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5  Hauptergebnisse der historischen Vergleichsuntersuchung - zusammenfassende Diskussion

Der Vergleich zweier Jugendkohorten in historischer Perspektive und speziell vor dem Hintergrund eines Systemumbruchs hat interessante Ergebnisse und Einsichten zutage gefördert. Dennoch fällt es schwer, angesichts der Vielfalt der dargelegten Einzelresul­tate und Zusammenhänge ein Resümee für diese Arbeit zu geben. Ich werde daher eine Vorgehensweise wählen, in der nur solche Hauptergebnisse aufge­griffen wer­den, die es gestatten, allgemeine Entwicklungstrends für die ländlichen Regionen Ost­deutschlands als auch speziell für die Gestaltung der Übergangsphase Landjugendli­cher zu veranschau­lichen.

Nachfolgend sollen die sich in historischer Perspektive ergebenden charakteristi­schen Tendenzen in knapper Form vorgestellt und dis­ku­tiert werden:

  1. Die makrostrukturellen Veränderungen in den ländlichen Regionen dokumentie­ren insgesamt einen all­sei­tigen sozialen und politischen System­umbruch. Der Wandel auf dem Lande in Ostdeutschland nach 1989 ist insbe­sondere geprägt durch die Umwäl­zungen der Produktions- und Eigentums­verhältnisse, die eine gewisse Spe­zifik in­sofern beinhalten, als sie nicht zwangsläufig nur unter dem Aspekt der Ver­ände­rung zu betrachten sind, sondern auch den Aspekt der Be­stän­digkeit beinhal­ten. Aus agrar-indus­triellen Großbetrieben mit kollektivem Ei­gen­tum (ehemalige Landwirt­schaftliche Pro­duktionsgenossenschaften) haben sich durch die gesell­schaftspolitische Umwäl­zung sowohl eine Zersplitte­rung der Pro­duktion er­geben durch die Wie­dereinrich­ter, als auch eine erneute Konzentration durch die neuen Formen kollektiver Wirt­schaftsweise.

    Modernisie­rungstheoretisch lassen sich diese Veränderungen als eine ”weiterfüh­rende Modernisierung” (Zapf 1991) kennzeich­nen, die jedoch auch mit restaurati­ven Elementen (Meier/Möller 1997) verbunden ist. Die in [Seite 212↓]der DDR be­gonnene Modernisierung ist insofern weiterführend als der Pro­zess der Freisetzung von Ar­beitskräften im primären Wirtschaftssektor (be­gonnen bereits in den 70er Jahren) fortgesetzt und der Dienstleistungsbereich in ländlichen Regionen weiter ausge­baut wird. Ländliche Regionen in Ost­deutsch­land befinden sich modernisie­rungstheoretisch betrachtet zum einen unter einem gewis­sen Modernisierungs­druck z. B. im Hinblick auf den Tertiärisie­rungsrück­stand, aber auch hinsichtlich über­mäßi­ger Nivellierun­gen in der vertikalen Ungleichheit. Daneben lassen sich je­doch auch Moder­nisierungsvorsprünge erken­nen, die auf dem Lande beispiels­weise zu modernen landwirtschaftlichen Großbetrieben sowie einer besseren be­rufli­chen Grundqualität und auch einem Gleich­stellungsvorsprung der Frauen ge­führt ha­ben.

    Der historische Vergleich lässt einen einschneidenden Strukturwandel im Be­schäfti­gungssystem auf dem Lande erkennen, der sich nicht nur quantita­tiv (Rückgang der Beschäftigungszah­len), sondern vor allem auch qualitativ zeigt.

    In den ländlichen Regionen Ostdeutschlands hat die Einführung der Markt­wirt­schaft sozial polarisierend und auch plura­lisierend auf deren Bevölke­rung gewirkt - vor allem hervorgerufen durch den Erwerbsstatus. In beiden untersuchten Land­kreisen mit einstiger Vollbeschäftigung gab es nicht nur erstmals einen hohen Pro­zentsatz regi­strierter Arbeitsloser (im Durchschnitt lag die Zahl Anfang April 1995 bereits bei 17 Prozent), sondern auch der Anteil der Beschäftigten in der Landwirt­schaft sowie in den industriellen und gewerblichen Bereichen ging dra­stisch zu­rück. Diese fatale Si­tuation betrifft vor allem die Frauen, von denen sich doppelt so viele in Arbeitslo­sigkeit befinden wie Männer. Auffallend sind im hi­storischen Vergleich auch auf dem Lande die hohe Zahl von Selbständigen und die Erhöhung des An­teils im Dienstlei­stungs­bereich, die jedoch den Beschäfti­gungs­abbau insge­samt nicht auf­fangen können (vgl. Baethge et al. 1996).

    Die Landwirtschaft als der ehemals führende, strukturbestimmende Wirt­[Seite 213↓]schafts­zweig ist von den gravierenden Verän­derungen des gesellschaftli­chen Umbruchs am stärksten betroffen. Diese Verände­rungen erfolgten zudem in der ausnehmend kurzen Zeit von nur vier Jahren. In dieser Zeit vollzog sich die Repri­vatisierung der einst gro­ßen und kollektiven Be­triebsformen. Es kam vor­zugsweise zur Neu­grün­dung von insgesamt 300 einzel­bäuerlichen Familienbetrie­ben in den beiden unter­suchten Landkreisen. Gleich­wohl konnten sich Großbe­triebe auf der Grund­lage des bür­gerlichen Rechts neu bilden, die allein 70 bis 80 Prozent der Flä­chen in den bei­den untersuchten Kreisen ge­meinschaftlich bewirt­schaften. Das Wieder­erstarken landwirt­schaftli­cher Großbe­triebe im Osten Deutschland ging jedoch einher mit ei­ner er­heb­lichen Entlas­sungs­welle. Der tiefgreifende Anpassungspro­zeß in der ost­deut­schen Landwirtschaft konstituiert sich in doppelter Hinsicht: zum einen durch den radi­kalen Umstellungsprozess infolge des Systemwechsels (Auflösung der LPG’s und der mit ihnen ver­knüpften Eigentums­formen), zum an­deren aber auch durch die strukturelle Situa­tion des west­deutschen Agrar­bereiches insgesamt (quantitativer Schrumpfungsprozess der Beschäf­tigtenzahlen). Von da­her scheint es gerechtfer­tigt, den Prozess in der ost­deutschen Land­wirtschaft auch als nachholende Margi­na­lisierung zu begrei­fen (Meyer/Uttitz 1993).

    Die Vergleichsuntersuchung deutet außerdem darauf hin, dass in den ländli­chen Regio­nen Ost­deutschlands eine weitere funktionale Differenzierung in der Art er­folgt, dass durch die weitere Konzentration von Dienstleistungen, Bildungseinrich­tungen, Su­permärk­ten, Freizeiteinrichtungen u. a. die Daseins­grundfunktionen nicht mehr ausschließ­lich bzw. überwiegend im Dorf, sondern nur noch in der Re­gion befrie­digt werden können. Dieser Trend ist bereits durch Untersuchungen für die ländli­chen Gebiete West­deutschlands bestätigt worden und wird von Planck als ”funktionale Dislozie­rung” bezeichnet (1997, S. 585).

    Die Vorstellung, dass im Transformationsprozess alle Mit­glieder der Gesell­schaft stetig nach oben befördert würden (Beck 1986) - wie für mo­derne Gesellschaften allgemein angenommen - hat sich für die ländlichen Regio­[Seite 214↓]nen Ostdeutschlands als Trugschluss erwiesen. Es trifft eher das zu, was Geißler (1996) beschrieben hat, dass viele bereits in der ersten Etage aus­steigen müssen.

  2. Es war zu erwarten, dass die gravierenden makrostrukturellen Veränderungen auf dem Lande mit hohen Anpassungsleistungen für die auf dem Lande lebenden Fa­milien verbunden sind. Der historische Vergleich zeigt, dass es sozialstrukturell un­terschiedliche Auswirkungen des Umbruchs auf die Familien gibt. Die Chan­cen der Eltern der von uns befragten Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt differieren in starkem Maße nach Ge­schlecht und sozialer Her­kunft. Frauen sind von den Ver­än­derungen am stärksten betroffen, was sich in einer höheren Erwerbslosen­quote zeigt. Männern wird es offenbar leichter gemacht, sich auf die neuen Bedingun­gen der Marktwirtschaft einzustellen.

    Der Berufswechsel von ehemals in den Land­wirt­schaftlichen Produktionsgenos­sen­schaften Beschäftigten wurde teilweise da­durch begünstigt, dass auch viele an­dere Berufstätigkeiten in den LPG’s ausgeübt wur­den.

    Mit höherem Sozialstatus nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass beide Elternteile verdienen. Demgegenüber nimmt das Beschäftigungsrisiko und die Gefahr der Ein­kommensarmut und der wohlfahrtsstaatlichen Unterstützung tendenziell mit gerin­gerem Sozial­status zu. Seit dem 2. Weltkrieg erscheint erstmals eine Armuts­popu­lation 1 auf dem Lande in Ostdeutschland. Die soziale Differenzierung der Landbe­völke­rung 1979 war ver­gleichsweise nicht mit derartigen Risikolagen ver­bunden. Den­noch wird von über der Hälfte der befragten Familien die eigene wirtschaftliche Situation 1995 im Vergleich zur Situation von 1989 - also unmit­telbar vor dem ge­sellschaftlichen Systemwechsel - als Verbesserung wahrge­nommen. Insbesondere bei der Befriedi­gung von Konsumwünschen wird ein Auf­[Seite 215↓]schwung erfahren, der wie­derum im Zusammenhang mit dem jeweiligen Sozial­status steht.

    Auch die durch den gesellschaftlichen Umbruch notwendig gewordenen berufli­chen Umstellungen in den Familien auf dem Lande werden in Abhängigkeit vom Sozialstatus ganz unterschied­lich gemeistert. Aus dieser Vergleichsuntersuchung lässt sich somit recht gut entnehmen, dass bei der Ma­kro-Mikro-Perspektive der so­ziale Sta­tus eine ganz entscheidende Dimension dar­stellt.

  3. In den ostdeutschen Familien auf dem Lande sind im Zeitraum von 15 Jahren die materiellen Ressourcen merklich angestiegen. So haben sich beispielsweise die Wohnbedingungen und die Haushaltsausstattung wesentlich verbessert, wenn auch differenziert nach dem sozialen Status. Der Anteil der Familien mit modern ausge­statteten Wohnungen stieg im betrachteten Zeitraum von 33 Prozent auf 85 Prozent an. Die befragten Jugendlichen hatten seinerzeit zu 69 Prozent ein eigenes Zimmer, 1995 gaben dies sogar 90 Prozent an. Besonders auffallend sind die Ver­besserung bei langlebigen und hochwertigen Konsumgütern wie PKW, High-Tech- und Haushaltsgeräten, wo eine Angleichung an den westdeutsche Standard erreicht scheint. Hier bestand offensichtlich ein Nachholbedarf, der aufgeholt werden konnte. Bemer­kenswert ist hingegen die Abnahme beim Besitz an kultur­tragenden Konsumgütern wie z. B. Büchern. Gleichbleibend ist allerdings die Dif­ferenzie­rung des kulturellen Besitzes nach dem Sozialstatus auch in historischer Perspek­tive. Folgender Kumulationsef­fekt ist nach wie vor belegbar: Je höher der Sozial­status, desto wahrscheinlicher ein großer Besitz an langlebigen und kultur­tragen­den Kon­sumgütern und umgekehrt: je geringer der Sozialstatus desto gerin­ger dieser Besitz. Kurzum: Nachteile und Vorteile potenzieren sich unverändert und verstärken so­ziale Reproduktionstendenzen.

  4. Die historische Vergleichsuntersuchung auf dem Lande zeigt, dass die Familie nach wie vor als Solidargemeinschaft einen festen Platz in der [Seite 216↓]Sozialstruktur be­sitzt. Der Rück­griff auf stabile Familienbeziehungen stellt offenbar gerade in ländlichen Ge­bie­ten Ostdeutschlands eine notwendige Voraussetzung dar, um den Erfordernissen der bundesdeutschen Gesellschaft gerecht zu werden. Für Landju­gendliche lässt sich der Statusübergang in den Beruf unter den Be­dingungen der Familie und der durch sie ermöglichten Akkumulation von sozia­len und öko­no­mischen Ressourcen leichter - möglicherweise überhaupt erst - bewältigen.

    Die beispielsweise aus Un­tersuchungen zur Jugendkriminalität in Mecklenburg-Vor­pommern abgelei­tete Er­kenntnis, dass für ostdeutsche Jugendliche nach der Ver­einigung eine völlig neue Welt entstand, in der bisherige Bindungen - wie Ar­beit und Familie - bröc­keln, wenn nicht gar zerbrechen, 2 lässt sich m. E. so nicht aufrechterhalten. Vielmehr wird aus der vor­liegenden Vergleichsuntersu­chung eine gegenläufige Tendenz sichtbar, die sehr stark an die Veränderungen in den Fami­lien nach dem zweiten Weltkrieg erinnert (vgl. Schelsky 1950, 1953). Die von Eisen­stadt (1966) in seiner Arbeit für die 50er und 60er Jahre beschriebene Funk­tion der Familie als soziale Schutz­zone für den Übergang in den Erwachse­nenstatus scheint angesichts der dramati­schen Um­bruchprozesse auf dem Lande in Ost­deutschland für Landjugendliche, die sich auf die Anforde­rungen außerhalb der Familie vorzu­bereiten haben, wieder zuzuneh­men. Es gibt auch erste Anzei­chen dafür, dass sich die Tendenz verstärkt, sich in die Privatheit der eigenen vier Wände zurückzuzie­hen.

    Insgesamt lässt sich nachweisen, dass Familien einerseits stark von den ma­kro­struk­turellen Veränderungen beeinflusst werden, aber auch in spezifischen Hand­lungs­räumen agieren und auf diesen sozialen Wandel reagieren. Die An­nahme, dass die Rahmenbedingungen zu veränderten Handlungsstrategien in den Familien führen, lässt sich in historischer Perspektive nicht bestätigen. Vielmehr deutet die historische Vergleichsunter­suchung darauf hin, dass ostdeutsche Land­familien So­[Seite 217↓]lidargemein­schaften sind mit außergewöhnlichen Konti­nuitätserfah­rungen im Familienall­tag (vgl. Meier/Möller 1997, S. 198).

  5. Die Anpassung an den Wandel in den Familien geht einher mit einer relativ hohen Stabilität innerfamilialer Beziehungen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Um­brü­che wird auf bewährte Praktiken auch bei Schwierigkeiten und Spannungen zu­rückgegriffen, um zu gemeinsamen Handlungsstrategien zwischen den Genera­tio­nen in den Landfamilien zu kommen. Ergebnisse, wie sie Elder et al. mit seinen Untersuchungen zu den Familien in Iowa während der Farmkrise in den 80er Jah­ren erhalten hat (Elder 1992; Conger/Elder 1994), sind in diesem hi­stori­schen Vergleich nicht nach­weisbar. Das bezieht sich insbesondere auf die An­nahme, dass ökonomisch ausge­löste Här­ten verschiedenartigen Familienstress erzeu­gen, der sich auf die Entwick­lung der Kinder negativ auswirkt. Diese inter­kulturelle Gegenüberstellung erscheint jedoch auch nicht angebracht, da sich schon die So­zi­alschichten der Familien in Iowa von denen in den ländlichen Re­gionen Ost­deutsch­lands merklich unterscheiden. Zum anderen können die Land­familien in Ostdeutschland im Unterschied zu Iowa in den letzten 15 Jahren nachweisbar ei­nen hohen Zuwachs an Lebensstandard aufweisen, wenn der auch nach 1989 mit einer sozia­len Unsicherheit verbunden ist.

    Der historische Vergleich belegt, dass sich die sozialen Beziehungen in den Land­fa­milien seit 1979 nicht we­sentlich verschlechtert haben. Zu fast 90 Pro­zent wer­den die Beziehungen zu den Eltern von den Jugendlichen als zufrie­denstel­lend ange­geben. Das Verhält­nis zur Mutter fällt dabei sogar noch et­was besser aus. Auch die Familien mit ökonomi­schen Schwierigkeiten erweisen sich als Solidar­ge­mein­schaften.

    Die innerfamilialen Beziehungen in den Familien lassen in historischer Perspek­tive insofern eine Veränderung erkennen, als sich das Mitspracherecht der Jungen und Mäd­chen 1995 höher als seinerzeit in der DDR herausstellt. Im Vergleichs­zeitraum von 15 Jahren ist auch eine [Seite 218↓]deutliche Zunahme der Frei­heits­grade Schuljugendli­cher auf dem Lande nachweisbar. Im Unter­schied zu an­de­ren Be­funden ist es durch die Umbruchsituation in ländlichen Ge­bieten folglich zu kei­ner Vergrößerung der Tendenz zur Ausübung sozialer Kon­trolle gekom­men. Während Eltern mit ei­nem niedrigeren Sozialstatus vor 15 Jah­ren tenden­ziell stär­ker zur sozialen Kon­trolle ihrer Kinder neigten, ist dieser Zu­sammenhang nach dem Systemumbruch nicht mehr belegbar. Diese Befunde könnten da­hinge­hend in­terpretiert werden, dass sich die Jugendphase bereits in den 80er Jah­ren zu­neh­mend in dem Sinne indivi­dualisiert hat, dass Jugendliche früher selb­ständige Ent­scheidun­gen treffen, die ehemals erwachsenen Autori­täten unterla­gen.

    Insgesamt wird eine starke Tradition des Familienlebens aus der DDR fortgesetzt, die durch eine hohe Integration und die Abwesenheit eines Generationenkonflikts gekennzeichnet ist.

  6. Bei den Alltagsorientierungen treten sowohl generationsübergreifende Gemein­sam­keiten als auch generationsbedingte Unterschiede auf. Für Eltern und Jugend­liche gleichermaßen haben die Arbeit betreffende Auffassungen einen zentralen Stel­len­wert. Eine Arbeit zu besitzen, mit der man zufrieden ist, wird von Landju­gendli­chen 1995 sogar für noch wichtiger gehalten. Für beide Generationen haben auch ”Beziehungen” eine größere Bedeutung erlangt. Materielle Aspekte spielen bei den Jugendlichen derzeit eine größere Rolle als für ihre Eltern. Insgesamt deu­ten die Ergebnisse darauf hin, dass der Systemumbruch von den Jugendlichen stär­ker als Chance gesehen wird, die Eltern dagegen auch stärker die negativen Seiten sehen. Die Umstellungsprobleme der jungen Generation scheinen also weit­aus ge­ringer zu sein, worauf auch andere Autoren hinweisen (Stein 1991; Becker 1997; Klönne/Struller 1997). Der intergenerative Vergleich dieser Untersuchung kann demnach als Bestätigung der These aufgefasst werden, dass sich das Zusam­men­wachsen von Ost und West vor allem unter jungen Men­schen am raschesten voll­zieht, was mit der Of­fenheit Ju­gendli­cher in Verbindung steht, sich gesell­schaft­lich neu zu definieren.
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    Gegenwärtige Diskussionen um den Wertewandel vermitteln den Eindruck, dass im Zuge der Modernisierungsprozesse materielle Werte an Bedeutung verlieren. Das lässt sich durch die ermittelten Befunde nicht bestätigen. Allem Anschein nach setzen wohl postmaterielle Werte die Sättigung materieller Werte voraus. Wenn letztere hinter den Erwartungen zurückbleiben, gewinnen sie bald wieder an Boden. Dis­paritäten in materiellen Lebenslagen bleiben daher ein dauer­haftes Problem. Dass Geld für ostdeutsche Jugendliche immer wichtiger wird, um sozial mithalten zu können, scheint sich auch durch meine Ergebnisse zu bestätigen.

    Insgesamt lässt sich feststellen, dass der bereits zu DDR-Zeiten erfolgte Werte­wan­del (Friedrich/Förster 1994; Friedrich 1990) es der jungen Generation offenbar er­leichtert, in die neue ge­sellschaftliche Entwicklung hineinzuwachsen. Der Werte­wandel vollzieht sich al­lerdings nicht als Wan­del im Sinne Inglehart’s (1979) hin zu postmaterialistischen Werten, sondern - das ist aus dem historischen Vergleich ab­leitbar - vielmehr als Wandel im Sinne einer Wertesynthese. Jugendliche auf dem Lande sind angehalten, das relativ unvermittelte Nebeneinander von traditio­nellen Wertorientierungen, gesamtgesell­schaftlichen Modernisierungsleitbildern und mas­senmedial vermittelten Stilen zu verarbeiten.

  7. Landjugendliche geraten verstärkt unter Flexibilitätsdruck, d. h. sie müssen stabi­li­sierende generationsüberdauernde Strukturen der DDR- Gesellschaft aufgeben. Die Jugendphase ist daher für diese soziale Gruppe mit neuen Risiken behaftet. Die ge­sellschaftliche Umbruchsituation verlangt von den Landju­gendli­chen große Anpas­sungs- und Orientierungslei­stungen, also die Notwendigkeit der Selbst- und Fremdverortung in der um­gestalteten sozialen Hier­archie der Gesellschaft. Die Le­bensbewältigung und Zukunftsgestaltung wird dadurch nachhaltig beeinflusst.

    Die soziale Verortung findet in der bundesdeutschen Gesellschaft über die Teil­nahme am Arbeitsmarkt statt. Als dominante Norm der Arbeitsgesell­[Seite 220↓]schaft wird von den Jugendlichen die Leistungsnorm durchaus anerkannt. Die Er­gebnisse des historischen Vergleichs bestätigen den allgemein für Westdeutsch­land nachgewie­senen Trend der Hofaufgabe und des Berufswechsels auf dem Lande im Genera­ti­onenwechsel. Der Wandel lässt sich beschreiben als Übergang von der teils kol­lek­tiven Tätigkeit im landwirtschaftlichen Betrieb sowie teils selbständigen und mit­hel­fenden Tätig­keit im Familienbetrieb hin zu einer abhän­gigen Tätigkeit im Fremdbe­trieb und öffentli­chen Dienst. Damit erfolgt eine so­ziale Umstrukturie­rung in der jüngeren Generation aus der Arbeiter - und Bauern­schicht in die Schicht der An­gestellten. Insbesondere hat auch auf dem Lande die Ausbildung in Büro- und Handelsberu­fen anteilmäßig unter Jugendlichen stark zuge­nommen.

  8. Im Zentrum des Interesses stand in der komparativen Untersuchung die Frage, wie die Landjugendlichen unter krisenhaften Bedingungen mögliche Veränderun­gen in ihrer Bildungs- und Berufsbiographie vollziehen. Erstaunlich war, dass die Schulab­gänger trotz der Veränderungen im Schulsystem und im System der Be­rufsausbil­dung die Übergänge in den Beruf im großen und ganzen in altbewährter Weise voll­ziehen. Im Vergleich zu 1979 wählen die Schulabgänger der 10. Klas­sen zu fast 80 Prozent - also in etwa soviel - eine Lehrausbildung. Insgesamt sind es beachtli­che zwei Drittel. Auch ein großer Teil der Abiturienten - und das hat sich zu 1979 merklich verändert - strebt eine Lehrausbildung an, nur ein Viertel hat vor zu stu­dieren. Wie zu DDR-Zeiten ist in jedem Fall eine Tä­tigkeit mit einer Ausbildung bei den Schulabgängern beabsichtigt. Es lassen sich insgesamt je drei Übergangs­pfade ausma­chen, die vor allem geschlechtsspezifisch und sozial­struk­turell differie­ren. Im Vergleich zu 1979 treten diesbezüglich keine gravierenden Unter­schiede auf. Ein niedriger Sozialstatus der Herkunftsfamilie korrespondiert nach wie vor mit einem kürzeren Bildungsweg, ein höherer Status der Eltern er­höht auf der anderen Seite die Wahrscheinlichkeit von Abitur und Studium.

    Bemerkenswert ist die insgesamt stärkere Abge­grenzt­heit der Über­[Seite 221↓]gangswege 1979, die damit auch klarer beschreibbar sind. Die Über­gangspfade 1995 weisen demge­genüber insgesamt ein breiteres Spektrum auf. Zum anderen tritt 1995 ein neuer Pfad hervor, der die Landjugendlichen ent­hält, die nach dem Abitur kein Studium planen, sondern eine Lehre aufnehmen bzw. eine Fachschule besuchen möchten.

    Im allgemeinen verlängern sich zwar die Bildungswege für einen Teil der Ju­gendli­chen, aber dennoch sind trotz makrostruktureller Veränderungen die Institu­tionali­sierungen von Schullaufbahnen mehrheitlich beibehalten worden.

    Anpassungen und damit Veränderungen zu 1979 haben sich vor allem bei den Be­rufswünschen der Jugendlichen auf dem Lande ergeben. Die Jugendlichen tragen mit ihren Berufswünschen den sektoralen Veränderungen im Erwerbssystem auf dem Lande insgesamt Rechnung und orientieren sich somit vor allem an urban-in­dustrielle Muster der Modernen.

    Auffallend ist bei den Befunden über jugendliche Statuspassagen, dass im histori­schen Vergleich Veränderungen im Hinblick einer Zunahme von sozialen Risiken infolge der schwierigen Arbeits- und Ausbildungssituation in ländlichen Regio­nen sichtbar werden, die jedoch nicht als Pluralisierung und Individualisierung von Handlungsspielräumen gedeutet werden dürfen. Denn die in der DDR auf so­ziale Sicherheit ausgerichtete und rigide gehandhabte Institutionalisierung der Sta­tuspas­sage ist nicht einer Deinstitutionalisierung gewichen. Ersetzt wurden in­sti­tu­tionelle Regelungen des DDR-Systems durch neue, die für den einzelnen zu­gleich neue Hürden darstellen. Von daher ist es auch erklärbar, dass die Mehrzahl der unter­suchten Schulabsolventen auf traditionelle Muster des Übergangs in die Berufs­ausbildung bzw. Studium zurückgreift. Eine Erosion traditioneller Lebens­lauf­mu­ster ist zur Zeit für die Jugendlichen auf dem Lande noch nicht erkennbar. Nach wie vor wer­den die Lebenslaufregime um die Erwerbsarbeit organisiert.
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    Dieser Befund deutet auf eine gewisse Konstanz im historischen Vergleich hin. Denn auch das Muster der Jugendphase in der DDR kann nicht einfach als Über­gangsmoratorium beschrieben werden, die ohne jegliche Autonomie des Jugendli­chen und monoton verlief. Auf jeden Fall deutet die Vergleichsuntersuchung dar­auf hin, dass das Modell der biographischen Individualisierung (Schober 1993) zur Beschreibung der Veränderungen jugendlicher Statuspassagen nicht geeignet ist. Allein die An­nahme, dass sozialstrukturelle Faktoren für die biographische Pla­nung an Wirk­sam­keit einbüßen, muss eindeutig zurückgewiesen werden. Für die Gestal­tung der Ju­gendphase ist die Schichtzugehörigkeit nach wie vor entschei­dend.

    Es bestätigen sich zugleich die sozialen Reproduktionstheorien, denn die Befunde von 1995 zeigen wie auch schon 1979 starke Selbstrekrutierungstendenzen der Sozialschichten. Damit sind Vorstellungen von einer größeren Chancengleichheit für die Heranwachsenden infolge des Systemwandels nicht aufrecht zu erhalten. Die Reproduktionsmechanismen der sozialen Ungleichheit - die Bildungs- und Be­rufsverläufe - sind mit dem gesellschaftlichen Umbruch nicht außer Kraft ge­setzt, sondern verstärken sich eher noch.

  9. Im Zuge der landwirtschaft­lichen und dörflichen Strukturveränderungen ist die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft für die Dörfer rückläufig geworden. Die Landwirtschaft wird als Träger des dörflichen Erwerbslebens durch die Wirt­schaftsbereiche des produzie­renden Gewerbes und Dienstleistungen abgelöst. Mit der Abnahme der Bedeutung der bäuerlichen Produktionsweise hängt auch zu­sammen, dass ein ”bäuerliches Ideal” als Leitbild für die Ju­gendlichen auf dem Lande weitgehend keinerlei Verankerung hat. Der jugendliche Nachwuchs für landwirtschaftliche Berufe geht weiter zurück. Waren es in der Untersuchung von 1979 noch 11 Prozent der Schulabgänger, die einen Beruf in der Landwirtschaft wählten, so sind es in der Befragung von 1995 noch nicht mal 1 Prozent. Meier ist zuzustimmen, dass es in den nächsten Jahren verstärkt zu einem Auseinanderdrif­ten von [Seite 223↓]Lebensweise und Erwerbsarbeit auf dem Lande kommen wird (Meier/Möller 1997, S. 183), ob daraus ableitend jedoch dem bäuerlichen Dasein jegliche Zu­kunftschancen abgesprochen werden können, ist höchst fraglich. Es wird sich mei­nes Erachtens vielmehr eine bäuerliche Produktion neben der her­kömmlichen eta­blieren, die verstärkt in Nischen produziert (Beispiele wären die Ökobauern oder die Produk­tion nachwachsender Rohstoffe für die Industrie: von Rapsöl bis hin zu Proteinen). Darauf deuten die Veränderungen in den beiden Landkreisen bereits hin. Das würde einen weiteren Prozess der Ausdifferenzierung der Landwirtschaft bedeuten, der - im Unterschied zur Auffassung Meiers - letzt­lich auch zu einem Erhalt der land­wirt­schaftlichen Produktion beitragen könnte, wenn auch in wesent­lich geringe­rem Maße und in qualitativ anderer Art. Bauern könnten so in Zukunft verstärkt zu ”Landschaftspflegern”, ehemals landwirt­schaftliche Nutzflächen zu Naturland­schaf­ten verändert werden.

    Gleichwohl vollziehen sich in ländlichen Regionen Ostdeutschlands gegenläufige Prozesse des Wandels, die zwischen Vielfalt und Auflösung als Pole der ländli­chen Entwicklung aufzufassen sind. Die bislang weitgehende Gleichsetzung von Dorf und Landwirtschaft ist unwiderruflich aufgebrochen. Der Wandel auf dem Lande bedeutet jedoch keine Trennung von der kulturellen Tradition. Auch nach der Ab­lösung von der bäuerlichen Herkunft bleibt ein Stück ”Dorfkultur” beste­hen. Für die Landjugend­lichen ist diese nach wie vor durch eine familienbedingte Veran­ke­rung im Dorf, zur dörflichen Tradition und zu einer größeren ”Natur­nähe” gege­ben, daneben besitzen sie aber weitere Lebensmittelpunkte in der Stadt (durch Schule, Ausbildung, Freizeit­gestal­tung). Böhnisch et al. machen in diesem Zusam­menhang deutlich, dass der ländliche Jugendalltag in ”Zwischenwelten” an­gesiedelt ist, die als spezifische Spannungsver­hältnisse, wie zum Beispiel zwi­schen Dorf, Region, Stadt und Mobilität und Dorfverbundenheit, zu verstehen sind (1991, S. 13).

    Insgesamt zeigen die Ergebnisse dieser Arbeit, dass viele der gegenwärtigen Pro­bleme ostdeutscher Landjugendlicher an der ersten Schwelle zum Beruf, [Seite 224↓]die zum Teil aus ihrer Sozialisation in der DDR resultieren, weniger ein Aus­druck von Modernisierungsrückständen sind als vielmehr von nicht vorhande­nen gesell­schaftlichen Bedingungen, moderne Orientierungen auch auszuleben. Landju­gendliche bekunden mit ihren Einstellungen, Orientierungen und Handlungsstra­tegien grund­sätzlich, dass sie mit Zuversicht und Optimismus ihre Integration in die neue Gesell­schaft in Angriff nehmen.


Fußnoten und Endnoten

1 Die definierte Armutsgrenze liegt bei weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens.

2 Vgl.: Die Zeit, Nr. 52, vom 20.12.1996.



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21.09.2004