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2  Grundlagen

2.1 Entwicklung der Lebensqualitätsforschung

Je weniger eine medizinische Behandlung weder Heilung noch entscheidende Lebensverlängerung in Aussicht stellen kann, desto mehr wird die Verbesserung des subjektiven Befindens der Patienten zum eigentlichen Therapieziel. Dieses Ziel im wissenschaftlichen Sinne überprüfbar zu machen ist die Aufgabe der ‚Messung der Lebensqualität’.

Abbildung 1 : Anzahl der in Medline gelisteten Publikationen mit dem Schlagwort ‚Quality of Life’

Die Entwicklung und Popularität der Lebensqualitätsforschung geht parallel mit der Entwicklung der Medizin in den westlichen Industrienationen, in denen die Behandlung chronischer Erkrankungen in den letzten drei Jahrzehnten immer größeren Raum einnimmt. Eine der ersten Nennungen des Begriffes ‚Quality of Life’ in einem medizinischen Journal findet sich 1966 in einem Editorial der Annals for Internal Medicine 1, in welchem bereits auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, der [Seite 5↓]‚wissenschaftlichen’ Medizin einen Parameter zur Seite zu stellen, der die psychosozialen Aspekte der ärztlichen Behandlung erfasst [Elkinton, 66]. Nur zwei Jahre zuvor wurde der Begriff überhaupt erstmalig öffentlich erwähnt: von US Präsident Johnson in seiner Wahlkampagne 1964 [Johnson, 72].

Nach einigen Fallberichten Ende der 60-er Jahre, in denen der Begriff in intuitiver Bedeutung verwandt wird, findet in den 70-er Jahren in kleinen Fachzirkeln eine rege konzeptionelle Diskussion statt über eine adäquate Operationalisierung für den Einsatz in der empirischen Forschung, der in den 80-er Jahren die Entwicklung von Methoden und Instrumenten folgt. Seit Anfang der 90-er Jahre ist ein regelrechter Boom breiter klinischer Anwendung von Lebensqualitätsmessungen zu beobachten (Abbildung 1). In den letzten Jahren finden sich darunter häufig auch Versuche, die Messung der Lebensqualität mit den Kosten der Behandlung oder somatischen Zielparametern, etwa der Überlebenszeit, zu koppeln. Hierauf wird am Ende dieser Arbeit gesondert eingegangen.

2.2 Operationalisierung des Begriffs ‚Lebensqualität’

Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der ‚Lebensqualität’ musste der Begriff so definiert und operationalisiert werden, dass er einerseits dem einleitend skizzierten Bedarf entspricht und andererseits die Notwendigkeiten eines empirisch nutzbaren Konstruktes erfüllt.

In einem WHO-Studienprotokoll von 1993 heißt es dazu:„Quality of life is defined as an individual’s perception of his/her position in life in the context of the culture and value systems in which they live and in relation to their goals, expectations, standards and concerns. It is a broad ranging concept affected in a complex way by the person’s physical health, psychological state, level of independence, social relationships, and their relationship to salient features of their environment” [World Health Organisation, 93].

Die heute üblichen Messungen unter dem Begriff der ‚Lebensqualität’ greifen in aller Regel nur den letzten Teil der Definition auf und beschränken sich auf die Erfassung verschiedener Aspekte des körperlichen und psychischen Befindens, der Alltagsfunktionsfähigkeit und der sozialen Einbindung [Bullinger, 00]. Damit werden im Wesentlichen die bio-psycho-soziale Befindlichkeit und Funktionsfähigkeit des Patienten abgebildet, die in diesem Fall mehr als Ausdruck der Lebensqualität verstanden werden und weniger als Einflussfaktoren. Die Nähe zu dem bereits 1948 von der WHO postulierten Begriff der ‚Gesundheit’ als vollständiges körperliches, seelisches und soziales [Seite 6↓]Wohlbefinden ist offensichtlich, so dass sich für diesen Ansatz heute der Begriff der ‚gesundheitsbezogenen Lebensqualität’ etabliert hat [Rose, 00b].

Gegenüber dem, was intuitiv unter ‚Lebensqualität’ verstanden werden kann, stellt diese Operationalisierung natürlich eine starke Vereinfachung dar. Ausgeklammert werden viele der auch im WHO-Protokoll genannten Bereiche, z.B. der Status des Einzelnen in seiner sozialen oder kulturellen Umgebung, die Verwirklichung seiner individuellen Ziele, aktuelle Erlebnisse oder gar die Frage, inwieweit das Leben als mit Sinn erfüllt empfunden wird [WHOQOL, 96]. Für diese Bereiche erscheinen die individuellen Definitionen bisher jedoch als zu divergent, als dass ein hinreichend großer gemeinsamer Nenner für eine empirische Erhebung formuliert werden könnte.

Die Divergenz zwischen dem Begriff in seinem Wortsinn und seiner notwendig reduktionistischen Operationalisierung führt oft zu Missverständnissen, so dass wir in der folgenden Publikation dargestellt haben, welcher Zusammenhang zwischen der am häufigsten verwandten Operationalisierung als ‚gesundheitsbezogene Lebensqualität’ und dem Begriff ‚Lebensqualität’ aus der Perspektive von chronisch kranken Patienten besteht (Publikation I ‚Grundlagen’ S. 7ff).


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Publikation I – Grundlagen

Rose, M., Fliege, H., Danzer, G., & Klapp, B. F. (2000). „Gesundheitsbezogene Lebensqualität“ ein Teil „Allgemeiner Lebensqualität“?. In M. Bullinger & U. Ravens-Sieberer (Eds.), Lebensqualitätsforschung aus medizinpsychologischer und -soziologischer Perspektive. Jahrbuch der medizinischen Psychologie 18 (pp. 206-221). Göttingen: Hogrefe.

[Aus urheberrechtlichen Gründen wird hier nur die Zusammenfassung des Artikels in digitaler Form widergegeben. Die vollständige Publikation kann beim Autor angefordert oder über die genannte Quelle bezogen werden.]

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Fußnoten und Endnoten

1  „What is the harmony within a man, and between a man and his world – the quality of life – to which the patient, the physician, and society aspires? The need to continue to search for answers to these basic questions concerning the goals and values of human daily life becomes more pressing as the power of medical science grows.” [Elkinton, 66]



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11.05.2005