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6.  Wissenschaftliche und klinische Relevanz

Die Arbeitshypothese zur vorliegenden Studie wurde unter den Gesichtspunkten der wissenschaftlichen Fragestellung und ihrer klinischen Relevanz formuliert. Nach Auswertung der Studiendaten und ihrer Gegenüberstellung mit der Literatur können diesbezüglich folgende Thesen aufgestellt werden:

Durch Nutzung einer standardisierten MRT-Untersuchungstechnik ist eine einheitliche Befunderhebung und -auswertung interindividuell innerhalb von und zwischen Untersuchungskollektiven möglich. Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass der Vergleich auch zwischen Studienzentren unterschiedlicher Länder / Kontinente (Untersuchung der kontinenten Nulliparae in Ann Arbor, Michigan, USA; der Frauen mit Stressharninkontinenz in Berlin, BRD) möglich ist. Dies ist umso wichtiger, als die bisher in geringer Anzahl publizierten Studien mit kleinen Fallzahlen durchgeführt wurden. Kommen dann noch unterschiedliche Untersuchungsmethoden zur Anwendung, werden auch in Zukunft verbindliche Standards zur MRT-Diagnostik des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems ausbleiben.

Die Untersuchungsergebnisse an kontinenten Nulliparae haben erhebliche anatomische Normvarianten des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems aufgezeigt. Sie lassen ein konstitutionelles Risiko für die Entstehung einer Stressharninkontinenz erkennen und können als Baustein eines Erfassungssystems von „Risiko-Frauen“ genutzt werden. Einerseits müssen anhand größerer Fallzahlen morphometrische Untersuchungen folgen, um Normwerte zu definieren, andererseits belegen die Normvarianten die Hinfälligkeit des Vergleiches morphometrischer Analysen des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems mit möglichen Schädigungsfaktoren (z.B. Geburtstrauma und Alter), da die Ausgangswerte nicht einheitlich sind.

Die Nutzung qualitativer Bewertungskriterien für das Stressharnkontinenz-Kontrollsystem hat sich bewährt. Urethra- (dorsaler Substratverlust bzw. erhöhte Signalintensität des M. sphincter urethrae externus), Levator- (einseitiger Substratverlust, erhöhte Signalintensität bzw. fehlender Nachweis des Ursprungs am Os pubis) und Fasziendefekte (Konfigurationsverlust der Vagina bzw. fehlende Verklebung der seitlichen Vaginalwand mit dem M. levator ani, fehlende Darstellung derTunica [Seite 60↓]muscularis vaginae) sind durch visuelle Bildanalyse erfassbar und die Lernkurve zur Defekterkennung ist steil. Die vorgestellten Bewertungskriterien können anhand transversaler PD-gewichteter Sequenzen von der Höhe der mittleren Urethra bis zum Blasenhals beurteilt werden, was eine wesentliche Verkürzung der MRT-Untersuchungszeit und damit finanzielle Ersparnis mit sich bringt.

Veränderungen der Signalintensität des M. levator ani sind durch biochemische und morphologische Veränderungen der quergestreiften Muskulatur bedingt und korrelieren mit elektromyographischen Untersuchungsergebnissen. Kernspintomographisch kann sogar in akute bzw. chonische Veränderungen der Muskulatur unterschieden werden. Unter Nutzung von EMG und MRT könnten unter Studienbedingungen insbesondere geburtshilflich bedingte Defekte des M. levator ani in myogene bzw. neurogene unterschieden werden, um zu prüfen, welcher Einfluss unter der Geburt welche Schädigung auslösen kann.

Zum Zeitpunkt fehlender klinischer Symptomatik können von der Norm abweichende MRT-Befunde des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems nicht patho­morphologisch gewertet werden.

Die MRT ist für die morphologische Beurteilung des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems unverzichtbar, sollte aber der Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen vorbehalten bleiben, da sie durch den hohen Kostenaufwand nicht in die Standarddiagnostik der Stressharninkontinenz, eines Krankheitsbildes mit sehr hoher Inzidenz (altersabhängig zwischen 20 und 50 %; [Hunskaar et al., 2000]), integriert werden kann.

Ziel weiterer Studien sollte es sein, sonographische Korrelate zu den MRT-Befunden zu suchen, um die MRT-Pathomorphologien des Stressharnkontinenz-Kontrollystems in die Basisdiagnostik der Stressharninkontinenz zu integrieren. Eine sonographische Beurteilung des Urethraquerschnitts zu Objektivierung eines dorsalen Sphinkterdefektes und die Darstellung des Konfigurationsverlustes der vorderen Vaginalwand zur Objektivierung eines Lateraldefektes anhand einer transversal-angulierten Untersuchungsebene mittels Introitussonographie sollten auf mögliche Korrelationen geprüft werden.


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Da in der vorliegenden Studie ein bezüglich der klinischen Symptomatik homogenes Patientenkollektiv eine differente MRT-Pathomorphologie gezeigt hat, sollte bei Einbeziehung der MRT-Befunde in die Operationsplanung ihr Einfluss auf die Erfolgsaussichten geprüft werden. So sollte untersucht werden, inwieweit zum Beispiel Frauen mit Stressharninkontinenz, bedingt durch einen zentralen Fasziendefekt, mit einer TVT-Plastik defektorientierter und damit erfolgreicher therapiert werden, als durch eine Kolposuspension.

MRT-Untersuchungen des Stressharnkontinenz-Kontrollsystems können Befunde objektivieren, die den aktuellen Theorien zur Pathogenese der Stressharn­inkontinenz gerecht werden. Die MRT hat damit einen hohen Stellenwert in der urogynäkologischen Forschung.


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18.04.2005