Einleitung

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Die UN-Dekade der Frau von 1975 – 1985 hat an den Lebensbedingungen von Frauen in Entwicklungsländern nicht viel geändert, aber sie hat durch die Veröffentlichung von zahlreichen Studien dazu beigetragen, dass die Lage der Frauen dokumentiert wurde und in der entwicklungspolitischen Diskussion einen Stellenwert bekam (Görgen, 1996).

Nach der UN-Dekade der Frau stieß die Weltgesundheitsorganistion Frauengesundheitsforschung zu den wichtigsten Tropenerkrankungen an, da auch hier deutlich wurde, dass die frauenspezifische Aspekte bisher zu wenig berücksichtigt wurden. Der geschlechtsspezifische Ansatz wurde in den 90er Jahren von der Weltgesundheitsorganisation erweitert. Nicht nur der Einfluss des biologischen Geschlechts auf die Gesundheit von Frauen, sondern auch der Einfluss des Geschlechterverhältnisses sollte untersucht werden. Diese erweiterte Perspektive war notwendig, um geschlechtsbezogen differenzierter das Risiko und den Verlauf von Tropenerkrankungen untersuchen zu können. Frauen sind keine homogene Gruppe, sie leben in unterschiedlichen sozio-ökonomischen und kulturellen Umfeldern und haben in jedem Land entsprechend ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht unterschiedliche Lebensrealitäten, die ihre Gesundheit beeinflussen können (Diesfeld und Wolter, 1989). Seit der Initiierung des 1991 von der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufenen wissenschaftlichen Wettbewerbs „Gender and Tropical Diseases Award„ wurde eine Fülle von Informationen zusammengetragen, die zeigen, dass geschlechts- und geschlechterspezifische Unterschiede einen wesentlichen Einfluss auf Tropenerkrankungen haben, die bisher in ihrem Ausmaß nicht verstanden und vernachlässigt wurden (Vlassoff, 1999).

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Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der genitalen Bilharziose der Frau, einer Form der Bilharziose, die bisher wenig untersucht wurde. Es werden unterschiedliche Aspekte der genitalen Bilharziose untersucht, indem biomedizinischen, epidemiologischen und soziokulturellen Fragestellungen nachgegangen wird (Abb. 0.1).

Die Arbeit basiert auf den Ergebnissen von Forschungsprojekten zur genitalen Bilharziose, die über einen Zeitraum von acht Jahren in Malawi, Tansania und Madagaskar durchgeführt wurden. Es handelte sich um interdisziplinäre Projekte, zu denen Kollegen und Kolleginnen1 aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen beitrugen (Gynäkologie, Pathologie, Biologie, Soziologie und Public Health). Dies geschah nicht ohne Anlaufschwierigkeiten, da neben dem interdisziplinärem Arbeiten mit Kollegen aus den verschiedenen Fachrichtungen – wofür oft erst eine gemeinsame Sprache gefunden werden musste - das interkulturelle Element hinzukam, bedingt durch die Arbeit mit afrikanischen und europäischen Kollegen und durch die Arbeit mit den Frauen vor Ort. Andererseits war diese Arbeit eine Herausforderung für alle an den Projekten Beteiligten, die vielfach geforderte Interdisziplinarität umzusetzen.

Ziel der Arbeit ist es, das biomedizinische Wissen um eine vernachlässigte Manifestation einer Tropenerkrankung bei Frauen zu vergrößern und die Determinanten der Erkrankung zu untersuchen. Neben der „Forschungsebene„ ist die Umsetzung des erworbenen Wissens in eine „Interventionsebene„ eine langfristige Perspektive der Forschungsarbeit. Dies setzt biomedizinisches und epidemiologisches Wissen zu genitalen Bilharziose voraus, jedoch ist dieses Wissen nicht ausreichend. Es ist notwendig, die Bilharziose in ihrem Kontext zu verstehen, die Deutungen, Meinungen und Verhaltensweisen der betroffenen Frauen und Männer in deren Lebensrealität zu kennen. Hierzu gehören die Auseinandersetzung mit den traditionellen Erklärungskonzepten der mit der Bilharziose einhergehenden Beschwerden und die Untersuchung, wie mit diesen Beschwerden umgegangen wird. Diese Kenntnisse stellen eine Basis für die Planung von Interventionen dar, die kulturell akzeptabel und den lokalen Gegebenheiten angemessen sind.

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Eine weitere Voraussetzung für die Umsetzung der Forschungsergebnisse in Interventionsmaßnahmen ist, dass Entscheidungsträgern und letztendlich auch Geldgebern Daten zur Bedeutung der Erkrankung für die Gesundheit von Frauen vorliegen müssen. Dazu gehören Informationen zur Morbidität, dazu gehört aber auch, Hypothesen, die auf der Basis der Forschungsergebnisse entwickelt wurden und die für die Gesundheit von Frauen in endemischen Gebieten von Bedeutung sind, zu vertreten.

Im ersten Teil dieser Arbeit werden die Determinanten der Gesundheit von Frauen in Entwicklungsländern untersucht. Weiterhin wird eine Überblick über die Bilharziose und die genitale Bilharziose gegeben.

Im zweiten Teil werden die Ergebnisse der Feldarbeit dargestellt - wobei die empirischen Untersuchungen in Tansania im Vordergrund stehen – und diskutiert.

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Im dritten Teil wird - abgeleitet von den Ergebnissen der Studien - diskutiert, welche gesundheitspolitische Bedeutung die genitalen Bilharziose in einem Bilharziose-endemischen Land hat. Dies wird vor allem im Hinblick auf die Hypothese denkbarer Interaktionen zwischen der genitalen Bilharziose und viraler Erkrankungen, insbesondere HIV und HPV, diskutiert.

Abb. 0.1: Forschungsplan


Fußnoten und Endnoten

1  Im Folgenden wird aus Gründen der Lesbarkeit auf die Formulierung beider Geschlechter verzichtet



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07.09.2006