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Der Fokus meiner Untersuchung zielt auf Jugendliche auf dem Lande, die sich an der Schwelle des Übergangs von der Schule in den Beruf befinden. Für Jugendliche in Ostdeutschland haben sich mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten die Bedingungen für die Gestaltung dieses Übergangs durch den Umbau des Bildungs- und Berufssystem wesentlich verändert. Diese im Leben Jugendlicher wichtigste Statuspassage widerspiegelt sehr anschaulich den sich vollziehenden Wandlungsprozess in der Gesellschaft. Bevor ich auf die sich verändernden sozialen Voraussetzungen für diesen Statusübergang eingehe, möchte ich zu Beginn zunächst einige theoretische Vorklärungen vornehmen.
Jugend - verstanden als soziologisch geprägter Begriff - wird von mir als die Periode in der Entwicklung des Menschen gefasst, in der dieser aus einer durch die Herkunftsfamilie bestimmten Schichtzugehörigkeit herauswächst und schließlich in derselben oder einer anderen Schicht seine eigene soziale Stellung in der Gesellschaft findet. Damit folge ich theoretisch der Auffassung von Jugend als Übergangs- bzw. Transitionsperiode zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, wie sie u. a. auch von Hurrelmann (1994) vertreten wird. Sein Konzept der Entwicklungsaufgaben erhält in meiner Arbeit insofern eine klare Gewichtung, als stärker der Aspekt der Integration Jugendlicher in die Gesellschaft und weniger der von ihm beschriebene zweite Aspekt der Individuation verfolgt wird. Die von ihm angesprochenen Bereiche: Familie, Schule, Freizeit sowie Werte und Einstellungen sind auch in dieser Untersuchung von offenkundigem Interesse.
Mit dem Begriff Jugend wird mitunter die Vorstellung von einer einheitlichen Gestalt verbunden, wenn von ‘der Jugend’ oder ‘einer Jugend’ die Rede ist. Es sei daher daran erinnert, dass es sich um eine spezielle sozial-demographische Gruppe der Bevölkerung handelt, die in sich strukturiert und damit höchst differenziert erscheint. Diese soziale Gruppe kann nicht auf bestimmte Altersbesonderheiten reduziert wer[Seite 35↓]den, da sie eben nicht nur durch bestimmte biologische und psychische Eigenschaften charakterisiert ist, sondern in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Handlungsweise durch soziale Bedingungsstrukturen der jeweiligen konkret-historischen Gesellschaftdeterminiert wird. So gesehen ist sie auch keine generelle Kategorie, ohne dass schichtspezifische bzw. geschlechtsspezifische Unterschiede gemacht werden (vgl. Eisenstadt 1966; Meier 1977, 1981, 1982; Schmidt 1989, Meulemann 1990). In dieser Sichtweise ist es dann auch völlig verständlich, dass Landjugendliche - die bereits eine Subgruppe darstellen - eben nicht nur Töchter und Söhne von Bauern sind.
Die soziologische Orientierung in der Untersuchung Landjugendlicher fordert also eine gesamtgesellschaftliche Perspektive, die ökonomische wie historische Phänomene einbezieht. Da Jugend vor allem auch schichtspezifisch auftritt, sind sowohl der vorangegangene Sozialisationsprozess wie auch die gegenwärtige gesellschaftliche Situation (z. B. der Ausbildungsstand) in die Analysen einzubeziehen (nähere Aussagen dazu im Punkt 3 dieser Arbeit).
In modernen Industriegesellschaften lässt sich die Lebensphase Jugend - ganz allgemein - als Abfolge spezifischer Statuspassagen beschreiben. Unter dem Begriff Statuspassage werden gemeinhin Übergänge zwischen Lebensabschnitten gefasst, die - wenn sie auch nicht unbedingt institutionell geregelt sein müssen (Konfirmation, Abschlussfeier)- so doch durch gruppentypische Initiationen, wie etwa “die erste Zigarette”, “der erste Rausch”, “die erste sexuelle Erfahrung”, markiert werden (vgl. Georg 1997, S. 429).
Der Statusübergang von der Schule in den Beruf ist eine außerordentlich wichtige Teilpassage, die über eine entsprechende Berufsausbildung bzw. Studium “gestartet” wird. Bereits Erikson sah in seiner 1959 vorgelegten sozialpsychologischen Studie die Übernahme der künftigen Berufsrolle als vorrangig bedeutsam für eine “erfolgreich” beendete Jugendphase an (1966, S. 100f.). Dieser Übergang in den Beruf leitet den Beginn einer der wichtigsten Statuspassagen im Leben des Menschen ein, nämlich den Übergang in das Erwachsenenalter und damit den Übergang von der ökonomischen Unselbständigkeit zur eigenen Erwerbstätigkeit. Dem Beruf kommt somit aus Sicht der Soziologie sowohl eine statuszuweisende als auch sozialintegrierende Funktion zu (vgl. Diewald/Solga 1996, S.261f.). Dieser Übergang in den Beruf stellt für [Seite 36↓]Jugendliche insgesamt den Beginn einer länger andauernden Statuspassage dar, die “als entscheidender Sozialisationsprozess” angesehen wird (Bolder et al. 1996, S. 15). Insbesondere in dieser Lebensphase erfolgt der Selbstverortungsprozess der Individuen, der ihren weiteren Lebenslauf maßgeblich bestimmt. Jugendliche müssen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, individuelle Lebenspläne entwerfen und eigene Perspektiven suchen. Diese höchst brisante Ablösungs- und Verselbständigungsphase der Jugendlichen findet statt “im Optionsraum zwischen regional besonderen Strukturvorgaben und individuellen Möglichkeiten, Erfahrungen und Wünschen.” (ebenda, S. 15). Die sich in dieser Phase vollziehenden individuellen Entwicklungen sind eingebettet in gesellschaftliche Strukturen, werden von diesen geprägt und prägen diese wiederum selbst. Solche gesellschaftlichen Strukturen umfassen u. a. sowohl die Organisation des Bildungs- und Beschäftigungssystems, die Familie als auch die Wohnungs- und Sozialpolitik. Eine Untersuchung der Teilpassage von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium hat somit unterschiedlichen Anforderungen zu genügen: Es ist das Zusammenwirken von gesellschaftlichen Strukturen und individuellen Bewegungen in diesen Strukturen zu fassen.
Der radikale Umbruch der Arbeits- und Lebensverhältnisse in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländern lässt die Handlungsentwürfe der Landjugendlichen in dieser Übergangsphase mit hohen Risiken behaftet erscheinen. Bei den Jugendlichen der späten 80er Jahre der DDR handelt es sich - wie Lenz feststellt - “um die erste Jugendgeneration...., deren Eltern selbst bereits im Rahmen dieser politischen und wirtschaftlichen Ordnung aufgewachsen sind.” (Lenz 1995, S. 194). Er bezeichnet sie daher auch als “zweite Generation” der DDR. Für diese “zweite Generation” ist die Neuorientierung auch insofern besonders schwierig, da die Akzeptanz elterlicher Beratung bei schulisch-beruflichen Problemen beeinträchtigt ist. Denn die Eltern kannten aus eigenem Erleben ebenfalls nur die Gegebenheiten der DDR-Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit nicht ausging.
In einzelnen Untersuchungen wurde dargelegt, dass ostdeutsche Jugendliche - entgegen den allgemein üblichen Ansichten - einander mehr Vertrauen in Fragen der Konzipierung von Handlungsstrategien und Lebensplänen entgegenbringen als den Vertretern der älteren Generation, eingeschlossen ihren Eltern (vgl. Beer et al. 1997). Diese sich hierin widerspiegelnde Abnahme der Vorbildfunktion der älteren Genera[Seite 37↓]tion bei den ostdeutschen Jugendlichen könnte für eine zunehmende Sicherheit der Jugendlichen im Umgang mit den neuen Lebensverhältnissen sprechen. Daraus sollte jedoch nicht voreilig der Schluss gezogen werden, dass das Verhältnis der ostdeutschen Jugendlichen zu ihren Eltern insgesamt schlecht bzw. gestört sei. Denn das wird wohlweislich von den Jugendlichen unterschieden, wie in zahlreichen Untersuchungen immer wieder belegt werden konnte (Behnken u. a. 1991, Melzer/Schmidt 1991, Merkens et. al. 1992, Steiner et al. 1993, Meier et. al. 1996). Diese Befunde sprechen in Konsequenz auch gegen jugend- und entwicklungspsychologische Ansätze, nach denen ein rapider sozialer Wandel - wie er beispielsweise in ländlichen Regionen Ostdeutschlands zu beobachten ist - zu einer Potenzierung von Generationskonflikten führen müsse (vgl. Griese 1987).
Bei einer Betrachtung Jugendlicher in den letzten Jahrzehnten wird deutlich, dass “immer mehr ... den Status des Schülers bzw. der Schülerin (besitzen), so dass man ohne weiteres sagen kann, dass ... ‘Jugend’ oder ‘Jungsein’ immer mehr die Form der ‘Schuljugend’ oder des ‘SchülerInnendaseins’ angenommen hat.” (Ferchhoff 1993, S. 109). Für das Jugendalter fällt die explosionsartige Ausdehnung des institutionalisierten Bildungswesens besonders auf. Im Vergleich zu ihren Eltern erwerben Jugendliche heute einen im Durchschnitt höheren Bildungsabschluss. Die gesellschaftliche Institution Schule ist für die Heranwachsenden daher neben der Familie eine besondere, allgegenwärtige und in vielerlei Hinsicht bedeutsame und lebensprägende Sozialisationsinstanz geworden. Als eine ganz wesentliche Voraussetzung zur Sicherung ihrer Lebenschancen wird von Jugendlichen und ihren Eltern die Aneignung von Bildungskapital (Bourdieu 1983) gesehen.
Eine Betrachtung der Systeme von Bildung und Ausbildung samt ihren Auswirkungen auf den Übergang von der Schule in die Erwerbstätigkeit ist insofern von herausragender Bedeutung für historisch komparative Untersuchungen in Ostdeutschland, da ohne die institutionelle Einbindung das individuell erreichte Bildungs- und Ausbildungsniveau vergleichsweise wenig aussagt.
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Es soll im folgenden vor allem verdeutlicht werden, worin der Bruch durch das “Neue” für Landjugendliche Ostdeutschlands, die sich an der Schwelle zwischen Schule und Berufsausbildung bzw. Studium befinden, besteht. Betrachtet werden dabei zunächst die schulischen Bedingungen in der Phase der DDR, dem sich ein Abriss der Veränderungen nach der sogenannten “Wende” anschließt. Betont werden muss, dass es mir nicht darum geht, diese Entwicklung umfassend darzustellen. Hier interessiert allein derjenige Ausschnitt, der Merkmale der Schulentwicklung auf dem Lande herausstellt. Anderes wird nur insoweit einfließen, wie es zum Verständnis spezieller Ereignisse erforderlich ist.
Ich möchte meine Ausführungen mit der Darstellung zentraler Entwicklungslinien des ostdeutschen Bildungswesens auf dem Lande beginnen, die sich vor dem Hintergrund der sich konstituierenden DDR-Gesellschaft zwischen 1945 und 1989 herausarbeiten lassen. Auf einige Etappen dieser Entwicklung soll im folgenden näher eingegangen werden:
Dass die Ausgangslage für den durch die Befehle eingeleiteten Neubeginn mehr als kompliziert war, sollen einige Angaben verdeutlichen: Von 2 051 Schulen in Mecklenburg-Vorpommern waren zum Beispiel nur 1 281 unbeschädigt, das entsprach 62,4 Prozent (Günther/ Uhlig 1974, S. 31). Brauchbare Schulgebäude wurden vielerorts als Kasernen, Lazarette, Flüchtlingslager, Notunterkünfte oder Vorratsspeicher benutzt. Im Durcheinander der letzten Kriegstage verschwanden viele Möbel und Lehrmittel, aber auch Türen und Fenster. In der sowjetischen Besatzungszone besaßen von den unbeschädigten Schulgebäuden nur knapp die Hälfte ein vollständiges Inventar.
Voll ausgebildete Schulsysteme, wo also jeder Jahrgang in einer gesonderten Klasse unterrichtet wurde, existierten auf den Dörfern nur in Ausnahmefällen. So waren in der sowjetischen Besatzungszone allein 4 114 Schulen einklassig (d. h. die Schüler aller Jahrgänge wurden in einem Raum von einem Lehrer unterrichtet), was einen Anteil von 40,7 Prozent aller Volksschulen auf diesem Gebiet ausmachte. Allein dadurch waren zweifellos die Bildungsmöglichkeiten für die Kinder auf dem Lande auf ein Minimum beschränkt. Mit der Veränderung der Schulstruktur auf dem Lande konnte die Zahl der einklassigen Landschulen bis Mai 1946 bereits auf 3 142 reduziert werden, was eine Abnahme von 23,7 Prozent entsprach (ebenda, S. 48).
Ganz wesentlich in dieser Phase war auch, dass die durch die Entnazifizierung hervorgerufenen Personallücken (1949 waren nur noch etwa 30 Prozent der Altlehrer im Schuldienst) durch Neulehrerkurse geschlossen wurden (Häder 1997, S. 88), die sich vor allem aus Antifaschisten, solche, die sich wenigstens nicht aktiv dem Faschismus angeschlossen hatten, und aus unteren Bildungsschichten rekrutierten. [Seite 40↓]Für das Land Mecklenburg/Vorpommern beispielsweise waren von den Teilnehmern im Juli 1946 etwa 55 Prozent aus Arbeiter- und Handwerkerfamilien
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(ebenda, S. 91). In den ersten beiden Schuljahren konnten so insgesamt 40 000 neue Lehrkräfte für die Schulen zur Verfügung gestellt werden (Günther/ Uhlig 1974, S. 37).
Des weiteren wurde mit den o. g. Befehlen die Umwandlung von Privatschulen in staatliche Schulen und die Trennung von Kirche und Schule - d. h. die religiöse Unterweisung und Erziehung der Kinder sollte aus dem Schulunterricht herausgelöst und ausschließlich den Religionsgemeinschaften überlassen werden - angeordnet.
Die prinzipielle Gleichheit der Bildungsmöglichkeiten, die Vermittlung einer gleichen, hohen Allgemeinbildung und einer gründlichen Berufsausbildung für alle Heranwachsende waren ohne Zweifel Faktoren zur schrittweisen Verringerung grundlegender sozialer Unterschiede gewesen. Andererseits belegten bildungssoziologische Untersuchungen, dass trotz der im wesentlichen einheitlichen Grundlagenbildung für alle die Schule nicht ohne weiteres soziale Unterschiede außer Kraft setzen konnte, die sich in spezifischen Lernerfolgen und in der Anerkennung der Bildung als sozialer Wert zeigten. Infolge einer Reihe von ungünstigen sozialen Bedingungen waren die Kinder von Eltern mit einem geringeren Bildungsniveau nach wie vor in einer objektiv benachteiligten Lage (Meier 1975, Meier/Reimann 1977, Meier et al. 1980). Ferner zeigten sich auch regionale Bildungsdisparitäten (vgl. Müller-Hartmann/Henneberger 1995). Des weiteren hoben sich Land- und Stadtschulen hinsichtlich materieller und personeller Bedingungen voneinander ab. So hatten Schulen auf dem Lande geringere Schülerzahlen verbunden mit kleineren Pädagogenkollektiven. Für Landschulen charakteristisch waren auch relativ große Einzugsbereiche - die mehrere Gemeinden umfassten - und der sich daraus ergebende große Anteil an Fahrschülern. Aber auch zwischen den Schulen auf dem Lande traten Unterschiede auf. Es sei hierbei auf solche Schulen verwiesen, die nur einzügig arbeiteten und jene die teilweise bzw. durchgängig Parallelklassen besaßen. Unterschiede wurden auch sichtbar hinsichtlich der Bausubstanz: Schulen in ehemaligen Gutshäusern und Kasernen sowie Schulen mit Altbausubstanz waren ebenso anzutreffen wie Schulen in neuen, modernen Gebäuden.
Im großen und ganzen hatte die DDR in ihren 40 Jahren ein einheitliches und ausgebautes Bildungssystem mit umfassenden vorschulischen, schulischen, außerschulischen und nachschulischen Bildungsmöglichkeiten geschaffen. Besonderes Merkmal der DDR-[Seite 43↓]Schule war ihre polytechnische Bildung, die in der Verbindung von Unterricht und produktiver Arbeit bestand 3 .
Aus den vorangegangenen Ausführungen wird bereits deutlich: Auch im Bildungswesen standen sich 1989 in Deutschland zwei unterschiedliche “Systeme” gegenüber. Nach Hörner lassen sich einzelne Elemente, in denen Abweichungen zwischen den Bildungswesen in Ost und West vorhanden waren, stichwortartig wie folgt herausstellen (1995, S.146f.):
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Im Prozess der Herstellung der Bildungseinheit in Deutschland nach dem gesellschaftlichen Umbruch wurde das einheitliche zehnklassige Schulsystem in Ostdeutschland auf das westdeutsche dreigliedrige Bildungssystem umgestellt, wobei man schon sehr früh in eine der drei Stufen (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) eingeteilt wird. Es brachte für die Jugendlichen in den neuen Bundesländern den schulfreien Sonnabend, die Zensurenskala bis zur 6 sowie den Wegfall bzw. die Einführung bestimmter Fächer und Inhalte. Der Wandel im Bildungswesen war insgesamt von einem eher durch Assimilation gekennzeichneten Einheitsgedanken denn von einem Innovationsschub für Gesamtdeutschland getragen. In den nach der Vereinigung verabschiedeten Schulgesetzen der neuen Bundesländer wurde allein die Beibehaltung der zwölfjährigen Schulzeit bis zum Abitur (eine Ausnahme bildet nur das Land Brandenburg) verankert. Im Hinblick auf den Einsatz der gymnasialen Oberstufe zeigen sich Unterschiede zwischen den neuen Bundesländern, auf die ich speziell für die ländlichen Regionen Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen-Anhalt eingehen möchte, da sie für meine Untersuchung von besonderer Relevanz sind:
Während Mecklenburg/Vorpommern auf eine Erprobungsphase verzichtet und sofort mit einer zweijährigen Qualifikationsphase in den Klassen 11 und 12 beginnt, setzt die Oberstufe in Sachsen-Anhalt schon in der 10. Klasse ein, die bereits als Erprobungsphase für das Kurssystem gestaltet ist (ebenda, S. 150). Auch hinsichtlich der institutionellen Differenzierung auf der Sekundarstufe I zeigen sich Differenzen. Mecklenburg/Vorpommern hat - übrigens als einziges neues Bundesland - das dreigliedrige Schulsystem der Altbundesländer mit Hauptschule, Realschule und Gymnasium (jedoch ohne das 13. Schuljahr) einfach übernommen. Sachsen-Anhalt hingegen legte Haupt- und Realschule ohne eine institutionelle Differenzierung zusammen und verzichtete damit auf die Einführung der Hauptschule. Der so entstandene nicht-gymnasiale Schultyp, der die Bezeichnung Sekundarschule führt, erlaubt nach neun Schuljahren den Hauptschulabschluss und nach zehn Schuljahren den Realschulabschluss. Die 5. und 6. Klassen werden als differenzierte Förderstufen geführt, danach wird in einem Hauptschul- bzw. Realschulgang Unterricht entsprechend des angestrebten Bildungsabschlusses erteilt (ebenda, S. 151). Hörner bemerkt zu Mecklenburg/Vorpommern, dass die sinkenden Schülerzahlen Ausdruck der Nichtakzeptanz der Hauptschule durch die Eltern seien. Somit werde auch dort der Trend zur Zweigliedrigkeit unausweichlich (ebenda, S. 153).
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Nach der Vereinigung sind im Bildungswesen der neuen Bundesländer des weiteren auch die Grundzüge der westdeutschen Curriculumstruktur mit übernommen worden. Veränderungen im Bereich der schulischen Lerninhalte treten zunächst einmal durch die Einführung des Religionsunterrichts als ordentliches Schulfach in allen öffentlichen Schulen besonders hervor. Allerdings bestand nach 40 Jahren atheistischer Erziehung nur noch für eine Minderheit der DDR-Bürger eine Beziehung zur Kirche. Auch der Lehrkörper war eher kirchenfremd. Diese Ausgangssituation veranlasste das Land Mecklenburg/Vorpommern dazu, einen “konfessionsübergreifenden” Religionsunterricht zu fördern, der so eine “eigene, freie Entscheidung” des einzelnen ermöglichen soll (ebenda, S. 158).
Des weiteren wurde der polytechnische Unterricht, der als besondere Errungenschaft der DDR-Schule galt, ersetzt durch vielgestaltige Konzeptionen der westdeutschen Arbeitslehre. So wurde zum Beispiel in Sachsen-Anhalt das Fach Technik/Wirtschaft aus dem Pflichtbereich des Gymnasiums der Sekundarstufe I herausgenommen und in die Hauptschulzweige der Sekundarschule als profilbildendes Fach eingeführt. Hörner stellt dazu fest, dass diese stärker ausgerichtete arbeitsorientierte Bildung im zweigliedrigen System allerdings in Konkurrenz zum sprachlichen Profil steht, das in der Regel die Voraussetzung für weiterführende Bildung ist (ebenda, S. 161/162).
In den wenigen Jahren nach Einführung des westdeutschen Schulsystems zeigt sich in den ländlichen Regionen, dass zahlreiche der ehemals vorhandenen und in der Regel gut ausgestatteten Landschulen (zehnklassige polytechnische Oberschulen) bereits geschlossen werden mussten, da infolge der Bildungsreform viele Kinder schon ab 5. Schuljahr das Gymnasium besuchen (meist in der Kreisstadt) und mittlerweile die Schülerzahlen für den Erhalt der Landschulen zu gering sind. Weitere Schulschließungen werden folgen, da sich der Rückgang der Geburtenzahlen noch einmal negativ auswirken wird. Mit der Schließung der Landschule geht immer auch ein wichtiges soziales und kulturelles Element im Dorf verloren. Inwiefern sich hierdurch auch soziale Ungleichheiten reproduzieren, indem sozial Schwache verstärkt davon abgehalten werden, ihre Kinder auf das Gymnasium zu schicken (da größere Entfernung, höhere Anonymität der Gymnasien), wird u. a. auch in der vorliegenden Studie zu reflektieren sein.
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Im Bereich der beruflichen Bildung wurde das ostdeutsche Berufsbildungssystem auf das “duale System” verpflichtet. Infolge der nichtvorhandenen wirtschaftlichen Infrastruktur führte das jedoch zu nicht unbedeutenden Problemen, vor allem im Hinblick auf das Unterangebot an Ausbildungsplätzen. Während in der DDR die gesamte Ausbildung fast vollständig unter der Obhut des Betriebes stand, besteht in Westdeutschland eine Dualität der Lernorte und der Träger 5 . Das hatte zur Folge, dass ein Überhang der Nachfrage nach Ausbildungsplätzen einsetzte, da die DDR-Großindustrie als bisheriger Träger der Ausbildung einerseits nicht mehr zur Verfügung stand und andererseits das Handwerk und die mittelständischen Unternehmen, die den Kern des dualen Systems bilden, sich nicht in dem Maße entwickelten. Ein großer Nachholbedarf entstand insbesondere im kaufmännischen und Dienstleistungsbereich, Bereiche, die in der DDR hinterherhinkten (vgl. dazu die Ausführungen im Punkt 1.1.2.). Mit dem insgesamt einsetzenden Schrumpfungsprozess der ostdeutschen Wirtschaft seit 1990 ist auch ein Wandel in der Berufs- und Branchenstruktur verbunden, der zu einer weitgehenden Umstrukturierung der nachgefragten fachlichen Qualifikationen führte (vgl. Sackmann/Wingens 1996). Folge all dessen ist, dass ein großer Teil der ostdeutschen Jugendlichen versucht, eine Lehre in den Altbundesländern zu absolvieren - im Jahr 1993 waren es allein 16 500 (Hörner 1995, S.163f.).
Zusammenfassend kann festgestellt werden:
Die Herstellung der Bildungseinheit hat für Jugendliche in den neuen Bundesländern spürbare Veränderungen mit sich gebracht. Auch wenn der Aussage Hörners generell zuzustimmen ist, dass bei der Schaffung der Einheit im Bildungssystem die Dominanz der Übertragung westdeutscher Institutionen in gewissem Sinne durchbrochen werden konnte, so darf nicht übersehen werden, dass auch die ohne Zweifel erkennbaren Innovationsimpulse gleichwohl eine entschiedene Abkehr vom Schulsystem der DDR bedeuten. Denn gewisse Modifizierungen erfolgten lediglich an vorhandenen West-Modellen (ebenda, S.170).
Im großen und ganzen sind ostdeutsche Jugendliche vor allem in ihren Berufschancen Altersgleichen in den alten Bundesländern gegenüber vielfach strukturell benachteiligt.
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Für entwickelte Industriegesellschaften ist nach wie vor der erfolgreiche Übergang in den Beruf und die Erwerbstätigkeit das Rückgrad der Lebensführung 6 . Beck bezeichnet den Beruf deshalb als “die Achse der Lebensführung” (Beck 1986, S. 220). Denn mit dem Übergang in die Berufstätigkeit wird nicht nur die Höhe der materiellen Existenzsicherung festgelegt, sondern auch über den sozialen Status, die Sozialkontakte und beruflichen Handlungschancen entschieden.
Der radikale gesellschaftliche Umbruch in Ostdeutschland und die damit einhergehende hohe Dynamik makrostruktureller Veränderungen haben die Bedingungen für den Übergang von der Schule in den Beruf gravierend verändert:
In der DDR-Planwirtschaft wurde das Arbeitskräftepotential den Betrieben zugewiesen, indem auf der Basis bildungsökonomischer Kontingentplanung für berufliche Ausbildungswege eine entsprechende Arbeitskräftelenkung erfolgte. Die DDR-Wirtschaft war insgesamt auf die Erzeugung eines Gleichgewichts zwischen Angebots- und Nachfragemengen von Arbeitskräften ausgerichtet. Hinter diesem Vorgehen verbirgt sich fraglos eine andere Arbeitsmarktrealität. Allerdings kann “von einer strikten planwirtschaftlichen Lenkung keine Rede sein”, wie Sackmann und Wingens in einer Studie zu Berufsverläufen von Hochschulabsolventen nachgewiesen haben (1996, S. 14). Die Autoren arbeiten heraus, dass “entgegen den Annahmen des kommandowirtschaftlichen Modells ... dieses Arbeitsmarktverhalten der Anbieter ... nicht als passiv, außengesteuert und entscheidungsentwöhnt bezeichnet werden (kann).” So gesehen entpuppe sich die Absolventenlenkung “als kontrafaktisches Deutungsmuster” (ebenda). Daher sprechen sich die Autoren für ein Erklärungsmodell beruflicher Ausbildungswege in der DDR aus, das sie als “Anbietermarkt” kennzeichnen. Dieser “Markt” entstehe aus der Tendenz des Systems zur Erzeugung von Nachfrageüberhängen, woraus sich durchaus entsprechende Handlungsspielräume auf der Anbieterseite [Seite 48↓]ergeben hätten (vgl. ebenda, S. 15). Von ihnen wird folgerichtig die These von einer an marktwirtschaftlichen Anforderungen gemessenen planwirtschaftlichen Fehlsozialisation der Arbeitskraftanbieter zurückgewiesen.
Gleichwohl kann als ein wichtiges Spezifikum der DDR-Berufsgesellschaft festgehalten werden, dass offiziell Berufs- und Betriebskonstanz gefordert wurde, d. h. berufliche und zwischenbetriebliche Mobilität nicht vorgesehen waren. In der Realität aber - das bestätigen entsprechende Studien (Sackmann/Wingens 1996, Huinink/Solga 1994) - waren sie durchaus üblich. Aus diesen Betrachtungen heraus werden von einigen Autoren gar marktähnliche Elemente in der Planwirtschaft registriert (Schrimpff 1983, S. 84ff.; Huinink/Mayer 1993, S. 155).
Alles in allem bleibt jedoch festzuhalten, dass mit dieser Art planwirtschaftlicher Arbeitsmarktregulierung für die Anbieter (Schulabgänger) eine nahezu umfassende berufsbiographische Sicherheit und langfristige individuelle Planungsperspektive mit relativ geringem Risiko garantiert wurde. Es gab keine Arbeitslosigkeit und eine Entwertung von Berufsqualifikationen war äußerst selten.
Demgegenüber wurde mit dem sozialen Wandel in Ostdeutschland im Bereich der beruflichen Ausbildung die in der DDR bis dahin wirksame planwirtschaftliche Zuteilungsstruktur übergangslos beseitigt. Das duale Berufsbildungssystem stellte nunmehr auch für ostdeutsche Jugendliche die wesentliche Schaltstelle für den Übergang in den Beruf dar. Dieser Übergang von der Schule in den Beruf erfolgt recht geordnet, denn Bildungs- und Erwerbssystem passen in ihrem hierarchischen Aufbau zusammen und die standardisierte Ausbildung bindet Personen nicht an einen bestimmten Betrieb. Sie erhalten ein breit einsetzbares marktfähiges Wissen.
Im Ostteil Deutschlands änderten sich mit dem Ausbildungsjahr 1990/91 die betrieblich zu gewährleistenden Voraussetzungen der Ausbildung allerdings wesentlich: Die ehemaligen DDR-Betriebe verloren ihre Märkte und kamen größtenteils unter Kostendruck. Folglich wurde die Ausbildung von Schulabgängern als zusätzlicher Kostenfaktor angesehen. Obendrein verringerte sich die Aufnahmekapazität der Betriebe noch durch die Verlängerung der Ausbildungszeiten von zwei auf drei Jahre. Eine starke Zurückhaltung beim Abschluss neuer Lehrverträge war die Folge. Das lässt sich an einigen Zahlen verdeutlichen: Gab es 1989 in der DDR noch 344 000 betriebliche [Seite 49↓]Ausbildungsplätze, so verringerten sich diese zu Beginn des Ausbildungsjahres 1991/92 in den neuen Bundesländern auf nur noch 265 000 (vgl. Schober 1992). In den neuen Bundesländern kamen 1992 auf 100 Bewerber 102 Ausbildungsplatzangebote (eingeschlossen bereits die überbetrieblichen Angebote), in den alten Bundesländern 122 (BMBW 1993, S. 35 ff.). In den vornehmlich landwirtschaftlich geprägten Regionen Ostdeutschlands, in denen also die territoriale Wirtschaftsgliederung monostrukturell ausgeprägt war, ist nach dem gesellschaftlichen Umbruch nicht nur eine größtenteils wirtschaftliche, sondern zugleich auch ausbildungsseitige Verödung entstanden.
Neben dieser quantitativen Seite ist mit der Ausbildung für alle auch das Problem der Zukunftssicherung verbunden. Welche der angebotenen Ausbildungen können regionalen Anschluss in die Erwerbstätigkeit finden? Da die Schaffung von Arbeitsplätzen langsamer vorankommt als deren Abbau, ist die Beantwortung dieser Frage generell recht heikel. Hinzu kommt, dass die Übernahmechancen nach der Ausbildung für Jugendliche in Großbetrieben (mit mehr als 1000 Beschäftigten) allgemein besser sind, während deren Anteil 1992 in Ostdeutschland jedoch auf 9 Prozent zurückgegangen ist. Felber weist in diesem Zusammenhang warnend darauf hin, dass Berufsausbildungen häufig “zur beschäftigungstherapeutisch aufgefüllten Warteschleife” verkommen und sich damit die Lebensperspektiven vieler Jugendlicher in Ostdeutschland radikal verkürzen (1996, S. 317). Er führt in seiner Studie des weiteren an, dass es in Ostdeutschland eine weithin verbreitete Unkenntnis über Entwicklungschancen in einzelnen Wirtschaftszweigen und Berufen gibt, die - anders als in den alten Bundesländern - nicht positiv regulierend auf die Berufswahlentscheidungen Jugendlicher wirken kann. Eine Ausbildung wird mehrheitlich immer noch als neue Chance verstanden und nicht auch als Möglichkeit, sich längerfristig ins berufliche Abseits bringen zu können (vgl. ebenda, S. 319f.).
Wie der wirtschaftliche Umbruch in Ostdeutschland ganz unmittelbar in die berufliche Ausbildung Jugendlicher eingreift, zeigt ein Vergleich Auszubildender nach dem Wirtschaftszweig des Ausbildungsbetriebes in den neuen und alten Bundesländern (Quelle: Schober 1993, S. 170). Wie die Tabelle 2 dokumentiert, wird sowohl der deutliche Rückgang in den primären und sekundären Wirtschaftsbereichen in [Seite 50↓]Ostdeutschland als auch der noch beträchtliche Abstand im Dienstleistungsbereich zu den alten Bundesländern erkennbar.
Tabelle 2: Auszubildende nach dem Wirtschaftszweig des Ausbildungsbetriebes (Angaben in Prozent)
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Wirtschaftszweig |
DDR 1989 |
Neue Länder 1992 |
Alte Länder 1990 |
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Landwirtschaft |
7 |
2 |
3 |
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Bergbau/Energie |
6 |
2 |
2 |
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Bauwirtschaft |
9 |
15 |
10 |
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Metallwirtschaft |
29 |
22 |
22 |
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verarbeitendes Gewerbe |
19 |
24 |
15 |
|
Handel |
9 |
8 |
17 |
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Verkehr/Bahn/Post |
9 |
7 |
3 |
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Kredit-/Versicherungsgewerbe |
- |
3 |
4 |
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andere Dienstleistungen |
9 |
11 |
23 |
Zusammenfassend ergibt sich aus den bisherigen Ausführungen, dass - wenngleich sich entsprechend der wirtschaftlichen Umgestaltung auch die Ausbildungsstruktur Ostdeutschlands schon wesentlich verändert hat - sie dennoch sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht künftigen Anforderungen noch nicht hinreichend gerecht zu werden vermag.
Die veränderte Bildungs- und Ausbildungslandschaft ebenso wie die neuen wirtschaftlichen Perspektiven zwingen ostdeutsche Jugendliche zu anderen Verhaltensstrategien beim Statuserwerb. Dabei sind die Schwellen beim Übergang von der Schule in die Erwerbsarbeit zwar für ostdeutsche Jugendliche prinzipiell nicht anders als für ihre Altersgefährten in den alten Bundesländern, liegen aber insgesamt deutlich höher. Für die Lebensplanung ostdeut[Seite 51↓]scher Jugendlicher scheint sich insgesamt die Auffassung durchgesetzt zu haben, dass mehr formale Bildung einen besseren Start im Rennen um Ausbildung, Arbeit und Einkommen verheißt. Auf das Abitur hat nach der Wende infolgedessen ein regelrechter Run eingesetzt. Als erstrebenswert wird allenfalls noch ein Realschulabschluss angesehen. Die sozialen Chancen des einzelnen steigen jedoch nicht proportional mit der Höhe der Bildung, denn die stattgefundene Trennung von schulischen Abschlüssen und beruflichem Aufstieg hat dazu geführt, dass es neben flexibleren Übergangsmöglichkeiten im Bildungssystem auch zu einer Entwertung von Bildungsabschlüssen gekommen ist. Das Streben nach dem Abitur geht also nicht gleichermaßen mit einem Studiumswunsch einher, sondern wird vielmehr als wichtige Voraussetzung für die Erlangung eines wunschgemäßen Ausbildungsplatzes angesehen. Helsper konnte in einer Studie zeigen, dass der in Gang gesetzte Prozess der Pluralisierung gleichwohl mit einem schulisch-beinharten Verdrängungswettbewerb um die äußerst knappen Ausbildungsplätze verbunden ist (Helsper 1993, S. 373f). In Zeiten des Ausbildungsstellenmangels kommt es unverkennbar zu einer Bevorzugung von Bewerbern mit höheren Schulabschlüssen (BMBW 1993, S. 49). Für ostdeutsche Jugendliche vergrößert sich dabei die bereits zu DDR-Zeiten existierende soziale Ungleichheit (vgl. Meier 1996). Neben schichtenspezifischen (das betrifft vor allem Kinder aus den unteren Bildungsschichten) nehmen auch geschlechtsspezifische Benachteiligungen zu. Im Ausbildungsjahr 1992/93 waren in Ostdeutschland beispielsweise 67 Prozent derer, die nach einer Bewerbung um eine Lehrstelle doch weiter die Schule besuchen, weiblich (BMBW 1993, S. 35).
Betrachtet man die Jugendphase in Ostdeutschland im Hinblick auf den Übergang von der Schule in den Beruf vor und nach 1989, so sind qualitative Veränderungen verbunden mit einem gewissen Risiko unverkennbar. Während die Übergangsphasen in der DDR leicht überschaubar, kalkulierbar und ohne Pausen organisiert waren, werden nun zwischen Schule und Beruf verstärkt Phasen der Bildung, der Erwerbstätigkeit oder auch des produktiven Abwartens eingeschoben. Obwohl bei den jüngeren Geburtsjahrgängen in der DDR - wie Huinink und Mayer (1993) in einer empirischen Studie aufzeigen konnten - Möglichkeiten der individuellen Steuerung beruflicher Wechsel durchaus vorhanden waren - ohne allerdings dem Risiko einer Arbeitslosigkeit ausgesetzt zu sein - erfolgte beispielsweise ein Aufeinanderstocken mehrerer Bildungsgänge in der DDR anders als in der Bundesrepublik jedoch eher im Erwachsenenalter als in der Jugendphase. Im Unterschied zur alten Bundesrepublik fand in [Seite 52↓]der DDR der Eintritt der Jugendlichen in den Beruf insgesamt früher statt und die Jugendphase war damit auch, da sie eben keine Überbrückungsmaßnahmen enthielt, vergleichsweise kürzer. Diese Transitionsperiode war demnach auch insgesamt weniger durch die Schulzeit bestimmt. In der Regel markierte sich mit dem Abschluss der 10. Klasse für die Mehrzahl (fast 90 Prozent) auch das Ende der Schulzeit. Lediglich 14 Prozent eines Jahrgangs erwarb die Hochschulreife durch den zweijährigen Besuch der Erweiterten Oberschule oder durch eine dreijährige Berufsausbildung mit Abitur (vgl. Arbeitsgruppe Bildungsbericht 1994). Damit hängt auch zusammen, dass die verschiedenen Etappen des Übergangs in das Erwachsenenalter in der DDR von den Jugendlichen in weitaus stärkerem Maße mit ihrem Altersjahrgang bewältigt wurden als in der Bundesrepublik.
Aus den bisherigen Ausführungen wird deutlich, dass gesellschaftliche Modernisierungsprozesse - wie sie sich auf dem Lande in Ostdeutschland auf gravierender Weise vollziehen - immer auch mit zeitlichen sowie inhaltlichen Modifikationen der Jugendphase interagieren. In zahlreichen Untersuchungen (Heitmeyer/Olk 1990, Behnken/Zinnecker 1992, DJI 1994, Friebel et al. 1996) wird in den letzten Jahren ständig auf die Vielfalt individueller Verhaltensmuster Jugendlicher bei der Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf hingewiesen und generalisierend die These vertreten, dass ein Wechsel von der “kalkulierbaren Karriere zur Patchworkbiographie” erfolge (Olk/Strikker 1990, S. 161) und somit eine “‘Erosion’ der Normalbiographie der Berufseinmündung” für Jugendliche derzeit charakteristisch sei (Raab 1997, S. 8). Allem Anschein nach habe der in Gang gesetzte gewaltige “Flexibilisierungs- bzw. Pluralisierungsschub weg von institutionell abgesicherten Arbeitsplätzen” (Diewald/Solga 1995, S. 260) in Ostdeutschland aus Jugend als einer ehemaligen Durchlaufphase eine Phase für sich selbst gemacht, die mit Parktaschen und Warteschleifen zur Überbrückung sowie Such- und Orientierungsphasen versehen ist (vgl. Felber 1996, S. 324; Arbeitsgruppe Bildungsbericht 1994, S. 544). Allein aus diesen Überlegungen wird deutlich, dass der Blick auf die ostdeutsche Jugend fast immer mit der (westdeutschen) Modernisierungsbrille erfolgt. Denn aus einem konstatierten Wandel der Jugendphase in Westdeutschland wird auf eine notwendige “selektive” Modernisierung der Jugendphase in Ostdeutschland geschlossen. Zu hinterfragen wäre zum einen jedoch, ob sich Veränderungen der ostdeutschen Jugendphase so einfach mit dem Instrumentarium der westdeutschen Sozialwissenschaft offen legen und erklären lassen. Können dann überhaupt die jeweiligen unter[Seite 53↓]schiedlichen Bedingungen des Aufwachsens in Ost und West in distanzierter Weise herausgestellt werden, und kann vor allem das sich herausbildende Neue mit letztlich alten Maßstäben erfasst werden? Es drängt sich zum anderen die Frage auf, ob denn überhaupt von einer insgesamt zunehmenden Individualisierung und Deinstitutionalisierung der Jugendphase West ausgegangen werden kann.
Zinnecker (1987, 1991) - der zu den Hauptvertretern kulturvergleichender Jugendforschung zählt - hat in seinen Arbeiten speziell den Wandel der Jugendphase in industriellen Gesellschaften Westeuropas im historischen Kontext theoretisch zu fassen versucht. Seine These geht davon aus, dass sich das klassische Modell des “Übergangsmoratoriums” in den Nachkriegsjahren (mit geplanten Bildungszeiten, Übergängen ins Arbeitsleben, einer frühen Ablösung von der Herkunftsfamilie verbunden mit einer frühen Gründung einer eigenen Familie) seit den 70er Jahren in Westeuropa immer mehr zu einem “Bildungsmoratorium” mit verzögerter Statuspassage und lockerem Zeitplan umwandelt. Diese These vom Wandel der Jugendphase in Industriegesellschaften Westeuropas wird nun im weiteren von ihm zu der Behauptung geführt, dass die Modernisierung in Ostdeutschland - wie in den anderen osteuropäischen Ländern auch - eben in dem Wechsel vom “Übergangsmoratorium” hin zum “Bildungsmoratorium” bestände. Dieser Blickwinkel legt nahe, davon auszugehen, dass eine Deinstitutionalisierung der Jugendphase Ost in der Art stattfinde, dass jeder nunmehr sein eigenes “Planungsbüro” sei. Das hieße aber, dass sich die jugendlichen Übergangsphasen in Ostdeutschland erheblich individualisieren würden und in eine “Wahl- oder Bastelbiographie” (Beck 1986, S. 217) münden. Zweifellos sind die Übergänge von der Schule in das Beschäftigtensystem für Jugendliche auf dem Lande nach dem gesellschaftlichen Umbruch schwieriger geworden und verlangen im Bildungs- und Ausbildungsbereich höhere Vor- und Anpassungsleistungen. Gleichwohl werden diese Übergänge nach wie vor durch institutionelle Zwänge reguliert und lösen sich keineswegs in Individuelles auf. So betonen Meier und Müller in diesem Zusammenhang, dass “nach der Auflösung realsozialistischer Planungszwänge ... beim Übergang ins Erwerbsleben ... das Reich der Freiheit individueller Optionen noch keineswegs angebrochen (ist), nur weil die Notwendigkeiten aktuell andere geworden sind.” (1997, S. 25). Zum anderen erscheint das vorausgesetzte ostdeutsche Modell von “Jugend als Übergangsmoratorium” höchst fragwürdig insofern, als damit zu stark das Bild einer “geschlossenen” bzw. “gefesselten” Gesellschaft gefördert und damit möglichen individuellen Handlungsspielräumen zu geringe Beachtung eingeräumt wird. So hebt Kohli mit dem Verweis auf die Ergebnisse aus dem Lebensverlaufsprojekt (vgl. Huinink/Mayer [Seite 54↓]1993) hervor, dass bereits im Kontext der DDR von einem gewissen Maß an Individualisierung auszugehen sei, was dem Bild von einer “geschlossenen Gesellschaft” widerspräche (Kohli 1994, S. 50/51). Auch für die Erfassung von Statuspassagen Jugendlicher im Kontext der DDR sind die Grenzen politischer Zugriffsmöglichkeiten, die Verhandlungsmöglichkeiten gegenüber den Repräsentanten des politischen und ökonomischen Systems sowie die individuellen Handlungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. Wenn jedoch - wie bei Zinnecker - von einer nur selektiven Modernisierung gesprochen wird, erfolgt schon - wie Steiner feststellt - indirekt eine Wertung ohne systemspezifische Bedingungen hinreichend zu berücksichtigen. Allenfalls werde noch auf die autoritären und politischen Strukturen der DDR-Gesellschaft Bezug genommen (Steiner 1994, S. 36f.). Für Steiner stellt sich außerdem die Frage, ob denn das Bildungsmoratorium tatsächlich bereits das Typische in der Entwicklung darstellt und ob man die interne Schichtung von Jugend so völlig vernachlässigen kann (ebenda, S. 38). Zinnecker verfällt mit seinem Theoriemodell vom Wandel der Jugendphase letztlich in das allseits bekannte Pauschalurteil “individualisierte Gesellschaft” (West) versus “formierte Gesellschaft” (Ost), was die Realität nur einseitig und damit verfälschend wiedergeben kann.
Ich denke, dass die in die Jugendforschung schon längst als Prämisse eingegangene und höchst strapazierte These vom “eingeschränkten Jugendmoratorium” in Ostdeutschland wie übrigens auch die Annahme von einer impliziten Gleichsetzung einer individualisierenden Entwicklung in Ost- und Westdeutschland, wie sie vor allem in der “Shell-Jugendstudie” in Erscheinung tritt (Jugendwerk Shell 1992), den Veränderungen im Statuserwerb ostdeutscher Jugendlicher auf dem Lande vor dem Hintergrund der dort ablaufenden Transformationsprozesse in keiner Weise gerecht zu werden vermag. Angemessen erscheint mir vielmehr, die differentiellen institutionell-strukturellen Bedingungen des biographischen Handelns Jugendlicher auch weiterhin herauszustellen, um dann vor diesem Hintergrund die jeweiligen Handlungsspielräume der Jugendlichen genauer analysieren und vor allem das Anderssein (nicht das Besser oder Schlechter) erfassen zu können. Die beiden sich auf die modernistische Jugendtheorie stützenden Strukturmuster “Formierung (Ost) und Individualisierung (West)” (Vollbrecht 1993, S. 18) und die davon abgeleiteten Thesen (Übergangsphase versus eigenständige Jugendphase) sind als Erklärungen für das Neue nach dem gesellschaftlichen Umbruch m. E. nicht geeignet. Festzuhalten bleibt, dass es sich bei der Jugendphase Ost um [Seite 55↓]ein anderes (und nicht lediglich eingeschränktes), von anderen Lebensbedingungen ausgehendes Jugendmoratorium handelt, wie dies auch von Steiner (1994) herausgestellt wird. Die Veränderungen in der Jugendphase Ost sind wohl noch am ehesten - wie auch die allgemeinen gesellschaftlichen Prozesse auf dem Lande - als weiterführende Modernisierung zu begreifen.
1 Für die Erfassung der sozialen Herkunft wurde der Beruf des Vaters zugrundegelegt.
2 ESP ist die Abkürzung für das Fach “Einführung in die sozialistische Produktion”.
3 Für die Schüler der 7. bis 12. Klassen war einmal wöchentlich eine Tätigkeit in einem staatlichen Betrieb oder in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft vorgesehen.
4 Berufsausbildung in der DDR war eine verfassungsrechtlich verankerte Pflicht.
5 Die Verantwortung für den schulischen Teil liegt bei den Kultusministerien, die für den betrieblichen Teil unter der Aufsicht der Selbstverwaltungsorgane der Wirtschaft.
6 Ob das auch in Zukunft so bleiben kann und sollte, ist angesichts der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt fraglich, soll aber in dieser Arbeit nicht weiter diskutiert werden.
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