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| [Seite 107↓] |
Die für die Vergleichsuntersuchung einbezogenen Landkreise Grevesmühlen und Osterburg repräsentierten seinerzeit hinsichtlich der Bevölkerungs-, Sozial- und Wirtschaftsstruktur typische Landkreise der DDR (vgl. Stompe 1981a, S. 110 ff.) Das erneut einbezogene Untersuchungsfeld lässt sich nach der Boustedt’schen Klassifikation auch derzeit eindeutig als ländliche Region einstufen. 1 Es umfasst die Mittelstädte mit 20 000 bis 50 000 EW, die Kleinstädte mit 5 000 bis 20 000 EW und die Gemeinden mit weniger als 5 000 EW abseits der Ballungsräume bzw. Verdichtungsregionen der Bundesrepublik (vgl. Müller, H.-U. 1991, S. 318f.).
Das ehemalige Kreisgebiet Grevesmühlen - heute Bestandteil des Landkreises Nordwest Mecklenburg - hat mit einer Fläche von 668 Quadratkilometern 40 189 Einwohner. Seit der Untersuchung 1979/80 sind diesbezüglich so gut wie keine Veränderungen zu verzeichnen. Anders sieht es dagegen im Kreis Osterburg aus - der seit der Gebietsreform zum Landkreis Stendal gehört - jedoch bereits zu DDR-Zeiten im Ergebnis von Neuregelungen aus dem ehemaligen Landkreis Tangerhütte entstand. So ist zu erklären, dass sich das ehemalige Kreisgebiet Osterburg mit einer Fläche von 1 065 Quadratkilometern und derzeit 41 923 Einwohnern im Vergleich zu 1979/80 nahezu verdoppelt hat (der Kreis Tangerhütte besaß 21 187 Einwohner auf 509 Quadratkilometer). Die Bevölkerungsdichte beider Kreise, die sich aus den o.g. Angaben ergibt, beträgt 60 (Grevesmühlen) bzw. 39 Einwohner pro Quadratkilome[Seite 108↓]ter (Osterburg). 2 Im Vergleich zu 1980 hat sich diese Bevölkerungsdichte nur geringfügig verändert (Grevesmühlen: 64 Einwohner pro Quadratkilometer; Tangerhütte: 42 Einwohner pro Quadratkilometer). Alles in allem wird eine geringe Siedlungsdichte -kennzeichnend für ländliche Gebiete - in beiden untersuchten Kreisen sichtbar, die bereits 1979/80 erheblich unter dem DDR-Durchschnitt (155 Einwohner pro Quadratkilometer) lag und auch derzeit weit unter dem Bundesdurchschnitt zu finden ist (etwa 200 Einwohner pro Quadratkilometer).
Die Anzahl der Gemeinden mit Einwohnerzahlen unter 2 000 - nach statistischen Festlegungen zu den Landgemeinden gezählt - hat sich im ehemaligen Kreis Osterburg auf 55 im Zuge der Neugestaltung des Kreises erhöht - von einst 29 im Landkreis Tangerhütte - während die Anzahl im Kreis Grevesmühlen mit je 29 konstant geblieben ist (vgl. Tabelle 10).
Tabelle 10: Anzahl der Gemeinden (absolut) und die Verteilung der Bevölkerung nach Gemeindegrößengruppen (in Prozent) in den Kreisen Grevesmühlen und Osterburg bzw. Tangerhütte in den Jahren 1980 und 1995 3
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Kreis |
Gemeinden unter 500 |
500 bis unter 2 000 |
2 000 bis unter 5 000 |
5 000 bis unter 10 000 |
Über 10 000 |
|||||
|
|
Anzahl |
% |
Anzahl |
% |
Anzahl |
% |
Anzahl |
% |
Anzahl |
% |
|
Grevesmühlen 1980 1995 |
15 17 |
11,4 12,5 |
14 12 |
27,9 25,9 |
4 4 |
33,5 33,4 |
- - |
- - |
1 1 |
27,2 28,2 |
|
Osterburg/ Tangerhütte 1980 1995 |
20 37 |
28,6 26,7 |
9 18 |
37,1 33,2 |
- 1 |
- 7,3 |
1 2 |
34,3 32,8 |
- - |
- - |
|
| [Seite 109↓] |
Der Anteil der Bevölkerung, der in diesen typischen Landgemeinden lebt, ist im Zeitraum von 15 Jahren annähernd konstant geblieben. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Kreises leben in diesen Gemeinden ca. 38 Prozent (Grevesmühlen; 1980: 40 Prozent) und 60 Prozent (Tangerhütte; 1980: 66 Prozent). Wie bereits in der Arbeit von 1981 erwähnt, kommt ”die Differenz zwischen beiden Kreisen ... durch den relativ hohen Anteil der in der Kreisstadt Grevesmühlen sowie in den übrigen Städten des Kreises wohnenden Bevölkerung zustande” (Stompe 1981a, S. 111). Betrachtet man hingegen den absoluten Anteil der in diesen kleinen ländlichen Siedlungen lebenden Bevölkerung, so liegt deren Zahl - anders als zum Zeitpunkt der Untersuchung von 1979/80 - diesmal im Landkreis Osterburg mit 25 112 Einwohner deutlich höher als in Grevesmühlen (15 433 Einwohner). Diese Veränderung - vor 15 Jahren war die Bevölkerungszahl in Gemeinden unter 2 000 Einwohner in Grevesmühlen noch höher (16 874 zu 13 918) - ist vor allem auf die mit der Gebietsreform verbundenen stattlichen Erhöhung ländlicher Gemeinden (55 im Jahre 1995) im ehemaligen Landkreis Osterburg zurückzuführen.
Die Wohnbevölkerung in ihrer Zusammensetzung nach dem Geschlecht ist in beiden Landkreisen annähernd gleich (49 Prozent männlich, 51 Prozent weiblich) und hat sich im Zeitraum von 15 Jahren kaum verändert (Grevesmühlen: 48 bzw. 52 Prozent; Tangerhütte: 47 bzw. 53 Prozent).
Nach Altersgruppen sind 12,1 Prozent (Osterburg 12,5 Prozent) unter 10 Jahre, 7,8 bzw. 7,3 Prozent 10 bis 15 Jahre und jeweils 6 Prozent 15 bis 20 Jahre alt. 4 Zieht man für den historischen Vergleich die Angaben von 1979 heran, so zeigt sich, dass zumindest bei der vergleichbaren Altersgruppe der 0 - 16jährigen der Anteil zu beiden Messzeitpunkten in etwa gleich geblieben ist (1979: etwa 22 Prozent; 1995: etwa bei 20 Prozent). Bereits in der Studie von 1981 musste festgestellt werden: ”Die Bevölkerungsentwicklung in beiden Kreisen ist rückläufig. Im Zeitraum des Fünfjahrplanes 1971 - 1975 ging die Kreisbevölkerung von Grevesmühlen um 1 818 Personen zurück, die des Kreises Tangerhütte um 1 159 Personen. In den folgenden [Seite 110↓]Jahren war ein weiterer Rückgang zu verzeichnen.” (vgl. ebenda). Diese rückläufige Entwicklung hielt bis 1989 an und verringerte die Bevölkerung in Grevesmühlen auf 89,2 Prozent und in
Tangerhütte sogar auf 86,5 Prozent. Zu guter letzt wurde durch den Fall der Mauer eine Abwanderungswelle von beachtlichem Ausmaß ausgelöst (vgl. Tabelle 11). Die besonders hohen Wanderungsverluste in den Regionen in den Jahren 1989 bis 1991/92 waren ein einmaliges Phänomen, dennoch wird mit stetigen, aber moderaten Wanderungsverlusten in diesen ländlich geprägten Territorien auch weiterhin zu rechnen sein (vgl. Münz/Ulrich 1994, S. 38f.).
Tabelle 11: Wanderungssaldo in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt 1991 bis 1995 5
|
Jahr |
Mecklenburg/ Vorpommern |
Sachsen/Anhalt |
|
1991 |
-24.237 |
-35.159 |
|
1992 |
-13.841 |
-18.500 |
|
1993 |
-9.693 |
-10.189 |
|
1994 |
-6.613 |
-8.938 |
|
1995 |
-1.928 |
-3.134 |
|
Summe 1991-1995 |
-56.312 |
-75.920 |
Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, waren die Fortzüge im Land Sachsen-Anhalt um einiges höher als im Land Mecklenburg/Vorpommern. Dieser Befund lässt sich [Seite 111↓]so auch für die beiden Kreise dokumentieren. So verringerte sich die Einwohnerzahl im Kreis Grevesmühlen von 1989 bis 1992 um 3,3 Prozent, die Einwohnerzahl im Kreis Osterburg zwischen 1989 und 1993 vergleichsweise sogar um fast das Doppelte (um 6,1 Prozent). Eine Erklärung hierfür findet sich in der günstigeren geographischen Lage des Landkreises Grevesmühlen. Durch seine unmittelbare Nähe zum Land Schleswig-Holstein und den Städten Lübeck, Hamburg und Kiel ergeben sich positive wirtschaftliche Effekte für die Transformation der ökonomischen und sozialen Bedingungen. Viele Einwohner des Kreises Grevesmühlen beispielsweise fanden nach dem gesellschaftlichen Umbruch Arbeitsplätze und Lehrstellen im Altbundesgebiet. Auch die unmittelbare Nähe zur Ostsee und die damit verbundenen Möglichkeiten für den Ausbau des Tourismus vor allem im Ostseebad Boltenhagen haben sicherlich zu einer insgesamt geringeren Abwanderungswelle beigetragen.
Die generell anhaltenden Wanderungsverluste wirken sich auch auf das Geburtengeschehen aus. In den Jahren 1990-92 löste ein explosiver Rückgang der Geburtenzahlen den noch bis 1989/90 in beiden Kreisen zu verzeichnenden Geburtenüberschuss ab (vgl. Tabelle 12).
Tabelle 12: Zahl der Lebendgeborenen je 1 000 Einwohner in Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen/Anhalt 6
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Mecklenb./Vp. |
Grevesmühlen |
Sachsen/Anhalt |
Osterburg |
|
1989 |
|
12,4 |
|
14,4 |
|
1990 |
12,2 |
|
11,0 |
|
|
1991 |
7,1 |
|
6,8 |
|
|
1992 |
5,8 |
|
5,8 |
|
|
1993 |
5,1 |
5,6 |
5,2 |
5,6 |
|
1994 |
4,9 |
|
5,2 |
|
So reduzierte sich die Zahl der Geburten in allein vier Jahren dramatisch um 55 Prozent (Grevesmühlen) bzw. 61 Prozent (Osterburg). Damit verbunden ist, dass die Bevölkerung im Kindes- und Jugendalter stark zurückgehen wird. Für die nächsten zwanzig Jahre wird sogar ein Rückgang von etwa 60 Prozent als wahrscheinlich an [Seite 112↓] gesehen (vgl. ebenda, S. 39). Verbunden mit den Wanderungsverlusten ist auch ein Abnehmen der Bevölkerung im Haupterwerbsalter. Bei nicht einsetzender Zuwanderung könnte die schrumpfende Zahl der 20 - bis 60jährigen immerhin eine Entlastung des Arbeitsmarktes in diesen Regionen bewirken.
Wenngleich die Bevölkerung im Rentenalter überall wächst, ist ihr Zuwachs in diesen Gebieten überdurchschnittlich stark, was wiederum eine Alterung der Bevölkerungsstruktur herbeiführen würde.
Von der ökonomischen Struktur her waren diese Gebiete bis vor kurzem eine klar von der Landwirtschaft geprägte Region. Wie aus der nachfolgenden Zusammenstellung ersichtlich, verfügten im Jahre 1980 beide Landkreise über folgende Betriebe und Einrichtungen der Landwirtschaft: 7
|
Kreis Grevesmühlen |
Kreis Tangerhütte |
|
10 LPG (P) |
4 LPG (P) |
|
1 KAP |
|
|
23 LPG (T) |
18 LPG (T) |
|
4 VEG |
1 VEG |
|
2 GPG |
Diese Betriebe bewirtschafteten im Kreis Grevesmühlen 50 916 ha und im Kreis Tangerhütte 23 965 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Daneben gab es im Untersuchungsgebiet Großanlagen der Tierproduktion wie z. B. eine 2 000er Milchviehanlage, eine Schafzuchtanlage, Schweineaufzuchtsanlagen, ein Rinderproduktionszentrum und Betriebe zur industriellen Haltung von Legehennen. Die landwirtschaftlich ausgerichtete Wirtschaftsstruktur der Landkreise wurde ergänzt durch Einrichtungen wie Trocknungswerke, Agrochemische Zentren, Kreisbetriebe für Landtechnik, Zwi[Seite 113↓]schenbetriebliche Bauorganisationen, Zwischenbetriebliche Einrichtungen der Melioration und Betriebe der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft wie Kombinate der Milchwirtschaft, Fleischwirtschaft, Geflügel- und Getreidewirtschaft (vgl. dazu auch Punkt 1.1.1. dieser Arbeit).
Mit dem politischen und gesellschaftlichen Umbruch auf dem Lande begann ein radikaler Abbau von Arbeitsplätzen. Eigentums- und Rechtsverhältnisse der DDR wurden durch Besitz- und Betriebsformen der Bundesrepublik abgelöst. Im Ergebnis dessen hat sich auch die Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur in den untersuchten ländlichen Regionen Ostdeutschlands in kurzer Zeit gravierend verändert. Einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Umwandlungen vermittelt die nachfolgende Tabelle:
Tabelle 13: Betriebsformen der Landwirtschaft in den Kreisen Grevesmühlen und Osterburg 8
|
Bäuerliche Einzel- unternehmen |
Gesellschaften bürgerlichen Rechts |
Eingetragene Genossenschaften, GmbH u. ä. |
||||
|
Kreis |
Anzahl |
Betriebs-größe in ha |
Anzahl |
Betriebs-größe in ha |
Anzahl |
Betriebs-größe in ha |
|
Grevesmühlen Osterburg |
120 201 |
114 56 |
38 21 |
332 441 |
14 37 |
1 170 1 027 |
Auffallend sind die insgesamt bedeutenden Betriebsgrößen bei den einzelnen Betriebsformen, die von den Landwirten und Unternehmern positiv in den marktwirtschaftlichen Wettbewerb eingebracht werden können. Wenn sie sich auch in den nächsten Jahren noch etwas verringern werden, so sind sie doch 1992 in den beiden ländlichen Regionen (235 ha im Durchschnitt) gut sechsmal so groß wie in Schles[Seite 114↓]wig-Holstein (38 ha) oder zwölfmal so groß wie im Durchschnitt der alten Bundesländer (19 ha) gewesen. 9
Von den ständig Berufstätigen waren 1980 im Kreis Grevesmühlen 34 Prozent und im Kreis Tangerhütte 30 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Dieser Anteil lag um fast das Dreifache über dem DDR-Durchschnitt, was diese Gebiete als für die DDR typische Landkreise ausweist (vgl. Stompe, ebenda, S. 125). Setzt man zudem die EG-Richtlinie 75/268/EWG an, so handelte es sich überdies um dünnbesiedelte ländliche Räume. 10 2
Die wirtschaftlichen Umbruchprozesse in den ländlichen Regionen waren von außerordentlich tiefgreifender und massiver Wirkung auf die Beschäftigung, was allein die offiziellen Arbeitslosenquoten nicht hinreichend widerzuspiegeln vermögen. Setzt man hingegen die reale Unterbeschäftigung an, so lassen sich für das Land Mecklenburg-Vorpommern im Juli 1992 41,5 Prozent Arbeitslose, 6,3 Prozent Kurzarbeiter, 11,5 Prozent ABM, 8,3 Prozent Vorruheständler, 16,7 Prozent Altersübergangsempfänger und 15,7 Prozent in Fort- und Umschulung befindliche ehemalige Berufstätige ausmachen. 11
Seit 1989 ist die Entwicklung der Beschäftigten in der ostdeutschen Landwirtschaft. 12 stark rückläufig. So fiel deren Anteil von 976 000 im Jahre 1989 auf 228 000 im Jahre 1995 zurück. Innerhalb von 6 Jahren hat er also um gut 77 Prozent abgenommen.So waren Ende 1995 im Vergleich zu Ende 1990 nur noch rund 29 Prozent der Beschäftigten in den neuen Bundesländern in der Landwirtschaft tätig. 13 Für die Länder Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt beträgt der Rückgang im Zeitraum von 1989 bis 1995 sogar 82 bzw. 81 Prozent. Zum Zeitpunkt der Untersuchung 1995 waren nur noch etwa 8 Prozent im Kreis Grevesmühlen und ca. 6 [Seite 115↓]Prozent im Kreis Osterburg in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Wie vertiefende Untersuchungen in drei ausgewählten Kreisen des Landes Mecklenburg-Vorpommern erkennen lassen, handelt es sich bei vier von fünf vernichteten landwirtschaftlichen Arbeitsplätzen keineswegs um Arbeitsplätze geringqualifizierter Beschäftigter. Das trifft auch für die Frauenarbeitsplätze zu, die in besonders starkem Maße abgebaut wurden. 1989 waren noch bis zu 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Arbeitsplätze in den Kreisen Arbeitsplätze für Frauen (vgl. Bandelin et al. 1996, S. 107).
Die Bedeutung der Landwirtschaft als Wirtschaftsfaktor in diesen Regionen ist nach dem gesellschaftlichen Umbruch auffallend zurückgegangen. Mit dem massenhaften Wegfall von Arbeitsplätzen in diesem Wirtschaftsbereich ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit verbunden. Der radikale Beschäftigungsabbau im primären Sektor hat insgesamt dazu geführt, dass sein Beschäftigungsanteil bereits unter dem in den alten Bundesländern liegt.
Die Arbeitslosenquoten in den beiden untersuchten Regionen betrugen zum Ende des Jahres 1995 16,1 bzw. 16,5 Prozent und lagen damit klar über dem Durchschnitt in den Neuen Bundesländern (14,9 Prozent). Der Frauenanteil wird zudem mit 20,8 bzw. 20,9 Prozent angegeben. 14 13,7 Prozent aller Jugendlichen unter 25 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern waren im November 1996 ohne eine Anstellung, im Bundesdurchschnitt waren es vergleichsweise 10,5 Prozent. 15
Da die landwirtschaftlichen Erwerbstätigen räumlich konzentriert waren, erfolgte mit der Auflösung der Großbetriebe ein schlagartiger Verlust von Hunderten von Arbeitsplätzen. Damit verbunden war die mitunter völlige ”Befreiung” einiger Dörfer von der landwirtschaftlichen Produktion. Als Beispiel dafür wäre Groß-Walmsdorf im ehemaligen Kreis Grevesmühlen zu nennen. Ohne eine in großem Umfang öffentlich geförderte Beschäftigung in Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Kurzarbeit sowie umfangreicher Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen und [Seite 116↓]Sonderregelungen für den Vorruhestand wäre in diesen beiden ländlichen Regionen der Beschäftigungseinbruch noch weitaus gewaltiger gewesen (vgl. Tabelle 14).
Tabelle 14: Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen/Anhalt 1995 (Angaben in 1000) 16
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Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen |
Mecklenburg/Vorpommern |
Sachsen/Anhalt |
|
Kurzarbeit |
4 |
19 |
|
ABM und §249h |
46 |
64 |
|
Fortbildung/Umschu- lung |
40 |
52 |
|
Vorruhestand/Alters-übergang |
42 |
68 |
Infolge anhaltender Arbeitslosigkeit ist ein nicht unbedeutender Teil der Bevölkerung darauf angewiesen, Formen staatlicher Unterstützung wie Wohngeld und Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen (vgl. Tabelle 15).
|
|
Tabelle 15: Empfänger von Sozialhilfe und Wohngeld in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen/Anhalt 1994 (Angaben absolut) 17
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Empfänger |
Mecklenburg/Vorpommern |
Sachsen/Anhalt |
|
Sozialhilfe |
92 643 |
153 47 |
|
Wohngeld |
96 838 |
263 39 18 |
|
Anteil d. Haush. in % |
19 |
22 |
|
Arbeitslosengeld |
80 724 |
130 50 |
|
Arbeitslosenhilfe |
45 203 |
54 739 |
Im Landkreis Grevesmühlen waren bereits 1992 5,7 Prozent und im Landkreis Osterburg 5,4 Prozent der Einwohner Sozialhilfeempfänger.
Für Jugendliche, die die Schule verlassen, ist das Bereitstellen entsprechender Berufsausbildungsstellen von Bedeutung für ihr weiteres Leben. Im Schuljahr 1994/95 - im Jahr der zweiten Befragung - gab es in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt jeweils insgesamt 19 000 gemeldete Stellen. Dem gegenüber standen allerdings 28 000 gemeldete Bewerber in Mecklenburg-Vorpommern und sogar 37 000 in Sachsen-Anhalt. 19
Zusammenfassung:
Die hier angeführten Resultate auf der Makroebene können einerseits als Reaktionen auf die Transformationskrise im Übergang zur Marktwirtschaft angesehen werden. Insbesondere zeigen sich vielfältige Auswirkungen auf die beschränkte Aufnahmekapazität des ostdeutschen Arbeitsmarktes. Andererseits werden bereits [Seite 118↓]Veränderungen in der Lebensplanung der in dieser Region wohnenden Menschen erkennbar, die ihren Ausdruck finden u. a. in gestiegenen Wahlmöglichkeiten und größerer sozialer und geographischer Mobilität. All das beeinflusst die für die zukünftige Bevölkerungsentwicklung auf dem Lande entscheidenden Komponenten: die durchschnittliche Kinderzahl und die Wanderungen.
Der Bevölkerungsrückgang wie auch die deutliche Veränderung der Altersstruktur in den ländlichen Regionen haben eine Reihe unerfreulicher Implikationen. Nur kurzfristig können sie offenbar eine Entlastung der angespannten Arbeitsmärkte bewirken oder auch Einsparungen im Bereich der Schule und der Kinderbetreuung ermöglichen. Längerfristig werden die sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven dieser Regionen eher zusätzlich belastet sein, was die soziale und wirtschaftliche Annäherung von Ost und West weiter verzögern könnte.
Unbestritten hat die Herkunftsfamilie nicht nur in der primären Sozialisation, im Kindergarten und in der Schule , sondern auch für die Berufsausbildung Heranwachsender und für einen gelingenden Übergang in Arbeit und Beruf eine hervorragende Bedeutung (Tippelt 1988; Brock et al. 1991; Heinz 1991, 1995). Durch die materiellen und die sozialen Bedingungen der Familien insgesamt wird der Sozialisationsprozess für Jugendliche im Übergang von der Schule in den Beruf maßgeblich strukturiert, sie öffnen oder verhindern auch die Chancen ihrer Entwicklung und bestimmen so ihren weiteren Lebensverlauf. Insbesondere die verschiedenen Dimensionen materieller Lebensbedingungen (Einkommen, Konsum, Vermögen) prägen in ihrem Zusammenwirken die Lebenschancen des einzelnen.
Es geht in einem ersten Schritt jedoch nicht nur um die Klärung der Frage, in wie weit dies bei den untersuchten Kohorten zutrifft, sondern vielmehr auch darum, her[Seite 119↓]auszufinden, ob die mit dem gesellschaftlichen Wandel auf dem Lande verbundenen bedeutenden Änderungen in den familialen Lebensbedingungen auch Auswirkungen auf die Beziehungen der Jugendlichen in ihren Familien, auf ihre Position haben. Empirische Ergebnisse verweisen zum einen darauf, dass es in Krisensituationen zu einer Störung innerfamilialer Beziehungen kommen kann, die ihren Ausdruck vor allem in Konflikten zwischen den Familienmitgliedern findet (Conger/Elder 1994). Andererseits gibt es Belege dafür, dass sich Familien in Krisenlagen verstärkt zu Hilfeleistungen verpflichtet fühlen und die Familienmitglieder enger zusammenrücken (Schelsky 1950, 1952). So vertritt Schelsky die These, dass dieses Phänomen typisch für Zeiten ökonomischer Not und sozialer Isolierung ist, was mit Untersuchungen zu Vertriebenen und Flüchtlingen des Zweiten Weltkrieges belegt werden konnte. Parallelen leitet Schütze daraus für die heutige Situation insofern ab, als sie auf entscheidende sozial-strukturelle Änderungen - und da vor allem auf die hohe und andauernde Arbeitslosigkeit seit Ende der 70er Jahre - für die Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen hinweist, die ebenfalls nachweisbar einen vermehrten, solidarischen Familienzusammenhalt zur Folge haben (Schütze 1988, S. 239).
Diesen Auffassungen soll im folgenden durch eine detaillierte Betrachtung der materiellen und sozialen Ausstattung in den Landfamilien vor und nach der Wende genauer nachgegangen werden.
In einem hochkomplexen Bedingungsgefüge beeinflussen und bestimmen materielle Lebensbedingungen die Sozialisationsprozesse der Heranwachsenden in, aber auch außerhalb der Familie. Der Systemumbruch hat nun, wie jede andere ökonomische Krise auch, eine breite Variation ökonomischer Veränderungen in den Familien auf dem Lande erzeugt. Es entsteht die Frage, wie ausgeprägt diese Differenzierungen sind und ob sie zu den von Elder und Caspi (1990) beschriebenen sozialen und öko[Seite 120↓]nomischen Deprivationseffekten in den Familien mit Ressourcenverknappung führen.
Die materielle Lage der Familien lässt sich hinsichtlich der Wohnbedingungen und des Besitzes an Konsumgütern im Vergleich zur Landuntersuchung 1979 differenziert beschreiben. Wesentliche Informationen zum Einkommen, über das die Eltern verfügen, konnten 1979 nicht ermittelt werden, da Befragungen zu solchen Bereichen nur selten bewilligt wurden.
Der Ausstattungsgrad der Wohnungen (Bad, Art der Heizung, Innentoilette) kann als ein Indikator angesehen werden, der die materielle Situation des familialen Umfeldes von Jugendlichen kennzeichnet. Für die 95er Stichprobe liegen zu dieser Frage allein die Antworten der befragten Eltern vor, während zum ersten Messzeitpunkt auf die Antworten der Jugendlichen zurückgegriffen werden kann. Wenn auch dadurch geringe Verzerrungen nicht auszuschließen sind, lassen sich doch tendenziell für einen Zeitraum von 15 Jahren auffallende Veränderungen feststellen, wie die Abbildung 4 belegt.
| Abbildung 4: Wohnbedingungen der Familien auf dem Lande im Vergleich 1979 und 1995 | ||
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| [Seite 121↓] |
Während gut ein Drittel der Jugendlichen 1979 angaben, dass die elterliche Wohnung mit einer modernen Heizung und einem Bad ausgestattet ist, so ist dieser Anteil mit 85 Prozent in den vergangenen 15 Jahren erheblich angestiegen.
Eine weitere Komponente der materiellen Ausstattung des familialen Lebensbereiches bildet das Vorhandensein eines eigenen Zimmers in der elterlichen Wohnung. Verfügten 1979 fast 69 Prozent der befragten Jugendlichen - also etwa zwei Drittel - über ein eigenes Zimmer, so stieg dieser Anteil 1995 auf gut 89 Prozent. Der Unterschied zwischen beiden Messzeitpunkten ist signifikant (.00). Da - wie durch andere Untersuchungen festgestellt wurde (Müller H.-U. 1991, Steiner et al. 1993) - mit zunehmendem Alter der Anteil derjenigen Schüler/innen leicht zunimmt, die über ein eigenes Zimmer verfügen, könnte dieser Zuwachs auch mit dem Anteil an 17- und 18jährigen Jugendlichen in der 95er Stichprobe zusammenhängen (vgl. dazu auch Pkt. 3.3.1.). Es zeigt sich jedoch, dass dieser in der 95er Stichprobe enthaltende Anteil an älteren Schuljugendlichen bei der statistischen Analyse keinen signifikanten Einfluss hat. Denn ca. 88 Prozent der 14- bis 16jährigen Jugendlichen geben 1995 ebenfalls an, über ein eigenes Zimmer zu verfügen (N=555). Dennoch soll das Alter bei den nun folgenden Auswertungen berücksichtigt werden.
Der Besitz eines eigenen Zimmers steht in der Jugendstichprobe von 1995 in einem engen Zusammenhang mit dem Geschlecht, der Anzahl der Kinder und dem Sozialstatus. Für die vergleichbare Stichprobe von 1979 ergeben sich derartige signifikante Unterschiede lediglich für das Geschlecht und die Kinderzahl (vgl. Tabelle 16).
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Tabelle 16: Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”eigenes Zimmer” und den unabhängigen Variablen Geschlecht, Anzahl der Kinder und Sozialstatus für die beiden Messzeitpunkte
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MZP1 1979 |
MZP2 1995 20 |
|||||||||
|
Quelle der Varianz |
Quadratsumme |
df |
MS |
F-Wert |
Sign. |
Quadratsumme |
df |
MS |
F-Wert |
Sign. |
|
Geschlecht |
.93 |
1 |
.93 |
4.49 |
.034 |
.43 |
1 |
.43 |
4.59 |
.032 |
|
Anzahl Kinder |
5.21 |
8 |
.65 |
3.13 |
.002 |
2.08 |
7 |
.30 |
3.18 |
.003 |
|
Sozialstatus |
.20 |
2 |
.10. |
.49 |
.614 |
1.05 |
2 |
.53 |
5.62 |
.004 |
Während also zum Messzeitpunkt 1 die Jungen und Mädchen aus den verschiedenen sozialen Gruppen in gleichem Maße über ein eigenes Zimmer verfügten, differiert der Besitz eines eigenen Zimmers zum Messzeitpunkt 2 nach der sozialen Herkunft der Jugendlichen. Anders formuliert: Die Kinderzahl war 1979 ein wesentlich bedeutenderer Faktor für das Vorhandensein eines eigenen Zimmers als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Erwähnt sei allerdings, dass 1979 - bei einer Betrachtung nach Tätigkeitsgruppen - Kinder von Genossenschaftsbauern einen leichten Vorteil den anderen sozialen Gruppen gegenüber hatten. Inwieweit sich in diesem Ergebnis bereits Auswirkungen des gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Lande widerspiegeln, wäre durch weitere Untersuchungen zu überprüfen.
Der Besitz an langlebigen Konsumgütern in den Familien unterscheidet sich zwischen den beiden Zeiträumen doch wesentlich (vgl. Abbildung 5).
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| [Seite 123↓] |
| Abbildung 5: Besitz an langlebigen Konsumgütern in Familien auf dem Lande | ||
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Diese Daten scheinen ein Beleg dafür zu sein, dass sich die Ausstattung der Familien auf dem Lande mit PKW und Stereoanlage dem westlichen Niveau weitestgehend angeglichen hat. Auffallend ist vor allem der immense Anstieg an PKW in den Landfamilien in den vergangenen 15 Jahren. Wenn auch zu DDR-Zeiten der PKW-Bestand auf dem Lande vergleichsweise höher als in der Stadt war, so erfolgte nach der Wende - wie in Ostdeutschland insgesamt - hier ein regelrechter Motorisierungsboom, der sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ vollzog. Zwischen 1989 und 1993 hat sich der PKW-Bestand in den neuen Bundesländern nicht nur fast verdoppelt, sondern größtenteils auch erneuert (Geißler 1993a, S. 17).
Auch der Besitz einer Stereoanlage ist von knapp ein Viertel auf gut zwei Drittel angewachsen. Andererseits fällt aber auf, dass der Besitz einer Bibliothek (mehr als 50 Bücher) und in geringerem Maße auch der eines Musikinstruments rückläufig sind. Während den Heranwachsenden 1979 eine Bibliothek gut zur Hälfte zur Verfügung stand, geben 1995 nur noch 16 Prozent (in der Altersgruppe der 14- bis 16jährigen sogar nur noch knapp 10 Prozent) der Jugendlichen an, Zugriff zu Büchern zu haben. Dieses Ergebnis ist insofern bedeutsam, als Bücher und Musikinstrumente wichtige Einflussgrößen für ein bildungsförderndes Familienklima sind (vgl. Bourdieu 1983). Der Sozialstatus der Eltern beeinflusst zu beiden Messzeitpunkten in signifikantem [Seite 124↓]Maße den Besitz an Büchern und Musikinstrumenten, und zwar erwartungsgemäß zugunsten der Kinder aus höheren Sozialschichten. Nachdenklich muss stimmen, dass sich beim Besitz an Büchern der Anteil der Kinder aus Familien mit hohem Sozialstatus beträchtlich erhöht hat (von 49 Prozent 1979 auf 74 Prozent 1995). Während 1979 noch fast 42 Prozent der Jugendlichen, die angaben im Besitz einer Bibliothek zu sein, sich aus mittleren Sozialschichten rekrutierten, sinkt deren Anteil 1995 auf ein Fünftel. Die damit im Zusammenhang stehende soziale Benachteiligung von Kindern aus unteren und sogar mittleren Statusgruppen scheint sich durch die gravierenden Veränderungen auf dem Lande weiter verstärkt zu haben.
Die Struktur, die Größe der Familie, die vorherrschenden sozialen Beziehungen, die soziale Kontrolle, wie sie durch die Familie ausgeübt wird, und das Erziehungsverhalten beschreiben die sozialen Bedingungen in den Familien.
Ein Vergleich der Familienstruktur der beiden einbezogenen Stichproben lässt erkennen, dass auch auf dem Lande gewisse Veränderungen in den familialen Lebensformen erkennbar sind (vgl. Abbildung 6). Wenngleich die Mehrheit der befragten Jugendlichen - beachtliche 84 Prozent - nach wie vor in vollständigen Familien aufwächst (also mit leiblichem Vater und leiblicher Mutter), hat sich sowohl der Anteil Alleinerziehender als auch der Anteil der Kinder geringfügig erhöht, deren Eltern sich in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft befinden bzw. die bei anderen Erziehungsberechtigten groß werden. Das scheint dafür zu sprechen, dass gegenwärtig auch auf dem Lande weder durchgängig die Einheit von Eltern- und Partnerschaft besteht (Herlth 1993, S. 23), noch die Geburt eines Kindes auf jeden Fall die Eheschließung nach sich zieht. Die Zunahme der Ein-Eltern-Familie seit 1979 in Ostdeutschland ist im wesentlichen eine Folge sowohl der stark gewachsenen Scheidungshäufigkeit als auch des höheren Anteils lediger Mutterschaft. Ausgeprägt für die DDR war auch, dass Eheschließungen vermieden und nichteheliche Lebensgemeinschaften gewählt wurden, um die Vergünstigungen [Seite 125↓]sozialpolitischer Maßnahmen in Anspruch nehmen zu können (Nave-Herz 1997, S.10-11). Zu vermuten wäre, dass solche Überlegungen auch gegenwärtig noch eine Rolle spielen könnten. Daraus ergibt sich zusammenfassend, dass diese Entwicklung auf dem Lande weder als De-Institutionalisierungsprozess noch Individualisierungsprozess der Familie gedeutet werden kann. Ein Bedeutungsverlust der Familie bzw. die gestiegene Pluralität von Familienformen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands lässt sich alles in allem quantitativ nicht nachweisen, die Eltern-Familie bleibt dagegen nach wie vor die dominante. Familienform. Ein Vergleich des Anteils von Landjugendlichen in vollständigen Familien mit den Angaben von Nauck zum sogenannten Normkindschaftsverhältnis in den neuen Bundesländern zeigt sogar, dass der Anteil in unserem Sample deutlich über den dort angegebenen 75 Prozent liegt (Nauck 1993, S. 150).
| Abbildung 6: Struktur der Familien auf dem Lande im Vergleich | ||
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Betrachtet man die Größe der Familie - bezogen auf die Anzahl der Kinder - so unterscheidet sie sich zwischen den beiden Messzeitpunkten signifikant (.000). Die Geschwisterzahl ist im ganzen stark rückläufig (vgl. Abbildung 7). Damit zeichnet sich auch auf dem Lande ein - wie Nave-Herz zutreffend herausgearbeitet hat - ”gegenläufiger Trend im Hinblick auf die Pluralitätsthese” ab. Die Familienformen sind nämlich unter diesem Aspekt homogener geworden, da die Mehrzahl der Kinder in Ein- und Zwei-Kinder-Familien aufwächst (1997, S. 20). Wie aus der Abbildung 7 [Seite 126↓]ersichtlich, geben die Schuljugendlichen 1995 zu gut zwei Drittel an, keine Geschwister bzw. nur ein Geschwisterkind zu haben. 1979 betrug dieser Anteil lediglich zwei Fünftel.
| Abbildung 7: Anzahl der Geschwister der Befragten Jugendlichen | ||
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Die Erwerbsbeteiligung der Eltern stellt für Landjugendliche eine wichtige Grundlage zur ökonomischen Absicherung des Übergangs in die Berufsausbildung bzw. zum Studium dar. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann nach Conger und Elder (1994) neben finanziellen vor allem auch soziale und psychologische Belastungen der Familie nach sich ziehen. Insofern stellt der Erwerbsstatus der Eltern eine wesentliche Dimension dar, in der die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Lande in ihrem Einfluss auf die Familie hervortreten können.
Nach den Angaben der Schuljugendlichen waren 1979 in rund 82 Prozent der Familien beide Elternteile - also Vater und Mutter - berufstätig. Zieht man in Betracht, dass ca. 89 Prozent der Jugendlichen in vollständigen Familien lebten, so kann man davon ausgehen, dass die Berufstätigkeit in den Familien auf dem Lande der Regelfall war. Insbesondere mütterliche Erwerbstätigkeit war in der DDR zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit geworden.
Fünf Jahre nach der Vereinigung sind 87 Prozent der Väter und nur noch 68 Prozent der Mütter voll berufstätig. Allein diesen Angaben ist zu entnehmen, dass es bezüglich der Berufstätigkeit beider Elternteile auf dem Lande zu erheblichen Veränderun[Seite 127↓]gen gekommen ist, die sich insbesondere in der Benachteiligung der Mütter zeigen. Das bestätigen auch die Angaben der Jugendlichen 1995 zur Arbeitslosigkeit, wonach mit 10 Prozent der Anteil der arbeitslosen Mütter gut doppelt so hoch ist als der der Väter. Dennoch liegt die Erwerbstätigenquote von Müttern auf dem Lande in Ostdeutschland zum Zeitpunkt der Befragung trotz hoher Arbeitslosenzahlen immer noch höher als in den alten Bundesländern. 21 Das Missverhältnis zwischen Müttern und Vätern vergrößert sich allerdings auf fast das Dreifache, bezieht man in den Stand des Berufslebens der Eltern auf dem Lande außerdem noch Kurzarbeit, ABM und Umschulung mit ein.
Die erworbenen Schul- und Berufsabschlüsse der Eltern - nach Bourdieu(1983) auch als Bildungskapital bezeichnet - gehören zu den familialen Bedingungen, von denen anzunehmen ist, dass sie einen wesentlichen Einfluss auf die Bildungswege und die beruflichen Pläne der Jugendlichen ausüben werden. Welche Auswirkungen im einzelnen hiermit verbunden sind, wird im Rahmen dieser Arbeit noch zu prüfen sein.
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| [Seite 128↓] |
| Abbildung 8: Schulabschluss der Eltern | ||
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Wie aus der Abbildung 8 zu ersehen, weichen die Schulabschlüsse der Eltern zu den beiden Messzeitpunkten voneinander in erheblichem Maße ab. Die Mittelwertunterschiede sind jeweils signifikant (.000). In den letzten 15 Jahren sind die Schulabschlüsse der Eltern auf dem Lande beachtlich angestiegen. Das ist in erster Linie dem hohen Anteil an Zehnklassenabschlüssen geschuldet. Dieser hat sich mehr als verdoppelt. Ein Anstieg ist auch bei den Eltern mit Abitur zu verzeichnen.
Interessanterweise besitzen die Mütter der befragten Schuljugendlichen zum Messzeitpunkt 2 höhere Schulabschlüsse als deren Väter. Die Mittelwertunterschiede sind ebenfalls signifikant (.003). Solche geschlechtsspezifischen Unterschiede treten zum Messzeitpunkt 1 nicht auf. Die Schulabschlüsse beider Elternteile unterscheiden sich 1979 nur geringfügig. Dies könnte mit der erfolgten Gleichstellung der Mädchen im DDR-Schulwesen zusammenhängen, die zwar bereits in den 60er Jahren einsetzte, den Mädchen aber erst allmählich einen Bildungsvorsprung verschaffte, wovon dann vor allem die Mütter der 95er Jugendstichprobe profitierten.
Es besteht ein korrelativer Zusammenhang zwischen den Schulabschlüssen der Eltern und deren beruflichen Abschlüssen (1979: r = .49 bei den Vätern und r = .45 bei [Seite 129↓]den Müttern; 1995: r = .78 bei den Vätern und r = .60 bei den Müttern). Damit wird auch an dieser Untersuchung erkennbar, dass der Schulabschluss das Feld möglicher Berufsabschlüsse absteckt und darauf basierend den späteren sozialen Status weitgehend festlegt.
| Abbildung 9: Beruflicher Abschluss der Eltern | ||
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Bei den beruflichen Abschlüssen haben sich in den letzten 15 Jahren auf dem Lande ebenfalls bemerkenswerte Bewegungen vollzogen. Augenfällig sind diese Veränderungen vor allem in der niedrigsten und höchsten Berufsabschlussgruppe. Auf der einen Seite hat der Anteil der Eltern, die un- oder angelernt sind, von 16 bzw. 31 Prozent auf je etwa 4 Prozent abgenommen, und andererseits ist der Anteil der Eltern mit Hochschulabschluss von 11 bzw. 5 Prozent auf je etwa 26 Prozent angestiegen (vgl. Abbildung 9). Es muss hierbei allerdings abschwächend angemerkt werden, dass im 95er Sample die Gruppe der Hochschulabsolventen im Vergleich zur Grundgesamtheit sichtlich größer ist.
Auch bei den Berufsabschlüssen lassen sich im historischen Vergleich auffallende geschlechtsspezifische Veränderungen ausmachen. Die Mütter der befragten Jugendlichen verfügen zu beiden Messzeitpunkten in stärkerem Maße über höhere Abschlüsse als die Väter. Auffallend ist, dass 1979 der Anteil der Mütter auf dem Lande, die der sozialen Gruppe der Un- bzw. Angelernten angehörten, doppelt so [Seite 130↓]hoch als der der Väter war. Dieser Unterschied besteht 1995 nicht mehr. Es erfolgte eine Angleichung auf ca. 4 Prozent für beide Elternteile.
Die bisher beschriebenen Veränderungen in den Familien auf dem Lande sollen im folgenden mit einer Betrachtung der familialen Interaktion fortgesetzt werden. Insgesamt günstige Werte in der Beurteilung durch die Jugendlichen weist in diesem Zusammenhang die Frage nach den sozialen Beziehungen zu den Eltern - als ein wichtiges Kriterium zur Messung des Familienklimas - aus. So geben immerhin ein Drittel der Befragten 1979 an, dass ihr Verhältnis zu den Eltern ausgezeichnet sei. Gut zwei Drittel meinten damals außerdem, sie hätten ein im allgemeinen gutes Verhältnis zu ihren Eltern.
Im 95er Sample führen sogar 86 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sie mit dem Verhältnis zu den Eltern ”sehr zufrieden” oder zumindest ”ziemlich zufrieden” sind. 22 Eine Beschränkung der Betrachtung auf die Altersgruppe der 14- bis 16jährigen ergibt hier gleichfalls keine signifikanten Veränderungen (87,2 Prozent). Auch durch andere ostdeutsche Jugendstudien, die nach der politischen Wende erstellt wurden, wird dieses insgesamt positive Ergebnis bestätigt (Golz 1995, S. 52; Mansel et al. 1992; S. 32ff.; Starke, U. 1992, S. 81).
Während ein Drittel der Heranwachsenden sehr zufrieden mit ihrem Verhältnis zum Vater ist, geben das für die Mutter sogar 45 Prozent an. Das bekräftigt die durch andere Untersuchungen (vgl. z. B. Oswald 1989) durchweg immer wieder bestätigte bevorzugte Stellung der Mütter als elterliche Bezugsperson auch für Familien auf dem Lande. Auf ein interessantes komparatives Ergebnis verweist auch der Befund, dass 1979 lediglich 3 Prozent der Jugendlichen das Verhältnis zu den Eltern als schlecht bzw. tiefgehend gestört einschätzten, 1995 demgegenüber 8 Prozent der Jugendlichen mit dem Verhältnis zu ihrer Mutter ziemlich bzw. sogar sehr unzufrieden sind, und das Verhältnis zum Vater in dieser Weise sogar von 14 Prozent beschrieben wird. Da drängt sich natürlich die Frage auf, inwiefern darin bereits eine durch die veränderte arbeitsmarktpolitische Situation auf dem Lande hervorgerufene Belastung des Familienklimas zum Ausdruck kommt. Dazu werden [Seite 131↓]im folgenden weitere Daten zum Sozialstatus - als ein wichtiger Indikator zur Beschreibung der sozioökonomischen Lage der Haushalte - und Angaben zum Lebensstandard in der Familie für das 95er Sample herangezogen. Zunächst ist festzuhalten, dass das Verhältnis zu den Eltern nicht vom Sozialstatus abhängt. Es ergibt sich jedoch ein signifikanter Zusammenhang zur Einschätzung des Lebensstandards in der Familie heute im Vergleich zu 1989 (F-Wert: 5,2; Signifikanz of F: .003). Diejenigen Jugendlichen, die angeben, mit dem Verhältnis zu ihren Eltern ziemlich bzw. sehr unzufrieden zu sein, schätzen auch den Lebensstandard ihrer Familie in stärkerem Maße als niedriger ein als die anderen Jugendlichen, die mit den Beziehungen zu ihren beiden Eltern zufrieden sind. Das könnte als Hinweis darauf gewertet werden, dass sich aus den makrostrukturellen Veränderungen auf dem Lande ein sich abzeichnendes Belastungspotential für bestimmte Gruppe von Jugendlichen herauszubilden beginnt. Es ist jedoch erforderlich, diesem Anzeichen weiter nachzugehen. Insgesamt gesehen haben sich jedoch die innerfamilialen Beziehungen in den untersuchten Familien auf dem Lande in dem von mir betrachteten Zeitraum von 15 Jahren nicht verschlechtert.
Bei der Einschätzung des Verhältnisses der Eltern zu ihren Kindern im Jugendalter kommt dem Ausmaß der sozialen Kontrolle, welche die Eltern auszuüben versuchen, eine besondere Bedeutung zu. Dieses Konstrukt ist geeignet, mögliche Veränderungen in der familialen Sozialisation im Hinblick auf das Erzeugen konformen Verhaltens über die Zeit aufzuzeigen. Der gebildete Index enthält ausschließlich Fragen dazu, was die Jugendlichen allein entscheiden dürfen, ohne die Eltern zu fragen. Bei der Befragung vorgegeben wurden folgende Items:
Was dürfen Sie zu Hause ganz allein entscheiden?
- wofür ich mein Taschengeld ausgebe
- ob ich mich nach 20.00 Uhr mit Freunden treffe
- ob ich rauche
- ob ich meine Schularbeiten mache
- mit wem ich innig befreundet bin
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| [Seite 132↓] |
- wie ich das Wochenende verbringen möchte
- wie ich mir die eigenen Pflichten einteile
- ob ich ohne Erwachsene meine nächsten Ferien verbringe
Für jedes einzelne Item hatten die Jugendlichen anzugeben, ob sie das allein entscheiden dürfen, oder ob das nicht der Fall ist. Damit sollte der dem Jugendlichen zugeschriebene Entscheidungsspielraum zu erfassen versucht werden (vgl. Frese 1989, S 275ff.; Merkens 1992a, S.85ff.).
Für die Bildung eines Index wurden explorative Faktorenanalysen getrennt für die Stichproben von 1979 und 1995 gerechnet und interpretiert.
Tabelle 17: Ergebnisse der Faktorenanalysen
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Item |
MZP 1 1979 |
MZP 2 1995 |
||||
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Faktor1 |
Faktor2 |
Faktor3 |
Faktor1 |
Faktor2 |
Faktor3 |
|
|
Taschengeld |
.654 |
.698 | ||||
|
Treff nach 20.00 |
.726 |
.686 | ||||
|
Rauchen |
.635 |
.503 | ||||
|
Hausaufgaben |
.900 |
.745 |
||||
|
Freunde |
.712 |
.683 | ||||
|
Wochenende |
.457 |
.574 | ||||
|
Pflichten einteilen |
.502 |
(.371) | ||||
|
Ferien ohne Erwachsene |
.648 |
.679 | ||||
|
Reliabilität |
50 |
.53 |
||||
Auf der Basis der Eigenwerte ergeben sich für die 1979er und 1995er Stichprobe je eine Lösung mit drei Faktoren.
|
| [Seite 133↓] |
In beiden Stichproben beschreibt der erste Faktor das Ausmaß der sozialen Kontrolle in den Familien bei außerfamilialen Handlungen der Jugendlichen. 1979 laden die vier Items mit Fragen nach den Treffs nach 20.00, den Ferien ohne Erwachsene, dem Rauchen und den Wochenenden auf einem Faktor, der die Entscheidung nach dem Treffen nach 20.00 zum Markieritem hat. Dieser Faktor klärt eine Varianz von 21,3 Prozent auf. Bis hin zum Markieritem ergibt sich im 95er Sample ein ähnlicher Faktor, der 23,4 Prozent der Varianz aufklärt.
Auf das Einbeziehen des zweiten und dritten Faktors wird im folgenden verzichtet, da die Reliabilitätskoeffizienten zu gering ausfallen und die gebildeten Indizes teilweise erhebliche Deckeneffekte aufweisen.
Tabelle 18: Verteilung der Häufigkeiten beim Index ”soziale Kontrolle”
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MZP 1 |
MZP 2 |
|||
|
Werte |
Absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
|
1 |
1 |
0,1 |
||
|
3 |
2 |
0,2 |
4 |
0,5 |
|
4 |
51 |
6,2 |
338 |
39,8 |
|
5 |
110 |
13,3 |
247 |
29,1 |
|
6 |
205 |
24,9 |
144 |
16,9 |
|
7 |
298 |
36,2 |
91 |
10,7 |
|
8 |
158 |
19,2 |
25 |
2,9 |
|
Mittelwert |
6.48 |
5.06 |
||
Zunächst sollen die auf der Basis der aggregierten Daten gewonnenen Indizes bezüglich der Häufigkeiten dargestellt und diskutiert werden (vgl. Tabelle 18).
Die Ergebnisse dokumentieren auffallend, dass in der Wahrnehmung der Jugendlichen die soziale Kontrolle in ihren Familien zum ersten Erhebungszeitpunkt - also 1979 - deutlich größer war, d. h. die Jugendlichen äußerten, weniger allein entschei[Seite 134↓]den zu dürfen. Während 1979 immerhin fast 20 Prozent der Jugendlichen in allen vier Fällen angaben, nicht allein entscheiden zu dürfen, waren es 1995 nur ganze 3 Prozent der Jugendlichen, die in allen vier Items ankreuzten, dass sie andere fragen müssten, ob sie handeln können, wie sie wollen. 23 Nun liegt natürlich die Vermutung nahe, dass dieses Ergebnis mit dem etwas höheren Alter der Jugendlichen zum zweiten Messzeitpunkt zusammenhängt, was durchaus plausibel erscheint, da zahlreiche Untersuchungen immer wieder den Zusammenhang von abnehmender sozialer Kontrolle und zunehmendem Alter belegen (vgl. Preuss-Lausitz et al. 1990). Nachweisbar ergibt sich jedoch für die Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen weder eine Veränderung bei der Bildung des Faktors ”soziale Kontrolle”, noch in der Wahrnehmung, der sozialen Kontrolle ihrer Eltern. Lediglich rund 4 Prozent der 14- bis 16jährigen Jugendlichen gaben in allen vier Items an, nicht allein entscheiden zu dürfen. Der Mittelwert des Index ”soziale Kontrolle” in dieser Teilstichprobe beträgt 5,36. Damit kann die Abnahme der sozialen Kontrolle zum zweiten Messzeitpunkt nicht auf das Alter zurückgeführt werden. Die Unterschiede in der Ausprägung der sozialen Kontrolle zu den beiden Erhebungszeitpunkten 1979 und 1995 legen vielmehr die Vermutung nahe, dass die soziale Kontrolle in den Familien vor und nach der Wende unterschiedlich stark wahrgenommen wird. Nachfolgend soll diese Annahme überprüft werden. Erwartet wird darüber hinaus vor allem auch eine Auswirkung des Geschlechts auf das Ausmaß der sozialen Kontrolle.
Da der Messzeitpunkt in diesem Fall als unabhängige Variable in die Rechnung eingeht, ist es erforderlich, von einer Gesamtstichprobe auszugehen, für die ein Summenindex ”soziale Kontrolle” aus den Items ”Treff nach 20.00 Uhr”, ”ohne Erwachsene die Ferien verbringen”, ”Wochenende verbringen” und ”Rauchen” gebildet wird.
Nachfolgend wird zur Überprüfung der o. g. Annahme eine Varianzanalyse mit den unabhängigen Variablen Geschlecht und Messzeitpunkt gerechnet (Tabelle 19).
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Tabelle 19: Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”soziale Kontrolle” und den unabhängigen Variablen Geschlecht und Messzeitpunkt
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Quelle der Varianz |
df |
Quadratsumme |
F-Wert |
Signifikanz |
|
Geschlecht |
1 |
78,1 |
59,6 |
0.000 |
|
1979/95 |
1 |
854,6 |
651,7 |
0.000 |
Es wird deutlich, dass sich vor allem der Messzeitpunkt mit einem sehr hohen F-Wert als bedeutsam erweist. Während der erhebliche Geschlechtereffekt plausibel ist und sich in anderen ähnlich gelagerten Untersuchungen immer wieder reproduzieren lässt (vgl. Preuss-Lausitz et al. 1990, Tillmann 1992, Steiner et al.1993), regen die Differenzen zwischen den beiden Stichproben zu weiteren Überlegungen an. Die Zunahme der Freiheitsgrade Schuljugendlicher auf dem Lande im Jahre 1995 könnte - mit aller Vorsicht - als eine Reaktion auf die neuen wahrgenommenen Freiheiten interpretiert werden. Sie ließe sich aber auch als Ausdruck der ”weichen Welle” im Sozialisationsverhalten der Eltern deuten, wie sie in bildungssoziologischen Untersuchungen der DDR bereits in den 70er und vor allem 80er Jahren hervortraten, vergleichbar mit dem Prozess der Liberalisierung in Westdeutschland.
Um weitere Einflussgrößen genauer bestimmen zu können, die mit dem Grad der sozialen Kontrolle in Beziehung stehen, werden im folgenden für die beiden Stichproben von 1979 und 1995 getrennte Varianzanalysen gerechnet. Zu erwarten wäre, dass beispielsweise das Nichtvorhandensein eines eigenen Zimmers - also etwas beengtere Wohnverhältnisse - mit einem höheren Grad an sozialer Kontrolle zusammengehen. Auch die soziale Herkunft der Jugendlichen und die Schulleistungen könnten einen Zusammenhang mit sozialer Kontrolle zeigen.
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Tabelle 20: Mehrfache Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”soziale Kontrolle in Familien” und den unabhängigen Variablen Sozialschicht, Schulleistung und eigenes Zimmer in der Stichprobe von 1979
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Quelle der Varianz |
df |
Quadratsummen |
F-Wert |
Signifikanz |
|
Sozialschicht |
2 |
2.6 |
1.0 |
.36 |
|
Schulleistung |
3 |
24.9 |
6.6 |
.00 |
|
eigenes Zimmer |
1 |
5.7 |
4.5 |
.03 |
|
Quelle der Varianz |
df |
Quadratsummen |
F-Wert |
Signifikanz |
|
Sozialschicht |
2 |
17.8 |
6.9 |
.00 |
|
Schulleistung |
3 |
2.2 |
.57 |
.63 |
|
eigenes Zimmer |
1 |
.5 |
.39 |
.53 |
Wie die Tabellen 20 und 21 zeigen, fällt die Wahrnehmung der sozialen Kontrolle durch die Eltern in beiden Jugendstichproben unterschiedlich aus. Im Sample von 1979 sind die Schulleistungen der Jugendlichen mit dem Ausmaß der sozialen Kontrolle in der Familie verbunden. Nur Jugendliche mit schlechteren schulischen Leistungen gaben an, größere individuelle Entscheidungsspielräume zu haben. Zusätzlich ist in der 79er Stichprobe auch das Vorhandensein eines eigenen Zimmers tendenziell mit der Wahrnehmung geringerer sozialer Kontrolle verbunden. D. h. in dieser Stichprobe zeigt sich ein Zusammenhang der Ausstattung des materialen Nahraumes (Wohnungsgröße) mit der sozialen Kontrolle. Diese Zusammenhänge lassen sich 15 Jahre später bei den Jugendlichen nicht mehr ermitteln. Dafür stellt sich 1995 ein signifikanter Zusammenhang zwischen Sozialschicht der Eltern und Ausüben sozialer Kontrolle ein. Jugendliche aus den unteren Sozialschichten nehmen das Ausmaß der sozialen Kontrolle durch die Eltern in bezug auf ihre [Seite 137↓]Entscheidungen als geringer wahr. Dieses Ergebnis könnte mit der Umbruchsituation auf dem Lande in Ostdeutschland erklärt werden. Während die materiale Ausstattung nach der Wende keinen Einfluss mehr ausübt, was angesichts der im Punkt 4.2.1.1. deutlich aufgezeigten Veränderungen plausibel erscheint, und auch der Einfluss der Schulleistungen nicht mehr statistisch bedeutsam ist, verhalten sich die Eltern nunmehr bei der sozialen Kontrolle wieder verstärkt im Sinne klassischer Erwartungen. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte darin gesehen werden, dass sich Eltern aus den höheren Sozialschichten in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche auf dem Lande vermehrt ihren Kindern zuwenden, woraus auch eine stärkere soziale Kontrolle resultieren könnte.
Ob sich die Wahrnehmung der Landjugendlichen in Bezug auf die soziale Kontrolle auch mit den Aussagen der Eltern deckt, soll im folgenden überprüft werden:
Der Index ”soziale Kontrolle” in der Elternstichprobe wird ebenfalls von den Items ”Treff nach 20.00”, ”ohne Erwachsene Ferien verbringen”, ”Rauchen” und ”Wochenende verbringen” gebildet. Die Betrachtung der Werte zu den beiden Messzeitpunkten zeigt auffallende Unterschiede.
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Werte |
Eltern 1979 |
Eltern 1995 |
||
|
Absol. |
% |
absol. |
% |
|
|
3 |
2 |
1,0 |
||
|
4 |
1 |
1,0 |
56 |
28,0 |
|
5 |
5 |
5,1 |
61 |
30,5 |
|
6 |
13 |
13,1 |
49 |
24,5 |
|
7 |
40 |
40,4 |
22 |
11,0 |
|
8 |
40 |
40,4 |
10 |
5,0 |
|
Mittelwert |
7,1 |
5,3 |
||
|
| [Seite 138↓] |
Die Ergebnisse dokumentieren deutliche Unterschiede zwischen den beiden Elternstichproben. Während 1979 immerhin vierzig Prozent der befragten Eltern bei allen
vier Items 24 angaben, dass ihre Kinder nicht allein entscheiden dürfen, sind es 1995 nur noch fünf Prozent der Eltern, die in allen vier Fällen ankreuzten, ihre Kinder müssten andere fragen, ob sie handeln können, wie sie wollen. Dieses Ergebnis bestätigt den bereits durch die Jugendbefragungen erzielten Befund, dass die soziale Kontrolle auf dem Lande zu DDR-Zeiten ein allgemein höheres Niveau aufwies.
Entgegen anderer Resultate (vgl. Merkens 1992, S.100) lassen die Vergleichsuntersuchungen auf dem Lande folglich den Schluss zu, dass es durch die Umbruchsituation zu keiner Vergrößerung der Tendenz zur Ausübung sozialer Kontrolle gekommen ist. Beim jetzigen Stand der Auswertung ist eher von einer Verringerung auszugehen.
Diese Ergebnisse könnten zugleich ein Hinweis darauf sein, dass in der Ausübung sozialer Kontrolle bemerkenswerte regionale Unterschiede auftreten.
Fragen zu Anforderungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, geben nicht nur Aufschluss über die erzieherische Einflussnahme, die Erziehungspraktiken der Eltern, sondern sind auch geeignet, Aussagen über die soziale Position, die Jugendliche in ihren Familien einnehmen, zu erhalten. Die im folgenden berichteten Auswertungen beziehen sich auf eine Frage mit 7 über die Zeit unveränderten Items (vgl. Tabelle 23). Die Frage lautete: ”Eltern stellen an Ihre Söhne und Töchter bestimmte Anforderungen. Inwiefern erwarten Ihre Eltern von Ihnen das Folgende?”
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Tabelle 23: Die in der 79er und 95er Untersuchung verwendeten Items zu den elterlichen Anforderungen
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(1)dass Sie ständig einen bestimmten Pflichtenkreis im Haushalt übernehmen |
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(2)dass Sie ständig einen bestimmten Pflichtenkreis in der Garten- und Feldarbeit übernehmen |
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(3)dass Sie gute Zensuren nach Hause bringen |
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(4)dass Sie Ihre Sachen selbständig in Ordnung halten |
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(5)dass Sie weitgehend für Ihre Handlungen selbst verantwortlich sind |
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(6)dass Sie in Familienangelegenheiten ein eigenes Urteil haben |
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(7)dass Sie einen politischen Standpunkt haben |
Festzustellen wäre, ob und wie sich in einem historischen Zeitraum von 15 Jahren der Charakter der Anforderungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, aber auch ihr Ausmaß verändert haben. Zu erwarten wären markante Differenzen in den Anforderungen zwischen den beiden Messzeitpunkten, die ihren Ausdruck hauptsächlich in einer stärkeren Betonung von Selbständigkeit zum zweiten Messzeitpunkt finden könnten.
Außerdem soll ermittelt werden, in welchem Zusammenhang Pflichten und Anforderungen an die Jugendlichen mit weiteren Merkmalen stehen. So kann beispielsweise angenommen werden, dass die Anforderungen der Eltern mit dem Geschlecht und den Schulleistungen variieren. Zu erwarten wären auch schichtspezifische Auswirkungen.
Fragen dieser Art sollen wieder für beide Stichproben gesondert nachgegangen werden. In einem ersten Schritt werden Dimensionen für elterliche Anforderungen mittels explorativer Faktorenanalysen erkundet. Die jeweils gerechneten Faktorenanalysen ergeben für 1979 eine zweifaktorielle und für 1995 eine dreifaktorielle Lösung (vgl. Tabelle 24).
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Tabelle 24: Ergebnisse der Faktorenanalyse zu den elterlichen Anforderungen
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MZP 1 1979 |
MZP 2 1995 |
||||
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Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 3 |
|
|
Übernahme Pflichten im Haushalt |
.64 |
.50 | |||
|
gute Zensuren |
.51 |
.71 | |||
|
Sachen in Ordnung halten |
.66 |
.77 | |||
|
Selbstverantwortung |
.72 |
.69 | |||
|
eigenes Urteil in Familienangelegenheiten |
.75 |
.80 | |||
|
politischer Standpunkt |
.55 |
.59 | |||
|
Garten- und Feldarbeit |
.77 |
.89 |
|||
|
Reliabilitätskoeffizienten |
.63 |
.37 |
.50 |
.45 | |
In der 79er Stichprobe bilden die Items ”Sachen in Ordnung halten”, ”Selbstverantwortung”, ”Urteil in Familienangelegenheiten” und ”politischer Standpunkt” einen Index, der das Ausmaß der Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Landjugendlichen in ihren Familien beschreibt. Mit einem Alpha-Wert von .63 ist dieser Index, der nachfolgend mit Eigenverantwortung bezeichnet werden soll, zufriedenstellend. Beachtenswert und interessant ist, dass der politische Standpunkt, der nach Wahrnehmung der Jugendlichen von ihren Eltern erwartet wird, ebenfalls diesen Faktor kennzeichnet.
Im 95er Sample fällt auf, dass in diesem Faktor das Item ”Sachen in Ordnung halten” nicht enthalten ist. Das Markieritem ist aber - ebenso wie im 79er Sample - ”ein eigenes Urteil in Familienangelegenheiten”, so dass ich mich entschlossen habe, den Index Eigenverantwortung in der Stichprobe von 1995 über nur drei Items zu bilden.
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| [Seite 141↓] |
Der zweite Faktor umfasst in beiden Stichproben jeweils drei Items, denen als Gemeinsamkeit unterstellt werden kann, dass sie Leistungen und Dienste abfordern. 1979 gehörten dazu ”Pflichten im Haushalt” und ”Pflichten in der Feldarbeit” übernehmen sowie ”gute Zensuren nach Hause bringen”. Zum zweiten Messzeitpunkt findet sich anstelle des Items ”Pflichten in der Feldarbeit” übernehmen dasjenige ”Sachen in Ordnung halten”.
Es gibt bei diesem Faktor insofern einen Bedeutungsunterschied als in den Familien 1979 stärker Dienste abgefordert wurden, die der Allgemeinheit - hier also der Familie - zugute kamen. Die Änderung lässt sich 1995 mit der stärkeren Hinwendung zu Leistungen und Diensten charakterisieren, die auch für den Jugendlichen unmittelbar von Bedeutung sind.
Das verbleibende Item ”Pflichten in der Feldarbeit übernehmen” bildet 1995 allein einen dritten Faktor.
Der Index Eigenverantwortung eignet sich von der Faktorstruktur her gesehen am besten für einen historischen Vergleich, da es bei dieser Dimension eine Übereinstimmung in dem Markieritem als auch in der Reihenfolge der Ladungen der Items gibt, die alle über den im allgemeinen akzeptablen Schwellenwert von 0,50 liegen. Die Konsistenzen der Skalen (Cronbach’s Alpha) sind bei diesem Faktor am höchsten. Für den Vergleich soll im 79er Sample der Index Eigenverantwortung ebenfalls nur über drei Items, also ohne das Item ”Sachen in Ordnung halten”, gebildet werden. Der Reliabilitätskoeffizient verringert sich in dem Fall auf akzeptable .59. Dieser Faktor klärt im 79er Sample eine Varianz von 32,4 Prozent und im 95er Sample eine Varianz von 26,6 Prozent auf.
Signifikante Alterseffekte treten zum zweiten Messzeitpunkt nicht auf. Die Mittelwerte des Index Eigenverantwortung unterscheiden sich zwischen der Gesamtstichprobe (Mittelwert: 7,8) und der Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen (Mittelwert: 8,2) nur geringfügig.
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| [Seite 142↓] |
Für eine weitere Analyse werden nun sowohl biographische Variablen als auch die innerfamilialen Beziehungen herangezogen, um deren Einfluss auf die Erwartungen der Eltern an die Jugendlichen zu prüfen. Um dieser Frage nachgehen zu können, wurden entsprechende ANOVA’s getrennt für beide Stichproben gerechnet. Der Index Eigenverantwortung wird als Summenindex aus den entsprechenden z-transformierten Werten gebildet, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten.
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Quelle der Variation |
Quadratsumme |
df |
F-Wert |
Signifikanz |
|
Sozialstatus |
91.5 |
2 |
10.6 |
.000 |
|
Schulleistung |
135.2 |
3 |
10.5 |
.000 |
|
Verhältnis Eltern |
169.4 |
3 |
13.1 |
.000 |
|
Geschlecht |
0.2 |
1 |
0.06 |
.813 |
Tabelle 26: Einfluss der unabhängigen Variablen Geschlecht, Sozialschicht, Schulleistung, Verhältnis zu den Eltern auf die Variable eigenverantwortung in der 95er Stichprobe 25
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Quelle der Variation |
Quadratsumme |
df |
F-Wert |
Signifikanz |
|
Sozialstatus |
64.1 |
2 |
8.6 |
.000 |
|
Schulleistung |
21.9 |
3 |
1.9 |
.116 |
|
Verhältnis Eltern |
42.6 |
7 |
1.6 |
.121 |
|
Geschlecht |
19.7 |
1 |
5.3 |
.021 |
1979 wie auch 1995 zeigt sich ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus der Eltern und Eigenverantwortung der Jugendlichen in ihren Familien. Die Eltern verhalten sich wie auch vor 15 Jahren bei den Anforderungen [Seite 143↓]ganz im Sinne traditioneller Erwartungen: Je höher der Sozialstatus, desto eher wird von den Jugendlichen ein eigenverantwortliches Handeln erwartet. Das heißt also, dass Jugendliche aus Familien, die zu den sozial besser Gestellten zählen, offenbar höheren Anforderungen unterliegen als andere.
Während für die 79er Stichprobe des weiteren elterliche Anforderungen diesen Typs deutlich häufiger von leistungsstärkeren Schülern wahrgenommen werden, ist dieser Effekt im 95er Sample nicht mehr auszumachen. Das trifft auch für den zum ersten Messzeitpunkt deutlich erkennbaren Zusammenhang zu den Mitteilungen der Jugendlichen über das Verhältnis zu ihren Eltern zu. Jugendliche, die 1979 angeben, ein im allgemeinen gutes bzw. sogar vortreffliches Verhältnis zu ihren Eltern zu haben, sind auch stärker der Meinung, dass von ihnen ein eigenes Urteil in Familienangelegenheiten, Selbständigkeit und ein politischer Standpunkt erwartet wird.
Im 95er Sample zeigt sich demgegenüber ein auf dem 5 % Niveau signifikanter Geschlechtereffekt. Die weiblichen Jugendlichen meinen stärker als die männlichen, dass von ihnen Selbständigkeit, ein eigenes Urteil in Familienangelegenheiten und ein politischer Standpunkt erwartet wird.
Zwischen den Anforderungen - so könnte man begründet annehmen - die an die Jugendlichen in ihren Familien gestellt werden, und den ihnen eingeräumten Entscheidungsspielräumen bestehen enge Zusammenhänge. Tatsächlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Faktor Eigenverantwortung und dem Entscheidungsspielraum in den Familien 1995 (r = .27; p<.000). Je mehr Eigenständigkeit, Mitreden in Familienangelegenheiten und ein politischer Standpunkt von den Jugendlichen erwartet werden, desto größer ist auch deren Entscheidungsspielraum. Kein signifikanter Zusammenhang konnte dagegen in der Vergleichsuntersuchung 1979 festgestellt werden. Hohe Anforderungen an die Jugendlichen waren demnach in der Regel nicht mit einem Weniger oder Mehr an sozialer Kontrolle verbunden.
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| [Seite 144↓] |
Die Annahme war, dass sich in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands während eines Zeitraums von 15 Jahren und vor dem Hintergrund gravierender gesellschaftlicher Umbrüche in den Familien Wandlungsprozesse vollziehen, die sich insbesondere in wirtschaftlicher Entbehrung und sozialer Deprivation zeigen, die sich für die Erziehung der Heranwachsenden erheblich auswirken. Es war vor allem von einer Verschlechterung familialer Interaktionsbeziehungen auszugehen. Diese Annahme kann durch die Ergebnisse der Vergleichsuntersuchung nicht bestätigt werden.
Die Resultate sprechen insgesamt sowohl für bemerkenswerte Veränderungen als auch für Beständigkeit in den familialen Sozialisationsbedingungen auf dem Lande in dem betrachteten Zeitraum von 15 Jahren , die sich zusammenfassend wie folgt beschreiben lassen:
Zu den außerfamilialen Bedingungen, die nachfolgend in die Betrachtung einbezogen werden sollen, zählen sowohl schulische Bedingungen als auch Bedingungen im Freizeitbereich, insbesondere in peer-groups. Vor allem die Beziehungen zu Gleichaltrigen, die in dieser Altersgruppe zum Teil aus sozialen Beziehungen in der Schule [Seite 146↓]resultieren, gelten für die Jugendphase allgemein als wichtige Sozialisationsfaktoren, was nicht heißt, dass die sozialen Beziehungen in der Familie unwichtiger werden.. Jugendliche schaffen sich vielmehr außerhalb ihres ”ökologischen Zentrums” der Familie ihre eigenen Lebensräume im Bereich ihres ”ökologischen Nahraums” (Baacke 1988, S. 79). Dazu zählen beispielsweise die Schule aber auch verschiedene Freizeitorte, die ausgehend von der sicheren Basis des ökologischen Zentrums von den Jugendlichen erfahren werden. Für die Wege der Jugendlichen nach der Schule - also die Statuspassagen - spielen die gewonnenen Erfahrungen in diesen Bereichen eine nicht unbedeutende Rolle.
Für die beiden Lebensbereiche Schule und Gleichaltrigen- bzw. Freizeitgruppe stehen allerdings verhältnismäßig wenige Daten zur Verfügung, die für den historischen Vergleich ausgewertet werden konnten.
Mit dem Schuljahr 1991/92 wurde auch in den von uns befragten Landkreisen das westdeutsche Schulsystem mit seiner frühen Aufteilung in Hauptschule, Realschule bzw. in Osterburg Sekundarschule und Gymnasium eingeführt (vgl. dazu auch die Ausführungen im Punkt 2.2.2.). Einen Einblick in die zum Zeitpunkt der Untersuchung bestehende und zum Teil unterschiedliche Schullandschaft in den beiden ländlichen Regionen (daher auch die Aufteilung nach Regionen) vermittelt die Tabelle 27. Das bis zu diesem Zeitpunkt durch die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule bestimmende Schulsystem der DDR wurde damit abgelöst.
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Tabelle 27: Verteilung der Stichprobe von 1995 nach Schulformen
(Angaben absolut und in Prozent)
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Schulformen
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Osterburg |
Grevesmühlen |
||
|
absolut |
Prozent |
absolut |
Prozent |
|
|
Gymnasium |
85 |
25,3 |
168 |
32,4 |
|
Realschule |
340 |
65,5 |
||
|
Sekundarschule |
251 |
74,7 | ||
|
Grund-u. Hauptschule |
11 |
2,1 |
||
Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, waren ein Viertel bzw. sogar ein Drittel der befragten Landjugendlichen im Jahre 1995 Schüler/in des Gymnasiums. Damit ist der Anteil von Abiturientinnen und Abiturienten an der Gesamtstichprobe in der von uns untersuchten ländlichen Region im Vergleich zu 1979/80 stark angestiegen (1979 betrug deren Anteil 13,3 Prozent).
Es ist zu vermuten, dass die insgesamt erfolgten Veränderungen in den schulischen Rahmenbedingungen (dazu gehören z. B. auch neue Lehrpläne, gekoppelt mit neuen Inhalten, und veränderte Bewertungskriterien für Schulleistungen) Einfluss nehmen auf die innerschulischen Verhältnisse. Nachzugehen wäre daher beispielsweise der Frage, inwieweit dieser Wandel im Schulsystem auch Veränderungen in den sozialen Beziehungen, die in den Schulklassen nach Ansicht der Schuljugendlichen vorherrschen, bewirkt hat.
Der historische Vergleich zeigt, dass kameradschaftlich-kritische Beziehungen bei den Landjugendlichen nach wie vor überwiegen (vgl. Abbildung 10). Nach Angaben der Jugendlichen kann also nicht von einer Verschlechterung des Klimas an Landschulen ausgegangen werden.
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| [Seite 148↓] |
| Abbildung 10: Beziehungen in den Schulklassen | ||
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Ein Vergleich der Mittelwerte zu den beiden Messzeitpunkten zeigt keine signifikanten Unterschiede, so dass auch von keinen statistisch bedeutsamen Veränderungen bezüglich der sozialen Beziehungen über die Zeit ausgegangen werden kann. Ein Alterseffekt bei der Beantwortung dieser Frage im 95er Sample ist nicht feststellbar. Die jeweiligen Mittelwerte sind sogar identisch.
Dennoch fällt die Diskrepanz bezüglich des Items ”gleichgültig” bei den Antworten zwischen den Jugendlichen 1979 und 1995 auf. Schuljugendliche auf dem Lande nehmen demnach 1995 verstärkt gleichgültige Beziehungen in ihren Schulklassen wahr. Auch dieses Resultat lässt sich nicht auf das etwas höhere Alter der Schuljugendlichen zum zweiten Messzeitpunkt zurückführen (Gesamtstichprobe 1995: 14,4 Prozent; Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen: 13,3 Prozent).
Eine Betrachtung der sozialen Beziehungen nach Schulleistungen weist in beiden Stichproben auf bereits bekannte Zusammenhänge hin, wonach Schuljugendliche mit schlechterem Leistungsstand häufiger auf gleichgültige und kalte Beziehungen in ihren Schulklassen aufmerksam machen.
Demgegenüber zeigen sich im Zusammenhang mit dem Geschlecht und der sozialen Herkunft über die Zeit interessante Veränderungen. War 1979 noch eine Geschlechtsspezifik auszumachen, so ist diese bei der Befragung 1995 nicht mehr anzu[Seite 149↓]treffen. Der durchgeführte T-Test zeigt für die 79er Stichprobe sogar signifikante Mittelwertunterschiede (t-Wert: 2.68; Signifikanz: .008). So meinten damals Mädchen signifikant häufiger als Jungen, dass in ihren Schulklassen kameradschaftliche Beziehungen vorherrschen. Dass die Geschlechtsspezifik in den schulischen Sozialbeziehungen für die Jugendstichprobe 1995 nicht mehr evident ist, bestätigen auch die im Rahmen von Ost-West-Untersuchungen erzielten Resultate (Merkens et al. 1992, Steiner et al. 1993). Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die allgemein in der Literatur beschriebene größere Kompromissbereitschaft bei Mädchen derzeit so vorbehaltlos nicht mehr anzutreffen ist. Diese Vermutung kann jedoch durch die vorliegenden Daten weder bestätigt noch widerlegt werden.
Die Einschätzung der sozialen Beziehungen in der Schulklasse durch die Jugendlichen korrespondiert allein in der 95er Stichprobe mit der sozialen Herkunft. Jugendliche aus der Gruppe mit niedrigem Sozialschichtindex meinen in stärkerem Maße als Jugendlichen aus den sozialen Vergleichsgruppen, dass die Beziehungen kalt sind und häufig Konflikte einschließen. Andererseits verweisen Jugendliche aus der Gruppe mit hohem Sozialschichtindex verstärkt auf gleichgültige Beziehungen in ihren Schulklassen.
Einblick in das Sozialverhalten von Jugendlichen vermitteln auch die Fragen zur Disziplin in der Klasse. Die Jugendlichen sollten 1979 angeben, ob es in ihrer Klasse zu Verstößen gegen die Disziplin kommt. In der Befragung von 1995 lautete die Aufforderung, mitzuteilen, inwieweit die schlechte Disziplin in der Klasse ein Problem darstellt. Wenngleich diese Fragen zu beiden Messzeitpunkten nicht identisch gestellt wurden, können sie dennoch für eine allgemeine komparative Betrachtung herangezogen werden.
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| [Seite 150↓] |
| Abbildung 11: Disziplinverstöße in der 79er Stichprobe | ||
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| Abbildung 12: Angaben zur Disziplin in der Klasse in der 95er Stichprobe | ||
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Es lässt sich trotz eingeschränkter Vergleichbarkeit der Daten aus den Abbildungen 11 und 12 zumindest entnehmen, dass es ganz offensichtlich 1995 an den Landschulen nicht unbedingt zu einer gravierenden Disziplinverschlechterung gekommen ist, denn immerhin gut ein Viertel der Jugendlichen gibt an, dass die schlechte Disziplin in der Klasse kein Problem darstelle. 1979 meinten hingegen 11 Prozent der Schuljugendlichen, dass Disziplinverstöße so gut wie nicht vorkommen. Das könnte jedoch au
ch darauf hinweisen, dass sich die Wahrnehmung dessen, was als Disziplinverstoß angesehen wird, über die Zeit verändert hat.
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| [Seite 151↓] |
Es zeigten sich im 79er Sample des weiteren signifikante Zusammenhänge zwischen der Einschätzung der Häufigkeit von Disziplinverstößen und den Schulleistungen sowie dem Wunsch, schon Lehrling sein zu wollen. Schuljugendliche mit schlechteren Schulleistungen, die auch in stärkerem Maße schon aus der Schule sein wollten, gaben häufiger an, dass es in ihrer Klasse zu Disziplinverstößen komme. Für 1995 ergibt sich hingegen lediglich ein Zusammenhang mit dem Geschlecht. Mädchen schätzen die schlechte Disziplin in der Klasse eher als ein ernstes Problem ein als Jungen, was wiederum auf unterschiedliche Wahrnehmungen zurückgeführt werden kann.
Die Schule erscheint nicht nur als sozialer Ort für die Heranwachsenden, sondern fungiert zugleich als eine wichtige Leistungseinrichtung. Wie zahlreiche Untersuchungen belegen (Fend 1976, 1980; Meier 1982; Helsper 1993; Behnken u. a. 1991; Hurrelmann 1994) erweisen sich Schulleistungen nach wie vor als eminentes Sozialkriterium innerhalb und außerhalb der Schule. Die in den durchschnittlichen Schulnoten ausgedrückte Leistung ist zudem ein ganz bedeutender Einflussfaktor für die Bildungs- und Berufsentscheidungen und soll daher nachfolgend eingehender dargestellt werden. Ermittelt wurde der Durchschnitt der Schulzensuren auf der Basis einer Selbsteinschätzung der befragten Landjugendlichen, wie sie ihre Leistungen auf dem letzten Zeugnis überwiegend ansehen.
Der Vergleich des Leistungsstandes Landjugendlicher über einen Zeitraum von 15 Jahren gestaltet sich jedoch insofern nicht einfach, als sich nach Einführung des westdeutschen Schulsystems die Zensurenskala um die Note ”6” erweitert hat. Da die Note ”6” von den Jugendlichen nicht ein einziges Mal in der Selbsteinschätzung - wie sie ihre Leistungen in der Schule bewerten - genannt wurde, habe ich mich entschlossen, trotzdem den Durchschnitt der Schulzensuren zu beiden Messzeitpunkten für den Vergleich heranzuziehen (vgl. Tabelle 28).
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Tabelle 28: Schulzensuren von Jugendlichen vor und nach der Wende
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1979 |
1995 |
|
|
Zensurendurchschnitt |
2,13 |
2,61 |
Folgt man den Angaben der Schuljugendlichen, dann war es vor der Wende offensichtlich einfacher gewesen, gute Zensuren zu erreichen. 1995 fallen die Zensurendurchschnitte um eine halbe Note schlechter aus. Demnach scheint die Anpassung an das westdeutsche Schulmodell offenbar mit einer Verschlechterung der Zensuren einherzugehen, was auf eine Veränderung der Praxis der Notengebung hindeutet.
Die Selbsteinschätzung der Schulleistungen durch die Jugendlichen 1979 weist auf einen deutlichen Geschlechtereffekt hin. Mädchen geben erwartungsgemäß eher bessere Schulleistungen an als Jungen. Überraschenderweise ist dieser Zusammenhang aber 1995 nur noch auf dem 5% Niveau signifikant. Vergleichbare Untersuchungen in Ostberlin zeigen sogar, dass die Selbsteinschätzung der Schulleistung durch die Jugendlichen unabhängig vom Geschlecht bleibt (Stompe 1993, S.55).
Dies könnte insgesamt darauf hindeuten, dass der sich seit den 60er Jahren vollziehende Prozess der Gleichstellung von Mädchen im DDR-Schulwesen, der auf der Basis von Schulleistungen zu einem allmählichen Bildungsvorsprung bei den Mädchen führte, nunmehr zumindest stagniert.
Dass Jugendliche verschiedener sozialer Herkunft auch in unterschiedlichem Maße von der Schule profitieren, lässt sich für das Sample von 1979 eindeutig nachweisen. So nehmen mit steigendem Bildungs- und Qualifikationsniveau der Eltern tendenziell die guten Schulleistungen der Jugendlichen zu. Der Zusammenhang ist hochsignifikant. Damit verstärkte die Landschule in der DDR entsprechend ihrer Selektionsfunktion günstige und ungünstige Einflüsse der Herkunftsfamilie. Dieses Ergebnis diente seinerzeit gemeinsam mit einer Reihe anderer bildungssoziologischer Studien als weiterer empirischer Beleg für soziale Reproduktionstendenzen in der DDR-[Seite 153↓]Gesellschaft (Meier 1975, 1981; Meier/Reimann 1977; Nickel/Steiner 1981; Herzog/Stompe 1981).
Dieser hochsignifikante Zusammenhang ist auch in der Befragung von 1995 ganz klar nachweisbar. Es gilt tendenziell nach wie vor: Je höher der Sozialstatus der Eltern, desto besser die erreichten schulischen Leistungen der Kinder. Ganz offensichtlich wird durch die Übernahme des stark differenzierten Bildungssystems der Bundesrepublik das Fortbestehen der Chancenungleichheit auf dem Lande nicht beendet. Da - wie aus der Untersuchung ersichtlich wird - die Schulformen sogar in einem direkten Zusammenhang mit der sozialen Herkunft der Jugendlichen stehen (p=.000), könnte das sogar als ein Indiz dafür angesehen werden, dass eine verschärfte soziale Auslese wahrscheinlicher wird und die Schule damit die soziale Ungleichheit eher noch verstärkt.
Einen Vergleich der Zensurendurchschnitte der befragten Jugendlichen getrennt nach Schulformen ermöglicht die Abbildung 13.
| Abbildung 13: Zensurendurchschnitte Schuljugendlicher im Jahre 1995 getrennt nach Schulformen | ||
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| [Seite 154↓] |
Es zeigt sich, dass die Durchschnittszensuren von Haupt-, Real- und Sekundarschülern relativ nahe zusammenliegen. Eine deutliche Differenz ergibt sich im Vergleich dieser Schulformen zum Gymnasium. Abiturienten liegen im Niveau der erreichten Schulleistungen deutlich höher als andere Schuljugendliche. Die Schulleistungen korrespondieren mit dem angestrebten Bildungsabschluss und auch mit dem angestrebten höheren Bildungsniveau. Denn bemerkenswerterweise sind die Durchschnittsnoten von Abiturienten mit Studienabsichten - wie eine detailliertere Dateninspektion zeigt - besser als jene, die nach dem Abitur eine Lehre aufnehmen wollen.
Für die weitere Analyse wäre nun die Frage interessant, inwiefern durch die verschiedenen Schulformen die Schuljugendlichen auf dem Lande selektiert werden (vgl. Merkens 1994, S. 38f.). Dazu werden ausgewählte sowohl familienbezogene als auch persönlichkeitsbezogene Faktoren herangezogen (sind in der Tabelle 29 aufgeführt) und zunächst deren Operationalisierung vorgestellt.
An familienbezogenen Variablen werden in die Betrachtung die soziale Kontrolle und das Bildungskapital einbezogen.
Der Index soziale Kontrolle wird gebildet über die Addition der Items
- ob ich mich nach 20 Uhr mit Freunden treffe
- ob ich ohne Erwachsene meine nächsten Ferien verbringe
- wie ich das Wochenende verbringen möchte.
Um der Frage nach familialen Bedingungen weiter nachgehen zu können, wurde der Index Bildungskapital hinzugenommen, der die Schulbildung der Eltern erfasst und sich durch entsprechende Addition der Angaben zur
- Schulbildung des Vaters oder der Person an Vaterstatt und
|
| [Seite 155↓] |
- der Mutter oder der Person an Mutterstatt
ergibt.
An persönlichkeitsbezogenen Variablen werden in die Betrachtung die folgenden einbezogen:
- Das Wichtigste im Alltagsleben ist, sich unterordnen lernen. Dann
hat man wenig Ärger und kommt am besten durch.
- Das Wichtigste im Alltagsleben ist der politische Standpunkt, dass
man über den täglichen Kleinkram nicht das große Ganze und die
gesellschaftliche Perspektive aus dem Auge verliert.
gebildet wird.
- Man hat wenig Einfluss auf das, was mit einem geschieht.
- Es kommt sowieso, wie es kommt.
zusammensetzt.
- gutes Einkommen
- Sicherheit des Arbeitsplatzes
ergibt.
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Tabelle 29: Einflussfaktoren auf die Platzierung im Schulsystem
(Berechnung erfolgte auf der Grundlage von Mittelwerten)
26
|
1995 |
|
|
soziale Kontrolle | |
|
Gymnasium |
3,2 |
|
Sekund.schule |
3,9 |
|
Realschule |
3,9 |
|
Hauptschule |
4,2 |
|
Bildungskapital | |
|
Gymnasium |
6,3 |
|
Sekund.schule |
5,3 |
|
Realschule |
5,6 |
|
Hauptschule |
4,7 |
|
”hinnehmende” Zukunftsvorstellung | |
|
Gymnasium |
5,1 |
|
Sek.schule |
6,3 |
|
Realschule |
5,9 |
|
Hauptschule |
7,5 |
|
Anpassung | |
|
Gymnasium |
5,2 |
|
Sek.schule |
5,8 |
|
Realschule |
5,7 |
|
Hauptschule |
6,8 |
|
soziale Existenz | |
|
Gymnasium |
2,4 |
|
Sek.schule |
2,7 |
|
Realschule |
2,5 |
|
Hauptschule |
2,9 |
|
| [Seite 157↓] |
Von den einbezogenen Variablen ist das Bildungskapital erwartungsgemäß die Variable, die am besten in der Lage ist, zwischen den verschiedenen Schulformen zu differenzieren. Eltern von Gymnasiasten verfügen nach wie vor über das höhere Bildungskapital.
Schulformbezogene Unterschiede werden auch bei der sozialen Kontrolle als weiterem familienbezogenen Index deutlich. Die Beschränkungen im Entscheidungsspielraum sind bei Abiturienten am geringsten, bei den Hauptschülern hingegen am größten.
Eine varianzanalytische Auswertung offenbart hinsichtlich dieser beiden Indizes statistisch bedeutsame Unterschiede.
Einen interessanten Blick erlaubt die Prüfung, ob die verschiedenen Schulformen Schuljugendliche mit unterschiedlichen Wertvorstellungen anziehen. Die Dateninspektion verweist insgesamt auf einen engen Zusammenhang zwischen der Ausprägung der Wertvorstellungen und der besuchten Schulform. Eine deutliche Abhängigkeit zeigt sich beim Index Anpassung: Gymnasiasten stimmen dieser Einstellung im Vergleich zu allen anderen Schuljugendlichen am wenigsten zu. Bei der sozialen Existenz sind die Unterschiede kleiner, aber auch hier ergibt sich eine etwas größere Zustimmung bei den Real-, Haupt- und Sekundarschülern. Bei den Zukunftsauffassungen, die als fast gleichgültig hinnehmend zu bezeichnen wären, finden sich von der Tendenz her dieselben Resultate wie bei der Anpassung: Hauptschüler und Sekundarschüler markieren die höchste Zustimmung und Gymnasiasten stimmen ihnen am wenigsten zu.
Auf der Grundlage der vorliegenden Daten lässt sich für die Schule insgesamt feststellen, dass die Jugendlichen auf dem Lande sowohl von der Einheitsschule als auch von der nunmehr differenzierten Schule in Abhängigkeit von ihrer sozialen Herkunft in unterschiedlichem Maße profitieren. Ungünstigere familiale Anregungspotentiale werden durch die Schule nicht kompensiert, sondern eher kumuliert, was für die weitere Lebensplanung der Jugendlichen bedeutsam erscheint. Offenkundig muss sich von einer Vorstellung verabschiedet werden, die dem herkömmlichen dreiglied[Seite 158↓]rigen Schulsystem auf dem Lande größere Sozial- und Bildungschancen zuschreibt als dem ehemaligen einheitlichen Schulsystem der DDR.
Für Jugendliche ist allgemein charakteristisch, dass sie umfangreiche Beziehungen zu Gleichaltrigen unterhalten. Diese Peer-group stellt neben Familie und Schule für Schuljugendliche eine zunehmend wichtige Sozialisationsinstanz dar.
Zu beiden Erhebungszeitpunkten unterhalten die befragten Jugendlichen Freundesbeziehungen. Der Umfang der Freundesbeziehungen lässt sich anhand der Abbildung 14 näher beschreiben.
| Abbildung 14: Zahl der Freunde | ||
|
|
Es wird generell erkennbar, dass sich der Freundeskreis, in dem man sich nahezu täglich trifft und mit dem auch die Eltern überwiegend einverstanden sind, zum zweiten Messzeitpunkt verändert hat. Der t-Test ergibt sogar signifikante Mittelwertunterschiede zwischen den beiden Gruppen ”1979” und ”1995”. Auffallend ist vor allem, dass der Anteil der Jugendlichen, die nur bis zu drei Mädchen oder Jungen zu ihrem Freundeskreis zählen, in dem untersuchten Zeitraum deutlich zugenommen hat und dafür der Anteil derer, dessen Freundeskreis mehr als sieben Jugendliche umfasst, zurückgegangen ist. Dass diese Veränderung mit dem [Seite 159↓]etwas höheren Alter im 95er Sample zu erklären ist, kann ausgeschlossen werden. Ein Vergleich der Mittelwerte zwischen der Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen und der Gesamtstichprobe zum zweiten Messzeitpunkt zeigt keine signifikanten Unterschiede (Mittelwerte: 4,47 bzw. 4,40).
Wichtiger noch als der Freundeskreis scheinen jedoch die schon festen Partnerbeziehungen für die beruflichen Entscheidungen der Schulabgänger zu sein. Immerhin über die Hälfte der befragten Jugendlichen gab 1995 an, einen festen Freund oder Freundin zu haben, wenn auch dieser Anteil im Vergleich zu 1979 zurückgegangen ist (1979: 80,0 %). In dieser festen Partnerschaft werden jedoch derzeit in wesentlich stärkerem Maße als vor 15 Jahren bereits gemeinsame Pläne für die Zukunft gemacht.
Der feste Freund oder die feste Freundin rekrutiert sich mehrheitlich immer noch aus den Schulkameraden, auch wenn deren Anteil - im ganzen gesehen - rückgängig ist (vgl. Abbildung 15). Im 95er Sample hat sich dafür der Anteil der Freunde, die bereits in der Lehre oder schon Facharbeiter sind, auffallend erhöht. Das betrifft auch den Anteil der Un- und Angelernten sowie der Armee- bzw. Zivildienstangehörigen. Diese Veränderung steht nachweisbar im Zusammenhang mit dem höheren Alter der Jugendlichen zum zweiten Messzeitpunkt. Beispielsweise geben ein Viertel der 17- und 18jährigen an, einen festen Freund bzw. Freundin zu haben, der oder die Facharbeiter/in ist. In der Altersgruppe der 14- bis 16jährigen sind es nur knapp 10 Prozent.
Beachtenswert erscheint, dass Schuljugendliche auf dem Lande auch über ihren festen Freund bzw. Freundin gegenwärtig bereits Erfahrungen mit der Arbeitslosigkeit machen, denn immerhin 1 Prozent gab 1995 an, dass ihr fester Freund bzw. ihre feste Freundin arbeitslos ist.
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| [Seite 160↓] |
| Abbildung 15: Status des festen Freundes bzw. der festen Freundin (Angaben in Prozent) | ||
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In diesem Zusammenhang wäre es auch von Interesse zu erfahren, wie häufig Jugendliche auf dem Lande in ihrer Freizeit mit anderen Jugendlichen zusammen sind. Die Abbildung 16 weist dazu aus, dass zwei Drittel der Jugendlichen 1995 antworteten, dass sie sich täglich mit ihren Freunden in der Freizeit treffen. 15 Jahre zuvor gab das nur knapp die Hälfte an. Das lässt vermuten, dass die Freundschaften - insgesamt gesehen - zwar zahlenmäßig zurückgegangen sind, dafür aber intensiver gepflegt werden.
| Abbildung 16: Häufigkeit der Treffs | ||
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|
Um Institutionalisierungen in der Freizeit genauer nachgehen zu können, sind die Treffpunkte der Landjugendlichen zu erfassen. Die zu diesem Komplex gestellte Frage wurde zu den beiden Befragungszeitpunkten unterschiedlich abgefasst, wo[Seite 161↓]durch sich eine einschränkende Vergleichbarkeit ergibt. Während in der Befragung von 1979 die Jugendlichen die am häufigsten aufgesuchten Treffs angeben sollten (maximal zwei Angaben), waren 1995 die Jugendlichen aufgefordert für einzelne vorgegebene Orte jeweils nach einer fünfstufigen Ratingskala (von 1 = ”sehr häufig” bis 5 = ”niemals”) einzuschätzen, wie häufig sie sich mit ihren Freunden dort treffen. Um nun überhaupt einen Vergleich zu ermöglichen, sind jeweils Rangreihen gesondert für die einzelnen Stichproben berechnet worden; für das 79er Sample auf der Basis der prozentualen Häufigkeitsverteilung, für das 95er auf der Grundlage der berechneten Mittelwerte (vgl. Tabelle 30).
Tabelle 30: Freizeittreffs von Jugendlichen auf dem Lande (Rangreihensortierung)
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1979 |
1995 |
|
|
Straßen, Anlagen |
4 |
3 |
|
in Wohnungen |
2 |
2 |
|
in der Schule |
1 |
4 |
|
in Diskotheken, Jugendclubs |
3 |
1 |
|
Gaststätten, Kneipen |
6 |
5 |
|
Sportplätze |
5 |
6 |
Es zeigen sich bei diesem Vergleich interessante Verschiebungen. Während man sich noch 1979 am häufigsten mit Freunden auch in der Freizeit in der Schule traf, hat dieser Treffpunkt inzwischen an Bedeutung verloren und ist auf den 4. Rangplatz abgerutscht. Dafür sind Diskotheken und Jugendclubs als soziale Orte für Peer-groups derzeit auf den ersten Platz gerückt. Unverändert häufig werden Wohnungen als Freizeittreffs aufgesucht. Alterseffekte, die eine Verschiebung der Rangreihe bewirken könnten, treten im 95er Sample nicht auf. Mit anderen Worten: Eine für die Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen Jugendlichen vorgenommene Rangreihensortierung ergibt keine Verschiebungen zur 95er Gesamtstichprobe.
Zum Freizeitverhalten hat es in der Untersuchung auch einen Fragenkomplex gegeben, mit dessen Hilfe die Aktivitäten in Peer-groups erfasst werden sollten. Die Landjugendlichen wurden nach dem Ausüben von Freizeitaktivitäten gefragt, die sie beim Treff mit anderen Jugendlichen praktizieren, d. h. es wurden nicht die Freizeit[Seite 162↓]aktivitäten allgemein ermittelt. Vorgegeben waren folgende Alternativen, bei denen jeweils mitgeteilt werden sollte, in welchem Maße diese in der Freizeit ausgeübt werden:
Aus der Tabelle 31 lassen sich gewisse Veränderungen im Wahrnehmen dieser Freizeitaktivitäten erkennen. Auffallend ist vor allem die ins Gewicht fallende Differenz in der sportlichen Freizeitbetätigung im historischen Vergleich. Während Sport treiben mit anderen Jugendlichen in den Aktivitäten 1979 nach solch klassischer jugendspezifischer Beschäftigung wie Radio hören sogar den zweiten Rangplatz einnahm, rutschte diese Freizeitbeschäftigung 1995 auf den letzten Rangplatz ab. Dafür rückt jedoch das Bummeln vom letzten auf den zweiten Platz vor. Auch diese Veränderungen zum zweiten Messzeitpunkt sind auf keinen Alterseffekt zurückzuführen.
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1979 |
1995 |
|||
|
Sport treiben |
2,3 |
2 |
3,5 |
4 |
|
Besuch kult. Einrichtungen |
2,6 |
3 |
3,1 |
3 |
|
Radio hören |
1,8 |
1 |
1,9 |
1 |
|
Bummeln |
2,8 |
4 |
2,7 |
2 |
In der DDR wurden die sportlichen Freizeitbeschäftigungen weitgehend durch die Schulen in Form von Arbeitsgemeinschaften oder durch andere staatliche [Seite 163↓]Einrichtungen, wie z. B. die GST (Gesellschaft für Sport und Technik), angeboten. Nach dem Systemwechsel konnten viele solcher Einrichtungen nicht aufrechterhalten werden. Ob eine solche Tendenz auch auf eine geringere Breite und Differenzierung der Interessen der Jugendlichen hinweist, kann in dieser Untersuchung nicht geklärt werden. Allerdings kann zum zweiten Erhebungszeitpunkt auf eine Frage nach der Zufriedenheit mit dem Freizeitangebot in der Gegend zurückgegriffen werden, die diesem Trend wenigstens teilweise nachgehen kann. Lediglich 17,5 Prozent der Landjugendlichen gaben 1995 an, dass sie sehr bzw. ziemlich zufrieden mit dem Angebot in ihrer Gegend sind, also nicht mal ein Fünftel der Befragten. Sport treiben korrespondiert signifikant mit dem Freizeitangebot in der Gegend (r =.13; Signifikanz: .001), d. h. die Jugendlichen, die angeben, in der Freizeit hauptsächlich mit ihren Freundinnen und Freunden Sport zu treiben, geben auch häufiger an, mit den Freizeitangeboten in ihrer Gegend zufrieden zu sein. Dieser Zusammenhang lässt sich dagegen bei der Freizeittätigkeit Kino nicht nachweisen, d. h. diese Freizeitbeschäftigung ist nicht abhängig von der Einschätzung des Freizeitangebots durch die Jugendlichen.
Um weitere Analysen durchführen zu können, soll auf der Grundlage explorativer Faktorenanalysen nachfolgend zuerst der Merkmalsraum Freizeitaktivitäten einer vergleichenden Dimensionierung unterzogen werden (vgl. Tabelle 33).
Tabelle 32: Dimensionen der Freizeitaktivitäten Landjugendlicher in der 79er und 95er Stichprobe
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MZP 1 1979 |
MZP 2 1995 |
|||
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Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 1 |
Faktor 2 |
|
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Sport |
.79 |
.95 |
||
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kulturelle Einrichtungen |
.67 |
.66 | ||
|
Radio hören |
.74 |
.72 | ||
|
Bummeln |
.73 |
.77 | ||
|
Aufgeklärte Varianz |
60,1 Prozent |
65,0 Prozent |
||
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| [Seite 164↓] |
In beiden Stichproben ergeben sich zweifaktorielle Lösungen. Der erste Faktor im 79er Sample mit dem Markieritem ”Radio hören” umfasst Freizeitaktivitäten, die von den Jugendlichen ein passives Partizipieren abfordern und folglich mit Konsum bezeichnet werden sollen. Der zweite Faktor, der die Items ”Sport treiben” und ”kulturelle Einrichtungen besuchen” umfasst, hat seine Gemeinsamkeit in Freizeitbeschäftigungen, die vom Jugendlichen einen gewissen Tätigkeitsdrang abverlangen. Dieser Faktor soll Aktivität genannt werden.
Demgegenüber zeigt sich in der 95er Lösung insofern eine leichte Differenz zur 79er als das Item ”Besuch kultureller Einrichtungen” von der Dimension Aktivität zur Dimension Konsum wechselt und folglich der zweite Faktor lediglich aus dem Item ”Sport treiben” besteht. Das Item ”Besuch kultureller Einrichtungen” hat offensichtlich einen Bedeutungswandel erfahren. Während zum Zeitpunkt der ersten Befragung diese Freizeittätigkeit von fast der Hälfte aller befragten Schuljugendlichen bevorzugt wurde und eine gewisse Eigeninitiative erforderlich machte, indem zum Beispiel Verabredungen getroffen wurden, um dann gemeinsam ins nächste Kino zu gehen bzw. zu fahren u. ä., spielt in der Befragung von 1995 diese Freizeittätigkeit nur noch bei einem Drittel der Jugendlichen eine gewisse Rolle. Dies ist vermutlich damit zu erklären, dass es derzeit geringere Angebote in ländlichen Regionen gibt und/oder dass die wirtschaftliche Lage der Eltern diese Freizeitaktivität nicht gestattet. Jedes größere Dorf führte vor dem Systemumbruch dagegen regelmäßig billige Kinoveranstaltungen durch. Insofern würde es plausibel erscheinen, wenn Jugendliche den Besuch eines Kinos bloß gelegentlich wahrnehmen. Andererseits verführen zahlreiche Videotheken und ein umfangreiches Fernsehangebot auch eher dazu, lieber zu Hause zu bleiben.
Es soll in der weiteren Analyse untersucht werden, wie diese Freizeiträume mit Merkmalen des familialen und schulischen Sozialisationsbereiches zusammenhängen. Einbezogen werden dazu folgende Indizes:
Die angenommenen Zusammenhänge lassen sich wie folgt darstellen:
| Abbildung 17: Einflüsse der Mikrosysteme Familie und Schule auf die Freizeitaktivitäten Landjugendlicher | ||
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Zur Überprüfung dieser aufgeführten Zusammenhänge werden jeweils innerhalb der beiden Stichproben mehrfache Regressionsanalysen für jede der beiden Dimensionen mit der Freizeitaktivität als abhängiger Variablen getrennt gerechnet.
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| Abbildung 18: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension AKTIVITÄT für die Stichprobe 1979 | ||
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| Die Codierung des Sozialstatus ist: 1=untere Sozialschicht bis 3=obere Sozialschicht. Die Codierung für Aktivität: 2=hohe Aktivität bis 8=niedrige Aktivität. Von daher begründet sich der indirekte (negative) Zusammenhang. |
| Abbildung 19: Resultat der Regressionsanalyse für die Dimension SPORT in der 95er Stichprobe | ||
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In der 79er Stichprobe zeigen sich bei der Dimension Aktivität (die vor allem die sportliche Aktivität, aber auch den Besuch von Kinos beinhaltet) dominierende Zusammenhänge mit den Variablen Geschlecht, Schulklima und Sozialstatus (vgl. Abbildung 18). Jungen präferieren diese Aktivität deutlich stärker als Mädchen und Landjugendliche, deren Eltern zur sozialen Gruppe mit hohem Sozialstatus gehören, ebenfalls. Auch Schuljugendliche, die die Beziehungen zu ihren Mitschülern mehrheitlich als kameradschaftlich einschätzen, widmen sich in ihrer Freizeit diesen Beschäftigungen. Es gibt noch einen weiteren Zusammenhang mit den guten Schulleistungen der Jugendlichen. Dieser Befund könnte damit zusammenhängen, dass die [Seite 167↓]sportliche Betätigung in der DDR vor allem unter dem Leistungsaspekt gefördert wurde. Es gab ein dichtes Netz von Trainingszentren, die den Leistungssport entwickeln sollten. Dafür wurden vor allem Schüler/innen ausgewählt, die der Doppelbelastung gewachsen waren, d. h. schulisch keine gravierenden Probleme zeigten, was insbesondere für Kinder aus den privilegierten Schichten zutraf, die bekanntlich auch verstärkt kulturelle Einrichtungen besuchen.
Für die 95er Stichprobe vereinfacht sich die Struktur möglicher Zusammenhänge (Abbildung 19). So gibt es bei der Freizeitaktivität Sport nur einen ähnlich dominanten Geschlechtereffekt. Demgegenüber werden Zusammenhänge mit den Mikrosystemen Familie und Schule nicht erkennbar. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Sport treiben nunmehr verstärkt den Charakter von Breitensport unabhängig von der sozialen Stellung der Eltern einnimmt.
Auch bei der Dimension Konsum (Abb. 20 und Abb. 21) dominiert sowohl 1979 als auch 1995 in den Stichproben die biographische Variable Geschlecht. Mädchen geben häufiger als Jungen an, in der Freizeit Angebote mit nur geringer Eigeninitiative wahrzunehmen.
Zusammenhänge mit der schulischen Sozialisationsagentur lassen sich in beiden Stichproben nachweisen. Während allerdings im 79er Sample der Index Konsum von den Schulleistungen abhängig ist (Landjugendliche mit schlechteren Schulleistungen geben diese Freizeittätigkeit häufiger an), zeigt sich im 95er Sample ein Zusammenhang mit den Beziehungen in den Schulklassen. Jugendliche, die sich gut mit ihren Mitschülern verstehen, gehen mit ihren Freunden in der Freizeit häufiger bummeln und hören Musik. Daneben ergibt sich 1995 ein deutlicher Einfluss der sozialen Schicht. Es überrascht zunächst etwas, dass Landjugendliche aus höheren sozialen Gruppen diese Aktivität deutlich präferieren. Das lässt sich aber wahrscheinlich damit erklären, dass sie mehr Geld zum Bummeln zur Verfügung haben.
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| Abbildung 20: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension KONSUM für die Stichprobe 1979 | ||
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| Abbildung 21: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension KONSUM in der 95er Stichprobe | ||
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Zusammenfassend lässt sich zum Freizeitbereich hervorheben:
Die Begriffe Wert und Wertorientierungen werden im folgenden als ein Aspekt der Handlungsregulierung betrachtet. Sie sind Leitlinien individuellen Handelns, d. h. sie beeinflussen individuelle Entscheidungen und Verhalten. In Werten widerspiegeln sich gesellschaftliche Normen im Sinne von ”Verhaltenserwartungen”. Wertorientierungen beziehen sich auf die Erwünschtheit bzw. Unerwünschtheit von bestimmten Zuständen bzw. Ereignissen, d. h. sie drücken gleichermaßen positive oder auch negative Stellungnahmen aus. Die Herausbildung eines eigenen Wert- und Normsystem ist ein allmählicher Prozess, der sich über Kindheit und Jugend bis in das Erwachsenenalter erstreckt und in dem soziale Erfahrungen (verstanden als empirisches Wissen, das aus der Aneignung der sozialen Umwelt im Sozialisationsprozess hervorgeht) die Identität sozialer Subjekte [Seite 170↓]mitkonstituieren und ihr weiteres Handeln beeinflussen. Die Einwirkungen bestimmter sozioökonomischer Faktoren auf die Persönlichkeit werden durch Wertorientierungen ”gebrochen”. Eine Reihe von Autoren betrachten sie daher auch als Mediator (vgl. Boehnke/Claßen/Merkens/Stompe 1993).
Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft werden vielfach verantwortlich gemacht für einen Wertewandel gerade bei den jungen Alterskohorten, der dann mit dem Nachrücken dieser Kohorten letztendlich in der Gesamtbevölkerung sichtbar wird. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die von Inglehart vertretene These von ”der stillen Revolution der Werte” (1979) zu verweisen, nach der in den westlichen Gesellschaften Anfang der 70er Jahre ein Bedeutungsverlust materialistischer Werte zugunsten eines Bedeutungsgewinns postmaterialistischer Werte stattgefunden hat. Zur Erklärung werden von Inglehart bedürfnistheoretische und sozialisationstheoretische Annahmen herangezogen. Danach müssen zum einen zunächst grundlegende materielle Bedürfnisse befriedigt sein, um Bedürfnisse nach sozialer Wertschätzung und Selbstverwirklichung entstehen zu lassen. Zum anderen geht er davon aus, dass die wirtschaftlichen Bedingungen in der Phase des Heranwachsens ausschlaggebend sind für die Herausbildung von stabilen Bedürfnissen und Wertorientierungen. Kritische Einwände sind gegen Inglehart u. a. insofern vorzubringen, als er den Wertewandel als ein Nullsummenspiel, d. h. als eine Wertesubstitution sieht. Einer solchen Betrachtung schließe ich mich nicht an, sondern stimme eher der Auffassung Klages (1984) zu, der den Wertewandelsprozess auch als Werte-Koexistenz begreift, d. h. ein Bedeutungsgewinn individualistischer Werte der Selbstverwirklichung ist bei gleichbleibender Wertschätzung konventioneller Werte denkbar. Mit anderen Worten: Es ist nicht nur ein Werteverlust, sondern auch eine Wertesynthese möglich, die den Wertewandelsprozess kennzeichnet. Eine solche Wertesynthese konnte schließlich mit den Ergebnissen der 1990 durchgeführten gesamtdeutschen Schülerstudie (DJI 1990) nachgewiesen werden. Auch neuere Untersuchungen bestätigen, dass bei Schülern in Ost und West hedonistische Wertorientierungen gleichzeitig mit einer hohen Wertschätzung von Werten der Leistung, des Materialismus und der Selbstentfaltung einhergehen (vgl. Klages/Gensicke 1993, Gille 1995). Diese Arbeiten stützen insgesamt die theoretische Überlegung, dass bei der Strukturierung des Werteraumes von der Existenz mehrerer unabhängiger Wer[Seite 171↓]tedimensionen auszugehen ist. Das würde auch eine Um- und Neugewichtung jeweils gültiger Werte einschließen.
Die Konzeptionalisierung von Werten in dieser Untersuchung soll vor allem zur Beantwortung der Frage beitragen, welche Rolle materialistische Wertorientierungen bei Landjugendlichen nach der Wende spielen und inwiefern es über die Zeit eine Um- und/oder Neugewichtung von Werten gegeben hat.
In der vorliegenden Untersuchung werden allgemeine Wertorientierungen junger Menschen über ihre Einstellung zu verschiedenen Verhaltensweisen im Alltag erfasst. Damit wird schon offensichtlich, dass in keiner Weise das Wertesystem der Jugendlichen auf dem Lande angemessen abgebildet werden kann. Wenn wir in unserer Auswertung auch eher auf der Ebene allgemeiner Einstellungen und Erfahrungen bleiben, so besitzen diese jedoch als Ergebnis des Sozialisationsprozesses junger Menschen für den historischen Vergleich maßgebliche Relevanz.
Die Befragten wurden unter Vorlage einer Liste konkret aufgefordert, zu Wertpräferenzen Stellung zu beziehen. Dabei sollte die Wichtigkeit von insgesamt 9 Werten unabhängig voneinander eingestuft werden. Bei einer anderen Vorgabe wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein anderes Ergebnis zu erwarten. Dieses Vorgehen erlaubt dennoch - wenn auch mit entsprechender Vorsicht - Rückschlüsse auf den Bedeutungsverlust bzw. -gewinn bestimmter Werte bei ostdeutschen Jugendlichen auf dem Lande in den letzten 15 Jahren.
Unsere Betrachtung geht von der These aus, dass sich Landjugendliche vor und nach der Wende aufgrund gravierender gesellschaftlicher Veränderungen und den damit im Zusammenhang stehenden neuen Erfahrungen in wesentlichen Dimensionen ihrer Alltagswerte voneinander unterscheiden werden. Es kann andererseits gleichwohl angenommen werden, dass daneben auch Gemeinsamkeiten auftreten, die aus der gleichen Sozialisation während der Kindheit in der DDR-Gesellschaft resultieren.
Zu erwarten wären gleichermaßen deutliche Unterschiede in den Aussagen zu Alltagsauffassungen von Eltern und Jugendlichen vor allem zum zweiten Erhebungszeitpunkt, die nicht nur als generationsbedingt anzusehen wären, sondern auch aus [Seite 172↓]der jeweils unterschiedlichen Verarbeitung der Wendeerfahrungen resultieren könnten. So wäre insbesondere ein Trend zur Abnahme von Pflichtwerten und ein gesteigertes Selbstentfaltungsbedürfnis bei den Jugendlichen zu vermuten, was mit einer abnehmenden Bereitschaft, sich für die Belange der Gesellschaft einzusetzen, in Verbindung stehen könnte.
Die eingesetzte Skala zu den Alltagswerten umfasst die aus der Tabelle 33 zu entnehmenden Items. In der Tabelle werden pro Item der Mittelwert für die beiden Stichproben dargestellt: je niedriger der Mittelwert, desto höher die Zustimmung. Außerdem wird der bei einem Mittelwertsvergleich der beiden Stichproben ermittelte t-Wert einschließlich seiner Signifikanz angezeigt.
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Tabelle 33: Deskriptive Statistik der Items zu den Alltagswerten
Eine erste auf der Ebene von Einzelitems erfolgte Auswertung ergibt, dass von den Befragten einzelne Werte gegenüber anderen geringer eingeschätzt werden und somit durchaus individuelle Wertehierarchien gebildet werden. Ein harmonisches Familienleben sowie gute Freunde und Bekannte werden von den Landjugendlichen zu beiden Messzeitpunkten gleichermaßen hoch gewertet. Interessante Veränderungen ergeben sich über die Zeit bei den anderen in der Tabelle angeführten Alltagsorientierungen, deren Mittelwertunterschiede jeweils signifikant sind. Eine befriedigende Arbeit und ein gutes Wissen wie auch Geld und gute Beziehungen nehmen bei den Landjugendlichen 1995 einen höheren Stellenwert ein als vor gut 15 Jahren. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass - wie neuere Untersuchungen zeigen - die Jugendlichen im Osten Familie und Leistung obendrein höher bewerten als Jugendliche im Westen ( vgl. Reitzle/Silbereisen 1996, Schmidtchen 1997).
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| [Seite 174↓] |
Welche Aussagen sich zu Werteprioritäten im Vergleich zwischen Jugendlichen und Eltern vor und nach der Wende treffen lassen, vermittelt die nachfolgende Tabelle. Dazu wurde zusätzlich für die einzelnen Items auf der Grundlage der Mittelwerte eine Rangreihensortierung vorgenommen. Für die Jugendstichprobe von 1995 wurden die Werteprioritäten gleichfalls für die Substichprobe der 14- bis 16jährigen ermittelt, um möglichen Altersdifferenzen nachgehen zu können. Die Befunde - jeweils in Klammern angegeben - zeigen mit einer Ausnahme keine signifikanten Mittelwertunterschiede zur 95er Gesamtstichprobe und keine Verschiebungen in der Rangreihe, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Werteprioritäten im 95er Sample keinen Alterseffekten unterliegen.
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Item |
Jugend79 N=827 |
Eltern79 N=99 |
Jugend95 N=855 (N=555) |
Eltern95 N=200 |
||||
|
Arbeit zufrieden |
2,06 |
4 |
1,45 |
2 |
1,84 (1,83) |
2 |
1,33 |
2 |
|
Geld/König |
3,21 |
9 |
1,86 |
8 |
2,68 (2,60) |
7 |
3,36 |
9 |
|
harmonisches Familienleben |
1,88 |
2 |
1,22 |
1 |
1,90 (1,94) |
3 |
1,25 |
1 |
|
Nützliches arbeiten |
2,04 |
3 |
1,51 |
3 |
2,22 (2,20) |
6 |
1,91 |
4 |
|
Unterordnung |
2,69 |
8 |
1,68 |
6 |
2,95 (2,65) |
8 |
3,35 |
8 |
|
viel Wissen |
2,26 |
5 |
1,64 |
5 |
2,08 (2,12) |
4 |
1,98 |
5 |
|
gute Beziehungen |
2,46 |
7 |
1,99 |
9 |
2,16 (2,14) |
5 |
2,18 |
6 |
|
politischer Standpunkt |
2,40 |
6 |
1,71 |
7 |
3,15 (3,12) |
9 |
2,88 |
7 |
|
gute Freunde |
1,52 |
1 |
1,62 |
4 |
1,61 (1,63) |
1 |
1,52 |
3 |
|
| [Seite 175↓] |
Es gibt einige interessante Unterschiede zwischen der Jugend- und Elterngeneration. Das gilt sowohl für die relative Position der Items als auch für die Mittelwerte. So wird der höchste Wert bei den Jugendlichen im Jahre 1995 mit Freundschaft verbunden, bei den Eltern mit einem harmonischen Familienleben.
Am schlechtesten schneidet bei den Jugendlichen das Item ab, in dem dem politischen Standpunkt eine überragende Bedeutung unterstellt wird, bei den Eltern ist es das Item, in dem behauptet wird, wer viel Geld habe, sei König. Unterordnung und Gehorsam im Sinne des Sichunterordnens werden in beiden Generationen überwiegend gleich negativ bewertet.
Bemerkenswerte Veränderungen wie auch einheitliche Sichtweisen zeichnen sich beim Vergleich über die Zeit sowohl in den Jugend- als auch den Elternstichproben ab.
Zunächst ist festzustellen, dass von den Jugendlichen auch über die Jahre hinweg nach wie vor der Wert Freundschaft favorisiert wird. Die Vorstellung von einem harmonischen Familienleben hat dagegen über die Jahre etwas an Boden verloren. Dafür ist aber unter den Jugendlichen die Anzahl derjenigen angewachsen, die dem Wert Arbeit einen hohen Stellenwert zusprechen, indem bekundet wird, dass eine zufriedene Arbeit auch einen zufriedenen Menschen ausmacht. Offensichtlich hat die subjektive Bedeutsamkeit der Arbeit als Wert bei den Jugendlichen auf dem Lande zugenommen. Das ist insofern bemerkenswert, als in Untersuchungen des Zentralinstituts für Jugendforschung Leipzig für die 80er Jahre ein Wertewandel in der Jugend der DDR festgestellt wurde - vergleichbar mit dem Werteschub der 60er Jahre in der Bundesrepublik - der im Kern einen Zuwachs auf der hedonistisch-materialistischen Wertedimension erkennen ließ, der u. a. mit dem Rückgang des Wertes ”Arbeitsethos” beschrieben wurde (vgl. Friedrich 1990; Müller, H. 1991).
Gensicke konnte andererseits in seinen Untersuchungen zeigen, dass der Wert ”Arbeitsethos” bei den Ostjugendlichen im Zusammenhang mit der Wende 1989 expandierte und dann 1990 noch einmal erheblich zunahm (vgl. Gensicke 1992, S. 15).
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| [Seite 176↓] |
Ob sich nun allerdings die für die historische Vergleichsuntersuchung angeführten Veränderungen in einer zunehmenden Hinwendung zu einer eher funktionalen Betrachtung der Arbeit äußern oder eher der ideelle Wert der Arbeit höher geschätzt wird, muss leider offen bleiben. Zu vermuten wäre - wie auch von Gensicke angeführt - ein eher als Mittel zum Zweck ( nämlich zur Befriedigung hedonistisch-materialistischer Bedürfnisse) angesehener Wert Arbeit, der zugleich in starkem Maße eine gewisse Sicherheitsorientierung zum Ausdruck bringt (ebenda). Dass mit der Veränderung der gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeit also auch eine Veränderung der individuellen Einstellung zur Arbeit verbunden ist, - indem stärker der materielle Aspekt in den Mittelpunkt gerückt wird - konnte u. a. auch in einer deutsch-polnischen Vergleichsuntersuchung herausgearbeitet werden (vgl. Claßen 1997). Im übrigen verweisen auch die Untersuchungen von Golz darauf, die ebenfalls in Mecklenburg/Vorpommern - also einer ländlichen Region - durchgeführt wurden. Er kommt zum Ergebnis, ”dass der Wunsch nach materieller Sicherheit auf der Grundlage beruflicher Entwicklung für die meisten Jugendlichen das wichtigste Lebensziel ist.” (Golz 1995, S. 48). Das wird zum anderen auch in einer Expertise zum ersten Jugendbericht des Landes Mecklenburg/Vorpommern hervorgehoben (vgl. Otto/Prüß 1993).
Aufschlussreich in meiner vergleichenden Untersuchung ist des weiteren, dass das Beziehungsitem eine gewisse Renaissance erfährt. Die Erfahrungen in der neuen Gesellschaft scheinen nun die Botschaft zu vermitteln, dass hier ”Beziehungen” benötigt werden, z. B. für den beruflichen Aufstieg oder auch beim Erhalt eines Arbeitsplatzes.
Zieht man die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie (1992) mit heran, so wird die dort beschriebene Aussage durch meine Daten durchaus gestützt. Ostdeutsche Jugendliche präferieren demnach im Vergleich zu westdeutschen vor allem stärker zukunftsorientierte Werte wie eine zufriedenstellende Arbeit, Familie und Einkommen. Das könnte auf eine noch DDR-typische frühzeitige Orientierung Jugendlicher auf ihr späteres Erwerbs- und Familienleben hindeuten. Es könnte aber auch dahingehend interpretiert werden, dass ostdeutsche Landjugendliche damit eine künftige hohe Leistungsbereitschaft signalisieren und gleichzeitig ihrem Bedürfnis nach materieller [Seite 177↓]Sicherheit Ausdruck verleihen. Im Sinne Klages u. a. ließen sich die Ergebnisse aber auch als Ausdruck einer Wertesynthese interpretieren, indem eine Kombination scheinbar gegensätzlicher Werte erfolgt. So werden traditionelle Werte wie Arbeit und Leistung bei den Landjugendlichen mit Werten des Konsums verknüpft, also mit einer hedonistischen Lebenshaltung, die beispielsweise auch einer Wertorientierung, etwas gesellschaftlich Nützliches zu erarbeiten, entgegensteht.
Westdeutsche Jugendliche hingegen bevorzugen Werte, die stärker die gegenwärtige Lebensphase charakterisieren: wie Selbstverwirklichung, viel Freizeit, keinem Leistungsdruck ausgesetzt sein (vgl. Seiring 1994).
Um die von den Befragten vorgenommene Strukturierung des Werteraumes zu ermitteln und zu prüfen, inwieweit es Zusammenhänge zwischen einzelnen Wertedimensionen und familialen Einflussfaktoren gibt, wurde eine Hauptkomponentenanalyse durchgeführt.
Die für die einzelnen Gruppen der Befragten gerechneten explorativen Faktorenanalysen zeigen eine vergleichbare Faktorenstruktur. So ergeben sich für die beiden Jugendstichproben jeweils dreifaktorielle Lösungen, die insgesamt 53,4 Prozent bzw. 53,1 Prozent der Varianz aufklären und deren Faktoren gut interpretierbar sind (Tabelle 35).
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Tabelle 35: Faktorstruktur für die beiden Jugendstichproben
|
Item |
1979 |
1995 |
||||
|
Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 3 |
Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 3 |
|
|
Arbeit -zufrieden |
.64 |
.54 | ||||
|
Geld/König |
.77 |
.57 | ||||
|
harmonisches Familienleben |
(.45) |
.70 | ||||
|
Nützliches leisten |
.68 |
.67 | ||||
|
Unterordnung |
.53 |
.75 |
||||
|
viel wissen und können |
.51 |
.68 | ||||
|
”gute Beziehungen” |
.80 |
.78 | ||||
|
gute Freunde |
.79 |
.57 | ||||
|
politischer Standpunkt |
.61 |
.62 |
||||
|
aufgeklärte Varianz |
25,6% |
16,7% |
11,1% |
28,0% |
13,2% |
11,9% |
Der Faktor 1 vereinigt in beiden Stichproben die meisten Items. In der Stichprobe von 1979 verbindet er die Items ”zufriedene Arbeit”, ”Nützliches leisten”, ”Unterordnung”, ”viel wissen” und ”politischer Standpunkt”. Das Item ”harmonisches Familienleben” lädt auf diesem Faktor mit weniger als .5, zeigt allerdings auch auf keinem der anderen beiden Faktoren höhere Ladungen, so dass wir es bei der Bildung der Wertedimension hier mit hinzuziehen. Das Markieritem ”Nützliches leisten” weist zusammen mit dem Item ”zufriedene Arbeit” - das am zweithöchsten lädt - die inhaltliche Richtung: Es handelt sich um Auffassungen, die - mit aller Vorsicht - in der Tradition der DDR begriffen werden können, in der Arbeit als Lebenssinn, als Ort der Entfaltung der Persönlichkeit gesehen wurde. In dieser Dimension kommt auch die in der DDR-Gesellschaft ausgeprägte ”offizielle Heroisierung der Arbeit” - [Seite 179↓]wie es Kohli bezeichnet (vgl. Kohli 1994, S. 42) - zum Ausdruck, die obendrein ihren Niederschlag in dem Item ”politischer Standpunkt” findet, das ebenfalls hoch auf diesem Faktor lädt. Ich bezeichne diesen Faktor daher mit Systemkonformität SYSTKONF.
Faktor zwei der 79er Stichprobe umfasst die Werte ”gute Beziehungen” und ”wer Geld hat, ist König” und bildet somit einen Werteraum ab, der auf materielle Orientierung ausgerichtet ist. Bei dieser inhaltlichen Deutung ist in Rechnung zu stellen, dass mit ”guten Beziehungen” in der DDR mehr zu haben war als mit Geld. Dieser Faktor erhält die Bezeichnung MATOR.
Das Item ”gute Freunde und Kollegen” bleibt allein auf dem dritten Faktor und repräsentiert das soziale Geborgensein (SOZGEB).
Die Lösung für die Jugendstichprobe von 1995 zeigt insgesamt aufschlussreiche Veränderungen zur 79er Lösung .
Auf der Dimension MATOR lädt zusätzlich das Item ”viel wissen und können”. Diese Veränderung stört. Sie muss als Indikator dafür angesehen werden, dass in der Jugendkohorte von 1995 mit diesem Faktor ein anderes Antwortmuster beschrieben wird. Es handelt sich eher um solche Werte, die für den beruflichen Ein- und Aufstieg Landjugendlicher bedeutsam erscheinen. Sie werden daher als karriereorientierte Dimension karror bezeichnet.
Während der zweite Faktor durch die Hinzunahme eines weiteren Items inhaltlich anders interpretiert werden muss, bildet sich auf dem dritten Faktor eine im Vergleich zu 1979 neue Dimension ab, die mit den Items ”Unterordnung/Anpassung” und ”politischer Standpunkt” Werte umfasst, die für die Integration bzw. Einfügung in das System wichtig erscheinen. Diese Dimension soll als ANPASS bezeichnet werden.
Auf dem ersten Faktor laden die Items ”harmonisches Familienleben”, ”Nützliches leisten”, ”gute Freunde und Kollegen” sowie ”zufriedene Arbeit”. Das Markieritem ”harmonisches Familienleben” weist auf Ähnlichkeiten mit dem Werteraum SOZGEB hin. Soziale Geborgenheit wird nun jedoch stärker mit der Familie als mit dem Freundeskreis verbunden und umfasst gleichfalls soziale Sicherheit.
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Die identischen Analysen, die mit den Daten 1979 und 1995 gerechnet wurden, zeigen, dass neben einigen wenigen Ähnlichkeiten vor allem bemerkenswerte Differenzen in der Faktorstruktur zwischen den beiden Jugendkohorten bestehen. Letzteres vor allem wäre ein weiteres Anzeichen dafür, dass es kohortenspezifische Unterschiede in den Alltagswerten gibt, die bereits bei der Betrachtung der Einzelitems auffielen.
Neben den beschriebenen Unterschieden in der Strukturierung des Werteraumes zu den beiden untersuchten Zeitpunkten stellt sich vor allem die Frage nach dem Einfluss soziodemographischer Faktoren auf die Ausprägung von Wertorientierungen. Dazu werden das Geschlecht, die Schulleistungen und jene Variablen zur sozialen und materiellen Ausstattung des Mikrosystems Familie in die Analyse einbezogen, bei denen aus der Werteforschung nachweisbare Effekte auf die Wertorientierungen bekannt sind.
Im einzelnen werden folgende Einflussfaktoren in der Analyse berücksichtigt:
Für die Berechnungen wurden die Items, die auf einem Faktor hoch laden, zu je einem Summenindex zusammengefasst. Mit diesen so erhaltenen Indizes wurden dann innerhalb der beiden Kohorten Korrelationsmatrixen gerechnet (vgl. Tabellen 36 und 37).
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Tabelle 36: Korrelationen der Alltagswerte mit den Familienvariablen für die Jugendstichprobe 1979
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Geschlecht |
Schul- leistung |
soziale Kontrolle |
kulturtragende Konsumgüter |
|
|
SYSTKONF |
.16 |
.07 |
||
|
MATOR |
.27 |
-.09 |
.07 |
|
Schulbildung Vater |
Berufsausbildung Vater |
Berufsausbildung Mutter |
|
|
SYSKONF |
-.10 |
-.15 |
-.08 |
|
MATOR |
Tabelle 37: Korrelationen der Alltagswerte mit den Familienvariablen für die Jugendstichprobe 1995
|
Geschlecht |
Schul- leistung |
soziale Kontrolle |
kulturtragende Konsumgüter |
eigenes Zimmer |
|
|
ANPASS |
.13 |
-.12 |
-.07 |
-.09 | |
|
KARROR |
.16 | ||||
|
SOZGEB |
-.16 |
-.10 |
|
Schulbildung Mutter |
|
|
KARROR |
-.08 |
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Für das Jugendsample von 1979 gibt es beim Index SYSTKONF einen direkten Zusammenhang mit den Schulleistungen und dem Besitz an kulturtragenden Konsumgütern, der zum Ausdruck bringt, dass leistungsstärkere Schuljugendliche, deren Eltern kulturtragende Güter - also vor allem Bücher und Musikinstrumente - besitzen, Werte der Systemkonformität deutlich präferieren. Dass diese Elternteile ebenso über eine höhere Schul- und Berufsausbildung verfügen, ist naheliegend.
Beim Index MATOR gehen niedrige soziale Kontrolle und schlechtere Schulleistungen mit einer höheren Akzeptanz dieser Werte einher. Es sind hingegen überwiegend Mädchen, die Werte des materiellen Wohlstands ablehnen.
1995 sind die Zusammenhänge etwas differenzierter. Zunächst kann festgestellt werden, dass bei allen Indizes deutliche Geschlechtereffekte zutage treten. So stimmen Jungen dem Index Anpass stärker zu als Mädchen. Es gibt weitere Zusammenhänge mit schlechteren Schulleistungen, einer höheren sozialen Kontrolle und dem Nichtbesitz an kulturtragenden Konsumgütern.
Es sind wiederum die Jungen, die auch der Dimension karror stärker zustimmen als Mädchen. Daneben gibt es nur einen schwachen Zusammenhang mit der höheren Schulbildung der Mutter. Ressourcen spielen für diese Wertedimension dagegen keine Rolle.
Auch beim Index SOZGEB gibt es den Zusammenhang mit dem Geschlecht. Erwartungsgemäß sind es hier die Mädchen, die mit der Wertedimension ”soziale Geborgenheit” eher einverstanden sein. Es gibt hier noch einen weiteren Zusammenhang mit dem Nichtvorhandensein eines eigenen Zimmers. Letzteres scheint verstärkend auf diese Wertedimension zu wirken.
Gemäß der These Inglehart’s (1989) vom intergenerationellen Wertewandel, nach dem die Jugend Träger des Wertewandels ist, dürften 1995 am ehesten Unterschiede zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern zu erwarten sein. Zumal in einer repräsentativen Untersuchung von Maag (1991, S. 159f.) derartige Alterseffekte deutlich [Seite 183↓]nachgewiesen werden konnten. Daher soll an dieser Stelle zusätzlich ein intergenerativer Vergleich in historischer Perspektive vorgenommen werden, indem die Daten aus der Elternbefragung mit herangezogen werden.
Zu diesem Zweck wurde zunächst für das Elternsample von 1979 eine explorative Faktorenanalyse gerechnet, die eine dreifaktorielle Lösung mit einer aufgeklärten Varianz von 64,4 Prozent hervorbringt (Tabelle 38).
Tabelle 38: Faktorstruktur der Alltagswerte in der Elternstichprobe von 1979
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Items |
Faktor 1 |
Faktor 2 |
Faktor 3 |
|
Arbeit-zufrieden |
.79 | ||
|
Geld/König |
.85 | ||
|
harm. Familienleben |
.76 | ||
|
Nützliches leisten |
.51 | ||
|
Unterordnung/Anpassung |
.65 |
||
|
viel wissen und können |
.58 |
||
|
”gute Beziehungen” |
.74 | ||
|
gute Freunde und Kollegen |
.71 | ||
|
politischer Standpunkt |
.76 |
Der erste Faktor bildet einen eigenen Index, der Sicherheit und soziale Geborgenheit beschreibt. Bei dieser mit SOZGEB bezeichneten Dimension besteht die größte Affinität sowohl zur 95er Jugend- als auch 95er Elternstichprobe (vgl. Tabellen 35 und 39). Bis auf das Markieritem besteht dieser Faktor aus jeweils identischen Items. Während in der Elternstichprobe von 1979 das Markieritem ”eine zufriedene Arbeit” ist, wechselt es in den beiden 95er Stichproben zu ”harmonisches Familienleben”.
|
| [Seite 184↓] |
Faktor zwei mit dem Markieritem ”wer Geld hat, ist König” und dem Item ”gute Beziehungen” korrespondiert mit dem entsprechenden Faktor der 79er Jugendstichprobe und soll ebenfalls mit MATOR (materielle Orientiertheit) bezeichnet werden.
Faktor drei, der stärker auf die Systemkonformität SYSTKONF zielt, vereinigt in sich die Items ”viel wissen und können”, ”politischer Standpunkt” sowie ”Anpassung und Unterordnung”. Hier bestehen nur noch leichte Übereinstimmungen mit dem vergleichbaren Faktor der 79er Jugendstichprobe.
Auch für diese erhaltenen Wertedimensionen der 79er Elternstichprobe werden nachfolgend die Zusammenhänge mit einzelnen Familienvariablen geprüft.
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Berufsb. Vater |
Berufsb. Mutter |
soziale Kontrolle |
|
|
SOZGEB |
-.23 |
||
|
MATOR |
.27 |
.19 |
Während im vergleichbaren Jugendsample der Index MATOR einen starken Geschlechtereffekt aufweist und auch mit schlechteren Schulleistungen und geringerer sozialer Kontrolle einhergeht, zeigt diese Wertedimension in der entsprechenden Elternstichprobe (vgl. Tabelle 39) einen starken Zusammenhang mit der jeweiligen sozialen Position der Eltern, speziell mit ihrem beruflichen Status. Je geringer dieser Status ausfällt, desto größer ist die Wahrnehmung materieller Orientierung durch die Eltern.
Bei der Dimension SOZGEB besteht ein enger Zusammenhang mit der ausgeübten sozialen Kontrolle in der Familie. Je größer die soziale Kontrolle, um so größer die Zustimmung zu diesem Index, der das Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit dokumentiert.
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| [Seite 185↓] |
Für die Elternstichprobe 1995 wird nun im folgenden zunächst ebenfalls das Verfahren der explorativen Faktorenanalyse angewandt. Eine Betrachtung der Tabelle 40 lässt erkennen, dass sich im Vergleich zur entsprechenden Jugendstichprobe nur noch zwei statt drei Dimensionen ergeben. Die aufgeklärte Varianz dieser beiden Faktoren beträgt 42,6 Prozent.
Tabelle 40: Faktorstruktur der Alltagswerte in der Elternstichprobe 1995
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Items |
Faktor 1 |
Faktor 2 |
|
Arbeit-zufrieden |
.53 | |
|
Geld/König |
.79 |
|
|
harmonisches Familienleben |
.71 | |
|
Nützliches leisten |
.61 | |
|
Unterordnung/Anpassung |
.77 |
|
|
viel wissen und können | ||
|
”gute Beziehungen” | ||
|
gute Freunde und Kollegen |
.69 | |
|
politischer Standpunkt |
Ein erster Faktor mit dem Markieritem ”harmonisches Familienleben” wird in dieser Elternstichprobe gleich gebildet: Wie in der entsprechenden Jugendstichprobe laden auf dieser Dimension - ebenfalls mit SOZGEB bezeichnet - die Items
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| [Seite 186↓] |
Nicht ganz so eindeutig sind die Ähnlichkeiten beim Faktor ANPASS. In der 95er Jugendstichprobe laden die Items ”Unterordnung/Anpassung” und ”politischer Standpunkt” auf diesem Faktor, in der Elternstichprobe wird das letztgenannte Item durch das Item ”Geld/König” ausgetauscht, das sogar zum Markieritem aufrückt. Damit ist die Anpassung für die Eltern stärker mit materiellem Wohlstand verbunden.
Dass eine Dimension Karror in der Elternstichprobe nicht auszumachen ist, erklärt sich vornehmlich aus der spezifischen Situation, in der sich Jugendliche am Ende der Schulzeit befinden.
Für die beiden Dimensionen ANPASS und SOZGEB ergibt sich im Vergleich zur Jugendstichprobe eine recht simple Struktur möglicher Zusammenhänge mit familienbezogenen Variablen (Tabelle 41).
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kulturtragende Konsumgüter |
|
|
ANPASS |
-.14 |
Die Korrelationsmatrix vermerkt lediglich einen deutlichen Zusammenhang mit dem Besitz an kulturtragenden Gütern bei der Dimension ANPASS. Je höher die Zustimmung zu Werten wie Geld und Anpassung, desto weniger besitzen die befragten Eltern Bücher und Musikinstrumente.
Die Zustimmung zur Dimension SOZGEB erscheint dagegen unabhängig von der materiellen und sozialen Ausstattung in den Familien. Insbesondere familiäre Geborgenheit steht bei den befragten Eltern 1995 in gleicher Weise hoch im Kurs.
Im ganzen zeigt sich also:
Im Vergleich zu 1979 sind für Landjugendliche 1995 die Arbeit betreffende Auffassungen wichtiger geworden. Eine Arbeit zu haben, mit der man zufrieden ist, stellt [Seite 187↓]nach der Wende für Jugendliche und Eltern gleichermaßen eine überwiegend zentrale Wertorientierung dar. Auch Freunde und Kollegen zu besitzen, auf die man sich verlassen kann, haben in beiden Generationen seit der Vergleichsuntersuchung 1979 ihre Bedeutung beibehalten. Es entsteht sogar der Eindruck, dass sich durch die gesellschaftliche Umbruchsituation in Ostdeutschland soziale und materielle Sicherheit betreffende Auffassungen noch verstärkt haben.
In diesem Zusammenhang erscheint auch erwähnenswert, dass für beide Generationen der gesellschaftliche Umbruch auf dem Lande die Erfahrung zu vermitteln scheint, dass ”Beziehungen” eine größere Bedeutung erlangen.
Daneben existieren aber auch unterschiedliche Wertpräferenzen bei den Jugendlichen und ihren Eltern. Für letztere korrespondiert der Wert, Geld zu haben, im Unterschied zur Vergleichsuntersuchung 1979 nicht mehr mit dem Wert ”gute Beziehungen”, sondern nunmehr mit dem Wert Anpassung/Unterordnung. Landjugendliche legen gegenüber ihren Eltern hingegen mehr Wert auf Geld im Zusammenhang mit Bildung. Insgesamt tritt eine betontere Wertschätzung materieller Aspekte durch die Jugendlichen gegenüber ihren Eltern, aber auch im Vergleich zu 1979 deutlich zutage. Die 1979 noch deutlich größere Wertschätzung ostdeutscher Landjugendlicher für Werte wie ”politischer Standpunkt” und ”gesellschaftlich Nützliches leisten” findet sich 15 Jahre später nur noch andeutungsweise.
Alles in allem lässt sich jedoch aus den Daten der Vergleichsuntersuchung keine Vergrößerung der Werteunterschiede zwischen Eltern- und Jugendgeneration über die Jahre hinweg nachzeichnen. Bei den herausgearbeiteten Unterschieden zu 1979 handelt es sich letztlich um Nuancen, die mit konkreten Lebensumständen, die für Eltern und Heranwachsende unterschiedlich erscheinen, zu tun haben.
In der Struktur der Alltagswerte unterscheiden sich die Jugendsamples vor und nach der Wende wesentlich. Während sich für Jugendliche 1979 die Wertebereiche materielle Orientierung und Systemkonformität, bei denen vor allem ein direkter Zusammenhang mit dem Mikrosystem Familie sichtbar wird, ermitteln lassen, ergeben sich für die Vergleichsgruppe 1995 die Bereiche Anpassung und Karriereorientierung. Das würde stärker für die Annahme sprechen, dass es angesichts politischer und gesellschaftlicher Wandlungsprozesse bei Jugendlichen auf dem Lande zu einer Art [Seite 188↓]Synthese von eher traditionellen Werten (z. B. Anpassung, aber auch soziale Orientierung) und modernen Werten der Selbstentfaltung (z. B. Karriere) kommt.
Die Bildungsentscheidungen und die Berufswahl dokumentieren als einen nicht unwesentlichen Teilschritt den Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenstatus. Diese Statuspassage findet mit der Phase des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium nicht nur ihren Anfang, sondern hat für die Jugendlichen ganz entscheidende Konsequenzen für ihren weiteren Lebensverlauf einschließlich der später einzunehmenden gesellschaftlichen Position.
Für die Bewältigung des Übergangs von der Schule in die Ausbildung sind generell von den Jugendlichen zahlreiche Anforderungen zu meistern, die sich gerade in Zeiten gravierender gesellschaftlicher Veränderungen noch erheblich vergrößern. Die Berufswahl von Jugendlichen auf dem Lande findet vor dem Hintergrund des massenhaften Umbruchs in der Beschäftigtenstruktur sowohl in quantitativer (die Erwerbstätigkeit in den neuen Bundesländern ist in den letzten fünf Jahren um fast 40 Prozent gesunken) als auch in qualitativer Hinsicht (z. B. durch Rekonstruktion bäuerlicher Erwerbsbetriebe, durch Auflösung des alten und Aufbau eines neuen Dienstleistungssektors, durch technischen und organisatorischen Umbau der Industrie) statt, was Eltern und Jugendliche vor gänzlich neuartige Anforderungen stellt.
Ein wichtiger Aspekt für die Beschreibung dieser anstehenden Teilpassage sind die von den Jugendlichen angegebenen Berufspläne und Berufsentscheidungen, die mit besonderer Deutlichkeit die auf dem Lande vollzogenen Veränderungen widerspiegeln. Ostdeutsche Schulabgänger des Jahres 1995 kamen nicht umhin, ihre noch unter DDR-Bedingungen entwickelten Berufsvorstellungen den veränderten Bedingungen auf dem Lande anzupassen, da insbesondere der Bereich der Wirtschaft als wichtigstem Ausbildungsträger gewaltigen Umwandlungen unterlag.
|
| [Seite 189↓] |
Ein Vergleich der angegebenen Berufswünsche der Heranwachsenden 1995 zu denen vor 15 Jahren - nach Wirtschaftsbereichen zusammengestellt (vgl. Tabelle 42) - erlaubt es, sowohl Rückschlüsse auf die makrostrukturellen Veränderungen als auch auf die Anpassungsleistungen der Landjugendlichen zu ziehen.
Tabelle 42: Berufswünsche von Landjugendlichen nach Wirtschaftsbereichen
(Angaben in Prozent)
|
MZP 1 1979 |
MZP 2 1995 |
|
|
Land- und Forstwirtschaft |
10,6 |
1,1 |
|
Industrie |
10,4 |
5,9 |
|
Handwerk |
31,3 |
32,7 |
|
Handel |
11,3 |
17,2 |
|
öffentlicher Dienst 27 |
34,6 |
19,2 |
|
freie Berufe |
1,8 |
15,5 |
|
Angestellte, die nicht im öffentl. Dienst beschäftigt |
- |
8,3 |
Tabelle 42 weist klar aus, dass im Vergleich zu 1979 die Landwirtschaft für Jugendliche praktisch keine Rolle mehr spielt. Während mit fast 11 Prozent landwirtschaftliche Berufe im Jahre 1979 noch einen beachtenswerten Platz unter den Berufsvorstellungen der Heranwachsenden einnahmen, rutschte nach dem Systemwechsel mit nur 1 Prozent dieser Wirtschaftszweig bei den Berufen auf den letzten Platz. Ein Vergleich mit der Zahl der Auszubildenden in diesem Bereich in den neuen Ländern insgesamt zeigt, dass der Anteil der Jugendlichen in den von uns untersuchten ländlichen Regionen, die eine Ausbildung in diesem Bereich anstreben, [Seite 190↓]demgegenüber sogar noch niedriger ist (neue Länder 1993: 2,2 Prozent), und auch den Stand in den alten Ländern noch unterbietet (alte Länder: 1,7 Prozent). 28
Die rückläufige Entwicklung der Landwirtschaft erhält für die Berufswahl noch zusätzliches Gewicht, zieht man ferner in Betracht, dass ein nicht unerheblicher Teil der 1979 angegebenen handwerklichen Berufe - wie beispielsweise Schlosser und Maurer - in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ausgebildet und verrichtet wurde.
Ein Schlosser gehörte beispielsweise dem Technikbereich der LPG an und war folglich mit einem Traktoristen gleichgestellt. Die Beschäftigung als Schlosser bzw. Maurer in der LPG hatte mehrheitlich eine vollwertige LPG-Mitgliedschaft - d. h. mit allen Rechten und Pflichten - zur Folge. So wurden die in der LPG arbeitenden Handwerker ebenso wie Agrotechniker oder Tierpfleger zu Pflege- oder Erntearbeiten eingesetzt, hatten aber auch wie andere Genossenschaftsbauern die Möglichkeit, private Tierhaltung zu betreiben, d. h. Schweine, Hühner, Mastbullen u. a. zu halten, wofür sie ein entsprechendes Deputat 29 von der LPG erhielten.
Mit anderen Worten: Handwerkliche Berufe auf dem Lande waren meist sehr eng mit der Landwirtschaft verbunden, so dass der allein auf der Grundlage der erhobenen Daten ermittelte Rückgang im landwirtschaftlichen Bereich in Wirklichkeit noch auffallender in Erscheinung treten kann. Darüber hinaus belegt Tabelle 42, dass ebenfalls eine Abnahme - um immerhin die Hälfte - auch bei den Berufen in der Industrie zu verzeichnen ist.
Insgesamt widerspiegelt sich darin auf spezifische Art der ökonomische Umbruch auf dem Lande in Ostdeutschland, der mit einem rigorosen Abbau sowohl landwirtschaftlicher Betriebe als auch der damit verbundenen verarbeitenden Industrie (Molkereien, Betriebe der Zuckerrübenverarbeitung und der Mehlherstellung, Trockenfutterwerke u. a.) einhergeht und damit für die Berufswahl der Landjugendlichen nicht mehr zur Verfügung steht.
|
| [Seite 191↓] |
Demgegenüber hat es - alles eingerechnet - einen auffallenden Anstieg bei den freien Berufen sowie bei den Berufen im Angestelltenverhältnis in und außerhalb des öffentlichen Dienstes gegeben. Ganz vorne rangieren bei den Schuljugendlichen vor allem die Berufswünsche Steuerberater, Rechtsanwalt/Notar sowie Arzthelferin und Rechtsanwalts- und Notargehilfin. Ein Zuwachs ist auch im Bereich Handel zu verzeichnen, der jedoch vergleichsweise nicht so fundamental ausfällt. Hier rangieren Restaurant- und Hotelfachfrau bzw. -mann gefolgt von Bankkauffrau/mann ganz vorn. Damit dokumentieren die Schulabgänger, dass sie den veränderten Bedingungen in den ländlichen Regionen durchaus Rechnung tragen und Wirtschaftsbereiche bevorzugen, die auch in diesen Gebieten ein gesichertes Fortbestehen erhoffen lassen.
Der Frage nach der Anpassung von Berufsvorstellungen soll weiter nachgegangen werden, indem nachfolgend Berufswünsche Landjugendlicher detaillierter betrachtet werden. In der Tabelle 43 werden beispielhaft einige der von den Jugendlichen angegebenen Berufswünsche herausgegriffen und dazu die Nennungen für 1979 und 1995 gegenübergestellt. Die Tabelle steht also nur für eine Auswahl der insgesamt genannten Berufe.
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|
Tabelle 43: Ausgewählte Berufswünsche Landjugendlicher im historischen Vergleich
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Berufe |
1979 absolut |
1995 absolut |
|
Kfz-Schlosser |
36 |
48 |
|
Schlosser |
26 |
1 |
|
Lehrer |
53 |
12 |
|
bewaffnete Organe |
23 |
25 |
|
Arzt/Tierarzt |
22 |
6 |
|
Kindergärtnerin |
28 |
3 |
|
Krankenschwester |
40 |
34 |
|
Landmaschinenschlosser |
18 |
- |
|
Agrotechniker |
16 |
- |
|
Zootechniker |
35 |
- |
|
Friseuse/Kosmetikerin |
17 |
26 |
|
Rechtsanwalt/Notar |
4 |
8 |
|
Bürokauffrau |
16 |
35 |
|
Bankkauffrau |
6 |
21 |
|
Steuerberater |
- |
18 |
|
Rechtsanw./Notargehilfe |
- |
25 |
|
Maurer |
10 |
31 |
|
Restaurant-/Hotelfachfrau |
- |
31 |
Erwartungsgemäß werden 1995 von den Jugendlichen einige Berufe nicht mehr genannt. Dazu gehören der Landmaschinenschlosser, Agrotechniker und Zootechniker, Berufe also, in denen sich zugleich die ehemals anzutreffende landwirtschaftlich ge[Seite 193↓]prägte Struktur der Region widerspiegelt. Die Landwirtschaft als Ausbildungsbereich war zu DDR-Zeiten in den ländlichen Gebieten deutlich überrepräsentiert und hat nach der Wende ihren Stellenwert ultimativ verloren.
Zu weiteren Berufen, die vor der Wende von den Jugendlichen in einer doch ansehnlichen Zahl genannt wurden und derzeit kaum Erwähnung finden, zählen auch der Beruf der Kindergärtnerin bzw. Krippenerzieherin, der Lehrerberuf sowie auch der Beruf des Arztes. Dieser Befund könnte dahingehend interpretiert werden, dass infolge des Streichens von vorschulischen Betreuungsplätzen als auch des Einsparens von Schulklassen und Schulen infolge des generellen Sinkens der Schülerzahlen die erstgenannten Berufe derzeit nicht mehr bevorzugt werden. Für die Abnahme des Berufswunsches des Arztes spielen ganz offensichtlich Erwägungen wie fehlendes Startkapital zum Einrichten einer Praxis sowie Einschränkung des Bedarfs an Tierärzten eine Rolle. Insgesamt könnte es sich also um ganz pragmatische Reaktionen der Jugendlichen und ihrer Eltern auf die strukturellen Veränderungen auf dem Lande nach der Vereinigung handeln.
Klar favorisiert bei den Berufswünschen 1995 ist - wie Tabelle 43 zeigt - der Kfz-Schlosser mit 48 Nennungen, gefolgt von der Bürokauffrau mit 35, der Krankenschwester mit 34 und dem Maurer sowie der Hotelfachfrau mit je 31 Nennungen. Damit werden deutlich Ausbildungsbereiche des Handwerks und des Dienstleistungsbereichs bevorzugt, was zum einen konform läuft mit den Schwerpunkten des wirtschaftlichen Aufbaus auf dem Lande in den neuen Bundesländern, andererseits aber auch für Westdeutschland generell typisch ist.
In einer durchaus stattlichen Anzahl werden auch Berufe wie Steuerberater, Rechtsanwaltsgehilfen und auch Hotelfachangestellte in der Liste aufgeführt, die vor 15 Jahren bei den Jugendlichen noch keine Rolle spielten bzw. spielen konnten. Interessanterweise sind die Entscheidungen der Landjugendlichen für einen Beruf in den bewaffneten Organen über die Zeit so gut wie konstant geblieben. Während 1979 die Jungen für einen Beruf in der Armee regelrecht geworben wurden, ihnen damit u. a. der Zugang zum Abitur gesichert wurde, ist anzunehmen, dass die Entscheidung nunmehr stärker aus einem finanziellen Sicherheitsdenken heraus erfolgt.
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| [Seite 194↓] |
Tabelle 44: Berufswünsche der Jugendlichen nach Wirtschaftsbereichen geordnet nach Geschlecht, Schulleistung und sozialer Herkunft (Angaben in Prozent)
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Wirtschaftsbereiche |
nach Geschlecht |
nach Schulleistung 30 |
nach sozialer Herkunft 31 |
|||||||||||||||
|
1979 |
1995 |
1979 |
1995 |
1979 |
1995 |
|||||||||||||
|
m |
w |
m |
w |
1 |
2 |
3 |
4 |
1 |
2 |
3 |
4 |
1 |
2 |
3 |
1 |
2 |
3 |
|
|
Land- und Forstwirtschaft |
13 |
9 |
1 |
1 |
8 |
9 |
15 |
33 |
- |
- |
2 |
1 |
13 |
11 |
8 |
2 |
1 |
- |
|
Industrie |
12 |
9 |
8 |
4 |
9 |
9 |
15 |
- |
- |
7 |
6 |
2 |
11 |
11 |
10 |
5 |
5 |
8 |
|
Handwerk |
51 |
15 |
57 |
11 |
8 |
31 |
47 |
56 |
18 |
21 |
40 |
54 |
37 |
35 |
22 |
42 |
33 |
23 |
|
Handel |
5 |
16 |
13 |
21 |
12 |
11 |
11 |
- |
21 |
19 |
15 |
17 |
18 |
9 |
9 |
16 |
21 |
14 |
|
Öffentlicher Dienst |
18 |
48 |
12 |
27 |
60 |
38 |
11 |
11 |
9 |
23 |
19 |
12 |
20 |
32 |
48 |
20 |
15 |
23 |
|
freie Berufe |
1 |
3 |
9 |
21 |
3 |
2 |
1 |
- |
40 |
19 |
12 |
7 |
1 |
2 |
3 |
9 |
14 |
26 |
|
Angestellte, die nicht öff. Dienst |
- |
- |
- |
15 |
- |
- |
- |
- |
12 |
11 |
6 |
7 |
- |
- |
- |
6 |
11 |
6 |
|
| [Seite 195↓] |
Genaueren Aufschluss über die Art der Veränderungen in den Berufsentscheidungen, die den gravierenden Transformationsprozessen in Ostdeutschland generell als auch denen speziell in ländlichen Regionen geschuldet sind, zeigen vor allen Dingen die Schichtungen nach sozialer Herkunft, Schulleistungen und Geschlecht (vgl. Tabelle 44.
Nach der sozialen Herkunft lassen sich Veränderungen insofern konstatieren, als nur noch die Verteilung der angestrebten Handwerksberufe sowie der freien Berufe nach dem Sozialstatus der Eltern variiert. Während handwerkliche Berufe weiterhin von den unteren Sozialschichten bevorzugt werden, präferieren privilegiertere Bildungsschichten freie Berufe erwartungsgemäß häufiger. Bei allen anderen angegebenen Berufswünschen zeigen sich 1995 keine markanten Unterschiede mehr zwischen den einzelnen sozialen Gruppen. Auffallend ist insbesondere, dass sowohl die Berufe im Handel als auch die Berufe im öffentlichen Dienst, die im Jahre 1979 von Kindern aus den unteren bzw. den oberen Sozialschichten signifikant häufiger gewählt wurden, nunmehr auch von anderen sozialen Gruppen in etwa gleichem Maße bevorzugt werden.
Auch eine Betrachtung der Berufswünsche Landjugendlicher nach den Schulleistungen ergibt interessante Veränderungen über die Zeit. Auffällig ist hierbei vor allem, dass der Anteil der Schuljugendlichen, die Berufe im öffentlichen Dienst ergreifen möchten, zum zweiten Erhebungszeitpunkt mit sinkenden Schulleistungen nicht mehr so rasant abnimmt. Die Inspektion der Daten ergibt eher eine annähernd gleiche Verteilung zwischen den unterschiedlichen Leistungsgruppen, wenn man die Schuljugendlichen mit genügenden Leistungen - deren Anteil im 95er Sample mit lediglich 64 Schülern sehr gering ist - vernachlässigt. Diese Veränderung resultiert vor allem daraus, dass Ärzte, Rechtsanwälte u. ä. zum zweiten Messzeitpunkt als nicht mehr zum öffentlichen Dienst zugehörig erfasst wurden. Für leistungsstarke Schuljugendliche ergibt sich daher 1995 verstärkt der Wunsch nach einem freien Beruf, wozu oben genannte zugerechnet werden. Nach wie vor bevorzugen andererseits leistungsschwache Landjugendliche die handwerklichen Berufe.
|
| [Seite 196↓] |
Resümierend kann aus den bisherigen Ausführungen entnommen werden, dass einerseits der enge Zusammenhang von Schulleistung, Sozialstatus der Eltern und Berufswunsch auch nach dem gesellschaftlichen Umbruch ungebrochen scheint, indem selektive Effekte der Sozialstruktur unbestritten nachgewiesen werden können. Andererseits deuten die Daten aber auch auf ein neues Mischungsverhältnis hin, auf eine Entkonventionalisierung bei bestimmten Berufsgruppen. Damit erhoffen sich Landjugendliche Zugang zu Berufsgruppen, die vordem strukturell ausgeschlossen waren. Das trifft vor allem für Berufe im öffentlichen Dienst - insbesondere in der Verwaltung - zu, die nunmehr verstärkt auch von Unterprivilegierten genannt werden. Auf der anderen Seite verweisen die Daten aber auch auf eine gegenläufige Bewegung. Schuljugendliche aus den oberen Sozialschichten dringen verstärkt in die vordem von unterprivilegierten Jugendlichen präferierten Berufe im Handel ein. Das mag vor allem damit zusammenhängen, dass angesichts der schwieriger gewordenen arbeitsmarktpolitischen Situation auf dem Lande bei den Berufsentscheidungen von Landjugendlichen allem Anschein nach stärker die Sicherheit eines Arbeitsplatzes als die damit verbundene soziale Position in der Gesellschaft zählt.
Während 1979 ein Geschlechtervergleich deutlich traditionsbehaftete Berufsvorstellungen erkennen ließ - die z. B. darin zum Ausdruck kamen, dass auf der einen Seite Berufe im Handel und auch Berufe im öffentlichen Dienst vermehrt von Mädchen bevorzugt wurden, auf der anderen Seite handwerkliche Berufe und Berufe in der Landwirtschaft signifikant häufiger von Jungen - lässt sich das für 1995 so nicht mehr durchweg bestätigen. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass Berufe im Handel nun in stärkerem Maße auch von männlichen Jugendlichen gewählt werden. Das bestätigt bereits vorliegende Untersuchungen (vgl. Nickel 1990a, 1991), dass die bereits zu DDR - Zeiten engeren Berufswahlfelder für Mädchen nunmehr noch weiter eingeschränkt werden, indem Jungen verstärkt in typische Frauenberufe - wozu beispielsweise der Fachverkäufer gehört - drängen. Männliche Landjugendliche scheinen die neuen Chancen des Dienstleistungssektors längst erkannt zu haben, was ihnen schnell zum Vorteil gereichen könnte.
Nickel hat in einer Studie den Nachweis erbringen können, dass durch entsprechende Rekrutierungspraktiken der Betriebe wie auch durch die staatliche Berufslenkung in [Seite 197↓]der DDR weitgehend ”Frauen aus Männerberufen wie Männer aus Frauenberufen aus(ge)grenzt” wurden (Nickel 1990b, S.12). Ergebnisse einer Längsschnittuntersuchung zur Statuspassage in den Beruf in den alten Bundesländern verweisen im einzelnen einerseits ebenfalls darauf, dass in Männerberufen Frauen praktisch nicht anzutreffen sind, andererseits aber in den Frauenberufen ein erwähnenswerter Männeranteil zu verzeichnen ist (vgl. Witzel/Helling/Mönnich 1996, S. 175).
Der daraus resultierende These von einer verstärkten Verdrängung weiblicher Landjugendlicher aus typischen Frauenberufen sowie der eventuellen Anpassung an westdeutsche Muster soll auf der Grundlage der erhobenen Berufsabsichten genauer nachgegangen werden. Dazu wird im folgenden die Verteilung von Jungen und Mädchen innerhalb typischer Frauenberufe (Bürokaufleute, Friseuse, Krankenschwester, Grundschullehrerin, Arzthelferin, Hotelfachfrau) und Männerberufe (Kfz-Mechaniker, Bauberufe, Schlosser, Offizier) im historischen Vergleich eingehender betrachtet.
|
Berufe |
1979 |
1995 |
||
|
Anteil m |
Anteil w |
Anteil m |
Anteil w |
|
|
typische Frauenberufe |
9,4 |
90,6 |
4,9 |
96,1 |
|
typische Männerberufe |
88,5 |
11,5 |
92,4 |
7,6 |
Wie die Tabelle 45 vermittelt, ist insgesamt der Wunsch der Mädchen nach Männerberufen wie auch und der der Jungen nach Frauenberufen zu beiden Befragungszeitpunkten nur gering. Es zeigt sich jedoch bei genauerem Hinsehen, dass der Anteil der Mädchen, die typische Männerberufe ergreifen wollten, auf dem Lande 1979 vergleichsweise geringfügig größer war.
Interessant erscheinen die Veränderungen zu 1995. Es lässt sich unschwer feststellen, dass die Anteile der Jungen in den Frauenberufen als auch der Mädchen in den Männerberufen jeweils zurückgehen. Im 95er Sample liegt der Anteil der Jungen in Frau[Seite 198↓]enberufen bei zirka 5 Prozent - und ist damit noch geringer als 15 Jahre zuvor. Der Anteil der Mädchen in Männerberufen ist mit fast 8 Prozent zwar nicht mehr so groß wie 1979, aber dennoch können diese Daten nicht bestätigen, dass weibliche Jugendliche sich für Männerberufe nicht mehr entscheiden. Deren Anteil liegt vielmehr - auch angesichts des generellen Rückgangs - noch über dem der männlichen Jugendlichen, die beabsichtigen, einen eher typischen Frauenberuf zu ergreifen. Die These, dass männliche Jugendliche auf dem Lande verstärkt in Frauenberufe drängen, lässt sich mit den Befunden zu den Berufswünschen hingegen auch nicht bestätigen.
Betrachtet man jedoch die Berufe im Handel eingehender, so ergibt sich indes, dass weibliche Jugendliche sich für sogenannte Mischberufe im Handel (dazu gehören z. B. Bankkaufleute) weniger zahlreich entscheiden als gleichaltrige männliche Jugendliche. Davon, dass der Dienstleistungsbereich auch auf dem Lande weiter ausgebaut wird, scheinen also die männlichen Jugendlichen doch eher ihren Nutzen zu ziehen.
Der Wunsch bzw. die Entscheidung der Mädchen für Männerberufe bezieht sich 1995 vor allem auf handwerkliche Berufe wie Tischler, Maler, selbst Dachdecker und Kfz-Mechaniker, aber auch Berufe bei der Polizei oder Bundesgrenzschutz werden von ihnen vereinzelt genannt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die geschlechtsspezifisch kumulierte soziale Differenzierung bezüglich der Berufsentscheidung von Jugendlichen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands - wie in der DDR seinerzeit erkennbar - auch durch den gesellschaftlichen Transformationsprozess nicht durchbrochen werden konnte. Die Berufswahlfelder sind für Landjugendliche durch den Wegfall der Landwirtschaft insgesamt stark eingeengt worden. Inwiefern sich daraus ein erneuter Verdrängungsprozess ergibt, müsste allerdings weiter untersucht werden.
Ob von den Jugendlichen eine arbeitsmarktbezogene Auswahl in ihren Berufsentscheidungen vorgenommen wurde, soll durch die Erfassung von Berufen mit hohem und niedrigem Beschäftigungsrisiko ermittelt werden. Die regionale Arbeitsmarktsituation in der untersuchten ländlichen Region zum Zeitpunkt der 95er Erhebung lässt nach Angaben der Arbeitsämter folgende Unterscheidung zu:
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| [Seite 199↓] |
Sieht man sich nun die Verteilung der Berufswünsche der Landjugendlichen unter diesem Gesichtspunkt genauer an, so kann festgestellt werden, dass immerhin gut die Hälfte der befragten Schulabgänger einen Beruf mit eher hohen Beschäftigungsrisiken ergreifen möchte. Das scheint insgesamt nicht dafür zu sprechen, dass Landjugendliche bei der Fixierung ihres Berufswunsches die realen Strukturen ihrer Heimatregion mit bedacht haben. Es wird in dieser Frage jedoch ein deutlich ausgeprägter Geschlechtereffekt sichtbar. Weibliche Jugendliche präferieren häufiger als männliche Berufe mit eher hohem Beschäftigungsrisiko, was hauptsächlich mit der immer noch bestehenden Konzentration von Mädchen in typischen Frauenberufen - wie beispielsweise in den Berufsgruppen Körperpflege, Hotelfachfrau, hauswirtschaftliche und Reinigungsberufe - zusammenhängt.
Interessanterweise haben die Variablen Sozialstatus, Schulform und Schulleistung auf die Entscheidung der Landjugendlichen für Berufe mit hohen bzw. niedrigen Beschäftigungsrisiken keinen Einfluss.
Die bisherigen Betrachtungen zu den Berufswünschen von Jugendlichen auf dem Lande sollen ergänzt werden durch eine Analyse der Mobilitätsbereitschaft. Die Frage ”Wie sicher sind Sie, dass Sie angesichts der Knappheit an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen oder wegen Ihres Studienwunsches Ihren jetzigen Wohnort verlassen müssen?” wird von knapp der Hälfte (48 Prozent) mit absolut bzw. sehr sicher beantwortet. Es könnte nun angenommen werden, dass dies in stärkerem Maße von Jugendlichen angegeben wird, die in Landgemeinden wohnen. Bemerkenswert ist jedoch, dass vergleichsweise deutlich mehr Jugendliche aus Kleinstädten der Meinung sind, ihren jetzigen Wohnort verlassen zu müssen (53,4 Prozent).
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| [Seite 200↓] |
Erwartungsgemäß weist die Frage nach der Mobilitätsbereitschaft in den oberen Sozialschichten einen hohen Grad der Zustimmung auf. Das kann zusammenfassend dahingehend interpretiert werden, dass bei der Fixierung des Berufswunsches in Familien mit hohem Sozialstatus - die häufiger in Kleinstädten wohnen - die tatsächlichen Zugangs- und Realisierungsmöglichkeiten im Vergleich zu den anderen Sozialgruppen bereits stärker mit bedacht werden, d. h. die in der Region ablaufenden Strukturveränderungen werden offenbar in diesen Familien umfassender berücksichtigt.
Mit der Frage nach dem höchsten Bildungsabschluss, den die Jugendlichen erreichen möchten, lässt sich ausschnitthaft eine Planungsperspektive mit in die Betrachtung einbeziehen, die stärker auf der reflexiven Ebene der Lebensplanung angesiedelt ist und damit ”grundsätzlich ein Stück individueller Wahlfreiheit (mit) ins Spiel bringt” (Meulemann 1985, S. 276).
In der Tabelle 46 sind der aktuelle Schulbesuch und der gewünschte Bildungsabschluss der Jugendstichprobe von 1995 miteinander kreuztabelliert. Es zeigt sich, dass über 80 Prozent der Hauptschüler Mittlere Reife machen wollen, gut 40 Prozent der Realschüler und 30 Prozent der Sekundarschüler das Abitur bzw. einen Hochschulabschluss, und über 70 Prozent der Gymnasiasten möchten einen Hochschulabschluss bzw. sogar den Doktorgrad erwerben. Diese Daten dokumentieren insgesamt, dass ein hoher Prozentsatz Jugendlicher auf dem Lande bezüglich ihres angestrebten Bildungsabschlusses durchaus ambitioniert ist.
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Tabelle 46: Geplanter Bildungsabschluss und derzeitig besuchte Schule
(Angaben in Prozent)
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Gegenwärtig besuchte Schulform |
||||
|
Gymnasium |
Sekundarschule |
Realschule |
Hauptschule |
|
|
geplanter Bildungsabschluss : | ||||
|
Hauptschulabschluss |
2,9 |
3,9 |
18,2 |
|
|
Realschulabschluss |
55,0 |
43,1 |
81,8 |
|
|
Abitur |
17,3 |
17,7 |
29,3 | |
|
Facharbeiterabschluss |
9,3 |
10,4 |
11,4 | |
|
Hochschulabschluss |
52,4 |
7,2 |
4,8 | |
|
Doktorgrad |
21,0 |
6,8 |
7,5 | |
Die Statuspassage Landjugendlicher - genauer die Teilpassage von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium - lässt sich analytisch durch verschiedene institutionalisierte Übergangswege beschreiben. Zu diesem Zweck wurde zunächst mittels Clusteranalyse eine entsprechende Gruppenbildung vorgenommen, deren Cluster bzw. Gruppen (so gut wie) homogene Übergangspfade festlegen. Für den Gruppierungsprozess fanden die Merkmale angestrebter Berufsabschluss sowie Schulniveau Berücksichtigung. Das Schulniveau der Jugendlichen wurde auf der Grundlage des jeweils besuchten Schultyps bestimmt. Da das DDR- Schulsystem durch die 10-klassige Einheitsschule und der zweijährigen erweiterten Oberschule (EOS)gekennzeichnet war, lässt sich das Schulniveau bzw. der Schulabschluss für das 79er Sample nur zweistufig festlegen. Demgegenüber ist für das 95er Sample eine dem Schulsystem der Bundesrepublik entsprechende dreistufige Beschreibung erforderlich.
Der angestrebte Berufsabschluss (Hochschul-, Fachschul- bzw. Facharbeiterabschluss) der Jugendlichen wurde aus den Antworten auf die Frage nach den Berufswünschen ermittelt.
Die im Ergebnis erhaltenen 3 Übergangspfade lassen sich wie folgt beschreiben:
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Tabelle 47: Beschreibung der Übergangspfade von Landjugendlichen im historischen Vergleich
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I.
Abitur/
|
II.
10. Klasse/
|
III.
10. Klasse
|
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|
1979 |
|
|
|
|
Mittlere Reife/Abitur
|
Abitur/
|
Hauptschulabschl.- bzw. Mittlere Reife/
|
|
|
1995 |
|
|
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| [Seite 203↓] |
Sieht man sich die auf der Grundlage vergleichbarer Merkmale gebildeten Übergangspfade genauer an, so fällt zunächst generell auf, dass diese für das 79er Sample vergleichsweise abgegrenzter und damit klarer beschreibbar erscheinen:
Ein erster Übergangspfad enthält alle Landjugendlichen, die nach dem 10-Klassen-Abschluss beabsichtigen, eine Lehre aufzunehmen, die in der DDR meist mit dem Facharbeiter abschloss.
In einem zweiten Übergangspfad sind die Landjugendlichen vereint, die wiederum mit der 10. Klasse abschließen, dann aber auf die Fachschule gehen möchten.
Der dritte Übergangspfad weist die Jugendlichen aus, die möglichst nach Erwerb des Abiturs ein Hochschulstudium aufnehmen möchten.
Auch im 95er Sample gibt es einen Pfad, der die Jugendlichen umfasst, die nach dem Abitur ein Studium aufnehmen möchten. Allerdings sind hierin mehrheitlich auch die Abgänger mit erfasst, die mit Mittlerer Reife im Anschluss eine Fachschule besuchen möchten. Zieht man in Betracht, dass die Reglementierungen zum Abitur und damit auch zum Studium - wie sie in der DDR anzutreffen waren - weggefallen sind, so ist dieser Anteil doch vergleichsweise gering.
Der zweite Übergangspfad verweist auf eine interessante Veränderung. Hier sind alle Landjugendlichen enthalten, die planen, nach dem Erwerb des Abiturs entweder eine Fachschule zu besuchen oder lediglich eine Lehre aufzunehmen. Ein entsprechender Übergangspfad lässt sich in der 79er Stichprobe nicht finden.
Auch der dritte Übergangspfad erscheint wesentlich heterogener. Mehrheitlich sind hier die Landjugendlichen mit Mittlerer Reife vertreten, die gedenken, eine Lehre aufzunehmen und nur zu einem geringen Prozentsatz nach dem Fachschulabschluss streben.
Es fragt sich nun, ob neben qualitativen auch quantitativ zu erfassende Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten in den Übergangspfaden auszumachen sind, die vor allem vor [Seite 204↓]dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Lande von Interesse wären.
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Übergangspfade |
1979 |
1995 |
||||
|
gesamt absol. |
männl. % |
weibl. % |
gesamt absol. |
männl. % |
weibl. % |
|
|
I. |
138 |
43,5 |
56,5 |
172 |
30,6 |
69,4 |
|
II. |
157 |
20,5 |
79,5 |
196 |
33,2 |
66,8 |
|
III. |
532 |
54,1 |
45,9 |
487 |
59,7 |
40,3 |
Wie aus Tabelle 48 ersichtlich, ist die Mächtigkeit der einzelnen Cluster zwar unterschiedlich, aber zwischen den beiden Stichproben in der Tendenz durchaus gleichartig. Demnach wird von den Landjugendlichen zu beiden Messzeitpunkten der Übergang von der Schule in die Lehrausbildung präferiert, wenn dies auch in der DDR noch in weitaus stärkerem Maße der Fall war. Für fast zwei Drittel der befragten Schulabgänger im Jahre 1979 sollte der Übergang von der Schule in den Beruf über eine Lehrausbildung erfolgen (1995 waren es gut die Hälfte). Letzteres stützt in gewissem Maße die These von Kohli (1994) und Geißler (1996) von der DDR als ”Facharbeitergesellschaft”.
In beiden Samples sind signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede für die Ausgestaltung des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium auszumachen. Während die Präferenz für eine Lehrausbildung bei beiden Geschlechtern im Vergleich zu den anderen Pfaden fast ausgewogen, mit einer leichten Majorität bei den männlichen Jugendlichen, erscheint und sich auch über die Zeit diesbezüglich kaum verändert hat, zeigen die anderen beiden Optionen des Übergangs signifikante Geschlechtereffekte auch über die Zeit. Mädchen favorisieren im Unterschied zu den Jungen eher eine Statuspassage über eine Hochschul- bzw. Fachschulausbildung, was [Seite 205↓]durch den Erwerb des Abiturs bzw. mindestens der Mittleren Reife gewährleistet werden soll.
Aus der Inspektion der Daten geht hervor, dass sich die geschlechtsspezifischen Strategien zur Wahl des Übergangsweges in ländlichen Regionen Ostdeutschlands im historischen Vergleich insofern verändert haben, als 1995 in stärkerem Maße als 1979 im Übergangspfad II auch Jungen anzutreffen sind. Das ist vor allem auf die stärkere Durchmischung mit Schulabgängern, die eine Lehrausbildung bevorzugen, zurückzuführen. Die starke Dominanz der Mädchen in dieser Gruppe im Jahre 1979 ist vor allem darauf zurückzuführen, dass einige pädagogische und medizinische Berufe - wie Kindergärtnerin, Unterstufenlehrerin und Krankenschwester - in der DDR ausgesprochene Frauenberufe mit erforderlicher Fachschulqualifikation waren. Zum zweiten Messzeitpunkt trifft das gleichwohl für medizinische, aber kaum noch für pädagogische Berufe zu. 32 Demgegenüber ist der Vorsprung der Mädchen im ersten Übergangspfad über die Zeit noch größer geworden, d. h. im Jahre 1995 planen mehrheitlich weibliche Schulabgänger mit Abitur oder Realschulabschluss ein Studium oder eine Fachschulausbildung.
Man könnte daraus verallgemeinernd den Schluss ziehen, dass weibliche Landjugendliche nach dem gesellschaftlichen Umbruch bei ihrer Planung der Statuspassage im Unterschied zur männlichen Altersgruppe verstärkt auf möglichst hohe Bildung setzen.
Von soziologischem Interesse ist des weiteren, zu erfahren, wie unter den Gegebenheiten eines gesellschaftlichen Umbruchs Landjugendliche ihre Berufs- und Bildungswege einschlagen. Im Zentrum steht dabei vor allem die Frage nach den Reproduktionsmechanismen im Intergenerationszusammenhang infolge veränderter familialer Bedingungen, die sich - wie bereits in der Arbeit nachgewiesen - zwischen den Familien auf dem Lande in den letzten 15 Jahren durchaus differenziert entwickelt haben. In die Betrachtung mit einbezogen werden aber auch schulische Bedingungen.
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| [Seite 206↓] |
Mittels Diskriminanzanalyse soll untersucht werden, ob und wie sich die durch Clusteranalyse ermittelten drei Übergangspfade hinsichtlich einer Mehrzahl von Variablen des familialen und außerfamilialen Umfeldes unterscheiden.
Es gilt im einzelnen herauszufinden, welche sozialisatorischen Bedingungen bei der Wahl des Übergangsweges in den Beruf von Bedeutung sind. Die Operationalisierung der Variablen für die Mikrosysteme Familie und Schule wurde bereits im Punkt 4.2. vorgestellt. Zusätzlich werden das Geschlecht und die für die beiden Samples ermittelten Wertedimensionen (Punkt 4.2.3.) in die Analyse mit einbezogen.
Für die beiden Stichproben 1979 und 1995 wird jeweils eine Diskriminanzanalyse mit a priori definierten Gruppen gerechnet, d. h. die Wahrscheinlichkeiten im Hinblick auf die Gruppenzugehörigkeit werden bei Durchführung der Diskriminanzanalyse geschätzt. Die Tabellen 49 und 50 zeigen zunächst, wie gut die einzelnen in die Analyse aufgenommenen Variablen zwischen den drei Gruppen trennen.
Tabelle 49: Univariate Trennfähigkeit der Variablen in der 79er Stichprobe
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Variable |
Wilks’Lambda |
F-Wert |
Signifikanz |
Diskriminanzkoeffizient |
|
|
Funktion 1 |
Funktion 2 |
||||
|
Ausstattung |
.941 |
25.47 |
.000 |
.419 |
-.036 |
|
Eigenverantwortung |
.939 |
25.91 |
.000 |
-.462 |
.428 |
|
Klassenbeziehungen |
.993 |
3.01 |
.050 |
-.094 |
-.051 |
|
auf Freunde verlassen |
.970 |
12.41 |
.000 |
-.308 |
-.031 |
|
materielle Orientierung |
.989 |
4.56 |
.011 |
.051 |
.217 |
|
Systemkonformität |
.986 |
5.79 |
.003 |
-.255 |
.104 |
|
soziale Kontrolle |
.976 |
9.9 |
.000 |
.101 |
.208 |
|
Sozialstatus |
.879 |
55.29 |
.000 |
.740 |
-.392 |
|
Verhältnis zu Eltern |
.988 |
4.96 |
.007 |
-.132 |
.126 |
|
Geschlecht |
.928 |
31.48 |
.000 |
.333 |
.774 |
|
Schulleistung |
.888 |
51.13 |
.000 |
-.714 |
-.365 |
|
|
Tabelle 50: Univariate Trennfähigkeit der Variablen in der 95er Stichprobe
|
Variable |
Wilks’Lambda |
F-Wert |
Signifikanz |
Diskriminanzkoeffizient |
|
|
|
|
|
|
Funktion 1 |
Funktion 2 |
|
Ausstattung |
.971 |
8.76 |
.000 |
.151 |
-.125 |
|
Eigenverantwortung |
.971 |
8.88 |
.000 |
-.275 |
-.003 |
|
Klassenbeziehungen |
.995 |
1.53 |
.218 |
-.036 |
-.014 |
|
Karriereorientierung |
.999 |
.14 |
.866 |
-.044 |
.041 |
|
materielle Orientierung |
.998 |
.72 |
.489 |
.057 |
.063 |
|
Anpassung |
.918 |
26.78 |
.000 |
.473 |
-.185 |
|
soziale Kontrolle |
.901 |
32.98 |
.000 |
-.489 |
.643 |
|
Sozialstatus |
.936 |
20.31 |
.000 |
.410 |
-.216 |
|
Verhältnis zu Eltern |
.999 |
.33 |
.720 |
.085 |
-.025 |
|
Geschlecht |
.902 |
32.51 |
.000 |
.457 |
.822 |
|
Schulleistung |
.984 |
4.76 |
.009 |
-.171 |
-.037 |
Für die 79er Stichprobe trennen alle Variablen signifikant mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit unter 5 %. Am besten trennt der Sozialstatus.
In der 95er Stichprobe fallen die Variablen ”Verhältnis zu den Eltern”, ”materielle Orientierung”, ”Karriereorientierung” und ”Klassenbeziehungen” heraus, die nicht auf dem 5 % Niveau signifikant sind. Im Unterschied zum 79er Sample trennt hier die Variable ”soziale Kontrolle” am besten.
Bei der nun folgenden Anwendung der schrittweisen Diskriminanzanalyse werden nur solche Variablen in die Diskriminanzfunktion aufgenommen, die signifikant zur Verbesserung der Diskriminanz beitragen. Dazu werden die Variablen - ausgewählt nach Wilks’ Lambda als Gütemaß - einzeln nacheinander in die Diskriminanzfunktion einbezogen. Die Ergebnisse der schrittweisen Diskriminanzanalyse für die jeweiligen Stichproben sind aus den Tabellen 51 und 52 zu entnehmen.
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Tabelle 51: Ergebnis der schrittweisen Diskriminanzanalyse für die 79er Stichprobe
|
Reihenfolge der aufgenommenen Variablen |
Wilks’Lambda |
Signifikanz |
stand. kanon. Diskriminanzkoeffizienten |
|
|
Funktion 1 |
Funktion 2 |
|||
|
Sozialstatus |
.879 |
.000 |
.629 |
-.343 |
|
Schulleistung |
.807 |
.000 |
-.491 |
-.350 |
|
Geschlecht |
.772 |
.000 |
.219 |
.685 |
|
Eigenverantwortung |
.750 |
.000 |
-.239 |
.486 |
Tabelle 52: Ergebnis der schrittweisen Diskriminanzanalyse für die 95er Stichprobe
|
Reihenfolge der aufgenommenen Variablen |
Wilks’Lambda |
Signifikanz |
stand. kanon. Diskriminanzkoeffizienten |
|
|
Funktion 1 |
Funktion 2 |
|||
|
soziale Kontrolle |
.900 |
.000 |
-.568 |
.496 |
|
Geschlecht |
.786 |
.000 |
.638 |
.744 |
|
Anpassung |
.738 |
.000 |
.447 |
-.213 |
|
Sozialstatus |
.704 |
.000 |
.356 |
-.134 |
|
Eigenverantwortung |
.690 |
.000 |
-.268 |
-.213 |
Die ”Trefferquoten” in den beiden untersuchten Stichproben von 1979 und 1995 betragen 54,9 bzw. 55,8 Prozent.
Bei einem Vergleich der beiden Tabellen fällt zunächst generell auf, dass es zum einen erwartungsgemäß jeweils einen Zusammenhang mit dem Mikrosystem Familie gibt. Andererseits kann ein Bezug zum Mikrosystem Schule nur zum ersten Erhebungszeitpunkt nachgewiesen werden.
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Zu den Ergebnissen im einzelnen:
Für die 79er Stichprobe ist der Sozialstatus der Eltern für die Wahl des Übergangspfades von entscheidender Bedeutung. Ein Übergangspfad, der geringere Bildungsansprüche verlangt, wird häufiger von Jugendlichen gewählt, deren Eltern zu den unteren Sozialschichten gehören. Andererseits wird die Ausgestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf über ein Studium von den oberen Sozialschichten bevorzugt. Auch die Schulleistungen beeinflussen die Wahl des Übergangspfades in den Beruf wesentlich. Schuljugendliche mit schlechteren Schulleistungen präferieren eher einen Übergangspfad, der zu einer tiefergestellten sozialen Position führt, als die Vergleichsgruppe. Oder anders formuliert: Ein angestrebtes höheres Qualifikationsniveau korrespondiert mit besseren Leistungen in der Schule.
Die größte Erklärungskraft für den gewählten Übergangspfad weist ganz klar der Sozialstatus auf. Damit bestätigt die Diskriminanzanalyse alles in allem die seinerzeit bereits in bildungssoziologischen Untersuchungen dokumentierte Chancenungleichheit zwischen den Familien auf dem Lande (vgl. Herzog/Stompe 1981).
Als weitere Determinanten konnten in der Rangfolge das Geschlecht und die Eigenverantwortung der Jugendlichen in ihren Familien ermittelt werden.
In der 95er Stichprobe lässt sich nun der noch vor 15 Jahren deutlich ausgewiesene Zusammenhang mit einem Indikator des schulischen Bereiches nicht mehr dokumentieren (vgl. Tabelle 52). Auch der einzig in Erscheinung tretende Bezug zum Mikrosystem Familie weist gegenüber 1979 gewisse Veränderungen auf. Neben den ebenfalls festgestellten familialen Indikatoren Sozialstatus und Eigenverantwortung spielt 1995 die ausgeübte soziale Kontrolle in den Familien gleichfalls eine bedeutende Rolle für die Wahl des Übergangspfades. Jugendliche, die angaben weniger Entscheidungsspielräume in ihren Familien zu haben, bevorzugen eher einen Übergangspfad, der geringere Bildungsansprüche abverlangt.
Im Unterschied zum 79er Sample fällt außerdem ein deutlicherer Geschlechtereffekt auf. Die Ausgestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf über ein Studium wird häufiger von den Mädchen bevorzugt. Sie weisen hier die eindeutig höhere Prä[Seite 210↓]ferenz auf. Das bestätigt die Vermutung, dass Mädchen am Beginn der Statuspassage in den Beruf heute verstärkt auf Bildung setzen.
Derzeit spielt interessanterweise auch die Wertorientierung ”Anpassung” eine erkennbare Rolle. Jugendliche mit der Ansicht, dass Unterordnung, gute Beziehungen und ein politischer Standpunkt wichtig im Alltagsleben seien, bevorzugen eher einen Übergang in die Lehrausbildung.
Für die Bildungspläne und Berufsentscheidungen Landjugendlicher nach der Normalschulzeit lässt sich zusammenfassend feststellen, dass die Ausgestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf bei Landjugendlichen nach wie vor in erheblichem Maße von den Bedingungen ihres sozialen Umfeldes geprägt und gesteuert wird. Die Analysen belegen, dass sowohl vor als auch nach dem gesellschaftlichen Umbruch in ländlichen Regionen Ostdeutschlands die sozialstrukturell differierenden Bedingungen der Herkunftsfamilie prägend für die Wahl des Übergangsweges sind. Für diese Statuspassage Landjugendlicher sind der Sozialstatus der noch immer von besonderer Bedeutung. Je günstiger bestimmte materielle und kulturelle Bedingungen der Herkunftsfamilie, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Abiturientinnen und Abiturienten ein Studium aufnehmen. Über die Zeit zeigen sich signifikante geschlechtsspezifische Veränderungen insofern, als Mädchen 1995 im Unterschied zu den Jungen vermehrt auf Bildung setzen.
Während sich die Schulleistungen im 79er Sample noch als ein eminent selektives Merkmal für den geplanten Übergangspfad erweisen, indem die Schule im Hinblick auf günstige bzw. ungünstige familiale Anregungspotentiale einen belegbaren Verstärkereffekt ausübt, lässt sich dieser signifikante Einfluss auf die sozialstrukturell variierenden Übergangspfade der Landjugendlichen nach dem gesellschaftlichen Umbruch nicht mehr dokumentieren. 1995 kommen - neben Geschlecht - ausnahmslos soziokulturelle Herkunftsbedingungen der Landjugendlichen zur Geltung, die die Wahl des Übergangsweges in den Beruf festlegen.
1 Nach den Boustedt-Gemeindetypen lassen sich Stadtregionen und ländliche Regionen voneinander unterscheiden. Die zehn von Boustedt zugrundegelegten Gemeindetypen lassen sich zusammenfassen und ergeben dann die entsprechenden Wohnregionen. Die ländliche Region ergibt sich dementsprechend aus den Gemeindetypen 6 bis 9. Diese vier Typen umfassen Orte mit weniger als50 000 EW.
2 Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (1994) und der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.
3 Berechnet nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (Stand 1989) und der Statistischen Jahrbücher der Bezirke Magdeburg undRostock (Stand 1980).
4 Berechnet nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern undSachsen-Anhalt.
5 Zusammengestellt nach Angaben aus dem Sozialreport, II. Quartal 1996, S. 29.
6 Zusammengestellt nach Angaben aus dem Sozialreport, III. Quartal 1995, S. 28 und Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.
7 Aus Stompe, A.: Methodik der Untersuchung. a. a. o.. S. 122.
8 Zusammengestellt nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen-Anhalt (Stand: 1993).
9 Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. In: Statistisches Monatsheft Schleswig-Holstein, Heft 12, 1991, S. 256.
10 2 Die Kriterien dafür sind: eine Einwohnerdichte von unter 130 EW/km2 und ein Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen von über 15 %.
11 Vgl.: Der Arbeitsmarkt im Norden. Landesarbeitsamt Nord, Kiel 1992.
12 Einbezogen sind die in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft Beschäftigten ohne Azubis.
13 Sozialreport Neue Bundesländer. IV. Quartal 1996, S. 12.
14 Sozialreport Neue Bundesländer. II. Quartal 1996, S. 19 und S. 30.
15 Die Zeit. Nr. 52 vom 20.12.1996.
16 Zusammengestellt anhand von Angaben aus dem Sozialreport, III. Quartal 1995, S. 29.
17 Ebenda, S. 30.
18 Die Angabe bezieht sich auf 1993.
19 Sozialreport Neue Bundesländer. IV. Quartal 1996, S. 31.
20 Für 1995 wurde die Varianzanalyse mit der Kovariaten Alter (also unter Auspartialisierung des Alters) gerechnet.
21 Vgl. Wissenschaftlicher Beirat für Frauenpolitik beim BMFJ 1993.
22 Das Verhältnis zu den Eltern wurde als Summenindex aus den Beziehungen zu Vater und Mutter gebildet.
23 Wenn bei allen vier Items mit ”nein” geantwortet wurde, ergibt sich als Höchstwert 8. Für den Vergleich wird lediglich dieser Wert herangezogen.
24 Bei allen vier Items mit ”nein” geantwortet, ergibt dann den Höchstwert von 8. Für den Vergleich wird lediglich dieser Wert herangezogen.
25 Für 1995 wurde die Varianzanalyse mit der Kovariaten Alter gerechnet.
26 Je höher die Mittelwerte ausfallen, desto stärker ist auch der Einfluss der entsprechenden Variablen.
27 Zum ersten Erhebungszeitpunkt wurden Ärzte, Rechtsanwälte zum öffentlichen Dienst zugeordnet - wie in der DDR allgemein üblich - zum zweiten Messzeitpunkt jedoch entsprechend des veränderten Systems als freie Berufe eingegliedert.
28 Statistisches Bundesamt, Fachserie 11, Bildung und Kultur, Reihe 3, Berufliche Bildung 1993, Erhebung zum 31. Dezember, Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsausbildung, Berufsbildungsbericht 95, S. 53 - 54.
29 Entsprechend der geleisteten Arbeit wurde ein Teil des Lohnes in Naturalien (z. B. Getreide) ausgezahlt.
30 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ungenügend und schlechter.
31 1 = niedriger Sozialschichtindex, 2 = mittlerer Sozialschichtindex, 3 = hoher Sozialschichtindex.
32 Der Beruf der Grundschullehrerin erfordert zum Beispiel gegenwärtig ein abgeschlossenes Hochschulstudium im Studiengang Grundschulpädagogik. DerBeruf der Kindergärtnerin wirdkaum noch gewählt.
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| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 21.09.2004 |