5.  Diskussion

5.1. Steroide und Tumorwachstum

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Östrogene können bekanntermaßen Tumorwachstum, insbesondere des Mamma- und Endometriumkarzinoms fördern, wenn eine chronische Exposition durch hormonelle Dysregulation oder iatrogen vorliegt (Ziehl et al. 1975; Mack et al. 1976; McDonald et al. 1977; Pike et al. 1993; Feigelson et al. 1996). Hierbei hängt die Wachstumsstimulation durch Östrogene und die Prognose der Erkrankung weitgehend von der Expression von Östrogenrezeptoren ab. Therapeutische Strategien bei der Tumorbekämpfung nutzen die Rezeptoren, um den stimulierenden Effekt der Östrogene mit Antagonisten zu blocken (Pritchard et al. 2000; Aebi et al. 2000). Auch bei HCC’s kommen vermehrte Östrogenrezeptoren vor, so daß auch diese Tumoren mit Antiöstrogenen behandelt werden, wenn der Östrogenrezeptorstatus als positiv gewertet wird. Jedoch sprechen nicht alle HCC Tumoren auf eine entsprechende Therapie an (Negro et al. 1994). Ganz anders verhält sich 2-ME. Es wirkt nicht tumorfördernd, sondern tumorhemmend bei vielen Tumoren, so daß es deshalb als “a good estrogen” bezeichnet wurde (Pribluda et al.1998). Die Bindungsstelle ist hierbei nicht der Östrogenrezeptor (Merriam et al. 1980; Seegers et al. 1989; Cushman et al. 1995; Seegers et al. 1997; Wang et al. 2000; LaVallee et al. 2002).

5.2. Tumorhemmung durch 2-ME

Bei den von uns durchgeführten Versuchen konnten wir einen sehr starken, dosisabhängigen, tumorhemmenden Effekt von 2-Methoxyestradiol auf Zellen humaner Tumoren aufzeigen, so des hepatozellulären Karzinoms, des Pankreaskarzinoms und des Bronchialkarzinoms. Gemeinsam haben diese Tumoren eine ausgesprochen schlechte Prognose mit kurzer Überlebensdauer, wenn eine kurative Operation nicht möglich ist. Selbst dann ist die Rezidivrate nach kurzer Zeit sehr hoch und führt schließlich zum Tode des Patienten. 2-ME scheint bei den meisten oder möglicherweise allen malignen Tumoren einen hemmenden Effekt auf das Wachstum zu haben. Das wird auch durch die zunehmende Menge an Publikationen bestätigt (Tabelle 8).

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Tabelle 8
Literaturübersicht verschiedener Tumore, die durch 2-ME erfolgreich in ihrem Wachstum gehemmt werden konnten.

Tumorarten

Autoren

Publikationsjahr

Endothelzellen

Fotsis et al

Yue et al

Tsukamoto et al

1994

1997

1998

Osteosarkom

Maran et al.

Golebiewska et al.

2002

2002

Angiosarkom

Reiser et al

Arbiser et al

1998

1999

Mammakarzinom

Lottering et al

Cushman et al

Klauber et al

Seegers et al

Zhu et al

Zoubine et al

Amorino et al.

Lippert et al.

1992

1995

1997

1998

1998

1999

2000

2003

Bronchialkarzinom

Mukhopadhyay et al

Mukhopadhyay et al

Kataoka et al

1997

1998

1998

Pankreaskarzinom

Schumacher et al

1999

Hepatozelluläres Karzinom

Schumacher et al

2000

Neuroblastom

Nakagawa-Yagi et al

Wassberg et al

1996

1999

Magenkarzinom

Heng-Liang et al

Lin et al.

2000

2001

Multiples Myelom

Dingli et al.

Chauhan et al.

2002

2002

Prostatakarzinom

Qadan

Kumar et al.

Bu et al.

Figg et al.

2001

2001

2002

2002

Kolorektales Karzinom

Kinuya et al.

Carothers et al.

2001

2002

Im Jahre 2002 hat sich das Tumorspektrum auf Prostata, Osteosarkom, multiples Myelom und auf das kolorektale Karzinom erweitert. Weitere Tumoren wie Ösophaguskarzinom, Gallenwegstumoren, endokrine Tumoren oder andere sind bislang nicht untersucht worden. Die bisherigen Ergebnisse lassen allerdings den Optimismus zu, daß auch diese Tumoren durch 2-ME gehemmt werden können. Besonders häufig wurde das Mammakarzinom untersucht. Die DNA-Synthese und die Mitoserate konnte bei den Mamma-Ca Zellen MCF-7 mit einer geringen Dosis von 10nM gehemmt werden (Lottering et al 1992). Das Tumorwachstum von humanen Mamma-Ca Zellen konnte bei Mäusen um 60% mit einer Dosis von 75mg/kg KG täglich ohne erkennbare Toxizitätszeichen gehemmt werden (Klauber et al. 1997). Zellen humaner Bronchialkarzinome haben sich ebenfalls als sehr empfindlich gegenüber 2-ME gezeigt. Apoptotischer Zelltod wurde beobachtet, wenn die Zellen Wild-Typ p53 exprimierten, welches durch 2-ME stabilisiert wurde (Mukhopadhyay et al. 1997). Als Weiterführung dieser Beobachtung konnten wir zeigen, daß ein Adenovirus, welches den Wild-Typ p53 exprimiert, systemisch in Kombination mit 2-ME appliziert werden konnte. Die beobachtete Stabilisierung und Verlängerung der Halbwertszeit des funktionell aktiven p53 Proteins durch 2-ME bewirkte eine additive Wachstumshemmung von Lungenmetastasen (Kataoka et al. 1998). Dies war der erste Bericht über eine erfolgreiche Tumorhemmung durch ein Tumorsuppressorgen nach systemischer intravenöser Gabe. Eines der größten Probleme der Gentherapie stellt die geringe Expression der transfizierten Gene am Zielort, nämlich in der Tumorzelle dar. Das kann durch die Kombination mit 2-ME positiv beeinflußt werden. Durch die Stabilisierung des p53 Proteins durch 2-ME wurden ausreichende Konzentrationen erreicht, um die Tumorzellen im Wachstum zu hemmen. Auch seltenere Tumoren wie das Neuroblastom (Wassberg et al 1999; Nakagawa-Yagi et al. 1996), das Angiosarkom (Arbiser et al. 1999; Reiser et al. 1998) oder das Osteosarkom (Maran et al. 2002) zeigten eine Tumorhemmung bis zu 84% nach 2-ME Gabe. Im Bereich des Gastrointestinaltraktes gibt es zunehmend Berichte über die Wirksamkeit von 2-ME auf Tumorzellen. So konnten wir mit unseren Untersuchungen als Erstbeschreiber die Wirksamkeit von 2-ME auf Pankreaskarzinome (Schumacher et al. 1999) und auf hepatozelluläre Karzinome (Schumacher et al. 2000; Lin et al. 2000) nachweisen. Für diese Tumoren sind aufgrund ihrer sehr schlechten Prognose neue Therapieoptionen besonders wichtig und von hoher klinischer Bedeutung. Die Wachstumshemmung in vivo erreicht beim Pankreaskarzinom immerhin 59% (Schumacher et al. 1999). Beim HCC wurde die Hypothese aufgestellt, daß die niedrigere Inzidenz bei Frauen im Vergleich zu Männern durch die physiologischerweise ungleiche Verteilung des 2-ME zugunsten der Frauen erklärbar wird (Lui et al. 2000). Begründet wird diese Beobachtung durch den höheren Östrogenstoffwechsel in der Leber bei Frauen, was zu einer vermehrten Konzentration von Östrogenmetaboliten einschließlich 2-ME in der Leber führt. Weitere gastrointestinale Tumoren wurden später untersucht. Das Magenkarzinom (Heng-Liang et al. 2000; Lin et al. 2001) und das kolorektale Karzinom (Kinuya et al. 2001; Carothers et al. 2002) erwiesen sich als ebenso sensibel auf 2-ME, was zu einer signifikanten Wachstumshemmung führte.

5.3. Kombination mit 2-ME und anderen tumorhemmenden Substanzen

Viele Chemotherapieregime werden in der Klinik mit Kombinationen aus zwei oder mehr Substanzen durchgeführt. Die Vorteile sind eine erhöhte Wirksamkeit bei verringerten Nebenwirkungen. Idealerweise kann es zu einem synergistischen Effekt bei der Tumorkontrolle durch sich ergänzende Wirkmechanismen kommen. Multimodale Therapien bestehend aus Operation und adjuvanter Chemotherapie, oder eine Kombination dieser Therapieverfahren mit Bestrahlung verwenden das Prinzip der sich ergänzenden Wirkungen bei möglichst unterschiedlichen Nebenwirkungen. Eine adjuvante Chemotherapie nach Operation sollte deshalb weniger aggressiv sein als eine alleinige Chemotherapie. Da 2-ME mehrere verschiedene Wirkmechanismen hat, ist es naheliegend, daß aus Kombinationen mit 2-ME bessere therapeutische Wirkungen ohne Zunahme der Toxizität zu erzielen sind. 2-ME ist mit unterschiedlichen Substanzen kombiniert worden. Wir testeten die orale Gabe von 2-ME mit einer intravenösen Gabe von Adenoviren, die p53 exprimierten (Kataoka et al. 1998). Durch den p53 stabilisierenden Effekt von 2-ME konnte eine additive Wachstumshemmung der Lungenmetastasen bewirkt werden. Da der Einsatz von alleinigem Wild-Typ p53 exprimierenden Retroviren bereits klinisch bei Patienten mit Bronchialkarzinomen zu Tumorregress oder stable disease führte (Roth et al. 1996), erscheint die Kombination aus 2-ME und dem p53 exprimierenden Adenovirus eine realistische Alternative zu derzeit etablierten Therapien beim Bronchialkarzinom zu sein. Die Kombination aus p53 exprimierenden Adenoviren und 2-ME bei Pankreaskarzinomzellen erbrachte keine zusätzliche Wachstumshemmung.

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Den p53 stabilisierenden Effekt von 2-ME machte man sich auch zunutze, indem man durch Bestrahlung das p53 in nicht kleinzelligen Bronchialkarzinomzellen induziert, was der physiologische Mechanismus des p53 zur Zellzykluskontrolle ist, um es dann durch 2-ME zu stabilisieren (Huober et al. 2000). Auch hier konnte eine additive Wachstumshemmung dieser Zellen beobachtet werden. Pankreaskarzinomzellen kombinierten wir mit Substanzen, die im klinischen Einsatz sind. Es konnte mit jedem getesteten Zytostatikum eine additive Wachstumshemmung beobachtet werden. Allerdings ergab sich durch die Kombination keine Zunahme der apoptotischen Zellen über die Wirkung von 2-ME hinaus. Eine synergistische Wachstumshemmung von Endothelzellen (Sweeney et al. 2001) und eine additive Hemmung bei HCC Zellen (Lin et al. 2000) konnte bei der Kombination aus 2-ME und Docetaxel beobachtet werden. Hier scheint der Mechanismus ein Ausschalten des VEGF bedingten Zellschutzes zu sein. Eine Vorbehandlung mit 2-ME und anschließender photodynamischer Therapie zeigte, daß die 2-ME bedingte Hemmung der SOD (Superoxid Dismutasen) zu einem synergistischen Effekt in der Tumorzellhemmung führt (Golab et al. 2003). Dadurch verlieren die Zellen den SOD bedingten Rescuemechanismus und sterben ab. Nachdem 2-ME mit einer Vielzahl von Substanzen in vitro kombiniert wurde, was jeweils zu einem additiven oder synergistischen Effekt in der Tumorkontrolle führte, werden bei der klinischen Anwendung nach den ersten Studien voraussichtlich verschiedene Kombinationen angewendet werden. Da die Nebenwirkungen von 2-ME sehr gering zu sein scheinen, sind auch höhere und damit unter Umständen wirksamere Dosen von 2-ME vorstellbar. Entscheidend ist, daß Kombinationen von Zytostatika und 2-ME eine deutlich bessere Tumorhemmung zeigen ohne Zunahme der Toxizität. Das wird in der klinischen Behandlung, selbst bei nur additiver Wirkung, noch mehr aber bei synergistischer Wirkung, insbesondere bei Tumoren wie Pankreas-, Bronchial- und Leberkarzinomen fast einem Durchbruch gleichen.

5.4. Wirkmechanismen von 2-ME auf Tumorzellen

5.4.1. Antiangiogenetischer Effekt

Wiederholt wurde berichtet, daß 2-ME einen starken antiangiogenetischen Effekt aufweist. Da die Angiogenese für das Tumorwachstum entscheidend ist, bewirkt die Antiangiogenese eine Hemmung des Tumorwachstums durch Entzug von Nährstoffen. Ein erster Bericht in diesem Zusammenhang zeigte eine Hemmung der Endothelproliferation nach Behandlung mit 2-ME. Desweiteren wurde eine starke Hemmung der Neovaskularisierung mit einer daraus hervorgehenden Wachstumshemmung von Tumoren beobachtet (Fotsis et al. 1994). Andere Autoren konnten den hemmenden Effekt auf die Proliferation mit Induktion von Apoptose bei Endothelzellen bestätigen (Yue et al. 1997; Tsukamoto et al. 1998). Auf der Basis dieser Beobachtungen war es keine Überraschung, daß Angiotumorzellen, die von Endothelzellen stammen, durch 2-ME signifikant in ihrem Wachstum gehemmt werden konnten (Reiser et al 1998). Die durch VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) und bFGF (basic Fibroblast Growth Factor) induzierte Neovaskularisierung der Kornea konnte um 54% gehemmt werden (Klauber et al. 1997). Eine Herabregulation von VEGF mit einer anschließenden Hemmung der Tumorangiogenese um 89% konnte in Prolaktin-sezernierenden Hypophysentumoren der Ratte analog dazu gezeigt werden (Banerjeei et al. 2000). Bei Kolonkarzinomen am Mausmodell fand man, daß die Tumorhemmung durch die Kombination aus Radioimmuntherapie und 2-ME über einen Mechanismus der Antiangiogenese durch 2-ME zustande kam (Kinuya et al. 2001). Auch bei nicht malignen Erkrankungen wie der chorioidalen Neovaskularisierung kann 2-ME im Rattenmodell eine deutliche Hemmung der Neovaskularisierung bewirken (Robinson et al. 2002). Ferner werden glomeruläre Mesangiumzellen in der Proliferation gehemmt (Dubey et al. 2002). Unsere Ergebnisse konnten diese häufig beschriebenen antiangiogenetischen Effekte nicht reproduzieren. Am Lungenmetastasenmodell mit Pankreaskarzinomzellen konnte zwar eine geringere Anzahl der Blutgefäße in der mit 2-ME behandelten Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe gemessen werden, jedoch waren die Daten nicht statistisch signifikant (Schumacher et al. 1999). Auch bei den Lungenmetastasen der Bronchialkarzinomzelllinie A549 konnten wir keine Reduktion der Blutgefäße nach Behandlung mit 2-ME feststellen (Kataoka et al 1998). Bei den HCC Tumoren haben wir das Phänomen der Angiogenese nicht untersucht (Schumacher et al. 2000). Die Ursache für die fehlende Hemmung der Angiogenese beim Pankreas- und Bronchialkarzinom ist zunächst unklar.

5.4.2. Hemmung der Mikrotubuli

In manchen Systemen konnte durch 2-ME eine Hemmung der Tubulinpolymerisation durch eine Interaktion an der Colchicinbindungsstelle durch kompetetive Bindung von 2-ME an Tubulin beobachtet werden (D’Amato et al. 1994, Cushman et al. 1995). Modifikationen der molekularen Struktur von 2-ME wurden vorgenommen, so daß ein neuer Inhibitor der Tubulinpolymerisation mit ähnlichen Eigenschaften wie Paclitaxel entstanden ist (Verdier-Pinard et al. 2000). Die Acetylgruppe an C17 war für diesen Effekt verantwortlich. Die Interaktion mit Tubulin scheint sich mit unpolymerisiertem Tubulin und mit Tubulin Polymeren zu ereignen (Hamel et al. 1996). Neben der Hemmung der Tubulinpolymerisation wurde auch ein Zellzyklusarrest ohne Depolymerisation von Tubulin beobachtet. In Leukämiezellen konnte man zeigen, daß 2-ME einen hemmenden Effekt auf die Fähigkeit von Calmodulin besitzt, die Phosphodiesterase zu aktivieren, was zu einem funktionell inaktiven Mitoseapparat führt, in dem die Chromosomen in der Äquatorialebene verharren (Attalla et al. 1996).

5.4.3. Induktion von Apoptose und molekulare Veränderungen

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Der Prozess des apoptotischen Zelltodes ist ein essentieller Teil der physiologischen Gewebshomöostase und der Tumorzellkontrolle. Tumorzellen, die der physiologischen Kontrolle entgehen, entwickeln einen Tumor. Der Verlust der Apoptosekapazität z.B. durch eine Mutation von Tumorsuppressorgenen kann durch verschiedene therapeutische Maßnahmen wiederhergestellt werden (Kliche et al 1999). Die Induktion der Apoptose kann durch Therapie mit 2-ME bewirkt werden, wie in verschiedenen Zelltypen nachgewiesen werden konnte. Neuroblastomzellen erlitten bereits nach 10nM 2-ME den apoptotischen Zelltod (Nakagawa-Yagi et al. 1996). Weitere Zelltypen wie Prostatakarzinomzellen (Qadan et al. 2001; Bu et al 2002), Mammakarzinomzellen (LaVallee et al. 2000), Leukämiezellen (Huang et al. 2000), Magenkarzinomzellen (Lin et al 2001), Osteosarkomzellen (Maran et al. 2002) und andere folgten, die durch 2-ME in den apoptotischen Zelltod überführt werden. Unterschiedliche Mechanismen kommen dabei offenbar zum Tragen.

5.4.4. Einfluß des p53

2-ME hat die Eigenschaft, das funktionell aktive p53 Protein zu stabilisieren, was zu einer verlängerten Halbwertszeit und damit zu einer gewissen Akkumulation in der Zelle führt (Mukhopadhyay et al 1997). Das wiederum bewirkt eine Zellzykluskontrolle durch G1-Arrest im Zellzyklus oder durch Induktion der Apoptose. Diese durch 2-ME induzierte p53 Expression ist ein physiologischer Mechanismus des p53. Bei stark geschädigter Zelle, z.B. durch Bestrahlung, kommt es durch p53 zum apoptotischen Zelltod. Ein Arrest in der G1-Phase durch p53 tritt bei weniger stark geschädigter Zelle ein, um den Reparaturmechanismen genügend Zeit zu geben, den Defekt zu beheben, bevor eine Entartung stattfindet. Ein p53 abhängiger Mechanismus konnte auch bei Lymphoblastomzelllinien beobachtet werden. Hierbei kam es nicht zu einer Akkumulation des p53 Proteins, sondern zu einer Freisetzung des p53 Proteins vom T-Antigen (Seegers et al. 1997). Bei Wild-Typ p53 exprimierenden Tumorzellen wurde 2-ME als Verstärker bei der Bestrahlung von Bronchialkarzinomzellen verwendet, wobei man sich den p53 stabilisierenden Effekt zunutze machte (Amorino et al. 2000; Huober et al. 2000). Nach der Induktion des p53 Proteins kam es durch 2-ME zu einer Stabilisierung und wiederum zu einer Akkumulation des p53 Proteins mit nachfolgend vermehrter Tumorhemmung. Dasselbe Phänomen der p53 Stabilisierung wurde in einem Folgeprojekt benutzt. Es wurden Bronchialkarzinomzellen mit einem Wild-Typ p53 tragenden Adenovirus (Ad-p53) transfiziert, um 2 Tage darauf 2-ME zu verabreichen, was wiederum das p53 stabilisierte und zu vermehrter Apoptose im Vergleich zur Behandlung mit den einzelnen Komponenten führte (Mukhopadhyay et al. 1998). Wiederum in einem Folgeprojekt an einem Metastasenmodell in der Maus mit Bronchialkarzinomzellen konnten wir zeigen, daß die Kombination aus intravenös verabreichtem Ad-p53 und oral appliziertem 2-ME eine additive Hemmung der Wachstumsrate der Metastasen bewirkte wie bereits im Abschnitt „Tumorhemmung durch 2-ME“ beschrieben. In einer späteren Untersuchung konnte auch bei kolorektalen Karzinomzellen die p53 abhängige Apoptose beobachtet werden (Carothers et al 2002). Ob hier ebenfalls eine Stabilisierung des p53 Proteins stattfindet, wurde nicht untersucht. Bei der Induktion der Apoptose durch p53 Stabilisierung findet möglicherweise auch eine Phosphorylierung des Phosphoproteins p53 statt, an der verschiedene Kinasen beteiligt sein können. Die beiden Hauptlokalisationen einer Phosphorylierung sind das N- und C-terminale Ende des Proteins, wobei das N-Ende die transkriptionsregulierende Domäne und das C-Ende die spezifische Bindung von p53 an die DNA kontrolliert (Steegenga et al. 1996). Bei unseren Versuchen mit den Wild-Typ p53 exprimierenden HCC Zellen SK-Hep 1 und Hep G2 kam es zu einer starken (bei SK-Hep 1 Zellen) bzw. schwachen (bei Hep G2 Zellen) Hochregulation des p53 Proteins. Auch das p53 abhängige P21WAF1 Protein wurde als Zeichen eines funktionell aktiven p53 Proteins dementsprechend heraufreguliert. Die unterschiedliche Sensibilität dieser beiden Zelllinien hängt vermutlich, zumindest partiell, mit der p53 Expression zusammen.

In unseren hier beschriebenen Versuchen an Pankreaskarzinomzellen zeigten wir erstmals, das die Induktion der Apoptose auch p53 unabhängig ablaufen kann. Bei Verwendung von Zelllinien, die alle eine Mutation für das p53 Gen aufwiesen, konnten wir eine starke Induktion von Apoptose beobachten. Um zu erhärten, daß es sich um ein funktionell inaktives p53 Protein handelte, führten wir Western Blot Untersuchungen durch, um die Expression des direkten abhängigen Effektorproteins, p21WAF1 zu untersuchen. Hier war keine Induktion zu erkennen, was bei funktionell aktivem p53 Protein zu erwarten gewesen wäre. Trotz der p53 Mutation war auch hier in vivo eine starke Tumorhemmung mit 59% gegenüber der Kontrollgruppe erkennbar gewesen (Schumacher et al. 1999).

5.4.5. Einfluß des bcl-2

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bcl-2, das stärkste antiapoptotische Gen, wird durch 2-ME in einer Weise beeinflußt, daß die Induktion der Apoptose gefördert wird. Die bcl-2 Familie ist eine Gruppe von pro- und antiapoptotischen Genen, die durch Wechselwirkungen sowie Bildung von Di- und Tetrameren den Zellzyklus und die Apoptoserate beeinflussen. Eine Gruppe berichtete über eine Heraufregulation von bcl-2 und Fas nach Inkubation von Endothelzellen mit 2-ME. Induktion von Apoptose und Hemmung der Angiogenese wurde beobachtet. Eine Korrelation zwischen bcl-2 und Fas konnte nicht festgestellt werden, und eine Erklärung der bcl-2 Heraufregulation konnte ebenfalls nicht gefunden werden (Yue et al. 1997). 2-ME kann bcl-2 phosphorylieren, was zu einer Inaktivierung von bcl-2 führt, was wiederum eine Förderung der Apoptoseinduktion zur Folge hat. Die Phosphorylierung scheint nicht direkt zu sein, sondern über einen Mechanismus der Heraufregulation der Kinase JNK/SAPK, die in die Inaktivierung von bcl-2 involviert zu sein scheint, abzulaufen (Attalla et al. 1998). Eine weitere Gruppe konnte zeigen, daß eine Phosphorylierung von bcl-2 mit anschließender Inaktivierung durch 2-ME ausgelöst wird (Budhram-Mahadeo et al. 1999). Bei Pankreaskarzinomzellen fand man, daß ein antiapoptotisches Mitglied aus der bcl-2 Familie, das bcl-x(L) durch 2-ME phosphoryliert und somit inaktiviert wird. Daraus entsteht wiederum eine Förderung der Apoptoseinduktion (Qanungo et al. 2002). In unseren Untersuchungen beobachteten wir, daß bei den HCC Zellen SK-Hep 1 nach Behandlung mit 1,5μM 2-ME die bcl-2 Expression um das sechsfache reduziert wurde. Die charakteristische Doppelbande, den Bandenshift, der bei phosphoryliertem bcl-2 auftritt, beobachteten wir nicht. Somit scheint ein weiterer, bislang nicht beschriebener Mechanismus der bcl-2 Inaktivierung vorzuliegen. Es kann entweder zu einer direkten Wirkung auf DNA-Ebene zur Hemmung der bcl-2 Synthese oder zu einem verstärkten Abbau des bcl-2 Proteins mit der Folge einer verkürzten Halbwertszeit auf Proteinebene kommen. Möglicherweise hat p53 eine direkte oder indirekte Wirkung auf die bcl-2 Expression. So kann bcl-2 das Eindringen von p53 in den Zellkern verhindern (Beham et al. 1997). Eine Überexpression von bcl-2 verhindert die Apoptoseinduktion durch p53, wie wir in einem Versuch mit p53 exprimierenden Adenoviren an bcl-2 überexprimierenden Prostatakarzinomzellen zeigen konnten (Schumacher et al. 2001). Eine durch p53 bedingte Hemmung des bcl-2 Promotors und damit die Inhibition der Transkription von bcl-2 kommt vor und könnte in unserem System der Mechanismus der bcl-2 Reduktion sein (Budhram-Mahadeo et al. 1999). In dieser Kombination einer Hochregulation von apoptotisch wirkendem p53-Protein einerseits und einer verminderten Expression von antiapoptotisch wirkendem bcl-2 Protein andererseits könnte die Ursache der besonders stark ausgeprägten Sensibilität gegenüber 2-ME der Zelllinie Sk-Hep 1 liegen. Auch andere Tumorzellen von Kopf- und Halskarzinomen zeigten nach einer Behandlung mit verschiedenen Zytostatika eine Veränderung in ihrem bcl-2/bax-Status. Nach Gabe von Paclitaxel kam es ebenfalls zu einer Abnahme der bcl-2-Expression in den behandelten Zellen (Kawakami et al. 1999). Somit scheint ein Wirkmechanismus verschiedener Zytostatika, wie auch bei 2-ME, in einer Verminderung der Expression von bcl-2 zu bestehen und damit Apoptose zu ermöglichen. Bei den anderen Zelllinien in unseren Untersuchungen zeigte sich keine signifikante Abnahme der bcl-2-Spiegel in den Zellen. Bei den für p53 mutierten Zelllinien PLC/PRF/5 und Hep 3B läßt sich dies damit erklären, daß das in diesen Zellen gebildete transkriptorisch nicht-funktionelle p53-Protein bzw. fehlendes p53 nicht in der Lage ist an die DNA zu binden und damit den Promotor zu beeinflussen (Budhram-Mahadeo et al. 1999). Die Wild-Typ p53 exprimierende Zelllinie Hep G2 zeigte nur geringfügig erhöhte p53-Mengen in der Zelle, die scheinbar nicht ausreichend erhöht waren, um Einfluß auf die bcl-2-Expression zu nehmen.

5.4.6. Zellzyklusarrest

Neben den beschriebenen Wirkmechanismen und Veränderungen kann auch ein Zellzyklusarrest durch 2-ME induziert werden. Eine Hochregulation von p21WAF1 bewirkt eine Wachstumshemmung der Zelle durch einen Zellzyklusarrest in der G1- oder G2/M-Phase und verhindert dadurch die Induktion der Apoptose (Chen et al. 1996). Ist jedoch gleichzeitig eine Überexpression von p53 vorhanden ist, kann das diesen zellzyklus-arretierenden Effekt des p21WAF1 aufheben (Kagawa et al. 1997), und es entstehen apoptotische Zellen in der sub-G1-Region. Dieser Effekt scheint auch bei unseren Untersuchungen an den Zellen hepatozellulärer Karzinome zu existieren, da vor allem bei Zellen der Zelllinie Sk-Hep 1 nach Behandlung mit 2-ME sowohl hohe Level von p21WAF1 als auch von p53 exprimiert wurden. Veränderungen in den G1- oder G2/M-Phasen wurden hier trotz der p21WAF1 Überexpression nicht beobachtet, wohl aber eine Apoptoseinduktion im Vergleich zu den Kontrollgruppen. Dieses Ergebnis unterstützt die Beobachtung, daß p53 den Effekt von p21WAF1 überrollen kann. Bei einer Studie an Schilddrüsenzellen wurde ein Zellzyklusarrest der Zellen in der G2/M-Phase als Ursache einer Proliferationshemmung nach Behandlung mit 2-ME beobachtet. Erst nach einer längeren Exposition der Zellen gegenüber 2-ME wurde eine Apoptose-Induktion sowie die Freisetzung von Autoantigen gefunden (Wang et al. 2000). Auch bei der Hemmung der Mikrotubuli-Formation der mitotischen Spindel kommt es zu einem Arrest in der G2/M-Phase (D´Amato et al. 1994). Wir konnten in unseren Untersuchungen eine zeitabhängige Apoptoseinduktion nach 2-ME Behandlung gegenüber den Kontrollgruppen beobachten. Allerdings konnten wir 48 Stunden nach der 2-ME Gabe und nachdem morphologisch sichtbare Zellveränderungen, die auf eine Apoptose hinweisen, auftraten, keinen signifikanten Arrest der Zellen in der G2/M-Phase feststellen. Es ist jedoch möglich, daß nach der Behandlung und vor dem Auftreten charakteristischer morphologischer Apoptosezeichen der Zellen und damit der Apoptose-Induktion ein sehr kurzzeitiger Zellzyklusarrest in der G2/M-Phase besteht. In einer weiteren Studie über den Wirkmechanismus von 2-ME auf HCC-Zellen wurde ebenfalls ein Arrest der Zellen in der G2/M-Phase, der über eine Induktion von Apoptose zu einer Wachstumsinhibition führte, gefunden (Lin et al. 2000).

5.4.7. Andere Mechanismen

Als weiterer Mechanismus wurde beschrieben, daß die Expression von p34cdc2 und Cyclin B1, beide in den Prozess des Zellzyklus involviert, durch 2-ME in MCF-7 Mammakarzinomzellen vermindert wird, was zu einer verstärkten Apoptoserate in diesen Zellen führte (Zoubine et al. 1999). 2-ME kann auch den intrazellulären Gehalt der Nitric Oxid Synthase (NOS) und die Produktion von Stickstoffmonooxid (NO) erhöhen. Weiterhin verändert 2-ME die Membranlokalisation von NOS. Diese Mechanismen führten ebenfalls zu einer verstärkten Apoptoseinduktion in vaskulären Endothelzellen (Tsukamoto et al. 1998).

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Die beschriebenen Mechanismen der Wachstumshemmung verschiedener Zellen kommen vermutlich in mehr oder weniger ausgeprägtem Ausmaß in allen Zelltypen vor. Die Induktion von Apoptose scheint hierbei der wichtigste Effekt zu sein. Unterschiedliche Faktoren innerhalb der Zellen führen dabei die Zellen zu einem gemeinsamen Endpunkt, der Apoptosekaskade. Das wäre der Idealfall in der klinischen Behandlung, da ein Zellzyklusarrest auch nur temporär sein kann und so der Zelle die Möglichkeit gibt, sich nach einer gewissen Zeit wieder zu vermehren und möglicherweise auch eine Resistenz gegen 2-ME ausbildet. Die anderen Mechanismen greifen scheinbar, wenn die Zellen eine geringere Menge 2-ME erhalten. Welcher Mechanismus in vivo letztendlich der wichtigste ist, ist noch unklar. Vermutlich kommen mehrere Mechanismen mehr oder weniger stark zum Tragen. Ergebnisse von Versuchen an immunsupprimierten Tieren, die in der Regel bei den Tierversuchen eingesetzt werden, sind nur bedingt in die Klinik übertragbar, da auch ein intaktes Immunsystem eine Wirkung auf 2-ME selbst haben könnte.

5.5. Chemoresistenz und 2-ME

Trotz der scheinbar generellen Wachstumshemmung durch 2-ME, wenn auch mit verschiedenen Wirkmechanismen, gibt es doch vereinzelt Zellen, die weniger gut auf 2-ME ansprechen. Diese Beobachtung wurde beim Pankreaskarzinom gemacht, von dem zwei Zelllinien mit einer gewissen Resistenz gefunden wurden (Schumacher et al. 1999; Qanungo et al. 2002). Besonders interessant an unserer Beobachtung ist, daß wir zwei Zelllinien verwendeten, die aus einem Tumor isoliert wurden. Davon ist die PaTu 8988t hochgradig sensibel auf 2-ME und reagiert mit raschem apoptotischen Zelltod, die Schwesternzelllinie PaTu 8988s hingegen erfährt zwar einen gewissen G1-Arrest im Zellzyklus nach hohen Dosen 2-ME, eine erhöhte Apoptoserate konnte jedoch nicht beobachtet werden. Die Ursache dieser relativen Resistenz bleibt unklar und sollte weiter untersucht werden. Möglich wäre das Vorliegen genetischer Varianten der COMT (Catechol-O-methyltransferase), einem Enzym, welches das Entstehen von Methoxyöstrogenen wie 2-ME katalysiert. Bestimmte Isoformen tragen dazu bei, daß weniger Methoxyöstrogene gebildet werden (Dawling et al. 2001). Ob Tumorzellen nach kontinuierlicher Behandlung mit 2-ME eine Resistenz gegen 2-ME ausbilden, ist nicht bekannt und sollte untersucht werden.

Auf der anderen Seite konnten wir und andere zeigen, daß multiresistente Tumorzellen gegen viele Zytostatika ausgesprochen sensibel gegenüber 2-ME sind. Die IC50 lag bei den resistenten Pankreaskarzinomzellen bei 1,65µM, was in etwa dem der sensiblen Zellen entspricht. Auch hier konnte der Mechanismus noch nicht ausreichend geklärt werden. Auch die cisplatinresistenten H1299 Zellen von einem Bronchialkarzinom zeigten in unseren Untersuchungen komplette Sensibilität gegenüber 2-ME, die zusätzlich in Kombination mit dem p53 tragenden Adenovirus (Ad-p53) eine additive Wachstumshemmung ergab. In einer anderen Arbeit konnten ähnliche Ergebnisse beim multiplen Myelom beobachtet werden (Chauhan et al. 2002). Hier wurde als Mechanismus der Wachstumshemmung eine Induktion von Apoptose gefunden, die über Cytochrom C Release und Aktivierung der Caspasen 8, 9 und 3 erfolgte. Die Ursache der Überwindung der Resistenz konnte auch hier nicht abschließend gefunden werden. Die Erkenntnis der Überwindung der Resistenz ist von außerordentlicher klinischer Bedeutung, da sehr viele Tumoren chemoresistent werden und somit einer weiteren Therapie nicht zugänglich sind, wie es häufig bei Rezidivtumoren vorkommt. Sowohl unsere Daten als auch die Ergebnisse beim multiplen Myelom zeigen, daß 2-ME in keiner Weise durch die Resistenz gegenüber den herkömmlichen Zytostatika beeinflußt wird. Die Expression des Resistenzgens mdr-1 scheint für 2-ME bei den Pankreaskarzinomzellen keine wesentliche Bedeutung zu haben, da derselbe Zellklon mit oder ohne Expression des mdr-1 Gens gleichermaßen sensibel war.

5.6. Wirksamkeit von 2-ME in vivo und Einschätzung der Toxizität

↓72

Mit 2-ME wurden viele Tierversuche mit unterschiedlichen Tumorarten durchgeführt. Die Rate der Tumorhemmung wird meist in einem Bereich zwischen 45 und 60% angegeben (Fotsis et al. 1994; Klauber et al. 1997; Kataoka et al. 1998; Schumacher et al. 1999; Schumacher et al. 2000). Deutlich erkennbare Nebenwirkungen wie Durchfall, Verweigerung der Nahrungsaufnahme, Bewegungsarmut oder Gewichtsverlust konnte in keiner dieser Untersuchungen beobachtet werden. Bei unseren Versuchen mit Pankreaskarzinomzellen konnten wir bei den Tierversuchen in der Kontrollgruppe eine deutliche Tumorkachexie mit 20% weniger durchschnittlichem Körpergewicht gegenüber der mit 2-ME behandelten Gruppe feststellen. Eine Toxizitätsstudie bei Ratten und Hunden ergab, daß nur bei sehr hohen Dosen von 300mg/kg KG 2-ME täglich für 29 Tage geringe Veränderungen der Leberwerte AST, ALT und GGT sowie ein Anstieg der Gallensäuren auftraten (McCormick et al. 2000). Histopathologische Veränderungen wurden in der Leber und Geweben der Geschlechtsorgane beobachtet. Dosen von 90mg/kg KG 2-ME erzeugten bei Beaglehunden keine evidente Toxizität oder Veränderungen der klinischen Merkmale oder der Laborparameter. Nach einer dreiwöchigen Behandlung mit höheren Dosen bis zu 160mg/kg KG 2-ME wurde sowohl bei Ratten als auch bei Hunden eine Größenreduktion von Testes und Uteri beobachtet. In unseren Versuchen mit der Behandlung von Mäusen nach Leberresektion fanden wir keine klinisch apparenten Nebenwirkungen durch 2-ME, trotz stark regenerierender Hepatozyten. Somit scheint die Toxizität auf die Leber, speziell im Resektionsfall, ebenfalls nicht oder nur sehr gering ausgeprägt zu sein. Bei hemmender Wirkung auf alle proliferierenden Zellen müsste es demnach zu einer Hemmung der Leberregeneration kommen, was wir jedoch nicht beobachtet haben.

5.7. Tumorspezifität von 2-ME

Wenn bei den in vitro Untersuchungen Zellen aus normalen, nicht tumorös veränderten Geweben, als Kontrollgruppe verwendet wurden, handelte es sich stets um Zellen, die keinerlei Proliferationstendenz zeigten (Mukhopadhyay et al. 1997; Schumacher et al. 2000). Wir untersuchten frische normale humane Hepatozyten, die sich nach Leberresektion in Kultur befanden, nach Behandlung mit 2-ME auf mögliche Zellschädigungen. Dabei wurden die Zellen mit Dosen bis zu 10µM 2-ME behandelt, eine bis zu 5-fache Dosis, die in den Karzinomzelllinien bereits zur Apoptose der Zellen führte. Es zeigten sich jedoch sowohl in den Nativaufnahmen als auch in den Fluoreszenzfärbungen morphologisch keine Zellschädigungen oder Hinweise auf eine verstärkt ablaufende Apoptose der mit 2-ME behandelten Zellen. Zwar konnte man erkennen, daß die Hepatozyten keine Toxizitätszeichen nach Behandlung mit 2-ME zeigten, jedoch erschien uns dieser Versuch noch nicht aufschlußreich genug, um eine klinische Situation ausreichend zu imitieren. Die meisten tumorhemmenden Substanzen greifen in den Zellzyklus ein und töten somit proliferierende Zellen. Daher muß ein System mit proliferierenden gesunden Zellen untersucht werden. Wir verwendeten dazu ein Tiermodell an der Maus mit Leberresektionen, wonach es zu einem starken Proliferationsreiz der Hepatozyten kommt (Peters et al. 2000). Nach Behandlung mit 2-ME konnte auch bei diesem Versuch in der regenerierenden Leber kein Hinweis auf vermehrte Apoptose durch 2-ME gefunden werden, so daß von einer Tumorspezifität ausgegangen werden kann. Diese Ergebnisse sind von erheblichem klinischen Interesse, da 2-ME gerade beim HCC nach Leberresektion ohne Beeinflussung der Leberregeneration eingesetzt werden könnte. In einer Untersuchung an zwei Lymphoblastzelllinien und normalen Hautfibroblasten, die alle vom selben Spender abstammten, konnte gezeigt werden, daß die Lymphoblastzelllinien apoptotischen Zelltod erlitten. Gleichzeitig blieben die normalen Hautfibroblasten durch 2-ME unbeeinflußt (Seegers et al. 1997). Diese Beobachtungen deuteten ebenfalls auf eine gewisse Tumorspezifität von 2-ME hin. Untermauert wird diese These der Tumorspezifität durch eine Untersuchung an Leukämiezellen, die durch 2-ME apoptotischen Zelltod erlitten. Normale Lymphozyten hingegen blieben unberührt durch 2-ME. Als Zielstruktur für 2-ME wurden in diesem System die Superoxid Dismutasen (SOD) identifiziert (Huang et al. 2000). SOD sind essentielle Enzyme, die Superoxidradikale (O2-) eliminieren, was die Zellen vor dem Schaden durch freie Radikale schützt. Die aktive O2- Produktion und die geringe SOD Aktivität in Tumorzellen könnte diese Zellen für das Überleben stark von den SOD abhängig und empfindlich für eine Hemmung der SOD machen. Wenn 2-ME die SOD hemmt, kommt es somit zu einer tumorspezifischen Proliferationshemmung oder Induktion von Apoptose. Weitere Hinweise auf eine gewisse Tumorspezifität werden durch die Beobachtung bestärkt, daß keine evidenten Nebenwirkungen schnell proliferierender Gewebe wie Darmmukosa oder Knochenmark bei therapeutischen Dosen auftreten, was sich in Durchfall oder einer Knochenmarkdepression niederschlagen müßte.

5.8. Potentielles Risiko durch 2-ME

Ein kürzlich erschienener Bericht zeigte eine mögliche Karzinogenität durch 2-ME, die in embryonalen Fibroblasten von syrischen Hamstern beobachtet wurde. Es wurden hauptsächlich Veränderungen der Chromosomen entdeckt, wie Aberrationen, Brüche, Austausche und Chromosomenpulverisationen. Außerdem scheinen diverse Polyploidien aufzutreten. Damit scheint 2-ME zelltransformierend sowie genotoxisch auf kultivierte embryonale Säugetierzellen zu wirken und somit besteht die theoretische Gefahr einer Fruchtschädigung in vivo (Tsutsui et al. 2000). Dieser Effekt wurde bislang jedoch nur in diesem speziellen System beobachtet. Auch die geringen Nebenwirkungen auf die Geschlechtsorgane als nahezu einziges Organsystem (McCormick et al. 2000) deuten in diese Richtung. Deshalb sollte man schwangere Frauen bei den klinischen Versuchen auf jeden Fall ausschließen. In einer weiteren Studie wurde das Knochenwachstum junger weiblicher Ratten nach Gabe von 2-ME beobachtet. 2-ME scheint das Längenwachstum der Knochen deutlich zu reduzieren, während das radiale Wachstum sowie der Knorpel/Knochen-Übergang davon unbeeinträchtigt blieben. Dies zeigte eine weitere Eigenschaft von 2-ME, nämlich zwischen verschiedenen Geweben unterscheiden zu können (Turner et al. 2000). Ein möglicher Mechanismus hierbei könnte die Hemmung der Angiogenese sein. Auch dieser Effekt auf das Knochenwachstum muss vor einer möglichen späteren Anwendung am Menschen genauer untersucht werden.

5.9. Klinischer Einsatz von 2-ME

↓73

Nach den präklinischen Untersuchungen wurde 2-ME in klinischen Studien bei verschiedenen Tumoren eingesetzt. Bislang wurden klinische Studien nur in Kliniken der USA durchgeführt, da 2-ME unter dem Namen PanzemTM durch die US amerikanische Firma EntreMed vertrieben wird. Tabelle 9 zeigt eine Übersicht der derzeit laufenden klinischen Studien.

Tabelle 9
Kliniken der USA, in denen derzeit klinische Phase I oder Phase II Studien mit 2-ME durchgeführt werden.

Ort der Studie

Tumortyp

Phase

Mayo Clinic, Rochester, MN

Multiples Myelom

II

Dana-Farber Cancer Institute, Boston, MA

National Cancer Institute, Bethesda, MD

Fortgeschrittene solide Tumoren

I

Mayo Clinic, Rochester, MN

Fortgeschrittene solide Tumoren

I

IndianaUniversityCancerCenter, Indianapolis, IN

Metastasierendes Mamma-Ca

I

University of Wisconsin, Madison, WI

Prostata-Ca

II

Indiana University Cancer Center, Indianapolis, IN

5.9.1. Phase I Studie beim metastasierenden Mammakarzinom

Die erste Phase I Studie beim metastasierenden Mammakarzinom wurde beim Jahreskongress 2002 der American Association of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt (Sledge et al. 2002). Es wurden Patientinnen mit vorbehandeltem metastasierenden Mammakarzinom behandelt. 2-ME wurde oral einmal (200–1000mg/Tag) oder zweimal täglich (200–800mg/12h) verabreicht. Die Behandlungsdauer betrug 28 Tage, gefolgt von einem Beobachtungszeitraum von 14 Tagen. Patientinnen mit einer Response oder stable disease führten die Behandlung bis zum Tumorprogress fort. Die maximal tolerierte Dosis (MTD) basierte auf der beobachteten Toxizität während der ersten 28 Behandlungstage. 31 Patientinnen mit einem Karnowsky Index von über 80 wurden in die Studie aufgenommen. Das mediane Alter lag bei 48 Jahren (Range 30-70). 22 Patientinnen hatten insbesondere eine viszerale Tumormanifestation. Patientinnen mit ZNS Beteiligung wurden von der Studie ausgeschlossen. Alle Patientinnen hatten zuvor Chemotherapie bei fortgeschrittenem Leiden erhalten. Davon hatten 13 Patientinnen eine Hochdosistherapie mit Stammzellen erhalten. Es wurden keine Veränderungen der Östrogenspiegel, des LH oder des FSH beobachtet. Die maximalen Serumspiegel von 2-ME wurden 2-4 Stunden nach Applikation gemessen. Die Halbwertszeit von 2-ME lag bei ca. 10 Stunden. Eine Akkumulation von 2-ME wurde nicht bei der einmaligen täglichen Gabe, jedoch in den ersten Tagen bei der täglichen zweimaligen Gabe beobachtet. Man fand eine hohe interindividuelle Variabilität des 2-ME Metabolismus zu 2-Methoxyestron (2-ME1) mit sehr hohen 2-ME1-Spiegeln. 17 Patientinnen zeigten stable disease nach der ersten Therapiephase und im weiteren Verlauf. Die mediane Therapiedauer betrug 41 Tage (Range 13-258). 2-ME wurde gut vertragen und veränderte nicht den Hormonstatus der behandelten Patientinnen.

5.9.2. Phase I Studie beim metastasierenden Mammakarzinom in Kombination mit Docetaxel

↓74

Die ersten Ergebnisse ermutigten, eine weitere Studie, mit einer Kombination aus 2-ME und Docetaxel als Phase I Studie, ebenfalls beim metastasierenden Mammakarzinom an der Indiana Universität in Indianapolis anzuschließen (Miller et al. 2002). Es sollten primär Sicherheit, Toxizität und Pharmakokinetik untersucht werden. Als sekundäre Parameter sollten Veränderungen der Angiogenese, Hormonveränderungen und die Tumorresponse berücksichtigt werden.

5.9.2.1. Ein- und Ausschlußkriterien

Eingeschlossen wurden Patientinnen mit Lokalrezidiv oder Fernmetastasen von Mammakarzinomen.

Nicht mehr als ein Taxanhaltiges Regime durfte zuvor verabreicht worden sein. Adjuvante taxanhaltige Chemotherapie in der Vorgeschichte war erlaubt, wenn mehr als 12 Monate zurücklagen.

↓75

Das ZNS durfte nicht befallen sein, und die Organfunktionen mußten gut sein.

5.9.2.2. Behandlung mit Dosiseskalationsschema (Abbildung 37)

Verabreicht wurde Docetaxel 35mg/m2 Körperoberfläche wöchentlich in 4 von 6 Wochen, 2-ME oral einmal täglich mit einer Eskalation (200, 400, 600, 800, 1000 mg).

Ein Zyklus dauerte 6 Wochen

↓76

Die Dauer für die Kombinationsbehandlung betrug maximal 6 Zyklen

Responder oder Patienten mit stable disease werden weiter behandelt, bis eine Tumorprogression auftritt.

Abbildung 37
Therapieschema der Kombinationsbehandlung aus 2-ME und Docetaxel

5.9.2.3. Beobachtete Nebenwirkungen

↓77

Die Nebenwirkungen während der Behandlung waren unterschiedlich stark ausgeprägt. Schwere Nebenwirkungen, die zum Abbruch der Studie führten, kamen nicht vor. Tabelle 10 zeigt die Häufigkeiten der aufgetretenen Nebenwirkungen.

Tabelle 10
Beobachtete Nebenwirkungen bei insgesamt 15 Patienten. Praktisch alle der beobachteten Nebenwirkungen sind für Docetaxel bekannt.

Symptome

Patienten (n)

Müdigkeit

10

Durchfall

6

Übelkeit

5

Haarausfall

6

Hand-Fuß-Syndrom

1

Myalgien

9

Neuropathie

3

Transaminasenanstieg

3

Dyspnoe

7

Andauerndes Tränen

1

Ödeme

2

Anämie

1

5.9.2.4. Metabolismus von 2-ME

Ein ausgedehnter Metabolismus zu 2-ME1 (2-Methoxyestron) und eine Conjugation an Glucuronide und Sulfate wurde durch die Koadministration mit Docetaxel nicht beeinflußt.

↓78

2-ME1 macht 80-95% der freien Metabolite aus

Die conjugierte Form macht 90-95% aus

5.9.2.5. Pharmakokinetik von 2-ME

Die Pharmakokinetik von 2-ME zeigt eine große interindividuelle Variabilität.

↓79

Die simultane Verabreichung von Docetaxel beeinflußt nicht die pharmakokinetischen Eigenschaften von 2-ME,

Die Serumspiegel steigen bis zu einer Dosis von 600mg pro Tag und bleiben bei höheren Dosen im steady state.

5.9.2.6. Klinische Wirkung auf das Tumorwachstum

Neben der beschriebenen Untersuchungen wurde auch der klinische Effekt auf das Tumorwachstum beurteilt. Tabelle 11 stellt die Responseraten von 10 Patientinnen dar.

↓80

Tabelle 11
Wirkung der Kombinationstherapie auf das Tumorwachstum

Wirkung

Patientinnen (n)

Komplette Response

1 (7%)

Partielle Response

2 (13%)

Stable disease

7 (47%)

Tumorprogression

5 (33%)

Mediane Zeit bis zum Therapieversagen

203 Tage

5.9.2.7. Schlußfolgerung

2-ME und Docetaxel werden gut toleriert und verändern nicht gegenseitig die Pharmakokinetik (Über 50% der Patienten zeigten eine Response oder ein stable disease)

↓81

Es wurde keinerlei Wirkung auf den normalen Hormonhaushalt gefunden.

Es konnte kein eindeutiger Marker für die Aktivität von 2-ME identifiziert werden.

Diese noch sehr präliminären Studien zeigen, daß 2-ME eine Substanz zu sein scheint, die in der Klinik ihre Indikation findet. Die behandelten Patientinnen hatten alle eine schlechte Ausgangssituation mit metastasierenden Mammakarzinomen. Dennoch wurde nur bei einem Drittel der Patientinnen eine Tumorprogression in der Kombination mit Docetaxel beobachtet. Weitere Kombinationen sollten untersucht werden, z.B. 2-ME mit Gemcitabine kombiniert, was nach unseren Untersuchungen eine additive Wachstumshemmung hat. Auch beim HCC sollte versucht werden, eine klinische Studie zu initiieren, da keine alternative zytostatische Therapie zur Verfügung steht.


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28.11.2006