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Mit der deutschen Vereinigung erhielt die vergleichende Jugendforschung einen ausgesprochenen Bedeutungszuwachs. Inzwischen ist die Anzahl der vorgelegten Studien und Abhandlungen zu Denk-, Verhaltens- und Lebensweisen der jungen Generation in diesem Kontext beträchtlich.
Generell sind diese Vergleichsuntersuchungen vor dem Hintergrund des stattfindenden Transformationsprozesses in Ostdeutschland als Ost-West-Vergleiche konzipiert und durchgeführt worden. Konstatiert werden muss, dass diese kulturvergleichende Jugendforschung westorientiert verläuft (darauf bin ich im letzten Punkt bereits kurz eingegangen), d. h. die verwendeten methodologischen Ansätze unterliegen vielfach einer Vorgehensweise, in der verstärkt der Abstand, die Differenz bzw. der Gegensatz zwischen Ost- und Westjugendlichen - von einem meist westlichen Modell ausgehend - ermittelt wird. Nur einige wenige Vergleichsstudien versuchen das Anderssein und die Verschiedenartigkeit aus dem jeweiligen soziokulturellen Kontext heraus zu erklären (vgl. Merkens et al. 1992; Steiner et al. 1993, Silbereisen et al. 1996). Griese beklagt in seiner Bilanz der deutsch-deutschen Jugendforschung daher auch das Fehlen vergleichender Studien zu ost- und westdeutschen Jugendlichen von ostdeutschenForschern (1995a, S. 18). Er verweist auf lediglich eine ostdeutsche Schülerstudie von zwei DDR-Forschern (Stock/Tiedtke 1992), die jedoch ganz offenkundig in bezug auf die Interpretation des qualitativen empirischen Materials ihrem eigenen Wunschdenken erlegen sind. Griese fragt daher zu recht ketzerisch, wer sich an welche Bedingungen angepasst hat: ”die ostdeutschen Schüler an die neuen Lebensverhältnisse ... oder die ostdeutschen Forscher an westdeutsche modernistische Theoreme und positive Sichtweisen der Wendefolgen?” (Griese 1995a, S. 21). Solche Studien sind m. E. auch wenig hilfreich für eine neue Jugendforschung, die sich als besonderer Teil der ”Transformationsforschung” zu etablieren beginnt.
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Ein wesentlicher Kritikpunkt an einem Teil dieser Vergleichsuntersuchungen ist zum anderen auch darin zu sehen, dass sozialer Wandel auf die Individualebene, also auf die notwendigen Reaktionen auf den sozialen Wandel, verschoben werden. Grund für diese einseitige Betrachtungsweise ist das Ausklammern makrosoziologischer Aspekte. Wenngleich die Autoren auf Merkmale wie Schicht, Alter, Bildungsniveau, Geschlecht und Wohnort hinweisen - Selbstverständlichkeiten in der soziologischen Jugendforschung - wird die soziale Gruppe der Jugendlichen in Ost und West letztlich als jeweils homogene Einheit betrachtet und damit der Vergleich zwischen ihnen pauschalisiert. Problematisch wird bei dieser empirischen Ausrichtung auch die Vernachlässigung spezifisch historischer Einflüsse. Erst deren Einbeziehung ermöglicht es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Vergleichsgruppen plausibler zu verdeutlichen.
In all den komparativ angelegten Jugendstudien zeigt sich bemerkenswerterweise, dass zwischen den Vergleichsgruppen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bestehen, und wenn Differenzen auftreten, diese nicht so groß sind, wie zunächst erwartet. Bereits die ersten beiden gesamtdeutschen Schülerstudien, die 1989/90 durchgeführt wurden, weisen neben Unterschieden im Demokratieverständnis beispielsweise auf erstaunliche Übereinstimmungen in den persönlichen Orientierungen hin (Behnken u. a. 1991, DJI 1992). Ausdrücklich wird in diesem Zusammenhang zudem auf die Gefahr von ”stereotypen Zuschreibungen” aufmerksam gemacht (vgl. Behnken u. a. 1991, S. 13f.). Und Veen stellt in seinem Buch ”Eine Jugend in Deutschland?” ebenfalls fest: ”Das wichtigste Ergebnis unserer Untersuchung soll hier besonders hervorgehoben werden: das hohe Maß an Gleichartigkeit der Meinungen, Einstellungen, Wertschätzungen und Verhaltensweisen der jungen Deutschen in West- und Ostdeutschland.” (1994, S. 9). Verallgemeinernd lässt sich aus diesen Betrachtungen entnehmen, dass insgesamt noch zu wenig eingesehen wird, dass Unterschiede zwischen Ost-Ost und West-West wesentlich größer sein können als Unterschiede zwischen Ost und West. Von daher wäre sicher einem Vorgehen zuzustimmen, das sich ausschließlich den mit den umfangreichen ostdeutschen Transformationsprozessen im Zusammenhang stehenden Veränderungen einer Teilgruppe zuwendet. Aussagefähiger wäre m. E. also der Vergleich von Vergleichbarem: also nicht so sehr Arbeitslose Ost und Arbeitslose West unterscheiden sich voneinander, als vielmehr ostdeutsche Arbeitslose von ostdeutschen Erwerbstätigen wie auch westdeutsche Arbeitslose von westdeutschen Arbeitsplatzinhabern. Im großen und ganzen [Seite 58↓]sind jedoch Studien, in denen speziell Ostjugendliche vor und nach dem gesellschaftlichen Umbruch und in ostdeutscher Perspektive analysiert werden, sehr dünn gesät. Untersuchungen wie die von Schorb und Stiehler (1991) zu ostdeutschen Jugendlichen im Kontext der neuen Medienkultur stellen diesbezüglich leider nur eine Ausnahme dar (vgl. Griese 1995a, S. 18). Heitmeyer fordert daher zu Recht als Folgerung aus seiner Kritik bisheriger Jugendvergleichsforschung verstärkt Studien zu Fragen, ”wie Jugendliche in den jeweiligen Gebieten mit den jeweiligen Strukturen, Chancen und Risiken zurechtkommen” - oder anders gesagt: Vergleiche innerhalb Ostdeutschlands und nicht zwischen Ost und West (1991, S. 251f.).
Mit meiner komparativ angelegten Untersuchung zur Landjugend möchte ich genau diesem Desiderat weitgehend entsprechen. Es handelt sich dabei zwar ebenfalls um eine Vergleichsuntersuchung, die jedoch im Unterschied zu den vorliegenden Vergleichsstudien einen bislang weitgehend unterbelichteten Ost-Ost-Vergleich zum Thema hat, der obendrein als historischer Vergleich angelegt ist. Dieser veränderte spezifische Blickwinkel soll es ermöglichen, sich dem mehrheitlich in den Jugendstudien bestehenden Hang zum Erklären von Unterschieden zwischen den Jugendlichen in Ost und West als auch dem - wenn auch deutlich weniger - von Gemeinsamkeiten zu entziehen, indem der Versuch unternommen wird, ein integratives Gesamtbild der Sozialisationskontexte Landjugendlicher in Ostdeutschland vor dem Hintergrund des sozialökonomischen Wandels als auch der aus DDR-Zeiten stammenden Sozialisationserfahrungen entstehen zu lassen. Mit anderen Worten: Es soll nicht nur Bezug genommen werden auf die komplizierte sozioökonomische Situation in ländlichen Regionen Ostdeutschlands und die daraus resultierenden Verhaltensweisen und Handlungsmuster, sondern ebenso auf die Nachwirkungen von Sozialisationserfahrungen aus der DDR.
Eine Betrachtung einschlägiger Vergleichsjugendstudien lässt weiterhin erkennen, dass Untersuchungen zur Teilgruppe der Landjugendlichen nach wie vor Forschungsneuland darstellen. Sowohl in den bereits erwähnten empirischen Ost-West-Vergleichsuntersuchungen als auch in den Jugendstudien, die vorwiegend die Lebenslagen von ostdeutschen Jugendlichen nach der Wende und ihre subjektive Verarbeitung thematisieren (zu nennen wären u. a.: Förster et al. 1993; Sturzbecher et al. 1994; Bolz/Griese 1995), wird die Gruppe der [Seite 59↓]Landjugendlichen weitgehend ausgeblendet. Lediglich die qualitative Untersuchung mit pädagogischen Absichten von Müller et al. (1994) zu zwei Jugendclubs auf dem Lande in Ost und West hebt sich von dieser Bilanz ab, bleibt allerdings die Ausnahme von der Regel.
Auch in den beiden ehemaligen deutschen Staaten waren Forschungen zu dieser speziellen Gruppe Jugendlicher gleichermaßen eher unterrepräsentiert. Es sind verhältnismäßig wenig Arbeiten zu nennen, die diesen Bereich für die alten Bundesländer thematisieren, wie z. B. die Arbeiten von Laakmann (1972), van Deenen (1975, 1979), Böhnisch/Funk (1989) und Böhnisch et al. (1991). Für Ostdeutschland wurden vor allem ältere Jahrgänge der Landjugend am Leipziger Institut für Jugendforschung in den Arbeiten von Süße et al. (1987) und Holzweißig (1980, 1985) und in einer umfassenden Sozialisationsstudie der Abteilung Bildungssoziologie der APW der DDR von Herzog und Stompe (1981) untersucht. Betrachtet man zudem jugendsoziologische Arbeiten, die einen Vergleich verschiedener Generationen Landjugendlicher in einem Raum vornehmen, so ist deren Zahl noch weitaus geringer. Hier heben sich im deutschsprachigen Raum insbesondere die Arbeiten von Ulrich Planck (1983) ab.
Neuere Studien, die eine differenzierte Einschätzung der Situation Jugendlicher nach der Wende gestatten, sind insbesondere durch die Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern (KSPW) vorgelegt worden. Eine von Golz und Mitarbeitern in diesem Rahmen angelegte Studie in Mecklenburg-Vorpommern richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Befindlichkeit Jugendlicher angesichts komplizierter sozialökonomischer Verhältnisse auf dem Lande nach der Wende. Eingeschlossen ist darin auch eine Betrachtung von Problemen Jugendlicher beim Übergang von der Schule in den Beruf, vor allem im Hinblick auf angestrebte berufliche Ausbildungsziele und ihre Migrationbereitschaft in die alten Bundesländer (Golz 1995, S.52f. und 58f.). Einschränkend muss jedoch eingeräumt werden, dass diese in einer durchaus ländlich geprägten Region durchgeführte Querschnittsuntersuchung lediglich in den Städten Neubrandenburg, Greifswald und Schwerin stattfand.
Im Unterschied zu all diesen Studien liegt nun das wissenschaftliche Interesse der vorliegenden Untersuchung in der Frage, wie gerade die risikoreiche Transformation der Arbeits- und Lebensbedingungen auf dem Lande in Ostdeutschland den Statusübergang für Landjugendliche von der Schule in den Beruf beeinflusst. Der Hauptakzent liegt dabei auf der Herausarbeitung von Veränderungen, die mit dem krisenhaften Umbruch in Verbindung [Seite 60↓]stehen. Gerade in ländlichen Regionen Ostdeutschlands lassen sich Veränderungen der Sozialisationskontexte in einer für die Heranwachsenden außerordentlich wichtigen Lebensphase mit besonderer Deutlichkeit erforschen, da ehemalige Strukturen und gewohnte Handlungsmuster nirgends mit solcher Rigorosität und Heftigkeit zerstört wurden und werden. Aus einer sozialisationstheoretischen Betrachtungsweise heraus sollen Erklärungen für etwaige Veränderungen beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium bereitgestellt werden.
In der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung der 90er Jahre ist die Relevanz der Jugendzeit für die Persönlichkeitsentwicklung und den Lebenslauf derzeit unbestritten. Dass Sozialisationsprozesse in der Jugend einschneidende Veränderungen nach sich ziehen und der Jugendphase in Industriegesellschaften damit eine hohe Sozialisationsfunktion zukommt, gilt allgemein als Konsens. So zeigen empirische Studien, dass das Jugendalter zum Beispiel für die Entwicklung politischer Einstellungen und die Herausbildung politischer Aktivitätsbereitschaft einen entscheidenden Lernzeitraum bedeutet (Fischer 1997, Münchemeier 1997, Krebs 1992). Obwohl Sozialisation ein lebenslanger Prozess ist, stellt die Jugendphase somit einen gewissen ”Höhepunkt der Sozialisation” dar. Die ehemals zu verzeichnende Dominanz der an früher Kindheit ausgerichteten Sozialisationsforschung kann schon seit längerem als überholt angesehen werden.
Mit dem Blick auf die Lebensphase Jugend ist eine komplexe Sozialisationsproblematik angesprochen, da es allgemein nicht nur um die sozialisatorischen Einflüsse einer Institution - etwa der Schule - geht, sondern um das Zusammenwirken verschiedener Institutionen und Gruppen (Familie, Schule, Freizeiteinrichtungen, peer-group u. a.) innerhalb eines bedeutenden Lebensabschnittes. Von Interesse wäre es zu erfahren, welche Bedingungen in Familie, Schule und Freizeit in welchem Maße die Handlungsentwürfe Landjugendlicher an der Schwelle zwischen Schule und Beruf beeinflussen. Insofern hat ein theoretisches Konzept zur Erforschung von Statusübergängen verschiedenen Forderungen gerecht zu werden: Die unterschiedlichen Wirkungen mehrerer sozialer Strukturen in der Gesellschaft sind zu beschreiben, untereinander ins Verhältnis zu setzen und im Hinblick auf die Gestaltung von [Seite 61↓]Statuspassagen Jugendlicher darzulegen. Von daher drängt sich ein sozialisationstheoretischer Ansatz geradezu auf.
Mit Sozialisation wird allgemein ein Gegenstandsbereich der sozialen Realität benannt, der die Beziehungen zwischen Person und Umwelt anspricht. Der Begriff bezeichnet die Gesamtheit der Lernprozesse des Menschen und lässt sich nach Geulen definieren als die ”Entstehung und Bildung der Persönlichkeit aufgrund ihrer Interaktion mit einer spezifischen materiellen, kulturellen und sozialen Umwelt.” (1994, S. 138). Mit diesem Begriff wird zum Ausdruck gebracht, dass das Individuum sich dauerhaft durch soziale und gesellschaftliche Faktoren mitentwickelt und sich als Persönlichkeit somit in keiner ihrer Funktionen und Dimensionen gesellschaftsfrei herausbildet. Es entfaltet sich vielmehr in einer konkreten Lebenswelt, die historisch vermittelt ist (Hurrelmann/Ulich 1991, Hurrelmann 1993).
Während des Sozialisationsprozesses - verstanden als lebenslanger Auseinandersetzungs- und Anpassungsprozeß mit gesellschaftlichen Anforderungen - sind vom Individuum bestimmte Entwicklungsschritte zu vollziehen, die den weiteren Lebensverlauf entscheidend mitbestimmen. Einen solchen wesentlichen Entwicklungsschritt im Lebensverlauf des Menschen stellt beispielsweise der Schulabschluss und der Übergang in die Berufsausbildung dar. Entscheidend in dieser Phase ist für das Individuum der Erwerb von sozialen Handlungskompetenzen, die sich im Kontext gesellschaftlicher Bedingungen entwickeln und es ermöglichen, dass Folgen des Handelns bedacht und für den weiteren Verlauf in Rechnung gestellt werden. In dem von mir zugrundegelegten interaktiven Modell von Sozialisation wird die Persönlichkeitsentwicklung in enger Beziehung zur Gesellschaftsentwicklung gesehen. Damit erfolgt eine insgesamt makrosoziologische Sicht auf die Sozialisationsprozesse, indem vor allem die historisch konkreten ökonomischen und sozialen Prozesse der Gesellschaft den Ausgangspunkt der Analysen bilden. Die vor allem interessierenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse auf dem Lande, die sich besonders vermittels der Familien auf die Lebensbedingungen und -verhältnisse der Jugendlichen auswirken, haben vor dem Hintergrund der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den neuen Ländern auch in historischen Dimensionen starke Veränderungen erfahren. Es steht außer Frage, dass sich die Sozialisationsbedingungen auf dem Lande in der DDR-Gesellschaft von denen während der gesellschaftlichen Umbruchphase erkennbar unterscheiden.
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Anhaltspunkte zur Aufklärung solcher Zusammenhänge bieten vor allem die in den 80er Jahren vorgelegten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu Folgen von Rezessionen in Westeuropa (z. B. Silbereisen et al. 1990) und den USA (z. B. Elder/Caspi 1988, Lempers et al. 1989). Eingehender wurden beispielsweise in den USA vor dem Hintergrund der ”Farmkrise” im Mittelwesten die Implikationen ökonomischer Krisen für die Zukunftsaspirationen und schulischen Einstellungen Jugendlicher, für ihr Selbstkonzept sowie ihre Neigung zu delinquentem Verhalten analysiert. Glen Elder verweist in seinen Arbeiten darauf, dass gerade in gesellschaftlichen Krisensituationen die Gelegenheit besteht, Zusammenhänge zwischen Gesellschaftsstruktur und Persönlichkeit eingehender zu erforschen. Er betont: ”Crises do not reside within the individual or situation but rather arise from interaction between an individual and particular situation; they emerge at the interface of individual and social situation, of group and its social environment. A crisis situation thus refers to a type of asynchrony in the relationship between person or group and the environment.” (1974, S. 10). Dieser von Elder angesprochenen Asynchronizität von Person und Umwelt soll in dieser Arbeit vor dem Hintergrund des ökonomischen Niedergangs ländlicher Regionen Ostdeutschlands nachgegangen werden.
In Längsschnittuntersuchungen (Blossfeld 1989, 1990; Mayer 1990) ist u. a. herausgestellt worden, dass dem Übergang vom Bildungswesen in den Beruf eine den Lebenslauf prägende Stellung zukommt. Für meine Arbeit erscheint der in der arbeitsmarktorientierten Lebenslaufforschung enthaltene theoretische Ausgangspunkt relevant, der davon ausgeht, dass es zwischen historischer Zeit und individuellen Lebensgestaltungen Verzahnungen gibt in der Art, dass beispielsweise eine günstige Arbeitsmarktsituation zum Zeitpunkt des Berufseintritts Startvorteile für den weiteren Berufsverlauf mit sich bringt und eine ungünstige Arbeitsmarktsituation entsprechend den weiteren Berufsverlauf erschweren. Diese Verquickung von Makro- und Mikroebene erscheint für die jugendliche Teilpassage von der Schule in die Berufsausbildung bedeutsam, da generell von einer strukturell engen Verkopplung von Bildungs- und Beschäftigungssystem in Deutschland auszugehen ist, worauf international vergleichende Studien explizit verweisen (vgl. Kappelhoff/Teckenberg 1987). Dementsprechend wäre auch zu fragen, ob in Perioden nicht nur heftiger Arbeitsmarktturbulenzen, sondern auch rasant verlaufender sozialstruktureller Wandlungen - wie dies in Ostdeutschland der Fall ist - die Weichenstellungsfunktion des Übergangs von der Schule in die Ausbildung für Landjugendliche erhalten bleiben kann.
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Ganz sicher wurden mit dem Wegfall der Institutionen der DDR und ihrem Ersatz durch ”Westimporte” die in langfristigen Sozialisationsprozessen erworbenen Orientierungen und Gewohnheiten ostdeutscher Jugendlichen nicht zwangsläufig abgelegt. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass individuelle Handlungsmuster und Wertorientierungen kurzfristigen Anpassungsprozessen nicht zugänglich sind (Hettlage/Lenz 1995b, S. 16). Es wird mit der Persistenz alter Muster für eine längere Zeit zu rechnen sein. Andererseits macht der Transformationsprozess in den Berufsfeldern wie auch in allen anderen Lebensbereichen die Aneignung neuer Handlungsmuster und Wertorientierungen erforderlich. Das Festhalten am Gewohnten kann nun auf der einen Seite durchaus als ein Bewahren kultureller Eigenständigkeit aufgefasst werden und damit als eine durchaus verständliche Reaktion angesichts der Flut an Neuem. Auf der anderen Seite bringt dieses Festhalten aber auch die Gefahr mit sich, dass dadurch das Funktionieren neugeschaffener sozialer Strukturen nachhaltig beeinträchtigt und schließlich zu einem Entwicklungshemmnis werden kann. Im Hinblick auf die Aneignung der neuen Verhaltensstandards und Orientierungsmuster formulierte Lenz für ostdeutsche Jugendliche recht treffend: ”Sie sind unterwegs, aber noch längst nicht angekommen.” (Lenz 1995, S. 221).
Wertorientierungen lassen sich nicht durch ”Schocktherapien” auswechseln. Dafür müssen die Lebensperspektiven verändert werden. Es sind gesellschaftliche Prozesse, die materielle Lebenslagen erzeugen und umgestalten. Diese wiederum haben erhebliche individuelle Konsequenzen: Sie bestimmen individuelle Lebenschancen und Risiken und prägen die Beziehungen zwischen einzelnen, Gruppen und der Gesellschaft.
Trotz aller aktuellen Schwierigkeiten hat die junge Generation aber gegenüber älteren Altersgruppen den großen Vorteil, dass sie vor dem Berufseintritt oder gerade am Berufsanfang mit der Umstrukturierung der Arbeitswelt konfrontiert wird und so die Optionserweiterungen bereits in jungen Jahren in Anspruch nehmen kann.
Die theoretische und empirisch-analytische Aufdeckung des komplexen Zusammenhangs zwischen den über soziale Strukturen vermittelten Lebenschancen und der Entwicklung individueller Handlungsmöglichkeiten gehört seit den Arbeiten von Marx, Weber und Durkheim zu den klassisch zu nennenden Themen der Soziologie. Aus einer Vielzahl soziologischer Untersuchungen ist bekannt, dass die Herkunftsfamilie eine ganz wesentliche Rolle für die Sozialisation Heranwachsender spielt, indem sie den zentralen Kontext in der [Seite 64↓]Entwicklung darstellt (Ditton 1992, Meulemann 1985, 1990, Berger 1994, Geißler 1994a, Bertram/Hennig 1995, Bolder et al. 1996, Bathke 1998). Die soziale Schicht wird dabei als die bedingende Variable für die familiale Sozialisation und damit auch für die jugendliche Persönlichkeitsentwicklung angesehen. Die sich daraus ableitende sozialstrukturelle Sozialisationsforschung richtet ihr Erkenntnisinteresse auf die Entschlüsselung gesellschaftlicher Bedingungen, die die sozial ungleichen Entwicklungs-, Bildungs- und Berufschancen bewirken.
Es wurde in dieser Arbeit bereits herausgestellt, dass in den meisten vergleichenden Jugendstudien seit dem gesellschaftlichen Umbruch die westdeutsche Sicht in bezug auf Forschungstradition, Jugendtheorie und Terminologie, Methodenkonstruktion und theoretische Deutung dominiert. Zum Abstecken des theoretischen Bezugsrahmens meiner Untersuchung greife ich nicht zuletzt auch aus diesem Grunde auf den sozialstrukturellen Ansatz in der Sozialisationsforschung zurück, wie er seinerzeit in der komplex angelegten Sozialisationsstudie über die Landjugend in der DDR - auf die im weiteren Vorgehen noch detaillierter einzugehen sein wird - zur Anwendung kam. Dieser Ansatz soll im folgenden eingehender vorgestellt werden.
Bildungssoziologische Forschung in der DDR betrachtete Jugend in ihrer gesellschaftlichen Abhängigkeit, in Beziehung zu wesentlichen sozialen Determinanten und in ihrem historisch bedingten Entwicklungsprozess. Jugend wurde daher nie als eine homogene Altersgruppe, sondern stets in ihrer sozialen Differenziertheit analysiert. Die theoretisch-methodologische Grundorientierung der Untersuchung zur Lebensweise älterer Schüler auf dem Lande ergab sich aus der Marxschen Dialektik von Persönlichkeit und Gesellschaft. Demzufolge wurde die [Seite 65↓]Lebensweise im Zusammenhang mit der bestehenden Produktionsweise betrachtet, d. h. im Zusammenhang mit dem Entwicklungsniveau der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen auf der jeweils konkret-historischen Entwicklungsstufe und nicht als etwas davon Unabhängiges (vgl. Marx/Engels 1958, Marx 1960). Dieses Herangehen ermöglichte es, die Lebensweise sowohl in ihrer Einheitlichkeit als auch Differenziertheit zu erfassen und somit zu zeigen, dass entsprechend dem gesellschaftlichen Entwicklungsstand und entgegen der in zentralen Dokumenten der Regierung immer wieder betonten Einheitlichkeit der Lebensweise aller Klassen und Schichten in der DDR gleichwohl Unterschiede auftraten. Letztere ergaben sich vor allem durch die auch in der DDR-Gesellschaft vorhandenen Gegensätze zwischen körperlicher und geistiger Arbeit, zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft, die im Zusammenhang mit den Unterschieden der Eigentumsformen (genossenschaftliches vs. gesellschaftliches oder staatliches Eigentum) sowie der Art des Einkommens den Charakter der sozialen Klassen und Schichten prägten. 2
Diese Sichtweise ermöglichte zugleich eine weitere, über die bloße Unterschiedlichkeit und Differenzierung zwischen den Klassen und Schichten hinausgehende Akzentuierung, dass nämlich auch innerhalb der Klassen und Schichten der DDR-Gesellschaft Unterschiede in der Lebensweise feststellbar waren. Hervorgerufen wurden diese zum einen dadurch, dass die Teilung der Arbeit innerhalb derselben Klasse sehr verschiedene Arbeitsweisen hervorbrachte, zum anderen waren sie aber auch bedingt durch die unterschiedliche Höhe des Einkommens, durch unterschiedliche Leitungsbefugnisse, durch unterschiedlichen Wohnort u.a.
Dass sich des weiteren die Einbeziehung regionaler Disparitäten für das Lebensweiseprojekt als notwendig erweisen würde, darauf deuteten bereits DDR-repräsentative bildungssoziologische Untersuchungen zu Oberschulabsolventen von 1977 hin, in denen festgestellt wurde, dass ”die durch die soziale Herkunft bedingten Unterschiede durch territoriale Umwelteinflüsse eher verstärkt als gemindert werden.” (Meier/Reimann 1977, S. 22). Ein entscheidender Aspekt bestand folglich darin, zu untersuchen, welchen Einfluss das Territorium auf die Ausprägung der Lebensweise älterer Schüler besitzt. Territorium wurde in diesem Zusammenhang verstanden als geographisch-infrastrukturelle Existenzbedingung. Stadt und Land ließen sich folglich als Siedlungsräume von verschiedenartiger natürlicher [Seite 66↓]Beschaffenheit und mit unterschiedlichen infrastrukturellen Merkmalen fassen, wobei sich das Land von der Stadt in der DDR-Gesellschaft vor allem unterschied durch:
Von ”städtischer” und ”ländlicher” Lebensweise zu sprechen, schloss jedoch ein, neben diesen territorialen weiterhin auch die sozialstrukturellen Aspekte ins Auge zu fassen. Eine rein territoriale Betrachtungsweise von Stadt und Land hätte nämlich zur Folge gehabt, dass mit den Begriffen ”städtische” bzw. ”ländliche” Lebensweise automatisch der Gedanke impliziert worden wäre, dass sich alle Menschen auf dem Lande mit ihrer Lebensweise gleichermaßen von den Einwohnern der Stadt unterscheiden würden. Allein die Tatsache aber, dass sich die soziale Struktur zwischen Stadt und Land nicht scharf abgrenzte, sondern eine Reihe von Gemeinsamkeiten aufwies, ließ schon erkennen, dass ein solches Herangehen die Realität nicht voll zu erfassen vermochte. Wenn auch - im Unterschied zur Stadt - das soziale Bild des Landes in der DDR entscheidend mitgeprägt war durch die Genossenschaftsbauern - die als typisch ländliche Klasse etwa ein Viertel der Landbevölkerung ausmachte - so waren es doch in der Stadt wie auf dem Lande die Erwerbstätigen in den verschiedenen anderen Wirtschaftszweigen, die den Hauptanteil an der Sozialstruktur stellten. Hinzu kam, dass die Entwicklung der ländlichen Struktur in der DDR vor allem in den 70er Jahren durch eine ständige Abnahme der Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten gekennzeichnet war, so dass sich zudem die Relationen zwischen den auf dem Lande wohnenden Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten veränderten (vgl. Punkt 1.1.1. dieser Arbeit).
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Diese Sicht auf Lebensweise - als durch Wohnort und soziale Stellung maßgeblich beeinflusst - aufgreifend, wurde der Frage nachgegangen, ob eine durch die Klassen- und Schichtzugehörigkeit primär bedingte Lebensweise durch die territorialen Bedingungen modifiziert wird, oder ob umgekehrt die Klassen- und Schichtzugehörigkeit eine primär durch die territorialen Bedingungen bestimmte Lebensweise beeinflusst.
Die bei Marx und Engels (1958) formulierte Grundvorstellung über das aktiv-tätige, seine Umwelt und sich selbst gestaltende Individuum fand ebenfalls ihren Niederschlag in der Lebensweiseuntersuchung, indem nunmehr der Handlungsaspekt eingeführt und mit der bislang einseitigen sozialstrukturellen Perspektive verbunden wurde. Damit wurde die makrosoziologische Analyse von klassen- bzw. schichtspezifischen Sozialisationsbedingungen mikrosoziologisch auf jugendspezifisches Handeln und dementsprechende Beziehungen erweitert. In der seinerzeit gefundenen Definition liest es sich dann so: ”Die Lebensweise der Schuljugend kann demzufolge als ein für diese soziale Gruppe typischer Satz von auf die Aneignung ihrer spezifischen, indessen von der sozialistischen Gesellschaft im ganzen hervorgebrachten Lebensbedingungen gerichteten Aktivitäten gefasst werden, wobei diese Aktivitäten in charakteristischen sozialen Beziehungen vor und mit bestimmten Interessen, Bedürfnissen, Wertorientierungen, Normen und anderen angebbaren Bewusstseinsinhalten einhergehen.” (Meier 1982, S. 747). Damit wurde die Lebensweise als die Gesamtheit aller sozialen Beziehungen, sozialen Aktivitäten und Wertorientierungen gefasst, wie sie beim jeweils konkret-historischen Entwicklungsstand der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse in ihrer Vielfalt - und zwar in unterschiedlicher Qualität und Ausprägung - vorzufinden sind.
Ein ganz wesentliches Attribut der Lebensweiseuntersuchung bestand des weiteren darin, nicht nur schlechthin die sozialisierenden Wirkungen einer Institution (z. B. der Schule), sondern das Zusammenwirken verschiedener Institutionen bzw. Gruppen innerhalb des Lebensabschnitts Jugend (also Familie, Betrieb, peer-group) zu erfassen, also die Perspektiven vom Schulalltag auf die ganze Lebenswelt dieser sozialen Gruppe auszudehnen. Die sozialen Beziehungenälterer Schüler wurden folglich in den Lebensbereichen
erfasst. Gewissermaßen gemeinsamer ”Bezugspunkt” für die Entfaltung sozialer Beziehungen und Aktivitäten stellten in der Untersuchung die Wertorientierungen dar, die als ”relativ stabile, sozial bedingte Einstellungen zu bestimmten gesellschaftlichen Erscheinungen, Personen, Tätigkeitsformen, Idealen, Leitbildern, Errungenschaften der materiellen und geistigen Kultur” (Weidig et al. 1977, S. 720) gesehen wurden. Es wurde davon ausgegangen, dass sie nicht nur die sozialen Beziehungen und Aktivitäten beeinflussen, sondern sich auch umgekehrt durch diese herausbilden.
Der Untersuchung wurde ein dementsprechendes theoretisches Modell zugrundegelegt, das die Komponenten der Lebensweise Schuljugendlicher als ein durch die konkreten Lebensbedingungen konstituiertes System verschiedener und wechselseitig beeinflussender Faktoren bestimmt und sich wie folgt darstellen lässt:
| Abbildung 1: Theoretisches Modell zur sozialen Interaktion Schuljugendlicher (Herzog/Stompe 1981) | ||
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Die Lebensweise der Klassen und Schichten in der DDR-Gesellschaft lässt sich mit Hilfe der Abbildung 1 wie folgt abstecken:
”Die Lebensweise, als Gestaltung sozialer Beziehungen unter angebbaren Bedingungen gefasst, wird demnach durch soziale Aktivitäten konstituiert. Nicht alle Tätigkeiten des Menschen, nicht alle Formen ihrer Lebensäußerungen und Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt können als soziale Aktivitäten gelten. Als soziale Aktivitäten sind Handlungen von Individuen, Gruppen, auch ganzer sozialer Klassen bzw. Schichten anzusehen, die auf andere Individuen, Gruppen oder Klassen (Schichten) bezogen sind. Meistens handelt es sich um ein wechselseitiges Aufeinanderbezogensein (soziale Interaktion).” (Meier/Wenzke/Reimann 1976, S.7).
Wenngleich die hierin enthaltene interaktionistische Auffassung keineswegs einen Perspektivenwechsel darstellt - dieser auch gar nicht beabsichtigt war - steht sie dennoch für eine bemerkenswerte Ergänzung bisheriger dominant benutzter makrosoziologischer Theorien. Einerseits erfolgte auf der Makroebene weiterhin eine schichtspezifische Sozialisationsforschung, indem die über die Herkunftsfamilie vermittelten sozial geschichteten, tatsächlichen Sozialisationsbedingungen Schuljugendlicher in einer gewissen Breite untersucht wurden. Dabei spielten neben der sozialstrukturierten Dimension der Lebensweise auch andere Dimensionen wie z. B. Geschlecht, Stadt-Land oder die Zugehörigkeit zu den ortsansässigen bzw. pendelnden Landjugendlichen (Fahrschüler) eine Rolle. Andererseits fanden das schuljugendspezifische Handeln und die entsprechenden Beziehungen gleichermaßen Beachtung. Damit war die subjektive Perspektive ergänzend zur Analyse der objektiven Sozialstrukturen hinzugetreten (vgl. Meier 1997). Makrosoziologische und subjektbezogene Theorieelemente wurden miteinander verknüpft und eine Theorieverbindung zu konstruieren begonnen, die als interparadigmatisch zu bezeichnen wäre, da Theorieelemente aus den beiden unterschiedlichen theoretischen Paradigmen übernommen wurden, ein erster, wichtiger Schritt, um den bisher vorherrschenden Dualismus zu überwinden.
Sozialisationstheoretisch lagen der Untersuchung zur Lebensweise insgesamt Vorstellungen zugrunde, wie sie auch in der westlichen Soziologie durchaus üblich waren und auch noch sind, nämlich das Handeln von Individuen in Verbindung zu setzen mit gesellschaftlichen Strukturen (vgl. Habermas 1981, Bourdieu 1983, 1989). [Seite 70↓]Nicht zuletzt liegt gerade darin für mich die Möglichkeit als auch die Berechtigung, die Daten dieser Untersuchung für einen historischen Vergleich mit heranzuziehen.
Wie die theoretische Einsicht in die Lebensweiseuntersuchung gezeigt hat, ist insbesondere versucht worden, eine komplexe Sicht der Beziehungen zwischen Individuum und Umwelt zu erschließen. Ohne seinerzeit den Ansatz von Bronfenbrenner (1976, 1981) zur Kenntnis nehmen zu können, wurde die Aufmerksamkeit in gleicher Weise auf die Einbindung Heranwachsender in unterschiedliche soziale Kontexte gerichtet. Darin besteht der eigentliche Kern des sozialökologischen Ansatzes Bronfenbrenners. Es wird grundlegend der Forderung nach Berücksichtigung weiterer Umweltvariablen Rechnung getragen und so ermöglicht, insbesondere die Erfahrungen Heranwachsender, die sie mit und in ihrer Umwelt machen, einzubeziehen(Bertram 1982, Vascovics 1982, Baacke 1988). Damit erfolgt eine notwendige Erweiterung des schichtspezifischen Ansatzes in der Sozialisationsforschung durch ”die Erfassung subjektiver Klimata in der Verknüpfung individueller und struktureller Daten.” (Baacke 1988, S. 71). Gerade in der Verbindung von eher soziologisch erfassten sozialen und psychologischen Einflussgrößen tritt die Stärke des Ansatzes von Bronfenbrenner zutage.
Der sozialökologische Ansatz von Bronfenbrenner bietet für meinen Untersuchungsgegenstand - veränderte Sozialisationsbedingungen in Zeiten sozialen Wandels für ostdeutsche Landjugendliche beim Übergang in den Beruf angemessen zu erfassen - einen geeigneten theoretischen wie methodischen Rahmen, da er sowohl der Komplexität aber auch der Dynamik und Offenheit des Gegenstandes gerecht zu werden vermag. Im Ökologieverständnis Bronfenbrenners ist bekanntlich sowohl ”die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Mensch und Umwelt, die aktive Rolle des Individuums bei diesem Prozess” als auch ”die ständige Veränderung, nicht nur des Individuums, sondern auch der Umweltbereiche” enthalten (Nickel/Petzold 1993, S. 85).
Bronfenbrenner begreift ”Umwelt als einen Satz ineinander geschachtelter Strukturen” (1981, S. 19), d. h. er konzipiert sie als eine hierarchisch geordnete Ge[Seite 71↓]samtheit des interpersonalen, physischen und institutionellen Kontextes, in dem die sich ausbildende Persönlichkeit alltäglich und kontinuierlich lebt. Bezugsgröße für Bronfenbrenner ist der unmittelbare Erlebnisraum des Heranwachsenden, den er bestimmt sieht durch die räumlichen und stofflichen Bedingungen des jeweiligen Handlungsortes
(Schule, Haus, Straße), durch die sozialen Beziehungen zwischen dem Heranwachsenden und den verschiedenen Bezugspersonen und schließlich durch die Tätigkeiten, die diese Personen miteinander und mit dem Heranwachsenden ausüben. Solche für den Jugendlichen wichtigen Umweltbereiche - auch als Mikrosysteme bezeichnet - sind z. B. Familie, Nachbarschaft, Schulklasse, Freundesgruppe, Partnerbeziehungen, denen er gleichzeitig als Mitglied angehört. Ein ganz zentrales Mikrosystem stellt zweifellos die Familie dar, die Wechselbeziehungen zu den anderen Mikrosystemen unterhält. Das sogenannte Mesosystem betrifft ausdrücklich diese Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Mikrosystemen als gesamten erfahrbaren Lebensbereich. Dieses Mesosystem erweitert bzw. verändert sich für den Jugendlichen, wenn er zum Beispiel in einen neuen Lebensbereich eintritt (Statusübergang).
Die jeweiligen Mikrosysteme lassen sich Exosystemen - wie z. B. Sozialschicht für die Familie und Schulsystem für die Schulklasse - zuordnen, an denen der einzelne zwar nicht mehr selbst beteiligt ist, die aber seinen Lebensbereich beeinflussen. Wenngleich sich das Exosystem also außerhalb des unmittelbaren Lebensbereiches befindet, wirkt es doch in dieses hinein (vgl. Nickel/Petzold 1993, S. 86). Mikro-, Meso- und Exosysteme wiederum entsprechen bestimmten Makrosystemen, die den gesellschaftlich-kulturellen Bezugsrahmen für diese Subsysteme darstellen. So können Stichproben aus der Zeit vor und nach der Wende als verschiedenen Makrosystemen zugehörig angesehen werden. Das hieße dann, dass die Entwicklung der Heranwachsenden entsprechend den unterschiedlichen soziokulturellen Bedingungen auch unterschiedlich verlaufen müsste. Erweitert hat Bronfenbrenner sein bisheriges Systemgefüge in den letzten Jahren um ein sogenanntes Chronosystem, womit er versucht, die zeitliche Struktureinheit menschlicher Entwicklung mit einzubeziehen. Darunter fasst er einerseits markante Zeitpunkte im [Seite 72↓]menschlichen Lebenslauf, wie z. B. Schuleintritt oder Schulentlassung, zum anderen wird aber auch ”persönlich durchlaufene Lebensgeschichte im Sinne einer Aufeinanderfolge bedeutsamer Ereignisse” aufgegriffen (vgl. 1986).
Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt Bronfenbrenner die sogenannten ”ökologischen Übergänge” (vgl. 1981). Gemeint sind damit alle Veränderungen in der Position einer Person, die durch einen Wechsel ihrer Rolle und/oder ihres Lebensbereiches in der ökologisch verstandenen Umwelt hervorgerufen werden und die Grenzen eines Systems überschreiten. Folglich könnte der Transformationsprozess auf dem Lande auch als Wechsel zwischen dem ehemaligen ostdeutschen und dem neuen bundesdeutschen Makrosystem verstanden werden, der vielfältige Veränderungen im Exosystem eines Jugendlichen bedingt. Aus dieser Überlegung ergibt sich weiterhin, dass der Statusübergang Jugendlicher in den Beruf, der nach Bronfenbrenner bereits einen ökologischen Übergang darstellt, durch einen weiteren ökologischen Übergang über die Grenzen eines Makrosystems hinausgehend verlagert wird.
Für Bronfenbrenner wäre jeder ökologische Übergang Folge wie Anstoß von Entwicklungsprozessen. Akzeptiert man diese Überlegung, dann kann daraus der Schluss gezogen werden, dass der Entwicklungsprozess der Jugendlichen entweder begünstigt wird, indem zur Bewältigung der komplexen Anforderungen die neuen Handlungsoptionen erschlossen und genutzt werden, oder dass die sich überlagernden ökologischen Übergänge zu Risiken und Konflikten führen. Ohne Zweifel spielen dabei ökonomische wie soziale und emotionale Unterstützungsressourcen der Herkunftsfamilie für die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben eine zentrale Rolle.
Dieses ökologische Entwicklungsmodell von Bronfenbrenner stellt für meine Untersuchung alles in allem einen geeigneten theoretischen Bezugsrahmen zur Erfassung der Interdependenzen und Interaktionen der Individuen bereit. Aus der ökologisch orientierten Sozialisationstheorie ergibt sich nun insofern eine Weiterentwicklung zur schichtspezifischen sozialstrukturellen Forschung, als hierin vor allem eine Abkehr von einer mechanistischen, unidirekten Einflussnahme von Umweltfaktoren auf das passive Individuum erfolgt. Mit anderen Worten: Aufgenommen und umgesetzt wird in der ökologischen Theorie vor allem die Erkenntnis, ”dass menschliche Ent[Seite 73↓]wicklung sich stets in dynamischer Wechselwirkung zwischen sich veränderndem Individuum und sich verändernder Umwelt vollzieht.” (Steinkamp 1991, S. 272). Steinkamp bezeichnet es auch als ”methodologisch richtungsweisend”, ”Umwelteinfluß stets als Kontexteinfluß zu begreifen” ebenso wie den Versuch, ”die gleichzeitige, nicht-additive Wirkung eines Bündels von unabhängigen Variablen, die in nicht-linearer Weise zusammenspielen”, zu erfassen (ebenda, S. 272/273). Damit werden also auch Variablen berücksichtigt, die in der klassischen Sozialisationsforschung als marginal ausgeklammert oder den Schichtkategorien subsumiert wurden - wie z. B. sachlich-räumliche Bedingungen (Wohngröße, Infrastruktur, Gebäude, Plätze) oder die Qualität sozialer Netzwerke - die aber die Wirkung solcher Variablen wie väterliche Berufsposition, Einkommen, Erziehungsstil oder auch Familienform auffallend modifizieren dürften.
Wenn in der Vergleichsanalyse das Gefüge sozialer, räumlicher und kultureller Bedingungen Heranwachsender beschrieben werden soll, um die Ganzheitlichkeit und Komplexität der jeweiligen Nahumwelt des Heranwachsenden annähernd abzubilden, dann heißt das für mich jedoch nicht, die Analyse sozialstrukturell indizierter Ungleichheit von Lebensbedingungen durch eine ”Milieustudie” zu ersetzen. Entsprechend dem sozialökologischen Konzept von Bronfenbrenner soll vielmehr mit den jeweiligen Exosystemen - insbesondere dem der Familie - der umfassende gesellschaftliche Bezugsrahmen in die Vergleichsuntersuchung einbezogen werden. Ebenso relevant für die Fokussierung der sozialräumlichen Nahumwelt erscheint mir auch das Postulat Bronfenbrenners, der subjektiven Sichtweise Rechnung zu tragen, denn die Umwelt ist nicht nur objektives Bedingungsgefüge, sie ist ebenso Handlungs- und Erfahrungswelt des einzelnen. Aus dieser Sicht ist es dann nur konsequent, Jugendliche nicht als ”abhängige Variable”, d. h. als passives Objekt ihrer Lebensbedingungen zu betrachten, sondern vielmehr als aktives Subjekt ihres Lebens.
Da gesellschaftliche Umbrüche - wie R. Mayntz herausarbeitet - ”rapide ablaufende, tiefgreifende (radikale) Veränderungen auf der Makroebene (sind), die zugleich auch die tieferliegenden Systemebenen (Meso, Mikro) involvieren” (1996, S. 142), lässt sich sozialer Wandel nur aus der Interdependenz von soziokulturellen Bedingungen der jeweiligen Umwelt und den sozialen Erfahrungen feststellen. Dem kann letztlich nur eine [Seite 74↓]Untersuchung Rechnung tragen, die sich vom methodischen Konzept der Mehrebenenanalyse leiten lässt, indem vor allem der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und gruppenspezifischen bzw. individuellen Handlungsmustern und Verhaltensweisen aufzuzeigen ist.
Die Entscheidung für ein sozialökologisches Theoriemodell ergibt sich zum einen daraus, dass die unterschiedlichen sozialen Kontexte, in die die Landjugendlichen eingebunden sind, auf jeweils spezifische Weise und interagierend den Statusübergang Landjugendlicher in den Beruf beeinflussen. Zum anderen ermöglicht ein sozialökologisches Erklärungsmodell auch, individuelle Handlungsstrategien für den Übergang in den Beruf als Summe des Einflusses verschiedener Bedingungsfaktoren zu erfassen. Erforderlich ist somit ein Modell, das sich am Makrosystem orientiert, indem allgemein angenommen wird, dass sich Differenzen im Makrosystem auf der Ebene der Exosysteme und schließlich der Mikrosysteme widerspiegeln (vgl. Abb. 2).
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| [Seite 75↓] |
| Abbildung 2: Sozialökologisches Modell zur Untersuchung auf dem Lande | ||
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Alle diese in dem Modell aufgeführten Kontexte - von der Familie, über Schule bis hin zur peer-group - leisten jeweils auf spezifische Weise, dennoch interagierend einen Einfluss auf die Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf. Das Modell strukturiert die Vielfalt der Wechselwirkungsprozesse zwischen Individuum und Umwelt, die im Zusammenhang mit dem Statusübergang von Bedeutung sein können.
Durch das Einbeziehen zweier Alterskohorten - einer Alterskohorte aus der Zeit vor dem gesellschaftlichen Umbruch und einer aus der Zeit danach - soll ermöglicht werden, Einsichten in die Folgen einer gesellschaftlichen Umbruchsituation auf die Sozialisation Heranwachsender zu gewinnen. Der ”historische Faktor” im Leben der beiden einbezogenen Jugendkohorten kann jeweils kurz als ”DDR-Generation” und [Seite 76↓]”Umbruchgeneration” bezeichnet werden. Auf der Makrosystemebene sind demnach die jeweils relevanten Merkmale der ökonomischen, sozialen und politischen Bedingungen auf dem Lande vor und nach dem gesellschaftlichen Umbruch zu betrachten. Dadurch soll verstärkt der Frage nachgegangen werden, ob und gegebenenfalls wie sich die historischen Erfahrungen mit dem Transformationsprozess auf dem Lande nach der Vereinigung auf die Gestaltung der Übergangsphase von der Schule in die Berufsausbildung bzw. Studium auswirken, oder ob vielleicht doch die unabhängig von der Zeit wirkenden jugendgemäßen Merkmale ihre Folgen zeigen. Da ins Zentrum der Aufmerksamkeit nicht der Übertritt ins Erwachsenenalter schlechthin rückt, sondern vielmehr die Teilpassage von der Schule in die Ausbildung bzw. zum Studium, erfolgt hierdurch gleichzeitig eine Eingrenzung auf das Untersuchungsobjekt Schuljugend. Es tritt auch die Funktion des Alters in dieser Untersuchungskonzeption zurück.
Für den historischen Vergleich stellt sich insgesamt vor allem die Frage, innerhalb welcher Sozialisationsstrukturen die Reaktionsmuster (Ausgestaltung der Übergangswege in den Beruf) verlaufen und mit welchen Ergebnissen.
Insgesamt werden der Vergleichsuntersuchung folgende Leitfragen zugrunde gelegt (vgl. Meier/Müller 1997, S.28/ 29):
Komparative historische Untersuchungen machen es generell erforderlich, vergleichbare Datenmaterialien über eine längere Zeitspanne zur Verfügung zu haben. Umfragen erfolgen dementsprechend jeweils in denselben Orten bzw. Regionen mit denselben Fragen und bei der gleichen Altersgruppe. Zusätzliches Gewicht erhalten historische Vergleiche immer auch durch bedeutsame gesellschaftliche Veränderungen, die zwischen den Erhebungswellen stattfanden.
Generell wird der Blick in meiner Untersuchung auf zwei Bereiche gerichtet:
Die empirische Erhebung der Daten erfolgte in einem zeitlichen Abstand von 15 Jahren. Eine erste Erhebung auf dem Lande wurde 1979/80 in Landgemeinden der Kreise Grevesmühlen (ehemals Bezirk Rostock, jetzt Bundesland Mecklenburg - [Seite 78↓]Vorpommern) und Tangerhütte (ehemals Bezirk Magdeburg, jetzt Sachsen-Anhalt) im Rahmen eines komplex angelegten Forschungsprojektes zur Lebensweise von Jugendlichen und ihrer Familien mit dem unter Punkt 3.2.1. dargestellten theoretischen Ansatz durchgeführt (vgl. Meier et al. 1980). Dieses vorliegende historische Material bildet die Grundlage für die vergleichenden Betrachtungen. 3
Fast genau 15 Jahre später im März/April 1995 fand nun in eben denselben Gebieten auf dem Lande eine weitere Untersuchung statt, d. h. die befragten Schüler und deren Eltern kommen aus dem ehemaligen Landkreis Grevesmühlen (der seit der Gebietsreform zum Landkreis Nordwest Mecklenburg gehört) und dem ehemaligen Kreis Tangerhütte/Osterburg (heute Bestandteil des Landkreises Stendal). Mit dieser zweiten Erhebung sollten hauptsächlich die Folgen des gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Lande in Ostdeutschland für Familien und Jugendliche im interkulturellen Vergleich zu der amerikanischen Untersuchung ”Families in Troubled Times. Adapting to Change in Rural America” (Conger/Elder 1994) analysiert werden. Diese interkulturelle Vergleichsstudie zum großangelegten ”Iowa Youth and Family Project” (vgl. Elder 1974, 1992b) stand unter der Leitung von Artur Meier (vgl. Meier et al. 1996).
Ausschlaggebend für die Wahl des Untersuchungsfeldes war des weiteren, dass ein Vergleich mit der einstigen Situation auf dem Lande in der DDR beabsichtigt war. Dennoch stellen die Daten von 1995 in gewisser Hinsicht ein ”Abfallprodukt” der internationalen Vergleichsstudie dar, da der Fragebogen nicht primär und ausschließlich nach den Erfordernissen des historischen Vergleichs entwickelt wurde, also keine Replikationsuntersuchung zu 1979/80 ermöglichte. Alles in allem handelt es sich bei dieser Untersuchung dessen ungeachtet immerhin um eine weitgehend orts- und methodenidentische Replikation.
Der Rückgriff auf die Primärdaten aus der Sozialisationsstudie von 1979/80 wurde insofern ermöglicht und erleichtert, als nach der Wiedervereinigung in dem DFG-fi[Seite 79↓]nanzierten Projekt ”Rekonstruktion und Reanalyse” 4 diese computergerecht gesichert und geordnet und damit einer weitergreifenden komplexeren statistischen Auswertung zugänglich gemacht wurden.
Die bereits angeführte Zielsetzung der empirischen Untersuchung zur Verknüpfung von gesellschaftlichen Lebensbedingungen auf dem Lande und deren subjektiver Verarbeitung durch die Jugendlichen mit ihren Handlungsweisen macht ein erweitertes Analysemodell im Hinblick auf die methodische und operationale Ausgestaltung erforderlich (vgl. Abbildung 3). Dazu sind vor allem die sozialen Mikrosysteme, in die die Landjugendlichen eingebunden sind, noch weiter auszudifferenzieren. Für die Erfassung mikrosystemischer Sozialisationsbedingungen (vor allem familialer und außerfamilialer) sind sowohl materielle und soziale Ressourcen der Landfamilien und das Familienklima (elterliche Kontrolle, Familienzufriedenheit), der Schulerfolg
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| [Seite 80↓] |
| Abbildung 3: Strukturmodell zur Genese von Übergangspfaden in den Beruf | ||
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| [Seite 81↓] |
und das Schulklima sowie die Freizeitinteressen und - angebote bedeutsam. Bei den Werthaltungen scheinen die Alltagswerte und die subjektive Wahrnehmung der gesellschaftlichen Veränderungen für die Bildungs- und Berufsentscheidungen Landjugendlicher aufschlussreich zu sein. All diese Variablen bestimmen - wenn auch mit unterschiedlichem Gewicht - die Sozialisation Jugendlicher bzw. sind Teile ihrer Sozialisation und bilden daher ”das Gerüst” des Untersuchungsschwerpunktes. Die mit dieser Untersuchung aufgegriffene Diskussionslinie bezieht sich auf die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen in Zeiten sozialen Wandels, die der Entstehung und Entwicklung von Handlungsweisen Jugendlicher beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium zugrunde liegen. Da die Antworten Landjugendlicher Mitte der 90er Jahre mit den Angaben Gleichaltriger von vor 15 Jahren gegenübergestellt werden, ist der historische Prozess der gesellschaftlichen Veränderung für Teilbereiche genauer zu erfassen. Bei einem derartigen Vorgehen ist demnach die wichtigste unabhängige Variable in der Analyse die Zeit, die eben durch den Vergleich zweier Generationen Landjugendlicher eingeführt wird. Der Zeitfaktor spiegelt sich also nicht im Alter der Befragten wider, sondern in den verschiedenen Kohorten. Demzufolge geht es bei dieser Untersuchung nicht um das Aufdecken von Alterseffekten, als vielmehr um das Nachweisen möglicher Kohorteneffekte, die historisch bedingt sind und den weiteren Lebenslauf wesentlich mitprägen (vgl. Kohli 1978, S. 56). Darüber hinaus handelt es sich gleichwohl um Periodeneffekte, denn die Befragungen fanden zwar in denselben Regionen statt, die sich aber infolge des gesellschaftlichen Umbruchs in einschneidender wie mannigfacher Weise verändert haben. Auftretende Periodeneffekte offenbaren also die Einwirkungen des sozialen Wandels und werden damit am stärksten in der Lebensumwelt der Jugendlichen erkennbar.
Für die beiden Jugendsamples waren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für eine bestimmte Phase in ihrem Lebenslauf - die Jugendlichen sind jeweils in der DDR geboren und haben dort ihre Kindheit verbracht - gleich, lediglich für das 95er Sample änderten sich diese im Alter von durchschnittlich 11 Jahren. Zum Zeitpunkt der beiden Erhebungen 1979 und 1995 - und das macht den eigentlichen Reiz dieses Vergleiches aus - haben wir es mit jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen zu tun, die verschiedene Gesellschaftssysteme repräsentieren, so dass [Seite 82↓]letztlich hinter diesem historischen Vergleich in gewisser Weise auch ein Systemvergleich steckt.
Zu beiden Messzeitpunkten wurden die Daten auf der Grundlage eines jeweils gesondert erarbeiteten standardisierten Fragebogens mit überwiegend geschlossenen Indikatoren für Schuljugendliche und Eltern erhoben (vgl. Tabelle 3).
Tabelle 3: Aufbau der Fragebögen in den beiden Landuntersuchungen
(Angaben absolut)
|
Erhebungszeitpunkt |
Schülerbefragung |
Elternbefragung |
||
|
Items in geschl. Skalen |
offene Fragen |
Items in geschl. Skalen |
offene Fragen |
|
|
1979/80 |
217 |
5 |
111 |
2 |
|
1995 |
251 5 |
9 |
227 6 |
13 |
Die Jugendlichen wurden zu beiden Zeitpunkten im Klassenverband einzeln und anonym ohne Anwesenheit der Lehrer schriftlich befragt. Die Befragung fand während der regulären Schulzeit statt. Es wurden dafür zwei Schulstunden zur Verfügung gestellt. Die Teilnahme in den Klassen war wegen der strikten Freiwilligkeit zu beiden Erhebungszeitpunkten recht unterschiedlich. Während 1979 in einer Totalerfassung alle Schüler der 9. Klassen der beiden Landkreise einbezogen waren (im Kreis Grevesmühlen wurden lediglich zwei im Sperrgebiet liegende Schulen herausgenommen), variierte die Teilnahme an der Befragung 1995 zwischen ca. 20 Prozent und bis über 90 Prozent und lag im Durchschnitt bei etwa zwei Drittel. Ein Grund dafür lag sicherlich in der für die Befragung 1995 erforderlichen schriftlichen Zustimmung der Eltern der Schuljugendlichen. Wie die Dateninspektion indes [Seite 83↓]zeigt (vgl. nachfolgende Ausführungen), ist es durch die Zahl der Antwortverweigerungen offensichtlich nicht zu einem selektiven Ausfall hinsichtlich zentraler soziodemographischer Variablen gekommen, so dass beide Stichproben als vergleichbar angesehen werden können.
Im Jahre 1979/80 wurden die Geburtsjahrgänge 1963 - 1965 untersucht. Deren Kindheit als auch Jugendphase fiel in eine Zeit, in der auf dem Lande die sozialistischen Produktionsverhältnisse (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften und Volkseigene Güter) bereits eingeführt waren. Die Jugendlichen wurden in der Einheitsschule (Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule) und den Kinder- und Jugendorganisationen (Junge Pioniere, Freie Deutsche Jugend) sozialisiert.
Die Kindheit der 1995 befragten Kohorte - also die Geburtsjahrgänge 1977-1980 - fiel ebenfalls in die DDR-Zeit. Es war die Zeit, in der die Landwirtschaft wirtschaftlich ihren Höhepunkt erlebte, in der die Industrialisierung der Landwirtschaft verbunden mit entsprechenden Strukturveränderungen (z. B. die Bildung von Großviehanlagen) vorangetrieben wurde. Das Ende der Kindheit dieser Kohorte fiel aber schon in eine Zeit mit Versorgungsengpässen sowie zunehmender Unzufriedenheit und schließlich der ”friedlichen Revolution”, die in den gesellschaftlichen Umbruch mündete. Ihr Eintritt in die Jugendphase vollzog sich bereits unter den für sie und ihren Familien neuen gesellschaftlichen Bedingungen .
Ergänzend zur Befragung der Schüler wurden auch jeweils deren Eltern in einem face-to-face Interview auf der Grundlage eines ebenfalls standardisierten Fragebogens befragt, d. h. Wortlaut und Abfolge der Fragen waren eindeutig vorgegeben und für den Interviewer verbindlich (vgl. Bortz 1984, S.165f.). Von den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten wurde nur die vom Befragten genannte Alternative eingetragen. Die Antwortvorgaben bzw. die Ratingskalen wurden den Befragten z. T. vorgelegt, um ihnen die Auswahl optisch zu erleichtern. Die Dauer des Interviews lag zwischen ein und zwei Stunden und erfolgte durch Hausbesuche bei den Eltern. Die Auswahl der Eltern fand nach dem Zufallsprinzip statt.
Die Messinstrumente der Basisuntersuchung, auf die sich der Vergleich bezieht, sind in der Tradition östlicher Industrienationen entstanden. Für den historischen Vergleich war es [Seite 84↓]demnach erforderlich, dass der Fragebogen zum zweiten Messzeitpunkt eine Reihe von sogenannten Replikationsskalen enthielt, durch die sich eine Verbindungslinie zur Erhebung 1979/80 herstellen ließ. Damit war ich gehalten, auf eine Reihe von Fragen unverändert zurückzugreifen. Sie betreffen folgende Untersuchungsdimensionen:
Insgesamt konnten lediglich 10 bis 15 Prozent der Indikatoren aus der Lebensweiseuntersuchung von 1979/80 wiederholt aufgenommen werden. Der größere Teil wurde den Erfordernissen des interkulturellen Vergleichs (Vergleich zur Untersuchung von Elder in Iowa) angepasst. Daraus resultiert die nur partielle Möglichkeit für einen historischen Vergleich. Mit anderen Worten: Die Vergleichsuntersuchung war nicht im engeren Sinne als Replikationsuntersuchung angelegt.
Technisch gesehen handelt es sich bei den Erhebungen um je stratifizierte Stichproben, bei der die Schuljugendlichen auf dem Lande anhand des Merkmals ”Abgangsschüler” (1995 waren alle Schüler einbezogen, die nach diesem Schuljahr die Schule beendeten) bzw. anhand des Merkmals ”Schüler der 9. Klasse” (gilt für 1979/80) ausgewählt wurden. Diese Stichproben sind jeweils für die Grundgesamtheit aller auf dem Lande lebenden Schuljugendlichen repräsentativ und lassen so beim Vergleich Verallgemeinerungen zu.
Zum Messzeitpunkt 1 (1979/80) wurden in die Untersuchung insgesamt 827 und zum Messzeitpunkt 2 (1995) insgesamt 855 Schuljugendliche aus gleichartigen Untersuchungsfeldern einbezogen. Die Zusammensetzung der Samples von 1979 und 1995 ist auffallend ähnlich, wie aus der Tabelle 4 ersichtlich wird:
|
1979 |
1995 |
|||
|
absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
|
|
Jugendliche insgesamt |
827 |
100 |
855 |
100 |
|
Geschlecht | ||||
|
männlich |
380 |
45,9 |
407 |
47,6 |
|
weiblich |
444 |
53,7 |
445 |
52,0 |
|
ohne Angabe |
3 |
0,4 |
3 |
0,4 |
Bezüglich der Mächtigkeit der beiden Stichproben kann festgehalten werden, dass sich keine wesentlich verändernden Relationen ergeben, was sich für den Vergleich als vorteilhaft erweist.
Die Stichprobenzusammensetzung zu beiden Messzeitpunkten ist hinsichtlich des Geschlechts gleich. Auftretende Unterschiede in den beiden Samples bezüglich des Alters (1979: 14- bis 16jährige; 1995: 14- bis 18jährige) fallen statistisch nicht groß ins Gewicht. Etwa 65 Prozent der Jugendlichen zum Messzeitpunkt 2 gehören zur Altersgruppe der 14- bis 16jährigen. Die gewisse Ungleichverteilung des Alters zwischen den beiden Stichproben soll dennoch bei den statistischen Analysen berücksichtigt werden.
In der Untersuchung 1979/80 waren ausgehend vom einheitlichen Schulsystem in der DDR vorwiegend Jugendliche aus den zehnklassigen Allgemeinbildenden Polytechnischen Oberschulen (POS) einbezogen worden. In den beiden Landkreisen gab es zum damaligen Zeitpunkt darüber hinaus jeweils eine Erweiterte Oberschule (EOS) in den Kreisstädten Tangerhütte (mit POS Teil) und Grevesmühlen, die au[Seite 86↓]ßerdem eine Unterbringung von Schülern aus abgelegenen Gemeinden im Internat ermöglichten.
|
Schulformen |
Insgesamt |
Grevesmühlen |
Osterburg |
|||
|
absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
|
|
Hauptschule |
11 |
1,3 |
11 |
2,1 |
- |
- |
|
Realschule |
340 |
39,8 |
340 |
65,5 |
- |
- |
|
Sekundarschule |
251 |
29,4 |
- |
- |
251 |
74,7 |
|
Gymnasium |
253 |
29,6 |
168 |
32,4 |
85 |
25,3 |
Mit dem Schuljahr 1991/92 wurde in den neuen Bundesländern - und damit auch in den untersuchten Gebieten Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen/Anhalt - das westdeutsche dreigliedrige selektive Schulsystem mit einigen landesüblichen Abweichungen eingeführt (vgl. dazu auch Pkt. 2.2.2.). Einen Überblick über die Verteilung der Population von 1995 nach den Schulformen vermittelt die Tabelle 5. Für die Abgangsschüler aus den Hauptschulen sind durch die geringe Anzahl keine ausreichend statistisch gesicherten Aussagen möglich. Sie sind jedoch entsprechend ihrem Anteil an der Grundgesamtheit in der Stichprobe vertreten. Die in Sachsen/Anhalt vorzufindende Sekundarschule stellt einen Schultyp dar, der vor allem durch die Integration von Haupt- und Realschülern im Klassenverband gekennzeichnet ist.
Die Stichproben sind jeweils sozial heterogen zusammengesetzt. Für die Untersuchungspopulation von 1979/80 konnte gezeigt werden, dass sie als repräsentativ für die beiden Landkreise gelten kann (vgl. Herzog/Stompe 1981, S. 130f.). Die soziodemographische Zusammensetzung der Schülerpopulation von 1995 - gemessen an der Ausbildung des Vaters - zeigt eine gewisse Diskrepanz nicht nur zur [Seite 87↓]Berufsstruktur der Väter der befragten Landjugendlichen von 1979/80, sondern auch zur ostdeutschen Gesamtstichprobe (vgl. Tabelle 6).
|
|
1979/80 Krs. Grevesm./Tangerh. |
1995 Krs. Grevesm./Osterbg. |
DDR 1990 SOEP-Ost 7 |
BRD 1989 SOEP-West 8 |
|
ohne abgeschl. Berufsausbildung |
16 |
4 |
9 |
19 |
|
Facharbeiter-/ Meisterabschluss |
55 |
54 |
66 |
71 |
|
Fachschulabschl. |
18 |
16 |
16 |
4 |
|
Hochschulabschl. |
11 |
26 |
9 |
6 |
Betrachtet man zunächst die berufliche Qualifikationsverteilung auf dem Lande von vor der Wende mit der Gesamtverteilung in der DDR, so kann festgestellt werden, dass die Werte für die Gruppe mit Facharbeiter- und Meisterabschluss auf dem Lande etwas niedriger liegen als im DDR-Durchschnitt, was mit dem höheren Alter der Väter zusammenhängt und als Beleg für die Repräsentanz der Stichprobe für ländliche Regionen angesehen werden kann.
Auffallend in der Ausbildungsstruktur der 95er Stichprobe ist der - sowohl im Vergleich zur 79er Stichprobe als auch zu den Erwerbstätigen in Ost- wie Westdeutschland - jeweils höhere Anteil der erwerbstätigen Väter mit Hochschulabschluss. Zieht man jedoch in Betracht, dass bei dieser Frage 1995 immerhin 41 Prozent Antwortverweigerungen registriert wurden (1979 waren es lediglich 7,6 Prozent) und stellt in Rechnung - wofür die weitere Dateninspektion eine Reihe von Anhaltspunkten liefert - dass die berufliche [Seite 88↓]Qualifikation der Väter dieser Schuljugendlichen vorwiegend in den unteren Ausbildungsgruppen anzusiedeln ist, so kann diese Stichprobe als durchaus akzeptabler Querschnitt der Qualifikationsstruktur auf dem Lande zum zweiten Messzeitpunkt betrachtet werden. Interessant ist, dass die Ostdeutschen - einschließlich der auf dem Lande lebenden - hinsichtlich der formalen Ausbildungsabschlüsse einen leichten Qualifikationsvorsprung gegenüber den Westdeutschen besitzen. Die Voraussetzungen für den Arbeitsmarkt im Gesamtdeutschland wären von daher durchaus erfolgversprechend (vgl. dazu auch Kreckel 1993, S. 54f.).
Komplementär zur Befragung der Jugendlichen wurden auch 99 Eltern (1979/80) bzw. sogar 200 Eltern (1995) mündlich interviewt. Die Zusammensetzung der jeweiligen Elternstichprobe wird aus der Tabelle 7 ersichtlich. Die Population der Eltern weist häufiger Mütter als Väter sowie beide Elternteile auf, die geantwortet haben.
|
1979/80 |
1995 |
|||
|
absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
|
|
insgesamt |
99 |
200 | ||
|
Sohn/Tochter | ||||
|
Sohn |
44 |
44,4 |
108 |
57,0 |
|
Tochter |
55 |
55,6 |
92 |
43,0 |
|
wer hat geantwortet | ||||
|
Vater |
13 |
13,1 |
42 |
21,0 |
|
Mutter |
48 |
48,5 |
120 |
60,0 |
|
beide |
38 |
38,4 |
38 |
19,0 |
Während 1979/80 etwas mehr Elternteile mit Töchtern in den 9. Klassen befragt wurden, war in der 95er Elternstichprobe der Anteil mit Söhnen in den Abgangsklassen bedeutend größer. Zwischen beiden Elternstichproben besteht nicht nur quantitativ ein nicht zu übersehender Unterschied, sondern auch in qualitativer Hinsicht: 1979 haben wir es bei den Jugend- und Elternstichproben mit zwei unabhängigen Stichproben zu tun; 1995 hingegen sind es zwei abhängige Stichproben, d. h. den be[Seite 89↓]fragten Elternteilen können die entsprechenden Jugendlichen zugeordnet werden, womit sich natürlich die Möglichkeiten für die statistische Auswertung erhöhen. Leider kann dieser Vorzug für den historischen Vergleich so gut wie nie zur Anwendung gebracht werden.
Zur Erfassung der unterschiedlichen Bedingungen und Verhältnisse auf dem Lande, aber auch zur Gewinnung weiterführender Informationen über die Probanden war die Einbeziehung einer Dokumentenanalyse als Sekundärerhebungsmethode unerlässlich. Als Datenquellen wurden herangezogen:
Die insgesamt 1682 Jugendfragebögen und 299 Elternfragebögen sind nach einer codierten Auswertung der offenen Fragen mit dem Datenverarbeitungsprogramm SPSS (vgl. Brosius 1988, SPSS® 1993) aufbereitet worden.
Die statistische Auswertung erfolgte zunächst für die einzelnen Erhebungszeitpunkte getrennt und im Anschluss daran wurde der Vergleich vorgenommen.
Die Auswertungsstrategie war von dem Bemühen getragen, die Datenmenge zu strukturieren und verschiedenartig nutzbare Zugänge zu den Datenmaterialien zu schaffen. Mit Hilfe einer explorativen Faktorenanalyse erfolgte die statistische Auf[Seite 90↓]bereitung der Daten eines Themenbereiches des Fragebogens, indem die Beziehungen innerhalb eines großen Satzes von Variablen durch Faktoren dargestellt wurden. Dieses Verfahren wurde dazu angewandt, die Items einer Fragebatterie daraufhin zu untersuchen, ob sie sich zu möglichen, inhaltlich aber sinnvoll interpretierbaren Itembündeln zusammenfassen lassen. Die Antwortmuster wurden also im Hinblick auf ihre mögliche Kombination zu neuen synthetischen Variablen geprüft, womit insgesamt eine Informationsreduktion bewirkt werden konnte. Einbezogen wurden nur Faktoren, die mindestens eine Varianz von 1 aufklären und deren Ladungen wenigstens einen Absolutbetrag von >.5 erreichten (vgl. Bortz 1993, Holm 1976a).
Zur Prüfung der internen Konsistenz wurden für alle so konstruierten Indizes und Skalen die Reliabilitätskoeffizienten berechnet. Nur bei einem Cronbach’s Alpha von >.3 wurde die Messung als stabil und zufriedenstellend gewertet (vgl. Wittenberg/Cramer 1992, S. 97f.).
Mit der eingesetzten Methode der multiplen Regression wurde das Ziel verfolgt, aus komplexen multivariaten Beziehungen Zusammenhangsstrukturen aufzufinden. Dieses Verfahren verhalf dazu, möglichst genaue Vorhersagen von mehreren unabhängigen Variablen - Prädiktoren - auf eine abhängige Variable - das Kriterium - zu machen und so den Zusammenhang zwischen Prädiktoren und einem Kriterium zu erkennen und zu erklären. Für jede unabhängige Variable wird ein Regressionskoeffizient ermittelt, der den Einfluss auf das abhängige Merkmal beschreibt. Je größer dieser Koeffizient ist, desto bedeutender ist der geschätzte Einfluss auf die abhängige Variable. Eine Voraussetzung für diese Prozedur bestand jedoch darin, für einzelne benutzte Variablen, bei denen Items mit unterschiedlichen Antwortvorgaben verwendet wurden, eine z-Transformation (vgl. Bortz 1993, S. 44f.) vorzunehmen, um sie vergleichbar zu machen. Beispielsweise wurden 1979 bestimmte Items nach einer vierstufigen, 1995 jedoch nach einer fünfstufigen Ratingskala von den Befragten eingeschätzt. Die standardisierten Regressionskoeffizienten geben in diesem Fall Aufschluss über die Einflussstärke der einzelnen Merkmale bezogen auf eine Standardabweichung.
Für das jeweilige Gesamtmodell wurde auf der Grundlage der F-Statistik ein Signifikanzniveau errechnet, das angibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Beziehung zwischen der abhängigen und unabhängigen Variablen von Null verschieden ist. Das [Seite 91↓]von mir zugrunde gelegte Signifikanzniveau von p<.05 bedeutet, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von über 95% ein Zusammenhang zwischen den unabhängigen und der abhängigen Variable besteht.
Im Rahmen von Varianzanalysen (ANOVA) wurde untersucht, ob sich die Mittelwerte einer abhängigen Variablen zwischen mehreren Teilstichproben signifikant unterscheiden, wobei die Teilstichproben durch die Ausprägungen einer oder mehrerer unabhängiger Variablen definiert sind.
Die Clusteranalyse als Verfahren zur Bildung homogener Gruppen - sogenannter Cluster - innerhalb einer heterogenen Population wurde angewandt, um eine Vielzahl von Personen derart zusammenzufassen, dass Personen mit ähnlichen Eigenschaften ”räumlich” nahe beieinander liegen. Anders gesagt: Das Ziel dieses Verfahren ist es, die clusterinterne Varianz minimal und die Varianz zwischen den Clustern maximal zu halten (vgl. Eckes/Rosbach 1990). Das Problem bei der Berechnung von Clusteranalysen, die in dieser Arbeit zur Ermittlung der Übergangspfade angewendet wurden, ist zum einen die Bestimmung der Ähnlichkeit und zum anderen die Art der Zusammenfassung der Objekte (Personen) zu einem Cluster (nach welchem Algorithmus erfolgt die Zuordnung zu der einen oder anderen Gruppe). Ich habe mich für das rechenintensivere, partitionierende Verfahren der Clusteranalyse entschieden. Bei diesen Clusteranalysen werden die zu clusternden Objekte zunächst zufällig einer vorgegebenen Anzahl von Clustern zugeordnet. In einem zweiten Schritt werden dann mit Hilfe eines iterativen Suchprozesses die Objekt so lange nach einem Optimierungskriterium umgruppiert, bis ein vorgegebenes Abbruchkriterium (beispielsweise kann die clusterinterne Varianz nicht weiter reduziert werden) erreicht ist. Mittels des k-means Algorithmus wird die euklidische Distanz eines Objektes zu den Clustermittelwerten berechnet. Ist die Distanz zu einem anderen Cluster näher als zu dem gegenwärtigen, wird das Objekt in das entsprechende Cluster umgruppiert. Die Clustermittelwerte werden neu berechnet und der iterative Suchprozess beginnt von vorn. Die durch die Clusteranalyse erzeugten Gruppen werden durch die Anwendung einer schrittweisen Diskriminanzanalyse näher untersucht. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, ob sich die einzelnen Gruppen (Übergangspfade) signifikant hinsichtlich der Variablen des familialen und außerfamilialen Umfeldes unterscheiden (vgl. Backhaus et al. 1994, S. 91f.).
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Zur Anwendung kamen - je nach Datenlage - auch noch weitere statistische Verfahren wie T-Test und Korrelationsberechnungen, auf die hier jedoch nicht näher eingegangen werden soll. Das Signifikanzniveau wurde für alle Ergebnisse mit Alpha = 0.05 festgelegt.
Von den in den Fragebögen festgehaltenen sozialstatistischen Angaben der Jugendlichen waren neben Geschlecht und Schulabschluss die Angaben zu ihrer sozialen Herkunft von besonderer Relevanz, da sie grundlegende Aussagen über den sozialen Wandel ermöglichten. Allerdings stellt gerade das Einbeziehen solcher Angaben für historische Vergleichsuntersuchungen ein äußerst schwieriges Unterfangen dar. Daher soll im folgenden gezeigt werden, wie in dieser Untersuchung versucht wurde, zu einer empirischen Lösung dieses Problems zu kommen.
Das Anliegen meiner Untersuchung, Handlungsorientierungen und -strategien Jugendlicher bezüglich ihrer Statuspassagen in Ausbildung und Beruf unter veränderten sozioökonomischen Bedingungen auf dem Lande sozialstrukturell zu verorten, stellte mich vor die nicht leicht zu bewältigende Aufgabe, die soziale Herkunft der Heranwachsenden in der DDR und jetzt - in der gesamtdeutschen Bundesrepublik - zueinander in Beziehung zu setzen. Folglich berühre ich damit das ungewöhnlich schwierige Gebiet komparativer Sozialstruktur- bzw. Gesellschaftsanalyse.
In der Soziologie wird mit dem Begriff Sozialstruktur gemeinhin die Beschreibung sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft gefasst. Eine Analyse der Sozialstruktur soll aus soziologischer Sicht die innere soziale Gliederung der Gesellschaft abbilden und wendet sich damit ”den typischen, ungleichen Lebensbedingungen von Gruppen in der Gesellschaft” zu (Klocke 1993, S. 112). In den Blick geraten dabei vor allem [Seite 93↓]diejenigen Unterschiede in den Lebensbedingungen und Lebenschancen, die mit dem Aufbau der Gesellschaft zusammenhängen und dadurch systematisch und verhältnismäßig stabil verteilt sind. Entsprechend bestimmt sich Sozialstruktur als ”die Gesamtheit der relativ dauerhaften Grundlagen und Wirkungszusammenhänge der sozialen Beziehungen und der sozialen Gebilde (Gruppen, Institutionen und Organisationen) in einer Gesellschaft” (Schäfers 1986, S. 283). Angesprochen werden sowohl objektive Beziehungen von Gruppen, Schichten und Klassen als auch die Verteilung zentraler Ressourcen in der Gesellschaft.
In der Ungleichheitsforschung werden gegenwärtig zwei prinzipielle Standpunkte diskutiert: Zum einen werden von den Befürwortern der sogenannten Differenzierungsthese neue Modelle und Kategorien verlangt, die in der Lage sind, sozialstrukturelle Veränderungen in der Gesellschaft abzubilden (Beck 1986, Bolte/Hradil 1988). Dabei erfährt die von Schelsky (1979) bereits in den fünfziger Jahren aufgestellte These von der Entschichtung moderner Gesellschaften eine Renaissance. So verfolgt z. B. Ulrich Beck einen ganz ähnlichen Gedankengang, wenn er im Zusammenhang mit seiner ”Individualisierungsthese” hervorhebt, dass die Menschen in der Bundesrepublik ”in Verhältnissen jenseits der Klassengesellschaft” leben (1986, S. 121). Er umreißt das folgendermaßen: ”In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozess der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt.” (ebenda, S. 122). Seine Annahme von einer ”‘Klassenlosigkeit’ sozialer Ungleichheit” (ebenda, S. 117) hat letztlich zur Folge, dass traditionelle Denkmodelle - wie Klassen- und Schichtmodelle - zur Analyse sozialer Ungleichheit abgelehnt werden, da die mit den Individualisierungsprozessen verbundene zunehmende Vielfalt (gemeint ist die zunehmende Pluralisierung und Differenzierung) letztlich einen Bedeutungswandel sozialer Ungleichheit herbeiführen würde. Eine ähnliche Überlegung finden wir auch in den Auffassungen von einer ”handlungsproduzierten Ungleichheit” unter den Menschen wieder (Hradil 1987, Lüdtke 1989). Bei all diesen Auffassungen wird insgesamt davon ausgegangen, dass gleiche Lebensbedingungen zu ganz disparaten Lebensformen führen können, und in Rechnung gestellt, dass ”soziale Ungleichheit sich nicht mehr primär nach gesellschaftlich hervorgebrachten Chancenstrukturen [Seite 94↓]verteilt, sondern vielmehr individuelle und/oder gruppenspezifische Lebenspräferenzen widerspiegelt.” (Klocke 1993, S. 109). Damit wird lediglich noch eine Verschiedenartigkeit zwischen den Menschen zugrundegelegt, aber nicht mehr von einer Ungleichheit ausgegangen.
Demgegenüber gehen Befürworter der Konsistenzthese von einer Beharrlichkeit der Ungleichheitsmuster aus und favorisieren somit traditionelle Konzepte (Zapf 1987, Mayer 1990, Kreckel 1992, Klocke 1993, Geißler 1994b). So stellt Kreckel beispielsweise heraus, dass die Lebenswirklichkeit fortgeschrittener kapitalistischer Gesellschaften nach wie vor durch ein Klassenverhältnis theoretisch zu fassen sei, auch wenn die lebensweltliche Bedeutung sozialer Klassen schwinde (1992, S. 114f.). Die strukturelle Ungleichheit in modernen Gesellschaften habe auch angesichts vielfältiger Differenzierungs- und Individualisierungsprozesse den Ausgangspunkt soziologischer Analysen zu bilden, was ohne Rückgriff auf das Klassen- und Schichtmodell seiner Meinung nach nicht möglich ist (ebenda, S. 51 u. 60). Auch Geißler hinterfragt die These von der klassenlosen Individualisierung kritisch, indem er dazu bemerkt, dass mit der im Zuge des sozialen Wandels verbundenen Erweiterung der Spielräume menschlichen Verhaltens die weiterhin bestehenden vertikalen Ungleichheiten nicht aus dem Blick geraten dürfen. Es bestehe ansonsten die Gefahr, dass mit der ”Entdeckung” der ”neuen Ungleichheiten” aus der kritischen Ungleichheitsforschung ”eine gesellschaftspolitisch mehr oder weniger unverbindliche Vielfaltforschung” werde, aus der ”der gesellschaftskritische Gehalt” entwichen sei (Geißler 1994b, S. 14/15). Die durchaus notwendige Perspektivenerweiterung dürfe also nicht zu einem Perspektivenwechsel werden, was wiederum gleichbedeutend ”mit einer erneuten Verengung der Perspektive” sei (ebenda, S. 16).
Die Diskussion Differenzierungsthese vs. Konsistenzthese mündet im ganzen gesehen in die Frage, ob Schicht oder Klasse überhaupt noch sinnvolle Instrumente zur Analyse einer sich veränderten Sozialstruktur - wie sie in modernen Industriegesellschaften anzutreffen ist - abgeben können. Alles in allem besteht Einigkeit darüber, dass soziale Ungleichheit nicht monokausal erklärt werden kann. Als Bestimmungsfaktoren sozialer Ungleichheit werden u. a. Vermögen, Einkommen, Beruf, Bildung, Prestige, Geschlecht, Ethnie, Alter, Macht, Region, Arbeitsbedingungen, Wohnbe[Seite 95↓]dingungen, Gesundheit angeführt (vgl. Bolte/Hradil 1988). Klocke hat nun in einer Arbeit empirisch herausgefunden, dass den vertikalen Ungleichheitsfaktoren (also z. B. Klasse, Vermögen, Einkommen, Beruf, Bildung) primäre Bedeutung bei der Bewertung sozialer Ungleichheit zukommt (Klocke 1993, S. 126f.). Das bestätigt insgesamt die Auffassung, dass für die individuelle Position im sozialen Raum der sogenannte meritokratische Block ausschlaggebend ist. Die Untersuchung Klockes verweist auch darauf, dass die jeweiligen Lebensbedingungen durch weitere Faktoren sozialer Ungleichheit mitgeprägt sind: die vertikalen Faktoren legen die soziale Position nur im Niveau fest, die konkrete Lebenslage zeigt sich jedoch aufgrund sekundärer Merkmale (Geschlecht, Alter, Region) sehr vielgestaltig (ebenda, S. 127). Daraus lässt sich insgesamt zweierlei ableiten: Zum einen sind die pluralen Lebensbedingungen und -formen hierarchisch im System sozialer Ungleichheit verortbar und zum anderen bedeutet das Festhalten an den primären Ungleichheitsfaktoren keineswegs eine Leugnung der Pluralität der Lebensformen und -stile.
In der sozialen Ungleichheitsforschung hatte sich vor allem der Schichtbegriff nicht nur in der westlichen, sondern auch in der osteuropäischen Soziologie fest etabliert (vgl. z. B. Grundmann et al. 1976, Lötsch 1985). Gesamtgesellschaften wurden als geschichtete Gesellschaften betrachtet, indem die Gesamtbevölkerung einer Gesellschaft in verschiedene Gruppierungen - ”die Schichten” - untergliedert wurde, die sich im Hinblick auf ihre Lebenslagen und die damit zusammenhängenden Chancen (auf Einkommen, Bildung, Einfluss, Prestige u. a.) unterscheiden (vgl. Geißler 1994b, S.7).
Die in letzter Zeit geführten Diskussionen haben nun insgesamt zu einer weitgehenden Abwendung von dem Konzept der sozialen Schichtung (Weber 1980, Geiger 1972) geführt. Dennoch lässt sich das von Geiger (1949, 1962) entwickelte komplexe Schichtkonzept durchaus gewinnbringend in die sozialstrukturelle Sozialisationsforschung einbringen. Schichten umfassen demnach Menschen mit ähnlicher sozioökonomischer Lage (materielle Situation, Qualifikation, gesellschaftliche Funktion), d. h. die Mitglieder einer Schicht ähneln sich im Hinblick auf ”Lebensstandard, Chancen und Risiken, Glücksmöglichkeiten, aber auch Privilegien [Seite 96↓]und Diskriminationen, Rang und öffentliches Ansehen” (Geiger 1962, S. 186). Aus der jeweiligen Soziallage resultieren - aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen - ähnliche Einstellungen, Wertvorstellungen, Weltdeutungen, Verhaltensmuster und - aus dem Zusammenspiel von sozioökonomischer Lage und schichttypischer Subkultur - auch ähnliche Lebenschancen. (vgl. Geißler 1994b, S. 8f.). Der Schichtbegriff Geigers schließt ”Klasse” als besonderen Typus mit ein. Hervorhebenswert ist insbesondere, dass Geiger sich klar von deterministischen Vorstellungen einer passiven Prägung des Menschen abgrenzt, indem er auf die aktiven Subjektpotentiale und soziokulturellen Bindungen und Traditionen, in denen die Menschen ihre Umwelt erleben, verweist.
Wenngleich in modernen Gesellschaften durchaus Tendenzen der Individualisierung und Pluralisierung auftreten, lassen sich dennoch weiterhin schichttypische Lebenslagen ausmachen, die mit den traditionellen vertikalen Zuweisungskriterien Bildung und Beruf zusammenhängen. Damit sind die Handlungsmöglichkeiten der Menschen durch die nach wie vor bestehende vertikale Verteilung der Ressourcen und Lebensbedingungen begrenzt. Die Individualität stößt also an durch vertikale Strukturen gesetzte Grenzen. So verweist Geißler darauf, dass die Optionen, die beispielsweise Arbeitern und Akademikern zur Auswahl stehen, aufgrund der Unterschiede in Bildung und Beruf jeweils andere sind. Er hebt als Konsequenz zu Recht hervor, dass ”nicht die Auflösung der Schichten ... den Modernisierungsprozess (begleitet), sondern die Herausbildung einer dynamischen, stärker pluralisierten Schichtstruktur.” (1994b, S. 17).
Für meine Untersuchung resultiert daraus, dass sich Modernisierungsprozesse auf dem Lande nicht individuell und beliebig vollziehen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die ”Wahl” der Lebensform, des Lebensstils, die inhaltliche Ausgestaltung der ”Individualität”, die Bewegung im sozialen Positionsgefüge in der modernen Gesellschaft auch in hohem Maß mit den traditionellen Schichtkriterien zusammenhängt (vgl. ebenda).
Auf Probleme und Unzulänglichkeiten, die die Benutzung des Schichtbegriffs für die vergleichende Analyse mit sich bringt, soll im Zusammenhang mit der empirischen Operationalisierung der sozialen Herkunft Landjugendlicher eingegangen werden.
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Es geht in der vorliegenden Untersuchung nicht in erster Linie darum, den Sozialstatus von Eltern einst und jetzt zueinander in Beziehung zu setzen, um zum Beispiel soziale Mobilität, also Sozialstrukturveränderungen, empirisch festzuhalten. Mit der vorliegenden Arbeit kann also keine auf dieser Grundlage beruhende vergleichende Gesellschaftsanalyse erreicht werden. Gleichwohl ist es notwendig, für die Zeit vor 1989 als auch danach jeweils den Sozialstatus der Eltern so zu bestimmen, dass gesicherte Aussagen über den weiteren Bildungsweg bzw. die Berufswahl der Schulabsolventen in Abhängigkeit von deren sozialer Herkunft ermittelt werden können. Es geht dabei jedoch nicht so sehr um den Nachweis weitgehender Wirkungen familialer Anregungspotentiale (was als bereits bewiesen angesehen werden kann), als vielmehr um die Analyse des Wandels bzw. auch der Kontinuität grundlegender sozialer Bedingungen für die Berufswahlentscheidung Landjugendlicher vor und nach der Wende in unterschiedlichen sozialen Gruppen.
Die Bestimmung der sozialen Herkunft erfolgte in der Untersuchung von 1979 - wie in der Bildungssoziologie der DDR allgemein üblich - zweidimensional: aus dem beruflichen Qualifikationsabschluss der Eltern (Vater und Mutter) und der entsprechenden Tätigkeitsgruppe. Auf diese Weise gelangte man zu einer mehrstufigen hierarchischen Schichtung, die
umfasste (vgl. Meier 1996, S.161f.). Diese seinerzeit vorgenommene hierarchische Gliederung war im Hinblick auf die Genossenschaftsbauern nicht unproblematisch, da diese zum Teil sowohl Facharbeiter und Meister als auch nichtleitende Ange[Seite 98↓]stellte oder Angestellte mit Hochschulabschluss sein konnten. Ungeachtet dessen handelt es sich bei diesen Schichten um Bildungsgruppen - definiert über die schulische und berufliche Ausbildung und den Beruf - mit deren Hilfe seinerzeit die signifikanten Zusammenhänge zwischen dem sozialen Status der Herkunftsfamilie und das Bildungs- und Berufswahlverhalten der Heranwachsenden in der DDR-Gesellschaft gleichwohl klar belegt werden konnten. Die auf der Achse Bildung und Qualifikation angelagerten Herkunftsmerkmale erwiesen sich unter den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR als die tieferen und nachhaltigeren für die soziale Reproduktion (vgl. Meier 1981, 1997; Bathke 1998).
Bisherige Untersuchungen zum Zusammenhang von Bildungs- und Berufswahlverhalten Jugendlicher und ihrer sozialen Herkunft erfolgten unter der Voraussetzung relativ stabiler gesellschaftlicher Verhältnisse. Aber eben von dieser Kontinuität sozialer Verhältnisse kann bei dem historischen Vergleich nicht so ohne weiteres ausgegangen werden. Vielmehr sollten unterschiedliche sozialstrukturelle Bedingungen und das sich daraus wahrscheinlich ableitbare andersartige inhaltliche Profil der zu untersuchenden sozialen Gruppen stärker berücksichtigt werden. Von daher erschien die erneute Verwendung der oben angeführten Schichtung nicht vorteilhaft. Der soziale Status der Familien auf dem Lande soll eher durch einen multiplen Schichtindex mit vergleichbaren Indikatoren erfasst werden, der die ungleichen Chancen des einzelnen vor und nach der Wende näher zu beschreiben vermag.
Die Bildungsherkunft und der berufliche Status beider Elternteile wurden 1979 und 1995 mit jeweils den gleichen Indikatoren erkundet. Insbesondere in den Kategorien der Bildungsherkunft besteht m. E. weitgehende Vergleichbarkeit, da die Qualifikationsabschlüsse der Eltern zum einen generell noch zur DDR - Zeit erworben wurden, zum anderen diese sich aber auch insgesamt nicht so weit auseinander entwickelt haben. Mayer et al. stellen in diesem Zusammenhang u. a. sogar heraus, ”dass sich mit Ausnahme und mit Hilfe der Verdrängung der über 55-Jährigen ... aus dem Arbeitsmarkt die hergebrachten Differenzierungen nach Qualifikation, beruflicher Stellung und beruflicher Tätigkeit in hohem Maße erhalten und keine massenhaften Disqualifizierungen stattgefunden haben.” (1997, S. 94).
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Die Fragen zum Berufsabschluss und zum Schulabschluss beider Elternteile, die in beiden Untersuchungen als geschlossene Indikatoren konstruiert wurden, können folglich für die Konstruktion eines Sozialschichtindexes herangezogen werden. Als Antwortmöglichkeiten für die berufliche Qualifikation waren vorgegeben:
Für die Schulbildung kamen nachfolgende Antwortmöglichkeiten in Betracht:
Auf der Ebene des Berufsstatus der Eltern wäre der Herkunftsvergleich weitaus schwieriger geworden, da bestimmte Berufskategorien insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands mit dem gesellschaftlichen Umbruch einfach weggefallen sind. Diese Kategorie ist daher für die Bestimmung der sozialen Herkunft Landjugendlicher nicht mit herangezogen worden.
Der Sozialschichtindex kann zunächst einmal obligat aus dem Schulabschluss der Mutter und des Vaters sowie dem damit normalerweise korrelierenden beruflichen Abschluss beider Elternteile gebildet werden. Eine Inspektion dieser Daten ergab nun, dass die Jugendlichen zu beiden Erhebungszeitpunkten bei diesen Fragen wesentlich häufiger als bei anderen die Antwort verweigerten, was aus einer gewissen Unkenntnis - wie Nachfragen ergaben - herrühren mag. Zu überlegen war also zum einen, inwiefern weitere relevante Merkmale zur Konstruktion eines Sozialschichtindexes herangezogen werden können. Basierend auf den theoretischen Arbeiten Bourdieu‘s (1983, 1989) - insbesondere seines Reproduktionstheorems - bot sich da[Seite 100↓]für das kulturelle Kapital (und hier das geerbte von der Familie vermittelte kulturelle Kapital) an. Dazu wurde aus der Frage zum Besitz an Konsumgütern in der Familie ein Index ”kulturtragende” Konsumgüter durch Addition der Items ”Musikinstrumente” und ”Bibliothek” gebildet.
In zahlreichen empirischen Untersuchungen konnte der folgende Zusammenhang zwischen den oben näher beschriebenen Merkmalen Schulabschluss, beruflicher Abschluss und kulturtragende Konsumgüter immer wieder bestätigt werden:
Der schulische Abschluss grenzt in starkem Maße das Feld möglicher beruflicher Abschlüsse ab und legt damit auch weitestgehend den beruflichen Status fest. Der Besitz an ”kulturtragenden” Konsumgütern wiederum wird grundlegend vom schulischen und beruflichen Abschluss der Eltern bestimmt.
Empirische Befunde verweisen auch immer wieder auf eine enge Beziehung von Kinderzahl einerseits und Bildungsabschluss der Eltern andererseits. So konnte Müller für die Genossenschaftsbauern in der DDR zeigen, dass ein durchschnittlich geringeres Bildungs- und Qualifikationsniveau mit einer höheren Kinderzahl korrespondiert (1979, S. 17). Geißler kommt in seiner Untersuchung zur Bundesrepublik Deutschland zu dem Schluss, dass von einer höheren Kinderzahl heute besondere Armutsrisiken ausgehen (1992, S.172 und 177). Auch Meyer unterstreicht, dass in der DDR wie in der Bundesrepublik die Bildungs- und Lebenschancen maßgeblich von familialen Voraussetzungen - u. a. eben auch von der Kinderzahl - bedingt wurden (1992, S. 268). Von daher scheint es gerechtfertigt, für eine Konstruktion des Sozialschichtindexes die Anzahl der Kinder in den Familien auf dem Lande mit zu berücksichtigen.
Der aus den je vier Angaben zur Allgemeinbildung und beruflichen Qualifikation und den je zwei Angaben zu den ”kulturtragenden” Konsumgütern und zur Kinderzahl gebildete Sozialschichtindex ist nicht einseitig an der ökonomischen Klassenlage (wie z. B. der Klassenbegriff) ausgerichtet, sondern bezieht sich auf Ressourcen, die in starkem Maße von der Persönlichkeit des einzelnen abhängen (wie z. B. das Bildungsniveau). Die Vernachlässigung der Berufsdimension fällt [Seite 101↓]dabei nicht allzu sehr ins Gewicht, wenn man - wie Soziologen angeben - in Rechnung stellt, dass sie langfristig an strukturprägender Kraft zugunsten der Bildungsdimension einbüßen wird (vgl. Geißler 1994b). Diese Umschichtungstendenz wird auch als ”Entökonomisierung” 9 des Schichtgefüges bezeichnet, die durchaus auch in der ostdeutschen Sozialstruktur erkennbar war (vgl. dazu Lötsch/Lötsch 1985).
Eine Beschränkung auf die Darstellung schichtspezifischer Differenzierung bringt die Schwierigkeit mit sich, Schichten gegeneinander abzugrenzen, d. h. sowohl die Anzahl der Schichten als auch den Verlauf der Schichtungslinien angemessen zu bestimmen (Geißler 1994b, S. 18). Für die Analysen werden drei Gruppen (untere, mittlere und obere) unterschieden. Weitere Unterteilungen erwiesen sich als nicht zweckmäßig wegen der zu geringen Belegung . Aus der Tabelle 8 ist die Zusammensetzung der Stichproben nach den Sozialgruppen zu entnehmen.
Tabelle 8: Häufigkeitsverteilung in den einzelnen Sozialgruppen
(Angaben absolut und in Prozent)
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Jugendstichprobe 1979 |
Jugendstichprobe 1995 |
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absolut |
% |
absolut |
% |
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|
Untere Sozialgruppe |
231 |
27,9 |
275 |
32,2 |
|
Mittlere Sozialgruppe |
323 |
39,1 |
313 |
36,6 |
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Obere Sozialgruppe |
273 |
33,0 |
267 |
31,2 |
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Insgesamt |
827 |
100,0 |
855 |
100,0 |
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Diese Sozialgruppen sind nicht als streng gegeneinander abgrenzbare soziale Schichten aufzufassen. Die Statusmerkmale Schulabschluss und berufliche Qualifikation werden als Indikatoren der objektiven sozialen Lage der Familie interpretiert. Sie sollen Familien in vergleichbarer sozialer Lage kennzeichnen und unterstellen keine in sich homogene Sozialschichten. Ich folge mit dieser Darstellung der traditionellen ”vertikalen” Dimension der sozialen Ungleichheit (vgl. ebenda, S.17), indem verstärkt Unterschiede aufgegriffen werden, die mit der beruflichen und schulischen Qualifikation im Zusammenhang stehen, also lediglich eine Dimension der sozialen Ungleichheit ausmachen. Es wird nicht bestritten, dass es wünschenswert wäre, die Soziallagen selbst noch differenzierter zu erfassen. Wichtig erscheint mir jedoch, dass mit diesem Vorgehen die Vergleichbarkeit mit der Untersuchung von 1979 gewährleistet wird.
Tabelle 9 gibt Auskunft über die Verteilung der Statusmerkmale schulische und berufliche Ausbildung in den einzelnen Sozialgruppen der beiden Stichproben.
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Jugendstichprobe 1979 |
Jugendstichprobe 1995 |
|||||||
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Berufsausb. |
Schulabschl. |
Berufsausb. |
Schulabschl. |
|||||
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V |
M |
V |
M |
V |
M |
V |
M |
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Untere Sozialgruppe |
1,3 |
1,1 |
1,6 |
1,8 |
,6 |
,7 |
1,3 |
1,7 |
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Mittlere Sozialgruppe |
2,0 |
1,9 |
2,2 |
2,2 |
1,2 |
1,3 |
2,7 |
2,9 |
|
Obere Sozialgruppe |
2,8 |
2,7 |
2,9 |
3,0 |
2,9 |
3,1 |
3,3 |
3,4 |
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Die einzelnen bildungsrelevanten Sozialgruppen (bezogen auf Schul- und Berufsabschluss) lassen sich für 1979 und 1995 wie folgt beschreiben:
Gruppe 1: niedriger Sozialstatus
In dieser Gruppe befinden sich mehrheitlich die Jugendlichen aus der 79er Stichprobe, deren Väter von der Berufsausbildung Facharbeiter sind und den Abschluss der 8. Klasse besitzen. Die Mütter waren zu zwei Dritteln noch Teilfacharbeiter bzw. Un- oder Angelernte mit einem Achtklassenabschluss.
Für die 95er Stichprobe rekrutieren sich die Jugendlichen - gemessen an der Berufsausbildung der Eltern - ebenfalls überwiegend aus Facharbeitern. Während die Väter überwiegend den Abschluss der 8. bzw. der 10. Klasse besitzen, verfügen die Mütter mehrheitlich über den Zehnklassenabschluss.
Gruppe 2: mittlerer Sozialstatus
In dieser Gruppe sind mehrheitlich jeweils die Jugendlichen aus den beiden Erhebungszeitpunkten erfasst, deren Eltern überrepräsentativ über einen Facharbeiterabschluss verfügen.
Gemessen an der Allgemeinbildung beider Elternteile rekrutieren sich die Jugendlichen aus der Befragung von 1979 überwiegend aus der sozialen Gruppe mit Achtklassenabschluss.
Die Eltern der Jugendlichen von 1995 besitzen dagegen überwiegend den Abschluss der 10. Klasse.
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Gruppe 3: hoher Sozialstatus
Jugendliche der 79er Stichprobe mit einem hohen Sozialstatus rekrutieren sich im Unterschied zur Gruppe 2 überwiegend aus Familien mit Fachschul- bzw. Facharbeiterabschluss sowie einem Zehnklassenabschluss bzw. Abitur.
Die Eltern der Schuljugendlichen aus der Befragung von 1995 dieser sozialen Gruppe verfügen größtenteils über einen Hochschulabschluss und besitzen das Abitur.
Wenngleich in modernen Gesellschaften durch die zunehmende Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung Schichten keine klaren Grenzen mehr aufweisen, sondern ineinander übergehen, sind typische soziale Unterschiede zwischen den Schichten jedoch weiterhin erkennbar. Damit wird zugleich verständlich, dass die Schichtzugehörigkeit Lebensbedingungen, Einstellungen, Verhaltensweisen der Individuen nicht determiniert, sondern lediglich zusammen mit anderen Faktoren beeinflusst.
Empirische Untersuchungen, die als historische Vergleiche angelegt sind, also auch seinerzeit erhobene Datensätze nutzen, sind unvermeidlich mit bestimmten Unschärfen behaftet.
Meine Untersuchung beruht in der Hauptsache auf einem Vergleich zwischen sozialen Strukturen vor und nach dem gesellschaftlichen Umbruch auf dem Lande in Ostdeutschland. Mögliche Veränderungen sollen auf der Basis beobachtbarer Unterschiede zwischen charakteristischen Merkmalen des DDR-Systems und des gesamtdeutschen Systems - als die jeweils einbezogenen sozialen Strukturen - aufgezeigt werden. Damit ist das Interesse auf Wandlungsprozesse gerichtet, bei denen es eher um stichprobenbezogene interindividuelle Unterschiede über die Zeit geht (vgl. Boehnke/Merkens 1995, S. 732).
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Wir haben es bei dieser als historischem Vergleich angelegten Untersuchung mit einem Querschnittsvergleich zu tun, deren Spezifik darin besteht, dass zwei verschiedene Stichproben, aber aus vergleichbaren Untersuchungseinheiten, existieren. Es werden zu aufeinanderfolgenden Zeitpunkten t1 und t2 jeweils verschiedene Stichproben von Personen befragt (wie bereits im Punkt 3.3.1. dargestellt), d. h. bei der Vergleichsuntersuchung werden die Variablen an zwar gleichartigen, jedoch jeweils verschiedenen Untersuchungseinheiten gemessen. Anders formuliert handelt es sich um eine Wiedererhebung derselben bzw. zumindest ähnlicher Merkmale in einer neuen Stichprobe (vgl. Holm 1976b, S.134). Es sollen auf dieser Grundlage Veränderungen in der Zeit - basierend auf zwei voneinander unabhängigen Stichproben - analysiert werden. Der Nachteil besteht darin, dass diese Veränderungsmessungen nur beschränkt durchführbar sind. So ist nicht genau feststellbar, durch welche Untersuchungseinheit die Veränderung beispielsweise in der Häufigkeitsverteilung der Variablen x zum Zeitpunkt t2 bedingt ist. Der Wandel über die Zeit lässt sich vor allem über sogenannte Nettoveränderungen, weniger über Bruttoveränderungen darstellen. Mit anderen Worten: Es lässt sich nicht feststellen, ob eine Differenz über längere Zeit vorwiegend von denselben Individuen oder durch immer wieder wechselnde Individuen hervorgerufen wird (vgl. Hanefeld 1987, Arminger/Müller 1990). Das wäre nur mittels einer Panelanalyse genau zu klären, in der jeweils dieselben Probanden über mindestens zwei Erhebungen wissenschaftlich begleitet werden.
Aus dem Gesagten ergibt sich schon zwangsläufig, dass eine derartige Replikationsstudie (die lediglich weitgehend orts- und methodenidentisch ist), - im ganzen gesehen - keine Längsschnittstudie in Form von wiederholten Analysen derselben Untersuchungseinheit ersetzen kann. Hinzu kommt, dass das Erhebungsinstrument zum zweiten Messzeitpunkt stärker auf den internationalen (nämlich zur Iowa-Studie) als auf den historischen Vergleich ausgerichtet war. Der Nachteil dieser beiden Datensätze liegt darin, dass der soziale Wandel nicht als Kontinuum in seiner zeitlichen und strukturellen Ausprägung erfasst werden kann.
Es liegen mit dieser Untersuchung Daten über eine einzelne Jugendkategorie - nämlich über die ländliche Schuljugend - vor. Die Interpretation der Daten trifft also streng genommen nur für eine ländliche ”Teiljugend” zu. Es können lediglich Annahmen darüber formuliert werden, welche Handlungsmöglichkeiten sich z. B. für Jugendliche auf dem Lande insgesamt ergeben. Weitere interpretative Schwierigkeiten ergeben sich auch dadurch, dass nicht genau feststellbar ist, welche Veränderungen dem gesellschaftlichen Umbruch geschuldet sind und welche sich schon in den 80er Jahren begannen herauszubilden. Solche [Seite 106↓]interpretativen Schwierigkeiten lassen sich bei dieser komparativen Untersuchung mit Hilfe theoretischer Annahmen überwinden, die sich aus anderen Forschungszusammenhängen ergeben haben und die empirischen Ergebnisse plausibel erscheinen lassen.
Um das Erleben des sozialen Wandels in der Alltagswelt Landjugendlicher noch detaillierter erfassen zu können, wäre eine Ergänzung durch die qualitativ orientierte Forschung (z. B. Interview) sicher wünschenswert gewesen. Denn Wandlungsprozesse mit ihren Auswirkungen auf Menschen können nicht allein mit Methoden der quantitativen Sozialforschung hinreichend ergründet werden.
Die empirischen Befunde, die sich aus dem Vergleich der beiden einbezogenen Datensätze ergeben und in den folgenden Abschnitten dargestellt werden, können gleichwohl als sinnvolle Ergänzung bisheriger Ergebnisse zu den Jugendvergleichsstudien (im Hinblick sowohl auf die bislang nur marginal einbezogenen Landuntersuchungen als auch auf Ost-Ost-Vergleiche) angesehen werden. Es ist auf diese Weise möglich geworden, über die Zeit stattfindende Veränderungen von Einstellungen, Werthaltungen und Lebensvorstellungen Landjugendlicher in Ostdeutschland zu beschreiben und zu analysieren.
1 Die Untersuchungen zur sozialistischen Lebensweise älterer Schüler waren als Schwerpunktprogramm für fünf Jahre (begonnen wurde im Jahr 1976) in der Abteilung Bildungssoziologie der APW der DDR konzipiert worden und standen unter der Leitung von Artur Meier.
2 Offiziell wurde in der DDR von zwei Hauptklassen (Arbeiterklasse und Klasse der Genossenschaftsbauern) sowie der Schicht der Intelligenz ausgegangen.
3 Ergebnisse der seinerzeit durchgeführten Landuntersuchung sind in einer Dissertation (vgl. Herzog/Stompe 1981) präsentiert.
4 Das DFG-Projekt heißt exakt: ”Rekonstruktion des Einflusses von sozialen und sozialökonomischen Lebensbedingungen auf Wertorientierungen der Schuljugendlichen in der DDR - Dokumentation und Reanalyse von Ergebnissen bildungssoziologischer Forschung aus der ehemaligen Akademie der Pädagogischen Wissenschaften” und wird an der Freien Universität Berlin unter Leitung von H. Merkens und I. Steiner bearbeitet.
5 In jeweils 7 Skalen wurde die Möglichkeit zusätzlicher offener Antworten eingebaut.
6 dito.
7 Die Daten sind im Rahmen des Sozio-ökonomischen Panels Ost erhoben worden und repräsentativ für Ostdeutschland.
8 Die Daten West wurden nach dem gleichen Repräsentativverfahren erhoben und sind somit direkt mit den Daten Ost vergleichbar.
9 Die Verknüpfung der Lebenslagen über den Beruf mit dem ökonomischen System verliert demnach an Bedeutung.
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