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Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten setzte vor allem im Ostteil Deutschlands ein umfassender gesellschaftlicher Wandlungsprozess ein, der - wie auch die gesellschaftlichen Umbruch- und Wandlungsprozesse in den ehemals realsozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas - allgemein mit dem Begriff Transformation bezeichnet wird. Es soll damit zunächst einmal herausgestellt werden, dass diese Vorgänge sich ”von ‘normalen’ Wandlungen und Reformen in modernen Gesellschaften” unterscheiden (vgl. Hanf 1996, S. 617). Gemeinhin wird darunter ein ”ganzheitliche(r) Vorgang gleichzeitiger, radikaler und umfassender, d. h. alle gesellschaftlichen Bereiche einschließender Veränderungen” gefasst (ebenda).
Wenn sich - wie Reißig schreibt - der Transformationsprozess im Verhältnis zu den Begriffen ”Evolution” und ”Wandel” auf ”Übergänge”, ”Umwälzungen” von ”Formationen”, von ”Systemen” bezieht (Reißig 1994, S. 324), dann führen jene Prozesse in ihren Ergebnissen sowohl auf der Makro-, Meso- wie auf der Mikroebene zu einschneidenden Veränderungen, die in sozialen Makro-Strukturen, Institutionen, Organisationen und Handlungsweisen der Individuen sichtbar werden. Folglich kann Transformation als ”spezifischer Typ sozialen Wandels” aufgefasst werden, der ” durch eine Intentionalität von gesellschaftlichen Akteuren, durch einen Prozess mehr oder minder bewusster Änderung wesentlicher Ordnungsstrukturen, -muster und durch einen über verschiedene Medien gesteuerten Umwandlungs-(Umwälzungs-)prozess von sozialen Systemen gekennzeichnet” ist (ebenda). Transformationsprozesse stellen somit eine spezielle Form sozialen Wandels dar, die sich sowohl vom revolutionären Geschehen wie von evolutionären Strömungen absetzen lässt.
Bezogen auf die Prozesse in den osteuropäischen Gesellschaften wird von Sundhaussen hervorgehoben, dass bei dem Begriff der Transformation im Unterschied zu den stetigen Veränderungen innerhalb einer jeden Gesellschaft Prozesse mit einem je bestimmbaren Ausgangs- und Zielpunkt zu fassen seien (Sundhaussen 1995, S. 77). Der Ausgangspunkt werde vielfach in einem System gesehen, das so instabil und funktionsunfähig geworden sei, dass es auch mittels systemimmanenter Korrekturen nicht mehr stabilisiert und gesteuert [Seite 8↓]werden könne. Der Zusammenbruch des Systems wäre in dem Fall der Beginn der Systemtransformation (ebenda).
Während der Anfangspunkt noch relativ genau und einheitlich festzulegen ist, wird es mit der Angabe des Ziels des Umgestaltungsprozesses schon etwas diffiziler. Zapf beschreibt als Ziel der Transformation: ”Die Anpassung an die Institution moderner Gesellschaften mit Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Massenkonsum und Wohlfahrtsstaat.” (Zapf 1994b, S.5). Damit scheint es - die bisherige Betrachtung resümierend - zweckmäßig zu sein, mit dem Begriff von Transformation in dieser Studie - im Unterschied zu Prozessen evolutionärer Modernisierung zum Beispiel - jene Modernisierungsprozesse zu bezeichnen, deren Ziele prinzipiell bekannt sind, oder wie Zapf schreibt, wo ”die Aufholprozesse ... eine klare Richtung (haben).” (Zapf 1994a, S. 7).
Ich möchte an dieser Stelle lediglich darauf verweisen, dass - wenngleich dieser Sammelbegriff von einer Mehrheit der Sozialwissenschaftler verwendet wird - er nicht nur - wie Reißig feststellt - in der Literatur noch unentwickelt (Reißig 1994, S. 323), sondern auch mehr oder wenig heftiger Kritik ausgesetzt ist. So verweisen zum Beispiel Autoren wie Kreckel und Pollack darauf, dass eben solche Anfangs- und Endzustände - insbesondere aber Endzustände - des sozialen Wandlungsprozesses in den Ländern Mittel- und Osteuropas im allgemeinen nicht genau angebbar seien und der Transformationsbegriff insofern als problematisch anzusehen wäre. Beide Autoren sprechen sich daher eher für die Verwendung des neutraleren Begriffs ”sozialer Wandel” aus. Allein für Ostdeutschland - und das ist für mich indes ausschlaggebend - sei ihrer Meinung nach der intendierte Endzustand klar: die erweiterte Bundesrepublik und von daher der Transformationsbegriff noch am ehesten anwendbar (Kreckel/ Pollack 1996, S. 211f.).
Die Transformation Ostdeutschlands stellt alles in allem innerhalb der postsozialistischen Umbruchprozesse einen Sonderfall dar, der hier nur knapp umrissen werden soll: Die ”Systemtransformation” in den neuen Bundesländern erfolgte und erfolgt im Vergleich zu anderen ehemals sozialistischen Ländern Mittel- und Osteuropas auf eine spezifisch deutsche/ostdeutsche Art und Weise insofern, als ein bereits funktionierendes marktwirtschaftliches und rechtsstaatliches System einfach ”übernommen” wurde, d. h. die Verhältnisse in Ostdeutschland wurden nicht eigentlich ”transformiert” - was beispielsweise bestimmte Übergangsformen einschlösse - sie wurden einfach beendet (vgl. Wiesenthal 1992, [Seite 9↓]1995; Lötsch 1993). Dies ist aus einer kritischen Perspektive heraus auch als ”Anschluss” oder ”Einverleibung” bezeichnet worden.
Die Übertragung neuer Verhältnisse vollzog sich dabei schlagartig. Mit dem gesellschaftlichen Umbruch im Jahre 1990 kam es zu einer stürmischen Ausdehnung aller wesentlichen politischen und rechtlichen Institutionen aus der früheren Bundesrepublik auf das Gebiet der ehemaligen DDR. Im Bereich von Technik, Wirtschaft, von Sozialpolitik, Recht und Soziokultur wurden systematisch andere Strukturen eingeführt (in anderen osteuropäischen Ländern beispielsweise müssen diese sich erst allmählich herausbilden). Die wirtschaftsbezogenen Strukturveränderungen erfolgten so zum Beispiel als Transformation der ostdeutschen Planwirtschaft im Sinne einer Anpassung an die in Westdeutschland gültigen marktwirtschaftlichen Prinzipien und deren Rahmenbedingungen. Damit sind unbestritten vergleichsweise günstigere Bedingungen und Chancen gelingender Transformation vorhanden als in den anderen Transformationsgesellschaften Osteuropas. Ostdeutschland stellt den einzigen Fall dar, wo der Ordnungswechsel und die Institutionenbildung faktisch ”abgeschlossen” sind (vgl. Reißig 1994, S. 326).
Allerdings läuft auch hier der soziale Wandel nicht richtungskonstant und nicht ohne Brüche ab. Lötsch bezeichnet die Gesamtheit der Vorgänge im Ostteil Deutschlands als ”umfassenden Strukturbruch”, nicht nur bezogen auf Makrostrukturen wie Eigentums- und Machtverhältnisse, sondern auf die Gesamtheit alltäglicher Lebensbedingungen (1993, S. 31). Der Transformationsprozess im Osten ist bekanntermaßen charakterisiert durch einen jähen und drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verbunden mit tiefgreifenden sozialen und individuellen Belastungen. Aber im Unterschied zu den Ländern Mittel- und Osteuropas handelt es sich in Ostdeutschland primär um einen gesteuerten Prozess.
Bei den zahlreichen Versuchen, diese Prozesse zu beschreiben und zu erklären, wird vorwiegend auf das Modernisierungsmodell zurückgegriffen (Müller 1992, Offe 1993, Lüscher/Schultheis 1993, Hettlage/Lenz 1995a, Mänicke-Gyöngyösi 1995, Diewald/Mayer 1996, Brauer/Willisch 1997, Hradil/Immerfall 1997a). Das Interesse und die Diskussion an dieser sozialwissenschaftlichen Perspektive wurde durch die sich vollziehenden umfassenden ostdeutschen wie auch osteuropäischen Wandlungsprozesse erneut entfacht und besaß in der Anfangsphase der Transformationsforschung eine erkennbare Dominanz.
Bevor ich versuchen werde, die Transformationsverläufe auf dem Lande in Ostdeutschland vor dem Hintergrund modernisierungstheoretischer Modelle zu diskutieren, soll nachfolgend [Seite 10↓]zunächst die Situation im ländlichen Raum Ostdeutschlands vor und nach der Wende knapp beschrieben werden.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Landwirtschaft im Ostteil Deutschlands tiefgreifende Wandlungen durchgemacht. Enteignungen von Großgrundbesitz, Bodenreform und Kollektivierung der Landwirtschaft schufen radikal veränderte Eigentumsverhältnisse und lösten gewaltige soziale Umschichtungen aus.
Im ganzen gesehen lassen sich diese Entwicklungen in drei Etappen beschreiben:
Eine erste Etappe der Landwirtschaftsentwicklung im östlichen Teil Deutschlands wurde durch die Bodenreform 1946 eingeleitet, in deren Ergebnis der gesamte Großgrundbesitz über 100 ha mit den dazugehörigen Gebäuden und dem entsprechenden Inventar sowie der Grundbesitz von Nazis und Kriegsverbrechern entschädigungslos enteignet wurden. Mit der Bodenreform wurde erstmals massiv in die bestehende Besitzstruktur eingegriffen und folglich die soziale Struktur auf dem Lande grundlegend geändert. Die Bodenreform fungierte faktisch ”als Katalysator” des sozioökonomischen Wandels in Ostdeutschland (vgl. Bauerkämper 1994, S. 121).
Bis zum Jahre 1950 wurden insgesamt 14 089 landwirtschaftliche Betriebe mit annähernd 3,3 Millionen ha Land beschlagnahmt, das entsprach etwa 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche (vgl. ebenda, S. 122). Im Zuge dieser Enteignungen wurden rund 200 000 Neubauernstellen mit einer Durchschnittsgröße von 8,1 ha Land geschaffen, die von landlosen Bauern, Landarbeitern und Umsiedlern (Vertriebenen) - den Neubauern - bewirtschaftet wurden.
Daneben entstand nach 1945 durch die Bildung von MAS (Maschinenausleihstationen), MTS (Maschinen-Traktoren-Stationen) und VEG (volkseigene Gütern) auch das erste staatliche Eigentum auf dem Lande.
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Im Zuge all dessen war ein Anwachsen der Beschäftigtenzahlen in der Landwirtschaft zu verzeichnen, besonders auch unter den Frauen. Weibliche Arbeitskräfte wurden wie in der Industrie so auch in der Landwirtschaft aufgrund der demographischen Entwicklung des zweiten Weltkrieges und der anhaltenden Westwanderung vieler junger Menschen zu einer ganz entscheidenden Reserve auf dem Arbeitsmarkt. Bereits in den fünfziger Jahren begann man daher, ein breites Netz kommunaler und betrieblicher Sozialeinrichtungen auch auf dem Lande vor allem für die Kinderbetreuung (Kinderkrippen und -gärten) zu schaffen (vgl. dazu Häder 1997).
1952 - nach der 2. Parteikonferenz der SED - wurde in einer zweiten Etappe die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) eingeleitet, die im Jahre 1960 praktisch beendet war. Diese Phase - für die auch die Zuschreibung ”totalitär” anzuwenden ist - war gekennzeichnet von einer politisch erzwungenen, zum Teil gewaltsamen Umgestaltung der Landwirtschaft unter sozialistisch-kommunistischem Vorzeichen nach im wesentlichen sowjetischem Vorbild. Der Zusammenschluss zu Produktionsgemeinschaften ging vor allem mit verschärften Sanktionen gegen Großbauern einher. Bis 1953 waren allein schon 5 074 LPGs mit
146 900 Mitgliedern gegründet worden, deren Zahl bis 1960 auf mehr als 19 000 mit über 945 000 Mitgliedern anstieg, die 84,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Ostteil Deutschlands bewirtschafteten (vgl. Bauerkämper 1994, S. 136).
Es schloss sich eine weitere Etappe in der Landwirtschaftsentwicklung an, die vor allem durch die Einführung industriemäßiger Produktionsmethoden gekennzeichnet war. In den 70er Jahren begannen sich LPGs zu industriemäßig produzierenden Großbetrieben zusammenzuschließen, die auch zunehmend mit der Verarbeitungsindustrie verbunden waren. Ein wesentliches Merkmal bestand in der Spezialisierung der landwirtschaftlichen Hauptproduktion, d. h. die Tier- und Pflanzenproduktion wurde getrennt, was seinerzeit von der Mehrheit der Bauern nicht befürwortet wurde. Diese Entwicklung machte die Gründung von Spezialbetrieben, die von mehreren LPGs und VEGs gemeinsam unterhalten wurden, erforderlich. Diese Betriebe der landwirtschaftlichen Nebenproduktion wurden als Zwischenbetriebliche Einrichtungen (ZBE) und Organisationen (ZBO) gebildet. Im Ergebnis [Seite 12↓]all dessen entstanden auch solche Betriebsformen wie KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik), ACZ (Agrochemisches Zentrum), KAP (kooperative Abteilung Pflanzenproduktion).
Die Landwirtschaft der DDR bestand vor dem gesellschaftlichen Umbruch aus etwa 500 Volkseigenen Betriebe und annähernd 4 500 Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (vgl. Statistisches Jahrbuch 1990).
Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) waren der Grundtyp der genossenschaftlichen Produktionsweise in der DDR. Sie besaßen ein eigenes Statut, eine Betriebsordnung und eigene Arbeitsnormen und Vergütungssysteme. Eine spezialisierte LPG-Pflanzenproduktion umfasste ein Kollektiv von etwa 350 bis 400 Beschäftigten, das im Durchschnitt 5 000 ha LN (landwirtschaftliche Nutzfläche) bearbeitete. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR hatten insgesamt einen Anteil von 90 Prozent an der durch die Landwirtschaft bewirtschafteten Nutzfläche.
Volkseigene Güter (VEG) waren staatliche Landwirtschaftsbetriebe, die in der DDR 10 Prozent der durch die Landwirtschaft bewirtschafteten landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmachten. Sie entstanden im Ergebnis der Bodenreform als sogenannte ”Stützpunkte der Arbeiterklasse” auf dem Lande und als Beispielbetriebe vor allem für die Saatgutvermehrung und Tierzucht.
In den späten Jahren der DDR wurden sie auch verstärkt genutzt als Ausbildungszentren für die Heranbildung eines qualifizierten Nachwuchses für die Landwirtschaft. Es waren zunehmend Betriebe, die nach industriemäßigen Produktionsverfahren arbeiteten.
Die kooperative Abteilung Pflanzenproduktion (KAP), die aus mehreren LPGs und/oder VEG bestand, war eine Kooperationsform in der Landwirtschaft, mit deren Hilfe der Übergang zu einer industriemäßigen Pflanzenproduktion vollzogen werden sollte.
Zwischengenossenschaftliche Einrichtungen (ZGE) und Zwischenbetriebliche Einrichtungen (ZBE) waren spezialisierte kooperative Betriebsformen der Pflanzen- und Tierproduktion mit industriemäßigem Charakter. Bei der ZGE handelte es sich um das ständige Zusammenwirken mehrerer LPGs zur gemeinsamen Errichtung großer moderner Tieranlagen oder anderer Objekte, während in der ZBE sowohl LPG als auch VEG in der Tierproduktion zusammenarbeiteten.
Es gab diese Einrichtungen auch in der Form Zwischenbetrieblicher Bauorganisationen (ZBO), die auch bei der gemeinsamen Errichtung von Trockenwerken, Kartoffellagerhäusern u. ä. fungierten. In Mecklenburg/Vorpommern waren 1989 in den ZBOs 8 345 und in Meliorationsgenossenschaften 4 232 Personen tätig. Das waren insgesamt mehr Menschen als die Beschäftigten im gesamten Bauhandwerk (9 434). Die juristische Selbständigkeit aller miteinander kooperierenden Betriebe wurde dabei gewahrt (vgl. Statistisches Jahrbuch 1991 für Mecklenburg/Vorpommern, S. 113).
Kreisbetriebe für Landtechnik (KfL) waren staatliche Einrichtungen, die für die LPG, VEG sowie die KAP die Generalreparaturen und Instandsetzungen der Maschinen und Geräte besorgten. In ihnen waren etwa 44 000 Arbeiter beschäftigt.
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Agrochemische Zentren (ACZ) waren kooperative Einrichtungen von LPG und VEG mit etwa 22 000 Beschäftigten. Sie waren nicht nur für chemische Düngung und Schädlingsbekämpfung zuständig, sondern beförderten außerdem für die LPG, KAP und VEG im Jahr immerhin an die 50 Millionen Tonnen landwirtschaftliche Güter.
Im Jahre 1979/80 - also zum Zeitpunkt der in dieser Arbeit einbezogenen ersten Datenerhebung - gab es folgende Betriebsformen 1 in der Landwirtschaft der DDR:
Tabelle 1: Betriebsformen in der Landwirtschaft der DDR Anfang 1980
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Pflanzenproduktion |
Tierproduktion |
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239 LPG Pflanzenproduktion |
2 887 LPG Tierproduktion |
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23 LPG Gartenbau, Obst-, Gemüseproduktion |
333 VEG Tierproduktion |
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62 VEG Pflanzenproduktion |
30 VEB KIM 2 |
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62 VEG Obst-, Gemüse-, Zierpflanzenproduktion |
318 ZBE/ZGE |
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144 KAP/ZBE/ZGE | ||
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218 GPG 3 | ||
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durchschnittliche Größe: |
durchschnittlicher Tierbestand: | |
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5 000 ha LN |
1 500 GV4 |
Daneben entstanden in den 70er und 80er Jahren auch eine Reihe neuer Betriebsformen wie:
Festzuhalten bleibt, dass im Zuge der Entwicklung nach 1945 die landwirtschaftliche Produktion bis 1990 (einschließlich der Dienstleistungen für die Landwirtschaft und der Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse) den bestimmenden Faktor der Wirtschaftsstruktur und des Beschäftigungssystems in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands bildete. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sich außerdem in den meisten Dörfern eine stabile Grundversorgung entwickelt, die z. B. Dorfkonsum, Poststelle, Gasthof, Kindergarten umfasste. In größeren ländlichen Zentren waren auch Kinderkrippen, zehnklassige Oberschulen, Kulturhäuser, Jugendklubs und Sporteinrichtungen vorhanden. Darüber hinaus gab es einen flächendeckenden Personennahverkehr.
Die traditionelle Bauernschaft, wie sie vergleichsweise weitestgehend in der Bundesrepublik vorzufinden ist, gab es bereits in den 80er Jahren der DDR kaum noch. Durch die Bodenreform in den Nachkriegsjahren bekamen auch ehemalige Arbeiter aus Industrie und Landwirtschaft Boden zugeteilt, was bereits zu einer Durchmischung dieser sozialen Schicht führte. Für 1960 werden nur noch 71 Prozent der Mitglieder von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften als ehemalige Klein-, Mittel- und Großbauern vermerkt (Geißler 1992, S. 209). Diese Entwicklung verstärkte sich im Zuge der weiteren Kollektivierung der Landwirtschaft und hatte zur Konsequenz, dass 1977 nur noch jeder zweite Genossenschaftsbauer aus einer Bauernfamilie stammte und schließlich in den 80er Jahren die Rekrutierung zum großen Teil aus der nichtbäuerlichen Bevölkerung erfolgte (ebenda). Neben der unterschiedlichen sozialen Herkunft nahm infolge wachsender Differenzierung und Spezialisierung auch die Facharbeiterzahl unter den Genossenschaftsbauern zu. Beispielsweise wurden zunehmend Facharbeiter für Agrotechnik, Mechanisatoren oder Zootechniker ausgebildet.
Neben diesen qualitativen Unterschieden zur Bauernschaft der Bundesrepublik Deutschland ist quantitativ zu vermerken, dass 1989 noch 889 000 Personen - also etwa jeder zehnte Erwerbstätige - in der Landwirtschaft arbeiteten, womit der bäuer[Seite 15↓]liche Anteil im Vergleich zur Bundesrepublik etwa dreimal so hoch war (ebenda, S.112).
Die Entwicklung der ländlichen Struktur war indessen in den letzten Jahren der DDR gleichfalls durch eine ständige Abnahme der Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten gekennzeichnet, so dass sich die Relationen zwischen den auf dem Lande wohnenden Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten veränderten. Im Zeitraum von 1975 bis 1977 beispielsweise ging die Zahl der in der Land- und Forstwirtschaft Beschäftigten um 0,5 Prozent und bis 1979 um weitere 0,1 Prozent zurück. Im Jahr 1979/80 - zum Zeitpunkt der ersten Datenerhebung - lag der Anteil der in diesen Wirtschaftsbereichen Beschäftigten im Vergleich zur Gesamtzahl der Berufstätigen der DDR bei 10, 7 Prozent, wobei der Anteil der Genossenschaftsbauern 6,5 Prozent ausmachte (vgl. Statistisches Jahrbuch 1980).
Eine Besonderheit in der sozialen Zusammensetzung der Gruppe der Genossenschaftsbauern bestand darin, dass eine keineswegs geringe Zahl nicht direkt in der landwirtschaftlichen Produktion eingesetzt war. Die LPG und VEG beschäftigten auch Arbeitskräfte, die zum Beispiel in den Werkstätten als Maurer, Landmaschinenschlosser o. ä. tätig waren oder als Erzieherinnen im Kindergarten, als Küchenpersonal oder in der Verwaltung arbeiteten.
Trotz dieses in sich nicht einheitlichen Bildes lassen sich nach Adler/ Kretschmar dennoch Kriterien bestimmen, die es zulassen, die Genossenschaftsbauern als eine spezifische soziale Gruppierung anzusehen. Die als Genossenschaftsbauern bezeichneten Erwerbstätigen sind Mitglieder oder aber auch Beschäftigte Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Von den Autoren wird hervorgehoben, dass die ”Spezifika der genossenschaftlichen Eigentumsform ... gewiss nicht zu klassenkonstituierenden Merkmalen hochstilisiert werden (können)...”, da eben in der Regel auch Handwerker und Verwaltungskräfte - wie bereits oben erwähnt - zu den Genossenschaftsbauern gerechnet wurden (Adler/Kretschmar 1993, S. 109). Zu unterscheiden wären bei den Genossenschaftsbauern demnach:
Wenngleich sich Genossenschaftsbauern in ihrer Position im Ungleichheitsgefüge des DDR-Systems kaum von den Arbeitern unterschieden, treten bei ihnen vornehmlich Besonderheiten agrarischer Arbeits- und dörflicher Lebensweise hervor. Solche Eigenheiten bestanden vor allem in einem gegenüber der Stadt größeren Anteil privaten Haus-, Grund- und Gartenbesitzes und einer etwas größeren Wohnfläche pro Kopf der Dorfbevölkerung (vgl. Adler/Kretschmar 1993, S. 109).
Zum anderen waren Differenzierungen in den Lebensbedingungen zuungunsten der Landbevölkerung hinsichtlich der Ausstattungsdichte mit und der Erreichbarkeit von Einrichtungen zur Versorgung mit Konsumgütern, kulturellen und medizinischen Dienstleistungen und der Chancen, konsumtive und geistige Bedürfnisse befriedigen zu können, auszumachen (ebenda).
Bauern waren in der DDR - wie im übrigen auch Arbeiter - sozial vergleichsweise gut gestellt. Eine ganze Reihe von bildungs- und sozialpolitischen Maßnahmen in der Geschichte der DDR zielten insbesondere darauf ab, Einkommensunterschiede zwischen diesen beiden sozialen Gruppen und anderen einzuebnen, Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen und soziale Sicherheit zu schaffen. Das führte zu einer weitgehenden Nivellierung der vertikalen Ungleichheiten in der DDR-Gesellschaft verbunden mit einer Privilegierung der Arbeiter- und Bauernschaft. Im Vergleich zur Bundesrepublik war die DDR-Sozialstruktur insgesamt durch eine stärkere Einebnung der sozialen Unterschiede - wie Einkommens- und Vermögensunterschiede - gekennzeichnet (vgl. Geißler 1991, S. 48). Zutreffend erscheint daher für die DDR-Gesellschaft die Bezeichnung ”nach unten nivellierte Arbeiter- und Bauerngesellschaft” (Geißler 1993a, S. 14), in der gleichwohl Mechanismen sozialer Ungleichheit - wenn auch DDR-spezifisch - wirksam waren (vgl. Geißler 1992, Lötsch 1988).
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Einer Untersuchung von Adler/Kretschmar aus dem Jahre 1989 zu den Soziallagen Erwerbstätiger in der DDR ist zu entnehmen, dass männliche Genossenschaftsbauern hinsichtlich ihres monatlichen Pro-Kopf-Netto-Einkommens bereits über demDurchschnittsverdienst der Erwerbstätigen der DDR insgesamt lagen (Frauen etwas darunter). Zählt man die Zusatzeinkommen aus einem Nebenerwerb (wie z. B. Nebenbeschäftigungen, individuelle Hauswirtschaft, aber auch Honorare und Zinsen aus Spareinlagen u. a.) hinzu, so ist diese Berufsgruppe mit Abstand führend. Diese in finanzieller Hinsicht privilegierte Stellung schlug sich auch im Besitz und Wohnen nieder (vgl. Adler/Kretschmar 1993, S. 114 f.). Generell könnte die Situation der LPG-Bauern mit Blick auf die objektiven Lebensbedingungen als durchschnittlich bis gehoben bezeichnet werden. Im Zeitraum von 1970 bis 1989 konnten sie ihre Einkommenssituation absolut betrachtet gegenüber Arbeiter- und Angestelltenhaushalten verbessern und diese sogar überholen.
Im Vergleich dazu befanden sich die Pro-Kopf-Haushaltseinkommen der Vergleichsgruppe in der Bundesrepublik deutlich unter dem Durchschnitt. So wurde für das Wirtschaftsjahr 1996/97 errechnet, dass die Einkommen der Landwirte mit 36 600 DM (im Durchschnitt pro Arbeitskraft) weiter um rund ein Drittel unter den gewerblichen Vergleichslöhnen liegen. 5
Nach einer Studie von Krambach/Schmidt aus dem Jahre 1973 fühlten sich über 80 Prozent der Genossenschaftler mit ihrer LPG persönlich verbunden, d. h. es kann davon ausgegangen werden, dass eine insgesamt hohe Identifikation mit dem genossenschaftlichen Betrieb bestand. Zur Förderung dieses “Selbstwertgefühls” der Genossenschaftsbauern trug sicher auch bei, dass sie in der DDR offiziell zu den “beiden Hauptklassen des Sozialismus” gezählt wurden.
Andererseits kommt Geißler in einer vergleichenden Analyse zur Bundesrepublik generell zum Schluss: “Die sozioökonomische Struktur der DDR des Jahres 1990 gleicht in etwa derjenigen der Bundesrepublik aus dem Jahr 1965.” (Geißler 1991, S. 53). Zu viele Arbeitskräfte seien in der Landwirtschaft und der Industrie gebunden gewesen. Und Meier deckt unter qualitativem Gesichtspunkt auf, dass - wenn die [Seite 18↓]Landwirtschaft auch traditionale Eigentumsformen und Produktionsverhältnisse überwunden hatte - sie dennoch ebenso Züge “einer sozialistischen Ständegesellschaft” (Meier 1990) aufwies, “von Merkmalen traditionaler gesellschaftlicher Beziehungen, die zu DDR-Zeiten des öfteren zwar anerkennend beschrieben wurden, in Wirklichkeit jedoch sowohl politisch als auch erst recht ökonomisch einen erheblichen Modernisierungsrückstand darstellten.” (Meier 1993, S. 685). Alles in allem muss die Landwirtschaft in der DDR folglich als ein Bereich im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne angesehen werden.
Die mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten verbundenen marktwirtschaftlichen Strukturveränderungen auf dem Lande trugen alles in allem dazu bei, dass der Agrarsektor erheblich geschrumpft ist. Dies war eine Folge der ausgelösten Kapitalisierungs- und Privatisierungsprozesse, die zu einer bedeutenden Verringerung der Produktionskapazitäten (durch Flächenstillegung, Reduzierung des Anbaus von Kulturen und Reduzierung der Viehbestände), zu einer grundlegenden Veränderung der Besitzverhältnisse - verbunden mit der Entstehung bäuerlichen Eigentums in den Dörfern - sowie zur Entstehung einer neuen Sozialstruktur führten. Die Umstrukturierungen zogen unmittelbare und massenhafte Freisetzungen von Arbeitskräften nach sich, was eine insgesamt durchaus prekäre Situation für eine gesamte Berufsgruppe in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands auslöste.
Dazu trugen und tragen mehrere Faktoren bei: Zum einen die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften vor dem Hintergrund der allgemein schwierigen Lage der EG-Landwirtschaft (anhaltendes “Höfesterben”). Dadurch wurden insbesondere Wiedereinrichter abgeschreckt. Der Prozess der Umstrukturierung erfolgte zudem in einer rasant kurzen Zeit. Geißler spricht in diesem Zusammenhang auch vom “Zeitraffertempo” (1991, S.67), was durch einige Zahlen belegt werden soll:
Von ca. 850 000 in der Landwirtschaft Beschäftigten der DDR im Dezember 1989 waren zu Beginn des Jahres 1992 noch ca. 250 000 - und davon ungefähr 150 000 Kurzarbeiter - beschäftigt. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 120 000 in andere Be[Seite 19↓]rufe wechselten und 90 000 in den Vorruhestand gegangen sind. 45 000 bezogen Altersübergangsgeld und 40 000 erhielten eine Rente. Weitere 10 500 wurden durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Fortbildung und Umschulung aufgefangen (vgl. Meyer/Uttitz 1993, S. 221f.).
Nach dem Agrarbericht 1992 gab es trotz dieser Maßnahmen 150 000 Arbeitslose in der Landwirtschaft. Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Arbeit hatte nur ca. jeder vierte Beschäftigte in der Landwirtschaft Aussicht auf Weiterbeschäftigung. Aufgrund der unterschiedlichen Organisationsformen der Landwirtschaft in Ost und West (LPG vs. bäuerlicher Familienbetrieb) gab es nur einen verschwindend geringen Bedarf an angestellten Professionsangehörigen. So fanden zum Beispiel Agraringenieure im vereinten Deutschland keinen Arbeitsmarkt mehr. Samt und sonders verloren rund drei Viertel aller ehemals in der Landwirtschaft Beschäftigten innerhalb kürzester Frist ihren Arbeitsplatz (vgl. Statistisches Bundesamt 1994). Wie in Untersuchungen festgestellt werden konnte (Meyer/Uttitz 1993, Geißler 1995, Chassé 1996, Schramm 1996), ging der Abbau landwirtschaftlicher Arbeitsplätze in sehr hohem Maße mit dem Verlust qualifizierter Frauenarbeitsplätze einher und führte in einer Reihe von Gemeinden sogar zu einem Totalverlust solcher Arbeitsplätze. Frauen wurden im allgemeinen überproportional im Verhältnis zu den Männern freigesetzt. Ihre Situation ist auf dem Lande insofern besonders schwierig, als Kinderbetreuungseinrichtungen zunehmend fehlen und ein beruflicher Neuanfang damit zumindest erschwert bzw. verunmöglicht wird.
Es konnte des weiteren ermittelt werden, dass hauptsächlich qualifizierte und teils hochqualifizierte Menschen betroffen waren (vgl. Bandelin et al. 1996, S. 107). Der Arbeitskräftebesatz pro 100 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche verringerte sich von 14,5 im Jahre 1989 auf 3,6 im Jahre 1992 und fällt damit bereits geringer aus als in den alten Bundesländern mit 5,0 (vgl. Brinkmann et al. 1993). Damit hatte sich in ca. zwei Jahren in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands ein Prozess vollzogen, der in den alten Bundesländern etwa drei Jahrzehnte benötigte. Der Abbau der Arbeitsplätze setzt sich seitdem weiter fort.
Zusammenfassend ist hervorzuheben, dass der Anpassungsprozeß in der ostdeutschen Landwirtschaft an marktwirtschaftliche Strukturen innerhalb kürzester Zeit zu erheblichen Beschäftigungsrückständen in den ländlichen Regionen geführt hat. Vor allem die unmittelbar in der Landwirtschaft Tätigen waren und sind von den rigorosen Veränderungen betroffen. Nach Schätzungen von Geißler werde sich deren Anteil im Verhältnis zur Gesamtbeschäftigtenzahl sogar halbieren. Durch die Einführung der Marktwirtschaft im Ostteil Deutschlands werde vor allem der Rückstand im tertiären Bereich und damit auch das vormals anzutreffende Missverhältnis zwischen primärem und tertiärem Wirtschaftsbereich sukzessive abgebaut 6 . Im Zuge dessen werde es [Seite 20↓]zwangsläufig zu weiteren Verschiebungen auch in der Berufsstruktur auf dem Lande kommen (vgl. Geißler 1991, S. 54).
Die grundlegenden Strukturveränderungen in der ostdeutschen Landwirtschaft wurden durch Auflösung und Umwandlung der zuvor in der Regel ausschließlich auf Pflanzen- oder Tierproduktion spezialisierten großen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und die Bildung einer Vielzahl neuer Unternehmen auf marktwirtschaftlicher Grundlage erreicht. Durch die so vonstatten gehende Neuordnung der Besitz- und Nutzungsverhältnisse an Grund und Boden sowie Gebäuden entstanden bis 1992 14 633 Betriebe in der Rechtsform “Natürliche Personen”, die 24,5 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Osten bewirtschafteten. Dazu zählen 5 507 Einzelunternehmen im Haupterwerb mit 14,6 % der LN und einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 136 ha LN und 9126 Personengesellschaften mit 7,2 % der LN und einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 401 ha LN (vgl. Agrarbericht 1993).
Die bevorzugte Struktur der ostdeutschen Landwirtschaft ist jedoch weiterhin der Gruppenbetrieb, denn ca. 75 % der LN wurden 1992 von 3 035 Betrieben in der Rechtsform “Juristische Personen” mit einer durchschnittlichen Betriebsgröße von 1 268 ha bewirtschaftet (vgl. ebenda). Diese neu gebildeten eingetragenen Genossenschaften haben sich seither relativ stabil entwickelt. Diese Rechtsform hatte bis 1992 fast ein Viertel aller Erwerbstätigen der Landwirtschaft aufgenommen. In einer Studie von Hubatsch et al. konnte gezeigt werden, dass - wenngleich 73 Prozent aller Befragten genossenschaftliche wie familienwirtschaftliche Betriebsformen in den neuen Bundesländern gleichermaßen gefördert sehen möchten - die eindeutige Mehrheit auch für die Zukunft eine genossenschaftliche Produktionsform bevorzugt (1991, S.43). Diese Resultate weisen insgesamt auf eine durchaus geringe Handlungsbereitschaft für familienwirtschaftliche Betriebsformen in der Landwirtschaft in den neuen Bundesländern hin. Darauf nimmt jedoch die offizielle Agrarpolitik kaum Bezug, denn Wiedereinrichter werden im Vergleich zu Genossenschaften bevorzugt (vgl. ebenda; Jarothe 1992). Nach Geißler bestehen derzeit die größten Probleme in der Landwirtschaft darin, die Kollektivierung der Produktionsweise zurückzudrehen. Es sei nur eine verschwindend kleine Zahl von ehemaligen Angehörigen der LPG und VEG, die den Sprung in die Selbständigkeit wagten. Unter den bis Juni 1991 neu entstandenen 3 500 einzelbäuerlichen Betriebe - die lediglich 3% der landwirtschaftlichen Nutzfläche [Seite 21↓]bestellten - befanden sich überdies neue westdeutsche und holländische Pächter; Großagrarier, die über 1000 ha Pachtland von fremden Arbeitskräften bewirtschaften ließen (vgl. Geißler 1993b, S. 82).
In Untersuchungen zu ostdeutschen Landarbeitern (Brauer et al. 1996, Jarothe 1992, Meyer/Uttitz 1993, Schmitt 1991) werden im großen und ganzen zwei Probleme für das Zurückscheuen vor einer neuen Selbständigkeit angeführt: Zum einen die üblichen Probleme beim Selbständigwerden und zum anderen die Konfrontation mit der allgemeinen Strukturkrise der Landwirtschaft in Deutschland und in der EG, die bei vielen westdeutschen Landwirten zu einer schwierigen sozioökonomischen Lage geführt hat. Die Frage, inwiefern die LPGs unter marktwirtschaftlichen Bedingungen überhaupt wettbewerbsfähig sein können, beurteilt Schmitt (1991) als gering und auch Meyer und Uttitz (1993) rechnen ihnen wenig Chancen aus.
Nach Meier lassen sich vor dem Hintergrund des drastischen gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Lande die grundlegenden Veränderungen in der Sozialstruktur wie folgt zusammenfassen (Meier 1993, S. 690f.):
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Die Stillegung landwirtschaftlicher Betriebe bedeutet für die Landbevölkerung nicht nur einen Verlust des Arbeitsplatzes. Die Schließung von Betrieben geht vielfach einher mit der Zerstörung von Lebenszusammenhängen. Das erklärt sich daraus, dass es bis 1989 in den ländlichen Regionen insgesamt eine relativ gute Ausstattung mit technischer und sozialer Infrastruktur gab. Mit der Einführung marktwirtschaftlicher Prinzipien ist diese Infrastruktur zusammengebrochen, da sie aus Mitteln der Kommunen, der Landwirtschaftsbetriebe sowie des Konsums subventioniert und betrieben wurde. Landwirtschaftsbetriebe konnten beispielsweise Klubhäuser, Gaststätten, Sozialeinrichtungen, Betriebsküchen usw. nicht mehr finanzieren. Hinzu kommt, dass die Betriebe in der DDR durch die ihnen angegliederte Infrastruktur eine größere sozial integrierende Wirkung als in Westdeutschland hatten. Für die DDR-Gesellschaft war beispielsweise typisch, dass das Arbeitskollektiv bzw. die Beziehungen zwischen Arbeitskollegen und deren Familien ein wichtiger Faktor der Kommunikation zwischen den Menschen war. Ergebnisse soziologischer Forschungen machen darauf aufmerksam, dass durch ihren weitgehenden Wegfall die familiären Beziehungen für viele nunmehr noch wichtiger geworden sind (Krambach, Müller et al. 1992). Speziell für die soziale Gruppe der Jugendlichen stellt Feldmann in einer Untersuchung fest, dass sie “schlagartig im gesamten (untersuchten) kleinräumigen Siedlungsgebiet alle bisherigen Treffpunkte verlor. Insbesondere für die heranwachsende Schuljugend wird damit die Identifikation in und für die Dörfer maßgeblich beeinträchtigt” (Feldmann et al. 1992, S. 30).
Erschwerend kommt für die ehemals in der Landwirtschaft Beschäftigten noch hinzu, dass sie in der DDR - wie bereits weiter oben ausgeführt - in ökonomischer Hinsicht eine bevorzugte Stellung hatten. Die Einkommensstruktur nähert sich nun im Zuge des stattfindenden Transformationsprozesses an westliche Verhältnisse an, womit “die bisherige Nivellierungstendenz ... sich in eine Differenzierungstendenz umkehren (wird).” (Geißler 1991, S. 49). Insbesondere ist zu erwarten, dass sich durch die Reprivatisierung der Landwirtschaft die Vermögensstruktur vor allem auch auf dem Lande wieder differenzieren und konzentrieren wird. Als Folge dieser Umbrüche wird die soziale Ungleichheit zwischen den Familien in ländlichen Regionen rasch zunehmen.
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Insgesamt kann festgestellt werden : Eine Betrachtung der Transformationsprozesse auf dem Lande im Kontext der deutschen Vereinigung zeigt einen fast vollständigen Zusammenbruch der landwirtschaftlichen Arbeits- und Lebensstruktur in den LPGs sowie damit einhergehenden Infrastrukturverluste (Meyer/Uttitz 1993).
Der Strukturwandel auf dem Lande ist für viele Menschen mit einer Reihe von sozialen Folgen verbunden: Verunsicherungen, Herausreißen aus Gewohntem, Entwertung beruflicher Qualifikation, Verlust des Arbeitsplatzes, sozialer Abstieg, Identitätskrisen, aber auch sozialer und beruflicher Aufstieg. Hinzu kommt - wie Geißler anführt - dass dieser beispiellose und risikoreiche Wandel auf eine Bevölkerung trifft, die nicht darauf vorbereitet ist: Soziale Sicherheit und Betreuung waren bisher Bestandteile ihrer sozialen Situation (Geißler 1991, S. 68).
Soziologen - vornehmlich aus der DDR - hegten noch 1990 die Hoffnung, dass die Transferprozesse zu keiner Kopie der westlichen Gesellschaft führen, sondern langwierige Transformationsprozesse einleiten würden, die Übergangsgesellschaften mit einer eigenen sozialstrukturell begründeten Dynamik entstehen ließen. Das entbehrte allein mit Blick auf die ländlichen Regionen insofern nicht einer gewissen Logik, als - wie der historische Exkurs auf die Landwirtschaftsentwicklung in der DDR verdeutlicht - die gesellschaftliche Umgestaltung der Landwirtschaft beispielsweise eine völlig andere Bauernschaft hervorgebracht hatte, die der der BRD in keiner Weise entsprach, ein Umstand, von dem anzunehmen wäre, dass er wiederum andere Verhaltensweisen nach sich ziehen und bewirken würde. Der weitere Verlauf der realen Transformationsprozesse in Ostdeutschland ließ jedoch sehr rasch erkennen, dass die Idee der ”Übergangsgesellschaft” unabänderlich ad acta zu legen ist.
Gleichwohl versuchen Sozialwissenschaftler, in den zahlreichen Veränderungsprozessen in Ostdeutschland nicht nur eine bestimmte Ordnung festzustellen, sondern in ihnen auch eine bestimmte Richtung auszumachen. In diesem Bestreben wird vielfach [Seite 24↓]auf den Modernisierungsbegriff zurückgegriffen, der allgemein die neuzeitliche Gesellschaftsentwicklung in Richtung auf Modernität bezeichnet (vgl. Fuchs-Heinritz et al. 1994, S. 447). Modernisierung verweist nach van der Loo und van Reijen ”auf einen Komplex miteinander zusammenhängender struktureller, kultureller, psychischer und physischer Veränderungen, der ... die Welt, in der wir augenblicklich leben, geformt hat und noch immer in eine bestimmte Richtung lenkt.” (van der Loo/ van Reijen 1992, S. 11). Die Autoren arbeiten insbesondere heraus, dass Modernisierung nicht allein auf Industrialisierung, also auf das Wachstum industrieller Komplexe, hindeutet. Vielmehr wird mit diesem Begriff auch ”auf zunehmende Urbanisierung, ..., auf die fortschreitende Rationalisierung unseres Denkens und Handelns, auf wachsende Demokratisierung und abnehmende soziale Unterschiede, auf die fortschreitende Individualisierung und auf eine Reihe weiterer wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Veränderungen” verwiesen (ebenda, S. 12). Modernisierung bezeichnet für die Autoren also nicht eine spezifische Veränderung, ”sondern ein ganzes Knäuel miteinander verwobener Umwandlungsprozesse.” (ebenda), die insgesamt den sozialen Wandel in der Gegenwart kennzeichnen.
Das sozialwissenschaftliche Denken über Modernisierung hat nun eine beträchtliche Anzahl von Theorien hervorgebracht, die seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts formuliert wurden. Nach Zapf könnte man die Modernisierungstheorie auch als angewandte Theorie bezeichnen, ”die Theoriestücke aus verschiedenen Paradigmen in raumzeitlichen Zusammenhang bringt...” (Zapf 1994a, S. 137).
Es gibt nicht die sozialwissenschaftliche Modernisierungstheorie. Wer sich mit diesem Phänomen beschäftigt, sieht sich vielmehr mit Konzepten, Modellen und Theorien der verschiedenartigsten Couleur konfrontiert (zu nennen wären beispielsweise: Beck 1991, Bendix 1969, Berger 1988, Collins/Waller 1993, Dubiel 1993, Klein 1992, 1994, Kollmorgen 1994, Lau/Weiß 1993, van Loo/van Reijen 1992, Müller, K. 1991, Smelser 1995, Zapf 1969, 1991).
Die sich nach der Wende vollziehenden Wandlungsprozesse in Ostdeutschland haben insgesamt das Interesse und die Diskussion an Modernisierungsperspektiven erneut entfacht. Besonders in den ersten Jahren der Transformationsforschung nahmen Modernisierungstheorien ohne Frage eine Schlüsselstellung ein. So stellte Zapf seinerzeit [Seite 25↓]fest, dass ”Modernisierung und Modernisierungstheorie ... wieder zu den wichtigsten soziologischen Ansätzen gehört...” (Zapf 1991, S. 23). Inzwischen hat eine gewisse Distanzierung stattgefunden. So plädieren Joas & Kohli zwar einerseits für eine ”Renaissance der Modernisierungstheorien” (1993, S. 24), andererseits verweist Kohli aber zugleich darauf, dass der modernisierungstheoretische Interpretationsrahmen die Gefahr einer vorschnellen Schließung mit sich bringe, indem für ost- und mitteleuropäische Gesellschaften der gleiche Entwicklungspfad hin zum vollendeten Modell der Moderne wie für die westlichen Gesellschaften in den 60er Jahren unterstellt wird (Kohli 1994, S. 33). Selbst Zapf als ihr klassischer Vertreter konstatiert, dass ”die Wahrscheinlichkeit von Regression, von Modernisierungsblockaden, von widersprüchlichen und kontraproduktiven Prozessen” in dieser Theorie unterschätzt wird (Zapf 1994b, S. 6). Und Karl Ulrich Mayer beklagt ebenfalls, dass in vielen gegenwärtigen Analysen zur DDR-Gesellschaft ein zu statisches und geschlossenes Bild gekennzeichnet wird (vgl. Mayer 1993).
Wenngleich also die Modernisierungstheorie zur Zeit durchaus attackiert wird, ihre Fähigkeit, ostdeutsche Umbrüche zu deuten, mitunter sogar in Frage gestellt wird (Lepsius 1991, Mayer 1996, Mayntz 1994, 1996; Pollack 1996), ändert das jedoch nichts an dem Umstand, dass eine zum Modernisierungsansatz konkurrierende Theorie mit ähnlichem Deutungspotential derzeit nicht zu erkennen ist.
Bei allen sicher gerechtfertigten Vorbehalten gegen Modernisierungstheorien, will ich bei den folgenden Betrachtungen dennoch darauf zurückgreifen. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie modernisierungstheoretische Konzepte die höchst widersprüchlichen Transformationsverläufe auf dem Lande in Ostdeutschland zu erfassen vermögen. Meine Darstellung ist ein Versuch in doppelter Hinsicht. Zum einen ist es bei den vielfachen Modernisierungsansätzen, die vorliegen, angeraten, im Rahmen dieser Arbeit selektiv zu verfahren. Zum anderen zielt meine Betrachtung auf Prozesse, die sich in einem Teilbereich der ostdeutschen Transformationsgesellschaft - und zwar im Bereich der Landwirtschaft - vollziehen.
Die Kerngedanken der Modernisierungstheorien bestehen - im großen und ganzen - darin, dass versucht wird, auf einer mittleren Abstraktionsebene die Entwicklung von Gesellschaften seit den großen Revolutionen der letzten drei Jahrhunderte (der ameri[Seite 26↓]kanischen, der industriellen und der französischen Revolution) zu beschreiben und streckenweise zu erklären. Zapf stellt in diesem Zusammenhang deutlich heraus, dass dabei zunächst der Vorsprung einzelner Gesellschaften und sodann die Versuche anderer Gesellschaften, diesen Vorsprung aufzuholen, erklärt werde (vgl. Zapf 1994a, S. 136). Die Transformation in Richtung Modernisierung wird folglich als ein kontinuierlicher Prozess bzw. in moderneren Fassungen als Abfolge von Stadien verstanden (vgl. Kretzschmar 1994). Diese darin enthaltene Vorstellung von Moderne im gesellschaftlichen Selbstverständnis lässt erkennen, dass sie nicht als etwas ganz Anderes begriffen wird (wie noch bei den soziologischen Klassikern Durkheim, Simmel, Weber und Marx), sondern es wird herausgestellt, dass in bestimmten wichtigen Hinsichten vorher entstandene gesellschaftliche Strukturen fortgeführt werden, also die Moderne keineswegs gänzlich neu ist (vgl. Schimank 1996, S. 125f.).
Die realen Modernisierungsentwicklungen in Industriegesellschaften beziehen sich zudem - wie auch die darauf basierenden Modernisierungstheorien - auf ”eine bestimmte Ebene gesellschaftlicher Gegebenheiten...: auf Institutionen, Organisationen und materielle Gegebenheiten”, also auf ”Objektives” und soziologisch Messbares, worin auch der eigentliche Kern und das Dynamische der Modernisierung gesehen wird. Die Ebene des Kulturellen und Subjektiven erscheint demgegenüber als träge, dem Modernisierungsprozess hinterherhinkend (vgl. Hradil/Immerfall 1997, S. 14). Während also dem institutionellen Wandel ein rasches Tempo zugesprochen wird, unterstellt man den Individuen eine notorische ”Langsamkeit” (Schmidt 1995, S. 323).
Diese oben erwähnten geläufigen Modernisierungskerne (Institutionen, Organisationen, materielle Gegebenheiten) sollen im folgenden auch die Grundlage meiner Betrachtungen bilden. Vor dem Hintergrund der Analyse der Ausgangsbedingungen für die Transformationsprozesse der Landwirtschaft in Ostdeutschland (vgl. Punkt 1.1.1. dieser Arbeit) stellt sich die nicht zu umgehende Frage nach dem Modernisierungsgrad der DDR-Landwirtschaft und ihrer Fähigkeit, sich auf Erfordernisse der modernen Industriegesellschaft einzustellen.
Eine schon klassisch zu nennende modernisierungstheoretische Erklärung des gegenwärtigen Transformationsprozesses besteht vereinfacht darin, die ehemals ostdeutsche [Seite 27↓]Gesellschaft in den westlichen Hauptstrom der Modernisierung zurückzuholen. Das wird entsprechend mit ”nachholender Modernisierung” bezeichnet und schien mir - zumindest in den ersten Jahren nach dem gesellschaftlichen Umbruch in den Ländern Ost- und Mitteleuropas - eine vorherrschende Version zu sein. Von daher ist es im übrigen nicht weiter verwunderlich, dass Habermas die Ereignisse nach 1989 in Ostdeutschland auch als ”nachholende Revolution” bezeichnete (vgl. Habermas 1990).
Diese Modernisierungstheorie, die ganz in der Tradition Parsons steht, führt die ”evolutionären Universalien” als gemeinsames Kennzeichen der Modernisierung an, wie z. B. ein durch Leistungsgerechtigkeit legitimiertes Schichtsystem, Bürokratie, Geld und Marktwirtschaft, universell gültige Normen und demokratische Assoziationen. Vor diesem Hintergrund werden die strukturellen Selbstblockaden der staatssozialistischen Gesellschaften herausgestellt (gemeint ist vor allem die politische Übersteuerung aller gesellschaftlichen Teilsysteme), die denkbare Modernisierungsprozesse aufhalten würden (Parsons 1969, S. 58). Die Reformversuche unter Gorbatschow werden demzufolge als Vorboten gesehen, Hindernisse zu beseitigen und damit den Anschluss an die Moderne zu schaffen.
Bei dem Konzept der ”nachholenden Modernisierung” wird also impliziert von einem Modernisierungsrückstand im Vergleich zum Modernisierungsniveau Westeuropas ausgegangen, der in ökonomischer, staatlich-institutioneller als auch demokratischer Hinsicht bestehe und entsprechend aufzuholen sei. Es liegt folglich auf der Hand, dass die Zielsetzung des sozialen Wandels als ein Modell-Transfer festgelegt und damit der Umbruch in den ehemals realsozialistischen Ländern Osteuropas als Bestätigung der westeuropäischen Moderne erfahren wird (vgl. Stojanov 1996, S. 229).
Der grundlegende Mangel dieses Konzepts ist offenkundig. Modernisierungsrückstände werden bedenkenlos unterstellt, ohne zu hinterfragen, ob sich nicht doch Indikatoren finden lassen, die möglicherweise auf eine spezifische, wenn auch gescheiterte Modernisierungsvariante in den ehemals realsozialistischen Ländern hinweisen. Würde man nämlich die von Hradil und Immerfall für westeuropäische Industriegesellschaften angeführten übereinstimmenden Merkmale 7 der Modernisierung auch zur [Seite 28↓]Analyse der ostdeutschen Industriegesellschaft heranziehen, dann ließe sich zum Beispiel im Hinblick auf Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Hochschulbildung, Gleichberechtigung von Mann und Frau u. a. diese Gesellschaft ebenfalls als durchaus modern bezeichnen (vgl. 1997, S. 12).
Anders gesagt: Die Ausgangssituation für den Transformationsprozess wird bei diesem Ansatz nur unzureichend analysiert und in Rechnung gestellt. Die DDR-Gesellschaft sollte - wie Reißig konstatiert - nicht als Vergangenheit abgetan, sondern als reale Bedingung der Transformation ernst genommen werden (Reißig 1994, S. 327). Lepsius weist in diesem Zusammenhang darauf hin: ”Wenn wir den Status quo nicht festhalten, können wir auch nicht wissen, von welchem Ausgangspunkt aus die Transformation zu beschreiben ist” (Lepsius 1991).
Eine Herangehensweise, in der die alte Bundesrepublik schlechthin mit der Modernen gleichgesetzt wird und alle Abweichungen in den neuen Bundesländern lediglich unter Modernisierungsrückstand zu verbuchen sind, scheint demgemäss auch nicht geeignet zur Erklärung der höchst komplexen und schwierigen Transformationsprozesse auf dem Lande. Bei der Umstrukturierung der Landwirtschaft im Ostteil Deutschlands handelt es sich offenkundig um eine Modernisierung, die eben nicht mit der üblichen Vorstellung einer lediglichen Anpassung an die Erfordernisse des Industriezeitalters zu fassen ist. Das käme einer Modernisierung nach vorgefertigten Schnittmustern gleich (Klein 1992). Immerhin war die Landwirtschaft in der DDR - also schon vor 1989 - modern insofern, als sie bereits einen bestimmten Grad an ”Industrialisierung” erreicht hatte. Wie aus dem knapp dargestellten historischen Exkurs in dieser Arbeit erkennbar, hatte der Landwirtschaftssektor traditionelle Eigentumsformen und Produktionsverhältnisse überwunden und moderne, durchaus leistungsfähige landwirtschaftliche Spezialbetriebe der Pflanzen- und Tierproduktion hervorgebracht. Außerdem kann der gegenwärtige Umgestaltungsprozess auf dem Lande in nur geringem Maße als Strukturwandel figurieren, wenn er mit einem derartigen Abschrumpfen der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft verbunden ist. Es findet wohl eher eine Generationsabfolge auf dem Lande statt oder vielleicht sogar der Untergang einer ganzen [Seite 29↓]Generation, wie bei Meier und Müller (1997) nachzulesen. Anhaltspunkte gibt es auch dafür, dass die in der DDR-Gesellschaft vorgenommenen Umstrukturierungsmaßnahmen bezüglich der Angleichung Stadt-Land obsolet geworden sind und damit die regionalen Disparitäten wieder schärfere Konturen annehmen werden (vgl. Geißler 1993a, S. 25).
Es bleibt somit festzuhalten, dass das Konzept der ”nachholenden Modernisierung” ganz sicher zu kurzschlüssig angelegt ist, um die komplexen und konfliktreichen Prozesse auf dem Lande zu erfassen. Es zeigt sich vor allem, dass das vorausgesetzte Modell von der DDR-Landwirtschaft auf die Wahrnehmung der Schwierigkeiten und der Art der Transformation auf dem Lande einen unmittelbaren Einfluss ausübt. Zu fragen wäre vor allem auch, ob alles nachgeholt werden kann und soll, was unter anderen historischen Voraussetzungen entstand und sich heute z. T. auch als Fehlentwicklung offenbart.
Der Sozialwissenschaftler Wolfgang Zapf, der als prominentester deutscher Modernisierungstheoretiker gilt, hat als sozialtheoretischen Erklärungsansatz sein Konzept der ”weitergehenden Modernisierung” vorgelegt. Damit rückt in stärkerem Maße eine Modernisierungstheorie in den Vordergrund, in der bereits eine erfolgte Modernisierung - d. h. ein gewisser Modernisierungsgrad - zugrunde gelegt wird. Dem Hauptkritikpunkt der ”nachholenden Modernisierung” wird insofern grundsätzlich Rechnung getragen.
Aufgegriffen wird auch für dieses Konzept die Grundaussage bei Parsons, dass es zu den modernen (westlichen) Gesellschaften mit den Grundinstitutionen der Konkurrenzdemokratie, der Marktwirtschaft und der Wohlstandsgesellschaft mit Massenkonsum und Wohlfahrtsstaat keine ernsthafte Alternative gibt (Zapf 1991, S. 34). Sind diese Institutionen - als Basisinstitutionen bezeichnet - entwickelt, dann seien die Gesellschaften ”erfolgreicher, anpassungsfähiger, d. h. moderner ... als solche, die das nicht tun” (ebenda, S. 34). Die modernen Gesellschaften entwickeln sich weiter im Sinne von Richtungskonstanz und Strukturverbesserung, angetrieben durch Konkurrenz und gesellschaftliche Konflikte (ebenda, S. 23ff.). Dahinter steckt - wie Fürstenberg feststellt - letztlich die Überzeugung, dass das westdeutsche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell prinzipiell übertragbar bzw. erweiterungsfähig ist und seine gegen[Seite 30↓]wärtige Ausprägung als zukunftsweisend angesehen werden kann (Fürstenberg 1995, S. 116).
Zapf sieht also sozialen Wandel in Richtung weiterer Modernität durch die Mechanismen moderner Gesellschaften gewährleistet. Im Kern zielt die ”weitergehende Modernisierung” auf Verbesserungen innerhalb der gegebenen Basisinstitutionen. Diese werden von ihm als Kombination von Inklusion (der Eingliederung oder sozialen Integration von immer mehr Bevölkerungsgruppen in die Grundinstitutionen einer Gesellschaft), Wertegeneralisierung (als eine hohe Flexibilität verschiedener kultureller Ausdeutungen innerhalb gemeinsamer Grundwerte), Differenzierung (im Sinne institutioneller Innovationen) und Statusanhebung (als Wachstum des materiellen Wohlstands und der sozialen Kompetenzen für möglichst viele Bürger) verstanden (Zapf 1991, S.33/34). Nun lassen die Prozesse der sozialen Umwandlung auf dem Lande in Ostdeutschland in mancher Hinsicht aber auch gegenteilige Wirkungen erkennen, wie zum Beispiel statt Inklusion ebenso Prozesse der Exklusion (nämlich steigende soziale Ungleichheit), statt einer Wertegeneralisierung ebenfalls eine länger anhaltende Phase von Orientierungssuche, neben Statusverbesserung von sozialen Gruppen eben auch Statusverschlechterung. Das zeigt, dass der ostdeutsche Transformationsprozess begleitet wird von dramatischen Einbrüchen - worauf Zapf selbst ausführlich hinweist (Zapf 1996, S.318ff.) - und zugleich ein Prozess ist, der sich über einen wesentlich längeren Zeitraum als die bisher zurückgelegten 8 Jahre erstreckt.
Neben solchen Einbrüchen und auch vereinzelten Rückwärtsentwicklungen (wie z. B. die Aufteilung moderner, effektiver Großbetriebe in Gruppeneigentum und damit die staatlich geförderte Rückkehr zum privaten Einzelbauerntum) lassen sich außerdem rasante Nachholprozesse vor allem in den Bereichen Wohlfahrtsstaat, Infrastruktur und Massenkonsum beobachten. So fand und findet in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands eine umfängliche Modernisierung der Versorgungs-, Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur durch die Übernahme der fortgeschrittensten Technik statt.
Allem Anschein nach wird zudem auch in Ostdeutschland ein allgemeiner Trend sichtbar, dass nämlich in modernen Industrieländern eine fundamentale Transformation der [Seite 31↓]Berufsstrukturen hin zu ”Dienstleistungsgesellschaften” erfolgt - und das vor allem auf Kosten der Landwirtschaft.
Es scheint mit Blick auf die ostdeutschen Transformationsverläufe auf dem Lande alles in allem jedoch angeraten, sich mit den Gedanken vertraut zu machen, dass sich der weitere gemeinsame Modernisierungsprozess im vereinten Deutschland auch in einer zunehmenden Vielfalt von organisatorischen Erscheinungsformen realisiert. Beide deutsche Gesellschaften haben ein Stück auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft zurückgelegt und damit auch einen systemübergreifenden Modernisierungsprozess durchlaufen, der u. a. zur Bildungsexpansion, zum Anstieg der Lebenserwartung, zu Geburtenrückgang und Verringerung geschlechtsspezifischer Ungleichheiten führte. Das erforderliche Modernisierungsniveau im ostdeutschen Agrarbereich lässt sich nicht einfach aus der Geschichte der bisherigen Bundesrepublik heraus bestimmen und extrapolieren, um daraus mögliche Entwicklungsperspektiven für die Landwirtschaft abzuleiten. Vielmehr ist der ”Ungleichartigkeit der Modernisierung” - um eine Formulierung von Weiß (1994, S. 294) aufzugreifen - im Bereich der Landwirtschaft im nunmehr vereinten Deutschland stärker Rechnung zu tragen. Das setzt voraus, diesen Bereich als einen differenzierten mit durchaus erkennbaren Widersprüchen und auch Paradoxien versehenen Bereich der DDR-Gesellschaft wahrzunehmen, in dem bereits eine selektive Modernisierung mittels zentraler Instanzen und auch knapperen Ressourcen stattfand.
Wenn die ”Basisinstitutionen” der Modernisierung - wie z. B. Einrichtungen der Massenbildung und Massenmedien, die Organisationen des Wohlfahrtsstaates u. a. - auch notwendige Errungenschaften bleiben, hinter die kein Weg zurückführt, so schließt das eben nicht aus, dass sich auch einige ostdeutsche Strukturbesonderheiten entwickeln - wie zum Beispiel eine spezifische Bauernschaft in den neuen Ländern - die eben vom westdeutschen Muster abweichen (vgl. Geißler 1996, S. 290f.). Es zeichnet sich inzwischen ab, dass Besonderheiten der ländlichen Sozialstruktur im Osten den sozialen Umbruch - wenn auch in modifizierter Form - überdauern werden. Dafür spricht zum Beispiel, dass ostdeutsche Landwirte nicht nur eigene Familienbetriebe bewirtschaften - die häufig eine größere Nutzfläche aufweisen als in den alten Ländern - sondern sich auch vielfach in sog. ”Personengesellschaften” zusammenschließen. Die überwiegende Mehrheit der landwirtschaftlich Tätigen arbeitet jedoch [Seite 32↓]weiterhin in den LPG-Nachfolgegesellschaften. Insgesamt erwirtschaften ostdeutsche Landwirte durchschnittlich höhere Gewinne pro Arbeitskraft als die westdeutschen Bauern. Geißler vertritt die Auffassung, dass die ostdeutschen Landwirte, die den Umbruch überlebt haben, aufgrund ihres aus DDR-Zeiten erhalten gebliebenen Gemeinschaftsgefühls nicht in dem Ausmaß von sozialer Randständigkeit bedroht sind wie viele westdeutsche Bauern (ebenda, S. 297f.).
Der ostdeutsche Transformationsprozess auf dem Lande veranschaulicht also, dass der im großen und ganzen umfassende und abgeschlossene Prozess des Institutionentransfers dennoch die Entstehung vom Westen nach Betriebsgröße und Betriebsform unterschiedlicher Agrarorganisationen zulässt. Daran wird bereits deutlich, dass mit dem Blick auf die Basisinstitutionen zwar notwendige, aber durchaus keine hinreichenden Kriterien der Moderne erfasst werden können. Offenbar scheinen die Basisinstitutionen auch in ihren Entwicklungsmöglichkeiten ausgereizt zu sein.
Während Hradil und Immerfall vorschlagen, in die Theorie verstärkt auch Kriterien der individuellen Autonomie und der persönlichen Mündigkeit aufzunehmen (1997, S. 25) - also Kriterien der subjektiven Dimension - ist es m. E. ebenso erforderlich, vorhandene Kriterien auf der objektiven Ebene zu erweitern und/oder zu spezifizieren. Denn Kriterien wie beispielsweise Marktwirtschaft, pluralistische Demokratie und Rechtsstaatlichkeit machen ja gerade die Differenz zwischen den beiden ehemaligen deutschen Gesellschaftssystemen aus und sind so zur Erfassung des Modernisierungsgrades der DDR-Gesellschaft theoretisch nicht unproblematisch. Allein mit dem empirischen Aufzeigen der Differenz kann es wohl bei der Beantwortung dieser Frage nicht getan sein.
Als Resümee der Diskussion ist festzuhalten:
Wir haben es bei dem gegenwärtig stattfindenden Transformationsprozess auf dem Lande in Ostdeutschland mit einer ”sekundären”, der Epoche der Kollektivierung und Agrarindustrialisierung der ostdeutschen Landwirtschaft nachfolgenden Modernisierung zu tun. Wiedereinrichter von bäuerlichen Betrieben oder auch die Nachfolgeeinrichtungen der alten LPG haben dabei die ”widersprüchliche Einheit zwischen Tradition und Moderne” (Hildebrand et al. 1992) zu meistern.
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Herkömmliche Modernisierungstheorien (eingeschlossen die Auffassungen von einer reflexiven, paradoxen oder auch doppelten Modernisierung) vermögen über den Wandel auf dem Lande in Ostdeutschland zwar etwas Wesentliches auszusagen, d. h. aber nicht, dass sie schon alles Wesentliche sagen. Die Sicht auf die weiterführende Modernisierung mit ihren Kriterien bleibt somit ein Blickwinkel, der mit anderen Kriterien kombiniert werden sollte. Mit einer weiteren Annäherung der theoretischen Konzepte an die praktischen, widersprüchlichen Transformationsverläufe auf dem Lande in Ostdeutschland könnte der wissenschaftliche Transformations-Diskurs insgesamt weiter belebt werden.
1 Vgl. Stompe, A. : Der landwirtschaftliche Betrieb und die produktive Arbeit im Leben älterer Schüler auf dem Lande. a.A.o.. S. 59.
2 KIM = Kombinat Industrielle Mast.
3 GPG ist die Abkürzung für Gärtnerische Produktionsgenossenschaft.
4 GV ist die Abkürzung für Großvieheinheit.
5 Nach Berechnungen des deutschen Bauernverbandes (DBV). In: Berliner Zeitung vom 22. 12. 1997.
6 Der Umfang des primären Bereichs in der DDR-Wirtschaft war vergleichsweise doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern.
7 Als übereinstimmende Kennzeichen moderner Industriegesellschaften werden z. B. angeführt: Industrialisierung, Markt und Geldwirtschaft, zunehmende Arbeitsteilung, Urbanisierung, Massenbildungssystem, Kleinfamilie, Dominanz unselbständiger Erwerbsarbeit, räumliche Trennung von Familie und Erwerbsarbeit, Standardisierung des Lebenslaufs in vier Phasen, wohlfahrtsstaatliche Absicherungen, Durchsetzung von Rechtsgleichheit, Mehrung von Wohlstand, Bildung und Gesundheit, Ausdehnung von Bürokratie, weitgehende Durchsetzung geschlechtsspezifischer Rollenteilung (vgl. Hradil/Immerfall 1997, S. 12).
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| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 21.09.2004 |