Kurzdarstellung von 6 Interviews

7.1  Schwangere mit drohender Frühgeburt

↓244

Das Interview fand 8 Monate nach der Entbindung in der Wohnung von Frau A statt. Diese wird von der Interviewerin als offen und auskunftsbereit, die Gesprächsatmosphäre als angenehm und entspannt beschrieben.

Angaben aus dem Fragebogen:

↓245

Soziodemographische Daten: 31 Jahre, verheiratet, HH-Einkommen 1500 bis 4000 DM,

mittlerer Schulabschluss

Medizinisch anamnestische Daten: Erstpara, Infertilitätsbehandlung, anamnestisches Risiko, 2 Frühaborte, >1 chronisch gynäkologische Störung

↓246

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: sehr geringe SV, soziale Abkapselung, sehr niedrige allgemeine Ängstlichkeit

Soziales Netzwerk: kein weibliches Netzwerk (Freundinnen), keine instrumentelle Hilfe durch eigene Mutter

Partnerschaft: keine „ideale Partnerschaft“, Streitverhalten, fraglich glücklich

↓247

Gesundheitsverhalten: Kollegen Raucher, selbst vor Schwangerschaft, Rauchen aufgegeben, in den Klinikunterlagen keine Angaben zum Nikotinkonsum, BMI 19-24

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: vorzeitige Wehen, Cervixinsuffizienz, vorzeitiger Blasensprung, Geburt < vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht < 2500g und > 10. Percentile

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

↓248

Frau A: „Na, ich war eigentlich überrascht, dass ich überhaupt schwanger geworden bin, weil ich zu Anfang ganz schöne Probleme hatte .... Ich hatte 2 Fehlgeburten ... . Das erste Vierteljahr der Schwangerschaft war ich Zuhause, und da war mir immer übel ... . Später habe ich die Zeit so richtig genossen, die ersten Kindesbewegungen und so ... . Ich habe dann auch wieder gearbeitet und das hat mir auch Spaß gemacht ... .

Das Einzige, was mir nicht gefallen hat, war ... die allgemeine Umwelt, die so überhaupt nicht reagiert hat, zum Beispiel in der Straßenbahn oder S-Bahn ..., da ist nur zweimal einer aufgestanden, und da war ich manchmal ganz schön sauer.

Meinem Mann gegenüber war ich richtig froh, dass das nur für mich war (meine das Kind, die Kindsbewegungen usw. ...). Mein Mann hat das nicht so richtig miterlebt. Vielleicht hat er es ja doch getan, aber er hat es nicht so gezeigt wie ich das gern gewollt hätte

↓249

... . Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass er ein bisschen näher kömmt ... . Ich habe ihn manchmal ein wenig gepiekt ..., aber ich wollte ihn um Gottes Willen nicht zwingen ... .

Ich wollte das alles in Ruhe genießen, ja, keine Hektik und so. Manchmal habe ich mich auch selber getestet, wieweit ich gehen kann und mich belasten ... .

Manchmal kommen heute Zweifel daran, dass das falsch war, bestimmt nicht das Kind, das würde ich nicht sagen. Eher ein Problem mit meiner Ehe, sagen wir mal so, dass man auch mit Kind mehr machen könnte ... . Das wünsche ich mir manchmal ... .

↓250

... Manchmal habe ich jetzt auch Träume, dass ich mich mal umdrehe, und er (der Sohn) fällt irgendwo runter, davor habe ich große Angst. Das kam erst, als das Kind da war, vorher konnte ich mir das noch nicht richtig vorstellen ... . Aber jetzt ist das sehr, weil ich Angst habe, dass er aus dem Bett fällt ..., und das ist für mich die schlimmste Vorstellung, wenn ich daran Schuld bin, wenn er sich irgendwas tut ... . Davor habe ich große Angst und liege manchmal auch im Bett, und muss mich zwingen, an was anderes zu denken, manchmal ist das ganz schlimm.“

Frage Interviewerin: „Gibt es jemanden, mit dem Sie drüber reden können, so über alles ...?“

Frau A: „Nein, das möchte ich auch nicht. Eigentlich ist das ja auch Quatsch ... . Von meiner Schwester bin ich ein bisschen enttäuscht. Ich habe nicht so unbedingt das Vertrauen zu ihr ... . Ich hab früher mal gedacht, dass ist meine beste Freundin, aber ... in der Schulzeit da war das eigentlich auch nicht so ... . Das war bei mir eigentlich immer so, dass ich nie eine richtige Freundin, so eine ganz enge Freundin hatte, mit der man so richtig alles machen kann. Manchmal dachte ich, ich könnte meiner Schwester alles erzählen, aber ... .

↓251

Ich bin froh, richtig ein bisschen stolz, dass wir in unserer Familie alle so zusammenhängen und meine Eltern sicher sein können, dass wir uns nicht die Köpfe einrennen gegenseitig ... .

7.2 Schwangere mit SIH

Das Interview erfolgte 11 Monate nach der Entbindung. Frau B wird von der Interviewerin als aufgeschlossen und zielgerichtet beschrieben. Auffällig ist, dass sie ihr Kind als schwierig und verwöhnt beschreibt. Wörtlich sagt sie ... „jetzt ist er versaut“.

Angaben aus dem Fragebogen:

↓252

Soziodemographische Daten: 37 Jahre, verheiratet, HH-Einkommen 1500 bis 4000 DM, höherer Schulabschluss,

Medizinisch anamnestische Daten: Drittpara, aR 2 Schwangerschaftsabbrüche, anamnestische Belastung durch Herzrhythmusstörungen und Hypertonie

Lebensgeschichtliche Daten: elterliches Erziehungsverhalten autoritär, Kindheit nicht glücklich erinnert

↓253

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: Erschöpfung und Schlafstörungen hoch

Schwangerschaftsbezogene Einstellungen und Ängste: Schwangerschaft ungeplant eingetreten, Schwangerschaft erwünscht, Schwangerschaftseinstellung negativ, mittlere Schwangerschafts- und Geburtsangst

Soziales Netzwerk: emotionales Verständnis durch Freundin vorhanden, Akzeptanz durch Partner vorhanden

↓254

Partnerschaft: keine „ideale“ Partnerschaft, mindestens eine belastende Verhaltensweise des Partners, PFB Streitverhalten fraglich glücklich

Gesundheitsverhalten: selbst in Schwangerschaft Rauchen aufgegeben, in den Klinikunterlagen keine Angaben zum Nikotinkonsum, BMI 19-24

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: SIH, VD Retardierung, Cervixinsuffizienz, vorzeitiger Blasensprung, Geburt > vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht < 2500g und < 10. Percentile

↓255

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

Frau B: „Als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, waren das gemischte, sehr gemischte Gefühle. Meine Arbeit war sehr unbefriedigend. Wir hatten gerade eine größere Wohnung bezogen, in der wir uns fast verliefen. Die großen Kinder waren 10 und 15 Jahre und gingen schon ihre eigenen Wege. Enkelkinder waren noch lange nicht in Sicht. Ein Gedanke war, wäre gar nicht so schlecht, wenn man noch ein eigenes Kind hätte. Es war kein Wunsch danach, im Gegenteil ... . Es war mein Rechenfehler, so ein Freudscher Rechenfehler ... . Als ich den Test machte und der war positiv ..., aber na ja, ich hatte mich mit dem Gedanken sofort abfinden können. Für meinen Mann war es schlimmer ... . Das hat bestimmt so 14 Tage gedauert, da haben wir uns ganz schön zerfleischt ... . Wir haben immer auch ein paar Tage nicht miteinander gesprochen. Er meinte, das hätte mit mir überhaupt nichts zu tun, es wäre mehr der Lebensstandard, den wir nicht mehr behalten könnten bei nur einem Gehalt. Vom logischen Standpunkt war das schon nachvollziehbar ... . Aber es war doch schon ziemlich schmerzhaft, denn das hatte ich nicht erwartet, so eine starke Gegenreaktion ... . Ich habe versucht, es rational zu nehmen. Es war ja auch finanziell nicht so, dass es nicht denkbar war mit dem dritten Kind ... . Und ich hatte auch schon zwei Unterbrechungen in Situationen, wo das mit einem Kind nicht gegangen wäre.

Einmal, als ich ganz jung war und einmal, da war ich schon allein mit einem Kind. Aber jetzt wäre das mit einer Unterbrechung für mich nicht zu rechtfertigen gewesen. Wenn er dabei geblieben wäre, mit seiner Entscheidung gegen das Kind, hätte ich es nicht behalten ... . Aber er hätte auch keine Chance gehabt, dann ... mich zu behalten ... . Aber das war keine bewusste Geschichte, die mir in dem Moment durch den Kopf gegangen ist, sondern erst viel später ... . Na ja, das hat sicher alles auch ursächlich damit zu tun, dass die Schwangerschaft so belastet war. Aber ich denke auch, dass es die organische Sache des Blutdrucks war ... . Welchen Anteil da was hat, kann man im Nachhinein schlecht sagen. Und insofern ist es auch schwer, in der Schwangerenbetreuung darauf einzugehen. Das war wirklich eine partnerschaftliche Sache, und ich weiß nicht, wie man darauf eingehen sollte. Man könnte höchstens die Frauen darin bestärken, das durchzustehen ... .

↓256

Nachdem wir gesagt haben, wir bekommen das Kind, haben wir das Thema beiseite gelegt. Wir haben es nicht mehr berührt. Aber irgendwo schwelt da was weiter, ist in einer Bauchecke versteckt, noch da ..., eigentlich hat er es ja nicht gewollt. Also, wir haben das nicht richtig ausdiskutiert, wir hätten aber drüber reden müssen. Er hat eigentlich Zeit gebraucht, um sich daran zu gewöhnen, und er wollte auch nicht ständig darüber reden, aber wir hätten reden müssen ... . Das müsste man anderen Frauen sagen, ... ihr müsst darüber reden. Das hat ja keinen Sinn, wenn du darunter leidest, dass er nicht mal den Bauch anfasst, ... weil er ja sagt, er will es, aber er fasst den Bauch trotzdem nicht an. Man kann zwar mit der besten Freundin darüber reden, aber da kommt man dann doch nicht weiter, man muss da ja selber durch ... .“

Frau B am Ende des Gesprächs: „Die Geburt war grauenvoll ... wie der Tod, habe mich wie auf der Schlachtbank gefühlt ... . Ich hatte keinen Einfluss mehr auf das Geschehen, und das war mir nicht so angenehm ...“.

7.3 Schwangere mit der Verdachtsdiagnose intrauterine fetale Retardierung

Das Interview erfolgte 11 Monate nach der Entbindung in der Wohnung der Befragten. Frau C wirkte leicht verunsichert, was sie durch burschikoses Auftreten zu überspielen versuchte.

↓257

Angaben aus dem Fragebogen

Soziodemographische Daten: 18 Jahre, ledig, HH-Einkommen bis 1500 DM, niedriger Schulabschluss

Medizinisch anamnestische Daten: Erstpara, Erstgravida

↓258

Lebensgeschichtliche Daten: elterliches Erziehungsverhalten wenig autoritär, Kindheit nicht glücklich erinnert, mit Geschwistern aufgewachsen, noch bei Eltern lebend

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: sehr geringe SV soziale Abkapselung und SV Nachhaltigkeit, sehr wenig Schlafstörungen

Schwangerschaftsbezogene Einstellungen und Ängste: Schwangerschaft ungeplant eingetreten, Schwangerschaft erwünscht, wenig Geburtsangst

↓259

Soziales Netzwerk: instrumentell Hilfe durch eigene Mutter, Vater taucht im sozialen Netzwerk nicht auf

Partnerschaft: PFB Streitverhalten fraglich glücklich, zur Partnerschaft fehlen einige Angaben

Gesundheitsverhalten: Rauchen in SS reduziert auf 5-10 Zigaretten pro Tag, in den Klinikunterlagen Nikotinkonsum angegeben

↓260

Berufliche Situation: kein Berufsstress

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: VD Retardierung, vorzeitige Wehen, Geburt > vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht < 2500g und < 10. Percentile

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

↓261

Frau C: „ Die Schwangerschaft war nicht geplant und kam eigentlich gar nicht recht. Aber ich habe mir schon gesagt, das erste Kind werde ich nicht abtreiben, egal wie alt ich bin. Weil, man hört da so viele Sachen, dass man dann keine Kinder mehr bekommt. Und in die Situation wollte ich halt nicht kommen.

Interviewerin: „Aus einer langfristigen Planung heraus haben sie dann also gesagt, dann muss ich dass Kind halt bekommen ?“

Frau C: „Dann krieg ich es halt. Ja auch, wenn ich jetzt nicht weiter arbeiten kann. Das kann ich ja auch später, wenn die anderen dann zu Hause sitzen.“

↓262

Interviewerin: „Das sehen sie nur als Zeitverschiebung an ?“

Frau C: „ Ja, eigentlich schon“

Interviewerin: „Und das macht ihnen jetzt auch keine großen Probleme?“

↓263

Frau C: „Nein, der (meint ihren Sohn) ist eigentlich ganz friedlich. Der macht keine Probleme. Nur mit meinem Job, da werde ich so schnell nicht wieder reinkommen. Jetzt bin ich gerade beim Umlernen. Ich war im Gaststättengewerbe und das ist mit Kind schwierig ... .“

Interviewerin: „Vom Kindesvater haben sie bisher nichts gesagt? Wie hat der sich so verhalten?“

Frau C: „Der Kindesvater, der hat sich zuerst mal ganz doll gefreut. Der ist 28, ja und ich dachte, jetzt kann ja nichts mehr schief gehen. Ich meine, er ist alt genug, um eine Familie zu gründen und so. Und dann fing er so kurz vor dem 3. Monat an, wo man noch abtreiben kann, ob ich nicht doch zu jung wäre. Ob ich es mir nicht noch überlegen will? Dann kann ich ja nicht mehr in die Disko gehen und Sonstiges machen. Und er kann dann auch nicht mehr so wie er will. Da habe ich zu ihm gesagt, pass mal auf, ich verlange ja nicht von dir, dass du jeden Abend zu Hauses sitzt ... und hin und her ... . Dann wollte er das Kind nicht mehr und hat sich von mir getrennt ... . Jetzt lebe ich mit einem Mann zusammen, der ist erst 23, aber der akzeptiert das Kind ... . Wir machen trotzdem noch viel. Dann geht das Kind zum Babysitter oder zur Oma.“

↓264

Interviewerin: „Ihre Familie unterstützt sie schon?“

Frau C: „Ich habe nur eine Mutter, aber die hat mich während der Schwangerschaft unterstützt, Anträge geschrieben, sich um die Wohnung gekümmert als ich im Krankenhaus war und so ... .Und die ist auf meinen Sohn, also ihren Enkel ganz wild. Wo das Kind da war, war das auch bei den anderen so, da kamen sie alle, um das Kind zu sehen.“

Interviewerin: „ Hatten sie das Gefühl, es geht gar nicht um sie?“

↓265

Frau C: „Ja, so kommt es mir vor. So eine Nachbarin bei meiner Mutter, die sagt immer: `Ah da ist ja mein Kleiner wieder`... . Und zu mir ...`und du, du bist ja ganz unwichtig. Das Kind ist viel wichtiger ... . `Die fragt mich dann gar nicht, wie es mir geht.“

Interviewerin: „Und wie ging es ihnen gesundheitlich in der Schwangerschaft?“

Frau C: „Eigentlich immer ganz gut. Ich habe ja auch nicht so viel zugenommen, hatte keinen so dicken Bauch. Da war ich auch froh, weil ich da noch richtig arbeiten konnte, denn ich brauchte das Geld ja ... . Einen Monat vor dem Geburtstermin musste ich dann ins Krankenhaus, weil ich Wehen hatte. Da haben sie festgestellt, das der Brustkorb vom Kind noch nicht entwickelt war und haben mich gefragt, ob ich Raucher wäre ... und ich ... ja ... . Und dann haben sie mich halt an den Tropf angeschlossen, und dann musste ich noch einen Monat drin bleiben.“

↓266

Interviewerin: „Und das war schlimm für sie ?“

Frau C: „Na ja schlimm, das mit dem Waschen in der Schüssel und der Schieber, das war schwierig. Dann habe ich mit denen geredet, so dass ich wenigstens einmal am Tag auf die Toilette gehen durfte ... . So habe ich dann die Zeit durchgestanden, aber am Ende wollte ich dann gar nicht mehr ... .

Als dann ein bisschen Blut in der Vorlage war, war ich ganz aufgeregt, weil mir viele Frauen gesagt hatten, das ist das Zeichen, dass es los geht mit der Geburt. Und so war es

↓267

dann auch. Meine Mutter war bei der Geburt mit dabei, weil ich ja zu der Zeit noch allein war ... . Die Wehen, die waren schon ein bisschen schlimm, aber die Geburt dann an sich, die ging eigentlich einwandfrei über die Bühne ... . Hätte danach noch das nächste kommen können. Hätte mir nichts ausgemacht.“

Interviewerin zum Abschluss: „Sie haben jetzt einen Sohn. Gibt es irgendetwas, was sie sich für ihn besonders wünschen ?“

Frau C: „Oh, das ist schwer zu sagen, weil, es wird dann meistens doch nicht so wie man es möchte.“

7.4 Frau mit Geburt eines Kindes mit Geburtsgewicht unter der 10. Percentile

↓268

Das Interview fand 10 Monate nach der Entbindung bei Befragten zu Hause statt.

Angaben aus dem Fragebogen

Soziodemographische Daten: 29 Jahre, ledig, HH-Einkommen 1500 bis 4000 DM, mittlerer Schulabschluss

↓269

Medizinisch anamnestische Daten: Zweitpara, anamnestische Belastung durch rezidivierende Regelstörungen, Dysmenorrhoe, Herzrhythmusstörungen, einmalig Amenorrhoe

Lebensgeschichtliche Daten: elterliches Erziehungsverhalten autoritär, Kindheit nicht glücklich erinnert

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: hohe SV soziale Abkapselung

↓270

Schwangerschaftsbezogene Einstellungen und Ängste: Schwangerschaft geplant eingetreten, Schwangerschaft erwünscht, wenig Schwangerschafts- und mittlere Geburtsangst

Soziales Netzwerk: kein allgemeines soziales Netzwerk aber mehr als 2 Personen im schwangerschaftsbezogenen Netzwerk

Partnerschaft: PFB Streitverhalten fraglich glücklich, PFB Gemeinsamkeit und Kommunikation unglücklich

↓271

Gesundheitsverhalten: vor Schwangerschaft Rauchen aufgegeben, in den Klinikunterlagen keine Angaben zum Nikotinkonsum, BMI vor SS <19

Berufliche Situation: psychisch belastende Arbeit, teilweise körperlich belastende Arbeit

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: vorzeitige Wehen, Geburt > vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht > 2500g und < 10. Percentile

↓272

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

Frau D: „Der Wunsch nach einem zweiten Kind, der war schon da als mein Sohn zwei Jahre alt war. Aber damals bin ich gerade in die Arbeitslosigkeit gekommen und habe dann ein Jahr Weiterbildung gemacht, und mich viel beworben, aber keinen Job bekommen.

Und dann habe ich mich entschlossen, obwohl ich mittlerweile Arbeitslosenhilfe bekam, wieder schwanger zu werden. Das hat eine Weile gedauert, und als ich in der vierten oder fünften Woche war, hatte ich eine Lungenentzündung. Da ist uns das Kind abgegangen. Danach haben wir dann wieder „gebastelt“, über ein Jahr und mit ärztlicher Hilfe. Wir haben richtig mit Fieberkurven und später auch Hormonen gearbeitet, aber immer nur bei meiner normalen Gynäkologin. Das war schon hart, ... man kann sagen, fast so tagtäglich ... Und es hat komischerweise erst gefunkt, als wir schon gesagt haben, jetzt lassen wir es, das ist Schwerstarbeit. Vielleicht war da auch der Stress weg und deswegen hat es geklappt. Ich hatte mir so das Ziel gesetzt vor 30 noch, und ich war dann absolut glücklich. Das Rauchen hatte ich schon zwei oder drei Monate vorher aufgegeben.

↓273

Am Anfang verlief das dann von der Schwangerschaft her ganz glatt. Angefangen hat es mit den Problemen im vierten oder fünften Monat. Da habe ich öfter Wehen gekriegt und war auch ziemlich nervös. Aus welchem Grund das so war, kann ich nicht sagen ..., hatte zu der Zeit vielleicht auch ein bisschen wenig Unterstützung durch meinen Mann. Der hat das zuhause damals ein bisschen viel schleifen lassen. Ich habe also viel Kohlen geschleppt und so ... . Ich hatte ein totales seelisches Tief ... . Vielleicht war das auch, weil der Vater meines ersten Kindes weggegangen ist als ich im fünften Monat schwanger war. Endgültig getrennt haben wir uns, als ich im siebten Monat war. Vielleicht war das auch ein Grund für die Probleme in der Schwangerschaft mit meiner Tochter. Ich war damals so fertig, dass ich am liebsten weggefahren wäre. Ich habe dann auch meinen Sohn geschnappt und bin zum Hauptbahnhof gefahren, mitten in der Nacht, heimlich. Ich war schon am Fahrkartenschalter und bin dann doch wieder umgedreht weil ... . Das hat mir dann doch so große Angst gemacht, dass ich eben gesagt habe, ich muss was unternehmen, bevor ich wirklich Blödsinn mache ... . Zum ersten Gespräch mit dem Psychiater hat mein Mann mich dann begleitet und hat dann selber auch versucht, zuhause, dass wir ein bisschen ein anderes Verhältnis zueinander bekommen. Irgendwie haben wir aneinander vorbeigelebt. Haben auch wenig über das gesprochen, was uns belastet. Er hatte damals viel Kummer auf der Arbeit. Darüber hat er nicht gesprochen. Ich hatte andere Sorgen. Wir mussten erst einmal lernen, wieder richtig miteinander umzugehen. Hat eine Weile gedauert, aber wir haben es gut wieder in den Griff gekriegt. Na ja, er hat auch gelernt, dass er auch ein bisschen offener sein muss. Er ist, genau wie ich, so ein Typ, der viel in sich hineinfrisst und dann eben irgendwann explodiert ... . Ich bin dann weiter allein zu der psychologischen Beratung gegangen ... .

Zwei Monate später am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte ich so akute Wehen, dass ich mich ins Krankenhaus abholen lassen musste, und die haben mich dann auch gleich dabehalten. Da war ich in der 28. SSW. Und am vierten Januar bin ich wieder entlassen worden, und dann war ich alle zwei Tage oder sogar täglich bei meiner Frauenärztin. Das wurde dann zum Teil schon belastend, weil ich ja laufend an das CTG ran musste. Aber im Prinzip war das meines Erachtens nach gar nicht nötig, mal hatte ich weniger, mal mehr Wehen. Meine Ärztin hat immer draufgeschaut und egal wie es war, gesagt: `aha ... so und so ..., wir warten bis morgen und dann schauen wir wieder ...´ Sonst habe ich die Schwangerschaft aber in sehr guter Erinnerung, weil ich das unheimlich gemocht habe, wenn sich das Baby bewegt hat ...“

Interviewerin: „ Das CTG bei der Frauenärztin hat sie also nicht beruhigt?“

↓274

Frau D : „Nein überhaupt nicht. Ich habe mir geschworen, wenn es wieder los geht, geh ich erst, wenn ich mir hundertprozentig sicher bin. Weil ich nicht unbedingt noch mal ins Krankenhaus wollte und das Kind war ja auch groß genug inzwischen ... . Weihnachten war das übrigens so, dass wir am ersten Tag noch zum Essen bei der Schwiegermutter eingeladen waren und am zweiten Feiertag hatte ich meine Eltern eingeladen und Ente gemacht. Und am Abend ging es dann los, dass ich ins Krankenhaus musste ... . Und da war unser Auto gestohlen und wir haben dann noch monatelang Streit mit der Versicherung gehabt ... . Das musste alles ich machen, weil mein Mann mit dem Schriftkram nicht so klar kommt.

In der Schwangerschaft habe ich nicht so viel zugenommen, nur so ungefähr acht Kilo. Ich bin so ein bisschen ein hektischer Typ, laufe immer sehr schnell draußen auf der Strasse. Das war in der Schwangerschaft genauso. Egal, ob ich es nun eilig hatte oder nicht, ich renn immer automatisch ... . Schon als Kind hatte ich so einen großen Bewegungsdrang, und da haben mich meine Eltern ab dem dritten Lebensjahr zum Leistungsport Geräteturnen geschickt. Mit 12 Jahren musste ich dann aufhören, weil ich so Herzrhythmusstörungen hatte ... . Ich bin innerlich so ein unruhiger Typ. Im Prinzip will ich auch alles immer halbwegs perfekt hinkriegen ... . Ja und so sehr sensibel bin ich vielleicht auch. Alles rührt mich besonders an, wo andere noch drüber lachen.

Interviewerin: „Jetzt noch ein Frage zu ihrem Ernährungsverhalten in der Schwangerschaft.“

↓275

Frau D : „Na ja, das habe ich jetzt ganz unter den Tisch fallen lassen ... . In der Zeit, wo ich die psychischen Probleme hatte, da hab ich ab und zu auch mal ein Gläschen getrunken. Ich war nicht richtig besoffen aber so drei bis vier Flaschen Bier habe ich schon

getrunken ... .Und dann das in Verbindung damit, dass ich abhauen wollte, dass hat mich dann schon dazu gebracht, Hilfe zu suchen ...“

Interviewerin: „Wie oft war das dann so, war das täglich ...?

↓276

Frau D : „Nein nicht täglich, ... war immer nur am Wochenende und so ...“

Interviewerin: „Wenn ihr Mann auch zu Hause war?“

Frau D : „Ja ... . Ich hatte ja das Rauchen aufgegeben, extra wegen der Schwangerschaft, und dann habe ich so einen Quatsch angefangen. Deswegen bin ich auch zum Arzt und hab ab dem Zeitpunkt auch alles völlig sein gelassen ....

↓277

Interviewerin: „Wo wären sie denn damals hingefahren, als sie weg wollten?“

Frau D : „Na in irgendeine andere Großstadt ... . Ja so richtig dicke Freunde habe ich wenig ... Ich hatte eine dicke Freundin, aber die ist weggezogen ..., und wir haben jetzt nicht mehr so viel Kontakt ...“

7.5 Frau mit Frühgeburt vor der vollendeten 37. SSW

Das Interview erfolgte 15 Monate nach der Entbindung bei der Befragten zu Hause. Frau E wirkte aufgeschlossen und das Gespräch fand in einer entspannten Atmosphäre statt.

↓278

Angaben aus dem Fragebogen

Soziodemographische Daten: 20 Jahre, ledig, HH-Einkommen 1500 bis 4000 DM, Realschulabschluss

Medizinisch anamnestische Daten: Erstpara, keine Kinder im HH, anamnestische Belastung durch chronisch-rezidivierende gynäkologische Störungen (Adnexitis, Kolpitis, Regelstörungen, Dysmenorrhoe und Unterbauchschmerz), a R Essstörung und einmalig Amenorrhoe

↓279

Lebensgeschichtliche Daten: elterliches Erziehungsverhalten wenig autoritär, Kindheit nicht glücklich erinnert

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: hohe Werte für alle Variablen außer mittlere Werte für allgemeine Ängstlichkeit und SV Nachhaltigkeit.

Schwangerschaftsbezogene Einstellungen und Ängste: Schwangerschaft ungeplant eingetreten, Schwangerschaft unerwünscht, wenig Schwangerschafts- und viel Geburtsangst, negative Schwangerschaftseinstellung

↓280

Soziales Netzwerk: Arzt ist nicht Ansprechpartner für SS,

Partnerschaft: „nichtideale“ Partnerschaft, in allen Skalen des PFB gestört

Gesundheitsverhalten: Rauchen in SS reduziert auf 5-10 Zigaretten pro Tag, in den Klinikunterlagen Nikotinkonsum angegeben

↓281

Berufliche Situation: keine berufliche Belastung

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: Abortus imminens, vorzeitige Wehen, Geburt < vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht > 2500g und > 10. Percentile

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

↓282

Frau E: „Wo ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, war ich erst mal völlig entsetzt. Vorher war ich bei der Ärztin und die hatte eigentliche gesagt: `Sie können nicht schwanger werden. Sie haben eine Eierstockentzündung gehabt und da ist alles vernarbt und zu, dass müssten wir erst durchstechen.´ Da haben wir eben gedacht, na gut, dann jetzt eben kein Kind, warten wir noch. Ist ja auch praktisch. Brauchen wir keine Verhütung ... . Drei Monate später stellte sich heraus, dass ich doch schwanger bin. Erst wollte ich abtreiben lassen und dann gab es ab der 10. SSW Blutungen, und dann musste ich eine Woche ins Krankenhaus. In der 15. SSW öffnete sich der Muttermund ein bisschen, und ich musste wieder ins Krankenhaus. Und danach war eigentlich beschlossen, das Kind kommt zur Welt. Mit den Blutungen in der 10. SSW, das überschnitt sich so schön mit Abtreibung. Ich wollte die ja eigentlich auch gar nicht, weil irgendwo war ich ja dann doch zufrieden, dass man schwanger ist ... . Danach lag ich eigentlich fast nur noch im Krankenhaus ....

Mein Mann der war ganz dagegen, gegen die Schwangerschaft. Ich sollte meine Lehre fertig machen und dann wollten wir uns selbständig machen ... . Der hat sich dann ganz zurückgezogen und hat mir eben gesagt, er will das Kind nicht und war dann eigentlich eine ganze Zeit auch gar nicht gut anzusprechen ... . Irgendwann habe ich ihm gesagt, entweder du entscheidest dich für mich und das Kind oder du gehst. Das Kind kommt auf jeden Fall. Und dann hat er sich damit abgefunden .... Er meinte, er wird nicht viel damit zu tun haben, er will weiter seine Hobbys haben und wird sich nicht groß einschränken und das Kind, das sei dann halt mein Ding .... Als ich in der 10. SSW war, fuhr er noch mal mit Freunden in Urlaub .... Das fand ich natürlich nicht toll, dass er mich da so allein ließ ...“

Interviewerin : „Das hat sie betroffen gemacht alles?“

↓283

Frau E. „ Oh ja, wahnsinnig. Ich habe immer gedacht; er mag mich nicht mehr, und er will das Kind auf keinen Fall, zumindest hat er es so dargestellt. Bloß, er ist ein Mensch, der keine Gefühle zeigen kann. Bloß das wusste ich damals noch nicht, dass das so krass ist. Kommt jetzt eigentlich erst; wo sie größer ist. Jetzt ist das Kind das Liebste für ihn was es gibt. Das richtige Leben fängt jetzt erst für uns alle an ... . In der Schwangerschaft hat sich noch nicht viel verändert, auch nicht für mich ..., das kommt erst jetzt so, dass ich denke, ich werde erwachsen. In der Schwangerschaft und in der Geburt, da ist einem noch nicht so bewusst gewesen, dass da ein Lebewesen ist, das bald atmet, wofür man wirklich

Verantwortung hat ... . Da ist das noch nicht da, man beschäftigt sich zwar damit, aber da war es noch nicht klar. Jetzt gehört das Kind zu meinem Leben, kommt überall mit, das lasse ich nicht allein ....

Interviewerin: „Sie haben zu ihrem Mann schon eine Menge gesagt. Aber es gibt ja sicher noch so übrige Verwandtschaft, so Eltern, Schwiegereltern ...?“

↓284

Frau E: „ Ja, also meine Mutter, die war sofort begeistert. Wir sind drei Geschwister, und ich bin dann Nesthäkchen. Mein Bruder ist 14 Jahre und meine Schwester 8 Jahre älter. Und die haben natürlich alle schon Kinder. Da hat sie sich riesig gefreut. Seine Mutter, also meine Schwiegermutter, war eigentlich die schlimmste Person. Sie hat immer gesagt, ich solle das Kind bloß nicht zur Welt bringen, denn ihr Sohn wolle keine Kinder. Und als ich im Krankenhaus war, hat sie immer rumerzählt, dass das Kind ja krank sein könne und das es besser ist, es würde nicht geboren ... . Er war ja vorher schon verheiratet und hat da kein Kind bekommen, weil er eben keins wollte. Und als seine Mutter hörte, dass ihr Lieblingssohn von mir ein Kind kriegt, wo ich auch noch jünger bin als er, das war ihr nicht begreiflich ... . Und dass ich es dann auch wirklich noch zur Welt bringe .... Sie dachte ja, ich will ihn damit binden und sein Geld haben ... und das war wirklich schlimm ... . Ein echter Kampf ..., sie davon zu überzeugen, dass das Kind also eigentlich wirklich nur für mich ist, für meine Befriedigung, weil ich es eben nicht geschafft hätte ... . Da hat mir die Ärztin auch zu viel Schlimmes erzählt, was da passieren kann.

Auch meine Chefin war dagegen, gegen die Schwangerschaft. Da war vorher schon ein Lehrling gewesen und die hat ihr die Schwangerschaft verheimlicht bis sie in den Mutterschutz gegangen ist. Mit mir hatte sie großes vor. Sie wollte, dass ich ein Seminar besuche und dann die Leute bei uns im Laden, besonders die Lehrlinge, weiterbilde. Da war auch schon Profitgier von ihrer Seite dabei .... Jetzt hat sie es akzeptiert, und jetzt wäre sie auch wieder so weit, dass sie mir einen Job verschaffen würde .... Und ich würde auch gern wieder zurückgehen in den Beruf ...“.

7.6 Frau mit normalem Schwangerschafts- und Geburtsverlauf

Das Interview fand 13 Monate nach der Geburt bei der Befragten zu Hause statt. Frau F machte einen energischen und offenen Eindruck

↓285

Angaben aus dem Fragebogen

Soziodemographische Daten: 27 Jahre, verheiratet, HH-Einkommen 1500 bis 4000 DM, mittlerer Schulabschluss

Medizinisch anamnestische Daten: Erstpara, keine Kinder im HH, anamnestische Belastung durch chronisch-rezidivierende Adnexitis, Dysmenorrhoe und Regelstörung, Sterilitätsbehandlung

↓286

Lebensgeschichtliche Daten: elterliches Erziehungsverhalten autoritär, Kindheit mittelmäßig glücklich erinnert

Stressverarbeitung/ Persönlichkeitsvariable: mittlere Werte für alle Variablen

Schwangerschaftsbezogene Einstellungen und Ängste: Schwangerschaft geplant eingetreten, Schwangerschaft erwünscht, Schwangerschafts- und Geburtsangst und Schwangerschaftseinstellung mittlere Werte

↓287

Soziales Netzwerk: ausgeprägtes soziales Netz durch Partner, Mutter, Vater und Freundinnen

Partnerschaft: nicht „ideale“ Partnerschaft, in allen PFB - Skalen glücklich

Gesundheitsverhalten: Rauchen vor SS aufgegeben, in den Klinikunterlagen keine Angaben zu Nikotinkonsum, Partner, Mutter und Vater Nichtraucher, viele Arbeitskollegen Raucher

↓288

Berufliche Situation: keine berufliche Belastung

Schwangerschafts- und Geburtsverlauf: komplikationslos, Geburt > vollendeter 37. SSW, Geburtsgewicht > 2500g und > 10. Percentile

Auszüge aus dem verschrifteten Interview

↓289

Frau F: Ja, also das fing so an, dass ich eigentlich nie gedacht hätte, dass ich schwanger werde, weil man mir ja gesagt hat, dass ich keine Kinder bekommen kann. Aber die Hoffnung ging nie aus. So habe ich mir, als ich ein paar Tage drüber war, auch einen Test geholt. An dem Tag, als ich den gemacht habe, habe ich eigentlich schon gewusst, dass ich schwanger bin. Habe dann meinen Mann angerufen, der war bei Freunden und hab versucht, es ihm zu erzählen. Aber der konnte es eigentlich gar nicht fassen. Und wie auf Bestellung ging dann gleich die Übelkeit los. Das hat sich so bis zum vierten oder fünften Monat hingezogen. Dann fing die schöne Zeit an. Währenddessen ging ich noch weiter arbeiten. Und dann zeigte sich der Bauch. Ja und man wurde überall sehr gut behandelt. Es war eine schöne Zeit, auch wenn es dann etwas anstrengend wurde. Noch im fünften Monat habe ich die ersten Kindsbewegungen wahrgenommen und im sechsten oder siebten ging dann dieses Sodbrennen los, was bis zur Entbindung gedauert hat. Aber trotz der Beschwerden möchte ich die Zeit nicht missen, und würde ich auch sofort wieder tun ... .

Vorher habe ich gedacht, dass ich das nie erleben werde, schwanger zu sein, so als Frau. Das hat mich schon sehr gestört, dass ich das wohl nie erleben sollte. Und da war es eben

besonders schön, trotz der Strapazen. Wir haben dann über unsere Ärztin Kontakt zu einer Hebamme aufgenommen, die wohnt auch hier im Ort. Bei der haben wir dann einen Vorbereitungskurs gemacht. Vorher hatten wir uns schon den Kreißsaal im Krankenhaus angeschaut. Bei diesem Vorbereitungskurs fiel es uns dann schon schwer, unseren Entschluss beizubehalten, die Geburt im Krankenhaus durchzuführen. Aber die Ärztin hat uns dann doch zum Krankenhaus geraten, weil ich ja diese Sterilitätsbehandlung hatte.

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Drei Wochen vor dem Geburtstermin hatte ich einen Unfall. Ich war mit dem Trabant unterwegs und wollte an der Ampel, die grün wurde, losfahren. Hinter mir hatte es ein BMW sehr eilig, und der vor mir bremste. Und der mit dem BMW fuhr mit voller Kraft auf meinen Trabi und da setzten gleich die Wehen ein. Habe ich aber gar nicht bemerkt, bin aber gleich zur Ärztin. Das war am Freitag und am Sonntag ist die Fruchtblase geplatzt. Wir haben dann die Hebamme geholt, und haben dann noch ein Bad genommen, weil die Wehen nicht einsetzen wollten. Wir hatten auch noch Besuch, weil ich einen Kuchen gebacken hatte, und da haben wir das alle zusammen so erlebt. Aber dann wurde der Wehenabstand doch kürzer, und wir sind ins Krankenhaus. Und unser Sohn ist dann am nächsten Morgen geboren. Für meinen Mann war das ein ganz total einmaliges Erlebnis. Und ich muss auch sagen, ohne den Partner würde man das ja auch überstehen. Aber so im nachhinein war das für mich so, wenn er nur mal kurz rausgegangen ist auf Toilette, dass ich ihn gesucht habe, wo ist er, ich brauche ihn doch jetzt. Obwohl er eigentlich in dem Moment nichts machen konnte. Aber schon der Zuspruch. Und er weiß eigentlich auch so recht viel über die Sachen. Das war doch sehr beruhigend. Und das hat eine kleine Vorgeschichte. Mein Mann war vor Jahren bei der Armee, und da hab ich eigentlich recht viel für ihn getan. Ich bin jedes Wochenende hingefahren und hab jeden Tag Brief geschrieben. Und da hat er gesagt, das kann er mir eigentlich nur dann zurückgeben, wenn ich mal schwanger bin. Und so war es eigentlich auch. Er hat also große Rücksicht genommen, mir aber auch das Gefühl gegeben, dass ich jetzt nicht krank bin oder so. Also, ich hab meine Arbeit auch weiterhin gemacht, wollte das eigentlich auch nicht anders. Aber wenn mal zwischenzeitlich was war, dass ich ihn gebraucht habe, dass ich ihn von der Arbeit holen musste oder wenn es mir nicht so gut ging, dann war das auch kein Problem. Also das war doch eine sehr schöne Zeit.

Interviewerin: Und ihre Familien, die, aus der sie stammen und die, aus der ihr Mann stammt, wie haben die so auf die Schwangerschaft reagiert?

Frau F: Ja, also für meine Schwiegereltern war es das fünfte Enkelkind. Die haben sich natürlich auch sehr darüber gefreut. Aber in meiner Familie war das ... nicht mehr ... nein

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aber inniger doch. Ich bin doch die Tochter, und da ist das doch ein anderes Verhältnis. Es war also immer nur Freude und es wurde sich viel gekümmert. Aber auch wie bei meinem Mann, es wurde mir nie das Gefühl gegeben, dass ich irgendwie doll bemuttert werden muss oder so. Man hat mir doch meine Entscheidungen zugebilligt. Sie haben mich nicht bevormundet, wie manche Eltern das dann vielleicht tun. Du musst jetzt das machen, du musst jetzt so sein und mach da oder mach das nicht. Also überhaupt nicht so. Auch von der Seite war das wunderbar.

Schwierig waren dann die ganzen Behördengänge nach der Geburt. Und da muss ich sagen, ist man in diesem Staat bestraft, wenn man ein Kind bekommt. Das fängt damit an, dass das Geld hinten und vorne nicht reicht. Aber auch, dass man nicht deutlich gesagt bekommt, was man nun an Formularen und so weiter ausfüllen muss und braucht. Also, wäre mein Mann nicht gewesen in der ersten Zeit, wäre das schwer gewesen. Allein schafft man das nicht. Mit dem Staat ist das so, dass man sich immer fühlt als würde man betteln, nie so als wäre das Freude, dass man dem Staat Kinder schenkt. Also das hat mich sehr gestört und stört mich immer noch, denn das hört ja jetzt nie auf.

7.7 Kurzes Fazit aus den Interviews

Bei den hier dargestellten kurzen Auszügen aus 6 von insgesamt 35 Gesprächstranskripten wird deutlich, dass sich die Informationen aus Fragebogen und halbstrukturiertem Interviews häufig gut ergänzen. Die Befragten berichteten in der Regel mit großer Bereitschaft über ihr Erleben von Schwangerschaft und Geburt und unterstrichen, dass dies ein für sie sehr bedeutsames und ihr Leben veränderndes Ereignis gewesen wäre. Dies unterstützt die von uns gewählte Ansicht, eine Schwangerschaft als kritisches Lebensereignis zu betrachten, das emotional bedeutungsvoll ist und eine Herausforderung zur Adaptation darstellt. Neben dem Risiko pathologischer Veränderungen birgt es vor allem auch die Chance zur persönlichen und partnerschaftlichen Entwicklung. Ansatzpunkte dazu zeigen sich in allen sieben Interviews, wobei die Chancen wohl häufig nicht oder unzureichend genutzt wurden. Frau A wurde der Wunsch nach mehr Nähe zum Partner bewusster, ohne dass sie aber mit ihrem Mann darüber wirklich sprechen konnte. Frau B vermutet im nachhinein, dass ungelöste Beziehungskonflikte bei ihr im Zusammenhang mit der Entwicklung der Schwangerschaftskomplikationen gesehen werden könnten und möchte anderen Frauen zum Dialog mit dem Kindesvater raten. Beziehungskonflikte können, wenn sie nicht gelöste werden, wohl auch über negatives Gesundheitsverhalten (Alkoholkonsum von Frau D) einen ungünstigen Einfluss auf den Schwangerschaftsverlauf

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nehmen. Bei den beiden relativ jungen Schwangeren (Frau C und E) wird deutlich, wie die Gravidität trotz aller Schwierigkeiten und Probleme eine persönliche Entwicklung und Reifung induziert hat. Für alle sieben hier zitierten Frauen waren der Partner und Kindesvater, die Beziehung zu ihm und die Unterstützung durch ihn sowie gegebenenfalls ungelöste Konflikte mit ihm das Schwangerschaftserleben stark beeinflussende Faktoren. Weiterhin waren auch andere soziale Beziehungen bzw. deren Fehlen bedeutungsvoll für die Schwangere und wohl auch für den Verlauf und Ausgang der Gravidität. Das Interview mit Frau F. macht deutlich, dass Beziehungen, in denen sich die Schwangere angenommen und geborgen fühlt, in denen ihr aber gleichzeitig auch Raum für eigene Entscheidungen gelassen wird, wohl einen salutogenetischen Effekt haben. So können wohl auch schwierige Situationen und Belastungen besser gemeistert werden. Eine gute Kooperation zwischen ÄrztInnen und Hebammen kommt, auch wenn mitunter gegensätzliche Vorstellungen dieser beiden Berufsgruppen aufeinandertreffen, letztendlich der Schwangeren, ihrem Kind und ihrer gesamten Familie zugute.


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06.11.2006