| Annelie Stompe: Sozialisatorische Voraussetzungen von Statuspassagen Jugendlicher auf dem Lande in Ostdeutschland – ein historischer Vergleich |
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Hauptergebnisse der historischen Vergleichsuntersuchung - zusammenfassende Diskussion
Der Vergleich zweier Jugendkohorten in historischer Perspektive und speziell vor dem Hintergrund eines Systemumbruchs hat interessante Ergebnisse und Einsichten zutage gefördert. Dennoch fällt es schwer, angesichts der Vielfalt der dargelegten Einzelresultate und Zusammenhänge ein Resümee für diese Arbeit zu geben. Ich werde daher eine Vorgehensweise wählen, in der nur solche Hauptergebnisse aufgegriffen werden, die es gestatten, allgemeine Entwicklungstrends für die ländlichen Regionen Ostdeutschlands als auch speziell für die Gestaltung der Übergangsphase Landjugendlicher zu veranschaulichen.
Nachfolgend sollen die sich in historischer Perspektive ergebenden charakteristischen Tendenzen in knapper Form vorgestellt und diskutiert werden:
- Die makrostrukturellen Veränderungen in den ländlichen Regionen dokumentieren insgesamt einen allseitigen sozialen und politischen Systemumbruch. Der Wandel auf dem Lande in Ostdeutschland nach 1989 ist insbesondere geprägt durch die Umwälzungen der Produktions- und Eigentumsverhältnisse, die eine gewisse Spezifik insofern beinhalten, als sie nicht zwangsläufig nur unter dem Aspekt der Veränderung zu betrachten sind, sondern auch den Aspekt der Beständigkeit beinhalten. Aus agrar-industriellen Großbetrieben mit kollektivem Eigentum (ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) haben sich durch die gesellschaftspolitische Umwälzung sowohl eine Zersplitterung der Produktion ergeben durch die Wiedereinrichter, als auch eine erneute Konzentration durch die neuen Formen kollektiver Wirtschaftsweise.
Modernisierungstheoretisch lassen sich diese Veränderungen als eine ”weiterführende Modernisierung” (Zapf 1991) kennzeichnen, die jedoch auch mit restaurativen Elementen (Meier/Möller 1997) verbunden ist. Die in [Seite 212↓]der DDR begonnene Modernisierung ist insofern weiterführend als der Prozess der Freisetzung von Arbeitskräften im primären Wirtschaftssektor (begonnen bereits in den 70er Jahren) fortgesetzt und der Dienstleistungsbereich in ländlichen Regionen weiter ausgebaut wird. Ländliche Regionen in Ostdeutschland befinden sich modernisierungstheoretisch betrachtet zum einen unter einem gewissen Modernisierungsdruck z. B. im Hinblick auf den Tertiärisierungsrückstand, aber auch hinsichtlich übermäßiger Nivellierungen in der vertikalen Ungleichheit. Daneben lassen sich jedoch auch Modernisierungsvorsprünge erkennen, die auf dem Lande beispielsweise zu modernen landwirtschaftlichen Großbetrieben sowie einer besseren beruflichen Grundqualität und auch einem Gleichstellungsvorsprung der Frauen geführt haben.
Der historische Vergleich lässt einen einschneidenden Strukturwandel im Beschäftigungssystem auf dem Lande erkennen, der sich nicht nur quantitativ (Rückgang der Beschäftigungszahlen), sondern vor allem auch qualitativ zeigt.
In den ländlichen Regionen Ostdeutschlands hat die Einführung der Marktwirtschaft sozial polarisierend und auch pluralisierend auf deren Bevölkerung gewirkt - vor allem hervorgerufen durch den Erwerbsstatus. In beiden untersuchten Landkreisen mit einstiger Vollbeschäftigung gab es nicht nur erstmals einen hohen Prozentsatz registrierter Arbeitsloser (im Durchschnitt lag die Zahl Anfang April 1995 bereits bei 17 Prozent), sondern auch der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft sowie in den industriellen und gewerblichen Bereichen ging drastisch zurück. Diese fatale Situation betrifft vor allem die Frauen, von denen sich doppelt so viele in Arbeitslosigkeit befinden wie Männer. Auffallend sind im historischen Vergleich auch auf dem Lande die hohe Zahl von Selbständigen und die Erhöhung des Anteils im Dienstleistungsbereich, die jedoch den Beschäftigungsabbau insgesamt nicht auffangen können (vgl. Baethge et al. 1996).
Die Landwirtschaft als der ehemals führende, strukturbestimmende Wirt[Seite 213↓]schaftszweig ist von den gravierenden Veränderungen des gesellschaftlichen Umbruchs am stärksten betroffen. Diese Veränderungen erfolgten zudem in der ausnehmend kurzen Zeit von nur vier Jahren. In dieser Zeit vollzog sich die Reprivatisierung der einst großen und kollektiven Betriebsformen. Es kam vorzugsweise zur Neugründung von insgesamt 300 einzelbäuerlichen Familienbetrieben in den beiden untersuchten Landkreisen. Gleichwohl konnten sich Großbetriebe auf der Grundlage des bürgerlichen Rechts neu bilden, die allein 70 bis 80 Prozent der Flächen in den beiden untersuchten Kreisen gemeinschaftlich bewirtschaften. Das Wiedererstarken landwirtschaftlicher Großbetriebe im Osten Deutschland ging jedoch einher mit einer erheblichen Entlassungswelle. Der tiefgreifende Anpassungsprozeß in der ostdeutschen Landwirtschaft konstituiert sich in doppelter Hinsicht: zum einen durch den radikalen Umstellungsprozess infolge des Systemwechsels (Auflösung der LPG’s und der mit ihnen verknüpften Eigentumsformen), zum anderen aber auch durch die strukturelle Situation des westdeutschen Agrarbereiches insgesamt (quantitativer Schrumpfungsprozess der Beschäftigtenzahlen). Von daher scheint es gerechtfertigt, den Prozess in der ostdeutschen Landwirtschaft auch als nachholende Marginalisierung zu begreifen (Meyer/Uttitz 1993).
Die Vergleichsuntersuchung deutet außerdem darauf hin, dass in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands eine weitere funktionale Differenzierung in der Art erfolgt, dass durch die weitere Konzentration von Dienstleistungen, Bildungseinrichtungen, Supermärkten, Freizeiteinrichtungen u. a. die Daseinsgrundfunktionen nicht mehr ausschließlich bzw. überwiegend im Dorf, sondern nur noch in der Region befriedigt werden können. Dieser Trend ist bereits durch Untersuchungen für die ländlichen Gebiete Westdeutschlands bestätigt worden und wird von Planck als ”funktionale Dislozierung” bezeichnet (1997, S. 585).
Die Vorstellung, dass im Transformationsprozess alle Mitglieder der Gesellschaft stetig nach oben befördert würden (Beck 1986) - wie für moderne Gesellschaften allgemein angenommen - hat sich für die ländlichen Regio[Seite 214↓]nen Ostdeutschlands als Trugschluss erwiesen. Es trifft eher das zu, was Geißler (1996) beschrieben hat, dass viele bereits in der ersten Etage aussteigen müssen.
- Es war zu erwarten, dass die gravierenden makrostrukturellen Veränderungen auf dem Lande mit hohen Anpassungsleistungen für die auf dem Lande lebenden Familien verbunden sind. Der historische Vergleich zeigt, dass es sozialstrukturell unterschiedliche Auswirkungen des Umbruchs auf die Familien gibt. Die Chancen der Eltern der von uns befragten Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt differieren in starkem Maße nach Geschlecht und sozialer Herkunft. Frauen sind von den Veränderungen am stärksten betroffen, was sich in einer höheren Erwerbslosenquote zeigt. Männern wird es offenbar leichter gemacht, sich auf die neuen Bedingungen der Marktwirtschaft einzustellen.
Der Berufswechsel von ehemals in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften Beschäftigten wurde teilweise dadurch begünstigt, dass auch viele andere Berufstätigkeiten in den LPG’s ausgeübt wurden.
Mit höherem Sozialstatus nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass beide Elternteile verdienen. Demgegenüber nimmt das Beschäftigungsrisiko und die Gefahr der Einkommensarmut und der wohlfahrtsstaatlichen Unterstützung tendenziell mit geringerem Sozialstatus zu. Seit dem 2. Weltkrieg erscheint erstmals eine Armutspopulation
auf dem Lande in Ostdeutschland. Die soziale Differenzierung der Landbevölkerung 1979 war vergleichsweise nicht mit derartigen Risikolagen verbunden. Dennoch wird von über der Hälfte der befragten Familien die eigene wirtschaftliche Situation 1995 im Vergleich zur Situation von 1989 - also unmittelbar vor dem gesellschaftlichen Systemwechsel - als Verbesserung wahrgenommen. Insbesondere bei der Befriedigung von Konsumwünschen wird ein Auf[Seite 215↓]schwung erfahren, der wiederum im Zusammenhang mit dem jeweiligen Sozialstatus steht.
Auch die durch den gesellschaftlichen Umbruch notwendig gewordenen beruflichen Umstellungen in den Familien auf dem Lande werden in Abhängigkeit vom Sozialstatus ganz unterschiedlich gemeistert. Aus dieser Vergleichsuntersuchung lässt sich somit recht gut entnehmen, dass bei der Makro-Mikro-Perspektive der soziale Status eine ganz entscheidende Dimension darstellt.
- In den ostdeutschen Familien auf dem Lande sind im Zeitraum von 15 Jahren die materiellen Ressourcen merklich angestiegen. So haben sich beispielsweise die Wohnbedingungen und die Haushaltsausstattung wesentlich verbessert, wenn auch differenziert nach dem sozialen Status. Der Anteil der Familien mit modern ausgestatteten Wohnungen stieg im betrachteten Zeitraum von 33 Prozent auf 85 Prozent an. Die befragten Jugendlichen hatten seinerzeit zu 69 Prozent ein eigenes Zimmer, 1995 gaben dies sogar 90 Prozent an. Besonders auffallend sind die Verbesserung bei langlebigen und hochwertigen Konsumgütern wie PKW, High-Tech- und Haushaltsgeräten, wo eine Angleichung an den westdeutsche Standard erreicht scheint. Hier bestand offensichtlich ein Nachholbedarf, der aufgeholt werden konnte. Bemerkenswert ist hingegen die Abnahme beim Besitz an kulturtragenden Konsumgütern wie z. B. Büchern. Gleichbleibend ist allerdings die Differenzierung des kulturellen Besitzes nach dem Sozialstatus auch in historischer Perspektive. Folgender Kumulationseffekt ist nach wie vor belegbar: Je höher der Sozialstatus, desto wahrscheinlicher ein großer Besitz an langlebigen und kulturtragenden Konsumgütern und umgekehrt: je geringer der Sozialstatus desto geringer dieser Besitz. Kurzum: Nachteile und Vorteile potenzieren sich unverändert und verstärken soziale Reproduktionstendenzen.
- Die historische Vergleichsuntersuchung auf dem Lande zeigt, dass die Familie nach wie vor als Solidargemeinschaft einen festen Platz in der [Seite 216↓]Sozialstruktur besitzt. Der Rückgriff auf stabile Familienbeziehungen stellt offenbar gerade in ländlichen Gebieten Ostdeutschlands eine notwendige Voraussetzung dar, um den Erfordernissen der bundesdeutschen Gesellschaft gerecht zu werden. Für Landjugendliche lässt sich der Statusübergang in den Beruf unter den Bedingungen der Familie und der durch sie ermöglichten Akkumulation von sozialen und ökonomischen Ressourcen leichter - möglicherweise überhaupt erst - bewältigen.
Die beispielsweise aus Untersuchungen zur Jugendkriminalität in Mecklenburg-Vorpommern abgeleitete Erkenntnis, dass für ostdeutsche Jugendliche nach der Vereinigung eine völlig neue Welt entstand, in der bisherige Bindungen - wie Arbeit und Familie - bröckeln, wenn nicht gar zerbrechen,
lässt sich m. E. so nicht aufrechterhalten. Vielmehr wird aus der vorliegenden Vergleichsuntersuchung eine gegenläufige Tendenz sichtbar, die sehr stark an die Veränderungen in den Familien nach dem zweiten Weltkrieg erinnert (vgl. Schelsky 1950, 1953). Die von Eisenstadt (1966) in seiner Arbeit für die 50er und 60er Jahre beschriebene Funktion der Familie als soziale Schutzzone für den Übergang in den Erwachsenenstatus scheint angesichts der dramatischen Umbruchprozesse auf dem Lande in Ostdeutschland für Landjugendliche, die sich auf die Anforderungen außerhalb der Familie vorzubereiten haben, wieder zuzunehmen. Es gibt auch erste Anzeichen dafür, dass sich die Tendenz verstärkt, sich in die Privatheit der eigenen vier Wände zurückzuziehen.
Insgesamt lässt sich nachweisen, dass Familien einerseits stark von den makrostrukturellen Veränderungen beeinflusst werden, aber auch in spezifischen Handlungsräumen agieren und auf diesen sozialen Wandel reagieren. Die Annahme, dass die Rahmenbedingungen zu veränderten Handlungsstrategien in den Familien führen, lässt sich in historischer Perspektive nicht bestätigen. Vielmehr deutet die historische Vergleichsuntersuchung darauf hin, dass ostdeutsche Landfamilien So[Seite 217↓]lidargemeinschaften sind mit außergewöhnlichen Kontinuitätserfahrungen im Familienalltag (vgl. Meier/Möller 1997, S. 198).
- Die Anpassung an den Wandel in den Familien geht einher mit einer relativ hohen Stabilität innerfamilialer Beziehungen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche wird auf bewährte Praktiken auch bei Schwierigkeiten und Spannungen zurückgegriffen, um zu gemeinsamen Handlungsstrategien zwischen den Generationen in den Landfamilien zu kommen. Ergebnisse, wie sie Elder et al. mit seinen Untersuchungen zu den Familien in Iowa während der Farmkrise in den 80er Jahren erhalten hat (Elder 1992; Conger/Elder 1994), sind in diesem historischen Vergleich nicht nachweisbar. Das bezieht sich insbesondere auf die Annahme, dass ökonomisch ausgelöste Härten verschiedenartigen Familienstress erzeugen, der sich auf die Entwicklung der Kinder negativ auswirkt. Diese interkulturelle Gegenüberstellung erscheint jedoch auch nicht angebracht, da sich schon die Sozialschichten der Familien in Iowa von denen in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands merklich unterscheiden. Zum anderen können die Landfamilien in Ostdeutschland im Unterschied zu Iowa in den letzten 15 Jahren nachweisbar einen hohen Zuwachs an Lebensstandard aufweisen, wenn der auch nach 1989 mit einer sozialen Unsicherheit verbunden ist.
Der historische Vergleich belegt, dass sich die sozialen Beziehungen in den Landfamilien seit 1979 nicht wesentlich verschlechtert haben. Zu fast 90 Prozent werden die Beziehungen zu den Eltern von den Jugendlichen als zufriedenstellend angegeben. Das Verhältnis zur Mutter fällt dabei sogar noch etwas besser aus. Auch die Familien mit ökonomischen Schwierigkeiten erweisen sich als Solidargemeinschaften.
Die innerfamilialen Beziehungen in den Familien lassen in historischer Perspektive insofern eine Veränderung erkennen, als sich das Mitspracherecht der Jungen und Mädchen 1995 höher als seinerzeit in der DDR herausstellt. Im Vergleichszeitraum von 15 Jahren ist auch eine [Seite 218↓]deutliche Zunahme der Freiheitsgrade Schuljugendlicher auf dem Lande nachweisbar. Im Unterschied zu anderen Befunden ist es durch die Umbruchsituation in ländlichen Gebieten folglich zu keiner Vergrößerung der Tendenz zur Ausübung sozialer Kontrolle gekommen. Während Eltern mit einem niedrigeren Sozialstatus vor 15 Jahren tendenziell stärker zur sozialen Kontrolle ihrer Kinder neigten, ist dieser Zusammenhang nach dem Systemumbruch nicht mehr belegbar. Diese Befunde könnten dahingehend interpretiert werden, dass sich die Jugendphase bereits in den 80er Jahren zunehmend in dem Sinne individualisiert hat, dass Jugendliche früher selbständige Entscheidungen treffen, die ehemals erwachsenen Autoritäten unterlagen.
Insgesamt wird eine starke Tradition des Familienlebens aus der DDR fortgesetzt, die durch eine hohe Integration und die Abwesenheit eines Generationenkonflikts gekennzeichnet ist.
- Bei den Alltagsorientierungen treten sowohl generationsübergreifende Gemeinsamkeiten als auch generationsbedingte Unterschiede auf. Für Eltern und Jugendliche gleichermaßen haben die Arbeit betreffende Auffassungen einen zentralen Stellenwert. Eine Arbeit zu besitzen, mit der man zufrieden ist, wird von Landjugendlichen 1995 sogar für noch wichtiger gehalten. Für beide Generationen haben auch ”Beziehungen” eine größere Bedeutung erlangt. Materielle Aspekte spielen bei den Jugendlichen derzeit eine größere Rolle als für ihre Eltern. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass der Systemumbruch von den Jugendlichen stärker als Chance gesehen wird, die Eltern dagegen auch stärker die negativen Seiten sehen. Die Umstellungsprobleme der jungen Generation scheinen also weitaus geringer zu sein, worauf auch andere Autoren hinweisen (Stein 1991; Becker 1997; Klönne/Struller 1997). Der intergenerative Vergleich dieser Untersuchung kann demnach als Bestätigung der These aufgefasst werden, dass sich das Zusammenwachsen von Ost und West vor allem unter jungen Menschen am raschesten vollzieht, was mit der Offenheit Jugendlicher in Verbindung steht, sich gesellschaftlich neu zu definieren.
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Gegenwärtige Diskussionen um den Wertewandel vermitteln den Eindruck, dass im Zuge der Modernisierungsprozesse materielle Werte an Bedeutung verlieren. Das lässt sich durch die ermittelten Befunde nicht bestätigen. Allem Anschein nach setzen wohl postmaterielle Werte die Sättigung materieller Werte voraus. Wenn letztere hinter den Erwartungen zurückbleiben, gewinnen sie bald wieder an Boden. Disparitäten in materiellen Lebenslagen bleiben daher ein dauerhaftes Problem. Dass Geld für ostdeutsche Jugendliche immer wichtiger wird, um sozial mithalten zu können, scheint sich auch durch meine Ergebnisse zu bestätigen.
Insgesamt lässt sich feststellen, dass der bereits zu DDR-Zeiten erfolgte Wertewandel (Friedrich/Förster 1994; Friedrich 1990) es der jungen Generation offenbar erleichtert, in die neue gesellschaftliche Entwicklung hineinzuwachsen. Der Wertewandel vollzieht sich allerdings nicht als Wandel im Sinne Inglehart’s (1979) hin zu postmaterialistischen Werten, sondern - das ist aus dem historischen Vergleich ableitbar - vielmehr als Wandel im Sinne einer Wertesynthese. Jugendliche auf dem Lande sind angehalten, das relativ unvermittelte Nebeneinander von traditionellen Wertorientierungen, gesamtgesellschaftlichen Modernisierungsleitbildern und massenmedial vermittelten Stilen zu verarbeiten.
- Landjugendliche geraten verstärkt unter Flexibilitätsdruck, d. h. sie müssen stabilisierende generationsüberdauernde Strukturen der DDR- Gesellschaft aufgeben. Die Jugendphase ist daher für diese soziale Gruppe mit neuen Risiken behaftet. Die gesellschaftliche Umbruchsituation verlangt von den Landjugendlichen große Anpassungs- und Orientierungsleistungen, also die Notwendigkeit der Selbst- und Fremdverortung in der umgestalteten sozialen Hierarchie der Gesellschaft. Die Lebensbewältigung und Zukunftsgestaltung wird dadurch nachhaltig beeinflusst.
Die soziale Verortung findet in der bundesdeutschen Gesellschaft über die Teilnahme am Arbeitsmarkt statt. Als dominante Norm der Arbeitsgesell[Seite 220↓]schaft wird von den Jugendlichen die Leistungsnorm durchaus anerkannt. Die Ergebnisse des historischen Vergleichs bestätigen den allgemein für Westdeutschland nachgewiesenen Trend der Hofaufgabe und des Berufswechsels auf dem Lande im Generationenwechsel. Der Wandel lässt sich beschreiben als Übergang von der teils kollektiven Tätigkeit im landwirtschaftlichen Betrieb sowie teils selbständigen und mithelfenden Tätigkeit im Familienbetrieb hin zu einer abhängigen Tätigkeit im Fremdbetrieb und öffentlichen Dienst. Damit erfolgt eine soziale Umstrukturierung in der jüngeren Generation aus der Arbeiter - und Bauernschicht in die Schicht der Angestellten. Insbesondere hat auch auf dem Lande die Ausbildung in Büro- und Handelsberufen anteilmäßig unter Jugendlichen stark zugenommen.
- Im Zentrum des Interesses stand in der komparativen Untersuchung die Frage, wie die Landjugendlichen unter krisenhaften Bedingungen mögliche Veränderungen in ihrer Bildungs- und Berufsbiographie vollziehen. Erstaunlich war, dass die Schulabgänger trotz der Veränderungen im Schulsystem und im System der Berufsausbildung die Übergänge in den Beruf im großen und ganzen in altbewährter Weise vollziehen. Im Vergleich zu 1979 wählen die Schulabgänger der 10. Klassen zu fast 80 Prozent - also in etwa soviel - eine Lehrausbildung. Insgesamt sind es beachtliche zwei Drittel. Auch ein großer Teil der Abiturienten - und das hat sich zu 1979 merklich verändert - strebt eine Lehrausbildung an, nur ein Viertel hat vor zu studieren. Wie zu DDR-Zeiten ist in jedem Fall eine Tätigkeit mit einer Ausbildung bei den Schulabgängern beabsichtigt. Es lassen sich insgesamt je drei Übergangspfade ausmachen, die vor allem geschlechtsspezifisch und sozialstrukturell differieren. Im Vergleich zu 1979 treten diesbezüglich keine gravierenden Unterschiede auf. Ein niedriger Sozialstatus der Herkunftsfamilie korrespondiert nach wie vor mit einem kürzeren Bildungsweg, ein höherer Status der Eltern erhöht auf der anderen Seite die Wahrscheinlichkeit von Abitur und Studium.
Bemerkenswert ist die insgesamt stärkere Abgegrenztheit der Über[Seite 221↓]gangswege 1979, die damit auch klarer beschreibbar sind. Die Übergangspfade 1995 weisen demgegenüber insgesamt ein breiteres Spektrum auf. Zum anderen tritt 1995 ein neuer Pfad hervor, der die Landjugendlichen enthält, die nach dem Abitur kein Studium planen, sondern eine Lehre aufnehmen bzw. eine Fachschule besuchen möchten.
Im allgemeinen verlängern sich zwar die Bildungswege für einen Teil der Jugendlichen, aber dennoch sind trotz makrostruktureller Veränderungen die Institutionalisierungen von Schullaufbahnen mehrheitlich beibehalten worden.
Anpassungen und damit Veränderungen zu 1979 haben sich vor allem bei den Berufswünschen der Jugendlichen auf dem Lande ergeben. Die Jugendlichen tragen mit ihren Berufswünschen den sektoralen Veränderungen im Erwerbssystem auf dem Lande insgesamt Rechnung und orientieren sich somit vor allem an urban-industrielle Muster der Modernen.
Auffallend ist bei den Befunden über jugendliche Statuspassagen, dass im historischen Vergleich Veränderungen im Hinblick einer Zunahme von sozialen Risiken infolge der schwierigen Arbeits- und Ausbildungssituation in ländlichen Regionen sichtbar werden, die jedoch nicht als Pluralisierung und Individualisierung von Handlungsspielräumen gedeutet werden dürfen. Denn die in der DDR auf soziale Sicherheit ausgerichtete und rigide gehandhabte Institutionalisierung der Statuspassage ist nicht einer Deinstitutionalisierung gewichen. Ersetzt wurden institutionelle Regelungen des DDR-Systems durch neue, die für den einzelnen zugleich neue Hürden darstellen. Von daher ist es auch erklärbar, dass die Mehrzahl der untersuchten Schulabsolventen auf traditionelle Muster des Übergangs in die Berufsausbildung bzw. Studium zurückgreift. Eine Erosion traditioneller Lebenslaufmuster ist zur Zeit für die Jugendlichen auf dem Lande noch nicht erkennbar. Nach wie vor werden die Lebenslaufregime um die Erwerbsarbeit organisiert.
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Dieser Befund deutet auf eine gewisse Konstanz im historischen Vergleich hin. Denn auch das Muster der Jugendphase in der DDR kann nicht einfach als Übergangsmoratorium beschrieben werden, die ohne jegliche Autonomie des Jugendlichen und monoton verlief. Auf jeden Fall deutet die Vergleichsuntersuchung darauf hin, dass das Modell der biographischen Individualisierung (Schober 1993) zur Beschreibung der Veränderungen jugendlicher Statuspassagen nicht geeignet ist. Allein die Annahme, dass sozialstrukturelle Faktoren für die biographische Planung an Wirksamkeit einbüßen, muss eindeutig zurückgewiesen werden. Für die Gestaltung der Jugendphase ist die Schichtzugehörigkeit nach wie vor entscheidend.
Es bestätigen sich zugleich die sozialen Reproduktionstheorien, denn die Befunde von 1995 zeigen wie auch schon 1979 starke Selbstrekrutierungstendenzen der Sozialschichten. Damit sind Vorstellungen von einer größeren Chancengleichheit für die Heranwachsenden infolge des Systemwandels nicht aufrecht zu erhalten. Die Reproduktionsmechanismen der sozialen Ungleichheit - die Bildungs- und Berufsverläufe - sind mit dem gesellschaftlichen Umbruch nicht außer Kraft gesetzt, sondern verstärken sich eher noch.
- Im Zuge der landwirtschaftlichen und dörflichen Strukturveränderungen ist die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft für die Dörfer rückläufig geworden. Die Landwirtschaft wird als Träger des dörflichen Erwerbslebens durch die Wirtschaftsbereiche des produzierenden Gewerbes und Dienstleistungen abgelöst. Mit der Abnahme der Bedeutung der bäuerlichen Produktionsweise hängt auch zusammen, dass ein ”bäuerliches Ideal” als Leitbild für die Jugendlichen auf dem Lande weitgehend keinerlei Verankerung hat. Der jugendliche Nachwuchs für landwirtschaftliche Berufe geht weiter zurück. Waren es in der Untersuchung von 1979 noch 11 Prozent der Schulabgänger, die einen Beruf in der Landwirtschaft wählten, so sind es in der Befragung von 1995 noch nicht mal 1 Prozent. Meier ist zuzustimmen, dass es in den nächsten Jahren verstärkt zu einem Auseinanderdriften von [Seite 223↓]Lebensweise und Erwerbsarbeit auf dem Lande kommen wird (Meier/Möller 1997, S. 183), ob daraus ableitend jedoch dem bäuerlichen Dasein jegliche Zukunftschancen abgesprochen werden können, ist höchst fraglich. Es wird sich meines Erachtens vielmehr eine bäuerliche Produktion neben der herkömmlichen etablieren, die verstärkt in Nischen produziert (Beispiele wären die Ökobauern oder die Produktion nachwachsender Rohstoffe für die Industrie: von Rapsöl bis hin zu Proteinen). Darauf deuten die Veränderungen in den beiden Landkreisen bereits hin. Das würde einen weiteren Prozess der Ausdifferenzierung der Landwirtschaft bedeuten, der - im Unterschied zur Auffassung Meiers - letztlich auch zu einem Erhalt der landwirtschaftlichen Produktion beitragen könnte, wenn auch in wesentlich geringerem Maße und in qualitativ anderer Art. Bauern könnten so in Zukunft verstärkt zu ”Landschaftspflegern”, ehemals landwirtschaftliche Nutzflächen zu Naturlandschaften verändert werden.
Gleichwohl vollziehen sich in ländlichen Regionen Ostdeutschlands gegenläufige Prozesse des Wandels, die zwischen Vielfalt und Auflösung als Pole der ländlichen Entwicklung aufzufassen sind. Die bislang weitgehende Gleichsetzung von Dorf und Landwirtschaft ist unwiderruflich aufgebrochen. Der Wandel auf dem Lande bedeutet jedoch keine Trennung von der kulturellen Tradition. Auch nach der Ablösung von der bäuerlichen Herkunft bleibt ein Stück ”Dorfkultur” bestehen. Für die Landjugendlichen ist diese nach wie vor durch eine familienbedingte Verankerung im Dorf, zur dörflichen Tradition und zu einer größeren ”Naturnähe” gegeben, daneben besitzen sie aber weitere Lebensmittelpunkte in der Stadt (durch Schule, Ausbildung, Freizeitgestaltung). Böhnisch et al. machen in diesem Zusammenhang deutlich, dass der ländliche Jugendalltag in ”Zwischenwelten” angesiedelt ist, die als spezifische Spannungsverhältnisse, wie zum Beispiel zwischen Dorf, Region, Stadt und Mobilität und Dorfverbundenheit, zu verstehen sind (1991, S. 13).
Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Arbeit, dass viele der gegenwärtigen Probleme ostdeutscher Landjugendlicher an der ersten Schwelle zum Beruf, [Seite 224↓]die zum Teil aus ihrer Sozialisation in der DDR resultieren, weniger ein Ausdruck von Modernisierungsrückständen sind als vielmehr von nicht vorhandenen gesellschaftlichen Bedingungen, moderne Orientierungen auch auszuleben. Landjugendliche bekunden mit ihren Einstellungen, Orientierungen und Handlungsstrategien grundsätzlich, dass sie mit Zuversicht und Optimismus ihre Integration in die neue Gesellschaft in Angriff nehmen.
Die definierte Armutsgrenze liegt bei weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens.
Vgl.: Die Zeit, Nr. 52, vom 20.12.1996.
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| DiML DTD Version 3.0 | Zertifizierter Dokumentenserver der Humboldt-Universität zu Berlin | HTML-Version erstellt am: 21.09.2004 |