Schmidt, Wolfgang Andreas : Duplex-Sonographie in der Diagnostik der Arteriitis temporalis und anderer Vaskulitiden

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Kapitel 4. Diskussion

4.1 Duplex-Sonographie der Temporalarterien bei Arteriitis temporalis

Die Farbdoppler-Sonographie der Temporalarterien ist eine neue Methode, mit deren Hilfe es möglich ist, nicht-invasiv, schnell und mittels weit verbreiteter Technik eine Arteriitis temporalis sicher zu diagnostizieren. Das Halo-Phänomen als Ausdruck eines Wandoedems ist spezifisch für die Diagnose. Berücksichtigt man die drei sonographischen Befunde, Halo-Phänomen, Stenosen und Verschlüsse, so ist die Sensitivität der Ultraschalldiagnostik bei unseren Patienten sogar höher als die der Temporalarterien-Biopsie, da sonographisch im Gegensatz zur histologischen Untersuchung der gesamte Verlauf der Temporalarterien untersucht werden kann.

Bereits vor über 30 Jahren wurde die Angiographie der Temporalarterien angewandt (32, 41, 52, 54). Stenosen wurden bei aktiver Arteriitis temporalis nachgewiesen. Das Verfahren konnte sich jedoch nicht in der Routinediagnostik durchsetzen, da Aufwand und Risiken zu groß im Vergleich zur diagnostischen Aussage waren. Da die Angiographie im Gegensatz zur Farbdoppler-Sonographie die Gefäßwand nicht darstellen kann, kann sie somit nur indirekte Hinweise auf die Arteriitis liefern.

Stenosen der Temporalarterien wurden dann auch mit der konventionellen cw-Doppler Sonographie nachgewiesen. Erste Ergebnisse hierzu wurden bereits im Jahre 1981 publiziert (26). Auch als Reaktion auf unsere Publikationen im Lancet und im New England Journal of Medicine wurde noch einmal auf diese Methode eingegangen (91, 92). Stenosen und nicht nachweisbare Temporalarterien wurden deutlich häufiger bei Patienten mit akuter Arteriitis temporalis als bei den Kontrollen beschrieben (10, 11, 14, 20, 26, 27, 30, 38, 64, 75, 76, 81, 125). Stenosen können allerdings bequemer mit den technisch wesentlich weiterentwickelten, dennoch inzwischen weit verbreiteten, Farbdoppler-Sonographiegeräten gefunden werden (99).

Andere Autoren untersuchten die Augenarterien mittels Farbdoppler-Sonographie (1, 40, 50, 74, 116, 123, 131). Dabei zeigten sich insbesondere Verschlüsse der Arteria ciliaris posterior. Das Befallsmuster ist jedoch nicht spezifisch für eine Arteriitis temporalis. Mit der sonographischen Untersuchung der Augenarterien lässt sich die Diagnose einer Arteriitis temporalis nicht stellen.

Nachdem wir als 1995 als Erste die Methode beschrieben hatten (97), wurden inzwischen mehrere kleinere Studien über die Duplex-Sonographie der Temporalarterien veröffentlicht.

AbuRrhama und Mitarbeiter bestätigten 1996 das Vorhandensein von Stenosen bei akuter Arteriitis temporalis bei 6 von 8 Patienten, nicht aber bei den Kontroll-Patienten (2). Mittels


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Duplex-Sonographie konnten Strömungsgeschwindigkeiten bis über 200 cm/s gemessen werden. Der Nachweis entzündlicher Wandschwellungen spielte in dieser Studie noch keine Rolle.

Lauwerys und Mitarbeiter veröffentlichten 1997 eine Studie, die vorwiegend an Patienten mit behandelter Arteriitis temporalis durchgeführt wurde (69). Bei mehr Patienten als Kontrollpersonen war keine arterielle Strömung im Bereich der Temporalarterien nachweisbar, was auf durchgemachte Verschlüsse hinweist. Vier der untersuchten Patienten hatten klinisch eine akute Arteriitis temporalis. Nur bei einem dieser vier Patienten fand sich ein Halo-Phänomen. Auf Stenosen wurde bei der Studie nicht geachtet. Der Grund für die niedrige Sensitivität bei kleiner Patientenzahl ist das verwendete Gerät (Acuson 128-Serie), dessen Abbildungsqualität für die Untersuchung der Temporalarterien ungeeignet ist, wie die Autoren selbst in der Diskussion andeuten.

Wenkel und Mitarbeiter untersuchten 1997 16 konsekutive Patienten, bei denen eine Biopsie der Temporalarterien durchgeführt wurde, mit einem für die Augenheilkunde konstruierten 50 MHz Ultraschallgerät („Ultraschall-Biomikroskopie“; Gerät der Firma Zeiss-Humphrey Instruments) ohne Farbdoppler-Modus (129). Bei allen 4 Patienten mit positiver Histologie im Sinne einer akuten Arteriitis temporalis konnte im Gegensatz zu den 12 Patienten mit negativer Histologie eine pathologische Wandverbreiterung dargestellt werden. Das verwendete Ultraschallgerät wird heutzutage nicht mehr produziert.

Auch Brosig und Mitarbeiter (Publikation 1997) verwendeten ein Gerät ohne Farbdoppler-Modus und stellten eine Wandunschärfe bei florider Arteriitis temporalis fest (19). Dieses Phänomen war jedoch nicht ausreichend aussagekräftig, um das Verfahren als sichere diagnostische Methode zu verwenden.

Venz und Mitarbeiter aus der Strahlenklinik und Augenklinik der Charité, Campus Virchow-Klinikum, untersuchten in ihrer Publikation von 1998 20 Patienten, bei denen anschließend eine Biopsie der Temporalarterien durchgeführt wurde, mit einem modernen Farb-Duplex- Sonographiegerät (Siemens Sonoline Elegra, Schallkopf 12-9 MHz) (124). Bei allen 6 Patienten mit positiver Histologie fand sich ein Halo, bei 12 von 14 Patienten mit negativer Histologie wurde kein Halo nachgewiesen. Ohne dass Stenosen oder Verschlüsse berücksichtigt wurden, ergab sich somit eine Sensitivität von 100 % und eine Spezifität von 86 % gegenüber der histologischen Diagnostik. Die Spezifität der Sonographie ist mit unseren Erfahrungen vereinbar, da unserer Auffassung nach, wie oben erwähnt, die Sensitivität der Sonographie größer ist als die der histologischen Untersuchung, wie wir auch in einem Leserbrief zu diesem Artikel anmerkten (100).


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Eine weitere Studie aus Japan beschrieb im Jahre 1999 Stenosen bei allen 5 Patienten mit Arteriitis temporalis, ein Halo bei 2 dieser Patienten und Normalbefunde bei 30 Kontrollpatienten (60).

Stammler und Mitarbeiter (Publikation im Jahr 2000) untersuchten die Temporalarterien von 22 Patienten mit Polymyalgia rheumatica und ohne klinische Hinweise auf eine Arteriitis temporalis histologisch sowie sonographisch mit der einem 12-5 MHz Schallkopf des Gerätes ATL HDI 3000 (115). Bei allen 5 Patienten mit positiver Histologie und bei 2 von 17 Patienten mit negativer Histologie fand sich ein Halo-Phänomen. Alle anderen Patienten mit negativer Histologie hatten einen sonographischen Normalbefund. Darüberhinaus hatten 2 der 5 Patienten mit positiver Histologie Stenosen der Temporalarterien.

Neben den Studien gibt es kasuistische Mitteilungen (8, 36).

Haben andere neuere bildgebende Methoden eine Bedeutung? In einer Kasuistik wird von einer MRT-Untersuchung berichtet, bei der sich Gadolinium in den Temporalarterien bei akuter Arteriitis temporalis anreicherte (6). Eine Studie, die klinische Diagnose, Sonographie, Histologie und Gadolinium-Kontrastmittel-MRT der Temporalarterien vergleicht, wird von dieser Arbeitsgruppe derzeit durchgeführt. Die Veröffentlichung definitiver Ergebnisse zur MRT-Diagnostik ist abzuwarten.

Eine weitere neue bildgebende Methode, die in der Diagnostik der Arteriitis temporalis Anwendung finden könnte, ist die transkranielle Doppler-sonographische Mikroembolus-Detektion. Ein Patient mit akuter, histologisch gesicherter Arteriitis temporalis, bei dem eine vermehrte Rate kleinster Embolien nachgewiesen wurde, wurde kürzlich beschrieben (96). Inwieweit diese Methode Einfluss auf die Diagnosestellung und das therapeutische Vorgehen hat, bleibt abzuwarten.

Kann die Duplex-Sonographie die Biopsie der Temporalarterien ablösen? Nach unseren Erfahrungen ist die alleinige sonographische Untersuchung bei Patienten mit klinisch eindeutigem Befund ausreichend. Seltene Fälle anderer Vaskulitiden als der Riesenzellarteriitis, die eine Arteriitis temporalis bedingen können, können allerdings nicht differenziert werden (siehe Kapitel 4.2.). Manche Kliniken und niedergelassene Ärzte, die uns Patienten inzwischen zur Diagnostik zuweisen, verzichten auf die Biopsie bei klinisch eindeutigen Fällen. Den eigenen Patienten aus der Rheuma- und der Augenklinik bieten wir die Biopsie weiterhin an, um unsere Sonographieergebnisse zu evaluieren und um weitere Studien zur Pathogenese der Erkrankung zu unterstützen (127). Allerdings ist es manchmal schwierig, die Patienten von der Biopsie zu überzeugen, wenn wir die Diagnose bereits klinisch und nicht-invasiv mittels Sonographie gestellt haben.


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Die Methode eignet sich hervorragend für Patienten mit klinischem Verdacht auf eine akute Arteriitis temporalis. Dies trifft auch auf Patienten mit akuter ischaemischer Optikusneuropathie zu. Diese ist zu 88 % arteriosklerotisch oder embolisch und zu 12 % vaskulitisch im Rahmen einer Arteriitis temporalis bedingt (48). Bei unklarer Zuordnung schicken uns viele Augenärzte die Patienten zur sonographischen Untersuchung. Die richtige Diagnose ist für die weitere Therapie äußerst relevant.

Die hier beschriebene Methode der Duplex-Sonographie der Temporalarterien wird inzwischen weltweit angewandt, z. B. in den USA (Mayo-Clinic und andere), Großbritannien, Norwegen, Italien, Frankreich und Japan. Dennoch haben wir international vermutlich immer noch die größte Erfahrung mit der Methode und können damit eine sichere diagnostische Aussage treffen.

4.2 Duplex-Sonographie bei Vaskulitis-Overlap-Syndromen

Die Chapel-Hill Klassifikation der primären Vaskulitiden (siehe Tabelle 1, Kapitel 1.1.; 62) eignet sich aus didaktischer Sicht hervorragend, um die Vaskulitiden in übersichtlicher Weise einzuteilen. Allerdings lassen sich die einzelnen Erkrankungen nicht immer mit Hilfe dieser Klassifikation zuordnen (113).

Besonders schwierig zu diagnostizieren sind Vaskulitis-Overlap-Syndrome mit Befall von Gefäßen, die bei klassischem Krankheitsverlauf unauffällig sind.

Die periphere Riesenzellarteriitis („large-vessel giant cell arteritis“) ist eine anerkannte Sonderform der Arteriitis temporalis (18, 65, 73). Sie unterscheidet sich von der Takayasu-Arteriits durch das höhere Alter der Patienten ( > 50 Jahre versus < 40 Jahre), durch den häufig gleichzeitig auftretenden Befall der Temporalarterien (58% positive Biopsien) sowie durch den häufigeren Befall der distalen Arteria subclavia, der Arteria axillaris und der proximalen Arteria brachialis (18, 83, 86). Zusätzlich haben wir beschrieben, dass sich die beiden Krankheitsbilder anhand des sonographischen Befundes unterscheiden lassen. Die geschwollene Arterienwand ist bei der peripheren Riesenzellarteriits echoarm (dunkel). Bei der Takayasu-Arteriitis stellt sie sich dagegen in der Regel mit mittlerer Echogenität (hellgrau) dar (101, 104, 107). Die Ursache dafür liegt unseres Erachtens darin, dass die Arteriitis temporalis wesentlich akuter verläuft als die Takayasu-Arteriitis. Somit lässt sich bei der Arteriitis temporalis ein stärkeres Wandoedem nachweisen.

Bevor wir mit der systematischen Untersuchung anderer Arterien als der Temporalarterien bei Patienten mit akuter Riesenzellarteriits begannen, hatten wir eine wesentlich seltenere Beteiligung dieser Gefäße erwartet. In einer Metaanalyse aus 8 Studien mit 837 Patienten, die


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unter einer Arteriitis temporalis litten, wurden durchschnittlich nur 6 % (3-15 %) dieser Sonderform zugeordnet (86). In der Mayo-Clinic, wo weltweit vermutlich am meisten Patienten mit Arteriitis temporalis gesehen werden, wurden durchschnittlich jährlich „nur“ 2 Patienten mit dieser Sonderform diagnostiziert (18). Um so mehr waren wir überrascht, dass wir bei 30 % unserer Patienten sonographisch eine Beteiligung anderer Gefäße als der Temporalarterien nachweisen konnten.

Lie beschrieb den Befall der Arteria femoralis und/oder poplitea bei 13 Patienten (73). Über den Befall anderer Arterien gibt es nur wenige kasuistische Mitteiligungen. Weniger als 10 Patienten sind nach unserer Erkenntnis beschrieben worden, bei denen jeweils eine andere Gefäßregion betroffen war wie die der Arteria carotis communis (22), der Arteria carotis interna (121, 130), der Arteria carotis externa (42), der Arteria vertebralis (121, 130), der Arteria occipitalis (63, 128), der Arteria facialis (3) und der Arteria radialis (47). Die Beteiligung der Arteria ulnaris wurde von uns zuerst beschrieben (108). Häufiger ist die Aorta beteiligt, was sich in einer höheren Inzidenz von Aneurysmen im Verlauf der Erkrankung zeigt (14). Mittels Positronen-Emissions-Tomographie wurde bei 58 % der Patienten mit Arteriitis temporalis oder Polymyalgia rheumatica, aber nur bei 2 % der Kontrollpatienten, eine vermehrte Anreicherung in der Aorta nachgewiesen (16). Die Aorta ist für die Ultraschalldiagnostik schlechter erreichbar als die Hals- und Extremitätenarterien. Nur kleine Abschnitte der thorakalen Aorta können transthorakal beurteilt werden. Die Aorta abdominalis ist zwar besser sichtbar, dennoch erheblich weiter von der Hautoberfläche entfernt. Häufig ist die Sicht zusätzlich durch Darmgasüberlagerungen beeinträchtigt. Somit konnte bisher noch nicht eine Vaskulitis oder Perivaskulitis der Aorta bei akuter Arteriitis temporalis sonographisch dargestellt werden.

In seltenen Fällen kann eine Arteriitis temporalis durch eine andere Vaskulitis als durch eine Riesenzellarteriitis bedingt sein. Beschrieben wurde das klinische Bild einer Arteriitis temporalis, das im Rahmen einer Wegener`schen Granulomatose (25, 39, 53, 87, 88, 112, 135), einer mikroskopischen Polyangiitis (4, 36, 84), eines Churg-Strauss-Syndroms (72) oder einer primären Amyloidose (94) auftrat. Bei unseren 113 Patienten (53 davon mit dem histologischen Befund einer Riesenzellarteriitis), die in dem siebenjährigen Zeitraum biopsiert wurden, fanden die Pathologen des Instituts für Pathologie des Klinikums Buch keine andere Vaskulitis, obwohl sie eine große Erfahrung mit Vaskulitiden kleiner Gefäße, insbesondere der Wegener`schen Granulomatose besitzen. In einer Studie, die sich mit Vaskulitis-Overlap-Syndromen befasst, die die Temporalarterien betreffen, wurde bei 2 von 141 konsekutiven Patienten eine andere Vaskulitis als eine Riesenzellarteriitis diagnostiziert


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(39). Die meisten Patienten, die eine Beteiligung der Temporalarterien im Rahmen einer anderen Vaskulitis als der Riesenzellarteriitis aufweisen, haben allerdings eine typische Beteiligung anderer Organe, über die die Diagnose gestellt werden kann wie z.B. eine Glomerulonephritis bei Wegener`scher Granulomatose (71).

Bisher wurde in einem Fall mit mikroskopischer Polyangiitis im Bereich der Temporalarterien das sonographische Bild eines Halo-Phänomens beschrieben (36). Die Sonographie kann somit zwar eine Vaskulitis der Temporalarterien sicher diagnostizieren, nicht aber die seltenen Fälle ausschließen, in denen die Entzündung durch eine andere Vaskulitis als die Riesenzellarteriitis bedingt ist.

Die Vaskulitis der Arteria carotis bei Wegener`scher Granulomatose gilt bisher als Rarität. Außer unserem Patienten wurden bisher nur 2 andere Fälle beschrieben (77, 133). Bei häufiger Anwendung der Sonographie lassen sich möglicherweise mehr Patienten mit diesem Vaskulitis-Overlap-Syndrom diagnostizieren.

4.3 Duplex-Sonographie bei Polymyalgia rheumatica

Zahlreiche Studien stimmen darin überein, dass etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten mit Arteriitis temporalis gleichzeitig Symptome einer Polymyalgia rheumatica haben (siehe Tabelle 2, Kapitel 1.1.) Untersucht man umgekehrt die Inzidenz einer Arteriitis temporalis bei Patienten mit Polymyalgia rheumatica, so widersprechen sich die Ergebnisse bisher publizierter Studien erheblich. Tabelle 9 schildert die Studien, die angeben, alle Patienten mit Polymyalgia rheumatica ohne klinische Zeichen einer Riesenzellarteriitis („pure Polymyalgia rheumatica“) histologisch und/oder sonographisch mit der Frage nach einer begleitenden Arteriitis temporalis untersucht zu haben.


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Tabelle 9: Studien mit histologischer oder sonographischer Untersuchung der Arteria temporalis bei Patienten mit Polymyalgia rheumatica ohne klinische Zeichen einer Riesenzellarteriitis

Autor

Jahr

Histologie
Sonographie

Land

N

Prozent positiv

Mertens (82)

1995

Histo

Niederlande

0/56

0 %

Spiera (114)

1982

Histo

USA

0/14

0 %

Myklebust (85)

1996

Histo

Norwegen

3/68

4 %

Schmidt (eigene)

2001

Histo/Sono

Deutschland

4-7*/102

4-7 %*

Hunder (55)

1973

Histo

USA

2/36

6 %

Dixon (29)

1966

Histo

Großbritannien

2/18

11 %

Franzén (37)

1992

Histo

Finnland

5/43

12 %

Boesen (17)

1987

Histo

Dänemark

5/24

21 %

Stammler (115)

2000

Histo/Sono

Deutschland

5-7*/22

23-32 %*

Bengtsson (12)

1982

Histo

Schweden

21/67

31 %

Fauchald (35)

1972

Histo

Norwegen

20/49

41 %

Hamrin (47)

1972

Histo

Schweden

18/44

41 %

*die niedrige Zahl gibt die Inzidenz der Arteriitis temporalis durch histologische Untersuchung, die höhere Zahl die Inzidenz der Arteriitis temporalis durch sonographische Untersuchung an.

Warum sind die Ergebnisse der Studien so widersprüchlich? Bevor die Arbeit von Myklebust 1996 veröffentlicht wurde, führte man die Differenz auf ethnische Unterschiede zurück, in dem man vermutete, dass Patienten aus skandinavischen Ländern häufiger eine okkulte begleitende Arteriitis temporalis bei Polymyalgia rheumatica haben. Diese Theorie kann nicht mehr aufrecht erhalten werden, wie aus der Tabelle 9 ersichtlich ist. Persönlich vermute ich, dass die Unterschiede auf ein Bias bei der Patientenauswahl zurückzuführen sind, in dem die Biopsie bei den Studien mit höherer Inzidenz eher bei Patienten mit schwererer Erkrankung durchgeführt wurde. Auch die Expertenmeinung schließt sich eher den Studien mit niedrigerer Inzidenz an und empfiehlt deswegen bei „purer Polymyalgia rheumatica“, die routinemäßige Biopsie der Temporalarterien nicht durchzuführen (58).

Die Sonographie der Temporalarterien bietet dagegen eine nicht-invasive Möglichkeit, bei Patienten mit „purer Polymyalgia rheumatica“ diejenigen zu finden, die eine begleitende


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Vaskulitis der Temporalarterien haben. Der positive Befund an den Temporalarterien hat zwei wichtige Konsequenzen: 1. Durch ein bildgebendes Verfahren wird die Diagnose einer Polymyalgia rheumatica (mit begleitender Arteriitis temporalis) bestätigt, die ansonsten nur aufgrund einer Ansammlung von anamnestischen Angaben und wenigen klinischen Befunden vermutet werden kann. Gegebenenfalls können die Patienten mit positivem sonographischen Befund biopsiert werden, um die begleitende Arteriitis temporalis histologisch zu bestätigen. 2. Patienten mit begleitender Arteriitis temporalis erhalten initial eine höhere Kortikosteroid-Dosis (60-70 mg/d versus 10-30 mg/d).

4.4 Duplex-Sonographie in der Frühdiagnostik der Takayasu-Arteriitis

Die Diagnose einer Takayasu-Arteriitis wird in der Regel erst gestellt, wenn Stenosen nachweisbar sind. So ließen sich bei 94% der Patienten einer Studie Strömungsgeräusche nachweisen (46). Da das praestenotische Stadium Monate bis Jahre dauern kann (118), ist es besonders wichtig, eine diagnostische Methode zu finden, mit deren Hilfe die Möglichkeit besteht, die Erkrankung bereits in dieser frühen Phase zu diagnostizieren. Die Sonographie hat dabei folgende Vorteile:

  1. sie ist nicht-invasiv
  2. sie ist rasch durchführbar
  3. sie ist nahezu überall verfügbar
  4. sie kann die entzündete Gefäßwand abbilden und ist in dieser Hinsicht der Angiographie überlegen.

Allerdings können mit der Angiographie im Gegensatz zur Sonographie alle Gefäße weitgehend gleich gut dargestellt werden. Sonographie und Angiographie sind somit als komplementäre Methoden anzusehen. Im Bereich der Arteria carotis communis belegen folgende Studien die Überlegenheit der Sonographie bei der Diagnostik einer Takayasu-Arteriitis. Selbst bei Verwendung der konventionellen B-Bild Sonographie ohne Doppler- oder Farbdoppler-Modus konnten bei 19 Patienten sonographisch, aber nur bei 13 von insgesamt 23 Patienten angiographisch charakteristische Veränderungen an den Arteriae carotes dargestellt werden (78). In einer anderen Studie fand die Duplex-Sonographie pathologische Veränderungen bei 28 von 44 Arteriae carotes im Vergleich zur Angiographie, die pathologische Veränderungen nur bei 21 Arteriae carotes darstellen konnte (120). Bei 6 Fällen wurde in dieser Studie sonographisch noch ein minimaler Fluss gefunden, während die Angiographie einen Verschluss diagnostizierte.


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Die Sonographie kann die Arteria carotis communis und die Extremitätenarterien hervorragend abbilden. Relativ gute Ergebnisse lassen sich auch im Bereich der Arteria subclavia und der Arteria vertebralis erzielen. Die thorakale Aorta ist dagegen transthorakal nur in kurzen Abschnitten darstellbar. Angiographie und Sonographie wurden bisher noch nicht im Bereich der abdominellen Arterien bei Vaskulitiden verglichen. Auch wenn uns die Darstellung eines entzündlichen Saumes an der Arteria mesenterica superior gelang, so kann dennoch davon ausgegangen werden, dass die Sonographie der Angiographie in diesem Bereich eher unterlegen ist.

MRT und MR-Angiographie bieten wie die Sonographie die Möglichkeit, neben dem Gefäßlumen auch die Gefäßwand und das perivaskuläre Gewebe darzustellen (24, 132). Diese Methode hat gegenüber der Sonographie den Vorteil, dass auch sonographisch schwer zugängliche Bereiche beurteilt werden können.

In neueren Studien zeigte sich, dass die Diagnose einer Takayasu-Arteriitis bei über 90 % der Patienten auch mit Hilfe einer Kombination nicht-invasiver bildgebender Verfahren wie der Sonographie und der MR-Angiographie gestellt werden konnte (21, 70).

Werden Patienten mit Takayasu-Arteriitis übersehen, wenn nur die Untersuchung der Arterien im Halsbereich mittels Duplex-Sonographie, sozusagen als Screening-Methode durchgeführt wird? Diese Frage wird unterschiedlich beantwortet, wenn Patienten verschiedener Ethnologie untersucht werden. Bei Europäern, Nord- und Südamerikanern sowie Ostasiaten sind die Arteriae subclaviae oder die Arteriae carotes fast immer betroffen, während Patienten aus Indien, Bangladesh, Pakistan und aus dem Nahen Osten häufiger einen Befall der Aorta descendens und ihrer Äste aufweisen (7, 21, 33, 46, 61, 70, 89, 93, 110, 119, 122, 134).

Bisher wurden außer unseren 3 Patientinnen 2 Patientinnen beschrieben, bei denen die Sonographie in der Diagnostik eines nicht-stenotischen Stadiums der Takayasu-Arteriitis eine Rolle spielte. Eine entzündliche Wandschwellung der Arteria mesenterica superior wurde mittels CT gefunden und konnte sonographisch bestätigt werden (67). Bei einer anderen Patientin mit Fieber unklarer Genese stellte sich sonographisch ein Aneurysma der Aorta abdominalis dar. Der Befund unterstützte die Diagnosestellung einer Takayasu-Arteriitis (68).

Mit Hilfe der Farb-Duplex-Sonographie der Halsarterien lässt sich die Takayasu-Arteriitis bereits im praestenotischen Frühstadium diagnostizieren. Wir empfehlen daher, dass junge Patienten, die über Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit und Arthralgien klagen sowie gleichzeitig laborchemische Entzündungszeichen aufweisen, auch ohne klinischen Verdacht


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auf arterielle Stenosen mit der Frage nach einer Takayasu-Arteriitis sonographisch im Bereich der Halsarterien untersucht werden sollten.


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Fri Jan 10 18:37:16 2003