Schielke, Eva: Akute Enzephalitiden im Erwachsenenalter: Klinisches und ätiologisches Spektrum und Langzeitverlauf

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Kapitel 2. Ziele der Studie

Die obige Literaturübersicht weist auf folgende Forschungsdefizite hin:

Erstens:

Dem Arzt, der am Krankenbett eines Patienten mit Enzephalitis unklarer Ätiologie steht, gebricht es meist an Möglichkeiten, dem Betroffenen oder dessen Angehörigen etwas über den wahrscheinlichen weiteren Krankheitsverlauf und die Heilungsaussichten zu sagen. Denn praktisch alle verfügbaren neuroinfektiologischen Standardwerke (70, 145, 159, 163) wie auch Beiträge in neurologischen Handbüchern (3, 22, 99) sind nach Erregertypen gegliedert, vernachlässigen aber häufig nicht-infektiöse Ursachen sowie fast bis zur Gänze die zahlenmäßig dominierende Gruppe von Enzephalitiden unklarer Genese.

Nachdem sich jedoch in der jüngeren Vergangenheit trotz großer Fortschritte der infektiologischen Diagnostik die Zahl jener Enzephalitiden, deren Ursache aufgeklärt werden kann, kaum erhöht hat, muß angenommen werden, daß auch zukünftig die Ätiologie in vielen Fällen rätselhaft bleibt. Es erscheint daher berechtigt, den Blick von den möglichen Ursachen einer Enzephalitis auf deren mögliche Phänomenologie - „das einzige Einteilungsprinzip, das nichts präjudiziert, [nämlich] das Symptomatologische“ (20) - zu wenden, zumal - in respektvoller Verneigung vor Karl Bonhoeffer* - unterstellt werden darf, daß hundert verschiedene Viren nicht hundert verschiedene Arten von Enzephalitiden verursachen, sondern daß es ein begrenztes Repertoire an Reaktionsmustern des Zentralnervensystems auf exogene Noxen gibt (21).

In den bisher publizierten retrospektiven Serien akuter Enzephalitiden, die Fälle ungeklärter Ätiologie berücksichtigen, wird meist die Häufigkeit einzelner Symptome aufgelistet, es werden aber kaum einmal Syndrome beschrieben. Dementsprechend ist praktisch das einzige - negative -Prognosekriterium, das bislang herausgearbeitet wurde, die Schwere einer Vigilanzstörung; gelegentlich wird noch auf den ungünstigen prädiktiven Charakter eines schweren fokalneurologischen Defizits hingewiesen. Ein Versuch, akute Enzephalitiden syndromatisch zu ordnen und ihre Prognose unter diesem Aspekt zu untersuchen, wurde bislang nicht unternommen.

* Direktor der Klinik für Nervenkrankheiten an der Charité von 1912-38


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Zweitens:

Mit der Magnetresonanztomographie steht seit knapp zwanzig Jahren eine Methode zur Verfügung, die einen exzellenten Einblick in morphologische Veränderungen des Gehirns gestattet, und die wesentlich zur raschen und sicheren Diagnose der Herpes-simplex-Enzephalitis und der ADEM beiträgt. Ihr Stellenwert in der Diagnostik und Differentialdiagnostik der Gesamtheit akuter Enzephalitiden wurde bislang jedoch nicht systematisch untersucht.

Drittens

Daten zur Langzeitprognose akuter Enzephalitiden, insbesondere zur Restitution der geistigen Leistungsfähigkeit, liegen nur in begrenztem Umfang vor. Welchen Einfluß - außer dem Erreger - Faktoren der akuten Krankheitsphase und auch patientenseitige Faktoren, wie etwa Alter und Geschlecht, auf die kognitive Erholungsfähigkeit haben, wurde bisher nicht geprüft.

Viertens

Noch vollständig unbearbeitet ist die Frage, wie sich die Erkrankung an einer akuten Enzephalitis langfristig auf die Lebensumstände und auf die subjektiv empfundene Lebensqualität auswirkt. Ebenso unklar ist, welche salutogenetische Bedeutung - jenseits des pathogenetisch orientierten Blickes auf Organdysfunktionen - den sozialen und personalen Ressourcen eines Patienten nach überstandener Enzephalitis zukommen, d.h., in welchem Maße einerseits die Eingebundenheit in soziale Netzwerke, andererseits das Selbstkonzept und die individuelle Lebenseinstellung zu einer erfolgreichen Bewältigung („coping“) der Krankheitsfolgen beitragen.

Es ergaben sich folgende Arbeitshypothesen:

Hypothese 1: Erkrankungen, die sich dem Kliniker unter dem Bild einer akuten Enzephalitis präsentieren, sind nicht zwangsläufig viraler Genese; auch andere Erregertypen und nicht-infektiöse Entzündungen können dieses Bild imitieren.

Um dies zu überprüfen, sollte festgestellt werden:

- Wie ist das ätiologische Spektrum eines Kollektivs von immunkompetenten erwachsenen Enzephalitispatienten unter Einschluß aller Patienten, die phänomenologisch das Bild einer erstmals auftretenden akuten nicht-eitrigen entzündlichen Erkrankung des Gehirns bieten?


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- Welchen Beitrag leisten Liquoruntersuchung, Elektroenzephalographie sowie insbesondere die craniale Magnetresonanztomographie zur Diagnosefindung?

Hypothese 2: Bestimmte Reaktionsmuster des ZNS auf eine akute Entzündung führen - unabhängig vom zugrundeliegenden Agens - zu bestimmten Langzeitfolgen. Das klinische Bild und der Akutverlauf sollten in Zusammenschau mit der cranialen Magnetresonanztomographie eine Prognosestellung auch bei fehlendem Erregernachweis gestatten.

Um dies zu überprüfen, sollte festgestellt werden:

- Welche klinisch-neurologischen Syndrome kommen vor und welche Zusatzbefunde sind dabei jeweils typisch?

- Wie ist die Langzeitmorbidität dieser Syndrome?

Hypothese 3: Eine akute ZNS-Inflammation hinterläßt als Residuum offenbar am häufigsten eine Beeinträchtigung der kognitiven Leistungsfähigkeit.

Um dies zu überprüfen, sollte festgestellt werden:

- Wie häufig und in welcher Schwere persistieren nach einer akuten Enzephalitis körperliche und wie häufig - neuropsychologisch bzw. neurophysiologisch meßbare - kognitive Defizite?

- Ergänzend sollte festgestellt werden, ob ein möglicher, enzephalitisbedingter Parenchymverlust in direktem Zusammenhang mit einer reduzierten geistigen Leistungsfähigkeit steht.

Hypothese 4: Die Krankheitsbewältigung und die subjektive Lebensqualität nach einer durchgemachten Enzephalitis werden nicht allein von der im Blickpunkt des ärztlichen Interesses liegenden Organpathologie bestimmt, sondern auch von sozialen und persönlichkeitsimmanenten Faktoren.

Um dies zu überprüfen, sollte festgestellt werden:

- Wie ist die subjektive Befindlichkeit von Patienten mit überstandener Enzephalitis und welchen Einfluß haben darauf einerseits Behinderungen, andererseits psychosoziale Faktoren?


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Fri Sep 20 15:25:54 2002