Plöckinger, Ursula : Akromegalie: Eine Analyse der therapeutischen Optionen und Erfolge

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Kapitel 10. -Strahlentherapie

10.1 Einleitung

Die primäre konventionelle Strahlentherapie wurde bei der hier erfaßten Patientengruppe bis 1974 als Alternative zur transkraniellen Operation eingesetzt. Nach 1974 wurde kein Patient primär bestrahlt. Bis 1982 erfolgte die Strahlentherapie als zweite oder dritte therapeutische Option, bei ungenügendem Erfolg von Operation oder Dopamin Agonisten Therapie. Seit der Verfügbarkeit des langwirkenden Somatostatin Analogons Octreotide wurde die Strahlentherapie noch weiter in den Hintergrund gedrängt. Aus den genannten Gründen handelt es sich hier um heterogene Daten, die nur in begrenztem Maße einer systematischen Analyse zugänglich sind.

10.2 Patienten und Methodik

Von 1948 - 1996 erhielten 31 Patienten eine Strahlentherapie. Für 13 (42%) war eine konventionelle Bestrahlung die primäre Therapie. Für zehn (32%), 6 (19%) und 2 (7%) Patienten war die Bestrahlung der zweite, dritte oder vierte Therapieversuch (Tab. 51).

Bei einem medianen Beobachtungszeitraum von 10 Jahren lag die erste erfaßte Therapie 50 Jahre zurück. Seither hat sich die Bestrahlungstechnik erheblich verändert. Bis Mitte der 70iger Jahre wurden Dosen von etwa 30 Gy (und höher) über bilaterale Felder appliziert. Danach wurden höhere Dosen (bis zu 45 Gy) in Dreifelder-Technik oder später als Pendelbestrahlung verabreicht mit höherer Gesamtdosis im Fokus. Eine Protonen Bestrahlung („Bragg-peak proton hypophysectomy“, 2 Patienten) in Boston/USA wurde mit noch höherer Dosis im Fokus durchgeführt. In den letzten Jahren ermöglicht die Radiochirurgie mit einem Linearbeschleuniger oder dem sogenannten „Gamma-Knife“ (60Co) in geeigneten Fällen (ein eigener Patient) die einzeitige Applikation hoher Strahlendosen im Fokus.

Eine Analyse des Einflußes der Strahlentherapie auf die HVL-Funktion war nicht sinnvoll. In den frühen Jahren der Beobachtung erfolgte die Dokumentation nicht nach den seit 1975 benutzten Standards (15 Patienten). Die meisten Patienten (68%) erhielten zudem eine oder mehrere zusätzliche Therapien (Tab. 51), so daß eine Zuordnung evtl. Veränderungen der HVL-Funktion zur Bestrahlung nicht möglich gewesen wäre. Wegen der zu erwartenden Schädigung der HVL-Funktion wurde die Indikation zur Strahlentherapie bevorzugt bei Patienten mit bereits vorhandener HVL-Insuffizienz gestellt. Für 19 Patienten lagen auswertbare Daten zur HVL-Funktion vor Strahlentherapie vor. Eine normale ACTH/Cortisol Achse, basale und stimulierte LH- und basale PRL Konzentration hatten nur noch jeweils zwei dieser Patienten.


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Tab. 52: Patienten-Charakteristika

1 Geschlecht; 2 Jahr der Bestrahlung, 3 Therapiefolge: Bestrahlung als 1., 2., 3., bzw. 4. Therapie. 4 STH Konzentration vor bzw. nach Strahlentherapie, ohne medikamentöse Therapie, ggf. während Medikamentenpause. Wird erstmalig eine Konzentration des STH < 2,5 µg/L erreicht, so ist dieser Wert fett markiert und unterstrichen. Bei Diagnose der Teilremission sind die Jahre nach Strahlentherapie in Klammern zugefügt. Werte die nach oder während zusätzlicher Therapie erhoben wurden sind durch * gekennzeichnet. Fehlende Angaben entsprechen fehlenden Daten; 5 GK, Gamma-Knife; Folgetherapie in der Reihenfolge des Einsatzes. Op; Operation, Bragg, Bragg Peak Protonen Bestrahlung; DA, Dopamin Agonisten; Oct, Octreotide


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Bei 10/31 (32%) Patienten fehlten STH-Werte vor Strahlentherapie. Sie waren bestrahlt worden, ehe ein STH-Assay zur Verfügung stand (N=7) oder kamen erst nach Bestrahlung zur Betreuung (N=3). Detailliert analysiert wurden die Daten von 21 Patienten (68%), mit STH Werten vor und nach Therapie. Dabei hatten 17 Patienten nach der Bestrahlung keine oder nur eine medikamentöser Therapie erhalten (STH Bestimmung im Auslaßversuch). Vier Patienten wurden nach Strahlentherapie operiert oder erneut bestrahlt, STH Werte dieser kleinen Gruppe lagen vor erster Strahlentherapie und nur nach zusätzlicher Therapie vor.

10.3 Ergebnisse

10.3.1 STH Konzentration

Bei den 17 Patienten ohne weitere Therapie nach der Bestrahlung sank der Median des Profil-Mittelwertes von initial 23,6 µg/L (Bereich 7,2-322) auf 15,8 µg/L (2,6-224; 67%, p<0,005, Wilcoxon-Test für gepaarte Werte). Der Median des Beobachtungszeitraumes war: 10 Monate (Bereich 2-60). Eine Teilremission wurde einmal erreicht. Abb. 43 gibt die individuellen Veränderungen der STH Mittelwerte des Profils wieder.

Abb. 43: STH vor und nach Strahlentherapie

In Klammern: Intervall zwischen Bestrahlung und Bestimmung des STH-Wertes in Monaten. STH 2,5 µg/L Grenzkonzentration für Teilremission

Eine statistisch sinnvolle Auswertung der Daten aller Patienten war mit der Überlebenszeit Analyse nach Kaplan-Meier möglich. Ein Erfolg der Therapie ist durch das Erreichen der Teilremission ohne weitere Therapie definiert. Daten der Patienten, die dieses Ziel nur mit einer zusätzlichen Therapie erreichten, können benutzt werden, gehen aber als „zensierte Werte“ in die Analyse ein. Damit errechnete sich ein Median von 22 Jahren für die 50%ige Wahrscheinlichkeit, eine Teilremission zu erreichen. Diese Zeit war unabhängig von der Höhe der STH Konzentration vor der Strahlentherapie (Cox proportional hazard analysis: Chi2 0,019; p=0,88).


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Abb. 44: Kaplan-Meier Überlebenszeit Analyse für das Interval bis zum Erreichen einer Teilremission

Dies Ergebnis kann nur als grobe Schätzung betrachtet werden: 1) Bei 5 Patienten ist der Zeitpunkt der Teilremission nicht erfaßt, da sie zum ersten Mal mehr als 10 Jahre nach der Bestrahlung gesehen wurden; 2) Es wurden verschiedene strahlentherapeutische Verfahren an unterschiedlichen Zentren, mit uneinheitlichen Strahlendosen angewendet; 3) Die Patientenzahl ist relativ klein. Diese Faktoren verschieben die Kurve der Kaplan-Meier Analyse nach rechts und damit die 50%ige Wahrscheinlichkeit einer Teilremission zu einem späteren Zeitpunkt hin.

10.3.2 Nebenwirkungen der konventionellen Bestrahlung

Über leichtere Befindlichkeits-Störungen (Kopfschmerzen, Übelkeit, Müdigkeit, Antriebsarmut) klagten 15 Patienten. Vier Patienten hatten ausgeprägtere Nebenwirkungen: 1) Strahlennekrose im Hirnstamm und linksseitige, armbetonte Parese (Pendelbestrahlung, 40 Gy), 2) Therapie-resistente Trigeminusneuralgie, mit nachfolgender reaktiver Depression und Suizidversuch (3-Felder Technik, 29 Gy), 3) persistierender Druckschmerz im Trigeminus Versorgungsgebiet (1. Ast) und träge einseitige Pupillenreaktion (3-Felder Technik, 30 Gy), und 4) geringe, passagere einseitige Dysdiadochokinese (3-Felder Technik, 30 Gy).

10.3.3 Andere Bestrahlungstechniken

Protonenbestrahlung

Zwei Patientinnen erhielten eine 2. Bestrahlung mit Bragg-Peak Protonen am Zyklotron in Boston, USA (Prof. R.N. Kjellberg). Bei beiden waren mehrfache Therapieschritte ohne ausreichenden Erfolg geblieben, hatten aber zu einer vollständigen HVL-Insuffizienz geführt. Die Bestrahlung wurde mit Gesamt-Zieldosen von 100 Gy bzw. 140 Gy vorgenommen. Die STH


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Konzentration sank nach 5 Jahren von 45 µg/L auf 5.8 µg/L (Pat. 74), bzw. nach 10 Jahren von 23 µg/L auf 1,6 µg/L (Pat. 21, jeweils MW Profil).

Die erste Patientin blieb innerhalb der 7-jährigen Nachbeobachtung ohne Nebenwirkungen. Sie verstarb im Alter von 48 Jahren an einem Ovarialkarzinom. Bei der zweiten Patientin traten dagegen während der 15-jährigen Nachbeobachtung schwerste Nebenwirkungen ein. Wenige Tage nach der Bestrahlung entwickelte sich eine einseitige komplette Oculomotorius- und Abducens Parese, gefolgt von einer partiellen Oculomotorius Parese kontralateral. Nach 10 Jahren trat eine Temporallappen Epilepsie mit psychomotorischen Anfällen auf, zusätzlich wurden im MRT Ischämiegebiete im Thalamus und Hypothalamus nachweisbar. Zwölf Jahre nach Bestrahlung wurde ein Akustikusneurinom diagnostiziert und zusätzlich aufgrund des MRT Befundes der Verdacht auf ein Optikusgliom geäußert. Da beide Tumore im Strahlengang lagen, ist die Strahlentherapie als Ursache wahrscheinlich. Die Patientin verstarb im 45. Lebensjahr in ihrem Heimatland (Kroatien), vermutlich als Folge unzureichender Substitutionstherapie mit Kortikosteroiden bei Erysipel.

Implantation radioaktiver Seeds

Drei Patienten erhielten nach vorheriger, unzureichender Therapie (mit der Folge kompletter HVL-Insuffizienz) 40 mCi 198Au (Pat. 19,107) bzw. 47,5 mCi 90Y (Pat. 14), jeweils durch Applikation mehrerer Seeds (Tab. 51). Zwei Patienten waren 11 und 13 Jahre nach Applikation in Vollremission (STH Nadir oGTT: 0,5 µg/L). Ein Patient hatte nach 18 Jahren keine Teilremission erreicht (MW Profil: 3,3 µg/L). Komplikationen wurden nicht gesehen.

10.4 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen

Die Ergebnisse der Strahlentherapie in dieser Gruppe haben vorwiegend historisches Interesse, da die benutzten Techniken zum größten Teil heute nicht mehr angewendet werden. Derart behandelte Patienten befinden sich aber noch gelegentlich in endokrinologischer Betreuung und die Kenntnis der geschilderten Probleme hat daher noch eine gewisse Bedeutung.


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Thu Sep 19 17:23:40 2002