Schielke, Eva: Akute Enzephalitiden im Erwachsenenalter: Klinisches und ätiologisches Spektrum und Langzeitverlauf

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Kapitel 6. Zusammenfassung

Die retrospektive Analyse von 111 Patienten mit akuten Enzephalitiden erbrachte eine sichere ätiologische Zuordnung in 28 % der Fälle; die häufigsten nachweisbaren Erreger waren Varizella-zoster-Virus und Herpes-simplex-Virus-I, letzteres allerdings - bei positiver PCR als Goldstandard - mit knapp 6 % seltener als in der Literatur meist berichtet. An nicht-viralen Erregern sind Mycoplasmen hervorzuheben. Eine mögliche Multiple Sklerose wurde bei 10 % aufgrund multipler Marklagerläsionen und oligoklonaler IgG-Banden als Differentialdiagnose erwogen und bestätigte sich in vier von fünf verfolgbaren Fällen. Die Sensitivität der cranialen Magnetresonanztomographie zum Nachweis parenchymatöser Veränderungen betrug ca. 50 %. Die Sensitivität der Elektroenzephalographie betrug über 80 %.

Ein Drittel der Patienten mußte intensivmedizinisch behandelt werden. Die Letalität war- auch bei Abzug möglicher MS-Fälle - mit knapp 2 % gering und auf (auswärtige) vermeidbare Behandlungsfehler bei Herpes-simplex-Enzephalitiden zurückzuführen. Die follow-up-Untersuchung von 73 Patienten mit durchschnittlich drei Jahre zurückliegender akuter Enzephalitis ergab bei 86 % der Patienten einen günstigen bis befriedigenden Verlauf mit erhaltener Selbständigkeit. Bei den ungünstig verlaufenden Fällen dominierten kognitive Beeinträchtigungen, hochgradige körperliche Behinderungen persistierten bei 4 %.

Die Prognose akuter Enzephalitiden quoad vitam ist sehr günstig, wenn eine konsequente neurologisch-intensivmedizinische Therapie durchgeführt und eine Herpes-simplex-Enzephalitis lege artis virustatisch behandelt wird. Auch die Prognose bezüglich einer längerfristigen Erholung ist überwiegend günstig. Die häufigste Ursache bleibender Morbidität sind symptomatische Epilepsien und bleibende Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit. Bei sorgfältiger syndromatischer Klassifikation ist eine vorsichtige Prognoseeinschätzung durchaus möglich. Günstige Verläufe sind fast immer für produktive Psychosen, für nicht-psychotische akute organische Psychosyndrome ohne Fokalneurologie und für Hirnstammenzephalitiden anzunehmen; bei anderen Syndromen gestaltet sich der Verlauf variabler. Eine prognostisch extrem ungünstige Bedeutung, insbesondere hinsichtlich des kognitiven Niveaus, hat das serien- oder statushafte Auftreten epileptischer Anfälle. Es erscheint indiziert, in derartigen Fällen frühzeitig und mit maximaler therapeutischer Ag-


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gressivität antikonvulsiv, evtl. auch „neuroprotektiv“, zu intervenieren.

Während andere bleibende Behinderungen oft erstaunlich gut bewältigt werden, scheint eine Epilepsie als bleibende Krankheitsfolge in hohem Maße zu vermindertem Selbstwertgefühl, einer eher negativen Lebenseinstellung und vermehrter Depressivität zu führen. Frauen und alleinstehende Menschen scheinen eine durchgemachte Enzephalitis und deren Residuen deutlich schlechter bewältigen zu können als Männer und Personen, die Rückhalt in einer Partnerschaft oder in der Familie haben. Diesen Aspekten sollte in der Nachsorge bei Enzephalitispatienten vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Da akute Enzephalitiden seltene Erkrankungen sind und auch in dieser Studie, die in dieser Form und diesem Umfang die bislang einzige bei erwachsenen Patienten ist, für einzelne Subgruppen nur kleine Fallzahlen bestanden, bleibt es ein erstrebenswertes Ziel für die klinische Forschung, die gewonnenen Erkenntnisse durch multizentrische prospektive Untersuchungen an einem umfangreicheren Krankengut zu validieren und zu erweitern.


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Fri Sep 20 15:25:54 2002