[Seite 5↓]

Vorbemerkungen

Das breite Interesse an Jugenduntersuchungen in der Öffentlichkeit ist allgemein recht groß. Das ist nicht zuletzt dadurch zu erklären, dass diese nicht nur wesentlich zum Verständnis jugendspezifischen Verhaltens beitragen, sondern zudem auch Rück­schlüsse auf den Zustand und die Zukunft der Gesellschaft erlauben.

Die vorliegende Studie ordnet sich in die Reihe von Jugenduntersuchungen ein, die der Frage nachgehen, was sich durch den Transformationsprozess in Ostdeutschland insbe­sondere für die soziale Gruppe der dort lebenden Jugendlichen verändert hat. Es geht mir vor allem darum herauszufin­den, welche Auswirkungen die risikoreiche gesell­schaftliche Um­bruchsituation auf dem Lande in Ostdeutschland auf die Lebenslagen und sozialen Be­ziehungen von Familien und deren Kinder hat, die sich am Ende ihrer Schulzeit und am Beginn ihrer Statuspassage in den Beruf befinden. Die Studie zu die­ser Frage, der ich mich zwischen 1995 und 1998 gewidmet habe, ist an der Humboldt-Uni­versität zu Berlin im Rahmen eines von Artur Meier geleiteten sozialwis­sen­schaft­li­chen Projekts “Ländliche Familie und Jugend in den neuen Bundesländern - ihr so­zi­a­ler Umbruch im historischen und inter­kulturellen Vergleich” entstanden. Die empi­ri­sche Feldforschung - im März und April 1995 - konnte gemeinsam mit Wissen­schaft­lern und Studenten der Sozialwissenschaf­ten durchgeführt werden. Durch ihren enga­gierten Einsatz war es möglich, die Erhe­bung der Daten in einem re­la­tiv kurzen Zeit­raum abzuschlie­ßen und für meine Unter­su­chung zu nutzen.

Die besondere Anziehungskraft bezieht meine Studie aus dem Vergleich zu einer Un­tersuchung, die 1979/80 zur ländlichen Lebensweise von Schuljugendlichen in der DDR in den gleichen Landkreisen im Rahmen eines Dissertationsvorhaben von Frank Herzog und mir durchgeführt wurde. Mit der als komparative Untersuchung angeleg­ten Arbeit - ausnahmsweise nicht auf den innerdeutschen Vergleich ausgerichtet - sol­len folglich auch Jugendliche als historische Subjekte, die ein Leben vor der Wende gelebt haben, in die Betrachtung einbezogen werden. Damit wird der Versuch unter­nommen, nicht nur schlechthin eine Momentaufnahme von Verhaltensweisen und Ein­stellungen Jugendlicher zu geben, sondern diese aus den sich verändernden gesell­schaftlichen Be­dingungen über die Zeit zu erklären. Mit anderen Worten: Die Prozesse des sozialen Wandels in Ost­deutschland sollen [Seite 6↓]stärker im Kon­text der früheren “real-sozialistischen” Gesell­schaft verstanden werden. Denn Wandel wird nur verständlich, wenn die Ausgangs­bedingun­gen bekannt sind.

Nach fast neun Jahren deutscher Vereinigung besteht ein nicht unbegründetes Interesse zu erfahren, wie die derzeitigen politischen und ökonomischen Veränderungen auf dem Lande die Einstellungen und Handlungsmöglichkeiten von Schulabgängern be­einflus­sen. Dabei könnte den Jugendlichen eine gewisse Indikatorfunktion für die Ge­staltung des sozialen Wandels in Ostdeutschland zukommen. Von ihnen wird er­wartet, dass sie die “Kette verlorener Generationen” (Huinink/Mayer 1993) durchbre­chen.

Besonders danken möchte ich nachdrücklich Yvonne Schütze. Sie hat als Leite­rin der Abteilung Soziologie und Pädagogik meine Arbeit gefördert. Vor allem der Gedankenaustausch im Rahmen der von ihr geleiteten Kolloquien als auch die dar­über hinaus erteilten Rat­schläge und kritischen Kommentare haben diese Arbeit geprägt.

Mein Vorhaben werde ich in drei Schritten abarbeiten. Zum ersten werde ich auf vor­herrschende theoretische Ansätze bzw. Zugänge zur Darstellung gesellschaftlicher Transformation eingehen und deren Eignung für die Erklärung der auf dem Lande in Ostdeutschland ablaufenden Prozesse diskutieren (I). Die theoretischen Ausführungen finden im Teil (II) ihre Fortführung, indem sie unter dem Aspekt der Jugend aufgegrif­fen werden. Sozialisationstheoretische Betrachtungen stellen den Rahmen dar, in den die empirischen Vergleichsanalysen (vor und nach der Wende) eingebettet sind (III). Dem schließen sich im Teil (IV) die Resultate aus der historischen Vergleichsuntersu­chung zu den Lebensbedingungen Landjugendlicher sowie ihrer sozialen Beziehungen in der Familie und im außerfamilialen Bereich an. Der Abschnitt beinhaltet des weite­ren Aus­führungen zu den Wertorientierungen und den Berufswahlentscheidungen.


© Die inhaltliche Zusammenstellung und Aufmachung dieser Publikation sowie die elektronische Verarbeitung sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung. Das gilt insbesondere für die Vervielfältigung, die Bearbeitung und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische Systeme.
DiML DTD Version 3.0Zertifizierter Dokumentenserver
der Humboldt-Universität zu Berlin
HTML-Version erstellt am:
21.09.2004