Schielke, Eva: Akute Enzephalitiden im Erwachsenenalter: Klinisches und ätiologisches Spektrum und Langzeitverlauf

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Kapitel 3. Methoden

3.1 Retrospektive Analyse

Krankenakten der Neurologischen Klinik sowie - falls ein neurologisches Konsil erfolgt war - der Medizinischen Klinik m.S. Infektiologie der Charité wurden retrospektiv für den Zeitraum 1.1.1992 bis 31.10.2000 gesichtet. Eingeschlossen wurden alle immunkompetenten Patienten mit der Diagnose einer akuten nicht-eitrigen entzündlichen zerebralen Erkrankung, die folgende Kriterien erfüllten:

- akuter oder subakuter Krankheitsbeginn mit zerebralen Symptomen innerhalb von maximal vier Wochen vor Aufnahme in die Charité bzw. in ein erstaufnehmendes, zuverlegendes Krankenhaus

- die Diagnose einer Enzephalitis mußte durch entzündliche Liquorveränderungen und/oder einen pathologischen Hirnparenchymbefund im cranialen Magnetresonanztomogramm und/oder eine Hirnbiopsie gesichert oder hochwahrscheinlich sein

Ausschlußkriterien waren: primär chronischer Krankheitsverlauf; Defektsyndrom nach zurückliegender Enzephalitis; rein meningitisches Krankheitsbild; eitrige Meningoenzephalitis; fokale eitrige Entzündung (Hirnabszeß, septische Herdenzephalitis); zerebrale Parasitose; HIV-Infektion, Organ- oder Knochenmarkstrans-plantation, lymphoproliferative Erkrankungen, therapeutische Immunsuppression (außer Corticosteroiden). Ferner wurden Patienten ausgeschlossen mit mindestens einer früheren Krankheitsepisode von (transienter) Fokalneurologie oder Sehnervenentzündung, die nach den Poser-Kriterien (143) eine klinisch wahrscheinliche oder sichere Multiple Sklerose hatten. Hingegen wurden Patienten, bei denen die Erstmanifestation einer MS nur als mögliche Differentialdiagnose diskutiert wurde, absichtsvoll nicht ausgeschlossen, da sonst möglicherweise auch blande verlaufende monophasische Enzephalitiden exkludiert worden wären.

Erfaßt wurden klinische Daten einschließlich Labor, zerebraler Bildgebung und Elektroenzephalographie. Anhand des Arztbriefes wurde der Barthel-Index (109) zum Zeitpunkt der Entlassung bzw. Verlegung ermittelt. Mangels etablierter enzephalitis-spezifischer Skalen oder Scores wurde zur Beurteilung der Behinderung zum Entlassungs- bzw. Verlegungszeitpunkt die - für Schlaganfallpatienten validierte und weit verbreitete - Rankin Scale (191) modifiziert. Diese Modifikation erwies sich als notwendig, da die Kategorien der

Rankin Scale vornehmlich auf der Mobilität des Patienten basieren, bei vielen der En-


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zephalitispatienten aber kognitive Defizite, psychiatrische Symptome oder eine Epilepsie im Vordergrund standen. Als wesentliches Kriterium wurde daher die Unabhängigkeit bei der Bewältigung der „activities of daily living“ (ADL) gewählt.

Tab. 3-1: originale Rankin Scale
und für Enzephalitispatienten modifizierte Rankin Scale

Rang

Beschreibung (original)

Modifikation

0

no symptoms at all

Restitutio ad integrum

1

no significant disability despite symptoms: able to carry out all usual duties and activities

milde Residualsymptomatik ohne Beeinträchtigung der ADL

2

slight disability: unable to carry out all previous activities but able to look after own affairs without assistance

geringe Behinderung: unfähig, alle früheren Aktivitäten auszuüben, aber unabhängig in den ADL

3

moderate disability: requiring some help, but able to walk without assistance

mäßige Behinderung: zur Bewältigung der ADL partiell auf fremde Hilfe angewiesen

4

moderately severe disability: unable to walk without assistance, and unable to attend to own bodily needs without assistance

mäßig schwere Behinderung: fremde Hilfe zu Stillung körperlicher Grundbedürfnisse erforderlich

5

severe disability: bedridden, incontinent, and requiring constant nursing care and attention

schwere Behinderung: bettlägerig, vollständig pflegebedürftig

3.2 Katamnestische Untersuchung

Überlebende Enzephalitispatienten aus dem Zeitraum 1.1.1992 bis 31.03.2000, deren Erkrankung mindestens sechs Monate zurücklag, wurden zwischen Dezember 1999 und Oktober 2000 angeschrieben und zu einer Nachuntersuchung eingeladen. Alternativ wurde ein Hausbesuch angeboten oder - als Minimalvariante - um ein Telefon-Interview gebeten. Patienten, bei denen die Katamnese eine chronisch verlaufende Erkrankung (z.B. Multiple Sklerose) ergab, wurden aus der Auswertung ausgeschlossen.

3.2.1 Bewertung des klinischen Outcome

Mittels eines strukturierten Interviews und einer neurologischen Untersuchung wurden folgende potentielle Residuen der Enzephalitis erfaßt:

- Funktionsstörungen (impairment) der Pyramidenbahn, des Kleinhirns, des Hirnstamms, der Sensibilität, der Blasen-Mastdarmfunktion und der kognitiven Funktionen entsprechend dem neurologischen Befund bzw. den Angaben des Patienten (unter Verwendung der für MS-Patienten entwickelten und geringfügig modifizierten “Functional System Scale“ (112))


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- Vorliegen einer postenzephalitischen Epilepsie, Gradierung der Schwere von 1-7 nach Janz, dabei bedeutet Grad 1 Anfallsfreiheit und Fahrtauglichkeit unter antikonvulsiver Medikation und Grad 7 das wenigstens einmal wöchtentliche Auftreten von Anfällen mit Sturz oder aufgehobener Handlungsfähigkeit (66).

- körperliche und/oder geistige Behinderungen (disability) mit Beeinträchtigung des alltagsrelevanten Leistungsvermögens (unter Verwendung der “Incapacity Status Scale“ der IFMSS (International Federation of Multiple Sclerosis Societies) (112)

Ferner erfolgte eine globale Beurteilung der Behinderung anhand der modifizierten Rankin Scale; für statistische Zwecke wurden die Gruppen „gutes Outcome“ (Rang 0-2, Selbständigkeit nicht beeinträchtigt) und „schlechtes Outcome“ (Rang 3-5, partielle oder vollständige Hilfsbedürftigkeit) gebildet. Bei schwerer geistiger Behinderung wurde das Interview mit Unterstützung der Angehörigen geführt.

3.2.2 Neuropsychologische Testung

Aufgrund der heterogenen klinischen und topographischen Manifestation der Enzephalitiden wurde unter Berücksichtigung eines zeitlich vertretbaren Rahmens (durchschnittliche Testdauer ca. 90 Minuten) die in Tabelle 3-2 beschriebene Testbatterie zusammengestellt, die möglichst differenzierte Aspekte der kognitiven Leistungsfähigkeit erfassen sollte. Zum Vergleich wurde eine nach Alter, Geschlecht und Bildungsgrad gematchte Kontrollgruppe untersucht. Einzelne Tests konnten aufgrund der Schwere des kognitiven Defizits, motorischer Defizite, mangelnder Sehschärfe oder unzureichender Deutschkenntnisse nicht bei allen Personen durchgeführt werden.

Antrieb

Zusätzlich zu den aufgeführten Tests wurde der Antrieb anhand folgender Kriterien eingeschätzt: Sprachantrieb, Kommunikationsverhalten und motivationale Hinwendung zu den Testaufgaben. Als „leicht antriebsgestört“ eingestuft wurde eine Person, die einige Male motiviert werden mußte, mit der Testung fortzufahren und zusätzlich Mühe hatte, bei freier Assoziation Wörter zu nennen (S-Test). Bedurfte eine Person dagegen ständigen Zuspruchs und Lobes bei zudem sehr eingeschränktem Wortfluß, hatte sie eine „schwere Antriebsstörung“. Daß die Subjektivität der Untersuchenden eine gewisse Trennunschärfe zwischen „keiner“ und „leichter“ Antriebsstörung nach sich zieht, ist dabei unvermeidbar.


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Tab. 3-2: Neuropsychologische Testbatterie

Test

Stichprobe

untersuchte Funktion

Aufgabe

Literatur

EG

(n=55)

KG

(n=58)

Score/Bewertung

Mini-Mental Status Test (MMST) nach Folstein

55

58

globales kognitives Leistungsvermögen (grobes Screening)

Score: 0-30 Punkte

= 25 Punkte: pathologisches kognitives Defizit

42

Wortschatztest (WST)

48

54

sogenannte „kristalline“ Intelligenz,

verbale Intelligenz

Wiedererkennen von Wörtern in 42 Zeilen ansteigender Schwierigkeit mit je einem Zielwort und fünf Distraktoren (Unsinnswörtern)

127, 205

Score: 0-42 Punkte (Rohwert), daraus Berechnung des prämorbiden IQ* mithilfe einer Normwertskala

d2-Test

(Aufmerksamkeits-

belastungstest)

49

57

Konzentration,

psychomotor. Geschwindigkeit

rasches und sorgfältiges Durchstreichen von Zielzeichen (d mit zwei Strichen) in 14 Zeilen à 47 Zeichen (d‘s und p‘s mit 1-4 Strichen), pro Zeile 20 sec Zeit

24, 179

GZ: Gesamtzahl der pro Zeiteinheit bearbeiteten Zeichen (Geschwindigkeit)

F%: prozentualer Anteil gemachter Fehler (Sorgfalt)

GZ-F: Gesamtzahl bearbeiteter Zeichen minus Zahl fehlerhaft bearbeiteter Zeichen (Gesamtleistungswert)

Rey-Wortliste

50

58

verbales Lernen und Neugedächtnis

a) Sofortige Wiedergabe gemerkter Wörter aus einer vorgelesenen Liste A von 15 Substantiven (5 Durchgänge), dann Wiedergabe aus einer Liste B mit 15 anderen Substantiven (1 Durchgang), dann nochmals Wiedergabe aus Liste A ohne vorheriges Vorlesen.

b) Nach ca. 30 min. anderer Tätigkeit (Proband wird darüber vorab nicht informiert) nochmals Wiedergabe Liste A (ohne Vorlesen) und Wiedererkennen der A-Wörter in einer Liste von 50 Wörtern.

121, 153, 179

Score: 0-15 Punkte je Durchgang

Summe aus 5 Versuchen,

Interferenz- und Vergessensrate, Intrusionen der Liste B bei Wiedererkennen

Abkürzungen: EG: Enzephalitisgruppe, KG: Kontrollgruppe; IQ: Intelligenzquotient
* bei Erwachsenen weitgehend altersunabhängig; bei gesunden Probanden Korrelation mit Bildungsniveau


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Tab. 3-2 (Fortsetzung): Neuropsychologische Testbatterie

Test

EG

(n)

KG

(n)

untersuchte Funktion

Aufgabe

Literatur

Score/Bewertung

Rey-Figurenliste

50

58

Aufmerksamkeit,

figurales Lernen und Neugedächtnis

Sofortiges Zeichnen gemerkter einfacher geometrischer Formen (15 Formen werden einzeln für je 2 sec vorgelegt;
5 Durchgänge).

Nach ca. 30 min. anderer Tätigkeit (Proband wird darüber vorab nicht informiert) nochmals Wiedergabe der Figuren (ohne Vorlegen) und Wiedererkennen in einer Liste von 50 Figuren.

179

Score: 0-15 Punkte je Durchgang

Summe aus 5 Versuchen, Vergessensrate, Falschpositive bei Wiedererkennen

„digit span“
(Zahlenspanne)

48

56

Aufmerksamkeit,

Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis

sofortige Wiederholung zunehmend längerer, vorgelesener Zahlenreihen (vorwärts und rückwärts)

192

Score: je 0-12 Punkte (vorwärts und rückwärts)

Rey-Osterrieth

Complex Figure

(Kopie und Spätabruf)

51

58

visuospatiales Konstruktionsvermögen, visuelles Lernen und Gedächtnis, exekutive Funktionen

Kopie: Abzeichnen einer komplexen Figur

Spätabruf: Zeichnen der komplexen Figur aus dem Gedächtnis nach ca. 30 min. anderer Tätigkeit (Proband wird vorher nicht über die Aufgabe Spätabruf informiert)

106,134, 193

Score: je 0-36 Punkte für Kopie und Spätabruf

Konstruktion erkannt: ja/nein

Uhrentest

nach Shulman

50

57

visuokonstruktive Fähigkeiten,

exekutive Funktionen

Einzeichnen einer Uhr mit der Uhrzeit „zehn nach elf“ in einen vorgegebenen Kreis

168

Score: 1 (perfekt) bis 6 (keine Uhr erkennbar)

Farbe-Wort-Interferenz-test nach Stroop (FWIT)

Version G. Bäumler

49

57

psychomotor. Geschwindigkeit,

Abstraktionsvermögen,

Interferenzanfälligkeit

rasches Vorlesen von Farbwörtern (rot, blau, grün, gelb) in schwarzer Schrift (Farbwortlesen, FWL)

rasches Benennen farbiger Striche (Farbstrichbenennen, FSB)

rasches Benennen der Farbe farbig geschriebener Farbwörter, deren Farbe nicht mit dem Farbwort übereinstimmt, z.B. rot geschriebenes Wort „blau“ (Interferenzversuch, INT)

10, 11, 45, 182

Dauer [sec] für FWL, FSB, INT,

Anzahl nicht korrigierter Fehler im INT

Wortflüssigkeitstest

(S-Test)

51

58

verbale Assoziationsflüssigkeit

Nennen möglichst vieler Wörter mit dem Anfangsbuchstaben „S“ innerhalb von drei Minuten

10, 11, 179, 182

Zahl der Wörter nach 1, 2 und 3 Minuten,

Zahl der Wiederholungen und Regelbrüche


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Exekutivfunktionen

Die Exekutivfunktionen wurden anhand des Planungsverhaltens bei folgenden Tests beurteilt: Kopie der Rey-Osterrieth-Figur, Uhrentest und exekutiver Teil des Mini-Mental Status Test (MMST). Konnte die Testperson den Uhrentest und den exekutiven Teil des MMST problemlos ausführen, hatte aber deutliche Mühe beim Kopieren der Osterrieth-Figur, lag eine „leichte Störung der Exekutivfunktionen“ vor. War eine Person dagegen nicht in der Lage, die komplexe Figur weitestgehend fehlerfrei zu kopieren oder die Uhr zu konstruieren oder die exekutiven Aufgaben des MMST zu erfüllen, hatte sie eine „schwere Störung“ (bei Ausschluß einer visuo-konstruktiven Störung!). Nach Kopp und Thöne (90) wird das Expertenrating als ökologisch valides Verfahren zur Beurteilung exekutiver Störungen angewandt, da sich Störungen der Exekutivfunktionen oft nur im Verhalten, jedoch nicht in spezifischen Testergebnissen niederschlagen.

3.2.3 Akustisch ereignis-korrelierte Potentiale

Akustisch ereigniskorrelierte Potentiale (EKP) entsprechen Hirnpotentialen, die mittels Averager-Technik aus dem EEG abgeleitet werden können und die nach akustischen Stimuli, welche eine diskriminatorischen Entscheidung (Oddball-Paradigma) erfordern, entstehen. Die klinisch bedeutsamste Komponente ist das späte positive Potential P300, das als elektrophysiologisches Korrelat kognitiver Verarbeitung gilt (17, 53, 156); die Methode kann daher als Ergänzung der neuropsychologischen Testung aufgefaßt werden.

Die Untersuchung erfolgte mit einem Dantec Counterpoint Mk2 (Vers. 2.20). Den Patienten bzw. den als Kontrollgruppe untersuchten altersgematchten gesunden Probanden wurde unter standardisierten Bedingungen (ruhiger Raum, Zimmertemperatur, Untersuchung im Sitzen mit geschlossenen Augen) über einen Kopfhörer ein auditorisches Zwei-Stimulus-Diskriminationsparadigma geboten, zuvor wurden sie gebeten, in Gedanken die hohen Töne zu zählen (Zielreiz: 2000 Hz-Ton mit 20 % Auftretenswahrscheinlichkeit, Standardreiz: 1000 Hz-Ton mit 80 % Auftretenswahrscheinlichkeit; Dauer je 50 ms, Intensität 70 dB, Interstimulus-Intervall 1-2 s). Abgeleitet wurde über den Positionen Fz, Cz, Pz (10-20-System) mit Silber/Silberchlorid-Elektroden, die verbundenen Mastoid-Elektroden dienten als Referenz, Erdung an der Stirn. Zur Artefaktkontrolle wurde gleichzeitig ein Elektrookulogramm (EOG) abgeleitet. Es wurden mindestens 20 Zielreize appliziert bei getrennter Mittelung für Ziel- und Standardreize; die Untersuchung wurde mindestens einmal wiederholt.


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3.2.4 Craniale Magnetresonanztomographie

Soweit möglich, wurde bei Patienten, von denen verwertbare MRTs aus der Akutphase vorlagen, ein craniales MRT angefertigt. Die Durchführung erfolgte an einem Siemens Vision 1,5 Tesla Magnetresonanztomographen mit einer Kopfspule. Der Kopf des Patienten wurde für die Messung mit Hilfe eines Vakuumkissens fixiert. Angefertigt wurden transversale Schnitte in 5 mm Schichtdicke

- in T1-Wichtung ( Repetition Time [TR] = 840 msec; Echo Time [TE] = 14 msec; „interslice gap“ = 0,5 mm; Field of View [FoV] 23 cm; Matrix 256 x 256),

- in T2-Wichtung (TR = 3800 msec; TE = 22 msec/90 msec [2 Echos]; „interslice gap“ = 0,5 mm; FoV 23 cm; Matrix 256 x 256),

- und in der TIRM-Sequenz (TR = 9000 msec; TE = 119 msec; Inversion Time [TI] = 180 msec; „interslice gap = 1 mm; FoV 24 cm; Matrix 256 x 256).

Um eine gute intraindividuelle Vergleichbarkeit zu erzielen, wurden Winkel und Höhe der Schichtorientierung möglichst identisch zur Voraufnahme aus dem Akutstadium gewählt (Abb. 4.5-2). Kontrastmittel wurde nicht appliziert.

Abb. 3-1: links: Topogramm aus der Akutphase der Enzephalitis rechts: näherungsweise identische Schichtorientierung bei der Nachuntersuchung (man beachte die unterschiedlich starke Reklination des Kopfes)

Qualitative Befundung

Mit Blick auf Art, Größe, Lokalisation und Zahl möglicher parenchymatöser Veränderungen wurden die Voraufnahmen und die im Rahmen der Nachuntersuchung angefertigten MRTs gemeinsam mit einem erfahrenen Neuroradiologen (C. Zimmer) befundet.


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Planimetrische Bestimmung der „ventricle-brain-ratio“

Um einen eventuellen Volumenverlust des Großhirns als Folge der Enzephalitis möglichst quantifizierbar zu erfassen, wurde planimetrisch die sogenannte “ventricle-brain-ratio“ (VBR) bestimmt, und zwar in Anlehnung an die von Bekkelund beschriebene Methode (15). Von jedem Patienten wurden korrespondierende transversale Schichten, je eine vom ersten MRT der Akutphase und eine aus der Nachuntersuchung, gescannt und mithilfe des Programms Photoshop 4.0 mit einer Auflösung von 300 dpi weiterverarbeitet. Gewählt wurden die Schichten direkt oberhalb des Caput nuclei caudati. War dies aufgrund der in der Akutphase gewählten Schnittführung nicht möglich, so wurden Schichten in Höhe des Caput nuclei caudati herangezogen. Da von manchen Patienten keine T1-gewichteten Bilder aus der Akutphase vorlagen, wurden bei allen Patienten zur VBR-Bestimmung die T2-gewichteten Aufnahmen genommen, unter Inkaufnahme einer etwas ungenaueren Darstellung anatomischer Strukturen. Mit dem Programm Scion Image, Version beta 4.0.2, wurde an den gescannten Schichten die Fläche der Seitenventrikel sowie die Fläche des Gehirns ausgemessen. Anders als bei manchen Autoren (36, 104, 135) beschrieben, wurde nicht die intrakranielle Fläche vermessen; vielmehr wurden die Grenzen am Innenrand des äußeren Liquorraumes gezogen und weite Sulci wurden ausgefahren(Abb. 4.5-3), da auf diese Weise eine äußere Hirnatrophie wesentlich besser erfaßt wird als bei Grenzziehung am Innenrand der Kalotte. Jede Messung wurde dreimal durchgeführt. Zur Berechnung der VBR (Fläche der Seitenventrikel durch Fläche des Gehirns) wurde jeweils das arithmetische Mittel der drei Messungen gewählt.

Abb. 3-2: Planimetrische Ausmessung der Ventrikelfläche und der Gehirnfläche


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Sodann wurde die Differenz zwischen der VBR bei der Nachuntersuchung und der VBR aus der Akutphase gebildet und diese durch den VBR-Wert aus der Akutphase geteilt. Der so gewonnene Wert (im folgenden kurz „VBR-Delta“ genannt) zeigt also, angegeben in Prozent, die Änderung der aktuellen VBR im Vergleich zur akuten Krankheitsphase an; ein hohes VBR-Delta entspricht einem deutlichen Verlust planimetrisch meßbarer Hirnfläche.

 

 

VBRNachuntersuchung - VBRAkutphase

____________________________

VBRAkutphase

 

„VBR-Delta“ =

3.2.5 Erfassung sozialer Krankheitsfolgen (Handicap)

Ein Teil des strukturierten Interviews widmete sich sozialen Beeinträchtigungen (nach WHO: handicap) als Krankheitsfolge; dabei wurde gering modifiziert die - für MS-Studien entwickelte - “Environmental Status Scale“ der IFMSS (112) verwandt. Damit werden Veränderungen im Arbeitsleben, in der finanziellen Situation, der Wohnsituation, der Abhängigkeit von fremder Hilfe, der Mobilität und der gesellschaftlichen Aktivität abgefragt und skaliert. Zusätzlich wurden die Patienten nach krankheitsbedingten Veränderungen in ihrer Partnerschaft befragt.

3.2.6 Erfassung der subjektive Lebensqualität und psychosozialer Faktoren

Die Patienten sowie nach Alter, Geschlecht und Bildungsgrad gematchte Kontrollpersonen wurden gebeten, folgende Fragebögen bzw. Selbstbeurteilungsinstrumente auszufüllen:

Lancashire Quality of Life Profile

(deutsche Version, sog. Berliner Lebensqualitätsprofil)
Dieser Fragebogen erfaßt zum einen die objektiven Lebensumstände des Patienten, seine psychosoziale Eingebundenheit, seine finanzielle und gesundheitliche Situation, und zwar durch Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind. Zum anderen sollen die Befragten ihre subjektive Zufriedenheit mit unterschiedlichen Lebensbereichen einschätzen. Eine abschließende Frage behandelt die globale Lebenszufriedenheit. Die Antwortmöglichkeiten liegen auf einer Skala von 1 („völlig unzufrieden“) bis 7 („völlig zufrieden“). Aufgrund offenkundig mangelnder Relevanz für den Großteil der Befragten wurde das in der Vorlage angesprochene Thema „Religiosität“ in der Auswertung nicht berücksichtigt. Objektive Indikatoren der Lebensqualität wurden häufig im strukturierten Interview diffe


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renzierter (und bei einer größeren Fallzahl) erfaßt und daher auf dieser Basis ausgewertet. (132, 146)

Fragebogen zur Lebensorientierung nach Antonovsky, Kurzversion
Antonovskys Konzept des „Kohärenzerlebens“ (sense of coherence, SOC) geht davon aus, daß eine bestimmte positive Einstellung zu einer effektiveren Problembewältigung - also auch zu wirkungsvollen Coping-Strategien im Umgang mit Krankheit - führt. Dieser „Kohärenzsinn“ soll aus drei Komponenten bestehen:

- „Verstehbarkeit“ (comprehensibility) - die Fähigkeit, die soziale Umwelt rational zu verstehen und zu interpretieren,

- „Handhabbarkeit“, in manchen Publikationen auch „Beherrschbarkeit“ genannt (manageability) - die Fähigkeit, Ressourcen zu mobilisieren und diese zur Problemlösung zu nutzen

- und „Bedeutsamkeit“, gelegentlich auch „Sinnhaftigkeit“ genannt (meaningfulness) - das Gefühl, Belastungen als Herausforderungen einschätzen zu können.

In dem von Antonovsky formulierten und 1991 von Noack ins Deutsche übersetzten Fragebogen sind jedem dieser drei Aspekte mehrere Fragen zugeordnet, deren Summenwert die Ausprägung des jeweiligen Persönlichkeitsmerkmals widerspiegeln soll, wobei ein hoher Punktwert einem stark ausgeprägtem Merkmal entspricht. Der Befragte soll die Intensität oder Häufigkeit eines beschriebenen Gefühls oder Verhaltens jeweils auf einer von 1-7 skalierten Antwortmöglichkeit einordnen (Beispiel: „Haben Sie das Gefühl, daß es Ihnen ziemlich gleichgültig ist, was um Sie herum passiert?“). Die Summe dieser drei Subskalen ergibt den eigentlichen Kohärenzsinn. (5, 131)

Fragebogen zu Kompetenz- und Kontrollüberzeugungen (FKK) von Krampen
Dieser Fragebogen beruht auf dem sogenannten „handlungstheoretischen Partialmodell der Persönlichkeit“ (97) und hat zum Ziel, Persönlichkeitsvariablen zu erfassen, die mit einem bestimmten Muster an Handlungstendenzen und Erlebensprozessen einhergehen. Die Probanden erhalten eine Liste von 32 Aussagen (Beispiel: „Es hängt hauptsächlich von mir ab, ob sich andere Menschen nach meinen Wünschen richten oder nicht.“), denen sie auf einer Skala von 1 bis 6 zustimmen oder sie als unzutreffend bezeichnen können. Je acht dieser Items sind einer von vier sogenannten Primärskalen zugeordnet:

- dem „Selbstkonzept eigener Fähigkeiten“ (SK): hier sollen hohe Punktwerte Selbstsicherheit und ein hohes Selbstvertrauen reflektieren,

- der „Internalität“ (I): hier soll ein hoher Punktwert bedeuten, daß der Proband seine eigenen Handlungen als wirksam und effektiv erlebt,

- der „Sozialen Externalität“ (abgekürzt P nach dem englischen „powerful others orientation“): hier drückt ein hoher Punktwert aus, daß der Proband sich als stark fremdbestimmt und häufig hilflos erlebt,


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- der „Fatalistische Externalität“ (abgekürzt C nach dem englischen „chance control orientation“): hier drückt ein hoher Punktwert eine starke Schicksalsgläubigkeit aus.

Die Skalen SK und I werden als sogenannte Sekundärskala SKI zusammengefaßt und sollen die Vorstellung einer Person von ihrer „Selbstwirksamkeit“ widerspiegeln: hohe Punktwerte sind mit Aktivität und Handlungsfähigkeit assoziiert, niedrige mit einer passiv-abwartenden Grundhaltung.

Die Skalen P und C werden als Sekundärskala PC zusammengefaßt und sollen die „Externalität“ einer Person charakterisieren: hohe Punktwerte bedeuten Hilflosigkeit, Konformismus und Fatalismus, niedrige Punktwerte hingegen subjektiv erlebte Unabhängigkeit von äußeren Einflüssen. (98)

Fragebogen zur sozialen Unterstützung (F-SozU) von Sommer & Fydrich,
Kurzversion
Mit diesem Fragebogen wird ermittelt, in welchem Ausmaß die Befragten Unterstützung aus ihrem sozialen Umfeld subjektiv wahrnehmen bzw. antizipieren. Die Probanden kreuzen auf einer fünfstufigen Likertskala den Grad ihrer Zustimmung zu 22 Aussagen wie beispielsweise „Ich habe Menschen, die sich um meine Wohnung kümmern können, wenn ich mal nicht da bin“ an. Zur Auswertung wird aus allen Fragen ein Summenwert gebildet. (43, 177)

Beck Depressionsinventar (BDI)
Dieses etablierte und gut validierte Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung des Schweregrades einer depressiven Symptomatik erfragt depressionstypische psychische und somatische Beschwerden mit 21 Items, für die es jeweils vier Antwortmöglichkeiten (à 0-3 Punkte) gibt. Anhand des Summenscores wird abgeschätzt, ob der Befragte „keine Depression“, eine „leichte“, „mittelschwere“ oder „schwere Depression“ hat. Für die Auswertung dieser Studie wurde lediglich differenziert zwischen Patienten, die oberhalb (depressiv) bzw. unterhalb (nicht depressiv) der Grenze von 10 Punkten lagen. (14)

Fragebogen zur persönliche Reifung nach Belastung (PRB) von Park & Maercker

Der von Park und Mitarbeitern entwickelte Fragebogen, ursprünglich als Fassung mit 50 Items konzipiert, untersucht eine mögliche (subjektive) persönliche Reifung durch ein belastendes Lebensereignis. Hier wurde die ins deutsche übersetzte Kurzform (108), die 15 Items umfaßt, angewandt. Alle Aussagen beziehen sich auf Veränderungen durch das Ereignis, in diesem Fall die Enzephalitis, wobei der Befragte die Möglichkeit hat, von 0 (=gar nicht) über 1 (=etwas) bis 2 (=sehr) die für ihn zutreffende Antwort anzugeben (Beispiel: „Durch die Erkrankung lernte ich, mehr Sinn im Leben zu finden“). Die Punkte werden zu einem Summenwert zusammengezählt, der das Ausmaß der vom Patienten wahrgenommenen Reifung wiedergeben soll. Der maximale Wert beträgt 30 Punkte. Da die Auswahl der Kontrollpersonen kein schwerwiegendes Lebensereignis berücksichtigte, wurde dieser Fragebogen nur den Enzephalitispatienten vorlegt. (137)


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3.3 Statistik

Alle statistischen Testverfahren wurden mit dem Statistikprogramm SPSS 9.0 für Windows durchgeführt. Vor der Durchführung einer Datenanalyse wurden metrischen Daten mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test auf Normalverteilung überprüft. Zur univariaten Analyse wurden normalverteilte metrische Daten mittels t-Test analysiert, bei Nichtnormalverteilung oder kleiner Gruppengröße (< 25) mit dem Mann-Whitney-U-Test, bzw. - bei mehr als zwei Stichproben - mit dem Kruskal-Wallis-Test. Nominale bzw ordinale Daten mit wenigen Ausprägungen wurden mit dem Chi-Quadrat-Test untersucht. Zur Einschätzung von Korrelationen wurde für ordinale Daten der Korrelationskoeffizient nach Spearman, für metrische Daten der nach Pearson berechnet. Zwei abhängige Stichproben wurden mit dem Wilcoxon-Test verglichen. Als signifikant wurden Ergebnisse gewertet, deren Irrtumswahrscheinlichkeit p < 0,05 war.

3.4 Übersicht

Abb. 3-3 gibt eine Übersicht über den zeitlichen Rahmen der Studie und die Stichprobengröße der einzelnen Untersuchungschritte.

Abb. 3-3: Zeitlicher Ablauf und Aufbau der Enzephalitisstudie Abkürzungen: neur.US: neurologische Untersuchung; NP: neuropsychologi sche Testung; EKP: akustisch ereigniskorrelierte Potentiale; cMRT: craniale Magnetresonanztomographie; Pat.: Patienten; KP: Kontrollpersonen


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