[Seite 6↓]

2  Einleitung

Beckenverletzungen sind mit einer Inzidenz von 3 bis 20 auf hunderttausend relativ seltene Verletzungen [138]. Von allen verunfallten Patienten erleiden nur 3-8% eine Beckenverletzung [114]. In der Mehrzahl der Fälle überwiegen hierbei leichte Verletzungen, wie einfache vordere Beckenringbrüche ohne Beeinträchtigung der Stabiltät des Beckenringes [59, 185].

Besondere Bedeutung haben jedoch instabile Beckenverletzungen mit Unterbrechung des Beckenringes, die bei Rasanztraumen wie Verkehrsunfällen oder Sturz aus großer Höhe auftreten [22, 52]. Bei diesen schweren Beckenverletzungen, die häufig Teil eines Polytraumas sind, ist die pelvine Massenblutung die primäre Todesursache [130].

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde über Verletzungen des Beckens nur kasuistisch berichtet [147]. Der französische Arzt Joseph Francois Malgaigne hat sich dann mit der Beschreibung von zehn Beckenfrakturen im Zeitraum von elf Jahren und einer pathologisch morphologischen Fraktureinteilung einen Namen gemacht [97]. Die Behandlung von Beckenverletzungen war bis in die 1970er Jahre vorwiegend konservativ mit Bettruhe, Beckenschwebe oder Beckengipsverband und entsprechender Immobilisation für 6 Wochen und mehr. Nach vermehrten Berichten über Fehlstellungen und schlechte funktionelle Ergebnisse nach konservativ behandelten Beckenringverletzungen, erfolgt seit den 1980er Jahren die Therapie von instabilen Beckenringverletzungen zunehmend operativ mit internen Osteosynthesen oder Fixateur externe. Es zeigte sich, daß die operative Stabilisierung von instabilen Beckenringfrakturen bessere Ergebnisse ergab als die konservative Behandlung [11, 15, 51, 63, 99, 103, 182, 197].

Das primäre Therapieziel bei instabilen Beckenringverletzungen ist die Stabilisierung des Beckens, um die pelvine Blutung zu reduzieren und so den Allgemeinzustand des häufig polytraumatisierten Patienten zu stabilisieren. Die definitive, möglichst anatomische Rekonstruktion des Beckenringes folgt dann zumeist in der Sekundärphase [128, 175].

Zur Notfallstabilisierung wird bei instabilen Verletzungen die Beckenzwinge oder der Fixateur externe verwendet. Die Beckenzwinge kommt bei hämodynamischer Instabilität und vorwiegend ligamentärer Beckeninstabilität zum Einsatz, um auf den dorsalen Beckenring Kompression auszuüben. Bei Sakrumfrakturen ist allerdings zu bedenken, daß die Kompression zu zusätzlichen Läsionen der Nervenwurzeln führen kann [206]. Der Patientenkomfort und die Lagerungsmöglichkeiten sind bei der dorsal applizierten Beckenzwinge erheblich eingeschränkt.

Unterschiedliche Formen des Beckenfixateurs werden zur Primärstabilisierung und teilweise Ausbehandlung von instabilen Beckenringverletzungen verwendet. Biomechanische Studien konnten jedoch zeigen, daß ein ventral applizierter Fixateur nur unzureichend Kompression auf den dorsalen Beckenring ausüben kann [129].

Bei beiden Verfahren der Primärstabilisierung ist deshalb häufig ein sekundärer operativer Eingriff erforderlich zur definitiven Rekonstruktion des Beckens mit erneutem Weichteilschaden im bereits traumatisierten Areal mit erhöhtem Risiko für Wundheilungsstörungen.

Aus dieser Situation ergab sich die Notwendigkeit, eine externe Stabilisierungsmethode für instabile Beckenverletzungen zu entwickeln, die die Vorteile des ventral applizierten supraacetabulären Fixateurs nutzt und dabei den hinteren Beckenring mit einer der Beckenzwinge nahekommenden Effektivität stabilisieren kann. Diese sollte bereits initial eine minimal invasive, definitive Stabilisierung des dorsalen Beckenringes ermöglichen.

Da die Testung neuer Ostesyntheseverfahren an explantierten humanen Beckenpräparaten aus ethisch-moralischen Gründen immer schwieriger bis nahezu unmöglich wird, galt es, neue aussagekräftige Verfahren zur biomechanischen Testung des neuen Fixateurs im Vergleich mit externen und internen Stabilisierungsverfahren zu entwickeln.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 4.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
09.06.2005