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5  Ergebnisse - Validierung von Verfahren zur Inaktivierung von klinisch relevanten Erregern in allogenen Knochentransplantaten (Publikationen)

Die vorliegende Habilitationsschrift umfasst Untersuchungen zur Wirksamkeit unterschiedlicher physikalischer und chemischer Inaktivierungsverfahren, die unter Verwendung ausgewählter Viren, Bakterien, Pilze, Sporenbildner und Sporen in allogenen Knochentransplantaten durchgeführt worden sind. Die Projekte wurden getrennt nach viralen und nicht-viralen Erregern bearbeitet.

Die Ergebnisse dieser Projekte sind in fünf Originalarbeiten im Journal der ´International Association for Biological Standardisation´ (Biologicals) publiziert worden. Den einzelnen Arbeiten (5.1 – 5.3) ist jeweils eine kurze inhaltliche Zusammenfassung vorangestellt.

5.1 Chemische Behandlung der Knochentransplantate mit Peressigsäure/Ethanol

Seit den achtziger Jahren werden in zunehmendem Maße Ethanol und Peressigsäure für die Sterilisation von musculoskeletalen Transplantaten verwendet. Jedoch ist die Diffusion dieser Substanzen in die Gewebe eingeschränkt. Penetrationshemmende Fettschranken müssen durch Behandlung der Knochenspongiosa und anderer fetthaltiger Gewebe mit einem Chloroform-Methanol-Gemisch oder einem gleichwertigen validierten Verfahren entfernt werden.

Die bakterizide, fungizide und sporizide Wirkung der Peressigsäure (PES, CH3CO3H) ist bereits seit längerem bekannt [von Versen et al., 1992; Wutzler & Sauerbrei, 2000]. Die Mehrzahl der Mikroben ist im Laufe der Evolution mit effektiven Entgiftungsenzymen ausgestattet worden, die alle beim normalen Stoffwechsel entstehenden zelltoxischen Sauerstoffderivate fast augenblicklich zerstören. Das wichtigste und wirksamste Enzym ist die eisenhaltige Katalase. Sie zersetzt pro Sekunde mindestens die 100fache Menge reinen Wasserstoffperoxids, insofern besitzen die Mikroorganismen ein regelrechtes ´Katalase-Schutzschild´. Wasserstoffperoxidmoleküle zerfallen weitgehend wirkungslos, der wirksame aktive Sauerstoff wird in harmlosen molekularen Sauerstoff umgewandelt. Katalase ist jedoch gegen PES wirkungslos. Die hervorragend lipidlöslichen PES-Moleküle durchdringen alle Zellmembranen, gelangen zu den ungeschützten, oxidationsempfindlichen Stoffwechselenzymen und spalten hier aktiven Sauerstoff ab. Bevorzugt werden Strukturelemente mit SH- oder -S-S-Gruppen oxidiert. Sie verlieren dadurch irreversibel ihre Funktion, der Zellstoffwechsel bricht zusammen.

Der Ethanolzusatz führt im Verfahrensprozess zu einer Herabsetzung der Oberflächenspannung, durch den Unterdruck (200 mbar) werden durch die Peressigsäurereaktion entstehende Gasbläschen entfernt. Die weitere Penetration des Sterilisationsmediums in das entfettete Knochengewebe wird durch die ständige Agitation der Sterilisationsgefäße gefördert. Um eine ausreichende [Seite 23↓]Diffusion der Chemikalien in das entfettete Knochengewebe zu gewährleisten, sollte die Dicke der Transplantate in einer Ebene 15 mm nicht überschreiten.

In den nachfolgend beschriebenen zwei Studien überprüften wir die Inaktivierungspotenz des Peressigsäure-Ethanol-Verfahrens an humanen Spongiosawürfeln, die mit definierten Viren, Bakterien, Pilzen, Sporenbildnern und Sporen kontaminiert wurden.

5.1.1 Validierung der Inaktivierung klinisch relevanter Viren bzw. deren Modellviren

Publikation

Pruss A, Kao M, Kiesewetter H, von Versen R, Pauli G (1999) Virus Safety of Avital Bone Tisue Transplants: Evaluation of Sterilization Steps of Spongiosa Cuboids Using a Peracetic Acid-Ethanol Mixture.Biologicals 27: 195-201.

Zusammenfassung

Die Zielstellung der Studie bestand in der Validierung der virusinaktivierenden Kapazität des Herstellungsprozesses allogener Knochenspongiosa. Sowohl der Sterilisationsschritt (Peressigsäure/Ethanol/Aqua ad iniectabilia, 2:1:1) als auch das Entfettungsverfahren (Chloroform/Methanol, 2:1) wurden in Kinetik- und Carriertests untersucht. Relevante umhüllte und nicht-umhüllte Viren sowie Modellviren, die zu unterschiedlichen Familien gehören, wurden in die Untersuchung einbezogen: HIV-2, Bovines Virus Diarrhoe Virus, Pseudorabiesvirus, HAV, Poliovirus 1 und Porcines Parvovirus. Die Ermittlung der Inaktivierung erfolgte durch die Erfassung cytopathogener Effekte (CPE) mit nachfolgender Berechnung der TCID50/ml.

Außer beim Hepatitis A-Virus wurde durch die 4-stündige Peressigsäure/Ethanol-Behandlung bei allen Viren die gewünschte Titerreduktion von mehr als 4 log10-Stufen (TCID50/ml) im Virus-gespikten, entfetteten Spongiosawürfel (15x15x15 mm) erreicht. Spongiöses Gewebe ist für Validierungsuntersuchungen am wichtigsten, weil für knöcherne Spongiosa (aus Epiphysen der Extremitätenknochen, der Wirbelsäule und des Os ilium) der weitaus größte klinische Bedarf besteht. Eine günstige Form der Prüfkörper (Würfel) erlaubt darüber hinaus eine standardisierte Eindringtiefe der Chemikalien. Aufgrund der etwa 200-fach höheren Oberfläche und der daraus resultierenden hohen Blutmenge von Spongiosa gegenüber Corticalis kann dieses Modell als ´worst case´ und somit auf alle knöchernen Transplantate anwendbar, angesehen werden.

Die Kinetikuntersuchungen belegten, dass der virusinaktivierende Effekt bei den meisten untersuchten Viren bereits nach 5 Minuten eintritt. Längere Inaktivierungzeiten wurden bei PPV beobachtet, HAV zeigte die größte Resistenz. Demzufolge wurde der Entfettungsschritt mit zell-assoziiertem HAV untersucht. Die Reduktion des Virustiters betrug 7 log10 Stufen.


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5.1.2  Validierung der Inaktivierung ausgewählter klinisch relevanter Bakterien, Pilze, Sporen und Sporenbildner

Publikation

Pruss A, Baumann B, Seibold M, Kao M, Tintelnot K, von Versen R, Radtke H, Dörner T, Pauli G, Göbel UB (2001) Validation of the Sterilization Procedure of Allogeneic Avital Bone Transplants Using Peracetic Acid-Ethanol . Biologicals 29: 59-66.

Zusammenfassung

Nach Abschluss der Virusinaktivierungsuntersuchungen wurde in Anlehnung an vorhandene nationale und internationale Normen bzw. Normenentwürfe (u.a. EN 1040, prEN 13624, prISO/DIS 14937) die Wirksamkeit des Peressigsäure/Ethanol-Verfahrens gegen nicht-virale Mikroorganismen geprüft. Aufgrund der standardisierbaren Form sowie der klinischen Relevanz diente erneut entfettete humane Knochenspongiosa (Würfel 15 x 15 x 15 mm) als Modell.

Eine Reduktion der Lebendkeimzahl von > 5 log10-Stufen (cfu/ml) der eingesetzten Testkeime Staphylococcus aureus, Enterococcus faecium, Pseudomonas aeruginosa, Bacillus subtilis, Clostridium sporogenes, Mycobacterium terrae, Candida albicans sowie Sporen von Bacillus subtilis wurde bereits nach 2 Stunden Einwirkzeit erreicht. Dabei konnten in keinem der Peressigsäure-behandelten Prüfkörper lebensfähige Keime nachgewiesen werden. Auch Aspergillus niger wurde vollständig inaktiviert.

Insgesamt betrachtet, besitzt das Verfahren eine ausreichende Wirksamkeit gegen die getesteten Viren, Bakterien, Pilze, Sporenbildner und Sporen und erweist sich als einfache und zuverlässige Methode zur Inaktivierung von in humanen Knochen- und Weichteiltransplantaten (Schichtdicke in einer Ebene ≤ 15 mm) potenziell vorhandenen Keimen.


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5.2  Sterilisation von Knochentransplantaten mit Gammastrahlen

Der keimzerstörende Effekt der sehr energiereichen Gamma-Bestrahlung, die beim Zerfall radioaktiver Elemente (z.B. Cobalt-60) entsteht, liegt vor allem darin, die Zellkerne resp. die genetische Information zu treffen, Defekte zu setzen und damit eine spätere Replikation des Erregers zu verhindern. Hinzu kommen zellzerstörende Sekundäreffekte wie z.B. die Bildung freier Radikale. Die Aufbringung der Bestrahlungsdosis erfolgt in vielen Einzelschritten durch mehrfaches Umfahren der Co-60-Strahlenquelle und ist nur in zugelassenen Einrichtungen möglich.

Derzeit existieren keine klaren Vorgaben zu Reduktionsfaktoren von Viren in humanen Knochengeweben. Die Bandbreite der empfohlenen Dosen reichen bis zu 89 kGy [Campbell & Li, 1999]. Große Dosis-Spannweiten wurden für eine Inaktivierung des HIV beschrieben. Diese reichen von 2,5 kGy über 25 kGy [Spire et al., 1985; Salai et al., 1997] bis hin zu Versuchen, bei denen mittels NAT das HIV-1 Genom als Nachweis einer Inaktivierung herangezogen wurde. Hier waren Gamma-Bestrahlungen mit einer Dosis von 30-40 kGy notwendig, bis die HIV-1-Sequenzen nicht mehr amplifizierbar waren [Fideler et al., 1994]. Andere Arbeitsgruppen untersuchten den D10-Wert (erforderliche Strahlendosis, um den Anfangsvirustiter um 90% bzw. 1 log10-Stufe zu reduzieren) in Abhängigkeit von der Temperatur. Der D10-Wert für HIV-1 lag im Bereich von 7,2 kGy bei Raumtemperatur und 8,3 kGy bei -80°C [Hernigou et al., 2000]. Dies würde bedeuten, dass für eine Reduktion der Virusinfektiosität um 4 log10-Stufen 28,8 kGy (RT) bzw. 33,2 kGy (-80°C) erforderlich wären. Diese Ergebnisse korrelieren mit meinen nachfolgend dargestellten Untersuchungen, in denen ein D10-Wert für HIV von 7,1 kGy bei –30°C, d.h. 28,4 kGy für 4 log10-Stufen, ermittelt wurde.

Bis zu einer Bestrahlungsdosis von 15 kGy werden keine, bis zu einer Dosis von 25 kGy nur geringe biomechanische Veränderungen an den Knochentransplantaten beobachtet. Bestrahlungsdosen oberhalb von 30 kGy führen zu signifikanten Veränderungen [Tomford, 2003]. Neue Verfahren, bei denen eine Protektion der Knochenproteine mittels Ascorbinsäure-haltigen Substanzen nachgewiesen wurde, erlauben den Einsatz von Bestrahlungsdosen bis zu 50 kGy [Grieb et al., 2002; Amareld et al., 2003]. Diese Dosen würden zu völliger Keimfreiheit und höchstem Sicherheitsstandard führen. Bestätigende Experimente an Knochentransplantaten stehen jedoch noch aus.

Die im wesentlichen die Reduktion von Bakterien, Pilzen und Sporen betreffenden Richtlinien und Empfehlungen zur ´Industriellen Sterilisation von Medizinprodukten´ [IAEA, 1990] fordern eine Gesamtreduktion um 6 log10-Stufen bzw. das Erreichen eines ´sterility assurance level´ (SAL, Wahrscheinlichkeit eines lebenden Mikroorganismus nach Abschluss der Sterilisationsmaßnahmen) von 10-6. Der SAL ist für die Bewertung von humanen Ausgangsmaterialien jedoch eher ungeeignet, da die geforderten Standardisierungen und Versuchsbedingungen für Medizinproduk[Seite 26↓]te bei Transplantaten humanen Ursprungs zumeist nicht gewährleistet werden können bzw. andere Maßstäbe gelten. Die International Atomic Energy Association (IAEA) empfiehlt eine Standarddosis von 25 kGy [IAEA, 2002], welche derzeit in den meisten Gewebebanken, die einen Gamma-Bestrahlungsprozess in die Herstellung integriert haben, verwendet wird. In den USA wird Knochengewebe teilweise mit 15 kGy bestrahlt. Diese Maßnahme dient jedoch im wesentlichen der Reduktion des mikrobiologischen Bioburdens und nicht der Virusinaktivierung.

Die Angabe des D10-Wertesmuss für Virusinaktivierungsstudien aus Vergleichbarkeitsgründen als Standard gefordert werden.

Definitive Aussagen zur Effizienz des Verfahrens bei der Sterilisation kontaminierter Knochengewebe lagen bisher nicht vor.

5.2.1 Validierung der Inaktivierung klinisch relevanter Viren bzw. deren Modellviren

Publikation

Pruss A, Kao M, Gohs U, Koscielny J, von Versen R, Pauli G (2002) Effect of Gamma Irradiation on Human Cortical Bone Transplants Contaminated with Enveloped and Non-enveloped Viruses. Biologicals 30: 125-133.

Zusammenfassung

Gammastrahlen sind in der Lage, biologische Strukturen durch primäre (Beschädigung des Genoms, Membranschäden) und sekundäre Effekte (Radikalbildung) zu zerstören. Auch Viren verlieren, in Abhängigkeit von der eingesetzten Bestrahlungsdosis ihre Infektiösität.

In der vorliegenden Arbeit wurde bei einer Temperatur von -30 ± 5°C der virusinaktivierende Effekt von Gammabestrahlung (Co-60-Quelle) untersucht. Das eingesetzte Virusspektrum entsprach den unter 5.1.1 eingesetzten Spezies. Das Porcine Parvovirus (PPV) wurde dabei durch das Bovine Parvovirus (BPV) ersetzt. Die Untersuchungen umfassten Kinetikstudien zur Berechnung des D10-Wertes sowie Experimente mit Virus-kontaminierten Femurdiaphysen.

Folgende D10-Werte wurden ermittelt: BPV 7,3 kGy, HIV-2 7,1 kGy, PV-1 7,1 kGy, HAV 5,3 kGy, PRV 5,3 kGy, BVDV <3,0 kGy. Anschließend wurden anhand dieser Werte die Effekte der Virusinaktivierung in kontaminierten Corticalistransplantaten überprüft. Für BPV, das resistenteste untersuchte Virus, wurde eine Dosis von 34 kGy empfohlen, um eine sichere 4 log10-Abreicherung (TCID50/ml) zu erreichen.


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5.2.2  Gammastrahlensensibilität von nicht-viralen Mikroorganismen

Bekannte D10-Werte für verschiedene Bakterien, Sporenbildner und Pilze sind in Tabelle 5 aufgeführt. Unter Beachtung der in Punkt 5.2.1 dargestellten D10-Werte für Viren wird leicht erkennbar, dass nicht-virale Mikroorganismen weitaus strahlensensibler sind. Dies liegt vor allem an der unterschiedlichen Genomgröße bzw. dem Zelldurchmesser (Bakterien ca. 1-5 µm, Pilze und Sporen < 10 µm), welcher den von infektiösen Viren (20-150 nm) bei weitem übersteigt. Dadurch können die Gammastrahlen diese Erreger pro Zeiteinheit weitaus häufiger treffen und somit bereits bei niedrigen Dosen zellzerstörende Effekte hervorrufen.

Tabelle 5. D10-Werte für ausgewählte nicht-virale Mikroorganismen
[Saleh et al., 1988; Clavero et al., 1994; Wallhäußer, 1995; Rajkowski et al., 2003]

Mikroorganismus

D10-Wert (kGy)

Escherichia coli

0.31

Enterobacter spp.

0.31

Salmonella spp.

1.10

Pseudomonas aeruginosa

0.16

Staphylococcus aureus

0.20

Streptococcus faecium

2.80

Campylobacter jejuni

0.23

Bacillus subtilis

0.60

Clostridium sporogenes

1.60

Candida crusei

1.16

Aspergillus niger

0.04

Geht man davon aus, dass die für eine Gammabestrahlung von Knochentransplantaten eingesetzte Dosis auch in hinreichender Form (4 log10) viruzid wirken soll, müssen Dosen von 25-35 kGy gewählt werden. Diese Bestrahlungsdosen würden bei Bakterien, Pilzen und Sporen zu einer Reduktion um mehr als 10 log10-Stufen führen. Insofern ist eine Validierung des Verfahrens hinsichtlich der inaktivierenden Potenz der Gammabestrahlung nicht-viraler Mikroorganismen in allogenen Knochentransplantaten nicht indiziert [Pruss, 2004].

Hinzu kommt, dass bereits eine Vielzahl von Untersuchungen zu dieser Thematik vorliegen [Hilmy et al, 2000] und erst vor kurzem der ´Code of Practice for the Radiation Sterilization of Tissue Allografts: Requirements for Validation and Routine Control´ der IAEA publiziert wurde [IAEA, 2002]. Dieser beschreibt sehr umfassend die Vorgehensweise zur Festlegung eines validierten Bestrahlungsprozesses für Gewebetransplantate. Neben logistischen Abläufen werden [Seite 28↓]insbesondere die Anforderungen an die bestrahlende Einrichtung sowie die zuliefernde Gewebebank definiert. Schwerpunkt der Richtlinie bildet danach die Festlegung der Validierungskriterien des Sterilisations-/Bestrahlungsprozesses. Besonders nutzbringend sind die im Annex C der Richtlinie angefügten Tabellen zur Dosisfindung in Abhängigkeit vom ermittelten Bioburden.

Zusammenfassend wird dort nachgewiesen, dass bei einer normalen Keimverteilung und einem vorhergehenden Prozessing der Gewebe eine Dosis von 24,8 (25) kGy hinreichend sein dürfte, eine Keimbelastung von 1000 cfu/allograft zu inaktivieren.

Hauptproblem der Richtlinie ist der Umstand, dass eine virale Kontamination der Transplantate nur durch serologische Tests/Anamnese ausgeschlossen wird. Die Ermittlung eines etwaigen viralen Bioburdens ist technisch ausgesprochen schwierig. Insofern sollte die Richtlinie zumindest auf das bestehende Risiko einer Virusübertragung durch mit 25 kGy bestrahlte Gewebetransplantate hinweisen. Als Lösung des ´viralen Problems´ wären folglich entweder eine Erhöhung der Bestrahlungsdosis, die jedoch u.U. die biologische Qualität des Gewebes beeinträchtigen könnte, oder die Einführung einer triple-PCR (HIV-, HBV-, HCV-NAT) aus Serum/Plasma vom Einzelspender, deren negatives Ergebnis eine geringe theoretische Viruslast von unter 1.000 geq/ml postulieren würde, die mit 25 kGy sicher inaktiviert werden kann. Ein entsprechendes Diskussionspapier wurde durch mich bereits an die zuständigen Gremien der IAEA gesandt.

5.3 Thermische Behandlung mit feuchter Hitze (Marburger Knochenbanksystem)

Die in Deutschland weit verbreitete thermische Behandlung von allogenen Knochentransplantaten durch das als Marburger Knochenbanksystem bekannte ´Lobator-sd-2-System´ (270 anwendende Kliniken) umfasst derzeit nur die Desinfektion von Femurköpfen, die im Rahmen von Totalendoprothesen-Operationen des Hüftgelenks aseptisch entnommen wurden [Knaepler et al., 1994].

Die thermophysikalische Desinfektion beruht auf der Konformitätsänderung von Proteinen. Die Thermolabilität einer Vielzahl von Mikroorganismen ist ein Hauptgrund der Wahl des thermischen Desinfektionsystems, welches mit einer wirksamen Inaktivierungstemperatur von ≥82,5°C für mindestens 15 Minuten arbeitet. Das System ist in der Lage, zahlreiche Bakterien und virale Infektionserrreger ohne Beeinträchtigung der Osteokonduktivität sowie der Festigkeit und Struktur des Knochen zu eliminieren [von Garrel et al, 1997]. Letztere werden bei den Verfahren der Autoklavierung bei mehr als 1000C deutlich beeinträchtigt [Kuner et al., 1998].

Zielstellung der folgenden Untersuchungen war die Validierung der inaktivierenden Wirkung des „Lobator sd-2“-Systems in mit ausgewählten Mikroorganismen kontaminierten entknorpelten humanen Femurköpfen (Querdurchmesser ≤ 55 ±1 mm). Für die Prüfung des thermischen Inaktivierungsverfahrens wurde ein Femurkopfmodell verwendet, das den direkten Kontakt zwischen [Seite 29↓]Erreger und Knochen garantiert und somit einerseits eine praxisnahe Simulation von in-vivo-Bedingungen erzeugt und andererseits den Temperaturverlauf bei der ´normalen´ Thermodesinfektion im nativen Femurkopf berücksichtigt. Während erwartet wurde, dass die in die Validierung einbezogenen Viren eine hinreichende Reduktion aufzeigen, blieb zu klären, in welchem Umfang das Lobator-System thermoresistente Erreger (Sporenbildner, Sporen) inaktivieren würde.

5.3.1 Validierung der Inaktivierung klinisch relevanter Viren bzw. deren Modellviren

Publikation

Pruss A, Kao M, von Garrel T, Frommelt L, Gürtler L, Benedix F, Pauli G (2003) Virus inactivation in bone tissue transplants (femoral heads) by moist heat with the ´Marburg bone bank system´ Biologicals 31: 75-82.

Zusammenfassung

Wie bereits in den vorhergehenden Untersuchungen zur virusinaktivierenden Wirkung des Peressigsäure/Ethanol-Verfahrens bzw. der Gammabestrahlung wurden die bekannten behüllten bzw. nicht-umhüllten Viren (HIV-2, BVDV, PRV, PV-1, HAV, BPV) eingesetzt.

Besonders anspruchsvoll gestaltete sich in der vorliegenden Arbeit die Erstellung des Versuchsmodells. Schließlich wurde der zentrale Zylinder eines entknorpelten Femurkopfes (Durchmesser 55 ± 1 mm) mit zellfreier Virussupension kontaminiert und direkt in ein Polypropylenröhrchen eingebracht, welches wiederum im Femurkopfbohrkanal platziert wurde. Vorhergehende Temperaturmessungen garantierten einen gegenüber dem nativen Femurkopf vergleichbaren Temperaturverlauf.

Als Einwirkzeit wurden gemäß den Vorversuchen des Herstellers und der Marburger Arbeitsgruppe um von Garrel und Knaepler mindestens 82,5°C über mindestes 15 Minuten definiert. Diese Einwirkung feuchter Hitze erbrachte in allen getesteten Viren eine Virusreduktion von ≥ 4 log10 (TCID50/ml). Infektiöses Virus konnte in keinem Fall nachgewiesen werden.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass das „Lobator-sd-2“-System einen hohen Grad an Virussicherheit bei der Behandlung allogener Femurkopftransplantate garantiert.


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5.3.2  Validierung der Inaktivierung ausgewählter Bakterien, Pilze, Sporen und Sporenbildner

Publikation

Pruss A, Seibold M, Benedix F, Frommelt L, von Garrel T, Gürtler L, Dörffel Y, Pauli G, Göbel UB (2003) Validation of the ´Marburg bone bank system´ for thermodesinfection of allogenic femoral head transplants using selected bacteria, fungi, and spores.Biologicals 31: 287-294.

Zusammenfassung

Nach Abschluss der Virusinaktivierungsuntersuchungen wurden als weiteres Projekt Inaktivierungsexperimente an ausgewählten Bakterien, Pilzen, Sporenbildnern und Sporen durchgeführt. Das Untersuchungsspektrum umfasste: Staphylococcus aureus, Staphylococcus epidermidis, Enterococcus faecium, Pseudomonas aeruginosa, Bacillus subtilis und seine Sporen, Clostridium sporogenes, Mycobacterium terrae, Candida albicans und Sporen von Aspergillus niger.

Auch bei diesen Versuchen fand das neu entwickelte Femurkopfmodell Verwendung, die Inaktivierungsparameter (82,5°C über mindesten 15 Minuten) blieben unverändert. Vegetative Bakterien, Pilze und Pilzsporen wurden komplett inaktiviert (Reduktionsfaktor ≥ 6 log10 cfu/ml). Sporen von Bacillus subtilis sowie Clostridium sporogenes, jeweils als hitzeresistent bekannt, konnten nur um 1-2 log10-Stufen reduziert werden. Da die Gewinnung der Femurkopftransplantate jedoch im Operationssaal unter aseptischen Bedingungen erfolgt, spielt dieser Befund für die Transplantatsicherheit nur eine untergeordnete Rolle. Für die thermische Behandlung von Geweben, die außerhalb des OP, z.B. in Pathologien, entnommen wurden, ist das Marburger System jedoch nicht zu empfehlen.

In Verbindung mit den Ergebnissen der Virusinaktivierungsstudie kann das ´Marburger Knochenbank-System´ für die Behandlung von aseptisch entnommenen allogenen Femurkopf-transplantaten empfohlen werden. In Verbindung mit anamnestischen Daten des Spenders und geeigneten Laborparametern bietet es eine sehr hohe Infektionssicherheit.


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15.02.2005