Fragestellungen für die vorliegende Untersuchung

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In vorangegangenen Studien untersuchten wir Frauen, die bereits wegen Schwangerschaftskomplikationen ambulant oder stationär behandelt wurden und fanden Zusammenhänge zwischen Risikokonstellationen in den Bereichen Persönlichkeit, Partnerschaft, Beruf und Familie und Schwangerschaftskomplikationen wie Frühgeburtlichkeit, SIH und intrauterine fetale Retardierung (RAUCHFUSS et al. 1986, KLOSS/ WELLNITZ 1991, WEIDNER/ RAUCHFUSS 1998). Bei einem solchen Untersuchungsdesign ist eine Beeinflussung der erhobenen psychosozialen Befunde durch die bereits eingetretenen Komplikationen möglich.

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Mit einem prospektiven Untersuchungsdesign sollte daher in der vorliegenden Studie eine größere, für den Erhebungsort möglichst repräsentative Gruppe von Schwangeren vor dem Auftreten der zu untersuchenden Komplikationen befragt und dann Verlauf und Ausgang der Gravidität verfolgt werden. Bei einer Frühgeburtenrate von 6 bis 7% sind mindestens 500 Schwangere zu befragen, um 30 bis 35 Frühgeburten verzeichnen und auswerten zu können.

1. Eine erste Aufgabe bestand in der Definition von biologischen, psychischen und sozialen Risiko- bzw. Ressourcenbereichen, die in ihrem Einfluss auf den Schwangerschaftsverlauf untersucht werden sollten. In die Datenerhebung wurden neben bekannten medizi nischen und soziodemographischen Risikofaktoren weitere psychosoziale Faktoren, die als Stressoren aber auch als Ressourcen wirken können, einbezogen. Neben in der Literatur als bedeutungsvoll beschriebenen Bereichen wie Gesundheitsverhalten und berufliche Situa tion, sollten auch bisher weniger beachtete Felder wie lebensgeschichtliche Daten, Stress verarbeitungs- und Persönlichkeitsvariable und schwangerschaftsbezogenen Einstellun gen und Ängste in die Befragung einbezogen werden. Im Bereich des sozialen Netzwerkes wurde der Beziehung zum Vater des werdenden Kindes besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Da keine adäquaten Erhebungsinstrumente vorlagen, wurde für die Studie ein eigener Fragebogen entwickelt.

2. Für die Datenauswertung waren Outcome-Variable, die eng mit Frühgeburtlichkeit assoziiert sind, zu definieren. Dies betraf einmal für die Genese der Frühgeburt bedeutsame Schwangerschaftskomplikationen (drohende Frühgeburt, schwangerschaftsinduzierte Hypertonie und Verdachtsdiagnose intrauterine fetale Retardierung sowie geburtsbezogene mit der Frühgeburt interagierende Variable (Geburtsgewicht <2500g, Frühgeburt <37. SSW, Frühgeburt nach (alter) WHO-Definition, Geburtsgewicht <10. Percentile) .

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3. Für die definierten Outcome-Variablen sollten mittels multipler logistischer Regression signifikante Prädiktoren ausgewählt werden. Wir postulierten, dass neben bekannten medizinischen und soziodemographischen Faktoren auch Persönlichkeits- und Stressverarbeitungsvariable sowie soziale Unterstützung und hier speziell die durch den Kindesvater einen Einfluss auf den Schwangerschaftsverlauf- und ausgang haben und somit als Prädiktoren in das erklärende Modell aufgenommen werden.

4. Weiterhin sollten die Prädiktorenmodelle für die drei untersuchten Schwangerschaftskomplikationen verglichen werden. Wir vermuteten unterschiedliche Risiken- bzw. Ressourcenkonfigurationen.

5. In der Geburtsmedizin gilt als gesichert, dass für die spontane Frühgeburt vor der vollendeten 37. SSW und die Geburt eines intrauterin mangelentwickelten Kindes unterschiedliche ätiopathogenetische Wege bedeutsam sind. Es sollte daher geprüft werden, ob auch in Hinblick auf die in der vorliegenden Studie untersuchten psychosozialen Faktoren für die beiden perinatalen Outcome-Variablen unterschiedliche Prädiktorenkonstellationen ermittelt werden können.

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6. Schwangere mit drohender Frühgeburt scheinen nicht die Hauptrisikogruppe für eine Frühgeburt <37. SSW zu sein. Die Prädiktorenmodelle beider Komplikationen sollten verglichen werden, um zu prüfen, ob sich für die Geburt vor der vollendeten 37. SSW spezielle psychosoziale Risikomerkmale nachweisen lassen, die sich von denen bei drohender Frühgeburt unterscheiden.

7. Für die Frühgeburt sollte weiterhin geprüft werden, ob die Einbeziehung der im Ver lauf der Gravidität auftretenden Komplikationen die Bedeutung der psychosozialen Faktoren in Hinblick auf die Prädiktion des Ereignisses Frühgeburt vor der vollendeten 37. SSW relativiert.

Während eine Reihe von randomisierten Studien zum Einfluss sozialer Unterstützung in der Schwangerschaft durchgeführt wurden und wenig ermutigende oder inkonsistente Ergebnisse erbrachten (Überblick bei HODNETT 2002), gibt es keine Studien, die Schwangerschaftsverlauf und psychosoziale Einflussvariablen auch unter einem salutogenetischen Blickwinkel betrachten und einen Schwerpunkt auf emotional bedeutsame Beziehungen wie die zum Kindesvater legen. Dies geschieht in der vorzustellenden Untersuchung. Aus den Ergebnissen sollen erste Schlussfolgerungen für die Schwangerenvorsorge getroffen werden.


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06.11.2006