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11  Zusammenfassung und Ausblick

Instabile Beckenverletzungen sind seltene Verletzungen, die durch Hochrasanztraumen wie Verkehrsunfälle oder Sturz aus großer Höhe verursacht werden. Ihre besondere Bedeutung haben diese Verletzungen primär, weil sie häufig Teil eines Polytraumas sind und die verletzungsbedingte Blutung aus den spongiösen Frakturflächen und präsakralen Venenplexus zu hämodynamischer Instabilität führen kann. Im weiteren Verlauf führt die konservative Behandlung bei Verletzungen mit kompletter Durchtrennung des hinteren Beckenrings zu persistierenden Fehlstellungen und schlechten funktionellen Ergebnissen. Deshalb dominiert seit den 1980er Jahren die operative Behandlung bei instabilen Beckenverletzungen. Entsprechend eines differenzierten Therapiekonzeptes erfolgt zunächst die Primärstabilisierung des Beckens mit externen Stabilisierungsverfahren wie der Beckenzwinge oder einem Fixateur externe. Nach Stabilisierung des Allgemeinzustandes des Verletzten wird dann sekundär die anatomische Rekonstruktion des Beckenrings mit zumeist interner Stabilisierung durchgeführt.

Doch auch nach offener Rekonstruktion verbleiben entsprechend der aktuellen Literatur und der eigenen klinischen Erfahrungen bei Becken C-Verletzungen etwa ein Drittel der Patienten mit unbefriedigendem Ergebnis aufgrund von Schmerzen und / oder neurologischen Folgen. Als Verletzungsform, die am schwersten zu reponieren ist und die allgemein die schlechtesten radiologischen und klinischen Ergebnisse aufweist, gilt die ligamentäre SI Gelenksprengung.

Ziel dieser Arbeit war es, einen Fixateur externe zu entwickeln, der von ventral appliziert wird und denoch ähnlich der Beckenzwinge Kompression auf den dorsalen Beckenring ausüben kann. Dieser Fixateur sollte so initial bereits eine definitive Stabilisierung bei vertikal instabilen Becken C-Verletzungen ermöglichen.

Andere Arbeitsgruppen haben bereits unterschiedliche Rahmen- und Dreieckskonstruktionen entwickelt mit dem Ziel, Kompression auf den hinteren Beckenring auszuüben. Diese aufwendigen Montageformen, deren bekannteste Vertreter der Slätis Fixateur und der Pittsburgh triangular frame sind, haben sich jedoch aufgrund der ausladenden Konstruktion und der nur mäßig besseren Stabilität gegenüber einfachen Montagen wie dem supraacetabulären Fixateur nicht durchsetzen können. Auch der Egbers Fixateur, als eine der jüngsten Entwicklungen mit guten biomechanischen Eigenschaften und einer Grenzlast (Dislokation > 10mm) von 130N, hat sich wegen der zeit- und materialaufwendigen Montage klinisch nicht etabliert.

Deshalb lag ein Schwerpunkt dieser Arbeit auch auf der klinischen Realisierbarkeit des neuen Fixateurs.

Nach ausgiebigen biomechanischen Vorüberlegungen wurde der neue schräg dorsale Beckenfixateur mit unterschiedlichen Pin-Positionierungen und Verspannungen entwickelt. In einer ersten Testserie an 6 Kunststoffbecken wurden die einzelnen Fixateurformen am Instabilitätsmodell der SI Gelenksprengung im Einbeinstand in der Materialprüfmaschine gegeneinander getestet. Bis zu einer Last von 200N war bei keiner Version die Grenzlast im Sinne einer Dislokation über 10mm erreicht. Da in der biomechanischen Testung zwischen den einzelnen Applikationsformen keine statistisch signifikanten Unterschiede bestanden, wurde für die weiteren Testreihen die am ehesten klinisch einsetzbare Version ausgewählt. Dieser schräg dorsale Fixateur mit zwei supraacetabulären Schanz-Schrauben, einer schräg dorsalen und einer in der crista iliaca war mit drei Halbringverbindungen verspannt. Im folgenden wurde diese Version des schräg dorsalen Fixateurs in weiteren Testserien an Kunststoffbecken gegen andere externe Stabilisierungsformen wie den supraacetabulären Fixateur und die Beckenzwinge an unterschiedlichen Instabilitätsmodellen (SI Sprengung, Sakrumfraktur) getestet. Hierbei erwies sich der neue Fixateur dem supraacetabulären Fixateur signifikant überlegen bei vergleichbaren Werten wie die Beckenzwinge. Im Vergleich mit internen Stabilisierungsverfahren wie der Plattenosteosynthese und der SI-Verschraubung zeigten sich wie erwartet die besseren Stabilitätswerte bei den internen Stabilisierungen mit teilweise signifikanten Unterschieden. Innerhalb der internen Osteosynthesen fiel die SI [Seite 125↓]Verschraubung als relativ schlechteste Version auf mit vor allem hohen Rotationsbewegungen. Eine neue 4-Loch SI-Platte (Sawaguchi Platte) erwies sich der klassischen Doppelplattenosteosynthese des SI Gelenkes als gleichwertig.

Bei der Testung am Humanpräparat wurde das Becken in situ belassen und mit einem neu entwickelten Versuchsaufbau am Gesamtpräparat getestet. Gegenüber der Testung am Kunststoffmodell traten deutlich größere Varianzen der Meßwerte auf. Der schräg dorsale Fixateur hatte im Schnitt erst bei 200N mit einer maximalen Dislokation von knapp 10mm die Grenzlast erreicht. Auch wenn der Versuchsaufbau nicht direkt zu vergleichen ist, so kann man aufgrund der durchweg besseren Belastungswerte im Vergleich mit bisher in der Literatur getesteten Rahmen- oder Dreieckskonstruktionen folgern, daß der schräg dorsale Fixateur die anfangs gestellte Zielsetzung erfüllt. Mit der Beckenzwinge vergleichbarer Stabilität sind von biomechanischer Seite die Voraussetzungen gegeben, vertikal instabile Beckenringverletzungen primär und auch definitiv zu stabilisieren. Klinische Studien sind zur Validierung erforderlich.


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In dieser Arbeit sind folgende Innovationen enthalten:

Abbildung 18: Prototyp des SI Fixateur interne


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09.06.2005