst durch ihre gegenseitige Unabhängigkeit in der Lage sind, eine Anpassung des Gesamtwiderstandes des rena[Seite 18↓] len Gefäßbaumes und damit auch des intrarenalen Druckabfalles an größere Änderungen des Blutdruckes in der A. renalis vorzunehmen. Welche Anteile des renalen Gefäßbaumes an einer solchen Regulation teilhaben, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Aufgrund des durch die Nierenkapsel wesentlich stabilisierten, hohen interstitiellen intrarenalen Druckes wäre aber eine Beteiligung der an das tubuläre Kapillarnetz anschließenden Gefäßabschnitte wenig effektiv [218,219], so daß sich die Untersuchungen schwerpunktmäßig auf den arteriellen Druck des Gefäßbaumes und auf das Vas efferens beziehen. Derzeitig besteht über den Anteil der einzelnen Gefäßabschnitte an der Gesamtregulation unter physiologischen Bedingungen noch keine Einigkeit. Einige frühe Versuchsergebnisse legen eine Beteiligung bereits der Aa. interlobares an der Regulation der Durchblutung nahe [220]. Andere Untersuchungen dagegen gehen davon aus, daß eine solche Beteiligung nicht vorhanden oder zumindest nicht wesentlich ist [170,221,222]. Auch werden lokale Unterschiede zwischen Nierenrinde und Nierenmark diskutiert [122]. Andererseits sind bei der Untersuchung dynamischer Eigenschaften der renalen Druchblutungsautoregulation deutlich mindestens zwei Mechanismen unterscheidbar [152,223-225]. Dabei wird in dem langsameren, der durch eine Resonanzfrequenz von ca. 35mHz charakterisiert ist, der TGF gesehen, während die schnellere Komponente auf myogene Mechanismen der Autoregulation zurückgeführt wird [120,226,227]. Da nach heutigem Wissensstand eine enge Interaktion zwischen den Endothelzellen und den glatten Muskelzellen in den Widerstandsgefäßen besteht, ist es nicht unwahrscheinlich, daß Art und Umfang des präparativen Eingriffes erheblichen Einfluß auf die gefundenen Ergebnisse gewinnen können [209,228]. Dies gilt insbesondere auch für sehr potente lokale Regelsysteme, wie die Freisetzung von Stickstoffmonoxid oder von Prostaglandinen, die bereits durch Änderungen der Schubspannung, wie sie durch eine Modulation dynamischer Anteile des Blutdrucksignals entstehen können, einen starken Einfluß auf die Gefäßweite ausüben [229-233].
Wie in 1.4.1 und 1.4.2 angedeutet, können Änderungen dynamischer Eigenschaften des kardiovaskulären Systems von wesentlicher Bedeutung für die Regulation lokal intrarenaler Vorgänge sein. Soll der Einfluß solcher dynamischer Komponenten des Blutdruckes oder der Durchblutung auf Mechanismen der Blutdruckregulation eingehender untersucht werden, dann ist eine genaue Analyse der lokalen Eigenschaften [Seite 19↓] des Gefäßsystems, der Strömungsgeschwindigkeit und des Druckgradienten unerläßlich. Treibende Kraft für die Aufrechterhaltung der Durchblutung im kardiovaskulären System ist der lokale Druckgradient, der im wesentlichen aus der Pumpleistung des Herzens, den statischen und dynamischen Eigenschaften der Gefäße und der Impedanz des nachgeschalteten Gefäßbettes resultiert. Veränderungen des lokalen Druckgradienten können weitgehend unabhängig von Änderungen des mittleren Blutdruckes zentraler Anteile des Gefäßsystems stattfinden. So findet man in der Arteria femoralis unter Ruhebedingungen, das heißt bei hoher Impedanz des nachgeschalteten Gefäßbettes, einen vorübergehend negativen Druckgradienten [234]. Er entsteht dadurch, daß unter diesen Bedingungen, nahe benachbarte lokale Druckgradienten einen steilen Anstieg und Abfall bei gleichzeitig kurzer Dauer der positiven Hauptkomponente des Druckpulses aufweisen. Der Abfall des proximal gelegenen Druckgradienten beginnt also früher als der des distalen Druckgradienten, so daß die vektorielle Addition einen vorübergehend negativen Gesamtgradienten ergibt. Dieser negative Gesamtgradient hat eine Umkehr der Flußrichtung zur Folge, weshalb das Blut zeitweise nach zentral, anstatt nach peripher fließt. Wird (beispielsweise durch Vasodilatation) die Impedanz des nachgeschalteten Gefäßbettes gesenkt, dann sinkt auch die Amplitude der Pulswelle entlang der Arteria femoralis stärker ab. Folglich führt die vektorielle Addition zunächst zu einer betragsmäßigen Abnahme des lokalen negativen Druckgradienten, um schließlich (bei positivem Gradienten) wieder anzusteigen. Da die Strömungsgeschwindigkeit eine Folge des lokalen Druckgradienten ist, vermindert sie sich ebenfalls, um beim Nulldurchgang zu einer Umkehr der Durchblutungsrichtung zu führen. Gefäßabschnitte, die wie der intrarenale Gefäßbaum, eine vom mittleren Perfusionsdruck weitgehend unabhängige Konstanz der mittleren Durchblutung gewährleisten, zeigen eine ausgeprägte Fähigkeit, ihre Impedanz, und damit auch die dynamischen Eigenschaften zu verändern. Da die Strömungsgeschwindigkeit einen wesentlichen Faktor für die Höhe der lokalen Schubspannung am Endothel darstellt, können hier Impedanzänderungen in nachgeschalteten Gefäßabschnitten zu einer erheblichen Veränderung der lokalen Schubspannung führen [233]. Kommt es beispielsweise zu einem Abfall des renalen Perfusiondruckes, so führt dies zunächst nicht zu einer Verminderung der renalen Durchblutung (vergl. Abschnitt 1.4 ). Nach dem Gesetz von Ohm, welches in modifizierter Form auch für komplexe Widerstände (also solche, die neben dem Realteil durch einen Imaginärteil gekennzeichnet sind) gültig ist, kann diese Konstanthaltung der Durchblutung nur durch eine Abnahme der Impedanz erreicht werden. Beruht diese Impe[Seite 20↓] danzveränderung, entsprechend der Theorie der deszendierenden myogenen Autoregulation oder des TGF, ganz überwiegend auf einer Dilatation präglomerulärer Gefäßabschnitte, dann verschiebt sich der Anteil der lokalen Impedanz an der Gesamtimpedanz zu Gunsten postglomerulärer Gefäßabschnitte. Diese relative Zunahme der Impedanz nachgeschalteter Gefäßabschnitte bewirkt, wie oben ausgeführt, eine starke Änderung des lokalen Strompulses und damit eine erhebliche Veränderung der lokalen Schubspannung, ohne daß es dabei zu einer Änderung der mittleren Durchblutung kommt.
Mit der Entdeckung des Polkissens und dem Nachweis, daß Änderungen des RPP die Reninfreisetzung aus den Zellen des juxtaglomerulären Apparates stimulieren, begann eine (bis dato noch nicht abgeschlossene) kontroverse Diskussion um die funktionelle Bedeutung dieses Mechanismus und seinen Einfluß auf die Blutdruckregulation [129,136,138,163]. Im Mittelpunkt steht dabei die Beobachtung, daß in Mikropunktionsstudien eine Erhöhung des Natriumgehaltes an der Macula densa zu einer lokalen Reninfreisetzung aus den Granula führt [158,235]. Eine solche Erhöhung des Natriumgehaltes kann offensichtlich durch einen Anstieg des RPP, und dem damit möglicherweise verbundenen Anstieg des tubulären Natriumload, nicht aber durch einen Abfall des Perfusionsdruckes ausgelöst werden. Im Gegensatz dazu steht die gut dokumentierte Beobachtung, daß eine Senkung des Druckes, beispielsweise im Rahmen einer Nierenarterienstenose, zu einer starken Stimulierung des Reninsystems führt [236-238]. Welche Funktionen dem juxtaglomerulären Apparat im Rahmen der Blutdruckregulation zukommen, und welche Signaltransduktionsmechanismen dabei involviert sind, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden [138,170,239-241]. Deutlich besser sind dagegen die Gesamteffekte einer Veränderung des renalen Perfusiondruckes auf das Reninsystem bekannt. So führt eine stufenweise Senkung des Druckes am wachen, ruhenden Hund zunächst zu keiner nennenswerten Steigerung der basalen Plasma- Renin- Aktivität (PRA) [242,243]. Fällt der Druck jedoch unter einen bestimmten Grenzwert, der bei Foxhounds ca. 95mmHg beträgt, dann kommt es zu einem starken, nahezu linearen Anstieg der Reninfreisetzung [242-244]. In neuerer Zeit wurden an freilaufenden Beagle- Hunden in Details abweichende Verläufe der druckabhängigen Reninfreisetzung beschrieben [245]. Die grundsätzliche Existenz eines Druckbereiches mit nahezu konstanter, aber meßbarer Freisetzung („Plateau“) und eines Druckbereiches mit starker druckabhängiger Reninfreisetzung wurden jedoch bestätigt. Aus diesen beiden Größen ermittelten Ehmke und Mitarbeiter einen „Schwellendruck“, [Seite 21↓] den sie, zusammen mit der Geradenfunktion der druckabhängigen Reninfreisetzung, zum Ruheblutdruck jedes einzelnen Tieres in Bezug setzten [246]. Dabei zeigte sich, daß individueller Ruheblutdruck und die korrespondierenden Reninfreisetzungskurven in direktem Zusammenhang zueinander stehen. Da der „Schwellendruck“ bei ca. 95mmHg gefunden wurde, führt ein Absinken des Blutdruckes zu einem Anstieg der Reninfreisetzung, was dem initialen Blutdruckabfall entgegenwirken würde. Folgerichtig vermuteten die Autoren aus diesem Zusammenhang, daß das renale Reninsystem ein wichtiger Mechanismus für die mittelfristige Blutdruckregulation sein müßte [246]. Bei der Interpretation dieser Ergebnisse ist zu beachten, daß alle genannten Versuche die Reninfreisetzung unter stationären oder zumindest quasi- stationären Bedingungen beschreiben. So wurde der Blutdruck nicht kontinuierlich verändert, sondern auf jeder Druckstufe über mehrere Minuten konstant gehalten, um Umverteilungs- und Abbauphänomenen zu begegnen [242-244]. Die genannten Untersuchungen lassen deshalb keine Aussage darüber zu, inwiefern sich einzelne kurzzeitige oder sich rhythmisch wiederholende Absenkungen des Druckes unter den Schwellenwert der Reninfreisetzung, wie sie beispielsweise durch die diastolischen Minima des renalen Perfusiondruckes gegeben sind, auf die Aktivität des Reninsystems auswirken. Da Reninabbau und Synthese bzw. Freisetzung aus den Granula auf unterschiedlichen Mechanismen basieren, muß davon ausgegangen werden, daß das Reninsystem bei bestimmten Anregungsfrequenzen eine erhebliche Hysterese zeigt. Es bleibt deshalb zu klären, in welchem Umfang der in diesen Experimenten beschriebene Verlauf in der physiologischen Situation, eines fluktuierenden und damit inkonstanten Blutdruckes, Gültigkeit besitzt und welche Bedeutung dabei der Anregungsfrequenz zukommt.
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