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4  Sozialisatorische Voraussetzungen von Statuspassagen Landjugendlicher in vergleichender Perspektive – Darstellung von Ergebnissen

4.1 Beschreibung der Untersuchungsfelder in ihrer zeitlichen Veränderung - Ausdruck makrostrukturellen Wandels in typischen ländlichen Regionen

Die für die Vergleichsuntersuchung einbezogenen Landkreise Grevesmühlen und Oster­burg repräsentierten seinerzeit hinsichtlich der Bevölkerungs-, Sozial- und Wirt­schafts­struktur typische Landkreise der DDR (vgl. Stompe 1981a, S. 110 ff.) Das er­neut einbe­zogene Untersuchungsfeld lässt sich nach der Boustedt’schen Klas­si­fikation auch derzeit eindeutig als ländliche Region einstufen. 1 Es umfasst die Mit­telstädte mit 20 000 bis 50 000 EW, die Kleinstädte mit 5 000 bis 20 000 EW und die Ge­meinden mit weniger als 5 000 EW abseits der Ballungsräume bzw. Ver­dich­tungsre­gionen der Bundesrepublik (vgl. Müller, H.-U. 1991, S. 318f.).

Das ehemalige Kreisgebiet Grevesmühlen - heute Bestandteil des Landkreises Nord­west Mecklenburg - hat mit einer Fläche von 668 Quadratkilometern 40 189 Ein­woh­ner. Seit der Untersuchung 1979/80 sind diesbezüglich so gut wie keine Ver­än­derun­gen zu ver­zeichnen. Anders sieht es dagegen im Kreis Osterburg aus - der seit der Gebietsreform zum Landkreis Stendal gehört - jedoch bereits zu DDR-Zeiten im Er­gebnis von Neurege­lungen aus dem ehemaligen Landkreis Tangerhütte entstand. So ist zu erklären, dass sich das ehemalige Kreisgebiet Osterburg mit einer Fläche von 1 065 Quadratkilometern und derzeit 41 923 Einwohnern im Vergleich zu 1979/80 na­hezu verdoppelt hat (der Kreis Tangerhütte besaß 21 187 Einwohner auf 509 Qua­dratkilometer). Die Bevölke­rungs­dichte beider Kreise, die sich aus den o.g. Angaben ergibt, beträgt 60 (Grevesmühlen) bzw. 39 Einwohner pro Quadratkilome­[Seite 108↓]ter (Oster­burg). 2 Im Vergleich zu 1980 hat sich diese Bevölkerungsdichte nur ge­ringfü­gig verändert (Grevesmühlen: 64 Einwohner pro Quadratkilometer; Tanger­hütte: 42 Ein­wohner pro Quadratkilome­ter). Alles in allem wird eine geringe Sied­lungsdichte -kenn­zeichnend für ländliche Gebiete - in beiden unter­suchten Kreisen sichtbar, die bereits 1979/80 erheblich unter dem DDR-Durchschnitt (155 Einwohner pro Qua­dratkilome­ter) lag und auch derzeit weit unter dem Bundes­durchschnitt zu finden ist (etwa 200 Einwohner pro Quadratki­lometer).

Die Anzahl der Gemeinden mit Einwohnerzahlen unter 2 000 - nach statistischen Festle­gungen zu den Landgemeinden gezählt - hat sich im ehemaligen Kreis Oster­burg auf 55 im Zuge der Neugestaltung des Kreises erhöht - von einst 29 im Land­kreis Tan­gerhütte - während die Anzahl im Kreis Grevesmühlen mit je 29 konstant geblieben ist (vgl. Tabelle 10).

Tabelle 10: Anzahl der Gemeinden (absolut) und die Verteilung der Bevölkerung nach Gemeindegrößengruppen (in Prozent) in den Kreisen Grevesmühlen und Osterburg bzw. Tangerhütte in den Jahren 1980 und 1995 3

Kreis

Gemeinden unter 500

500 bis

unter 2 000

2 000 bis

unter 5 000

5 000 bis

unter 10 000

Über

10 000

 

Anzahl

%

Anzahl

%

Anzahl

%

Anzahl

%

Anzahl

%

Grevesmühlen

1980

1995

 

15

17

 

11,4

12,5

 

14

12

 

27,9

25,9

 

4

4

33,5

33,4

-

-

-

-

1

1

27,2

28,2

Osterburg/

Tangerhütte

1980

1995

 

20

37

 

28,6

26,7

 

9

18

 

37,1

33,2

 

-

1

-

7,3

1

2

34,3

32,8

-

-

-

-


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Der Anteil der Bevölkerung, der in diesen typischen Landgemeinden lebt, ist im Zeit­raum von 15 Jahren annähernd konstant geblieben. Im Verhältnis zur Gesamtbe­völ­kerung des Kreises leben in diesen Gemeinden ca. 38 Prozent (Grevesmühlen; 1980: 40 Prozent) und 60 Prozent (Tangerhütte; 1980: 66 Prozent). Wie bereits in der Ar­beit von 1981 erwähnt, kommt ”die Differenz zwischen beiden Kreisen ... durch den relativ hohen Anteil der in der Kreisstadt Grevesmühlen sowie in den üb­rigen Städ­ten des Kreises wohnenden Bevölkerung zustande” (Stompe 1981a, S. 111). Betrach­tet man hingegen den absolu­ten Anteil der in diesen kleinen ländlichen Siedlungen le­benden Bevölkerung, so liegt deren Zahl - anders als zum Zeitpunkt der Untersu­chung von 1979/80 - diesmal im Landkreis Osterburg mit 25 112 Einwohner deutlich höher als in Grevesmühlen (15 433 Einwohner). Diese Veränderung - vor 15 Jahren war die Be­völkerungszahl in Gemeinden unter 2 000 Einwohner in Greves­mühlen noch höher (16 874 zu 13 918) - ist vor allem auf die mit der Gebietsreform verbun­denen stattli­chen Erhöhung ländli­cher Gemeinden (55 im Jahre 1995) im ehemaligen Landkreis Oster­burg zurückzufüh­ren.

Die Wohnbevölkerung in ihrer Zusammensetzung nach dem Geschlecht ist in beiden Landkreisen annähernd gleich (49 Prozent männlich, 51 Prozent weiblich) und hat sich im Zeitraum von 15 Jahren kaum verändert (Grevesmühlen: 48 bzw. 52 Prozent; Tan­gerhütte: 47 bzw. 53 Prozent).

Nach Altersgruppen sind 12,1 Prozent (Osterburg 12,5 Prozent) unter 10 Jahre, 7,8 bzw. 7,3 Prozent 10 bis 15 Jahre und jeweils 6 Prozent 15 bis 20 Jahre alt. 4 Zieht man für den historischen Vergleich die Angaben von 1979 heran, so zeigt sich, dass zumin­dest bei der vergleichbaren Altersgruppe der 0 - 16jährigen der Anteil zu bei­den Messzeitpunkten in etwa gleich geblieben ist (1979: etwa 22 Prozent; 1995: etwa bei 20 Prozent). Bereits in der Studie von 1981 musste festgestellt werden: ”Die Be­völke­rungsentwicklung in beiden Kreisen ist rückläufig. Im Zeitraum des Fünfjahr­planes 1971 - 1975 ging die Kreisbevölkerung von Grevesmühlen um 1 818 Perso­nen zu­rück, die des Kreises Tangerhütte um 1 159 Personen. In den folgenden [Seite 110↓]Jahren war ein wei­terer Rückgang zu verzeichnen.” (vgl. ebenda). Diese rückläufige Ent­wicklung hielt bis 1989 an und verringerte die Bevölkerung in Grevesmühlen auf 89,2 Prozent und in

Tangerhütte sogar auf 86,5 Prozent. Zu guter letzt wurde durch den Fall der Mauer eine Abwanderungswelle von beachtlichem Ausmaß ausgelöst (vgl. Tabelle 11). Die besonders hohen Wanderungsverluste in den Regionen in den Jahren 1989 bis 1991/92 waren ein einmaliges Phänomen, dennoch wird mit steti­gen, aber modera­ten Wanderungsverlusten in diesen ländlich geprägten Terri­torien auch weiterhin zu rechnen sein (vgl. Münz/Ulrich 1994, S. 38f.).

Tabelle 11: Wanderungssaldo in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt 1991 bis 1995 5

Jahr

Mecklenburg/

Vorpommern

Sachsen/Anhalt

1991

-24.237

-35.159

1992

-13.841

-18.500

1993

-9.693

-10.189

1994

-6.613

-8.938

1995

-1.928

-3.134

Summe

1991-1995

-56.312

-75.920

Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, waren die Fortzüge im Land Sachsen-Anhalt um einiges höher als im Land Mecklenburg/Vorpommern. Dieser Befund lässt sich [Seite 111↓]so auch für die beiden Kreise dokumentieren. So verringerte sich die Einwohnerzahl im Kreis Grevesmühlen von 1989 bis 1992 um 3,3 Prozent, die Einwohnerzahl im Kreis Oster­burg zwischen 1989 und 1993 vergleichsweise sogar um fast das Dop­pelte (um 6,1 Prozent). Eine Erklärung hierfür findet sich in der günstigeren geogra­phi­schen Lage des Landkreises Grevesmühlen. Durch seine unmittelbare Nähe zum Land Schleswig-Holstein und den Städten Lübeck, Hamburg und Kiel ergeben sich posi­tive wirtschaft­liche Effekte für die Transformation der ökonomischen und sozia­len Be­din­gungen. Viele Einwohner des Kreises Grevesmühlen beispielsweise fanden nach dem gesell­schaftlichen Umbruch Arbeitsplätze und Lehrstellen im Altbundes­gebiet. Auch die unmittelbare Nähe zur Ostsee und die damit verbundenen Möglich­keiten für den Aus­bau des Tourismus vor allem im Ostseebad Boltenhagen haben si­cherlich zu einer ins­gesamt geringeren Abwanderungswelle beigetragen.

Die generell anhaltenden Wanderungsverluste wirken sich auch auf das Geburtenge­schehen aus. In den Jahren 1990-92 löste ein explosiver Rückgang der Geburtenzah­len den noch bis 1989/90 in beiden Kreisen zu verzeichnenden Geburtenüberschuss ab (vgl. Tabelle 12).

Tabelle 12: Zahl der Lebendgeborenen je 1 000 Einwohner in Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen/Anhalt 6

Mecklenb./Vp.

Grevesmühlen

Sachsen/Anhalt

Osterburg

1989

 

12,4

 

14,4

1990

12,2

 

11,0

 

1991

7,1

 

6,8

 

1992

5,8

 

5,8

 

1993

5,1

5,6

5,2

5,6

1994

4,9

 

5,2

 

So reduzierte sich die Zahl der Geburten in allein vier Jahren dramatisch um 55 Pro­zent (Grevesmühlen) bzw. 61 Prozent (Osterburg). Damit verbunden ist, dass die Be­völkerung im Kindes- und Jugendalter stark zurückgehen wird. Für die nächsten zwanzig Jahre wird sogar ein Rückgang von etwa 60 Prozent als wahrscheinlich an [Seite 112↓] gesehen (vgl. ebenda, S. 39). Verbunden mit den Wanderungsverlusten ist auch ein Abnehmen der Bevölkerung im Haupterwerbsalter. Bei nicht einsetzender Zuwande­rung könnte die schrum­pfende Zahl der 20 - bis 60jährigen immerhin eine Entlastung des Arbeitsmarktes in diesen Regionen bewirken.

Wenngleich die Bevölkerung im Rentenalter überall wächst, ist ihr Zuwachs in die­sen Gebieten überdurchschnittlich stark, was wiederum eine Alterung der Bevöl­ke­rungsstruktur herbeiführen würde.

Von der ökonomischen Struktur her waren diese Gebiete bis vor kurzem eine klar von der Landwirtschaft geprägte Region. Wie aus der nachfolgenden Zusammenstel­lung ersichtlich, verfügten im Jahre 1980 beide Landkreise über folgende Betriebe und Einrichtungen der Landwirtschaft: 7

Kreis Grevesmühlen

Kreis Tangerhütte

10 LPG (P)

4 LPG (P)

 

1 KAP

23 LPG (T)

18 LPG (T)

4 VEG

1 VEG

2 GPG

 

Diese Betriebe bewirtschafteten im Kreis Grevesmühlen 50 916 ha und im Kreis Tangerhütte 23 965 ha landwirtschaftliche Nutzfläche. Daneben gab es im Untersu­chungsgebiet Großanlagen der Tierproduktion wie z. B. eine 2 000er Milchviehan­lage, eine Schafzuchtanlage, Schweineaufzuchtsanlagen, ein Rinderproduktionszen­t­rum und Betriebe zur industriellen Haltung von Legehennen. Die landwirtschaftlich ausgerichtete Wirtschaftsstruktur der Landkreise wurde ergänzt durch Einrichtungen wie Trocknungswerke, Agrochemische Zentren, Kreisbetriebe für Landtechnik, Zwi­[Seite 113↓]schenbetriebliche Bauorganisationen, Zwischenbetriebliche Einrichtungen der Me­li­oration und Betriebe der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft wie Kombinate der Milchwirtschaft, Fleischwirtschaft, Geflügel- und Getreidewirtschaft (vgl. dazu auch Punkt 1.1.1. dieser Arbeit).

Mit dem politischen und gesellschaftlichen Umbruch auf dem Lande begann ein ra­di­kaler Abbau von Arbeitsplätzen. Eigentums- und Rechtsverhältnisse der DDR wur­den durch Besitz- und Betriebsformen der Bundesrepublik abgelöst. Im Ergebnis des­sen hat sich auch die Wirtschafts- und Beschäftigungsstruktur in den untersuchten ländlichen Regio­nen Ostdeutschlands in kurzer Zeit gravierend verändert. Einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Umwandlungen vermittelt die nachfol­gende Tabelle:

Tabelle 13: Betriebsformen der Landwirtschaft in den Kreisen Grevesmühlen und Osterburg 8

 

Bäuerliche Einzel-

unternehmen

Gesellschaften

bürgerlichen Rechts

Eingetragene Genossenschaften, GmbH u. ä.

Kreis

Anzahl

Betriebs-größe in ha

Anzahl

Betriebs-größe in ha

Anzahl

Betriebs-größe in ha

Grevesmühlen

Osterburg

120

201

114

56

38

21

332

441

14

37

1 170

1 027

Auffallend sind die insgesamt bedeutenden Betriebsgrößen bei den einzelnen Be­triebs­formen, die von den Landwirten und Unternehmern positiv in den marktwirt­schaftli­chen Wettbewerb eingebracht werden können. Wenn sie sich auch in den nächsten Jahren noch etwas verringern werden, so sind sie doch 1992 in den beiden ländlichen Regionen (235 ha im Durchschnitt) gut sechsmal so groß wie in Schles­[Seite 114↓]wig-Holstein (38 ha) oder zwölfmal so groß wie im Durchschnitt der al­ten Bundes­länder (19 ha) gewesen. 9

Von den ständig Berufstätigen waren 1980 im Kreis Grevesmühlen 34 Prozent und im Kreis Tangerhütte 30 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Dieser Anteil lag um fast das Dreifache über dem DDR-Durchschnitt, was diese Gebiete als für die DDR typische Landkreise ausweist (vgl. Stompe, ebenda, S. 125). Setzt man zudem die EG-Richtlinie 75/268/EWG an, so handelte es sich überdies um dünnbe­siedelte ländliche Räume. 10 2

Die wirtschaftlichen Umbruchprozesse in den ländlichen Regionen waren von außer­ordentlich tiefgreifender und massiver Wirkung auf die Beschäftigung, was allein die offiziellen Arbeitslosenquoten nicht hinreichend widerzuspiegeln vermögen. Setzt man hingegen die reale Unterbeschäftigung an, so lassen sich für das Land Mecklen­burg-Vorpommern im Juli 1992 41,5 Prozent Arbeitslose, 6,3 Prozent Kurzarbeiter, 11,5 Prozent ABM, 8,3 Prozent Vorruheständler, 16,7 Prozent Altersübergangs­em­pfänger und 15,7 Prozent in Fort- und Umschulung befindliche ehemalige Berufstä­tige ausmachen. 11

Seit 1989 ist die Entwicklung der Beschäftigten in der ostdeutschen Landwirtschaft. 12 stark rückläufig. So fiel deren Anteil von 976 000 im Jahre 1989 auf 228 000 im Jahre 1995 zurück. Innerhalb von 6 Jahren hat er also um gut 77 Prozent abgenom­men.So waren Ende 1995 im Vergleich zu Ende 1990 nur noch rund 29 Prozent der Beschäftigten in den neuen Bundesländern in der Landwirtschaft tätig. 13 Für die Län­der Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt beträgt der Rückgang im Zeit­raum von 1989 bis 1995 sogar 82 bzw. 81 Prozent. Zum Zeitpunkt der Un­tersuchung 1995 waren nur noch etwa 8 Prozent im Kreis Grevesmühlen und ca. 6 [Seite 115↓]Prozent im Kreis Osterburg in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Wie vertiefende Untersu­chun­gen in drei ausgewählten Kreisen des Landes Mecklenburg-Vorpommern erken­nen lassen, handelt es sich bei vier von fünf vernichteten landwirtschaftlichen Ar­beits­plätzen keineswegs um Arbeitsplätze geringqualifizierter Beschäftigter. Das trifft auch für die Frauenarbeitsplätze zu, die in besonders starkem Maße abgebaut wurden. 1989 waren noch bis zu 40 Prozent aller landwirtschaftlichen Arbeitsplätze in den Kreisen Arbeitsplätze für Frauen (vgl. Bandelin et al. 1996, S. 107).

Die Bedeutung der Landwirtschaft als Wirtschaftsfaktor in diesen Regionen ist nach dem gesellschaftlichen Umbruch auffallend zurückgegangen. Mit dem massenhaften Wegfall von Arbeitsplätzen in diesem Wirtschaftsbereich ist ein Anstieg der Arbeits­losigkeit verbunden. Der radikale Beschäftigungsabbau im primären Sektor hat ins­ge­samt dazu geführt, dass sein Beschäftigungsanteil bereits unter dem in den alten Bun­desländern liegt.

Die Arbeitslosenquoten in den beiden untersuchten Regionen betrugen zum Ende des Jahres 1995 16,1 bzw. 16,5 Prozent und lagen damit klar über dem Durchschnitt in den Neuen Bundesländern (14,9 Prozent). Der Frauenanteil wird zudem mit 20,8 bzw. 20,9 Prozent angegeben. 14 13,7 Prozent aller Jugendlichen unter 25 Jahren in Meck­lenburg-Vorpommern waren im November 1996 ohne eine Anstellung, im Bundes­durchschnitt waren es vergleichsweise 10,5 Prozent. 15

Da die landwirtschaftlichen Erwerbstätigen räumlich konzentriert waren, erfolgte mit der Auflösung der Großbetriebe ein schlagartiger Verlust von Hunderten von Ar­beitsplätzen. Damit verbunden war die mitunter völlige ”Befreiung” einiger Dörfer von der landwirtschaftlichen Produktion. Als Beispiel dafür wäre Groß-Walmsdorf im ehemaligen Kreis Grevesmühlen zu nennen. Ohne eine in großem Umfang öffent­lich geförderte Beschäftigung in Form von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Kurzarbeit sowie umfangreicher Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen und [Seite 116↓]Sonderre­gelungen für den Vorruhestand wäre in diesen beiden ländlichen Regionen der Be­schäftigungseinbruch noch weitaus gewaltiger gewesen (vgl. Tabelle 14).

Tabelle 14: Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen in Mecklenburg/Vorpommern und Sachsen/Anhalt 1995 (Angaben in 1000) 16

Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen

Mecklenburg/Vorpommern

Sachsen/Anhalt

Kurzarbeit

4

19

ABM und §249h

46

64

Fortbildung/Umschu-

lung

40

52

Vorruhestand/Alters-übergang

42

68

Infolge anhaltender Arbeitslosigkeit ist ein nicht unbedeutender Teil der Bevölke­rung darauf angewiesen, Formen staatlicher Unterstützung wie Wohngeld und So­zi­alhilfe in Anspruch zu nehmen (vgl. Tabelle 15).


[Seite 117↓]

Tabelle 15: Empfänger von Sozialhilfe und Wohngeld in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen/Anhalt 1994 (Angaben absolut) 17

Empfänger

Mecklenburg/Vorpommern

Sachsen/Anhalt

Sozialhilfe

92 643

153 47

Wohngeld

96 838

263 39 18

Anteil d. Haush. in %

19

22

Arbeitslosengeld

80 724

130 50

Arbeitslosenhilfe

45 203

54 739

Im Landkreis Grevesmühlen waren bereits 1992 5,7 Prozent und im Landkreis Oster­burg 5,4 Prozent der Einwohner Sozialhilfeempfänger.

Für Jugendliche, die die Schule verlassen, ist das Bereitstellen entsprechender Be­rufsausbildungsstellen von Bedeutung für ihr weiteres Leben. Im Schuljahr 1994/95 - im Jahr der zweiten Befragung - gab es in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt jeweils insgesamt 19 000 gemeldete Stellen. Dem gegenüber standen aller­dings 28 000 gemeldete Bewerber in Mecklenburg-Vorpommern und sogar 37 000 in Sachsen-Anhalt. 19

Zusammenfassung:

Die hier angeführten Resultate auf der Makroebene können einerseits als Reaktionen auf die Transformationskrise im Übergang zur Marktwirtschaft angesehen werden. Insbesondere zeigen sich vielfältige Auswirkungen auf die beschränkte Aufnahmeka­pazität des ostdeutschen Ar­beitsmarktes. Andererseits werden bereits [Seite 118↓]Veränderungen in der Lebensplanung der in dieser Region wohnenden Menschen er­kennbar, die ih­ren Ausdruck finden u. a. in gestiegenen Wahlmöglichkeiten und grö­ßerer sozialer und geographischer Mobilität. All das beeinflusst die für die zukünftige Bevölke­rungs­entwicklung auf dem Lande entscheidenden Komponenten: die durchschnittli­che Kinderzahl und die Wanderungen.

Der Bevölkerungsrückgang wie auch die deutliche Veränderung der Altersstruktur in den ländlichen Regionen haben eine Reihe unerfreulicher Implikationen. Nur kurz­fristig können sie offenbar eine Entlastung der angespannten Arbeitsmärkte bewirken oder auch Ein­sparungen im Bereich der Schule und der Kinderbetreuung ermögli­chen. Längerfri­stig werden die sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven dieser Re­gionen eher zu­sätzlich belastet sein, was die soziale und wirtschaftliche Annäherung von Ost und West weiter verzögern könnte.

4.2 Sozialisatorische Bedingungen für Landjugendliche zu Beginn ihrer Statuspassage - einst und jetzt

4.2.1 Die Familie als Sozialisationsinstanz Landjugendlicher in historischer Perspektive

Unbestritten hat die Herkunftsfamilie nicht nur in der primären Sozialisation, im Kin­dergarten und in der Schule , sondern auch für die Berufsausbildung Heranwach­sen­der und für ei­nen gelingenden Übergang in Arbeit und Beruf eine hervorra­gende Be­deutung (Tippelt 1988; Brock et al. 1991; Heinz 1991, 1995). Durch die materiel­len und die sozialen Bedingungen der Familien insgesamt wird der Sozialisationsprozess für Jugendliche im Übergang von der Schule in den Beruf maßgeblich struk­turiert, sie öffnen oder verhindern auch die Chancen ihrer Entwicklung und bestim­men so ih­ren weiteren Lebensverlauf. Insbesondere die verschiedenen Di­mensio­nen materieller Le­bensbedingungen (Einkommen, Konsum, Vermögen) prä­gen in ih­rem Zusam­menwir­ken die Lebenschancen des einzelnen.

Es geht in einem ersten Schritt jedoch nicht nur um die Klärung der Frage, in wie weit dies bei den untersuchten Kohor­ten zutrifft, sondern vielmehr auch darum, her­[Seite 119↓]auszu­finden, ob die mit dem gesellschaftli­chen Wandel auf dem Lande verbundenen bedeu­tenden Änderungen in den familia­len Lebensbe­dingungen auch Auswirkungen auf die Beziehungen der Jugendlichen in ihren Fami­lien, auf ihre Position haben. Empirische Ergebnisse verweisen zum einen darauf, dass es in Kri­sensituationen zu einer Störung innerfamilialer Beziehungen kommen kann, die ihren Ausdruck vor allem in Konflik­ten zwischen den Familienmitgliedern findet (Conger/Elder 1994). Anderer­seits gibt es Belege dafür, dass sich Familien in Krisenlagen ver­stärkt zu Hil­feleistungen ver­pflichtet fühlen und die Familienmit­glieder enger zusam­menrücken (Schelsky 1950, 1952). So vertritt Schelsky die These, dass die­ses Phänomen typisch für Zeiten ökonomi­scher Not und sozialer Isolierung ist, was mit Untersuchungen zu Vertriebenen und Flücht­lingen des Zweiten Welt­krieges be­legt werden konnte. Pa­ral­lelen leitet Schütze daraus für die heutige Situation insofern ab, als sie auf ent­schei­dende sozial-struktu­relle Än­derungen - und da vor allem auf die hohe und an­dau­ernde Arbeitslosigkeit seit Ende der 70er Jahre - für die Beziehungen zwischen El­tern und Jugendlichen hinweist, die ebenfalls nachweisbar einen vermehrten, soli­da­rischen Familienzusammenhalt zur Folge haben (Schütze 1988, S. 239).

Diesen Auffassungen soll im folgenden durch eine detaillierte Betrachtung der ma­te­riellen und sozialen Ausstattung in den Landfamilien vor und nach der Wende ge­nauer nachgegangen werden.

4.2.1.1 Zu den materiellen Ressourcen der Landfamilien

In einem hochkomplexen Bedingungsgefüge beeinflussen und bestimmen materielle Lebensbedingungen die Sozialisationsprozesse der Heranwachsenden in, aber auch au­ßerhalb der Familie. Der Systemumbruch hat nun, wie jede andere ökonomische Krise auch, eine breite Variation ökonomischer Veränderungen in den Familien auf dem Lande erzeugt. Es entsteht die Frage, wie ausgeprägt diese Differenzierungen sind und ob sie zu den von Elder und Caspi (1990) beschriebenen sozialen und öko­[Seite 120↓]nomischen Deprivationseffekten in den Familien mit Ressourcenverknappung füh­ren.

Die materielle Lage der Familien lässt sich hinsichtlich der Wohnbedin­gungen und des Besitzes an Konsumgütern im Vergleich zur Landuntersuchung 1979 differen­ziert beschreiben. Wesentliche Informationen zum Einkommen, über das die Eltern verfü­gen, konnten 1979 nicht ermittelt werden, da Befragungen zu solchen Berei­chen nur selten bewilligt wurden.

Der Ausstattungsgrad der Wohnungen (Bad, Art der Heizung, Innentoilette) kann als ein Indikator angesehen werden, der die materielle Situation des familialen Umfeldes von Jugendlichen kennzeichnet. Für die 95er Stichprobe liegen zu dieser Frage allein die Antworten der befragten Eltern vor, während zum ersten Messzeitpunkt auf die Antworten der Jugendlichen zurückgegriffen werden kann. Wenn auch dadurch ge­ringe Verzerrungen nicht auszuschließen sind, lassen sich doch tendenziell für einen Zeitraum von 15 Jahren auffallende Veränderungen feststellen, wie die Abbildung 4 belegt.

Abbildung 4: Wohnbedingungen der Familien auf dem Lande im Vergleich 1979 und 1995


[Seite 121↓]

Während gut ein Drittel der Jugendlichen 1979 angaben, dass die elterliche Wohnung mit einer modernen Heizung und einem Bad ausgestattet ist, so ist dieser Anteil mit 85 Prozent in den vergangenen 15 Jahren erheblich ange­stiegen.

Eine weitere Komponente der materiellen Ausstattung des familialen Lebensberei­ches bildet das Vorhandensein eines eigenen Zimmers in der elterlichen Wohnung. Verfüg­ten 1979 fast 69 Prozent der befragten Jugendlichen - also etwa zwei Drittel - über ein eigenes Zimmer, so stieg dieser Anteil 1995 auf gut 89 Prozent. Der Unter­schied zwi­schen beiden Messzeitpunkten ist signifikant (.00). Da - wie durch andere Untersu­chungen festgestellt wurde (Müller H.-U. 1991, Steiner et al. 1993) - mit zu­neh­men­dem Al­ter der Anteil derjenigen Schüler/innen leicht zunimmt, die über ein ei­genes Zimmer verfügen, könnte dieser Zuwachs auch mit dem Anteil an 17- und 18jährigen Jugend­lichen in der 95er Stichprobe zusammenhängen (vgl. dazu auch Pkt. 3.3.1.). Es zeigt sich jedoch, dass dieser in der 95er Stichprobe enthaltende An­teil an älteren Schuljugendlichen bei der statistischen Analyse keinen signifikanten Einfluss hat. Denn ca. 88 Prozent der 14- bis 16jährigen Jugendlichen geben 1995 ebenfalls an, über ein eigenes Zimmer zu verfügen (N=555). Dennoch soll das Alter bei den nun fol­genden Auswertungen be­rücksichtigt werden.

Der Besitz eines eigenen Zimmers steht in der Jugendstichprobe von 1995 in einem engen Zusammenhang mit dem Geschlecht, der Anzahl der Kinder und dem Sozial­sta­tus. Für die vergleich­bare Stichprobe von 1979 ergeben sich derartige signifikante Unterschiede lediglich für das Geschlecht und die Kinderzahl (vgl. Tabelle 16).


[Seite 122↓]

Tabelle 16: Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”eigenes Zimmer” und den unabhängigen Variablen Geschlecht, Anzahl der Kinder und Sozialstatus für die beiden Messzeitpunkte

 

MZP1 1979

MZP2 1995 20

Quelle der Varianz

Quadrat­summe

df

MS

F-Wert

Sign.

Quadrat­summe

df

MS

F-Wert

Sign.

           

Geschlecht

.93

1

.93

4.49

.034

.43

1

.43

4.59

.032

Anzahl Kinder

5.21

8

.65

3.13

.002

2.08

7

.30

3.18

.003

Sozialstatus

.20

2

.10.

.49

.614

1.05

2

.53

5.62

.004

   

Während also zum Messzeitpunkt 1 die Jungen und Mädchen aus den verschiedenen sozialen Gruppen in gleichem Maße über ein eigenes Zimmer verfügten, differiert der Besitz eines eigenen Zimmers zum Messzeitpunkt 2 nach der sozialen Herkunft der Jugendlichen. Anders formuliert: Die Kinderzahl war 1979 ein wesentlich be­deutende­rer Faktor für das Vorhandensein eines eigenen Zimmers als die Zugehörig­keit zu ei­ner bestimmten sozialen Schicht. Erwähnt sei allerdings, dass 1979 - bei ei­ner Betrach­tung nach Tätig­keitsgruppen - Kinder von Genossenschaftsbauern einen leichten Vorteil den anderen sozialen Gruppen gegenüber hatten. Inwieweit sich in diesem Er­gebnis bereits Auswir­kungen des gesellschaftlichen Umbruchs auf dem Lande wider­spiegeln, wäre durch weitere Untersuchungen zu überprüfen.

Der Besitz an langlebigen Konsumgütern in den Familien unterscheidet sich zwi­schen den beiden Zeiträumen doch wesentlich (vgl. Abbildung 5).


[Seite 123↓]

Abbildung 5: Besitz an langlebigen Konsumgütern in Familien auf dem Lande

Diese Daten scheinen ein Beleg dafür zu sein, dass sich die Ausstattung der Familien auf dem Lande mit PKW und Stereoanlage dem westlichen Niveau weitestgehend an­geglichen hat. Auffallend ist vor allem der immense Anstieg an PKW in den Land­familien in den vergangenen 15 Jahren. Wenn auch zu DDR-Zeiten der PKW-Be­stand auf dem Lande vergleichsweise höher als in der Stadt war, so erfolgte nach der Wende - wie in Ostdeutschland insgesamt - hier ein regelrechter Motorisierungs­boom, der sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ vollzog. Zwischen 1989 und 1993 hat sich der PKW-Bestand in den neuen Bundeslän­dern nicht nur fast ver­doppelt, sondern größtenteils auch erneuert (Geißler 1993a, S. 17).

Auch der Besitz einer Stereoanlage ist von knapp ein Viertel auf gut zwei Drittel an­gewachsen. Andererseits fällt aber auf, dass der Besitz einer Bibliothek (mehr als 50 Bücher) und in ge­rin­gerem Maße auch der eines Musikinstruments rückläufig sind. Während den Her­an­wachsenden 1979 eine Bibliothek gut zur Hälfte zur Verfügung stand, geben 1995 nur noch 16 Prozent (in der Altersgruppe der 14- bis 16jährigen sogar nur noch knapp 10 Prozent) der Jugendlichen an, Zugriff zu Büchern zu haben. Dieses Er­gebnis ist insofern bedeutsam, als Bücher und Musikinstrumente wichtige Einflussgrößen für ein bildungsförderndes Familienklima sind (vgl. Bour­dieu 1983). Der Sozialstatus der Eltern beeinflusst zu beiden Messzeitpunkten in si­gnifikan­tem [Seite 124↓]Maße den Besitz an Büchern und Musikinstrumenten, und zwar erwar­tungsgemäß zu­gunsten der Kinder aus höheren Sozialschichten. Nachdenklich muss stimmen, dass sich beim Besitz an Büchern der Anteil der Kinder aus Familien mit hohem Sozial­sta­tus be­trächtlich erhöht hat (von 49 Prozent 1979 auf 74 Prozent 1995). Während 1979 noch fast 42 Prozent der Jugendlichen, die angaben im Besitz einer Bibliothek zu sein, sich aus mittleren Sozialschichten rekrutierten, sinkt deren Anteil 1995 auf ein Fünftel. Die damit im Zusammenhang stehende soziale Benach­teiligung von Kindern aus unte­ren und sogar mittleren Statusgruppen scheint sich durch die gravie­renden Verände­rungen auf dem Lande weiter verstärkt zu haben.

4.2.1.2 Die Familie auf dem Lande als soziale Nahumwelt

Die Struktur, die Größe der Familie, die vorherrschenden sozialen Beziehungen, die soziale Kontrolle, wie sie durch die Familie ausgeübt wird, und das Erziehungsver­halten beschreiben die sozialen Bedingungen in den Familien.

Ein Vergleich der Familienstruktur der beiden einbezogenen Stichproben lässt erken­nen, dass auch auf dem Lande gewisse Veränderungen in den familialen Lebens­for­men erkennbar sind (vgl. Abbildung 6). Wenngleich die Mehrheit der befragten Ju­gend­li­chen - beachtliche 84 Prozent - nach wie vor in vollständigen Familien auf­wächst (also mit leiblichem Vater und leiblicher Mutter), hat sich sowohl der An­teil Allein­erzie­hender als auch der Anteil der Kinder geringfügig erhöht, deren Eltern sich in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft befinden bzw. die bei anderen Er­zie­hungs­berech­tigten groß werden. Das scheint dafür zu sprechen, dass gegen­wärtig auch auf dem Lande weder durchgängig die Einheit von Eltern- und Partner­schaft besteht (Herlth 1993, S. 23), noch die Geburt eines Kindes auf jeden Fall die Ehe­schlie­ßung nach sich zieht. Die Zunahme der Ein-Eltern-Familie seit 1979 in Ost­deutschland ist im wesentlichen eine Folge sowohl der stark gewachsenen Schei­dungshäufigkeit als auch des höheren Anteils lediger Mutterschaft. Ausgeprägt für die DDR war auch, dass Eheschließungen vermieden und nichteheliche Lebensge­meinschaften gewählt wurden, um die Vergünstigungen [Seite 125↓]sozialpolitischer Maßnah­men in Anspruch nehmen zu können (Nave-Herz 1997, S.10-11). Zu vermuten wäre, dass solche Überlegungen auch gegenwärtig noch eine Rolle spielen könnten. Daraus ergibt sich zusammenfas­send, dass diese Entwicklung auf dem Lande weder als De-Institutionalisie­rungsprozess noch Individualisierungsprozess der Familie gedeutet werden kann. Ein Bedeutungsverlust der Familie bzw. die gestiegene Pluralität von Familienformen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands lässt sich alles in allem quantitativ nicht nachweisen, die El­tern-Familie bleibt dage­gen nach wie vor die dominante. Familienform. Ein Ver­gleich des Anteils von Land­jugendlichen in voll­ständigen Familien mit den Angaben von Nauck zum sogenannten Normkind­schaftsverhältnis in den neuen Bun­deslän­dern zeigt sogar, dass der Anteil in unserem Sample deutlich über den dort an­ge­gebe­nen 75 Prozent liegt (Nauck 1993, S. 150).

Abbildung 6: Struktur der Familien auf dem Lande im Vergleich

Betrachtet man die Größe der Familie - bezogen auf die Anzahl der Kinder - so un­ter­scheidet sie sich zwi­schen den beiden Messzeitpunkten signifikant (.000). Die Ge­schwisterzahl ist im ganzen stark rückläufig (vgl. Abbildung 7). Damit zeichnet sich auch auf dem Lande ein - wie Nave-Herz zutreffend herausgearbeitet hat - ”gegen­läufiger Trend im Hinblick auf die Pluralitätsthese” ab. Die Familienformen sind nämlich unter diesem Aspekt homogener geworden, da die Mehrzahl der Kinder in Ein- und Zwei-Kinder-Familien aufwächst (1997, S. 20). Wie aus der Abbildung 7 [Seite 126↓]ersichtlich, geben die Schuljugendlichen 1995 zu gut zwei Drittel an, keine Geschwi­ster bzw. nur ein Geschwisterkind zu haben. 1979 betrug dieser Anteil lediglich zwei Fünftel.

Abbildung 7: Anzahl der Geschwister der Befragten Jugendlichen

Die Erwerbsbeteiligung der Eltern stellt für Landjugendliche eine wichtige Grund­lage zur ökonomischen Absicherung des Übergangs in die Berufsausbildung bzw. zum Studium dar. Der Verlust des Arbeitsplatzes kann nach Conger und Elder (1994) neben finanziellen vor allem auch soziale und psychologische Belastungen der Familie nach sich ziehen. Insofern stellt der Erwerbsstatus der Eltern eine we­sentliche Dimension dar, in der die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Lande in ihrem Einfluss auf die Familie hervortreten können.

Nach den Angaben der Schulju­gendlichen waren 1979 in rund 82 Prozent der Fami­lien beide Elternteile - also Vater und Mutter - berufstätig. Zieht man in Betracht, dass ca. 89 Prozent der Jugendlichen in vollständigen Familien lebten, so kann man davon ausgehen, dass die Berufstätig­keit in den Familien auf dem Lande der Regel­fall war. Insbesondere mütterliche Er­werbs­tätigkeit war in der DDR zu einer kultu­rellen Selbst­verständlichkeit geworden.

Fünf Jahre nach der Vereinigung sind 87 Prozent der Väter und nur noch 68 Prozent der Mütter voll berufstätig. Allein diesen Angaben ist zu entnehmen, dass es be­züg­lich der Berufstätigkeit beider Elternteile auf dem Lande zu erheblichen Verände­run­[Seite 127↓]gen gekommen ist, die sich insbesondere in der Benachteiligung der Mütter zei­gen. Das be­stätigen auch die Angaben der Jugendlichen 1995 zur Arbeitslosigkeit, wo­nach mit 10 Prozent der Anteil der arbeitslosen Mütter gut doppelt so hoch ist als der der Väter. Dennoch liegt die Erwerbstätigenquote von Müttern auf dem Lande in Ost­deutschland zum Zeitpunkt der Befragung trotz hoher Arbeitslosenzahlen immer noch höher als in den alten Bundesländern. 21 Das Missverhältnis zwischen Müttern und Vä­tern vergrö­ßert sich allerdings auf fast das Dreifache, bezieht man in den Stand des Berufslebens der Eltern auf dem Lande außerdem noch Kurzarbeit, ABM und Umschulung mit ein.

Die erworbenen Schul- und Berufsabschlüsse der Eltern - nach Bourdieu(1983) auch als Bildungskapital bezeichnet - gehören zu den familialen Bedingungen, von denen anzunehmen ist, dass sie einen wesentlichen Einfluss auf die Bildungswege und die be­ruflichen Pläne der Jugendlichen ausüben werden. Welche Auswirkungen im ein­zel­nen hiermit verbunden sind, wird im Rahmen dieser Arbeit noch zu prüfen sein.


[Seite 128↓]

Abbildung 8: Schulabschluss der Eltern

Wie aus der Abbildung 8 zu ersehen, weichen die Schulabschlüsse der Eltern zu den beiden Messzeitpunkten voneinander in erheblichem Maße ab. Die Mittelwertunter­schiede sind jeweils signifikant (.000). In den letzten 15 Jahren sind die Schulab­schlüsse der Eltern auf dem Lande beachtlich angestiegen. Das ist in erster Linie dem hohen Anteil an Zehnklassenabschlüssen geschuldet. Dieser hat sich mehr als ver­dop­pelt. Ein An­stieg ist auch bei den Eltern mit Abitur zu verzeichnen.

Interessanterweise besitzen die Mütter der befragten Schuljugendlichen zum Messzeitpunkt 2 höhere Schulabschlüsse als deren Väter. Die Mittelwertunterschiede sind ebenfalls signifikant (.003). Solche geschlechtsspezifischen Unterschiede treten zum Messzeitpunkt 1 nicht auf. Die Schulabschlüsse beider Elternteile unterscheiden sich 1979 nur geringfügig. Dies könnte mit der erfolgten Gleichstellung der Mädchen im DDR-Schulwesen zusammenhängen, die zwar bereits in den 60er Jahren einsetzte, den Mädchen aber erst allmählich einen Bildungsvorsprung verschaffte, wovon dann vor allem die Mütter der 95er Jugendstichprobe profitierten.

Es besteht ein korrelativer Zusammenhang zwischen den Schulabschlüssen der El­tern und deren beruflichen Abschlüssen (1979: r = .49 bei den Vätern und r = .45 bei [Seite 129↓]den Müttern; 1995: r = .78 bei den Vätern und r = .60 bei den Müttern). Damit wird auch an dieser Untersuchung er­kennbar, dass der Schulabschluss das Feld möglicher Berufsabschlüsse absteckt und darauf basierend den späte­ren sozialen Status weitge­hend festlegt.

Abbildung 9: Beruflicher Abschluss der Eltern

Bei den beruflichen Abschlüssen haben sich in den letzten 15 Jahren auf dem Lande ebenfalls bemerkenswerte Bewegungen vollzogen. Augenfällig sind diese Verände­run­gen vor allem in der niedrigsten und höchsten Berufsabschlussgruppe. Auf der ei­nen Seite hat der Anteil der Eltern, die un- oder angelernt sind, von 16 bzw. 31 Pro­zent auf je etwa 4 Prozent abgenommen, und andererseits ist der Anteil der Eltern mit Hochschulabschluss von 11 bzw. 5 Prozent auf je etwa 26 Prozent angestiegen (vgl. Abbildung 9). Es muss hierbei allerdings abschwächend angemerkt werden, dass im 95er Sample die Gruppe der Hochschulabsolventen im Vergleich zur Grundge­samt­heit sichtlich größer ist.

Auch bei den Berufsabschlüssen lassen sich im historischen Vergleich auffallende ge­schlechtsspezifische Veränderungen ausmachen. Die Mütter der befragten Ju­gendli­chen verfügen zu beiden Messzeitpunkten in stärkerem Maße über höhere Ab­schlüsse als die Väter. Auffallend ist, dass 1979 der Anteil der Mütter auf dem Lande, die der sozialen Gruppe der Un- bzw. Angelernten angehörten, doppelt so [Seite 130↓]hoch als der der Väter war. Dieser Unterschied besteht 1995 nicht mehr. Es erfolgte eine An­gleichung auf ca. 4 Prozent für beide Elternteile.

Die bisher beschriebenen Veränderungen in den Familien auf dem Lande sollen im folgenden mit einer Betrachtung der familialen Interaktion fortgesetzt werden. Insge­samt günstige Werte in der Beurteilung durch die Jugendlichen weist in diesem Zu­sammenhang die Frage nach den sozialen Beziehungen zu den Eltern - als ein wichti­ges Kriterium zur Mes­sung des Familienklimas - aus. So geben immerhin ein Drittel der Befragten 1979 an, dass ihr Verhältnis zu den Eltern ausgezeichnet sei. Gut zwei Drittel meinten damals außerdem, sie hätten ein im allgemeinen gutes Verhältnis zu ih­ren Eltern.

Im 95er Sample führen sogar 86 Prozent der befragten Jugendlichen an, dass sie mit dem Verhältnis zu den Eltern ”sehr zufrieden” oder zumindest ”ziemlich zufrieden” sind. 22 Eine Beschränkung der Betrachtung auf die Altersgruppe der 14- bis 16jährigen ergibt hier gleichfalls keine signifikanten Veränderungen (87,2 Prozent). Auch durch andere ostdeutsche Jugendstudien, die nach der politischen Wende er­stellt wurden, wird dieses insgesamt positive Ergebnis bestätigt (Golz 1995, S. 52; Mansel et al. 1992; S. 32ff.; Starke, U. 1992, S. 81).

Während ein Drittel der Heranwachsenden sehr zufrieden mit ihrem Verhältnis zum Vater ist, geben das für die Mutter sogar 45 Prozent an. Das bekräftigt die durch an­dere Untersuchungen (vgl. z. B. Oswald 1989) durchweg immer wieder bestätigte bevor­zugte Stellung der Mütter als elterliche Bezugsperson auch für Familien auf dem Lande. Auf ein interessantes komparatives Ergebnis verweist auch der Befund, dass 1979 le­diglich 3 Prozent der Jugendlichen das Verhältnis zu den Eltern als schlecht bzw. tiefgehend ge­stört einschätzten, 1995 demgegenüber 8 Prozent der Jugendli­chen mit dem Ver­hältnis zu ihrer Mutter ziemlich bzw. sogar sehr unzufrieden sind, und das Verhältnis zum Vater in dieser Weise sogar von 14 Prozent beschrieben wird. Da drängt sich natürlich die Frage auf, inwiefern darin bereits eine durch die verän­derte arbeitsmarktpolitische Situation auf dem Lande hervorgerufene Belastung des Fami­lie­nklimas zum Ausdruck kommt. Dazu werden [Seite 131↓]im folgenden weitere Daten zum Sozial­status - als ein wichtiger Indikator zur Beschreibung der sozioökonomi­schen Lage der Haus­halte - und Angaben zum Lebensstandard in der Familie für das 95er Sample herangezogen. Zu­nächst ist festzu­halten, dass das Verhältnis zu den El­tern nicht vom Sozialstatus ab­hängt. Es er­gibt sich je­doch ein signifikanter Zu­sam­men­hang zur Einschätzung des Le­bensstan­dards in der Familie heute im Vergleich zu 1989 (F-Wert: 5,2; Signifi­kanz of F: .003). Diejenigen Ju­gendlichen, die ange­ben, mit dem Verhältnis zu ihren Eltern ziemlich bzw. sehr un­zufrieden zu sein, schätzen auch den Lebensstandard ih­rer Fa­milie in stärkerem Maße als niedriger ein als die anderen Ju­gendlichen, die mit den Beziehungen zu ih­ren beiden Eltern zu­frieden sind. Das könnte als Hinweis dar­auf gewertet werden, dass sich aus den ma­krostruk­tu­rellen Ver­änderungen auf dem Lande ein sich abzeich­nendes Bela­stungspo­tential für bestimmte Gruppe von Ju­gendlichen herauszubilden beginnt. Es ist jedoch erfor­der­lich, diesem Anzeichen weiter nachzu­gehen. Insgesamt gesehen haben sich je­doch die innerfamilia­len Be­ziehungen in den untersuchten Familien auf dem Lande in dem von mir be­trachteten Zeitraum von 15 Jah­ren nicht ver­schlechtert.

Bei der Einschätzung des Verhältnisses der Eltern zu ihren Kindern im Jugendalter kommt dem Ausmaß der sozialen Kontrolle, welche die Eltern auszuüben versuchen, eine besondere Bedeutung zu. Dieses Konstrukt ist geeignet, mögliche Veränderun­gen in der familialen Sozialisation im Hinblick auf das Erzeugen konformen Verhal­tens über die Zeit aufzuzeigen. Der gebildete Index enthält ausschließlich Fragen dazu, was die Jugendlichen allein entscheiden dürfen, ohne die Eltern zu fragen. Bei der Befra­gung vorgegeben wurden folgende Items:

Was dürfen Sie zu Hause ganz allein entscheiden?

- wofür ich mein Taschengeld ausgebe

- ob ich mich nach 20.00 Uhr mit Freunden treffe

- ob ich rauche

- ob ich meine Schularbeiten mache

- mit wem ich innig befreundet bin


[Seite 132↓]

- wie ich das Wochenende verbringen möchte

- wie ich mir die eigenen Pflichten einteile

- ob ich ohne Erwachsene meine nächsten Ferien verbringe

Für jedes einzelne Item hatten die Jugendlichen anzugeben, ob sie das allein ent­schei­den dürfen, oder ob das nicht der Fall ist. Damit sollte der dem Jugendlichen zuge­schriebene Entscheidungsspielraum zu erfassen versucht werden (vgl. Frese 1989, S 275ff.; Mer­kens 1992a, S.85ff.).

Für die Bildung eines Index wurden explorative Faktorenanalysen getrennt für die Stichproben von 1979 und 1995 gerechnet und interpretiert.

Tabelle 17: Ergebnisse der Faktorenanalysen

Item

MZP 1 1979

MZP 2 1995

 

Faktor1

Faktor2

Faktor3

Faktor1

Faktor2

Faktor3

Taschengeld

 

.654

  

.698

 

Treff nach 20.00

.726

  

.686

  

Rauchen

.635

  

.503

  

Hausaufgaben

  

.900

  

.745

Freunde

 

.712

  

.683

 

Wochenende

.457

  

.574

  

Pflichten einteilen

 

.502

 

(.371)

  

Ferien ohne Erwachsene

.648

  

.679

  

Reliabilität

50

.53

Auf der Basis der Eigenwerte ergeben sich für die 1979er und 1995er Stichprobe je eine Lösung mit drei Faktoren.


[Seite 133↓]

In beiden Stichproben beschreibt der erste Faktor das Ausmaß der sozialen Kontrolle in den Familien bei außerfamilialen Handlungen der Jugendlichen. 1979 laden die vier Items mit Fragen nach den Treffs nach 20.00, den Ferien ohne Erwachsene, dem Rauchen und den Wochenenden auf einem Faktor, der die Entscheidung nach dem Treffen nach 20.00 zum Markieritem hat. Dieser Faktor klärt eine Varianz von 21,3 Prozent auf. Bis hin zum Markieritem ergibt sich im 95er Sample ein ähnlicher Fak­tor, der 23,4 Prozent der Varianz aufklärt.

Auf das Einbeziehen des zweiten und dritten Faktors wird im folgenden verzichtet, da die Re­lia­bilitätskoeffizienten zu gering ausfallen und die gebildeten Indizes teil­weise er­hebli­che Deckeneffekte aufweisen.

Tabelle 18: Verteilung der Häufigkeiten beim Index ”soziale Kontrolle”

 

MZP 1

MZP 2

Werte

Absolut

Prozent

absolut

Prozent

1

  

1

0,1

3

2

0,2

4

0,5

4

51

6,2

338

39,8

5

110

13,3

247

29,1

6

205

24,9

144

16,9

7

298

36,2

91

10,7

8

158

19,2

25

2,9

Mittelwert

6.48

5.06

Zunächst sollen die auf der Basis der aggregierten Daten gewonnenen Indizes be­züg­lich der Häufigkeiten dargestellt und diskutiert werden (vgl. Tabelle 18).

Die Ergebnisse dokumentieren auffallend, dass in der Wahrnehmung der Jugendli­chen die soziale Kontrolle in ihren Familien zum ersten Erhebungszeitpunkt - also 1979 - deutlich größer war, d. h. die Jugendli­chen äußerten, weniger allein entschei­[Seite 134↓]den zu dürfen. Während 1979 immerhin fast 20 Prozent der Jugendlichen in allen vier Fällen angaben, nicht allein entscheiden zu dürfen, wa­ren es 1995 nur ganze 3 Prozent der Jugendlichen, die in allen vier Items ankreuzten, dass sie andere fragen müssten, ob sie handeln können, wie sie wollen. 23 Nun liegt na­türlich die Vermutung nahe, dass dieses Ergebnis mit dem etwas höheren Alter der Jugendlichen zum zwei­ten Messzeitpunkt zusam­menhängt, was durchaus plausibel erscheint, da zahlreiche Un­tersuchun­gen immer wieder den Zu­sammenhang von abnehmender sozialer Kon­trolle und zu­neh­mendem Alter belegen (vgl. Preuss-Lausitz et al. 1990). Nachweis­bar ergibt sich jedoch für die Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen weder eine Ver­änderung bei der Bildung des Faktors ”soziale Kontrolle”, noch in der Wahrneh­mung, der sozialen Kontrolle ih­rer Eltern. Lediglich rund 4 Prozent der 14- bis 16jährigen Jugendlichen gaben in allen vier Items an, nicht allein entscheiden zu dür­fen. Der Mittelwert des Index ”soziale Kontrolle” in dieser Teilstichprobe beträgt 5,36. Damit kann die Abnahme der sozialen Kon­trolle zum zweiten Messzeitpunkt nicht auf das Alter zurückgeführt werden. Die Unter­schiede in der Ausprägung der sozialen Kon­trolle zu den beiden Erhe­bungs­zeit­punk­ten 1979 und 1995 legen viel­mehr die Ver­mutung nahe, dass die so­ziale Kontrolle in den Familien vor und nach der Wende unterschiedlich stark wahr­ge­nommen wird. Nachfolgend soll diese An­nahme über­prüft werden. Erwartet wird dar­über hinaus vor allem auch eine Auswir­kung des Ge­schlechts auf das Aus­maß der so­zialen Kontrolle.

Da der Messzeitpunkt in diesem Fall als unabhängige Variable in die Rechnung ein­geht, ist es erforderlich, von einer Gesamtstichprobe auszugehen, für die ein Sum­men­index ”soziale Kon­trolle” aus den Items ”Treff nach 20.00 Uhr”, ”ohne Erwach­sene die Ferien verbrin­gen”, ”Wochenende verbringen” und ”Rauchen” gebildet wird.

Nachfolgend wird zur Überprüfung der o. g. Annahme eine Varianzanalyse mit den unabhängigen Variablen Geschlecht und Messzeitpunkt gerechnet (Tabelle 19).


[Seite 135↓]

Tabelle 19: Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”soziale Kontrolle” und den unabhängigen Variablen Geschlecht und Messzeitpunkt

Quelle der Varianz

df

Quadratsumme

F-Wert

Signifikanz

Geschlecht

1

78,1

59,6

0.000

1979/95

1

854,6

651,7

0.000

Es wird deutlich, dass sich vor allem der Messzeitpunkt mit einem sehr hohen F-Wert als bedeutsam erweist. Während der erhebliche Geschlechtereffekt plausibel ist und sich in anderen ähnlich gelagerten Untersuchungen immer wieder reproduzieren lässt (vgl. Preuss-Lausitz et al. 1990, Tillmann 1992, Steiner et al.1993), regen die Diffe­renzen zwischen den beiden Stichproben zu weiteren Überlegungen an. Die Zu­nahme der Freiheits­grade Schuljugendlicher auf dem Lande im Jahre 1995 könnte - mit aller Vorsicht - als eine Reaktion auf die neuen wahrge­nommenen Freiheiten in­terpretiert werden. Sie ließe sich aber auch als Aus­druck der ”weichen Welle” im Sozialisations­verhalten der Eltern deuten, wie sie in bil­dungssoziologischen Unter­suchungen der DDR bereits in den 70er und vor al­lem 80er Jahren hervortraten, ver­gleichbar mit dem Prozess der Li­beralisierung in Westdeutsch­land.

Um weitere Einflussgrößen genauer bestimmen zu können, die mit dem Grad der so­zialen Kontrolle in Beziehung stehen, werden im folgenden für die beiden Stichpro­ben von 1979 und 1995 getrennte Varianzanalysen gerechnet. Zu erwarten wäre, dass bei­spielsweise das Nichtvorhandensein eines eigenen Zimmers - also etwas beeng­tere Wohnverhält­nisse - mit einem höheren Grad an sozialer Kontrolle zusammenge­hen. Auch die so­ziale Herkunft der Jugendlichen und die Schulleistungen könnten einen Zusammen­hang mit sozialer Kontrolle zeigen.


[Seite 136↓]

Tabelle 20: Mehrfache Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”soziale Kontrolle in Familien” und den unabhängigen Variablen Sozialschicht, Schulleistung und eigenes Zimmer in der Stichprobe von 1979

Quelle der Varianz

df

Quadratsummen

F-Wert

Signifikanz

Sozialschicht

2

2.6

1.0

.36

Schulleistung

3

24.9

6.6

.00

eigenes Zimmer

1

5.7

4.5

.03

Tabelle 21: Mehrfache Varianzanalyse mit der abhängigen Variablen ”soziale Kontrolle in Familien” und den unabhängigen Variablen Sozialschicht, Schulleistung und eigenes Zimmer in der Stichprobe von 1995

Quelle der Varianz

df

Quadratsummen

F-Wert

Signifikanz

Sozialschicht

2

17.8

6.9

.00

Schulleistung

3

2.2

.57

.63

eigenes Zimmer

1

.5

.39

.53

Wie die Tabellen 20 und 21 zeigen, fällt die Wahrnehmung der sozialen Kontrolle durch die Eltern in beiden Jugendstichproben unterschiedlich aus. Im Sample von 1979 sind die Schullei­stun­gen der Jugendlichen mit dem Ausmaß der sozialen Kon­trolle in der Familie ver­bunden. Nur Jugendliche mit schlechteren schulischen Leis­tun­gen gaben an, größere individuelle Entschei­dungsspielräume zu haben. Zusätzlich ist in der 79er Stichprobe auch das Vorhandensein eines eigenen Zimmers tendenziell mit der Wahrnehmung geringerer sozialer Kontrolle verbunden. D. h. in dieser Stich­probe zeigt sich ein Zusammenhang der Ausstattung des materialen Nahraumes (Wohnungsgröße) mit der sozialen Kontrolle. Diese Zusammenhänge lassen sich 15 Jahre später bei den Ju­gendlichen nicht mehr ermitteln. Dafür stellt sich 1995 ein si­gnifikanter Zusammenhang zwischen Sozialschicht der Eltern und Ausüben so­zialer Kontrolle ein. Jugendliche aus den unteren Sozialschichten nehmen das Ausmaß der sozialen Kontrolle durch die Eltern in bezug auf ihre [Seite 137↓]Entscheidungen als geringer wahr. Dieses Ergebnis könnte mit der Umbruchsituation auf dem Lande in Ost­deutsch­land erklärt werden. Während die materiale Ausstattung nach der Wende kei­nen Einfluss mehr ausübt, was angesichts der im Punkt 4.2.1.1. deutlich aufgezeig­ten Veränderungen plausibel erscheint, und auch der Einfluss der Schulleistungen nicht mehr statistisch bedeutsam ist, verhalten sich die Eltern nunmehr bei der sozialen Kontrolle wieder verstärkt im Sinne klassischer Erwartungen. Eine mögliche Erklä­rung hierfür könnte darin gesehen werden, dass sich Eltern aus den höheren Sozial­schichten in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche auf dem Lande vermehrt ihren Kin­dern zuwen­den, woraus auch eine stärkere soziale Kontrolle resultieren könnte.

Ob sich die Wahrnehmung der Landjugendlichen in Bezug auf die soziale Kontrolle auch mit den Aussagen der Eltern deckt, soll im folgenden überprüft werden:

Der Index ”soziale Kontrolle” in der Elternstichprobe wird ebenfalls von den Items ”Treff nach 20.00”, ”ohne Erwachsene Ferien verbringen”, ”Rauchen” und ”Wochenende verbringen” gebildet. Die Be­trachtung der Werte zu den beiden Messzeitpunkten zeigt auffallende Unter­schiede.

Tabelle 22: Verteilung der Häufigkeiten beim Index ”soziale Kontrolle” in den Elternstichproben von 1979 und 1995

Werte

Eltern 1979

Eltern 1995

 

Absol.

%

absol.

%

3

  

2

1,0

4

1

1,0

56

28,0

5

5

5,1

61

30,5

6

13

13,1

49

24,5

7

40

40,4

22

11,0

8

40

40,4

10

5,0

Mittelwert

7,1

5,3


[Seite 138↓]

Die Ergebnisse dokumentieren deutliche Unterschiede zwischen den beiden Eltern­stichproben. Während 1979 immerhin vierzig Prozent der befragten Eltern bei allen

vier Items 24 angaben, dass ihre Kinder nicht allein entscheiden dürfen, sind es 1995 nur noch fünf Prozent der Eltern, die in allen vier Fällen ankreuzten, ihre Kinder müssten andere fragen, ob sie handeln können, wie sie wollen. Dieses Ergebnis bestä­tigt den bereits durch die Jugendbefragungen erzielten Befund, dass die so­ziale Kon­trolle auf dem Lande zu DDR-Zeiten ein allgemein höheres Ni­veau auf­wies.

Entgegen ande­rer Re­sultate (vgl. Merkens 1992, S.100) las­sen die Vergleichsuntersu­chungen auf dem Lande folglich den Schluss zu, dass es durch die Um­bruchsituation zu keiner Vergröße­rung der Tendenz zur Aus­übung sozialer Kontrolle gekommen ist. Beim jetzigen Stand der Auswertung ist eher von ei­ner Verringerung auszugehen.

Diese Ergebnisse könnten zugleich ein Hinweis dar­auf sein, dass in der Ausübung so­zialer Kontrolle bemerkenswerte regionale Unterschiede auftreten.

Fragen zu Anforderungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, geben nicht nur Aufschluss über die erzieherische Einflussnahme, die Erziehungspraktiken der Eltern, son­dern sind auch geeignet, Aussagen über die soziale Position, die Jugendliche in ihren Familien einnehmen, zu erhalten. Die im folgenden berichteten Auswertungen bezie­hen sich auf eine Frage mit 7 über die Zeit unveränderten Items (vgl. Tabelle 23). Die Frage lautete: ”Eltern stellen an Ihre Söhne und Töchter bestimmte Anfor­derungen. Inwiefern erwarten Ihre Eltern von Ihnen das Folgende?”


[Seite 139↓]

Tabelle 23: Die in der 79er und 95er Untersuchung verwendeten Items zu den elterlichen Anforderungen

(1)dass Sie ständig einen bestimmten Pflichtenkreis im Haushalt übernehmen

(2)dass Sie ständig einen bestimmten Pflichtenkreis in der Garten- und Feldarbeit übernehmen

(3)dass Sie gute Zensuren nach Hause bringen

(4)dass Sie Ihre Sachen selbständig in Ordnung halten

(5)dass Sie weitgehend für Ihre Handlungen selbst verantwortlich sind

(6)dass Sie in Familienangelegenheiten ein eigenes Urteil haben

(7)dass Sie einen politischen Standpunkt haben

Festzustellen wäre, ob und wie sich in einem historischen Zeitraum von 15 Jahren der Charakter der Anforderungen, die Eltern an ihre Kinder stellen, aber auch ihr Ausmaß verändert haben. Zu erwarten wären markante Differenzen in den Anforde­rungen zwischen den beiden Messzeitpunkten, die ihren Ausdruck hauptsächlich in einer stär­keren Betonung von Selbständigkeit zum zweiten Messzeitpunkt finden könnten.

Außerdem soll ermittelt werden, in welchem Zusammenhang Pflichten und Anforde­rungen an die Jugendlichen mit weiteren Merkmalen stehen. So kann beispielsweise angenommen werden, dass die Anforderungen der Eltern mit dem Geschlecht und den Schulleistungen variieren. Zu erwarten wären auch schichtspezifische Auswir­kungen.

Fragen dieser Art sollen wieder für beide Stichproben gesondert nachgegangen wer­den. In einem ersten Schritt werden Dimensionen für elterliche Anforderungen mit­tels explorativer Faktorenanalysen erkundet. Die jeweils gerechneten Faktorenanaly­sen er­ge­ben für 1979 eine zweifaktorielle und für 1995 eine dreifaktorielle Lösung (vgl. Ta­belle 24).


[Seite 140↓]

Tabelle 24: Ergebnisse der Faktorenanalyse zu den elterlichen Anforderungen

 

MZP 1 1979

MZP 2 1995

 

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 3

Übernahme Pflichten im Haushalt

 

.64

 

.50

 

gute Zensuren

 

.51

 

.71

 

Sachen in Ordnung halten

.66

  

.77

 

Selbstverantwortung

.72

 

.69

  

eigenes Urteil in Familien­angelegenheiten

.75

 

.80

  

politischer Standpunkt

.55

 

.59

  

Garten- und Feldarbeit

 

.77

  

.89

Reliabilitätskoeffizienten

.63

.37

.50

.45

 

In der 79er Stichprobe bilden die Items ”Sachen in Ordnung halten”, ”Selbstverant­wortung”, ”Urteil in Familienangelegenheiten” und ”politischer Stand­punkt” einen In­dex, der das Ausmaß der Eigenverantwortung und Selbständigkeit der Landju­gendli­chen in ihren Familien beschreibt. Mit einem Alpha-Wert von .63 ist die­ser Index, der nachfolgend mit Eigenverantwortung bezeichnet wer­den soll, zufrie­denstel­lend. Beachtenswert und in­teressant ist, dass der politische Standpunkt, der nach Wahrneh­mung der Ju­gendlichen von ihren Eltern erwartet wird, ebenfalls die­sen Faktor kenn­zeichnet.

Im 95er Sample fällt auf, dass in diesem Faktor das Item ”Sachen in Ordnung halten” nicht enthalten ist. Das Markieritem ist aber - ebenso wie im 79er Sample - ”ein ei­ge­nes Urteil in Familienangelegenheiten”, so dass ich mich entschlossen habe, den Index Eigenverantwortung in der Stichprobe von 1995 über nur drei Items zu bil­den.


[Seite 141↓]

Der zweite Faktor umfasst in beiden Stichproben jeweils drei Items, denen als Ge­mein­samkeit unterstellt werden kann, dass sie Leistungen und Dienste abfordern. 1979 ge­hörten dazu ”Pflichten im Haushalt” und ”Pflichten in der Feldarbeit” über­nehmen sowie ”gute Zensuren nach Hause bringen”. Zum zweiten Messzeitpunkt fin­det sich anstelle des Items ”Pflichten in der Feldarbeit” übernehmen dasjenige ”Sa­chen in Ord­nung halten”.

Es gibt bei diesem Faktor insofern einen Bedeutungsunterschied als in den Familien 1979 stärker Dienste abgefordert wurden, die der Allgemeinheit - hier also der Fa­milie - zugute kamen. Die Änderung lässt sich 1995 mit der stärkeren Hinwendung zu Lei­stungen und Diensten charakterisieren, die auch für den Jugendlichen unmittelbar von Bedeu­tung sind.

Das verbleibende Item ”Pflichten in der Feldarbeit übernehmen” bildet 1995 allein ei­nen dritten Faktor.

Der Index Eigenverantwortung eignet sich von der Faktor­struktur her ge­se­hen am besten für einen historischen Vergleich, da es bei dieser Dimension eine Über­einstimmung in dem Markieritem als auch in der Reihenfolge der Ladungen der Items gibt, die alle über den im allgemeinen akzeptablen Schwel­lenwert von 0,50 liegen. Die Konsisten­zen der Skalen (Cronbach’s Alpha) sind bei die­sem Faktor am höchsten. Für den Vergleich soll im 79er Sample der Index Eigenverantwortung ebenfalls nur über drei Items, also ohne das Item ”Sa­chen in Ordnung halten”, gebildet werden. Der Reliabilitätskoeffizient verringert sich in dem Fall auf akzeptable .59. Dieser Fak­tor klärt im 79er Sample eine Varianz von 32,4 Prozent und im 95er Sample eine Va­rianz von 26,6 Prozent auf.

Signifikante Alterseffekte treten zum zweiten Messzeitpunkt nicht auf. Die Mittel­werte des Index Eigenverantwortung unterscheiden sich zwischen der Ge­samtstichprobe (Mittelwert: 7,8) und der Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen (Mit­telwert: 8,2) nur geringfügig.


[Seite 142↓]

Für eine weitere Analyse werden nun sowohl biographische Variablen als auch die in­ner­familialen Beziehungen herangezogen, um deren Einfluss auf die Erwartungen der El­tern an die Jugendlichen zu prüfen. Um dieser Frage nachgehen zu können, wurden entsprechende ANOVA’s getrennt für beide Stichproben gerechnet. Der In­dex Eigenverantwortung wird als Summenindex aus den entsprechenden z-transfor­mierten Werten gebildet, um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten.

Tabelle 25: Einfluss der unabhängigen Variablen Geschlecht, Sozialschicht, Schulleistung, Verhältnis zu den Eltern auf die Variable eigenverantwortung in der 79er Stichprobe

Quelle der Variation

Quadratsumme

df

F-Wert

Signifikanz

Sozialstatus

91.5

2

10.6

.000

Schulleistung

135.2

3

10.5

.000

Verhältnis Eltern

169.4

3

13.1

.000

Geschlecht

0.2

1

0.06

.813

Tabelle 26: Einfluss der unabhängigen Variablen Geschlecht, Sozialschicht, Schulleistung, Verhältnis zu den Eltern auf die Variable eigenverantwortung in der 95er Stichprobe 25

Quelle der Variation

Quadratsumme

df

F-Wert

Signifikanz

Sozialstatus

64.1

2

8.6

.000

Schulleistung

21.9

3

1.9

.116

Verhältnis Eltern

42.6

7

1.6

.121

Geschlecht

19.7

1

5.3

.021

1979 wie auch 1995 zeigt sich ein hochsignifikanter Zusammenhang zwischen dem Sozialstatus der Eltern und Ei­gen­verantwortung der Jugendlichen in ihren Familien. Die Eltern verhalten sich wie auch vor 15 Jahren bei den Anforderungen [Seite 143↓]ganz im Sinne traditioneller Erwartungen: Je höher der Sozialstatus, desto eher wird von den Jugendlichen ein eigenverantwortliches Handeln erwartet. Das heißt also, dass Jugendliche aus Familien, die zu den sozial besser Ge­stellten zählen, offenbar höheren Anforderungen unterliegen als andere.

Während für die 79er Stichprobe des weiteren elterliche Anfor­derungen diesen Typs deutlich häufiger von leistungs­stärkeren Schü­lern wahr­genommen werden, ist dieser Ef­fekt im 95er Sample nicht mehr auszumachen. Das trifft auch für den zum ersten Messzeitpunkt deutlich erkennbaren Zusammenhang zu den Mitteilungen der Ju­gendlichen über das Ver­hältnis zu ihren Eltern zu. Ju­gendliche, die 1979 angeben, ein im allgemeinen gutes bzw. so­gar vortreffliches Verhältnis zu ihren Eltern zu ha­ben, sind auch stärker der Mei­nung, dass von ihnen ein eigenes Urteil in Familienan­gelegenheiten, Selbständigkeit und ein politischer Stand­punkt erwartet wird.

Im 95er Sample zeigt sich demgegenüber ein auf dem 5 % Niveau signifikanter Ge­schlechtereffekt. Die weiblichen Jugendlichen meinen stärker als die männlichen, dass von ihnen Selbständigkeit, ein eigenes Urteil in Familienangelegenheiten und ein politischer Standpunkt erwartet wird.

Zwischen den Anforderungen - so könnte man begründet annehmen - die an die Ju­gendlichen in ihren Familien gestellt werden, und den ihnen eingeräumten Entschei­dungsspielräumen bestehen enge Zusammenhänge. Tatsächlich gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Faktor Eigenverantwortung und dem Ent­scheidungsspielraum in den Familien 1995 (r = .27; p<.000). Je mehr Eigenständig­keit, Mitreden in Familienangelegenheiten und ein politischer Standpunkt von den Ju­gendlichen erwartet werden, desto größer ist auch deren Entscheidungsspielraum. Kein signifikanter Zusammenhang konnte dagegen in der Vergleichsuntersuchung 1979 festgestellt werden. Hohe Anforderungen an die Jugendlichen waren demnach in der Regel nicht mit einem Weniger oder Mehr an sozialer Kontrolle verbunden.


[Seite 144↓]

4.2.1.3  Zusammenfassung der Ergebnisse zu familialen Sozialisationsbedin­gungen auf dem Lande im historischen Vergleich

Die Annahme war, dass sich in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands während ei­nes Zeitraums von 15 Jahren und vor dem Hintergrund gravierender gesellschaftli­cher Umbrüche in den Familien Wandlungsprozesse vollziehen, die sich insbeson­dere in wirtschaftlicher Entbehrung und sozialer Deprivation zeigen, die sich für die Erzie­hung der Heran­wachsen­den erheblich auswirken. Es war vor allem von einer Ver­schlechterung familialer Interaktionsbezie­hungen auszugehen. Diese Annahme kann durch die Ergebnisse der Ver­gleichsuntersuchung nicht bestätigt werden.

Die Resultate sprechen insgesamt sowohl für bemerkenswerte Veränderungen als auch für Beständigkeit in den familia­len Sozialisationsbedingungen auf dem Lande in dem betrachteten Zeitraum von 15 Jahren , die sich zusammenfassend wie folgt be­schrei­ben lassen:

4.2.2 Komparative Betrachtungen zu außerfamilialen Bedingungen für den Übergang Landjugendlicher in den Beruf

Zu den außerfamilialen Bedingungen, die nachfolgend in die Betrachtung einbezo­gen werden sollen, zählen sowohl schulische Bedingungen als auch Bedingungen im Frei­zeitbereich, insbesondere in peer-groups. Vor allem die Beziehungen zu Gleich­altri­gen, die in dieser Altersgruppe zum Teil aus sozialen Beziehungen in der Schule [Seite 146↓]re­sultieren, gelten für die Jugendphase allgemein als wichtige Sozialisations­faktoren, was nicht heißt, dass die sozialen Beziehungen in der Familie unwichtiger werden.. Jugend­liche schaffen sich vielmehr außerhalb ihres ”ökologischen Zen­trums” der Familie ihre eigenen Lebensräume im Bereich ihres ”ökologischen Nahraums” (Baacke 1988, S. 79). Dazu zählen beispielsweise die Schule aber auch verschiedene Freizeitorte, die ausgehend von der sicheren Basis des ökologischen Zentrums von den Jugendlichen erfahren werden. Für die Wege der Jugendlichen nach der Schule - also die Sta­tuspassagen - spielen die gewonnenen Erfahrungen in diesen Bereichen eine nicht un­bedeutende Rolle.

Für die beiden Lebensbereiche Schule und Gleichaltrigen- bzw. Freizeitgruppe ste­hen aller­dings verhältnismäßig wenige Daten zur Verfügung, die für den historischen Ver­gleich ausgewertet werden konnten.

4.2.2.1 Zu den schulischen Bedingungen

Mit dem Schuljahr 1991/92 wurde auch in den von uns befragten Landkreisen das westdeutsche Schulsystem mit seiner frühen Aufteilung in Hauptschule, Realschule bzw. in Osterburg Sekundarschule und Gymnasium eingeführt (vgl. dazu auch die Ausführungen im Punkt 2.2.2.). Einen Einblick in die zum Zeitpunkt der Untersu­chung bestehende und zum Teil unterschiedliche Schullandschaft in den beiden ländli­chen Regionen (daher auch die Aufteilung nach Regionen) vermittelt die Ta­belle 27. Das bis zu diesem Zeitpunkt durch die zehnklassige allgemeinbildende po­lytechnische Oberschule bestimmende Schulsystem der DDR wurde damit abgelöst.


[Seite 147↓]

Tabelle 27: Verteilung der Stichprobe von 1995 nach Schulformen
(Angaben absolut und in Prozent)

Schulformen

 

Osterburg

Grevesmühlen

absolut

Prozent

absolut

Prozent

Gymnasium

85

25,3

168

32,4

Realschule

  

340

65,5

Sekundarschule

251

74,7

  

Grund-u. Hauptschule

  

11

2,1

Wie aus der Tabelle ersichtlich wird, waren ein Viertel bzw. sogar ein Drittel der be­fragten Landjugendlichen im Jahre 1995 Schüler/in des Gymnasiums. Damit ist der Anteil von Abiturientinnen und Abiturienten an der Gesamtstichprobe in der von uns untersuchten ländlichen Region im Vergleich zu 1979/80 stark angestiegen (1979 be­trug deren Anteil 13,3 Prozent).

Es ist zu vermuten, dass die insgesamt erfolgten Veränderungen in den schulischen Rahmenbedingungen (dazu gehören z. B. auch neue Lehrpläne, gekoppelt mit neuen Inhalten, und veränderte Bewertungskriterien für Schulleistungen) Einfluss nehmen auf die innerschulischen Verhältnisse. Nachzugehen wäre daher beispielsweise der Frage, in­wieweit dieser Wandel im Schulsystem auch Veränderungen in den sozialen Bezie­hungen, die in den Schulklassen nach Ansicht der Schuljugendlichen vorherr­schen, bewirkt hat.

Der historische Vergleich zeigt, dass kameradschaftlich-kritische Beziehungen bei den Landjugendlichen nach wie vor überwiegen (vgl. Abbildung 10). Nach Angaben der Jugendlichen kann also nicht von einer Verschlechterung des Klimas an Land­schulen ausgegangen werden.


[Seite 148↓]

Abbildung 10: Beziehungen in den Schulklassen

Ein Vergleich der Mittelwerte zu den beiden Messzeitpunkten zeigt keine signifikan­ten Unterschiede, so dass auch von keinen statistisch bedeutsamen Veränderungen bezüg­lich der sozialen Beziehungen über die Zeit ausgegangen werden kann. Ein Alterseffekt bei der Beantwortung dieser Frage im 95er Sample ist nicht feststellbar. Die jeweiligen Mittelwerte sind sogar identisch.

Dennoch fällt die Diskrepanz bezüglich des Items ”gleichgültig” bei den Antworten zwischen den Jugendlichen 1979 und 1995 auf. Schuljugendliche auf dem Lande nehmen demnach 1995 verstärkt gleichgültige Beziehungen in ihren Schulklassen wahr. Auch dieses Resultat lässt sich nicht auf das etwas höhere Alter der Schulju­gendlichen zum zweiten Messzeitpunkt zurückführen (Gesamtstichprobe 1995: 14,4 Prozent; Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen: 13,3 Prozent).

Eine Betrachtung der sozialen Beziehungen nach Schulleistungen weist in beiden Stichproben auf bereits bekannte Zusammenhänge hin, wonach Schuljugendliche mit schlechterem Leistungsstand häufiger auf gleichgültige und kalte Beziehungen in ih­ren Schulklassen aufmerksam machen.

Demgegenüber zeigen sich im Zusammenhang mit dem Geschlecht und der sozialen Herkunft über die Zeit interessante Veränderungen. War 1979 noch eine Ge­schlechts­spezifik auszumachen, so ist diese bei der Befragung 1995 nicht mehr anzu­[Seite 149↓]treffen. Der durchgeführte T-Test zeigt für die 79er Stichprobe sogar signifikante Mittel­wertunterschiede (t-Wert: 2.68; Signifikanz: .008). So meinten damals Mäd­chen si­gnifikant häufiger als Jungen, dass in ihren Schulklassen kameradschaftliche Bezie­hun­gen vorherrschen. Dass die Geschlechtsspezifik in den schulischen Sozial­beziehungen für die Jugendstichprobe 1995 nicht mehr evident ist, bestätigen auch die im Rahmen von Ost-West-Untersuchungen erzielten Resultate (Merkens et al. 1992, Steiner et al. 1993). Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die allgemein in der Literatur be­schriebene größere Kompromissbereitschaft bei Mädchen derzeit so vorbehaltlos nicht mehr anzutreffen ist. Diese Vermutung kann jedoch durch die vorliegenden Daten weder bestä­tigt noch widerlegt werden.

Die Einschätzung der sozialen Beziehungen in der Schulklasse durch die Jugendli­chen korrespondiert allein in der 95er Stichprobe mit der sozialen Herkunft. Jugend­liche aus der Gruppe mit niedrigem Sozialschichtindex meinen in stärkerem Maße als Jugendlichen aus den sozialen Vergleichsgruppen, dass die Beziehungen kalt sind und häufig Konflikte einschließen. Andererseits verweisen Jugendliche aus der Gruppe mit hohem Sozialschichtindex verstärkt auf gleichgültige Beziehungen in ih­ren Schulklassen.

Einblick in das Sozialverhalten von Jugendlichen vermitteln auch die Fragen zur Disziplin in der Klasse. Die Jugendlichen sollten 1979 angeben, ob es in ihrer Klasse zu Verstößen gegen die Disziplin kommt. In der Befragung von 1995 lautete die Aufforderung, mitzuteilen, inwieweit die schlechte Disziplin in der Klasse ein Pro­b­lem darstellt. Wenngleich diese Fragen zu beiden Messzeitpunkten nicht identisch ge­stellt wurden, können sie dennoch für eine allgemeine komparative Betrachtung he­rangezogen werden.


[Seite 150↓]

Abbildung 11: Disziplinverstöße in der 79er Stichprobe

Abbildung 12: Angaben zur Disziplin in der Klasse in der 95er Stichprobe

Es lässt sich trotz eingeschränkter Vergleichbarkeit der Daten aus den Abbildungen 11 und 12 zumindest entnehmen, dass es ganz offensichtlich 1995 an den Landschu­len nicht unbedingt zu einer gravierenden Disziplinverschlechterung gekommen ist, denn immerhin gut ein Viertel der Jugendlichen gibt an, dass die schlechte Disziplin in der Klasse kein Problem darstelle. 1979 meinten hingegen 11 Prozent der Schul­jugendli­chen, dass Disziplinverstöße so gut wie nicht vorkommen. Das könnte jedoch au

ch darauf hinweisen, dass sich die Wahrnehmung dessen, was als Disziplinverstoß ange­sehen wird, über die Zeit verändert hat.


[Seite 151↓]

Es zeigten sich im 79er Sample des weiteren signifikante Zusammenhänge zwischen der Einschätzung der Häufig­keit von Disziplinverstößen und den Schulleistungen so­wie dem Wunsch, schon Lehrling sein zu wollen. Schuljugendliche mit schlechteren Schulleistungen, die auch in stärkerem Maße schon aus der Schule sein wollten, ga­ben häufiger an, dass es in ihrer Klasse zu Disziplinverstößen komme. Für 1995 er­gibt sich hingegen ledig­lich ein Zusammen­hang mit dem Geschlecht. Mädchen schätzen die schlechte Dis­ziplin in der Klasse eher als ein ernstes Problem ein als Jungen, was wie­derum auf unterschiedliche Wahrnehmungen zurückgeführt werden kann.

Die Schule erscheint nicht nur als sozialer Ort für die Heranwachsenden, sondern fungiert zugleich als eine wichtige Leistungseinrichtung. Wie zahlreiche Untersu­chun­gen belegen (Fend 1976, 1980; Meier 1982; Helsper 1993; Behnken u. a. 1991; Hur­rel­mann 1994) erweisen sich Schulleistungen nach wie vor als eminentes Sozial­kri­te­rium innerhalb und außerhalb der Schule. Die in den durchschnittlichen Schul­noten ausgedrückte Leistung ist zudem ein ganz bedeutender Einflussfaktor für die Bildungs- und Berufsentscheidungen und soll daher nachfolgend eingehender darge­stellt werden. Ermittelt wurde der Durchschnitt der Schulzensuren auf der Basis ei­ner Selbsteinschätzung der befragten Landjugendlichen, wie sie ihre Leistungen auf dem letzten Zeugnis überwiegend ansehen.

Der Vergleich des Leistungsstandes Landjugendlicher über einen Zeitraum von 15 Jahren gestaltet sich jedoch insofern nicht einfach, als sich nach Einführung des westdeut­schen Schulsystems die Zensurenskala um die Note ”6” erweitert hat. Da die Note ”6” von den Jugendlichen nicht ein einziges Mal in der Selbsteinschätzung - wie sie ihre Leistungen in der Schule bewerten - genannt wurde, habe ich mich ent­schlossen, trotzdem den Durchschnitt der Schulzensuren zu beiden Messzeitpunkten für den Vergleich heran­zuziehen (vgl. Tabelle 28).


[Seite 152↓]

Tabelle 28: Schulzensuren von Jugendlichen vor und nach der Wende

 

1979

1995

Zensurendurchschnitt

2,13

2,61

Folgt man den Angaben der Schuljugendlichen, dann war es vor der Wende offen­sichtlich einfacher gewesen, gute Zensuren zu erreichen. 1995 fallen die Zensuren­durchschnitte um eine halbe Note schlechter aus. Demnach scheint die Anpassung an das westdeutsche Schulmodell offenbar mit einer Ver­schlechterung der Zensuren einherzugehen, was auf eine Veränderung der Praxis der Notengebung hindeutet.

Die Selbsteinschätzung der Schulleistungen durch die Jugendlichen 1979 weist auf einen deutlichen Geschlechtereffekt hin. Mädchen geben erwartungsgemäß eher bes­sere Schullei­stun­gen an als Jungen. Überraschenderweise ist dieser Zusammenhang aber 1995 nur noch auf dem 5% Niveau signifikant. Vergleichbare Untersuchungen in Ostberlin zeigen so­gar, dass die Selbsteinschätzung der Schulleistung durch die Jugendlichen unabhän­gig vom Geschlecht bleibt (Stompe 1993, S.55).

Dies könnte insgesamt darauf hindeuten, dass der sich seit den 60er Jahren vollzie­hende Prozess der Gleichstellung von Mädchen im DDR-Schulwesen, der auf der Basis von Schulleistungen zu einem allmählichen Bildungsvorsprung bei den Mädchen führte, nunmehr zumindest stagniert.

Dass Jugendliche verschiedener sozialer Herkunft auch in unterschiedlichem Maße von der Schule profitieren, lässt sich für das Sample von 1979 eindeutig nachweisen. So nehmen mit steigendem Bildungs- und Qualifikationsniveau der Eltern tenden­ziell die guten Schulleistungen der Jugendlichen zu. Der Zu­sammenhang ist hochsi­gnifikant. Damit verstärkte die Landschule in der DDR entsprechend ihrer Selek­ti­onsfunktion günstige und ungünstige Einflüsse der Herkunftsfamilie. Dieses Er­geb­nis diente sei­nerzeit gemeinsam mit einer Reihe anderer bildungssoziologischer Stu­dien als weiterer empirischer Beleg für so­ziale Reproduktionstendenzen in der DDR-[Seite 153↓]Gesellschaft (Meier 1975, 1981; Meier/Reimann 1977; Nickel/Steiner 1981; Her­zog/Stompe 1981).

Dieser hochsignifikante Zusammenhang ist auch in der Befragung von 1995 ganz klar nach­weisbar. Es gilt tendenziell nach wie vor: Je höher der Sozialstatus der El­tern, desto besser die erreichten schulischen Leistungen der Kinder. Ganz offensicht­lich wird durch die Übernahme des stark dif­ferenzier­ten Bil­dungssystems der Bun­desrepublik das Fortbestehen der Chan­cenungleichheit auf dem Lande nicht beendet. Da - wie aus der Untersuchung ersichtlich wird - die Schulfor­men sogar in einem di­rekten Zusam­menhang mit der sozialen Herkunft der Jugendli­chen stehen (p=.000), könnte das so­gar als ein Indiz dafür angesehen wer­den, dass eine verschärfte soziale Auslese wahr­scheinlicher wird und die Schule damit die so­ziale Ungleichheit eher noch verstärkt.

Einen Vergleich der Zensurendurchschnitte der befragten Jugendlichen getrennt nach Schulformen ermöglicht die Abbil­dung 13.

Abbildung 13: Zensurendurchschnitte Schuljugendlicher im Jahre 1995 getrennt nach Schulformen


[Seite 154↓]

Es zeigt sich, dass die Durchschnittszensuren von Haupt-, Real- und Sekundarschü­lern relativ nahe zusammenliegen. Eine deutliche Differenz ergibt sich im Vergleich dieser Schul­formen zum Gymnasium. Abiturienten liegen im Niveau der erreichten Schul­leistun­gen deutlich höher als andere Schuljugendliche. Die Schulleistungen korres­pondieren mit dem angestrebten Bildungsabschluss und auch mit dem ange­strebten höhe­ren Bildungsniveau. Denn bemerkenswerterweise sind die Durch­schnittsnoten von Abituri­enten mit Studienabsichten - wie eine detailliertere Daten­inspektion zeigt - besser als jene, die nach dem Abitur eine Lehre aufneh­men wollen.

Für die weitere Analyse wäre nun die Frage interessant, inwiefern durch die ver­schie­de­nen Schulformen die Schuljugendlichen auf dem Lande selektiert werden (vgl. Merkens 1994, S. 38f.). Dazu werden ausgewählte sowohl familienbezogene als auch persönlichkeitsbezo­gene Fak­toren her­angezogen (sind in der Tabelle 29 aufge­führt) und zunächst deren Operatio­nalisierung vorgestellt.

An familienbezogenen Variablen werden in die Betrachtung die soziale Kontrolle und das Bildungskapital einbezogen.

Der Index soziale Kontrolle wird gebildet über die Addition der Items

- ob ich mich nach 20 Uhr mit Freunden treffe

- ob ich ohne Erwachsene meine nächsten Ferien verbringe

- wie ich das Wochenende verbringen möchte.

Um der Frage nach familialen Bedingungen weiter nachgehen zu können, wurde der Index Bildungskapital hinzugenommen, der die Schulbildung der Eltern erfasst und sich durch entsprechende Addition der Angaben zur

- Schulbildung des Vaters oder der Person an Vaterstatt und


[Seite 155↓]

- der Mutter oder der Person an Mutterstatt

ergibt.

An persönlichkeitsbezogenen Variablen werden in die Betrachtung die folgenden ein­bezogen:

- Das Wichtigste im Alltagsleben ist, sich unterordnen lernen. Dann

hat man wenig Ärger und kommt am besten durch.

- Das Wichtigste im Alltagsleben ist der politische Standpunkt, dass

man über den täglichen Kleinkram nicht das große Ganze und die

gesellschaftliche Perspektive aus dem Auge verliert.

gebildet wird.

- Man hat wenig Einfluss auf das, was mit einem geschieht.

- Es kommt sowieso, wie es kommt.

zusammensetzt.

- gutes Einkommen

- Sicherheit des Arbeitsplatzes

ergibt.


[Seite 156↓]

Tabelle 29: Einflussfaktoren auf die Platzierung im Schulsystem
(Berechnung er­folgte auf der Grundlage von Mittelwerten) 26

 

1995

soziale Kontrolle

 

Gymnasium

3,2

Sekund.schule

3,9

Realschule

3,9

Hauptschule

4,2

Bildungskapital

 

Gymnasium

6,3

Sekund.schule

5,3

Realschule

5,6

Hauptschule

4,7

”hinnehmende” Zukunftsvorstellung

 

Gymnasium

5,1

Sek.schule

6,3

Realschule

5,9

Hauptschule

7,5

Anpassung

 

Gymnasium

5,2

Sek.schule

5,8

Realschule

5,7

Hauptschule

6,8

soziale Existenz

 

Gymnasium

2,4

Sek.schule

2,7

Realschule

2,5

Hauptschule

2,9


[Seite 157↓]

Von den einbezogenen Variablen ist das Bildungskapital erwartungsgemäß die Va­ri­a­ble, die am besten in der Lage ist, zwischen den verschiedenen Schulformen zu dif­fe­renzieren. Eltern von Gymnasiasten verfügen nach wie vor über das höhere Bil­dungs­kapital.

Schulformbezogene Unterschiede werden auch bei der sozialen Kontrolle als weite­rem familienbezogenen Index deutlich. Die Beschränkungen im Entscheidungsspiel­raum sind bei Abiturienten am geringsten, bei den Hauptschülern hingegen am größten.

Eine varianzanalytische Auswertung offenbart hinsichtlich dieser beiden Indizes sta­ti­stisch bedeutsame Unterschiede.

Einen interessanten Blick erlaubt die Prüfung, ob die verschiedenen Schulformen Schuljugendliche mit unterschiedlichen Wertvorstellungen anziehen. Die Datenin­spek­tion verweist insgesamt auf einen engen Zusammenhang zwischen der Ausprä­gung der Wertvorstellungen und der besuchten Schulform. Eine deutliche Abhängig­keit zeigt sich beim Index Anpassung: Gymnasiasten stimmen dieser Einstellung im Vergleich zu allen anderen Schuljugendlichen am wenigsten zu. Bei der sozialen Existenz sind die Unterschiede kleiner, aber auch hier ergibt sich eine etwas größere Zu­stimmung bei den Real-, Haupt- und Sekundarschülern. Bei den Zukunftsauffas­sun­gen, die als fast gleichgül­tig hinnehmend zu bezeichnen wären, finden sich von der Tendenz her dieselben Re­sultate wie bei der Anpassung: Hauptschüler und Se­kun­darschüler markieren die höchste Zustimmung und Gymnasiasten stimmen ihnen am wenigsten zu.

Auf der Grundlage der vorliegenden Daten lässt sich für die Schule insgesamt fest­stel­len, dass die Jugendlichen auf dem Lande sowohl von der Einheitsschule als auch von der nunmehr differenzierten Schule in Abhängigkeit von ihrer sozialen Herkunft in un­ter­schiedlichem Maße profitieren. Ungünstigere familiale Anregungspotentiale wer­den durch die Schule nicht kompensiert, sondern eher kumuliert, was für die weitere Le­bensplanung der Jugendlichen bedeutsam erscheint. Offenkundig muss sich von einer Vorstellung verabschiedet werden, die dem herkömmlichen dreiglied­[Seite 158↓]rigen Schulsystem auf dem Lande größere Sozial- und Bildungschancen zuschreibt als dem ehemaligen einheitlichen Schulsystem der DDR.

4.2.2.2 Sozialisationsbedingungen im Freizeitbereich

Für Jugendliche ist allgemein charakteristisch, dass sie umfangreiche Beziehungen zu Gleichaltrigen unterhalten. Diese Peer-group stellt neben Familie und Schule für Schuljugendliche eine zunehmend wichtige Sozialisationsinstanz dar.

Zu beiden Er­he­bungszeitpunkten unterhalten die befragten Jugendlichen Freundesbe­ziehungen. Der Umfang der Freundesbeziehungen lässt sich anhand der Abbildung 14 näher be­schrei­ben.

Abbildung 14: Zahl der Freunde

Es wird generell erkennbar, dass sich der Freundeskreis, in dem man sich nahezu täg­lich trifft und mit dem auch die Eltern überwiegend einverstanden sind, zum zweiten Messzeitpunkt verändert hat. Der t-Test ergibt sogar signifikante Mittelwertunter­schiede zwischen den beiden Gruppen ”1979” und ”1995”. Auffallend ist vor allem, dass der Anteil der Jugendlichen, die nur bis zu drei Mädchen oder Jungen zu ihrem Freundeskreis zählen, in dem untersuchten Zeitraum deutlich zugenommen hat und dafür der Anteil derer, dessen Freundeskreis mehr als sieben Jugendliche umfasst, zu­rückgegangen ist. Dass diese Veränderung mit dem [Seite 159↓]etwas höheren Alter im 95er Sample zu erklären ist, kann ausgeschlossen werden. Ein Vergleich der Mittelwerte zwischen der Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen und der Gesamtstichprobe zum zweiten Messzeitpunkt zeigt keine signifikanten Unterschiede (Mittelwerte: 4,47 bzw. 4,40).

Wichtiger noch als der Freundeskreis scheinen jedoch die schon festen Partnerbezie­hungen für die beruflichen Entscheidungen der Schulabgänger zu sein. Immerhin über die Hälfte der befragten Jugendlichen gab 1995 an, einen festen Freund oder Freundin zu haben, wenn auch dieser Anteil im Vergleich zu 1979 zurückgegangen ist (1979: 80,0 %). In dieser festen Partnerschaft werden jedoch derzeit in wesentlich stärkerem Maße als vor 15 Jahren bereits gemeinsame Pläne für die Zukunft ge­macht.

Der feste Freund oder die feste Freundin rekrutiert sich mehrheitlich immer noch aus den Schulkameraden, auch wenn deren Anteil - im ganzen gesehen - rückgängig ist (vgl. Abbildung 15). Im 95er Sample hat sich dafür der Anteil der Freunde, die be­reits in der Lehre oder schon Facharbeiter sind, auffallend erhöht. Das betrifft auch den Anteil der Un- und Angelernten sowie der Armee- bzw. Zivildienstangehörigen. Diese Veränderung steht nachweisbar im Zusammenhang mit dem höheren Alter der Ju­gendlichen zum zweiten Messzeitpunkt. Beispielsweise geben ein Viertel der 17- und 18jährigen an, einen festen Freund bzw. Freundin zu haben, der oder die Facharbeiter/in ist. In der Altersgruppe der 14- bis 16jährigen sind es nur knapp 10 Prozent.

Be­achtens­wert erscheint, dass Schuljugendliche auf dem Lande auch über ihren festen Freund bzw. Freundin gegenwärtig bereits Erfahrungen mit der Arbeitslosig­keit ma­chen, denn immerhin 1 Prozent gab 1995 an, dass ihr fester Freund bzw. ihre feste Freundin ar­beitslos ist.


[Seite 160↓]

Abbildung 15: Status des festen Freundes bzw. der festen Freundin
(Angaben in Prozent)

In diesem Zusammenhang wäre es auch von Interesse zu erfahren, wie häufig Ju­gend­li­che auf dem Lande in ihrer Freizeit mit anderen Jugendlichen zusammen sind. Die Abbildung 16 weist dazu aus, dass zwei Drittel der Jugendlichen 1995 antworte­ten, dass sie sich täglich mit ihren Freunden in der Freizeit treffen. 15 Jahre zuvor gab das nur knapp die Hälfte an. Das lässt vermuten, dass die Freundschaften - insgesamt gesehen - zwar zahlenmä­ßig zurückgegangen sind, dafür aber intensiver gepflegt werden.

Abbildung 16: Häufigkeit der Treffs

Um Institutionalisierungen in der Freizeit genauer nachgehen zu können, sind die Treffpunkte der Landjugendlichen zu erfassen. Die zu diesem Komplex gestellte Frage wurde zu den beiden Befragungszeitpunkten unterschiedlich abgefasst, wo­[Seite 161↓]durch sich eine einschränkende Vergleichbarkeit ergibt. Während in der Befragung von 1979 die Jugendlichen die am häufigsten aufgesuchten Treffs angeben sollten (maximal zwei Angaben), waren 1995 die Jugendlichen aufgefordert für einzelne vorgegebene Orte jeweils nach einer fünfstufigen Ratingskala (von 1 = ”sehr häufig” bis 5 = ”niemals”) einzuschätzen, wie häufig sie sich mit ihren Freunden dort treffen. Um nun überhaupt einen Vergleich zu ermöglichen, sind jeweils Rangreihen ge­son­dert für die einzelnen Stichproben berechnet worden; für das 79er Sample auf der Basis der prozentua­len Häufigkeitsverteilung, für das 95er auf der Grundlage der be­rechneten Mittelwerte (vgl. Tabelle 30).

Tabelle 30: Freizeittreffs von Jugendlichen auf dem Lande (Rangreihensortierung)

 

1979

1995

Straßen, Anlagen

4

3

in Wohnungen

2

2

in der Schule

1

4

in Diskotheken, Jugendclubs

3

1

Gaststätten, Kneipen

6

5

Sportplätze

5

6

Es zeigen sich bei diesem Vergleich interessante Verschiebungen. Während man sich noch 1979 am häu­figsten mit Freunden auch in der Freizeit in der Schule traf, hat die­ser Treffpunkt in­zwischen an Bedeutung verloren und ist auf den 4. Rangplatz abge­rutscht. Dafür sind Diskotheken und Jugendclubs als soziale Orte für Peer-groups der­zeit auf den ersten Platz gerückt. Unverändert häufig werden Wohnungen als Freizeit­treffs aufgesucht. Alterseffekte, die eine Verschiebung der Rangreihe be­wirken könn­ten, treten im 95er Sample nicht auf. Mit anderen Worten: Eine für die Teilstichprobe der 14- bis 16jährigen Jugendlichen vorgenommene Rangreihensor­tierung ergibt keine Verschiebungen zur 95er Gesamtstichprobe.

Zum Freizeitverhalten hat es in der Untersuchung auch einen Fragenkomplex gege­ben, mit dessen Hilfe die Aktivitäten in Peer-groups erfasst werden sollten. Die Landjugendli­chen wurden nach dem Ausüben von Freizeitaktivitäten gefragt, die sie beim Treff mit anderen Jugendlichen praktizieren, d. h. es wurden nicht die Freizeit­[Seite 162↓]aktivitäten allge­mein ermittelt. Vorgegeben waren folgende Alternativen, bei denen jeweils mit­geteilt werden sollte, in welchem Maße diese in der Freizeit ausgeübt werden:

Aus der Tabelle 31 lassen sich gewisse Veränderungen im Wahrnehmen dieser Frei­zeitaktivitäten erkennen. Auffallend ist vor allem die ins Gewicht fallende Differenz in der sportlichen Freizeitbetätigung im historischen Vergleich. Während Sport trei­ben mit anderen Jugendlichen in den Aktivitäten 1979 nach solch klassischer ju­gendspezi­fischer Beschäftigung wie Radio hören sogar den zweiten Rangplatz ein­nahm, rutschte diese Freizeitbeschäftigung 1995 auf den letzten Rangplatz ab. Dafür rückt jedoch das Bum­meln vom letzten auf den zweiten Platz vor. Auch diese Ver­änderungen zum zweiten Messzeitpunkt sind auf keinen Alterseffekt zurückzuführen.

Tabelle 31: Freizeitaktivitäten von Landjugendlichen
(Rangreihensortierung auf der Grundlage von Mittelwerten)

 

1979

1995

Sport treiben

2,3  

  2  

 3,5 

 4

Besuch kult. Einrichtungen

2,6  

  3 

 3,1  

 3

Radio hören

 1,8  

 1 

 1,9  

  1

Bummeln

2,8

4

2,7

2

In der DDR wurden die sportlichen Freizeitbeschäftigungen weitgehend durch die Schulen in Form von Arbeitsgemeinschaften oder durch andere staatliche [Seite 163↓]Einrichtun­gen, wie z. B. die GST (Gesellschaft für Sport und Technik), angeboten. Nach dem Systemwechsel konnten viele solcher Einrichtungen nicht aufrechterhalten werden. Ob eine solche Tendenz auch auf eine geringere Breite und Differenzierung der In­te­ressen der Jugendlichen hinweist, kann in dieser Untersuchung nicht geklärt wer­den. Allerdings kann zum zweiten Erhebungszeitpunkt auf eine Frage nach der Zu­frie­denheit mit dem Frei­zeitangebot in der Gegend zurückgegriffen werden, die die­sem Trend wenigstens teilweise nachgehen kann. Lediglich 17,5 Prozent der Landju­gendlichen gaben 1995 an, dass sie sehr bzw. ziemlich zufrieden mit dem Angebot in ihrer Ge­gend sind, also nicht mal ein Fünftel der Befragten. Sport treiben korres­pon­diert signi­fikant mit dem Freizeitangebot in der Gegend (r =.13; Signifikanz: .001), d. h. die Jugendlichen, die angeben, in der Freizeit hauptsächlich mit ihren Freundin­nen und Freunden Sport zu treiben, geben auch häufiger an, mit den Frei­zeitangebo­ten in ihrer Gegend zufrieden zu sein. Dieser Zusammenhang lässt sich da­gegen bei der Freizeittätigkeit Kino nicht nachweisen, d. h. diese Freizeitbeschäfti­gung ist nicht abhängig von der Einschätzung des Freizeitangebots durch die Ju­gendlichen.

Um weitere Analysen durchführen zu können, soll auf der Grundlage explorativer Faktorenanalysen nachfolgend zuerst der Merkmalsraum Freizeitaktivitäten einer vergleichenden Dimensionierung unterzogen werden (vgl. Tabelle 33).

Tabelle 32: Dimensionen der Freizeitaktivitäten Landjugendlicher in der 79er und 95er Stichprobe

 

MZP 1 1979

MZP 2 1995

 

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 1

Faktor 2

Sport

 

.79

 

.95

kulturelle Einrichtungen

 

.67

.66

 

Radio hören

.74

 

.72

 

Bummeln

.73

 

.77

 

Aufgeklärte Varianz

60,1 Prozent

65,0 Prozent


[Seite 164↓]

In beiden Stichproben ergeben sich zweifaktorielle Lösungen. Der erste Faktor im 79er Sample mit dem Markieritem ”Radio hören” umfasst Freizeitaktivitäten, die von den Jugendlichen ein passives Partizipieren abfordern und folglich mit Konsum be­zeichnet werden sollen. Der zweite Faktor, der die Items ”Sport treiben” und ”kulturelle Einrichtungen besuchen” umfasst, hat seine Gemeinsamkeit in Freizeitbe­schäftigungen, die vom Jugendlichen einen gewissen Tätigkeitsdrang abverlangen. Dieser Faktor soll Aktivität genannt werden.

Demgegenüber zeigt sich in der 95er Lösung insofern eine leichte Differenz zur 79er als das Item ”Besuch kultureller Einrichtungen” von der Dimension Aktivität zur Dimension Konsum wechselt und folglich der zweite Faktor le­diglich aus dem Item ”Sport treiben” besteht. Das Item ”Besuch kultureller Einrich­tungen” hat of­fen­sichtlich einen Bedeutungswandel erfahren. Während zum Zeit­punkt der ersten Be­fragung diese Freizeittätigkeit von fast der Hälfte aller befragten Schuljugendli­chen bevorzugt wurde und eine gewisse Eigeninitiative erforderlich machte, indem zum Beispiel Verabredungen getroffen wurden, um dann gemeinsam ins nächste Kino zu gehen bzw. zu fahren u. ä., spielt in der Befragung von 1995 diese Freizeit­tätigkeit nur noch bei einem Drittel der Jugendlichen eine gewisse Rolle. Dies ist vermutlich damit zu erklären, dass es derzeit geringere Angebote in ländli­chen Re­gionen gibt und/oder dass die wirtschaftliche Lage der Eltern diese Freizeitaktivität nicht gestat­tet. Jedes größere Dorf führte vor dem Systemumbruch dagegen regel­mäßig billige Kinoveranstaltungen durch. In­sofern würde es plausibel erscheinen, wenn Jugendli­che den Be­such eines Kinos bloß gelegentlich wahrnehmen. Anderer­seits verführen zahlreiche Video­theken und ein umfangreiches Fernsehangebot auch eher dazu, lie­ber zu Hause zu bleiben.

Es soll in der weiteren Analyse untersucht werden, wie diese Freizeit­räume mit Merkmalen des familialen und schulischen Sozialisationsbereiches zu­sammenhän­gen. Einbezogen werden dazu folgende Indizes:

Die angenommenen Zusammenhänge lassen sich wie folgt darstellen:

Abbildung 17: Einflüsse der Mikrosysteme Familie und Schule auf die Freizeitaktivitäten Landjugendlicher

Zur Überprüfung dieser aufgeführten Zusammenhänge werden jeweils innerhalb der beiden Stichproben mehrfache Regressionsanalysen für jede der beiden Dimen­sionen mit der Freizeitaktivität als abhängiger Variablen getrennt gerechnet.


[Seite 166↓]

Abbildung 18: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension AKTIVITÄT für die Stichprobe 1979

Die Codierung des Sozialstatus ist: 1=untere Sozialschicht bis 3=obere Sozialschicht. Die Codierung für Aktivität: 2=hohe Aktivität bis 8=niedrige Aktivität. Von daher begründet sich der indirekte (negative) Zusammenhang.

Abbildung 19: Resultat der Regressionsanalyse für die Dimension SPORT in der 95er Stichprobe

In der 79er Stichprobe zeigen sich bei der Dimension Aktivität (die vor allem die sportliche Aktivität, aber auch den Besuch von Kinos beinhaltet) dominierende Zusammenhänge mit den Variablen Geschlecht, Schulklima und Sozialstatus (vgl. Abbildung 18). Jungen präferieren diese Aktivität deutlich stärker als Mädchen und Landjugendliche, deren Eltern zur sozialen Gruppe mit hohem Sozialstatus gehören, ebenfalls. Auch Schuljugendliche, die die Beziehungen zu ihren Mitschülern mehr­heitlich als kameradschaftlich einschätzen, widmen sich in ihrer Freizeit diesen Be­schäftigungen. Es gibt noch einen weiteren Zusammenhang mit den guten Schul­lei­stungen der Jugendlichen. Dieser Befund könnte damit zusammenhängen, dass die [Seite 167↓]sportliche Betätigung in der DDR vor allem unter dem Leistungsaspekt gefördert wurde. Es gab ein dichtes Netz von Trainingszentren, die den Leistungssport entwic­keln sollten. Dafür wurden vor allem Schüler/innen ausgewählt, die der Doppelbe­la­stung gewachsen waren, d. h. schulisch keine gravierenden Probleme zeigten, was insbesondere für Kinder aus den privilegierten Schichten zutraf, die bekanntlich auch verstärkt kulturelle Einrichtungen besuchen.

Für die 95er Stichprobe vereinfacht sich die Struktur möglicher Zusammenhänge (Abbildung 19). So gibt es bei der Freizeitaktivität Sport nur einen ähnlich domi­nanten Geschlechtereffekt. Demgegenüber werden Zusammenhänge mit den Mikro­systemen Familie und Schule nicht erkennbar. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Sport treiben nunmehr verstärkt den Charakter von Breitensport unabhän­gig von der sozialen Stellung der Eltern einnimmt.

Auch bei der Dimension Konsum (Abb. 20 und Abb. 21) dominiert sowohl 1979 als auch 1995 in den Stichproben die biographische Variable Geschlecht. Mädchen geben häufiger als Jungen an, in der Freizeit Angebote mit nur geringer Eigeninitia­tive wahrzunehmen.

Zusammenhänge mit der schulischen Sozialisationsagentur lassen sich in beiden Stichproben nachweisen. Während allerdings im 79er Sample der Index Kon­sum von den Schulleistungen abhängig ist (Landjugendliche mit schlechteren Schul­lei­stungen geben diese Freizeittätigkeit häufiger an), zeigt sich im 95er Sample ein Zu­sammenhang mit den Beziehungen in den Schulklassen. Ju­gendliche, die sich gut mit ihren Mitschülern verstehen, gehen mit ihren Freunden in der Freizeit häufi­ger bummeln und hören Musik. Daneben ergibt sich 1995 ein deut­licher Einfluss der so­zialen Schicht. Es überrascht zunächst etwas, dass Landjugendliche aus höheren so­zia­len Gruppen diese Aktivität deutlich präferieren. Das lässt sich aber wahr­schein­lich damit erklären, dass sie mehr Geld zum Bummeln zur Verfügung haben.


[Seite 168↓]

Abbildung 20: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension KONSUM für die Stichprobe 1979

Abbildung 21: Resultat der Regressionsanalyse zur Dimension KONSUM in der 95er Stichprobe

Zusammenfassend lässt sich zum Freizeitbereich hervorheben:

4.2.3 Wertvorstellungen Landjugendlicher

Die Begriffe Wert und Wertorientierungen werden im folgenden als ein Aspekt der Handlungsregulierung betrachtet. Sie sind Leitlinien individuellen Handelns, d. h. sie beeinflussen individuelle Entscheidungen und Verhalten. In Werten widerspiegeln sich gesellschaftliche Normen im Sinne von ”Verhaltenserwartungen”. Wertorientie­rungen beziehen sich auf die Erwünschtheit bzw. Unerwünschtheit von bestimmten Zustän­den bzw. Ereignissen, d. h. sie drücken gleichermaßen positive oder auch ne­gative Stellungnahmen aus. Die Herausbildung eines eigenen Wert- und Norm­system ist ein allmählicher Prozess, der sich über Kindheit und Jugend bis in das Er­wachse­nenalter erstreckt und in dem soziale Erfahrungen (verstanden als empirisches Wis­sen, das aus der Aneignung der sozialen Umwelt im Sozialisationsprozess hervor­geht) die Identität sozialer Sub­jekte [Seite 170↓]mitkonstituieren und ihr weiteres Handeln be­ein­flussen. Die Einwir­kungen bestimmter sozioökonomischer Fak­toren auf die Per­sön­lichkeit werden durch Wertorientierungen ”gebrochen”. Eine Reihe von Autoren be­trachten sie daher auch als Mediator (vgl. Boehnke/Claßen/Merkens/Stompe 1993).

Modernisierungsprozesse in der Gesellschaft werden vielfach verantwortlich ge­macht für einen Wertewandel gerade bei den jungen Alterskohorten, der dann mit dem Nachrücken dieser Kohorten letztendlich in der Gesamtbevölkerung sichtbar wird. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die von Inglehart vertretene These von ”der stillen Re­volution der Werte” (1979) zu verweisen, nach der in den westli­chen Gesell­schaften Anfang der 70er Jahre ein Bedeutungsverlust materialistischer Werte zugun­sten eines Bedeutungsgewinns post­materialistischer Werte stattgefun­den hat. Zur Er­klärung werden von Inglehart bedürfnistheoreti­sche und sozialisa­tions­theoretische An­nahmen herangezogen. Danach müssen zum ei­nen zunächst grundle­gende mate­ri­elle Bedürfnisse befriedigt sein, um Bedürfnisse nach sozialer Wert­schätzung und Selbst­verwirklichung entstehen zu lassen. Zum ande­ren geht er davon aus, dass die wirt­schaftlichen Bedingungen in der Phase des Heran­wachsens aus­schlaggebend sind für die Herausbildung von stabilen Bedürfnissen und Wert­orien­tierungen. Kritische Ein­wände sind gegen Inglehart u. a. insofern vorzubringen, als er den Wertewandel als ein Nullsummenspiel, d. h. als eine Wertesubstitution sieht. Einer solchen Betrachtung schließe ich mich nicht an, sondern stimme eher der Auf­fassung Klages (1984) zu, der den Wertewandelsprozess auch als Werte-Ko­existenz begreift, d. h. ein Bedeutungsge­winn individualistischer Werte der Selbst­verwirkli­chung ist bei gleichbleibender Wert­schätzung konventioneller Werte denk­bar. Mit anderen Worten: Es ist nicht nur ein Werteverlust, sondern auch eine Werte­synthese möglich, die den Wertewandelsprozess kennzeichnet. Eine solche Werte­synthese konnte schließlich mit den Ergebnissen der 1990 durchge­führten gesamt­deutschen Schü­lerstudie (DJI 1990) nachgewiesen wer­den. Auch neuere Untersu­chungen be­stätigen, dass bei Schülern in Ost und West hedoni­stische Wertorientie­rungen gleich­zei­tig mit einer hohen Wertschätzung von Werten der Leistung, des Ma­terialismus und der Selbstentfal­tung einhergehen (vgl. Klages/Gensicke 1993, Gille 1995). Diese Arbeiten stützen insgesamt die theoreti­sche Überlegung, dass bei der Strukturie­rung des Werteraumes von der Existenz meh­rerer unabhängiger Wer­[Seite 171↓]tedimensionen aus­zugehen ist. Das würde auch eine Um- und Neugewichtung je­weils gültiger Werte einschließen.

Die Konzeptionalisierung von Werten in dieser Untersuchung soll vor allem zur Be­antwortung der Frage beitragen, welche Rolle materialistische Wertorien­tierungen bei Landjugendlichen nach der Wende spie­len und inwiefern es über die Zeit eine Um- und/oder Neugewichtung von Werten gegeben hat.

In der vorliegenden Untersuchung werden allgemeine Wertorientierun­gen junger Menschen über ihre Einstellung zu verschiedenen Verhaltensweisen im Alltag erfasst. Damit wird schon offensichtlich, dass in keiner Weise das Wertesystem der Jugendli­chen auf dem Lande angemessen abgebildet werden kann. Wenn wir in unserer Aus­wertung auch eher auf der Ebene allgemeiner Einstellungen und Erfahrungen blei­ben, so besitzen diese jedoch als Ergebnis des Sozialisationsprozesses junger Men­schen für den historischen Vergleich maßgebli­che Relevanz.

Die Befragten wurden unter Vorlage einer Liste konkret aufgefordert, zu Wertpräfe­renzen Stellung zu beziehen. Dabei sollte die Wichtigkeit von insgesamt 9 Werten un­abhängig voneinander eingestuft werden. Bei einer anderen Vorgabe wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein anderes Ergebnis zu erwarten. Dieses Vorgehen erlaubt dennoch - wenn auch mit entsprechender Vorsicht - Rückschlüsse auf den Bedeu­tungsverlust bzw. -gewinn bestimmter Werte bei ostdeutschen Jugendlichen auf dem Lande in den letzten 15 Jahren.

Unsere Betrachtung geht von der These aus, dass sich Landjugendliche vor und nach der Wende aufgrund gravierender gesellschaftlicher Veränderungen und den damit im Zusammenhang stehenden neuen Erfahrungen in wesentlichen Dimensionen ihrer Alltagswerte voneinander unterscheiden werden. Es kann andererseits gleichwohl an­genommen werden, dass daneben auch Gemeinsamkeiten auftreten, die aus der glei­chen Sozialisation während der Kindheit in der DDR-Gesellschaft resultieren.

Zu erwarten wären gleichermaßen deutliche Unterschiede in den Aussagen zu All­tags­auffassungen von Eltern und Jugendlichen vor allem zum zweiten Erhebungs­zeit­punkt, die nicht nur als generationsbedingt anzusehen wären, sondern auch aus [Seite 172↓]der jeweils unterschiedlichen Verarbeitung der Wendeerfahrungen resultieren könn­ten. So wäre insbesondere ein Trend zur Abnahme von Pflichtwerten und ein gestei­gertes Selbstentfaltungsbedürfnis bei den Jugendlichen zu vermuten, was mit einer ab­nehmen­den Bereitschaft, sich für die Belange der Gesellschaft einzusetzen, in Ver­bindung stehen könnte.

Die eingesetzte Skala zu den Alltagswerten umfasst die aus der Tabelle 33 zu ent­neh­menden Items. In der Tabelle werden pro Item der Mittelwert für die beiden Stich­proben dargestellt: je niedriger der Mittelwert, de­sto höher die Zustimmung. Außer­dem wird der bei einem Mittelwertsvergleich der beiden Stichproben ermittelte t-Wert einschließlich seiner Signifikanz angezeigt.


[Seite 173↓]

Tabelle 33: Deskriptive Statistik der Items zu den Alltagswerten

Alltagsorientierung

1979

(N=827)

1995

(N=855)

t-Wert

Sign.

(1) Das Wichtigste im Alltagsleben ist eine Arbeit, die einen befriedigt. Ist man mit seiner Arbeit zufrieden, dann ist man gewöhnlich überhaupt ein zufriedener Mensch.

2,1

1,8

7,0

.00

(2) Das Wichtigste im Alltagsleben ist Geld, ganz gleich, woher es kommt; denn wer Geld hat, ist König.

3,2

2,6

12,2

.00

(3) Das Wichtigste im Alltagsleben ist ein harmonisches Familienle­ben. Ist man zu Hause glücklich, dann geht auch gewöhnlich alles andere.

1,9

1,9

0,3

.75

(4) Das Wichtigste im Alltagsleben ist, etwas zu leisten, etwas gesell­schaftlich Nützliches zu erarbeiten; denn wenn man etwas leistet, kann man sich am ehesten seine Ansprü­che erfüllen.

2,0

2,2

-3,3

.00

(5) Das Wichtigste im Alltagsleben ist, sich unterordnen zu lernen. Dann hat man weniger Ärger und kommt am besten durch.

2,7

2,9

-4,1

.00

(6) Das Wichtigste im Alltagsleben ist, dass man viel weiß und kann. Wenn man sozusagen ”etwas auf dem Kasten hat”, wird man überall gebraucht.

2,3

2,0

5,4

.00

(7) Das Wichtigste im Alltagsleben sind ”gute Beziehungen, denn viel beruht darauf, dass man die richti­gen Leute ”an der Strippe” hat.

2,5

2,1

8,0

.00

(8) Das Wichtigste im Alltagsleben sind gute Freunde und Kollegen, auf die man sich jederzeit verlassen kann.

1,5

1,6

-1,6

.12

(9) Das Wichtigste im Alltagsleben ist der politische Standpunkt, dass man über den täglichen Kleinkram nicht das große Ganze und die ge­sellschaftliche Perspektive aus dem Auge verliert.

2,4

3,1

-14,7

.00

Eine erste auf der Ebene von Einzelitems erfolgte Auswertung ergibt, dass von den Be­fragten einzelne Werte gegenüber anderen geringer eingeschätzt werden und somit durchaus individuelle Wertehierarchien gebildet werden. Ein har­mo­nisches Fami­li­en­leben sowie gute Freunde und Bekannte werden von den Landjugendli­chen zu bei­den Messzeitpunkten gleichermaßen hoch gewertet. Interessante Verände­rungen er­geben sich über die Zeit bei den anderen in der Tabelle angeführten Alltags­orien­tie­rungen, deren Mittelwertunterschiede jeweils signifikant sind. Eine befriedi­gende Arbeit und ein gutes Wissen wie auch Geld und gute Beziehungen nehmen bei den Landjugendli­chen 1995 einen höheren Stellenwert ein als vor gut 15 Jahren. Be­ach­tenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass - wie neuere Untersuchun­gen zei­gen - die Jugendlichen im Osten Familie und Leistung obendrein höher be­werten als Ju­gendli­che im Westen ( vgl. Reitzle/Silbereisen 1996, Schmidtchen 1997).


[Seite 174↓]

Welche Aussagen sich zu Werteprioritäten im Vergleich zwischen Jugendlichen und Eltern vor und nach der Wende treffen lassen, vermittelt die nachfolgende Tabelle. Dazu wurde zusätzlich für die einzelnen Items auf der Grundlage der Mittelwerte eine Rangreihensortierung vorgenommen. Für die Jugendstichprobe von 1995 wur­den die Werteprioritäten gleichfalls für die Substichprobe der 14- bis 16jährigen er­mittelt, um möglichen Altersdifferenzen nachgehen zu können. Die Befunde - je­weils in Klammern angegeben - zeigen mit einer Ausnahme keine signifikanten Mittelwertunterschiede zur 95er Gesamtstichprobe und keine Verschiebungen in der Rangreihe, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Werteprioritäten im 95er Sample keinen Alterseffekten unterliegen.

Tabelle 34: Ergebnisse der Befragung von Jugendlichen und deren Eltern auf dem Lande vor und nach der Wende

Item

Jugend79

N=827

Eltern79

N=99

Jugend95

N=855 (N=555)

Eltern95

N=200

Arbeit zufrieden

2,06

4

1,45

2

1,84 (1,83)

2

1,33

2

Geld/König

3,21

9

1,86

8

2,68 (2,60)

7

3,36

9

harmonisches Familienleben

1,88

2

1,22

1

1,90 (1,94)

3

1,25

1

Nützliches arbeiten

2,04

3

1,51

3

2,22 (2,20)

6

1,91

4

Unterordnung

2,69

8

1,68

6

2,95 (2,65)

8

3,35

8

viel Wissen

2,26

5

1,64

5

2,08 (2,12)

4

1,98

5

gute Beziehungen

2,46

7

1,99

9

2,16 (2,14)

5

2,18

6

politischer Standpunkt

2,40

6

1,71

7

3,15 (3,12)

9

2,88

7

gute Freunde

1,52

1

1,62

4

1,61 (1,63)

1

1,52

3


[Seite 175↓]

Es gibt einige interessante Unterschiede zwischen der Jugend- und Elterngeneration. Das gilt sowohl für die relative Position der Items als auch für die Mittelwerte. So wird der höchste Wert bei den Jugendlichen im Jahre 1995 mit Freundschaft ver­bun­den, bei den Eltern mit einem harmonischen Familienleben.

Am schlechtesten schneidet bei den Jugendlichen das Item ab, in dem dem politi­schen Standpunkt eine überragende Bedeutung unterstellt wird, bei den Eltern ist es das Item, in dem behauptet wird, wer viel Geld habe, sei König. Unterordnung und Gehor­sam im Sinne des Sichunterordnens werden in beiden Generationen überwie­gend gleich negativ bewertet.

Bemerkenswerte Veränderun­gen wie auch einheitliche Sicht­weisen zeichnen sich beim Vergleich über die Zeit sowohl in den Jugend- als auch den Elternstichproben ab.

Zunächst ist festzustellen, dass von den Jugendlichen auch über die Jahre hinweg nach wie vor der Wert Freundschaft favorisiert wird. Die Vorstellung von einem harmo­nischen Familienleben hat dagegen über die Jahre etwas an Boden verloren. Dafür ist aber un­ter den Jugendlichen die Anzahl derjenigen angewachsen, die dem Wert Ar­beit einen hohen Stellenwert zusprechen, indem bekundet wird, dass eine zu­friedene Arbeit auch einen zufriedenen Menschen ausmacht. Offensichtlich hat die subjektive Bedeutsam­keit der Arbeit als Wert bei den Jugendlichen auf dem Lande zugenom­men. Das ist in­sofern bemerkenswert, als in Untersuchungen des Zen­tralin­stituts für Jugendforschung Leipzig für die 80er Jahre ein Wertewandel in der Jugend der DDR festgestellt wurde - vergleichbar mit dem Werteschub der 60er Jahre in der Bundes­republik - der im Kern ei­nen Zuwachs auf der he­donistisch-ma­terialistischen Wertedimension erkennen ließ, der u. a. mit dem Rückgang des Wer­tes ”Arbeits­ethos” beschrieben wurde (vgl. Fried­rich 1990; Müller, H. 1991).

Gensicke konnte ande­rerseits in seinen Untersuchungen zeigen, dass der Wert ”Ar­beitsethos” bei den Ost­jugendlichen im Zu­sammenhang mit der Wende 1989 ex­pan­dierte und dann 1990 noch einmal erheblich zunahm (vgl. Gensicke 1992, S. 15).


[Seite 176↓]

Ob sich nun allerdings die für die historische Vergleichsuntersuchung angeführten Veränderungen in einer zunehmenden Hinwendung zu einer eher funktionalen Be­trachtung der Arbeit äußern oder eher der ideelle Wert der Ar­beit höher geschätzt wird, muss leider offen bleiben. Zu vermuten wäre - wie auch von Gensicke ange­führt - ein eher als Mittel zum Zweck ( nämlich zur Befriedigung he­donistisch-mate­riali­stischer Bedürfnisse) angesehener Wert Arbeit, der zugleich in star­kem Maße eine gewisse Sicherheitsorientierung zum Ausdruck bringt (ebenda). Dass mit der Verän­derung der gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeit also auch eine Verände­rung der in­dividuellen Einstellung zur Arbeit verbunden ist, - indem stärker der ma­terielle Aspekt in den Mittelpunkt gerückt wird - konnte u. a. auch in einer deutsch-polni­schen Ver­gleichsuntersuchung herausgearbeitet werden (vgl. Claßen 1997). Im übri­gen verwei­sen auch die Untersuchungen von Golz darauf, die ebenfalls in Mecklen­burg/Vorpommern - also einer ländlichen Region - durchgeführt wurden. Er kommt zum Ergebnis, ”dass der Wunsch nach materieller Si­cherheit auf der Grund­lage be­ruflicher Entwicklung für die mei­sten Jugendlichen das wichtigste Lebensziel ist.” (Golz 1995, S. 48). Das wird zum anderen auch in einer Ex­pertise zum er­sten Ju­gendbericht des Landes Mecklen­burg/Vorpommern hervorgehoben (vgl. Otto/Prüß 1993).

Aufschlussreich in meiner vergleichenden Untersuchung ist des weiteren, dass das Beziehungsitem eine gewisse Renaissance erfährt. Die Erfahrungen in der neuen Ge­sellschaft scheinen nun die Botschaft zu vermitteln, dass hier ”Beziehungen” benötigt werden, z. B. für den beruflichen Aufstieg oder auch beim Erhalt eines Arbeits­platz­es.

Zieht man die Ergebnisse der Shell-Jugendstudie (1992) mit heran, so wird die dort be­schrie­bene Aussage durch meine Daten durchaus gestützt. Ostdeutsche Jugendli­che präfe­rieren demnach im Vergleich zu westdeutschen vor allem stärker zukunfts­orien­tierte Werte wie eine zufriedenstellende Arbeit, Familie und Einkommen. Das könnte auf eine noch DDR-typische frühzeitige Orientierung Jugendlicher auf ihr späteres Er­werbs- und Familienleben hindeuten. Es könnte aber auch dahingehend in­terpretiert werden, dass ostdeutsche Landjugendliche damit eine künftige hohe Lei­stungsbereit­schaft signalisieren und gleichzeitig ihrem Bedürfnis nach materieller [Seite 177↓]Si­cherheit Aus­druck verleihen. Im Sinne Klages u. a. ließen sich die Ergebnisse aber auch als Aus­druck einer Wertesynthese interpretieren, indem eine Kombination scheinbar gegen­sätzlicher Werte erfolgt. So werden traditionelle Werte wie Arbeit und Leistung bei den Landjugendlichen mit Werten des Konsums verknüpft, also mit einer hedonisti­schen Lebenshaltung, die beispielsweise auch einer Wertorientierung, etwas gesell­schaftlich Nützliches zu erarbeiten, entgegensteht.

Westdeutsche Jugendliche hingegen bevorzugen Werte, die stärker die ge­genwärtige Le­bensphase charakterisieren: wie Selbstverwirkli­chung, viel Freizeit, keinem Lei­s­tungsdruck ausgesetzt sein (vgl. Seiring 1994).

Um die von den Befragten vorgenommene Strukturierung des Werteraumes zu er­mit­teln und zu prüfen, inwieweit es Zu­sam­menhänge zwischen einzelnen Wertedi­men­sio­nen und familialen Einflussfaktoren gibt, wurde eine Hauptkomponentenana­lyse durchge­führt.

Die für die einzelnen Gruppen der Befragten gerechneten explorativen Faktorenana­lysen zeigen eine vergleichbare Faktoren­struk­tur. So ergeben sich für die beiden Ju­gendstichproben jeweils dreifaktorielle Lö­sungen, die insgesamt 53,4 Prozent bzw. 53,1 Prozent der Varianz aufklären und de­ren Faktoren gut in­ter­pretierbar sind (Ta­belle 35).


[Seite 178↓]

Tabelle 35: Faktorstruktur für die beiden Jugendstichproben

Item

1979

1995

 

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 3

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 3

Arbeit -zufrieden

.64

  

.54

  

Geld/König

 

.77

  

.57

 

harmonisches Familienleben

(.45)

  

.70

  

Nützliches leisten

.68

  

.67

  

Unterordnung

.53

    

.75

viel wissen und können

.51

   

.68

 

”gute Beziehungen”

 

.80

  

.78

 

gute Freunde

  

.79

.57

  

politischer Standpunkt

.61

    

.62

aufgeklärte Varianz

25,6%

16,7%

11,1%

28,0%

13,2%

11,9%

Der Faktor 1 vereinigt in beiden Stichproben die meisten Items. In der Stichprobe von 1979 verbindet er die Items ”zufriedene Arbeit”, ”Nützliches lei­sten”, ”Unter­ordnung”, ”viel wissen” und ”politischer Standpunkt”. Das Item ”harmonisches Fa­milienleben” lädt auf diesem Faktor mit weniger als .5, zeigt al­lerdings auch auf kei­nem der anderen beiden Faktoren höhere Ladungen, so dass wir es bei der Bildung der Wertedimension hier mit hinzuziehen. Das Markieritem ”Nützliches leisten” weist zu­sammen mit dem Item ”zufriedene Arbeit” - das am zweithöchsten lädt - die inhaltli­che Richtung: Es handelt sich um Auffassungen, die - mit aller Vorsicht - in der Tradition der DDR begriffen werden können, in der Arbeit als Lebenssinn, als Ort der Entfal­tung der Persönlichkeit gesehen wurde. In dieser Dimension kommt auch die in der DDR-Gesellschaft ausgeprägte ”offizielle Heroi­sierung der Arbeit” - [Seite 179↓]wie es Kohli be­zeichnet (vgl. Kohli 1994, S. 42) - zum Aus­druck, die obendrein ih­ren Niederschlag in dem Item ”politischer Standpunkt” findet, das ebenfalls hoch auf diesem Faktor lädt. Ich bezeichne diesen Faktor daher mit Systemkonformität SYSTKONF.

Faktor zwei der 79er Stichprobe umfasst die Werte ”gute Beziehungen” und ”wer Geld hat, ist König” und bildet somit einen Werteraum ab, der auf materielle Orien­tierung ausgerichtet ist. Bei dieser inhaltlichen Deutung ist in Rechnung zu stellen, dass mit ”guten Beziehungen” in der DDR mehr zu haben war als mit Geld. Dieser Faktor er­hält die Bezeichnung MATOR.

Das Item ”gute Freunde und Kollegen” bleibt allein auf dem dritten Faktor und re­prä­sentiert das soziale Geborgensein (SOZGEB).

Die Lösung für die Jugendstichprobe von 1995 zeigt insgesamt aufschlussreiche Ver­änderungen zur 79er Lösung .

Auf der Dimension MATOR lädt zusätzlich das Item ”viel wissen und können”. Diese Veränderung stört. Sie muss als Indikator dafür angesehen werden, dass in der Jugendkohorte von 1995 mit diesem Faktor ein anderes Antwortmuster beschrieben wird. Es handelt sich eher um solche Werte, die für den beruflichen Ein- und Auf­stieg Landjugendlicher bedeutsam erscheinen. Sie werden daher als karriereorien­tierte Di­mension karror bezeichnet.

Während der zweite Faktor durch die Hinzunahme eines weiteren Items inhaltlich an­ders interpretiert werden muss, bildet sich auf dem dritten Faktor eine im Vergleich zu 1979 neue Dimension ab, die mit den Items ”Unterordnung/Anpassung” und ”po­litischer Standpunkt” Werte umfasst, die für die Integration bzw. Einfügung in das System wichtig erscheinen. Diese Dimension soll als ANPASS bezeichnet werden.

Auf dem ersten Faktor laden die Items ”harmonisches Familienleben”, ”Nützliches leisten”, ”gute Freunde und Kollegen” sowie ”zufriedene Arbeit”. Das Markieritem ”harmonisches Familienleben” weist auf Ähnlichkeiten mit dem Werteraum SOZGEB hin. Soziale Geborgenheit wird nun jedoch stärker mit der Familie als mit dem Freun­deskreis verbunden und umfasst gleichfalls soziale Sicherheit.


[Seite 180↓]

Die identischen Analysen, die mit den Daten 1979 und 1995 gerechnet wurden, zei­gen, dass neben einigen wenigen Ähnlichkeiten vor allem bemer­kenswerte Differen­zen in der Faktorstruktur zwischen den beiden Jugendko­hor­ten bestehen. Letzteres vor allem wäre ein weiteres Anzeichen dafür, dass es kohortenspezifische Unter­schiede in den Alltagswerten gibt, die bereits bei der Betrachtung der Einzelitems auffielen.

Neben den beschriebenen Unterschieden in der Strukturierung des Werteraumes zu den beiden un­tersuchten Zeitpunkten stellt sich vor allem die Frage nach dem Einfluss soziode­mographischer Faktoren auf die Ausprägung von Wertorientierungen. Dazu werden das Geschlecht, die Schulleistungen und jene Variablen zur sozia­len und materiel­len Ausstattung des Mikrosystems Familie in die Analyse einbezogen, bei denen aus der Werteforschung nachweisbare Effekte auf die Wertorientierun­gen bekannt sind.

Im einzelnen werden folgende Einflussfaktoren in der Analyse berücksichtigt:

Für die Berechnungen wurden die Items, die auf einem Faktor hoch laden, zu je ei­nem Summenindex zusammengefasst. Mit diesen so erhaltenen Indizes wurden dann innerhalb der bei­den Kohorten Korrelationsmatrixen gerechnet (vgl. Tabellen 36 und 37).


[Seite 181↓]

Tabelle 36: Korrelationen der Alltagswerte mit den Familienvariablen für die Jugendstichprobe 1979

 

Geschlecht

Schul-

leistung

soziale

Kontrolle

kulturtragende

Konsumgüter

SYSTKONF

 

.16

 

.07

MATOR

.27

-.09

.07

 

 

Schulbildung

Vater

Berufsausbildung

Vater

Berufsausbildung

Mutter

SYSKONF

-.10

-.15

-.08

MATOR

   

Tabelle 37: Korrelationen der Alltagswerte mit den Familienvariablen für die Jugendstichprobe 1995

 

Geschlecht

Schul-

leistung

soziale

Kontrolle

kulturtragende

Konsumgüter

eigenes

Zimmer

ANPASS

.13

-.12

-.07

-.09

 

KARROR

.16

    

SOZGEB

-.16

   

-.10

 

Schulbildung Mutter

KARROR

-.08


[Seite 182↓]

Für das Jugendsample von 1979 gibt es beim Index SYSTKONF einen direk­ten Zu­sammenhang mit den Schulleistungen und dem Besitz an kulturtragenden Konsum­gütern, der zum Ausdruck bringt, dass leistungsstärkere Schuljugendliche, de­ren El­tern kulturtragende Güter - also vor allem Bücher und Musikinstrumente - besitzen, Werte der Systemkonformität deutlich präferieren. Dass diese Elternteile ebenso über eine höhere Schul- und Berufs­ausbildung verfügen, ist naheliegend.

Beim Index MATOR gehen niedrige soziale Kontrolle und schlechtere Schulleistun­gen mit einer höheren Akzeptanz dieser Werte einher. Es sind hingegen überwiegend Mäd­chen, die Werte des materiellen Wohlstands ablehnen.

1995 sind die Zusammenhänge etwas differenzierter. Zunächst kann festgestellt wer­den, dass bei allen Indizes deutliche Geschlechter­ef­fekte zutage treten. So stimmen Jungen dem Index Anpass stärker zu als Mädchen. Es gibt weitere Zusammen­hänge mit schlechteren Schulleistungen, einer höheren so­zialen Kontrolle und dem Nichtbesitz an kulturtragenden Konsumgütern.

Es sind wiederum die Jungen, die auch der Dimension karror stärker zustimmen als Mädchen. Daneben gibt es nur einen schwachen Zusammenhang mit der höheren Schulbildung der Mutter. Ressourcen spielen für diese Wertedimension dagegen keine Rolle.

Auch beim Index SOZGEB gibt es den Zusammenhang mit dem Ge­schlecht. Erwar­tungsgemäß sind es hier die Mädchen, die mit der Wertedimen­sion ”soziale Gebor­gen­heit” eher einverstanden sein. Es gibt hier noch einen weiteren Zusammenhang mit dem Nichtvorhan­densein eines eigenen Zimmers. Letzteres scheint verstärkend auf diese Wertedi­mension zu wirken.

Gemäß der These Inglehart’s (1989) vom intergenerationel­len Werte­wandel, nach dem die Jugend Träger des Wertewandels ist, dürften 1995 am ehesten Unterschiede zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern zu erwarten sein. Zumal in einer reprä­sentativen Unter­suchung von Maag (1991, S. 159f.) derartige Alterseffekte deutlich [Seite 183↓]nachgewiesen werden konnten. Daher soll an dieser Stelle zusätzlich ein in­ter­gene­rati­ver Ver­gleich in historischer Perspektive vorge­nommen werden, indem die Daten aus der El­ternbe­fra­gung mit herangezogen werden.

Zu diesem Zweck wurde zunächst für das Elternsample von 1979 eine explorative Faktorenanalyse gerechnet, die eine dreifaktorielle Lösung mit einer aufgeklärten Varianz von 64,4 Prozent hervorbringt (Tabelle 38).

Tabelle 38: Faktorstruktur der Alltagswerte in der Elternstichprobe von 1979

Items

Faktor 1

Faktor 2

Faktor 3

Arbeit-zufrieden

.79

  

Geld/König

 

.85

 

harm. Familienleben

.76

  

Nützliches leisten

.51

  

Unterordnung/Anpassung

  

.65

viel wissen und können

  

.58

”gute Beziehungen”

 

.74

 

gute Freunde und Kollegen

.71

  

politischer Standpunkt

  

.76

Der erste Faktor bildet einen eigenen Index, der Sicherheit und soziale Geborgenheit beschreibt. Bei dieser mit SOZGEB bezeichneten Dimension besteht die größte Af­fini­tät sowohl zur 95er Jugend- als auch 95er Elternstichprobe (vgl. Tabellen 35 und 39). Bis auf das Markieritem besteht dieser Faktor aus jeweils identischen Items. Wäh­rend in der Elternstichprobe von 1979 das Markieritem ”eine zufriedene Arbeit” ist, wechselt es in den beiden 95er Stichproben zu ”harmonisches Familienle­ben”.


[Seite 184↓]

Faktor zwei mit dem Markieritem ”wer Geld hat, ist König” und dem Item ”gute Be­ziehungen” korrespondiert mit dem entsprechenden Faktor der 79er Jugendstich­probe und soll ebenfalls mit MATOR (materielle Orientiertheit) bezeichnet werden.

Faktor drei, der stärker auf die Systemkonformität SYSTKONF zielt, vereinigt in sich die Items ”viel wis­sen und können”, ”politischer Standpunkt” sowie ”Anpas­sung und Unterord­nung”. Hier be­stehen nur noch leichte Übereinstimmungen mit dem vergleichbaren Faktor der 79er Jugendstich­probe.

Auch für diese erhaltenen Wertedimensionen der 79er Elternstichprobe werden nach­folgend die Zusammenhänge mit einzelnen Familienvariablen geprüft.

Tabelle 39: Signifikante Korrelationen der Alltagswerte mit den Familienvariablen in der Elternstichprobe von 1979

 

Berufsb.

Vater

Berufsb.

Mutter

soziale

Kontrolle

SOZGEB

  

-.23

MATOR

.27

.19

 

Während im vergleichbaren Jugendsample der Index MATOR einen starken Ge­schlechtereffekt auf­weist und auch mit schlechteren Schulleistungen und geringerer sozialer Kontrolle einher­geht, zeigt diese Wertedimension in der entsprechenden El­ternstichprobe (vgl. Tabelle 39) einen starken Zu­sammenhang mit der jeweiligen so­zia­len Position der Eltern, speziell mit ihrem be­ruflichen Status. Je geringer die­ser Status ausfällt, desto größer ist die Wahrneh­mung mate­riel­ler Orientierung durch die Eltern.

Bei der Dimension SOZGEB besteht ein enger Zusammenhang mit der ausgeübten sozialen Kontrolle in der Familie. Je größer die soziale Kontrolle, um so größer die Zustimmung zu diesem Index, der das Bedürfnis nach sozialer Geborgenheit doku­mentiert.


[Seite 185↓]

Für die Elternstichprobe 1995 wird nun im folgenden zunächst ebenfalls das Verfah­ren der explorativen Faktorenanalyse angewandt. Eine Betrachtung der Tabelle 40 lässt erkennen, dass sich im Vergleich zur entsprechenden Jugendstichprobe nur noch zwei statt drei Dimen­sionen ergeben. Die aufgeklärte Varianz dieser beiden Faktoren beträgt 42,6 Prozent.

Tabelle 40: Faktorstruktur der Alltagswerte in der Elternstichprobe 1995

Items

Faktor 1

Faktor 2

Arbeit-zufrieden

.53

 

Geld/König

 

.79

harmonisches Familienleben

.71

 

Nützliches leisten

.61

 

Unterordnung/Anpassung

 

.77

viel wissen und können

  

”gute Beziehungen”

  

gute Freunde und Kollegen

.69

 

politischer Standpunkt

  

Ein erster Faktor mit dem Markieritem ”harmonisches Familienleben” wird in dieser Elternstichprobe gleich gebildet: Wie in der entsprechenden Jugendstichprobe laden auf dieser Dimension - ebenfalls mit SOZGEB bezeichnet - die Items


[Seite 186↓]

Nicht ganz so eindeutig sind die Ähnlichkeiten beim Faktor ANPASS. In der 95er Ju­gendstichprobe laden die Items ”Unterordnung/Anpassung” und ”politischer Stand­punkt” auf diesem Faktor, in der Elternstichprobe wird das letztgenannte Item durch das Item ”Geld/König” ausgetauscht, das sogar zum Markieritem aufrückt. Damit ist die Anpassung für die Eltern stärker mit materiellem Wohlstand verbun­den.

Dass eine Dimension Karror in der Elternstichprobe nicht auszumachen ist, er­klärt sich vornehmlich aus der spezifischen Situation, in der sich Jugendliche am Ende der Schulzeit befinden.

Für die beiden Dimensionen ANPASS und SOZGEB ergibt sich im Vergleich zur Jugendstichprobe eine recht simple Struktur möglicher Zusammenhänge mit famili­enbezogenen Variablen (Tabelle 41).

Tabelle 41: Signifikante Korrelationen von Alltagswerten mit Variablen der sozialen und materiellen Ausstattung der Familien in der Elternstichprobe von 1995

 

kulturtragende Konsumgüter

ANPASS

-.14

Die Korrelationsmatrix vermerkt lediglich einen deutlichen Zusammenhang mit dem Besitz an kultur­tragenden Gütern bei der Dimension ANPASS. Je höher die Zu­stimmung zu Werten wie Geld und Anpassung, desto weniger besitzen die befragten Eltern Bücher und Musikinstrumente.

Die Zustimmung zur Dimension SOZGEB erscheint dagegen unabhängig von der materiellen und sozialen Ausstattung in den Familien. Insbesondere familiäre Gebor­genheit steht bei den befragten Eltern 1995 in gleicher Weise hoch im Kurs.

Im ganzen zeigt sich also:

Im Vergleich zu 1979 sind für Landjugendliche 1995 die Arbeit betreffende Auffas­sungen wichtiger geworden. Eine Arbeit zu haben, mit der man zufrieden ist, stellt [Seite 187↓]nach der Wende für Jugendliche und Eltern gleichermaßen eine überwiegend zen­t­rale Wertorien­tie­rung dar. Auch Freunde und Kollegen zu besitzen, auf die man sich ver­las­sen kann, haben in beiden Generationen seit der Vergleichsuntersuchung 1979 ihre Bedeutung beibehalten. Es entsteht sogar der Eindruck, dass sich durch die ge­sell­schaftliche Umbruchsituation in Ostdeutschland soziale und materielle Sicherheit be­treffende Auffassungen noch verstärkt haben.

In diesem Zusammenhang erscheint auch erwähnenswert, dass für beide Generatio­nen der gesellschaftliche Umbruch auf dem Lande die Er­fahrung zu vermitteln scheint, dass ”Beziehungen” eine größere Bedeutung erlangen.

Dane­ben existieren aber auch unterschiedliche Wertpräferenzen bei den Jugendli­chen und ihren Eltern. Für letztere korrespondiert der Wert, Geld zu haben, im Un­terschied zur Vergleichsuntersuchung 1979 nicht mehr mit dem Wert ”gute Bezie­hungen”, son­dern nunmehr mit dem Wert Anpassung/Unterordnung. Landjugendli­che legen ge­genüber ihren Eltern hingegen mehr Wert auf Geld im Zusammenhang mit Bildung. Insgesamt tritt eine betontere Wertschätzung materieller Aspekte durch die Jugendli­chen gegenüber ihren Eltern, aber auch im Vergleich zu 1979 deutlich zutage. Die 1979 noch deutlich größere Wertschätzung ostdeutscher Landjugendli­cher für Werte wie ”politischer Standpunkt” und ”gesellschaftlich Nützliches lei­sten” findet sich 15 Jahre später nur noch andeutungsweise.

Alles in allem lässt sich jedoch aus den Daten der Vergleichsuntersuchung keine Ver­größerung der Werteunterschiede zwischen Eltern- und Jugendgeneration über die Jahre hinweg nachzeichnen. Bei den herausgearbeiteten Unterschieden zu 1979 han­delt es sich letztlich um Nuancen, die mit konkreten Lebensumständen, die für Eltern und Heranwachsende unterschiedlich erscheinen, zu tun haben.

In der Struktur der Alltagswerte unterscheiden sich die Jugendsamples vor und nach der Wende wesentlich. Während sich für Jugendliche 1979 die Wertebereiche mate­rielle Orien­tierung und Systemkonformität, bei denen vor allem ein direkter Zusam­men­hang mit dem Mikrosystem Familie sichtbar wird, ermitteln lassen, ergeben sich für die Vergleichsgruppe 1995 die Bereiche Anpassung und Karriereorientierung. Das würde stärker für die Annahme sprechen, dass es angesichts politischer und ge­sell­schaftlicher Wandlungsprozesse bei Jugendlichen auf dem Lande zu einer Art [Seite 188↓]Syn­these von eher traditionellen Werten (z. B. Anpassung, aber auch soziale Orien­tie­rung) und modernen Werten der Selbstentfaltung (z. B. Karriere) kommt.

4.3 Bildungsentscheidungen und Berufswahl von Landjugendlichen am Ende der Normalschulzeit im historischen Vergleich

Die Bildungsentscheidungen und die Berufswahl dokumentieren als einen nicht un­we­sentlichen Teilschritt den Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenstatus. Diese Statuspassage findet mit der Phase des Übergangs von der Schule in die Be­rufsausbil­dung bzw. zum Studium nicht nur ihren Anfang, sondern hat für die Ju­gendlichen ganz entscheidende Konsequenzen für ihren weiteren Lebensverlauf ein­schließlich der später einzunehmenden gesellschaftlichen Position.

Für die Bewältigung des Übergangs von der Schule in die Ausbildung sind generell von den Jugendlichen zahlreiche Anforderungen zu meistern, die sich gerade in Zei­ten gravierender gesellschaftlicher Veränderungen noch erheblich vergrößern. Die Be­rufswahl von Jugendlichen auf dem Lande findet vor dem Hintergrund des mas­sen­haf­ten Umbruchs in der Beschäftigtenstruktur sowohl in quantitativer (die Er­werbstä­tigkeit in den neuen Bundesländern ist in den letzten fünf Jahren um fast 40 Prozent gesunken) als auch in qualitativer Hinsicht (z. B. durch Rekonstruktion bäu­erli­cher Erwerbsbetriebe, durch Auflösung des alten und Aufbau eines neuen Dienstlei­stungssektors, durch technischen und organisatorischen Umbau der In­du­strie) statt, was El­tern und Jugend­liche vor gänzlich neuartige Anforderungen stellt.

Ein wichtiger Aspekt für die Beschreibung dieser anstehenden Teilpassage sind die von den Jugendlichen angegebenen Berufspläne und Berufsentscheidungen, die mit besonderer Deutlichkeit die auf dem Lande vollzogenen Veränderungen widerspie­geln. Ostdeutsche Schulabgänger des Jahres 1995 kamen nicht umhin, ihre noch un­ter DDR-Bedingungen entwickelten Berufsvorstellungen den veränderten Bedingun­gen auf dem Lande anzupassen, da insbesondere der Bereich der Wirtschaft als wichtig­stem Ausbildungsträger gewaltigen Umwandlungen unterlag.


[Seite 189↓]

Ein Vergleich der angegebenen Berufswünsche der Heranwachsenden 1995 zu denen vor 15 Jahren - nach Wirtschaftsbereichen zusammengestellt (vgl. Tabelle 42) - er­laubt es, sowohl Rückschlüsse auf die makrostrukturellen Veränderungen als auch auf die Anpassungsleistungen der Landjugendlichen zu ziehen.

Tabelle 42: Berufswünsche von Landjugendlichen nach Wirtschaftsbereichen
(Angaben in Prozent)

 

MZP 1 1979

MZP 2 1995

Land- und Forstwirtschaft

10,6

1,1

Industrie

10,4

5,9

Handwerk

31,3

32,7

Handel

11,3

17,2

öffentlicher Dienst 27

34,6

19,2

freie Berufe

1,8

15,5

Angestellte, die nicht im öffentl. Dienst beschäftigt

-

8,3

Tabelle 42 weist klar aus, dass im Vergleich zu 1979 die Landwirtschaft für Jugendli­che praktisch keine Rolle mehr spielt. Während mit fast 11 Prozent landwirt­schaftli­che Be­rufe im Jahre 1979 noch einen beachtenswerten Platz unter den Berufs­vorstel­lungen der Heranwachsenden einnahmen, rutschte nach dem Systemwechsel mit nur 1 Pro­zent dieser Wirtschaftszweig bei den Berufen auf den letzten Platz. Ein Vergleich mit der Zahl der Auszubildenden in diesem Bereich in den neuen Ländern insgesamt zeigt, dass der Anteil der Jugendlichen in den von uns untersuchten ländli­chen Regio­nen, die eine Ausbildung in diesem Bereich anstreben, [Seite 190↓]demgegenüber so­gar noch nied­riger ist (neue Länder 1993: 2,2 Prozent), und auch den Stand in den al­ten Län­dern noch un­terbietet (alte Länder: 1,7 Prozent). 28

Die rückläufige Entwicklung der Landwirtschaft erhält für die Berufswahl noch zu­sätz­liches Gewicht, zieht man ferner in Betracht, dass ein nicht unerheblicher Teil der 1979 angegebenen handwerklichen Be­rufe - wie beispielsweise Schlosser und Maurer - in den Landwirtschaftlichen Pro­duk­tionsgenossenschaften (LPG) ausgebildet und verrich­tet wurde.

Ein Schlosser ge­hörte beispielsweise dem Technikbereich der LPG an und war folg­lich mit einem Traktoristen gleichgestellt. Die Beschäftigung als Schlosser bzw. Mau­rer in der LPG hatte mehrheit­lich eine vollwertige LPG-Mitglied­schaft - d. h. mit allen Rech­ten und Pflichten - zur Folge. So wurden die in der LPG arbeitenden Handwerker ebenso wie Agrotechniker oder Tierpfleger zu Pflege- oder Erntearbeiten eingesetzt, hatten aber auch wie andere Genossenschaftsbauern die Möglichkeit, private Tierhal­tung zu betrei­ben, d. h. Schweine, Hühner, Mastbullen u. a. zu halten, wofür sie ein entsprechendes Deputat 29 von der LPG erhielten.

Mit ande­ren Worten: Handwerkliche Berufe auf dem Lande waren meist sehr eng mit der Land­wirtschaft verbunden, so dass der allein auf der Grundlage der erhobenen Da­ten ermit­telte Rückgang im landwirtschaftlichen Bereich in Wirklichkeit noch auffal­len­der in Er­scheinung treten kann. Darüber hinaus belegt Tabelle 42, dass ebenfalls eine Abnahme - um immerhin die Hälfte - auch bei den Berufen in der Industrie zu ver­zeichnen ist.

Insgesamt widerspiegelt sich darin auf spezifische Art der ökonomische Umbruch auf dem Lande in Ostdeutschland, der mit einem rigorosen Abbau sowohl landwirtschaft­li­cher Betriebe als auch der damit verbundenen verarbeitenden Industrie (Molkereien, Betriebe der Zuckerrübenverarbeitung und der Mehlherstellung, Trockenfutterwerke u. a.) einhergeht und damit für die Berufswahl der Landjugendlichen nicht mehr zur Ver­fügung steht.


[Seite 191↓]

Demgegenüber hat es - alles eingerechnet - einen auffallenden Anstieg bei den freien Berufen sowie bei den Berufen im Angestelltenverhältnis in und außerhalb des öffent­li­chen Dienstes gegeben. Ganz vorne rangieren bei den Schuljugendlichen vor allem die Be­rufswünsche Steuerberater, Rechtsanwalt/Notar sowie Arzthelferin und Rechts­an­walts- und Notargehilfin. Ein Zuwachs ist auch im Bereich Handel zu verzeichnen, der jedoch vergleichsweise nicht so fundamental ausfällt. Hier rangieren Restaurant- und Hotelfachfrau bzw. -mann gefolgt von Bankkauffrau/mann ganz vorn. Damit do­ku­mentieren die Schulabgänger, dass sie den veränderten Bedingungen in den ländli­chen Regionen durchaus Rechnung tragen und Wirtschaftsbereiche bevorzugen, die auch in diesen Gebieten ein gesichertes Fortbestehen erhoffen lassen.

Der Frage nach der Anpassung von Berufsvorstellungen soll weiter nachge­gangen wer­den, indem nachfolgend Berufswünsche Landjugendlicher detail­lierter be­trachtet wer­den. In der Tabelle 43 werden beispielhaft einige der von den Jugendlichen ange­gebe­nen Berufswünsche herausgegriffen und dazu die Nennungen für 1979 und 1995 ge­genübergestellt. Die Tabelle steht also nur für eine Auswahl der insgesamt genann­ten Berufe.


[Seite 192↓]

Tabelle 43: Ausgewählte Berufswünsche Landjugendlicher im historischen Vergleich

Berufe

1979

absolut

1995

absolut

Kfz-Schlosser

36

48

Schlosser

26

1

Lehrer

53

12

bewaffnete Organe

23

25

Arzt/Tierarzt

22

6

Kindergärtnerin

28

3

Krankenschwester

40

34

Landmaschinenschlosser

18

-

Agrotechniker

16

-

Zootechniker

35

-

Friseuse/Kosmetikerin

17

26

Rechtsanwalt/Notar

4

8

Bürokauffrau

16

35

Bankkauffrau

6

21

Steuerberater

-

18

Rechtsanw./Notargehilfe

-

25

Maurer

10

31

Restaurant-/Hotelfachfrau

-

31

Erwartungsgemäß werden 1995 von den Jugendlichen einige Berufe nicht mehr ge­nannt. Dazu gehören der Landmaschinenschlosser, Agrotechniker und Zootechniker, Berufe also, in denen sich zugleich die ehemals anzutreffende landwirtschaftlich ge­[Seite 193↓]prägte Struktur der Region widerspiegelt. Die Landwirtschaft als Ausbildungsbereich war zu DDR-Zeiten in den ländlichen Gebieten deutlich überrepräsentiert und hat nach der Wende ihren Stellenwert ultimativ verloren.

Zu weiteren Berufen, die vor der Wende von den Jugendlichen in einer doch ansehnli­chen Zahl genannt wurden und derzeit kaum Erwähnung finden, zählen auch der Beruf der Kindergärtnerin bzw. Krippenerzieherin, der Lehrerberuf sowie auch der Beruf des Arztes. Dieser Befund könnte dahingehend interpretiert werden, dass infolge des Strei­chens von vorschulischen Betreuungsplätzen als auch des Einspa­rens von Schulklas­sen und Schulen infolge des generellen Sinkens der Schülerzahlen die erstgenannten Berufe derzeit nicht mehr bevorzugt werden. Für die Abnahme des Berufswunsches des Arztes spielen ganz offensichtlich Erwägungen wie fehlendes Startkapital zum Einrichten einer Praxis sowie Einschränkung des Bedarfs an Tierärz­ten eine Rolle. Insgesamt könnte es sich also um ganz pragmatische Reaktionen der Jugendlichen und ihrer Eltern auf die strukturellen Veränderungen auf dem Lande nach der Vereinigung han­deln.

Klar favorisiert bei den Berufswünschen 1995 ist - wie Tabelle 43 zeigt - der Kfz-Schlosser mit 48 Nennun­gen, gefolgt von der Bürokauffrau mit 35, der Kranken­schwester mit 34 und dem Maurer sowie der Hotelfachfrau mit je 31 Nennun­gen. Da­mit werden deutlich Ausbildungsbe­reiche des Handwerks und des Dienstleistungs­be­reichs bevorzugt, was zum einen konform läuft mit den Schwerpunkten des wirt­schaft­lichen Aufbaus auf dem Lande in den neuen Bundesländern, andererseits aber auch für Westdeutschland generell typisch ist.

In einer durchaus stattlichen Anzahl werden auch Berufe wie Steuerberater, Rechtsan­waltsgehilfen und auch Hotelfachangestellte in der Liste aufge­führt, die vor 15 Jahren bei den Jugendli­chen noch keine Rolle spielten bzw. spielen konnten. Interessanter­weise sind die Ent­scheidungen der Landjugendlichen für einen Beruf in den bewaffne­ten Or­ganen über die Zeit so gut wie konstant geblieben. Wäh­rend 1979 die Jungen für einen Beruf in der Armee regelrecht geworben wurden, ih­nen damit u. a. der Zu­gang zum Abitur ge­sichert wurde, ist anzunehmen, dass die Ent­scheidung nunmehr stärker aus ei­nem fi­nanziellen Sicherheitsdenken heraus erfolgt.


[Seite 194↓]

Tabelle 44: Berufswünsche der Jugendlichen nach Wirtschaftsbereichen geordnet nach Geschlecht, Schulleistung und sozialer Her­kunft (Angaben in Prozent)

Wirtschaftsbereiche

nach Geschlecht

nach Schulleistung 30

nach sozialer Herkunft 31

1979

1995

1979

1995

1979

1995

m

w

m

w

1

2

3

4

1

2

3

4

1

2

3

1

2

3

Land- und Forstwirtschaft

13

9

1

1

8

9

15

33

-

-

2

1

13

11

8

2

1

-

Industrie

12

9

8

4

9

9

15

-

-

7

6

2

11

11

10

5

5

8

Handwerk

51

15

57

11

8

31

47

56

18

21

40

54

37

35

22

42

33

23

Handel

5

16

13

21

12

11

11

-

21

19

15

17

18

9

9

16

21

14

Öffentlicher Dienst

18

48

12

27

60

38

11

11

9

23

19

12

20

32

48

20

15

23

freie Berufe

1

3

9

21

3

2

1

-

40

19

12

7

1

2

3

9

14

26

Angestellte, die nicht öff. Dienst

-

-

-

15

-

-

-

-

12

11

6

7

-

-

-

6

11

6


[Seite 195↓]

Genaueren Aufschluss über die Art der Veränderungen in den Berufsentscheidungen, die den gravierenden Transformationsprozessen in Ostdeutschland generell als auch de­nen speziell in ländlichen Regionen geschuldet sind, zeigen vor allen Dingen die Schichtungen nach sozialer Herkunft, Schulleistungen und Geschlecht (vgl. Tabelle 44.

Nach der sozialen Herkunft lassen sich Veränderungen insofern konstatieren, als nur noch die Verteilung der angestrebten Handwerksberufe sowie der freien Berufe nach dem So­zialstatus der Eltern variiert. Während handwerkliche Berufe weiterhin von den unteren Sozialschichten bevorzugt werden, präferieren privilegiertere Bildungs­schich­ten freie Berufe erwartungsgemäß häufiger. Bei allen anderen angegebenen Be­rufs­wün­schen zeigen sich 1995 keine markanten Unterschiede mehr zwischen den einzel­nen sozialen Gruppen. Auffallend ist insbesondere, dass sowohl die Berufe im Handel als auch die Berufe im öffentlichen Dienst, die im Jahre 1979 von Kindern aus den unteren bzw. den oberen Sozialschichten signifikant häufiger gewählt wurden, nun­mehr auch von anderen sozialen Gruppen in etwa gleichem Maße bevor­zugt wer­den.

Auch eine Betrachtung der Berufswünsche Landjugendlicher nach den Schulleistun­gen ergibt interessante Veränderungen über die Zeit. Auffällig ist hierbei vor allem, dass der Anteil der Schuljugendlichen, die Berufe im öffentlichen Dienst ergrei­fen möchten, zum zweiten Erhebungszeitpunkt mit sinkenden Schulleistungen nicht mehr so rasant abnimmt. Die Inspektion der Daten ergibt eher eine annähernd gleiche Ver­teilung zwi­schen den unterschiedlichen Leistungsgruppen, wenn man die Schulju­gendlichen mit genügenden Leistungen - deren Anteil im 95er Sample mit lediglich 64 Schülern sehr gering ist - vernachlässigt. Diese Veränderung resultiert vor allem da­r­aus, dass Ärzte, Rechtsanwälte u. ä. zum zweiten Messzeitpunkt als nicht mehr zum öf­fentlichen Dienst zugehörig erfasst wurden. Für leistungsstarke Schuljugendli­che er­gibt sich daher 1995 verstärkt der Wunsch nach einem freien Beruf, wozu oben ge­nannte zugerechnet wer­den. Nach wie vor bevorzugen andererseits leistungsschwa­che Land­jugendliche die handwerklichen Berufe.


[Seite 196↓]

Resümierend kann aus den bisherigen Ausführungen entnommen werden, dass einer­seits der enge Zusammenhang von Schulleistung, Sozialstatus der Eltern und Berufs­wunsch auch nach dem gesellschaftlichen Umbruch ungebrochen scheint, indem se­lektive Ef­fekte der Sozialstruktur unbestritten nachgewiesen werden können. Anderer­seits deuten die Daten aber auch auf ein neues Mischungsverhältnis hin, auf eine Ent­konventionali­sierung bei bestimmten Berufsgruppen. Damit erhoffen sich Landju­gendliche Zugang zu Berufs­gruppen, die vordem strukturell ausgeschlossen waren. Das trifft vor allem für Berufe im öffentlichen Dienst - insbesondere in der Verwal­tung - zu, die nunmehr ver­stärkt auch von Unterprivilegierten genannt werden. Auf der anderen Seite verweisen die Daten aber auch auf eine gegenläufige Bewegung. Schul­jugendliche aus den oberen Sozialschichten dringen verstärkt in die vordem von un­terprivilegierten Jugendlichen präferierten Berufe im Handel ein. Das mag vor al­lem damit zusammenhängen, dass an­gesichts der schwieriger gewordenen arbeits­marktpo­litischen Situation auf dem Lande bei den Berufsentscheidungen von Landju­gendli­chen allem Anschein nach stär­ker die Sicherheit eines Arbeitsplatzes als die damit verbundene soziale Position in der Gesell­schaft zählt.

Während 1979 ein Geschlechtervergleich deutlich traditionsbehaftete Berufsvorstel­lun­gen erkennen ließ - die z. B. darin zum Ausdruck kamen, dass auf der einen Seite Be­rufe im Handel und auch Berufe im öffentlichen Dienst vermehrt von Mädchen be­vor­zugt wurden, auf der anderen Seite handwerkliche Berufe und Berufe in der Land­wirt­schaft signifikant häufiger von Jungen - lässt sich das für 1995 so nicht mehr durchweg bestätigen. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass Berufe im Handel nun in stär­kerem Maße auch von männlichen Jugendlichen gewählt werden. Das bestätigt bereits vorliegende Untersuchungen (vgl. Nickel 1990a, 1991), dass die bereits zu DDR - Zeiten engeren Berufswahlfelder für Mädchen nunmehr noch weiter eingeschränkt werden, indem Jungen verstärkt in typische Frauenberufe - wozu beispielsweise der Fachverkäufer ge­hört - drängen. Männliche Landjugendliche scheinen die neuen Chancen des Dienstlei­stungssektors längst erkannt zu haben, was ihnen schnell zum Vorteil gereichen könnte.

Nickel hat in einer Studie den Nachweis erbringen können, dass durch entsprechende Re­krutie­rungspraktiken der Betriebe wie auch durch die staatliche Berufslenkung in [Seite 197↓]der DDR weitgehend ”Frauen aus Männerberufen wie Männer aus Frauenberufen aus(ge)grenzt” wurden (Nickel 1990b, S.12). Ergebnisse einer Längs­schnittuntersu­chung zur Statuspassage in den Beruf in den alten Bundesländern verweisen im ein­zel­nen ei­nerseits ebenfalls darauf, dass in Männer­berufen Frauen praktisch nicht anzu­tref­fen sind, andererseits aber in den Frauenbe­rufen ein erwähnenswerter Männeranteil zu ver­zeichnen ist (vgl. Witzel/Helling/Mönnich 1996, S. 175).

Der daraus resultierende These von einer verstärkten Verdrängung weiblicher Land­ju­gendlicher aus typischen Frauenbe­rufen sowie der eventuellen Anpassung an west­deut­sche Muster soll auf der Grundlage der erhobenen Berufsabsichten genauer nach­gegan­gen werden. Dazu wird im folgenden die Verteilung von Jungen und Mädchen inner­halb typischer Frau­enberufe (Bürokaufleute, Friseuse, Kranken­schwe­ster, Grundschul­lehrerin, Arzt­helfe­rin, Hotelfachfrau) und Männerberufe (Kfz-Me­chaniker, Bauberufe, Schlosser, Offi­zier) im historischen Vergleich eingehender be­trachtet.

Tabelle 45: Anteil von Mädchen bzw. Jungen in typischen Frauen- und Männerberufen im historischen Vergleich (Angaben in Prozent)

Berufe

1979

1995

Anteil m

Anteil w

Anteil m

Anteil w

typische Frauenberufe

9,4

90,6

4,9

96,1

typische Männerberufe

88,5

11,5

92,4

7,6

Wie die Tabelle 45 vermittelt, ist insgesamt der Wunsch der Mädchen nach Männer­be­rufen wie auch und der der Jungen nach Frauenberufen zu beiden Befragungszeit­punk­ten nur gering. Es zeigt sich jedoch bei genauerem Hinsehen, dass der Anteil der Mäd­chen, die typische Männerberufe ergreifen wollten, auf dem Lande 1979 ver­gleichs­weise gering­fügig größer war.

Interessant erscheinen die Veränderungen zu 1995. Es lässt sich unschwer feststellen, dass die Anteile der Jungen in den Frauenberufen als auch der Mädchen in den Män­nerberufen jeweils zurückgehen. Im 95er Sample liegt der Anteil der Jungen in Frau­[Seite 198↓]en­berufen bei zirka 5 Prozent - und ist damit noch geringer als 15 Jahre zuvor. Der Anteil der Mädchen in Männerberufen ist mit fast 8 Prozent zwar nicht mehr so groß wie 1979, aber dennoch können diese Daten nicht bestätigen, dass weibliche Jugendli­che sich für Männerbe­rufe nicht mehr entscheiden. Deren Anteil liegt vielmehr - auch an­gesichts des generellen Rückgangs - noch über dem der männlichen Jugendli­chen, die beabsichtigen, einen eher typischen Frauenberuf zu ergreifen. Die These, dass männli­che Jugendliche auf dem Lande ver­stärkt in Frauenberufe drän­gen, lässt sich mit den Befunden zu den Berufswünschen hingegen auch nicht bestätigen.

Betrachtet man jedoch die Berufe im Handel eingehender, so ergibt sich indes, dass weibliche Jugendliche sich für sogenannte Mischberufe im Handel (dazu gehören z. B. Bankkaufleute) weniger zahlreich entscheiden als gleichaltrige männliche Jugendli­che. Davon, dass der Dienstleistungsbereich auch auf dem Lande weiter ausgebaut wird, scheinen also die männlichen Jugendlichen doch eher ihren Nutzen zu ziehen.

Der Wunsch bzw. die Entscheidung der Mädchen für Männerberufe bezieht sich 1995 vor allem auf handwerkliche Berufe wie Tischler, Maler, selbst Dachdecker und Kfz-Mechaniker, aber auch Berufe bei der Polizei oder Bun­des­grenzschutz werden von ih­nen vereinzelt genannt. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die geschlechtsspezifisch ku­mulierte soziale Differenzierung bezüglich der Berufs­ent­scheidung von Jugendlichen in ländlichen Regionen Ostdeutschlands - wie in der DDR seinerzeit erkennbar - auch durch den gesellschaftlichen Transformationsprozess nicht durchbrochen werden konnte. Die Berufs­wahl­felder sind für Landjugendliche durch den Wegfall der Land­wirtschaft insgesamt stark eingeengt worden. Inwiefern sich daraus ein erneuter Verdrängungsprozess ergibt, müsste allerdings weiter untersucht werden.

Ob von den Jugendlichen eine arbeitsmarktbezogene Auswahl in ihren Berufsentschei­dungen vorgenommen wurde, soll durch die Erfassung von Berufen mit hohem und niedrigem Beschäftigungsrisiko ermittelt werden. Die regionale Arbeits­marktsituation in der untersuchten ländlichen Region zum Zeitpunkt der 95er Erhe­bung lässt nach Anga­ben der Arbeitsämter folgende Unterscheidung zu:


[Seite 199↓]

Sieht man sich nun die Verteilung der Berufswünsche der Landjugendlichen unter die­sem Gesichtspunkt genauer an, so kann festgestellt werden, dass immerhin gut die Hälfte der befragten Schulabgänger einen Beruf mit eher hohen Beschäftigungsrisiken ergrei­fen möchte. Das scheint insgesamt nicht dafür zu sprechen, dass Landjugend­liche bei der Fixierung ihres Berufswunsches die realen Strukturen ihrer Heimatre­gion mit be­dacht haben. Es wird in dieser Frage jedoch ein deutlich ausgeprägter Ge­schlechter­ef­fekt sichtbar. Weibliche Jugendliche präferieren häufiger als männliche Berufe mit eher hohem Beschäftigungsrisiko, was hauptsächlich mit der immer noch bestehenden Kon­zentration von Mädchen in typischen Frauenberufen - wie beispiels­weise in den Berufs­gruppen Körperpflege, Hotelfachfrau, hauswirtschaftliche und Reinigungsbe­rufe - zu­sammenhängt.

Interessanterweise haben die Variablen Sozialstatus, Schulform und Schulleistung auf die Entscheidung der Landjugendlichen für Berufe mit hohen bzw. niedrigen Be­schäf­ti­gungsrisiken keinen Einfluss.

Die bisherigen Betrachtungen zu den Berufswünschen von Jugendlichen auf dem Lande sollen ergänzt werden durch eine Analyse der Mobilitätsbereitschaft. Die Frage ”Wie sicher sind Sie, dass Sie angesichts der Knappheit an Ausbildungs- und Arbeits­plätzen oder wegen Ihres Studienwunsches Ihren jetzigen Wohnort verlassen müs­sen?” wird von knapp der Hälfte (48 Prozent) mit absolut bzw. sehr sicher beantwor­tet. Es könnte nun angenommen werden, dass dies in stärkerem Maße von Jugendli­chen ange­geben wird, die in Landgemeinden wohnen. Bemerkenswert ist jedoch, dass vergleichs­weise deutlich mehr Jugendliche aus Klein­städten der Meinung sind, ihren jetzigen Wohnort verlassen zu müssen (53,4 Prozent).


[Seite 200↓]

Erwartungsgemäß weist die Frage nach der Mobilitätsbereitschaft in den oberen So­zial­schichten einen hohen Grad der Zustimmung auf. Das kann zusammenfassend da­hinge­hend interpretiert werden, dass bei der Fixierung des Berufswunsches in Familien mit hohem Sozialstatus - die häufiger in Kleinstädten wohnen - die tatsächli­chen Zu­gangs- und Realisierungsmöglichkeiten im Ver­gleich zu den anderen Sozial­gruppen bereits stärker mit bedacht werden, d. h. die in der Region ablaufenden Struk­turverän­derungen werden offenbar in diesen Familien umfas­sender berücksichtigt.

Mit der Frage nach dem höchsten Bildungsabschluss, den die Jugendlichen erreichen möchten, lässt sich ausschnitthaft eine Planungsperspektive mit in die Betrachtung ein­beziehen, die stärker auf der reflexiven Ebene der Lebensplanung angesiedelt ist und damit ”grundsätzlich ein Stück individueller Wahlfreiheit (mit) ins Spiel bringt” (Meulemann 1985, S. 276).

In der Tabelle 46 sind der aktuelle Schulbesuch und der gewünschte Bildungsabschluss der Jugendstichprobe von 1995 miteinander kreuztabelliert. Es zeigt sich, dass über 80 Prozent der Hauptschüler Mittlere Reife machen wollen, gut 40 Prozent der Realschü­ler und 30 Prozent der Sekundarschüler das Abitur bzw. einen Hochschulabschluss, und über 70 Prozent der Gymnasiasten möchten einen Hochschulabschluss bzw. sogar den Doktor­grad erwerben. Diese Daten dokumentieren insgesamt, dass ein hoher Pro­zent­satz Jugendlicher auf dem Lande bezüglich ihres angestrebten Bildungsabschlus­ses durchaus ambitioniert ist.


[Seite 201↓]

Tabelle 46: Geplanter Bildungsabschluss und derzeitig besuchte Schule
(Angaben in Prozent)

 

Gegenwärtig besuchte Schulform

 

Gym­nasium

Sekun­darschule

Real­schule

Haupt­schule

geplanter Bildungsabschluss :

    

Hauptschulabschluss

 

2,9

3,9

18,2

Realschulabschluss

 

55,0

43,1

81,8

Abitur

17,3

17,7

29,3

 

Facharbeiterabschluss

9,3

10,4

11,4

 

Hochschulabschluss

52,4

7,2

4,8

 

Doktorgrad

21,0

6,8

7,5

 

Die Statuspassage Landjugendlicher - genauer die Teilpassage von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium - lässt sich analytisch durch verschiedene insti­tu­tionalisierte Übergangswege beschreiben. Zu diesem Zweck wurde zunächst mittels Clusterana­lyse eine entsprechende Gruppenbildung vorgenommen, deren Cluster bzw. Gruppen (so gut wie) homogene Übergangspfade festlegen. Für den Gruppierungsprozess fan­den die Merkmale angestrebter Berufsabschluss sowie Schulniveau Berück­sichti­gung. Das Schulniveau der Jugendlichen wurde auf der Grundlage des jeweils besuch­ten Schul­typs bestimmt. Da das DDR- Schulsystem durch die 10-klassige Ein­heits­schule und der zweijährigen erweiterten Oberschule (EOS)gekennzeichnet war, lässt sich das Schul­ni­veau bzw. der Schulabschluss für das 79er Sample nur zweistufig festle­gen. Demge­gen­über ist für das 95er Sample eine dem Schulsystem der Bundes­republik ent­spre­chende dreistufige Beschreibung erforderlich.

Der angestrebte Berufsabschluss (Hochschul-, Fachschul- bzw. Facharbeiterabschluss) der Jugendlichen wurde aus den Antworten auf die Frage nach den Be­rufswünschen ermittelt.

Die im Ergebnis erhaltenen 3 Übergangspfade lassen sich wie folgt beschreiben:


[Seite 202↓]

Tabelle 47: Beschreibung der Übergangspfade von Landjugendlichen im historischen Vergleich

I.

Abitur/
Hochschulabschluss

II.

10. Klasse/
Fachschulabschluss

III.

10. Klasse
Facharbeiterabschl.

1979

  • ca. drei Viertel mit Abiturabsichten
  • gut 90 Prozent einen Hochschulberuf ergreifen

  • alle mit 10-Klassen-Abschluss
  • alle geben einen Fachschulabschluss an

  • 98 Prozent mit 10-Klassen-Abschluss
  • alle beabsichtigen Facharbeiterabschluss

 
 

Mittlere Reife/Abitur
Hoch- bzw. Fachschul­abschluss

Abitur/
Fachschulabschluss

Hauptschulabschl.- bzw. Mittlere Reife/
Facharbeiter- bzw. Fach­schulabschluss

1995

  • ein Drittel mit Abiturabsichten,
    zwei Drittel mit Realschulabschluss
  • über die Hälfte möchten einen Fachschulabschluss,
    45 Prozent einen Hochschulabschluss

  • alle wollen Abitur
  • 72 Prozent wollen einen Fachschulabschluss,
    fast 30 Prozent einen Facharbeiterabschluss

  • 54 Prozent mit Sekundarschul/ Hauptschulabschluss,
    46 Prozent mit Realschulabschluss
  • gut vier Fünftel wollen einen Facharbeiterberuf ergreifen,
    ca. 17 % einen Beruf mit Fachschulabschluss


[Seite 203↓]

Sieht man sich die auf der Grundlage vergleichbarer Merkmale gebildeten Über­gangs­pfade genauer an, so fällt zunächst generell auf, dass diese für das 79er Sample ver­gleichsweise abgegrenzter und damit klarer beschreibbar erscheinen:

Ein erster Übergangspfad enthält alle Landjugendlichen, die nach dem 10-Klassen-Abschluss beabsichtigen, eine Lehre aufzunehmen, die in der DDR meist mit dem Facharbeiter abschloss.

In einem zweiten Übergangspfad sind die Landjugendlichen vereint, die wiederum mit der 10. Klasse abschließen, dann aber auf die Fachschule gehen möchten.

Der dritte Übergangspfad weist die Jugendlichen aus, die möglichst nach Erwerb des Abiturs ein Hochschulstudium aufnehmen möchten.

Auch im 95er Sample gibt es einen Pfad, der die Jugendlichen umfasst, die nach dem Abitur ein Studium aufnehmen möchten. Allerdings sind hierin mehrheitlich auch die Abgänger mit erfasst, die mit Mittlerer Reife im Anschluss eine Fachschule besu­chen möchten. Zieht man in Betracht, dass die Reglementierungen zum Abitur und damit auch zum Studium - wie sie in der DDR anzutreffen waren - weggefallen sind, so ist dieser Anteil doch vergleichsweise gering.

Der zweite Übergangspfad verweist auf eine interessante Veränderung. Hier sind alle Landjugendlichen enthalten, die planen, nach dem Erwerb des Abiturs entweder eine Fachschule zu besuchen oder lediglich eine Lehre aufzunehmen. Ein entsprechender Übergangspfad lässt sich in der 79er Stichprobe nicht finden.

Auch der dritte Übergangspfad erscheint wesentlich heterogener. Mehrheitlich sind hier die Landjugendlichen mit Mittlerer Reife vertreten, die gedenken, eine Lehre auf­zunehmen und nur zu einem geringen Prozentsatz nach dem Fachschulabschluss stre­ben.

Es fragt sich nun, ob neben qualitativen auch quantitativ zu erfassende Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten in den Übergangspfaden auszumachen sind, die vor allem vor [Seite 204↓]dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Lande von In­te­resse wären.

Tabelle 48: Verteilung der Landjugendlichen auf die Übergangspfade gesamt und nach Geschlecht (Angaben absolut und in Prozent)

 

Übergangs­pfade

1979

1995

gesamt

absol.

männl.

%

weibl.

%

gesamt

absol.

männl.

%

weibl.

%

I.

138

43,5

56,5

172

30,6

69,4

II.

157

20,5

79,5

196

33,2

66,8

III.

532

54,1

45,9

487

59,7

40,3

Wie aus Tabelle 48 ersichtlich, ist die Mächtigkeit der einzelnen Cluster zwar unter­schiedlich, aber zwischen den beiden Stichproben in der Tendenz durchaus gleichar­tig. Demnach wird von den Landjugendlichen zu beiden Messzeitpunkten der Über­gang von der Schule in die Lehrausbildung präferiert, wenn dies auch in der DDR noch in weitaus stärkerem Maße der Fall war. Für fast zwei Drittel der befragten Schulabgänger im Jahre 1979 sollte der Übergang von der Schule in den Beruf über eine Lehrausbildung erfolgen (1995 waren es gut die Hälfte). Letzteres stützt in ge­wis­sem Maße die These von Kohli (1994) und Geißler (1996) von der DDR als ”Facharbeitergesellschaft”.

In beiden Samples sind signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede für die Aus­gestaltung des Übergangs von der Schule in die Berufsausbildung bzw. zum Studium auszumachen. Während die Präferenz für eine Lehrausbildung bei beiden Geschlech­tern im Vergleich zu den anderen Pfaden fast ausgewogen, mit einer leichten Majori­tät bei den männlichen Jugendlichen, erscheint und sich auch über die Zeit diesbe­züglich kaum verändert hat, zeigen die anderen beiden Optionen des Übergangs si­g­nifikante Geschlechtereffekte auch über die Zeit. Mädchen favorisieren im Unter­schied zu den Jungen eher eine Statuspassage über eine Hochschul- bzw. Fachschul­ausbildung, was [Seite 205↓]durch den Erwerb des Abiturs bzw. mindestens der Mittleren Reife gewährleistet wer­den soll.

Aus der Inspektion der Daten geht hervor, dass sich die geschlechtsspezifischen Stra­tegien zur Wahl des Übergangsweges in ländlichen Regionen Ostdeutschlands im hi­storischen Vergleich insofern verändert haben, als 1995 in stärkerem Maße als 1979 im Übergangspfad II auch Jungen anzutreffen sind. Das ist vor allem auf die stärkere Durchmischung mit Schulabgängern, die eine Lehrausbildung bevorzugen, zurück­zu­führen. Die starke Dominanz der Mädchen in dieser Gruppe im Jahre 1979 ist vor al­lem darauf zurückzuführen, dass einige pädagogische und medizinische Be­rufe - wie Kindergärtnerin, Unterstufenlehrerin und Krankenschwester - in der DDR ausge­spro­chene Frauenberufe mit erforderlicher Fachschulqualifikation waren. Zum zweiten Messzeitpunkt trifft das gleichwohl für medizinische, aber kaum noch für pädagogi­sche Berufe zu. 32 Demgegenüber ist der Vorsprung der Mädchen im ersten Über­gangspfad über die Zeit noch größer geworden, d. h. im Jahre 1995 planen mehrheit­lich weibli­che Schulabgänger mit Abitur oder Realschulabschluss ein Stu­dium oder eine Fachschulausbildung.

Man könnte daraus verallgemeinernd den Schluss ziehen, dass weibliche Landjugend­li­che nach dem gesellschaftlichen Umbruch bei ihrer Planung der Statuspassage im Unterschied zur männlichen Altersgruppe verstärkt auf möglichst hohe Bildung set­zen.

Von soziologischem Interesse ist des weiteren, zu erfahren, wie unter den Gege­ben­hei­ten eines gesellschaftlichen Umbruchs Landjugendliche ihre Berufs- und Bil­dungs­wege einschlagen. Im Zentrum steht dabei vor allem die Frage nach den Re­pro­duk­tionsmechanismen im Intergenerationszusammenhang infolge veränderter fami­lia­ler Bedingungen, die sich - wie bereits in der Arbeit nach­gewie­sen - zwischen den Fami­lien auf dem Lande in den letzten 15 Jahren durchaus differenziert ent­wic­kelt ha­ben. In die Betrachtung mit einbezogen werden aber auch schulische Bedin­gun­gen.


[Seite 206↓]

Mittels Diskriminanzanalyse soll untersucht werden, ob und wie sich die durch Clusteranalyse ermittelten drei Übergangspfade hinsichtlich einer Mehrzahl von Va­riablen des familialen und außerfamilialen Umfeldes unterscheiden.

Es gilt im einzelnen herauszufinden, welche sozialisatorischen Bedingun­gen bei der Wahl des Übergangsweges in den Beruf von Bedeutung sind. Die Opera­tionalisie­rung der Variablen für die Mi­kro­sy­steme Familie und Schule wurde bereits im Punkt 4.2. vorgestellt. Zusätzlich werden das Geschlecht und die für die beiden Samples ermittel­ten Wertedimensionen (Punkt 4.2.3.) in die Analyse mit einbezo­gen.

Für die beiden Stichproben 1979 und 1995 wird jeweils eine Diskri­minanzanalyse mit a priori definierten Gruppen gerechnet, d. h. die Wahrscheinlich­keiten im Hin­blick auf die Gruppenzugehörigkeit werden bei Durchführung der Dis­kriminanz­analyse geschätzt. Die Tabellen 49 und 50 zeigen zunächst, wie gut die ein­zelnen in die Analyse aufgenommenen Variablen zwischen den drei Gruppen trennen.

Tabelle 49: Univariate Trennfähigkeit der Variablen in der 79er Stichprobe

Variable

Wilks’Lambda

F-Wert

Signifikanz

Diskriminanzkoeffizient

    

Funktion 1

Funktion 2

Ausstattung

.941

25.47

.000

.419

-.036

Eigenverantwortung

.939

25.91

.000

-.462

.428

Klassenbeziehungen

.993

3.01

.050

-.094

-.051

auf Freunde verlassen

.970

12.41

.000

-.308

-.031

materielle Orientierung

.989

4.56

.011

.051

.217

Systemkonformität

.986

5.79

.003

-.255

.104

soziale Kontrolle

.976

9.9

.000

.101

.208

Sozialstatus

.879

55.29

.000

.740

-.392

Verhältnis zu Eltern

.988

4.96

.007

-.132

.126

Geschlecht

.928

31.48

.000

.333

.774

Schulleistung

.888

51.13

.000

-.714

-.365


[Seite 207↓]

Tabelle 50: Univariate Trennfähigkeit der Variablen in der 95er Stichprobe

Variable

Wilks’Lambda

F-Wert

Signifikanz

Diskriminanzkoeffizient

 

 

 

 

Funktion 1

Funktion 2

Ausstattung

.971

8.76

.000

.151

-.125

Eigenverantwortung

.971

8.88

.000

-.275

-.003

Klassenbeziehungen

.995

1.53

.218

-.036

-.014

Karriereorientierung

.999

.14

.866

-.044

.041

materielle Orientierung

.998

.72

.489

.057

.063

Anpassung

.918

26.78

.000

.473

-.185

soziale Kontrolle

.901

32.98

.000

-.489

.643

Sozialstatus

.936

20.31

.000

.410

-.216

Verhältnis zu Eltern

.999

.33

.720

.085

-.025

Geschlecht

.902

32.51

.000

.457

.822

Schulleistung

.984

4.76

.009

-.171

-.037

Für die 79er Stichprobe trennen alle Variablen signifikant mit einer Irrtumswahr­scheinlichkeit unter 5 %. Am besten trennt der Sozialstatus.

In der 95er Stichprobe fallen die Variablen ”Verhältnis zu den Eltern”, ”materielle Orientierung”, ”Karriereorientierung” und ”Klassenbeziehungen” heraus, die nicht auf dem 5 % Ni­veau signifikant sind. Im Unterschied zum 79er Sample trennt hier die Variable ”soziale Kontrolle” am besten.

Bei der nun folgenden Anwendung der schrittweisen Diskriminanzanalyse werden nur solche Va­riablen in die Diskriminanzfunktion aufgenommen, die signifikant zur Verbesserung der Diskriminanz beitragen. Dazu werden die Variablen - ausgewählt nach Wilks’ Lambda als Gütemaß - einzeln nacheinander in die Diskriminanzfunk­tion einbezogen. Die Ergebnisse der schrittweisen Diskriminanzanaly­se für die je­weiligen Stichproben sind aus den Tabellen 51 und 52 zu entnehmen.


[Seite 208↓]

Tabelle 51: Ergebnis der schrittweisen Diskriminanzanalyse für die 79er Stichprobe

Reihenfolge der

aufgenommenen Variablen

Wilks’Lambda

Signifikanz

stand. kanon. Diskrimi­nanzkoeffizienten

   

Funktion 1

Funktion 2

Sozialstatus

.879

.000

.629

-.343

Schulleistung

.807

.000

-.491

-.350

Geschlecht

.772

.000

.219

.685

Eigenverantwortung

.750

.000

-.239

.486

Tabelle 52: Ergebnis der schrittweisen Diskriminanzanalyse für die 95er Stichprobe

Reihenfolge der

aufgenommenen Variablen

Wilks’Lambda

Signifikanz

stand. kanon. Diskrimi­nanzkoeffizienten

   

Funktion 1

Funktion 2

soziale Kontrolle

.900

.000

-.568

.496

Geschlecht

.786

.000

.638

.744

Anpassung

.738

.000

.447

-.213

Sozialstatus

.704

.000

.356

-.134

Eigenverantwortung

.690

.000

-.268

-.213

Die ”Trefferquoten” in den beiden untersuch­ten Stich­proben von 1979 und 1995 be­tragen 54,9 bzw. 55,8 Prozent.

Bei einem Vergleich der beiden Tabellen fällt zunächst generell auf, dass es zum ei­nen er­wartungsgemäß jeweils einen Zusammenhang mit dem Mikrosystem Familie gibt. An­dererseits kann ein Bezug zum Mikrosystem Schule nur zum ersten Erhe­bungszeit­punkt nachgewiesen werden.


[Seite 209↓]

Zu den Ergebnissen im einzelnen:

Für die 79er Stichprobe ist der Sozialstatus der Eltern für die Wahl des Übergangs­pfades von entscheidender Bedeutung. Ein Übergangspfad, der geringere Bildungs­an­sprüche verlangt, wird häufiger von Jugendlichen gewählt, deren Eltern zu den unte­ren Sozialschichten gehören. Andererseits wird die Ausgestaltung des Über­gangs von der Schule in den Beruf über ein Studium von den oberen Sozialschichten bevorzugt. Auch die Schulleistungen beeinflussen die Wahl des Übergangspfades in den Beruf wesentlich. Schuljugendliche mit schlechteren Schulleistungen präferieren eher einen Übergangspfad, der zu einer tiefergestellten sozialen Position führt, als die Vergleichs­gruppe. Oder anders formuliert: Ein an­gestrebtes höheres Qualifikati­onsniveau korres­pondiert mit besseren Leistungen in der Schule.

Die größte Erklärungskraft für den gewählten Über­gangspfad weist ganz klar der So­zialstatus auf. Damit bestätigt die Diskriminanzanalyse alles in allem die sei­nerzeit bereits in bildungssoziologi­schen Un­tersuchungen dokumentierte Chancenun­gleich­heit zwischen den Familien auf dem Lande (vgl. Herzog/Stompe 1981).

Als weitere Determinanten konnten in der Rangfolge das Geschlecht und die Eigen­verantwortung der Jugend­lichen in ihren Familien ermittelt werden.

In der 95er Stichprobe lässt sich nun der noch vor 15 Jahren deut­lich ausgewiesene Zu­sammenhang mit einem Indikator des schulischen Bereiches nicht mehr doku­mentieren (vgl. Tabelle 52). Auch der einzig in Erscheinung tretende Bezug zum Mikrosystem Familie weist gegenüber 1979 gewisse Veränderungen auf. Neben den ebenfalls festgestellten familialen Indika­toren Sozialstatus und Eigenverantwortung spielt 1995 die ausge­übte soziale Kon­trolle in den Familien gleichfalls eine bedeu­tende Rolle für die Wahl des Über­gangspfades. Jugendliche, die angaben weniger Entscheidungsspielräume in ihren Familien zu haben, bevorzugen eher einen Über­gangspfad, der geringere Bildungsansprüche abverlangt.

Im Unterschied zum 79er Sample fällt außerdem ein deutlicherer Geschlechtereffekt auf. Die Ausgestaltung des Über­gangs von der Schule in den Beruf über ein Studium wird häufiger von den Mädchen bevorzugt. Sie weisen hier die eindeutig höhere Prä­[Seite 210↓]ferenz auf. Das bestätigt die Vermutung, dass Mädchen am Beginn der Statuspas­sage in den Beruf heute verstärkt auf Bildung setz­en.

Der­zeit spielt interessanterweise auch die Wertorientierung ”An­passung” eine er­kennbare Rolle. Jugendliche mit der Ansicht, dass Un­terord­nung, gute Beziehungen und ein politischer Standpunkt wichtig im Alltagsle­ben seien, be­vorzugen eher einen Übergang in die Lehrausbildung.

Für die Bildungspläne und Berufsentscheidungen Landjugendlicher nach der Nor­mal­schulzeit lässt sich zusammenfas­send feststellen, dass die Ausgestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf bei Landjugendlichen nach wie vor in erheb­lichem Maße von den Bedingungen ihres sozia­len Umfeldes geprägt und gesteuert wird. Die Analy­sen belegen, dass sowohl vor als auch nach dem gesellschaftlichen Umbruch in ländli­chen Regionen Ostdeutschlands die so­zialstrukturell differierenden Bedingungen der Herkunftsfamilie prägend für die Wahl des Übergangsweges sind. Für diese Statuspas­sage Landjugendlicher sind der Sozialstatus der noch immer von besonderer Bedeu­tung. Je günstiger bestimmte materielle und kultu­relle Bedin­gun­gen der Herkunfts­familie, um so größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Abiturien­tinnen und Abituri­enten ein Stu­dium auf­nehmen. Über die Zeit zeigen sich signifi­kante geschlechts­spezifische Veränderungen insofern, als Mädchen 1995 im Unter­schied zu den Jun­gen vermehrt auf Bildung setzen.

Während sich die Schulleistungen im 79er Sample noch als ein eminent selektives Merk­mal für den geplanten Übergangspfad erweisen, indem die Schule im Hinblick auf günstige bzw. ungünstige familiale Anregungspotentiale einen belegbaren Ver­stär­ker­effekt aus­übt, lässt sich dieser signifikante Einfluss auf die sozialstrukturell va­riieren­den Über­gangspfade der Landjugendlichen nach dem gesellschaftlichen Um­bruch nicht mehr dokumentieren. 1995 kommen - neben Geschlecht - ausnahmslos soziokulturelle Her­kunftsbedingungen der Landjugendlichen zur Gel­tung, die die Wahl des Übergangsweges in den Beruf festlegen.


Fußnoten und Endnoten

1 Nach den Boustedt-Gemeindetypen lassen sich Stadtregionen und ländliche Regionen voneinander unterscheiden. Die zehn von Boustedt zugrundegelegten Gemeindetypen lassen sich zusammenfassen und ergeben dann die entsprechenden Wohnregionen. Die ländliche Region ergibt sich dementsprechend aus den Gemeindetypen 6 bis 9. Diese vier Typen umfassen Orte mit weniger als50 000 EW.

2 Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (1994) und der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

3 Berechnet nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (Stand 1989) und der Statistischen Jahrbücher der Bezirke Magdeburg undRostock (Stand 1980).

4 Berechnet nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern undSachsen-Anhalt.

5 Zusammengestellt nach Angaben aus dem Sozialreport, II. Quartal 1996, S. 29.

6 Zusammengestellt nach Angaben aus dem Sozialreport, III. Quartal 1995, S. 28 und Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

7 Aus Stompe, A.: Methodik der Untersuchung. a. a. o.. S. 122.

8  Zusammengestellt nach Angaben der Statistischen Landesämter Mecklenburg- Vorpommern und Sachsen-Anhalt (Stand: 1993).

9 Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. In: Statistisches Monatsheft Schleswig-Holstein, Heft 12, 1991, S. 256.

10 2 Die Kriterien dafür sind: eine Einwohnerdichte von unter 130 EW/km2 und ein Anteil der in der Landwirtschaft beschäftigten Personen von über 15 %.

11 Vgl.: Der Arbeitsmarkt im Norden. Landesarbeitsamt Nord, Kiel 1992.

12 Einbezogen sind die in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft Beschäftigten ohne Azubis.

13 Sozialreport Neue Bundesländer. IV. Quartal 1996, S. 12.

14 Sozialreport Neue Bundesländer. II. Quartal 1996, S. 19 und S. 30.

15 Die Zeit. Nr. 52 vom 20.12.1996.

16 Zusammengestellt anhand von Angaben aus dem Sozialreport, III. Quartal 1995, S. 29.

17 Ebenda, S. 30.

18 Die Angabe bezieht sich auf 1993.

19 Sozialreport Neue Bundesländer. IV. Quartal 1996, S. 31.

20 Für 1995 wurde die Varianzanalyse mit der Kovariaten Alter (also unter Auspartialisierung des Alters) gerechnet.

21 Vgl. Wissenschaftlicher Beirat für Frauenpolitik beim BMFJ 1993.

22 Das Verhältnis zu den Eltern wurde als Summenindex aus den Beziehungen zu Vater und Mutter gebildet.

23 Wenn bei allen vier Items mit ”nein” geantwortet wurde, ergibt sich als Höchstwert 8. Für den Vergleich wird lediglich dieser Wert herangezogen.

24 Bei allen vier Items mit ”nein” geantwortet, ergibt dann den Höchstwert von 8. Für den Vergleich wird lediglich dieser Wert herangezogen.

25  Für 1995 wurde die Varianzanalyse mit der Kovariaten Alter gerechnet.

26 Je höher die Mittelwerte ausfallen, desto stärker ist auch der Einfluss der entsprechenden Variablen.

27 Zum ersten Erhebungszeitpunkt wurden Ärzte, Rechtsanwälte zum öffentlichen Dienst zugeordnet - wie in der DDR allgemein üblich - zum zweiten Messzeitpunkt jedoch entsprechend des veränderten Systems als freie Berufe eingegliedert.

28 Statistisches Bundesamt, Fachserie 11, Bildung und Kultur, Reihe 3, Berufliche Bildung 1993, Erhebung zum 31. Dezember, Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsausbildung, Berufsbildungsbericht 95, S. 53 - 54.

29 Entsprechend der geleisteten Arbeit wurde ein Teil des Lohnes in Naturalien (z. B. Getreide) ausgezahlt.

30 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = ungenügend und schlechter.

31 1 = niedriger Sozialschichtindex, 2 = mittlerer Sozialschichtindex, 3 = hoher Sozialschichtindex.

32 Der Beruf der Grundschullehrerin erfordert zum Beispiel gegenwärtig ein abgeschlosse­nes Hochschulstudium im Studiengang Grundschulpädagogik. DerBeruf der Kindergärtne­rin wirdkaum noch gewählt.



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21.09.2004