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1  Einleitung

Die Diagnostik und Therapie von schmerzhaften Funktionsstörungen des Kauorgans haben in den letzten Jahrzehnten zunehmend Eingang in die Curricula der Zahnmedizin genommen. Dennoch fühlen sich viele Zahnärzte überfordert, diese auch als craniomandibulären Dysfunktionen bezeichneten Funktionsstörungen suffizient zu diagnostizieren und erfolg-reich zu behandeln. Dies mag in deren multifaktorieller Ätiologie begründet sein. Zudem erfordert ihre Diagnostik und Therapie neben zahnmedi-zinischem Sachverstand auch allgemeinmedizinische Kenntnisse. Sie weisen eine hohe Variabilität in der Symptomatik auf und einige Störungen neigen zu Chronizität. Eine uneinheitliche Nomenklatur und die Vielfalt möglicher klinischer, manueller und instrumenteller Diagnoseverfahren erschweren des Weiteren den Überblick.

Funktionsstörungen des Kiefergelenks manifestieren sich durch folgende Kardinalsymptome: Schmerzen, insbesondere bei Funktion, Gelenkgeräusche und Bewegungsbeeinträchtigungen. Zu den cranio-mandibulären Dysfunktionen werden auch Diskusverlagerungen gezählt. Diese werden weiter differenziert in Diskusverlagerungen mit Reposition bzw. Diskusverlagerungen ohne Reposition.

Eine Diskusverlagerung mit Reposition liegt dann vor, wenn der zumeist anterior verlagerte Diskus bei Translationsbewegung des Kondylus wieder auf den Kondylus reponiert. Eine Diskusverlagerung ohne Reposition ist dadurch gekennzeichnet, dass der Diskus nicht mehr auf den Kondylus aufspringt, sondern während der gesamten Translations-bewegung des Kondylus verlagert bleibt. Da der Diskus jedoch durch die Gelenkkapsel in seiner Ausweichbewegung eingeschränkt wird, geht dieses Krankheitsbild in der Regel mit einer limitierten Bewegung des Unterkiefers einher. Zudem kann die Kieferöffnungsbewegung nicht mehr geradlinig durchgeführt werden und der Unterkiefer weicht zum limitierten Kiefer-gelenk hin aus. Insbesondere bei weiter Kieferöffnung und beim Kauen treten Schmerzen auf.


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Abb. 1: Magnetresonanztomographien in parasagittalem Schnitt.

1a: Bei Einnahme der maximalen Interkuspidation liegt der Discus articularis (Pfeil) anterior des Kondylus.
1b: Bei maximaler Kieferöffnung reponiert der Kondylus auf den Diskus (Pfeil zeigt auf die intermediäre Zone des Diskus).
1c: Bei Einnahme der maximalen Interkuspidation ist der Diskus weit anterior verlagert (Pfeil).
1d: Die maximale Kieferöffnung ist eingeschränkt, der Kondylus reponiert nicht auf den Discus articularis, sondern schiebt diesen weiter nach anterior.

Diese Funktionsstörung kann meist nicht in Form einer restitutio ad integrum therapiert werden, da eine manuelle Reposition des Diskus nur selten gelingt. Konservative Therapiemaßnahmen zielen darauf ab, die Beeinträchtigungen abzumildern und sind daher als palliativ einzustufen. Alternativ stehen chirurgische Maßnahmen zur Verfügung, die entweder eine Diskusreposition, Diskektomie oder eine Arthrozentese mit Lavage [Seite 14↓]zum Ziel haben. Der letztgenannte Eingriff kann auch nur als palliative Maßnahme gewertet werden.

Für die Patienten, die an starken Beeinträchtigungen der Kiefer-gelenksfunktion leiden, erscheinen beide Therapiewege nicht befriedigend. Müssen sie sich doch entweder einer risikoreichen chirurgischen Therapie unterziehen oder mit einer Erkrankung leben, die nur unzureichend mit konservativen Maßnahmen therapierbar ist. Doch was bedeutet das?

Bleiben die Schmerzen zeitlebens bestehen?

Ist die Mobilität des Unterkiefers bleibend behindert?

Beeinflusst die gestörte Funktion des „kranken“ Gelenks das „gesunde“?

Wird die Kaufunktion ständig beeinträchtigt bleiben?

Gibt es neben den herkömmlichen Therapiemaßnahmen noch Alternativen?

Welche Folgeerscheinungen treten an den Kiefergelenken auf?

Wissenschaftlich fundierte Anworten auf diese Fragen wären sowohl für den Behandler als auch für den Patienten hilfreich. Folgerichtig beschäf-tigt sich die vorliegende Arbeit mit


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04.05.2005